M 103.
Samstag den 6. Mai 19U.
$8. Jebrgeng.
fuldaer
Zeitung«
2. Blatt.
vruck und Verlag der 5«lda«r Arttrndruckrrei in $wl6<t
wochen-Run-schau.
[:] Fulda. 5. Mai 1911.
Di» Parlamente haben ihre Pforte wieder geöffnet: Reichstag und Landtag sind wieder in Volker Tätigkeit. Es ist auch eine hübsche Portion Arbeit. die den Herren vorgelegt wird. Im Reichstag Wurde zunächst das Einführungsgesetz zu der Reichs- Versicherungs ordnung in erster Lesung beraten, und Wenn dir Sozialdemokraten ihm auch widersprachen, so hot sich doch zu kunstgerechter Obstruktion keine Gelegenheit. Je mehr Gelegenheit dazu die 1750 Paragraphen des großen Entwurfes bieten, umso entschiedener wird die Mehrheit beweisen, gaß sie die bisherige Riesenarbeit an dem Entwurf nicht umsonst geleistet haben und sich nicht von einer Minderheit will hergewaltigen lasten. Die Sozialdemokraten bestreiten Übrigens, daß sie Obstruktion machen wollen, sie würde lhnen auch nichts nützen.
Mit dem herkömmlichen Lärm haben die Sozialdemokraten am 1. Mat ihren Weltfeiertag begcm- i;cn. Einst gedachten sie damit die „Bourgeoisie" zu chrecken und ihr die Macht des „Proletariats" unmit- elkar vor Augen zu führen. Heute imponiert die feier schon längst keinem mehr und die Sozialdemo- ratie selbst wäre sie am liebsten los, wenn sie „schandenhalber" nur verzichten könnte. Die Zahl der gegen 'en Willen der Unternehmer am 1. Mai feiernden Arbiter ist immer geringer geworden, weil das „Proletariat" die Macht eben nicht hat und sich gegen Strafen sticht wehren kann. Auch diesmal ist für einige Tausend Arbeiter die Folge des Feierns eine mehr- Mige Aussperrung oder Entlastung gewesen, über bie man sich entrüsten mag, die man aber nicht verhindern kann. Im übrigen verlief der Weltfeiertag in Deutschland und meist auch im Auslande ruhig; man hielt hielt zahllose Versammlungen ab, hörte kräftige Reden und nahm großsprecherische Resolutionen an, eamit war die Sache abgetan.
Zwei Ersatzwahlen in baherischen Land- iagSwahlkreisen haben dm Liberalen große Freude bereitet, weil die Zentrumsstimmen gegen früher etwas zurückgegangen waren, die sozialdemokratischen, zumteil mit freundlicher liberaler Hilfe, etwas zugenommen hatten. Man trägt umsomehr Freude zur Schau, je weniger man im eigenen Lager Anlaß Äur Freude hat. Gerade in Bayern herrscht im na- rionalliberalen Lager ein tolles Durcheinander. Die beiden Vorsitzenden der Partei haben abgedankt, weil ihnen der „Zug nach links" nicht gefällt, und diese beiden Offiziere sollen noch gar manchen Parteisoldaten hinter sich haben, der ebenso denkt. Die Bemühungen (Im ein Zusammengehen zwischen Nationalliberalm stnd Fortschrittlern bei den Wahlen erleiden allerorts jeden Augenblick Störungen, da bald die eine bald die andere Partei getroffene Abmachungen nicht innehalten will, wenn sie glaubt, durch selbständiges Vorgehen bessere Geschäfte machen zu können.
Der Kürst Georg zu Schaumburg-Lippe ist aesiorbm. Sein Nachfolger auf dem Throne ist sein John Fürst Adolf, der Schwager des deutschen Kaisers.
Frankreich hat durch seinen ungezügelten Eifer, unbekümmert um die Algeciras-Akte sich Marokkos zu bemächtigen, einen kalten Wasserstrahl von Berlin auf sich gelenkt. Unter dem Vorwande, die als Instrukteure in und bei Fez weilenden französischen Offiziere und die gefährdeten europäischen Kolonien zu schüfen, wurde mit vielem Tamtam ein militärischer Vormarsch dorthin veranstaltet. Wie üblich wurde ver- ichert, man gehe durchaus nicht auf Eroberungen aus, andern wolle nur Ordnung und Zivilisation ver- : erdigen und das Frankreich von den Signaturmächen übertragene Mandat entsprechend der Algeciras- Akte ausübrn. lieber den wirklichen Stand der Dinge wu-den die widersprechendsten Nachrichten verbreitet, mit Vorliebe wurde aber die Lage in Fez als höchst gefährlich und die Muhen, Anstrengungen und Gefahren der braven Truppen als riesengroß hingestellt. Man erkannte aus alledem nur zu deutlich daß die Absicht sei. sich in Fez festzufetzen. Da rief aber die Daröd. Allg. Ztg., d. h. die deutsche Regierung ihr Jfuos ego darein. Nach höflicher Anerkennung der Fittichen Absichten Frankreich wurde nicht nur der Bewranis Ausdruck gegeben, daß die Ereignisse die französische Regierung zur Ueberschreitung ihres Programms verleiten könnten, sondern auch betont, daß die Unabhängigkeit' und Integrität Marokkos eine we entliche Bestimmung der Algeciras-Akte sei und
daß, wenn Franreich diese Akte durchbreche, auch die übrigen Mächte ihre volle AktionSfreiheit wieder gewännen, mit anderen Worten, Deutschland die Akte nicht mehr al» bindend anerkenne und sein Vorteil wahrzunehmen versuchen werde. Gleichzeitig ließ eine offiziöse Auslassung aus Pest erkennen, daß Oesterreich-Ungarn in dieser Sache nach wie vor treu zu Deutschland hält. Zuerst verblüffte dieser kalte Wasserstrahl (auch in England und Spanien beginnt man unruhig zu werden) in Paris etwas; in der Presse entstand Verwirrung; man war nicht einig, ob der Vormarsch nach Fez fortgesetzt oder aufgegeben werden solle. Dann aber machte man amtlich gute Miene zum bösen Spiele, las dankend aus der Kundgebung der Nordd. Allg. Ztg. vor allem baS verbindlich Klingende heraus und wiederholte die Versicherung, daß man ja nichts Böses vorhabe. Man tut, als habe man an seinen Absichten nichts geändert, in Wirklichkeit wird man in seinen ErobemngSplänen doch wohl ein paar Löcher zurückstecken. Wie es hn Augenblicke in Fez und mit den Expeditionstruppen steht, ist aus den widersprechenden Nachrichten mit Sicherheit nicht zu entnehmen. Allem Anschein nach hat man bet der Schilderung der Gefahr für die Europäer arg geflunkert. Der Lärm toegen MarokoS Ivar den Machthabern ohne Zweifel auch deshalb willkommen, weil er die Aufmerksamkeit von allerlei Skandal (Dokumentendiebstahl, Unterschlagungen, Durchstechereien im Ministerium des Aeußeren, Ordens- schwindel usw.) ablenkte.
In Serbien hat die österreichische Absage an König Peter, der den Kaiser Franz Joseph besuchen wollte, nicht nur dem Könige, fonbern auch bet Regierung arge Verlegenheit bereitet und unter ben Parteien, die an dem „Malheur" direkt oder indirekt selbst schuld sind, neuen Hader hervorgerufen. Amtlich sucht man zu beschwichtigen durch die Behauptung, bie Reise sei mir aufgeschoben und die dafür angegebenen Gründe (Haltung der serbischen Opposition usw.) seien erfunden. Es glaubt'» leider keiner. Inzwischen will König Peter andere Besuche im AuS- lande erledigen, zuerst nach Paris gehen.
Die Jungtürken, unter denen ein schlimmer Hader ausgebrochen tvar, haben am 22. v. M. auf einer Konferenz in Konstantinopel durch Ausstellung einer Reihe von Programmpunkten den Frieden wieder hergestellt. Ob aber damit die Krisis, wie behauptet wird, wirklich ihrm Abschluß gefunden hat, ist eine andere Frage. Der Widerstand der aufständischen Albanesen ist noch immer nicht gebrochen.
In Mexiko geht bie Revolution weiter. Eine „Schlacht", meistens nur gemütliche Schießübungen zwischen kleineren Gruppen bet Regierungstruppen und bet Aufständischen, folgt bet andern, und beide Teile haben immer das Glück, zu „siegen". Maders, der Führet der Aufständischen, möchte wohl Frieden machen, da» Heft scheint aber seiner Hand entglitten zu sein, weil da» internattonale Gesindel, das sich jeder Revolution an schließt, gar kein Interesse am Frieden hat. Die Vorbedingung für den Frieden wäre sonst gegeben, da der alte Präsident Diaz, dessen gefürchtetes Regiment den Anlaß zu der Revolution gegeben hat, sofort nach der Wahl eines Vizepräsidenten nach Europa abdampfen will, natürlich unter Mitnahme der vielen während feiner Regentschaft „erworbenen" Millionen.
In China treiben bie geheimen Gesellschaften wieder ihr Unwesen: Uebetfäffe, Erpressungen, Ausraubung ganzer Dörfer usw. folgen einander mit beängstigender Schnelligkeit. Es herrscht eben im Lande große Not, und davon ist in China immer die Folge der Aufruhr. Besonders in der Gegend von Hongkong herrscht bet Aufruhr bedenklich. Die Regierung ist machtlos, da die Truppen nicht zuverlässig sind.
4* Das sozialdemokratische Landprogramm.
Seit dem Beginn bet sozialdemokratischen Bewegung ist die Behandlung bet Agrarfrage ein Schmerzenskinb der Partei unb ihrer „Wissenschaft" gewesen.
Der erste Satz des sozialdemokratischen Parteiprogamms erklärt: Die ökonomische (wirtschaftliche) Entwicklung führt mit Naturnotwendigkeit zum Untergang des Kleinbetriebs. Man versprach sich vieles von dieser „naturnotwendigen Entwicklung", nach welcher die „Kleinen" immer
-oat 'uaqinat uoSunschjarg „uigoi©" urq uoa i(pui durch immer mehr „Proletarier" entständen und die „Verelendung" fortwährend zunähme. „Auch der bäuerliche Kleinbetrieb ist dem Untergang geweiht": hieß es bei den Sozial- demokraten.
Aber wenn die sozialdemokratischen Prophezei- ungen nicht einmal bei der Industrie in der Stadt erasen, so erst recht nicht auf dem Lande.
8 war den unentwegten Sozialdemokraten sehr schmerzlich, ober noch schmerzlicher wurde es für sie, als sich im eigenen Saget Leute erhoben, die die tatsächlichen Verhältnisse einer vorurteilslosen Kritik unterzogen und auf die gänzliche Haltlosigkeit des sozialdemokratischen Landprogramms hinwiesen. Wir versichere wohl den Schmerz der Sozialdemokratie, wenn sie, die sonst immer auf die Prinzipienfestigkeit, auf bie einzige Richtigkeit ihres Programm« pocht, sehen muß, wie bie Zahl der Zweifler und Ketzer im eigenen Läget immer mehr anwächst. Wo bleibt da das einzig wahre Programm?
Der ganz gewaltige Widerspruch zwischen Theorie und Wirklichkeit hinsichtlich des sozialdemokratischen Landprogramms zeigt sich schon sofort, wenn man nur einige Aussprüche sozialdemokratischer Parteigrößen über dasselbe gegenüberstellt:
„Dir kleinbäuerliche Bewtrtsch aftung ist durch die Allmacht des Kapitals, durch den Einfluß der Wissenschaft, den Gang der Tatsachen und das Interesse der Gesaintgesell- schast unwiderruflich und ohne Gnade zum Tode verurteilt."
(„Genfer Manifest.")
„Nach all' dem (nämlich auf Grund der Statistik) kann es keinem Zweifel unterstehen, daß im ganzen westlichen Europa, wie übrigens auch in den östlichen Staaten der amerikanischen Union, überall der kleinere und mittler» Betrieb in der Landwirtschaft wächst und der große oder Riesenbetrieb zurückgedt." (Bernstein„Voraussetzungen de» Sozialismus' S. 66.)
„Es ist die Pflicht un- „Nirgends sehen wir serer Partei, den Bauern ein ausgedehnteres Bor- immer und immer wieder dringen des Großbetriebs, dteabsoluteRettungs- nirgends ein „Niederkon- losigkeit ihrer Lage klar- kurrieren" der kleineren, ja zumachen, die absolute Ge- in den meisten Fällen ist es wißheit, daß die kapita- gerade der Großbetrieb, der listische Großproduktion tn rascher Weise zusammen- über ihr» veralteten Klein- schmilzt."
betriebe Hinweggehen wird (Fr. Hertz, „Agrarfrage und wie ein Eisenbahnzug über Sozialismus" S. 8/9.) eine Schubkarre."
(Fr. Engels,Neue Zeit'
1894/95 I. 292.)
„Dir Tage de? Hand- „Also: Zurückdrän- werks sind gezählt, und gung des Großbe- waS vom Handwerk gilt, triebs durch den Kleingilt auch vom bäuer- betrieb — das ist der lichen Kleinbetrieb." Gang der agrarischen Ent-
(KaulSky, Erläuterungen Wickelung, den die deutsche z. Erfurter Progr. 6. 21.) Betriebszählung in markantester Weise aufzeigt."
(David, ..Dokumente des Fortschritts" 1910. IL 86.)
„Wann und wo wurde „Genosse" Schulz macht je schon das Vieh eine- die gerade stattfindende norddeutschen bäuer- Ausstellung der Deutschen lichen Besitzer- z. B. LandwirtschastsGesellschaft auf den Ausstellungen der in Leipzig im Juni 1909 Deutschen Landwirtschafts- zum Gegenstand einer ein« gesellschast mit Preisen be- gehenden Studie und kommt dacht? „Genosse" Schulz hierbei erst recht zu einer wird uns nicht einen der- rückhaltlosen Anerken- arligen Fall anführen lön- nung deS Kleinbe- nen." l.Breslauer Volks- triebs in der Biehwirt-
wacht, 16. III. 09.) schäft, was er mit schlagenden Beweisen belegt.
(,Soz. Monatshefte' 1909 S. 1238 ff.)
Die Liste dieser ergötzlichen Widersprüche in einem der wichtigsten Punkte des sozialdemokratischen Programms ließe sich noch beliebig erweitern. Den Vogel aber schießt neuer- dings das für die Landagitation bestimmte sozialdemokratische „Bayerische Wochenblatt" in seiner Nummer 7 vom 16. Februar 1911 ab, wo es heißt: „Der Großgrundbesitz muß zugrunde gehen — das ist die Vorbedingung jedes wahrhaften Fortschritts auf agrarischem Gebiete. Je eher, desto besser! . . . Auch inwirtschaftlicher Beziehung ist die Beseitigung des Großgrundbesitzes
eine Notwendigkeit: der Kleinbesitz produziert im Verhältnis weit mehr." Dir Sperrungen stehen im „B. W.".) Wie hieß es damals bei Eccarius in seiner Schrift gegen Mill: „Die kleine Bauernwirtschaft ist zu unterdrücken, wo sie existiert, . . . sie ist das fünfte Rad am Wagen des Fortschritts, das Bleigewicht der Arbeiterbewegung." Unb Karl Marx, der Vater des Sozialismus, nennt int ersten Bande seines Werkes „Das Kapital", der unfehlbaren Parteibibel der Sozialdemokratie, am Schluss« des 13. Kapitels ben bäuerlichen Betrieb den „gewohnheitsfaulsten" und irrationellsten".
Daß so etwas der Partei der „einzig wahren Wissenschaft" passieren muß, ist gewiß tief erschütternd, und jtoar um so mehr, als es sich auch auf andern Gebieten immer mehr zeigt, daß die gewichtigsten Behauptungen und Programmsätze der Sozialdemokratie sich allmählich überall ht ihr Nichts auflösen!
Deutsches Reich.
= Abg. Schrader und Katholiken tn Staatsämtern. Am Sonntag hat in Paderborn in einer Volksvereinsversammlung Abg. Dr. v. Savigny gesprochen und dabei erinnert an die Aeußerungen des fortschrittlichen Abg. Schrader im Reichs- tage, der sagte, ein kath. Geistlicher, welcher den An- timobernifteneib geleistet habe, dürfe nicht mehr fähig sein, ein Staatsamt zu bekleiden. Dann habe sich Herr Schrader an die ht ben Reihen des Zentrums sitzenden Geistlichen gewandt und beigefügt: „Unb. Sie müssen sich auch überlegen, ob Sie noch imstande sind, hier als Volksvertreter zu sitzen," ja er sei noch viel weiter gegangen unb habe erklärt, man müsse überlegen, ob die Katholiken, welche von Geistlichen, die den Eid geleistet hätten, geführt wurden, überhaupt noch fähig feien, Staatsämter ju bekleiden und als Abgeordnete in die Parlamente gewählt $u werden. Abg. Tr. v. Savigny führte Wetter aus:
Die Parteigenossen des Herrn Schrader sowohl wie die Nationalliberalen haben diese Aeußerungen Summ angehört, und da komme wohl der Satz zur Geltung: „Wer schweigt, stimmt zn." Diese Auslassungen erregten selbstverständlich in unseren Kreisen die größte Entrüstung, besonders daß dieser Abgeordnete im Tone, als ob es selbstverständlich sei, uns diese schweren Beleidigungen ins Gesicht schleuderte. Ich stand direkt bei den Stenographen unmittelbar bei der Rednertribüne und sagte laut zu den Stenographen: „Ich will nur hoffen, daß dies im Stenogramm stehen bleibt und nicht korrigiert wird." Was ist nun aber geschehen? Kurz nach Weihnachten bracht» der Abg. Erzberger bei einer anderen Gelegenheit diese Sache zur Sprache, da erhob sich der Abg. Schrader und protestierte: das habe er ja gar nicht gesagt. Darauf wurde als Tatsache festgestellt, daß die Sätze, welche sich auf die kathol. Geistlichen bezogen, im amtlichen Stenogramm standen, aber der Satz, welcher sich auf die Katholiken überhaupt und die Bekleidung von Staatsämtern bezog, fehlte. Darauf hat Abg. Schrader erklärt, er habe nichts gestrichen. Nun haben wir unS das unkorrigierte Stenogramm vorlegen lassen, es war richtig, wie Herr Schrader gesagt hatte, der betreffende Passus fehlte. Wir haben sofort eine Umfrage gehalten, um festzustellen, wer diese Aeußerungen noch sonst gehört hatte. Ich hatte sie gehört, mir konnte kein Wort entgehen ; ich ging auf die Tribüne und erklärte, die Worte seien gesprochen, da kam der alte Herr Schrader und protestierte nochmals, er muß es also wohl vergessen haben, aber gesagt hat er »5, es waren mindestens 10 Abgeordnete, die das Gleiche feftstellten — es waren nicht sehr viele im Sitzungssaale — darunter auch Mitglieder anderer Parteien. Also ein Führer der Linken hat ohne Widerspruch von linksliberaler Seite verkündet, was diese für Folgerungen aus dem Antimodernisteneide ziehen rotII, wenn sie zur Herrschaft kommen sollte.
) ( DaS deutsche Konsulatswesen wird von Dr. D. Harms, einem Professor der Staatswissenschaften an der Kieler Universität, einer scharfen Kritik unterzogen. Sind die Konsuln wirklich so, wie sie Dr. HarmS schildert, so müßte allerdings scharf aufgeräumt werden, um einer schweren Schädigung der Weltpolitik und der Weltwirtschaft Deutschlands vorzubeugen. Nach Dr. Harms werden die deutschen Beamten des auswärtigen Dienstes in einem Zustande der Unerfähren h e i t hinausgeschickt, der Mitleid erregen könnte.
Harms erzählt, daß es ihm selbst passierte, daß „ein deutscher Konsul ihm Schafwolle demonstrierte.
Unpolitische Zeitläufe.
(N.) Berlin, 4. Mai 1911.
(Nachdruck verboten.)
Wie schön ist das junge Grün! In dieser Frühlingsfarbe vereinigt sich die Lebensfrische mit einer wunderbaren Zartheit und Milde. Das junge Grün wirkt zugleich anregend unb beruhigend. Die Blätter und Holme verraten ein kräftiges Streben, aber auch eine ruhige Sicherheit, eine friedvolle Zuversicht. — Wenn im Fortgang des Sommers das Grün auf den Fluren einen dunkleren Ton annimmt, so ist die Farbe auch immer noch angenehm, doch dann ist der Reiz im Auge längst nicht mehr so fein und lieblich, wie zur Zeit des ersten Flaumes.
Lampenschirme sind recht prosaische Dinge; aber bie Tatsache, daß wir die Lampenschirme grün färben, bedeutet eine Huldigung vor der Farbe der Hoffnung. Die alltägliche Erfahrung lehrt im Einklang mit der Wissenschaft, daß nichts dem Auge so Wohltat, als die sipÜLe Farbe.
Auch der Weihnachtsbaum muß grün fein. Ich halte es für einen Fehler, wenn man den Weihnachts- baum gar zu sehr mit goldenem oder silbernem Glanz- xeug ober mit bunten Papierketten unb dergleichen beengt. Etwas schillernder Zierrat ist gut; doch dE, der grüne Baum zur kräftigen @r|tf)etriung tommen. Wir haben zur Mitte des Win- lem e Nadelhölzer, unb das steht in
bem lichten, frischen Ton erheblich hinter den ersten ""d Halmen des Frühlings zurück. Aber njagrenb der kahlen Winterszeit ist auch das dunkle grnn em Labsal für das Auge unb eine hoffnungsvolle Botschaft für das Herz. Je trüber die Gegenwart m, desto wertvoller ist jede Anregung der ZukunftS- hoffnung.
. Zu der Wertschätzung der grünen Farbe paßt es schlecht, wenn wir von einem „grünen Jungen", eurem Grünling" ober „Grünhorn" im geringschätzigen Jpinne reden. Damit soll die Unerfahrenheit, die Ün- $eife bezeichnet werden. Ach, wie gerne möcht ich wieder ein „grüner Junge" sein und den Lebenslauf vom
Jugendlenze an noch einmal beginnen! Mein altbackener Verstand sagt mir freilich, es sei sehr zweifelhaft, ob diese neue Auflage meines Lebensbuches wirklich „verbessert und vermehrt" aus fallen würde im Vergleich mit der sehr bescheidenen ersten Auflage; aber der Wunsch ist ja nicht gefährlich. Er wird nicht erfüllt. Hin ist hin. Schön war die grüne Jugendzeit, doch sie kommt nicht mehr, sie kehrt nicht wieder. — Aber wenn der Körper nun einmal unwiderruflich dem Herbst überantwortet ist und dem Winter entgegengeht, kann nicht im Herzen noch etwas Frühlingsgrün ge^ deihen? O ja, wir brauchen nicht in der Seele grau und dürr zu werden. Wenn diejenigen, die noch lernen und sich entwickeln sollen, Grünlinge heißen, so wollen wir bis an unser Lebensende uns zu dieser Fahne bekennen. Auch bei vorgerückten Jahren kann man immer noch klüger unb tüchtiger werden. Auf die Muskelkraft kommt es ja schließlich nicht so sehr an, als auf Vernunft, klares Urteil, edles Fühlen unb festes Wollen. Wenn bet „grüne Junge" zum gesetzten Vater wird, so sprießt neues Frühlingsgrün auf in seiner neuen Würde und Verpflichtung. Unb wenn der runzlige Mann ober die grauhaarige Frau Enkelkinder in der Wiege sehen, so können sie im Herzen einen dritten Lebens frühling spüren, einen groß elterlichen Mai, der auch frischer Grün und Nachtigallenschlag bietet.
Wohl dem, der grün bleibt bis an fein seliges Ende! Für einen Christenmenschen sollte daS auch garnicht schwer fein; denn er bleibt ja stets im frohen Hoffen. Was ist beim daS irdische Leben anderes, als das Vorspiel zum ewigen Sommer? Hier auf Erden ist die Zett des Keimens und Sprießens, ein Frühjahr, in dem Wind unb Regen mit Gnadensonnenschein, strenge Tage unb kühle Nächte mit warmer Treibluft wechseln Mes ist hier Vorbereitung. Die Zett der Reife kommt erst mit dem Uebergang in die andere Welt. Drüben stchen die Scheuern, in welche die Ernte gesammelt wird. So lange wir tn diesem Erdental leben, sind wir noch nichts, sondern sollen erst etwas werden.
Für die Leute, welche treu unb stramm ben christ- lichen Jenseitssinn verkörpern, haben die Gegner dm
Scheltnamen „Schwarze" aufgebracht. Dieser Farbenname paßt nicht recht zu der Natur jener treuen Christenmenschen; denn sie sind gar nicht so düster, kopfhängerisch, traurig und todesängstlich, wie e8 der Bahrtuchfarbe entspricht. Nein, man sollte die verhaßten „Schwarzen" lieber bie grüne Partei nennen, die Partei ber frischen, freien, frommen und frohen Hoffnung, die bis zum letzten irdischen Augenblick sich tn einer zuversichtlichen Frühlingsstimmung befindet.
„Grau, lieber Freund, ist alle Theorie; grün ist allein deS Lebens Haler Baum." Dieses Berschen könnte man auch antoenben auf die antireligiöse Wissenschaft und den Glauben. Grau ist die zersetzende Philosophie, und diese moderne Weltweisheit läßt ihre Herde auf dürrer Heide umherirren. Grün aber ist die Weide, auf bie ber beseligende Glaube an ben Schöpfer unb Erlöser den Menschen führt. Wenn er treu ausharrt auf blefer gesegneten Flur, so bleibt er jung bis in das höchste Alter und begeht die frohe Maifeier auch im Winter seines Erdenwallens.
Grün und blau sind verwandte Farben, lieber der grünen Frühlingsflur spannt sich der blaue Himmel. Hier auf Erden leben wir im Hoffnungsgrün; im Himmel werden wir das Blau der Erfüllung finden. DaS frische Grün paßt zu ber strebsamen Vorbe- reitungSzeit hinieden; bas satte Blau zu ber Ruhe unb Vollendung dort drüben.
Ob die Augen alt oder jung stnd, das ist ganz gleich: laßt sie mit frohem Behagen ruhen auf dem zarten Grün der Felder unb Wälder um in frischer Hoffnung neue Jugendkraft zu schöpfen zu wackerem Streben im Leben. Ob die Augen jung ober alt finb — hebt sie empor zu dem blauen Himmelsgewölbe und erbaut euch an ber Zuversicht, daß dort droben der herrliche Sommer, die selige Reife, die reiche Ernte, daS ewige Glück diejenigen erwarten, bie im irdischen Frühjahr guten Willen- gewesen sind.
Alle» neu — macht ber Mai! Nicht bloß in Wald unb Flur, fonbern auch in ber menschlichen Natur, wenn sie sich nur auftut dem Frühlingswind ber Gnade und ben Sonnenstrahlen de» Glauben». Alles neu — auch in ben grauen Köpfen und den welken Herzen!
Wer will, ber kann wieder grünen unb ausblühen, als ob et in die Maienzeit seiner Jugend zurückversetzt fei. Mit dem Maßstab der Ewigkeit gemessen, ist bas ganze Erdenleiben, und wenn es bis 100 Jahre währt, nur ein kleiner Frühlingstag. Nutze ben irdischen Mai, er flieht schnell vorbei. Halte treu an der Hoffnung fest, damit auch unter deinem schwarzen Bahrtuch einst das frische, frohe Grün noch weiter sprieße unb. droben wieder aufgedeckt werde zu voller Blüte unb Reife!
— Ein seltsames Gesmidheitsgesetz wirb ber Stadlrat be» Londoner Stadtteiles Paddington demnächst in Kraft treten lassen. Die Bewohner von Mietkasernen werden danach gezwungen fein, täglich auf eine gewisse Zett die Fenster ihrer Wohnungen offen zu halten. Diejenigen, die das Gesetz nicht beobachten, sollen mit einer Strafe von 100 Mark belegt werden unb mit einer Strafe von 40 Mark für jeden Tag, an dem die Fenster nicht geöffnet wurden. Ein ähnliches Gesetz ist erfolgreich in Nottingham fett den letzten achtzehn Monaten in Kraft.
— Die gebrühten Maikäfer. Wir lesen im „Land- wirtschaftl. Ratgeber", einer Beilage ber „Kösliner Zeitung", sind also auch für da» „Deutsch" nicht ver- antwottlich: Bekanntlich find Hühner sehr gierig nach Maikäfern. Indem man die Bäume nur zur Maikäferzeit durch Abschütteln von diesem verderblichen Ungeziefer zu befreien sucht, lassen sich die Maikäfer andererseits ganz nützlich verwerten Man überbrühe nun die gesammelten Käfer mit heißem Wasser, und lasse sie einige Augenblicke in demselben. Dann aber bringe man die lebenden, jedoch nicht verbrühten Käfer in eine Bratröhre, indem man sie auf eine Unterlage von Löschpapier geschichtet. Nach 20 Minuten werden sie soweit gedörrt sein, daß sie in Säcken für den Winter aufbewahrt werden können. Sie sind bann eine überaus vorteilhafte Zugabe zum Körnerfutter unb lassen sich bomit die fleischigsten Hühner heranziehen. — Gebrüht, aber nicht verbrüht unb bann in die Bratröhre — was sagt ber Tierschutzverein?