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JV» 105.

Samstag -en 6. Mak (9U*

38. Jahrgang.

«fuldaer W Leitung

v. 3. Blatt.

vrna «ah Verlag der Mdair NetlendrnSerei te Zalda.

/Las St. Lioba-Kreis-Siechenhaus in Fulda.

Die Zeitschrift »Die Kreis- und Gemeinde-Verwal­tung, Monatsschrift jüi die sozialen nnd wirtschaftlichen Ausgaben der Kreise und Gemeinden" veröffentlicht auS ter Feder des Herrn Robert Kircher, folgenden Artikel, der auch untere Le'er inte>essieren wird:

In Fulda erhebt sich in der Liooastraße südlich von der Leipzigerstraße ein monumentaler Backsteinbau m langer Front, das St. Lioba-Kreis-SiechenhauS, eine öffentliche Wohltätigkeitsanstalt, die der Bevölkerung des Kreises Fulda schon seit Jahren zu großem Segm gereicht. Die Entstehung dieser Anstalt kann wohl als eine eigentümliche bezeichnet werden, insofern die verschiedensten Kräfte vor und bei ihrer Gründung mitgewirkt haben.

Im Jahre 1859, am 16. August, feierte das in Fulda befindliche freiadelige Stift Wallenstein das Fest seines 100jährigen Bestehens. Bet dieser Ge­legenheit wurde in der Festsitzung des Generalkapitels bestimmt, daß 4000 Gulden zur Gründung eines Hau­ses bereitgestellt werden sollten, in welches arme un­heilbar Kranke und Sieche beiderlei Konfessionen vom Lande Aufnahme finden sollten, da ja bekannt war, daß gerade solche unglücklichen Personen auf dem Lande sehr wenig Pflege genießen. Zur Verwirk­lichung dieses hochherzigen Gedankens bildete sich als­bald ein Komitee, dem neben dem Syndikus des ge­nannten Stiftes die angesehensten Männer in der Stadt und im Landkreise angehörten. Das Komitee organisierte Sammlungen zu diesem Zwecke, die auch von Erfolg begleitet waren. Wahrscheinlich infolge de§ Krieges im Jahre 1866 und der damit verbunde­nen Umwälzungen in den Verhältniffen des Kreises schlief die Angelegenheit ein, so daß man lange Zeit nichts mehr von der Gründung des Siechenhauses hörte. Mittlerweile war in Fulda der St. Elisabech- Verein gegründet worden, der sich die Aufgabe stellte, für Arme und Hilfsbedürftige der Stadt Fulda zu sorgen und namentlich Hausarme und verschämte Arme nach Kräften zu unterstützen. Bald darauf tobte der sogenannte Kulturkampf durch unser Vaterland, dem so manche Klöster und Anstalten zum Opfer fie­len. So wurden in Fulda die Klöster der Franzis- kener, der englischen Fräulein und der BenedMncrin- nen aufgehoben. Die letzteren fanden Zuflucht in Frankreich. Wie sich in der Welt alles überlebt, so wurde auch nach einer Reihe von Jahren der Kultur­kampf zu Grabe getragen, und den vertriebenen Non­nen wurde die Rückkehr in ihre Heimat gestattet. Nach­dem sich der Benediktinerinnen-Nonnenkonvent wieder in seinen alten Räumen häuslich eingerichtet hatte und die ersten großen Aufgaben für die Neueinrich­tungen überwunden waren, boten die Nonnen aus Dankbarkeit dafür, daß ihnen die Rückkehr nach Deutschland wieder gestattet worden war, der St. Lioba-Konferenz des St. Elisabeth-Vereins, deren Vorsteherin Frau Justizrat Rang war, einen jährlichen Beitrag von 150 Mark an mit der Bestimmung, dafür Arme und Kranke zu unterstützen. Diese hochherzige Zuwendung regte den Gedanken an, eine Ansmlt zu gründen, in welcher unheilbare Kranke Aufnahme fin­den könnten, und dieser Gedanke wurde in die Tat umgesetzt, indem die Lioba-Konferenz des St. Elisa­beth-Vereins von dem damaligen Bischöfe Joseph Wei­land die Erlaubnis erhielt, ein in dem nahen Torfe Maberzell gelegenes Keines Haus, welches dem bischöf­lichen Stuhle gehörte und früher schon Kranke be­herbergt hatte, zu diesem Zwecke bis auf weiteres unb ohne Mietsentschädigung zu benützen. Die Damen des Vereins beschafften aus ihren Mitteln die nötige Einrichtung, und so wurde am Feste der hl. Elisabeth, am 19. November 1383, das Asyl für unheilbare Kranke eröffnet, indem ein solcher Unglücklicher von dem kommunalstan.dischea Landkrankenhanse nach Ma­berzell überwiesen wurde Tie Wahl war auf ein 22jähriges Mädchen gefallen, dem beide Beine om- l'utieit waren und dem auch der Verlust der Arme drohte. Sfls ihr mitgeteilt Ivurde, daß sie nunmehr bi? an ihr Lebensende in sorgsamer, treuer Pflege gehalten werden sollte, bat sie flehentlich, man möge doch auch noch eine andere Kranke von 18 Jahren, die in demselben Raume untergebracht und dauemd an das Bett gefeffelt, auch ohne jede Familie und Ver­wandte war, mit der sie schon lange Freude und Leid geteilt hatte, in das neue Heim aufnehmen. Diesem Wunsche konnten die Damen nicht widerstehen. Wenn auch zunächst die Mittel für nur eine Kranke vorhan-

M. 1-

5] Humoristische Erzählung von W. Borgmann.

„Ich bin jetzt ganz offen gegen Sie," sprach er im /origen Tone weiter." Ich ließ also die Ihnen be­kannten Zeilen einrücken, in der Hoffnung, keine Adresse zu erhalten. Trotzdem fand ich bei der Nach­frage ein Billet, reizend geschrieben — augenscheinlich von einer jungen Hand, meine Verehrte — unüber­trefflich kalligraphisch, und der Inhalt voller Humor! Ich habe Tränen gelacht. Die jugendliche Briefstel- lerin hatte den Sinn meiner Worte richtig aufgefaßt. Eie beschled mich um diese Stunde an diese Stelle. Daß sie selbst ausblelben würde, davon war ich über­zeugt. Aber viefleicht — so dacht' ich — schickt sie je­mand anders, um zu erfahren, wie ihre Epistel ge­wirkt, Und nun bitte ich Sie," setzte er, den Ton ändernd, mit Laune hinzu, „verstellen Sie sich nicht länger, schätzenswerte Dame, entpuppen Sie sich als Tante oder Gouvemannte des liebenswürdigen Mäd­chens, richten Sie ihr meine Empfehlung aus, und bestellen, ich sei lediglich deshalb hier erschienen, um ihr durch Sie meine Hochachtung ausdrücken und ihr Dank flir dos Vergnügen fagen zu lassen, das mir der witzige Brief bereitet."

„Mein Herr!" rief Adelaide in noch höherer Er­regtheit als zuvor.

^Jch bin noch nicht fertig, betonte er scharf. „Sa­gen Sie dem geistvollen Mädchen gefälligst, ich sei dir- kret genug gewesen, nicht nach ihrem Namen zu for­schen, den Brief aber würde ich sorgfältig aufheben, um ihn in trüben Stunden als Medizin zu genießen. Gestatten Sie, daß ich Ihnen nunmehr ben Gang hin- unter leuchte; Ich werde dann warten, bis ich Sie entfernt genug weiß, damit die Wohnung der junge» Dmne mit Geheimnis bleibt " Bei den letzten Wor» Än öffnete er die Laterne wieder. Adelaide aber rührte 5K nicht vom Platz, sondern sagte: Sie hatten tn Ihrem Gesuch kein bestimmtes Lebensalter vorgeschrie» gjn, mein Herr!"

„DeMHb", »ersetzte er mit einer gewissen Würde, durfte die mir eine Person von unbestimmtem

den waren, fe glaubte man, die beiden Freundinnen nicht trennen ja sollen, in der Hoffnung, daß die nö­tigen Mittel schon aufgebracht werden würden. So wurden denn die beiden Mädchen nach MaberzAl über­geführt, wo sie unter der Pflege der barmherzigen Schwestern vom Vincenz von Paula und der Für­sorge der Damen vom Elisabeth-Verein dauernd ein neues Heim fanden. Bald mchrten sich die Anfragen nach Aufnahme von Kranken in die neugegründete Anstalt, und da» Vertrauen der Damen zu der Wohl­tätigkeit der Fuldaer Bevöflerung wurde nicht ge­täuscht, denn die Mittel für weitere Sieche wurden von mildtätige» Personen aufgebracht. Das Haus erhielt den Samen St Lioba-SiechenhauS.

Im Jahre 1889, am 20. Januar, besuchte der da­malige Landrat von Twtt zu Solz die Vorsteherin der Lioba-Konferenz des St Eliscchech-Verein», Frau Justizrat Rang, und bat sie, ihm doch im Laufe des Nachmittages die neugegründete Anstalt, von der er gehört hätte, zu zeige». Dies geschah bereitwilligst. Landrat von Trott war flchüich angenehm überrascht von der wenn auch sehr einfachen, doch sauberen Ein­richtung der kleinen Anstalt @r schenkte ihr alsbald als Beitrag zu der noch recht mangelhaften Ausstat­tung einen großen Kleiberschrank unb versprach zu tun, waS in seinen Kräften stehe, um die Anstalt zu förbem. Schon im April wandte er dem Hause in Maberzell den Bettag von 1000 Mark auS den Gel­der» der damals gerade in Kraft getretenen Lex Huene zu, nach der ein Teil her Erträgnisse der neu einge­führten Kornzölle den Kreisen überwiesen wurde, und im Oktober desselben JahreS, wie nochmals im Jahre 1900 je 1000 Mark aus denselben Einkünften. Mit diesen generösen Zuwendungen war zunächst die größte Not in dem kleinen Hause beseitigt Die Nachfrage nach Aufnahme unheilbarer Kranker mehrte sich, so daß bald die Räume des Hauses in Maberzell zu klein wurden. Außer den obengenannten Zuwendungen bestanden seine Einkünfte nur aus Almosen und den geringen Betträgen der Kranken oder deren Ange­hörigen.

Da erinnerte man sich endlich, daß vor dreißig Jahren schon einmal für eine derartige Anstalt in der Stadt Fulda und in allen Dörfern gesammelt worden war, und daß diese Sammlung durch den obcrerwähn- ten Beschluß des Generalkapitels des freiadeligen Damenstifte» Wallenstein ins Leben gerufen worden war. Die angestellten Nachforschungen ergaben, daß von dem ehemaligen Komitee nur noch ein Herr, am Leben war, der Rentner Karl Anton Arnd. Durch die guten Beziehungen, die Landrat von Trott mit dem Damenstift unterhielt, gelang es diesem, festzu­stellen, daß der gesammelte Fonds noch vorhanden und vom Syndikus des DamenstisteS verwaltet wurde. Dieser war mittlerweile auf etwa 36 000 Mark ange­wachsen. Auf daS Drängen des Landrats von Trott wurde daS Geld ihm überantwortet und als Eigentum des Kreises Fulda überwiesen mit der Bestimmung, es dem Zwecke, zu dem es gesammelt war, zuziiffihren. Leider zog daS freiadelige Stift Wallenstein, wohl weil in der Zwischenzeit seine finanzielle Lage durch erhebliche Verluste sehr geschwächt war, die Spende vom Jahre 1859 im Betrage von 4000 Gulden wieder zurück. Immerhin blieben für das Siechenhaus die 36 000 Maick Sammelgelder übrig, deren Zinsen seit­dem der Verwalttmg der Anstalt regelmäßig ausge­folgt roerben.

Landrat von Trott war mittlerweile zum Konfl- storialpräsidenten In Kassel befördert worden und hatte seinem Nachfolger 2anbrat Fliedner das Siechenhaus in Maberzell wann empfohlen. Da an eine Aus­dehnung der Anstalt in Maberzell nicht zu denken war, so wurde von Frmi Justtzrat Rang, bei Vorsteherin der Lioba-Konferenz des St. Elisabeth-Vereins, südlich von der Leipziger Sttaße ein genügend großes Grund­stück erworben, auf welchem man den Bau einer neuen Anstalt plante. Da Mittel hierzu nicht vorhanden waren, so erbot sich der Kreis Fulda, helfend einzu- springen. DaS Grundstück ging für ben Preis von 10 720 Mk. in das Eigentum des Kreises über, der mich die Ausführung des Neubaues übernahm, beffen Kosten von dem Stadtbaumeister Henrisch, der die Pläne und Risse geliefert hatte, auf etwa 70 000 Mark veranschlagt waren. Anfangs Juli 1892 wurde der Grundstein gelegt, und im November 1893 siedel­ten die 27 Insassen des Hauses Maberzell mit ben barmherzigen Schwestern in das neue Heim in der nach ihm genannten Liobasttaße über. Die festliche Ein­weihung erfolgte am 18. November, am Tage vor St.

Lebensalter fchicken, ja wohl! Doch lassen Sie uns jetzt abbrechen, denn Sie sehen, ich habe Sie durch­schaut, unb Ihre Nichte oder Pflegebefohlene wird nun wenigstens inne werden, daß Sie mtt keinem offen­baren Dummkopf zu tun gehabt. Bitte, wollen Sie mit folgen?" Er wandte sich um unb schritt den Weg hinab.

„Ihr Betragen ist abscheulich!" wütete Adelaide, die gezwungenermaßen folgt „Mich erst in diese Ein­samkeit zu vexieren. —"

„Sie haben doch Ihren Mhrtentopf nicht verges­sen?" rief der Führer über die Schulter rückwärts.

„Ich lasse dem Fräulein wünschen, daß ihr bald der Brautkranz daraus geschnitten wird."

„Pfui, mein Herr, pfui! Mehr lann ich Ihnen nicht fegen," keuchte die um ihre Hoffnung arg Betto- gene. Ihr Vordermann hatte das Ende des Weges er­reicht unb verabschiedete sich mit bem kaltblütigen: „Ich habe die Ehre, angenehme Ruhe zu wünschen." Die Dame verschwand, er aber kehrte an den Rendez­vouspunkt zurück, stellte die Saterne geschlossen wieder auf den Boden und pfiff vor sich hin das Studenten­lied: „Ein Heller und ein Batzen, die waren beide mein."

„Wenn wir nur unbemerkt fortönnten!" schwirrte es in feinen Tönen unweit von chm, und gleich dar­aus: „Fort? Im Gegentell, jetzt muß er vor unser Feuer. — Du willst doch nicht? — Braun ist ja hier."

„Aha, die Vermutung war richtig," brummte es auf dem Wege," die Szene hat Zeugen gehabt" Und die zweite Strophe ward gepfiffen: „Die Wlrtsleut' und die Mädtt, die schreien Selb*; o weh! Die WirtS- leuf wen» ich komme, die Mädel, wenn i geh!"

Etwas Lebendige» bewegte sich vor dem Aufpaf- fend en. „SBer da?" donnerte er, die Hemd nach der Laterne auSgestreckt

„Lasse» Sie Ihr Licht gefälligst unter dem Schef­fel!" bat e» in Wohllauten Klängen.

„Welche Stimme!" rief er entzückt

„Eie kenn« diese Stimme nicht!"

„Dochchochl" fuhr er feurig fort Ich habe sie schon irgendwo gehört tmb wäre e» nut im Traume ge-

Elisabeth, unter Mitwirkung de» Landrat» Mebener. Da» neugebaute Hau» enthielt hohe, lustige Räume für bettlägerige Kranke, Arbeit»- unb Speisezimmer für solche Steche, die nicht an ba5 Bett gefesselt sind, helle, geräumige Schlastäume, große, lustige Keller, in denen die Zentralheizung untergebracht war, und im Obergeschoß des Mittelbaues eine sehr schöne Ka­pelle für die Mttglieder der' katholischen Konfession, da au5 dem fast ganz katholischen Streife Fulda nur hie und da eine andersgläubige Person um Aufnahme nachfuchte, obgleich ba» HavS prinzipiell für KrriS- angehörioe beiber Konfessionen bestimmt ist.

Anläßlich beS "Baues und der Belegung des neuen Hause» mtt Kranken kam zwischen dem Kreise unb der seitherigen Verwaltung ein ganz merkwürdige» Hebet- einkommen zustande. Das Hau» unb bet Grund und Boden waren Eigentum des Kreise». Dieser überließ beide» kostenlos einem aus 6 Damen bestehenden sog. Damenschutzvorstanb, der sich au8 der Liobakonfetenz des St. FlifabechverelnS abgezweigt hatte und der die Bange Verwaltung des Hauses seither getragen hatte, liefet Damenschutzvorstanb schaffte fein ganze» ihm eigentümlich gehöriges Inventar cu8 dem verlassenen Hause in Maberzell tn da» neue Haus, dem offiziell der Name St. Lioba-SiechenhauS gegeben wurde, und verpflichtete sich tn einem Protokolle (ein förmlicher Verirag war nicht geschlossen worden) zur Beschaffiing des zur Ausstattung der Kapelle und der zahlreichen Räume nötigen Inventars, zur Unterhaltung und Ver­pflegung der Insassen unter Mitwirkung bet barmher­zigen Schwestern. Diese erklärten sich bereit, die Ver­waltung zu übernehmen, wenn der Damenschutzvor- stand sich auflösen würde. Der Kreis dagegen ver­pflichtete sich nur zur Zahlung der etwa 1450 Mk. be­tragenden Zinsen des sog. Siechenhausfonds und zu einer jährlichen Beisteuer aus Kreismitteln von 6000 Mark, wobei ausdrücklich hervorgehoben wurde, daß der Kreis niemals mehr für diesen Zweck aufbringen wolle. Außerdem übernahm der Kreis die Beitrei­bung der Verpflegungsbeträge, die auf 200 Mk. für das Jahr für die Kreis eingesessenen vom Lande und auf 300 Mk. für solche Sieche, die entweder der Stadl oder den Nachbattreisen angehören, festgesetzt wurden. Nachdem bekannt geworden wat, daß so schöne Räu­me für die Verpflegung unheilbarer Kranker zur Ver­fügung stehen, wurde die Nachftage nach Ausnahme im­mer größer, sodaß bald der jährliche Zuschuß von 6000 Mark seitens des Kreises aufgebraucht war. Deshalb übernahm der Damenschutzvorstand öfter für seine Rech­nung Verpflegung neu Angemeldeter, bis wieder Kreiszuschußstellen frei wurden. Später wurde be­stimmt, daß die Hinterlassenschaft solcher Siechen, die ihr Vermögen gegen die lieb em ahnte der Verpflegung auf Lebenszeit dem Siechenhause überwiesen hatten, das der Dammschutzvorstand vorübergehend angelegt hatte, dem Kreise misgeliesert werde. Dieser zahlte die Hälfte der Zinsen wieder an den Damenschutzvorstand und verwendete die andere Hälfte zur Verstärkung des Siechenhausfonds.

Nach unb nach wurde, das ganze neue Haus belegt, unb bie Verbilligung bet Verpflegung machte es not­wendig, daß ein Stallgebäude errichtet wurde. Um der immer größeren Nachfrage zu genügen, errichtete der Kreis einen schönen Anbau nach bet Südseite des seitherigen Gebäudes, abermals auf feine Kosten. Ter Damenschutzvorstanb verpflichtete sich dagegen, auf 10 Jahre alljährlich 800 Mk. zur Verzinsung dieses Neu­baues beizutragen. So blieben die Verhältnisse, nach­dem Landrat Fliedener als Oberregierungsrat nach Kassel versetzt wurde und Landrat Steffens die Ver­waltung des Kreises Fulda übemahm. Nach dessen schwerer Erkrankung wurde Landrat Springorum sein Nachfolger. Auch dieser schenkte wie seine Vorgänger dem Siechenhause sein Wohlwollen und unter ihm kam im verflossenen Jahre nach langen Verhmidlungen ein Vertrag zwischen dem Kreise, dem Damenschutzvor­stand und dem Mutterhause der barmherzigen Schwe­stern zustande, durch welchen die etwas unklaren Ver­hältnisse des St. Lioba-Slechenhauses, das nunmehr den Namen St. Lioba-Kreis-Siechmhaus erhielt, ge­klärt wurden.

Nach diesem Vertrage ging das Inventar des Da­menschutzvorstandes ganz in das Eigentum des Krei­ses über; der Damenschutzvorstanb behielt nach wie vor die volle Verwaltung der Anstalt und verpflichtete sich nur, dem Kreise über die Verwaltung Rechnung zu legen, was bis dahin nie geschehen war. Er erweiterte sich durch Ausnahme zweier Herren und änderte seinen Namen demgemäß in Schutzvorstand um. Bei Aus-

weseu. Ich muß wiffm, aus welchem süßen Munde der süße Klang tönt. Wieder griff er nach der La­terne. —

„lieben Sie Mitleid; ich kann kein Licht vertragen, ich bin augenkrank!" flehte der weibliche Schafl. Der junge Manu lächelte, da er die Absicht erriet, unb ging scheinbar auf die Augenkrankheit ein mit ben Worten:

„Nun errat ich das Uebrige. Sie dürfen nur nach Sonnenuntergang ausgehen. Sie haben einen Spa­ziergang durch die Anlagen — zur Insel — gemacht, sich verirrt —"

„Nichts weniger!" leugnete der süße Mund. „Ich weiß, daß ich mich auf dem Wege zur Insel befinde."

„Wart', ich will Dir Dein Spiel vergelten!" dachte der Andere im Stillen und entgegnete laut mit erheu­cheltem Bedauern: „O, Sie Aermste, wie weit sind Sie davon! Ganz in der Nähe ist der Unkenteich. Wie konnte« Sie sich aber auch ohne Begleitung in bie finsteren Anlagen wagen? Ich preise den Zufall, der mich Ihnen begegnen läßt. Erlauben Sie nut den Arm, daß ich Sie auf die Allee führe!"

„Ich danke sehr", ward hastig geantwortet. „Da Sie mir sagen, daß ich am Unkenteich bin, find' Ich schon allein den Rückweg."

„ES wäre gegen Menschenpflicht unb Nächsten- liebe," erklärte et entschieden, Sie bet Gefahr einet neuen Verirrung auSzusetzen. Ich werde Sie auf den rechten Weg bringen."

„Wmn ich nun aber keinen Begleiter mag?"

„Das Hingt wenige Schritte vom Ufer des Teiches verdächtig. Sollten Sie mtt düsteren Absichten um- gehen, so werde ich Sie mtt aller Energie an bet Ausführung hindern."

„Ich gebe Ihnen mein Wort —" wollte ste ein- wenden, er aber ließ sich nicht beirren, sondern hob den Finger: „Verzeihung! Da ich Sie nicht kenne, was kann Ihr Wort mit gelten, mdn Fräulein?"

„Ich bin verheiratet, mein Herr!"

„Unmöglich!" fuhr er auf.

scheiden eine» Mitgliedes ergänzt et sich durch Zu­wahl selbst. Der Kreis übernahm die vollständige in­nere und äußere Instandhaltung unb möglichst auch die Ergänzung de» Inventars, lieber kleinere Zuwen­dungen in bar ober Naturalien seitens dritter Personen braucht der Schutzvorstand nicht Rechnung zu legen, wa» auch kaum möglich sein dürfte, ba von vielen Wohltätern der in der Bevölkerung seht beliebten An­stalt manches an Naturalien geschenkt wird. Die Pflege bet Krank« hat bie Kongregation der barm­herzigen Schwestern vom heil. Vincenz von Paula be­halte» unter bet Leitung des Schutzvotstandes. Dem KreiSauSschuß steht jederzeit das Recht der Revision der Anstalt in allen ihren Tellen zu. Durch einen Ver­trag find bie Rechte und Pflichten bet brei Mitwirken- den Faktoren in allen Teilen festgelegt.

Da» ganz eigenartige Verhältnis im Eigentum und der Verwaltung des St. Lioba-KreiS-Slechenhauses, wie eS seit 1888 durch lose» Uebereinfommen bestand, ist in all dm Iahten tem Streife von sehr großem Vor­teile gewesm. Der Kreis hat neben der Verzinsung und Amortisation der Schuld für die Gebäude, zu denen der Dammschutzvorstand auch noch 10 Jahre lang jähr­lich 800 Mk. beigetragen bat, au» eigenen Mitteln nut jährlich 6000 M. für die Verpflegung von übet 100 Kranken und Siechen aufgebracht. Dagegen wa­rm von dem Dammschutzootstande In ben Jahren 1892 bis 1910 folgenbe Summen aufgebracht wor­den:

Für Beschaffung des Inventars be8 Hause» unb der Kapelle ohne die Kosten für besten Unterhaltung u. Ergänzung, rund 59 OOO Mk.

Für bie Beschaffung der bunten Fenster

in der Kapelle ..... L000Mk.

Für baS lebende Inventar...... 5 000 Mk.

Für Verzinsung beS Neubaues, Zuschuß zu

Bauten und kleinere bauliche Verände­rungen ............13 700 Mk.

Für Freistellen u. Zuschüsse zur Verpflegung 1? 305 Mk.

Zusammen . . 92 005 Mk

Außerdem wurden ouS Zuwendungen, die direkt dem Damenschutzvorstande gegeben wurden, und au» Ersparnissen rund 23 000 Mk. der St. Lioba-Stiftung überwiesen, die wieder Freistellen gegründet hat.

Unter bet Leitung der sehr verdienten Frau Ju­stizrat Rang hat der Damenschutzvorstanb Bedeutende» geleistet. Es war nur zu bedauern, daß bei bet Neu­regelung bet Dinge im verflossenen Jahre die hoch- geschätzte Dame, die seit 1888 ununterbrochen die Ge­schäfte geführt hat und nun in den Jahren borge- schritten war, sich gänzlich zurückzog, um jüngeren Kräf­ten das Feld zu überlassen.

Gegenwärtig beherbergt do.S St. Lioba Kreis-Sie- chmhaus 127 Sieche, von denen aber eine ganze Anzahl noch teilweise arbeitsfähig ist, sodaß alle häuS- ltchm Arbeiten von diesen verrichtet werden können unb das Halten von Dienstpersonal nicht notwendig ist, tn welchem Umstande auch zum Teil bet geringe Verpfle­gungssatz begründet ist. Zur Pflege der Siechen sind 12 barmherzige Schwestern tätig, die neben voller Ver­pflegung und Wohnung zusammm eine Geldentschä­digung von 1400 Mk. erhalten, die an das Mutter­haus ausgezahlt wird. Die Stallungen beherbergen 8 Kühe und 18 Schweine. Leider besitzt bie Anstalt weder Necket noch Wiesen und muß sich mit Pachtland behelfen, wofür alljähriich 1088 Mk. ausgegeben wer­den. Der Verpflegungssatz beträgt 56 Pfennige für den Verpflegungstag. Wöchentlich 5mal wird Fleisch verabreicht. An dm beidm andetm Tagen besteht die Kost zumeist In Mehl- unb Fischspeisen. Durch dm Landwirtschaftsbetrieb werden alle Bedürfnisse für dm Haushalt gezogen. Nut etwa die Hälfte der erfot- derlichen Kartoffeln muß hinzugekaust werden, ebenso wie ein Teil der Futtermittel. Ein Keiner Verdienst wird durch die Jnsassm durch Korb- und Stuhlflech­terei erzielt. Dieser geringe Verdienst wird zumeist dafür verwmdel, um ben Pfleglingen im Sommer und auch zu Weihnachtm eine Freude zu bereiten unb etwas Mwechselung In das Leben zu bringen. Die Seelsorge wird von dem nahe gelegenen Kloster der Franziskaner ausgeübt. ES werden dafür 600 Mk. aufgewendet. Der Anstaltsarzt besucht die Jnsassm täglich. Es sind mehrere Frelstellm vorhanden, die, wie schon oben erwähnt, zumteil von dem Schutzvor- stande unterhaltm werden, und zumteil (3 Stellen) In der letzten. Zeit durch die St. Liobastiftung, welche die Aufgabe hat, armm unb unbemittelten Siechen und Idioten die Aufnahme in eine Anstalt zu erleichtern, begründet wurdm.

„Weshalb?"

„Well Ihr Gemahl Sie nicht zu solcher Stunde allein im Tiergarten umherlaufen lassen würde, oder er wäre ein Hanswurst."

„Warum sind wir am Unkenteich, mein Herr?" versetzte sie unter leisem silbernem Lachen. Zur gu­ten Zeit fiel ihm ein Ausweg ein, die direkte Antwort zu vermeidm; Erstaunt rief er:

„Wie?" Fangen Sie In Jamben an zu sprechen, Die man im Trauerspiel wohl gelten läßt, Dort nirgend in vernünftiger Unterhaltung?" Mit unbefangner Heiterkeit erwiderte sie: „Bis jetzt hab' ich noch kein tiernünfttgeS Wort von Ihnen gehört."

„Dann bedauere ich herzlich," sagte er, „daß sie zu spät in Ihr Versteck geschlüpft."

„In welch Versteck?"

„Ich möchte wettm, dort hinter dem Busch fitzt noch mehr Lebendiges."

„Sie täuschm fich."

„Soll meine Blendlaterne einmal nachsehen?"

„Es Wäre unnütz."

„Wittlich?" meinte er. „Aus der Antwort sehe ich, daß mein Verdacht begründet ist. Dari ich unbe- scheidm fragen, ob vielleicht auch ein alter Manu mit krummem Rücken dahinter steckt, wie hinter dem Betrug, ben Sie bet Dame mit bem Pracht Exemplar von Myrte gespielt?" Hier mußte Berta tolber Willen auflachen. „Sie lachm, rote Rose, fuhr er ernst fort, „allein bie Sache hat auch noch eine anbere Seite. Wir sollten kein Wesm mtt Spott beloben, das unfern Hohn fühlen und verstehn kann."

Berta ließ sich keineswegs durch die Ermahnung ettischüchtem. Unerschrocken versetzte sie: ,Ei, mein Herr Philosoph, es Ist kein Verbrechen, über Lächer­liches zu lachen?"

„Wir haben wohl das Recht," belehrte er, „über jemand zu lachen, jedoch durchaus keins, ihn lächerlich zu machen. DaS ist unzart und verrät wenig Herz."

(Fortsetzung falgt.)