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R»tati»nrdr«ck«nd Verlag der Fuldaer Ak- litndnickerei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.
38. Jahrgang.
Fulda, Montag den 1. Mai 19il.
Erstes Blatt
△ Der Weltsriede und die Maifeier.
Wie eine gefallsüchtige Tarne in vorgerückten Jahren, ist die sozialdemokratische Maifeier genötigt, den Schwund ihrer Anziehungskraft durch allerhand Kunstmittel auszugleichen, so gut oder so schlecht e§ geht.
Tie aufgebotenen Massen wissen nicht recht mehr, weshalb fit sich eigentlich am 1. Mai in Begeisterung stürzen und wofür sie demonstrieren sollen. Die alte Parole vom achtstündigen Normalarbeitstag zieht nicht mehr recht. Nun hat der sozialdemo« kratische Schristgelehrte Kautsky vorgeschlagen, man solle für Weltfrieden und Abrüstung demonstrieren.
Diese neue Maitagspcrrole paßt sehr gut in die Großblockzeit, denn auch manche bürgerliche Kreise schwärmen für den Krieg gegen den Krieg und für die Erleichterung der Rüstungslasten. Gegen Frie» denskundgebungen, die wirklich nur den Weltfrieden und die Abrüstung erstreben, wäre auch nichts einzuwenden, — wenn nur solche Demonstrationen nutzt einsestig in dem seit 40 Jahren friedhütenden Deutschland erfolgten, sondern zugleich auch in jenen Ländern, di« noch .nicht gesättigt" sind, vor allem in Frankreich, das noch immer Revanche in Europa verlangt und zurzeit auf Eroberungen in Afrika ausgrht, und in England, das zwar von Flottenabrüstung redet, aber immer neue Riesenschiffe baut, um die unbedingte Seeherr« schäft gegenüber allen anderen Rationen zusammen zu behaupten.
Wenn nun aber die allgemein menschliche Frage des möglichst unbewaffneten Friedens zum Inhalt der sozialdemokratischen Maifeier gemacht werden soll, so legt man die tendenziöse Behauptung zu Grunde, daß der sozialdemokratische Zukunstsstaat den Weltfrieden bringen und die Rüstungen entbehrlich machen würden. Diese Behauptung ist falsch.
Es mag ja eine Zeit gegeben haben, wo der Ruhm-, Macht« und Landhunger der Fürsten die Völker in Kämpfe stürzte. Aber die Aera der Kabinettskriege ist vorbei. Jetzt liegt die Kriegsgefahr in den gegensätzlichen Interessen und Stimmungen der Völker. Sehr lehrreich ist der Hinblick aus Frankreich. Dort gibt es seit 40 Jahren keinen ehrgeizigen Fürsten mehr; das Land wird republikanisch regiert von den Erwählten des Volkes und die Republik ist so demokratisch geworden, daß die Sozialdemokratie nicht bloß eine Regierungspartei im Parlamente, sondern mehrfach sogar Minister gestellt gat Trotz alledem hat die Republik es nicht zu jenem Akte der Vernunft und der Friedlichkeit bringen können, der von einer ungeheueren, bahn- bredjenben Wirkung für die Weltfriedensbestrebungen gewesen wäre: zu dem offenen Verzicht auf den Revanchekrieg und der rückhaltlosen Anerkennung des Besitzstandes gemäß dem Frankfurter Frieden. Es liegt auf der'Hand, daß Deutschland nicht abrüsten kann, so lange Frankreich bet seinen Rüstungen von dem Wunsche geleitet wird, dem deutschen Nachbar etwas wieder weg zu nehmen. — England ist noch nicht in dem Grab« sozialdemokratisch geworden, wie Frankreich; aber es wird auch von den Erwählten des Volkes regiert, der König hat einfach ja zu sagen, und zu der gegenwärtigen regierenden Mehrheit gehören die Vertreter der Arbeiterpartei. Trotzdem beharrt England nach wie vor bei seinem System der alles übertrumpfenden Flottenbauten.
Daraus sieht man deutlich, daß wir dem Weltfrieden durch den Umsturz der bestehenden Königsthrone nicht näher kommen wurden.
Run sagen die sozialdemokratischen Wortführer, die bestehende kapitalistische Wirtschaftsordnung sei das schlimmste Akiedenshindernis, und das würde der sozialistische Zukuuftsstaatausräumen. Di« Wertlosigkeit dieses Akrmstswechsels ergibt sich schon aus folgender einfachen Betrachtung.
In bet Tat ist gegenwärtig für die Beziehungen der Völker zueinander die M a g e n frage (im weitesten Sinne des Wortes) von größerer Bedeutung, als die bloße M acht frage. Nichts ist so wichtig in der gegenwärtigen Well, als der internationale Güteraustausch. Jede Kulturnation, die ein erträgliches Dasein führen will, ist auf die Einfuhr aus andern Staaten und die Ausfuhr nach andern Staaten angewiesen. Dabei ergeben sich Interessengegensätze. Bislang treffen die Zwistigkeiten um materielle Interessen zunächst die privaten Unter» nehulungen in Industrie und Handel; die Fabrikanten und Kaufleute bilden gleichsam die Puffer zwischen den verschiedenen Wagen der nationalen Wirtschaftspolitik. Wenn nun aber der sozialdemokratische Zukunftsstaat aufgerichtet werden sollte, so gab es mir einen Fabrikanten, nur einen Importeur und Exporteur in jeder Volksgemeinschaft, nämlich der Staat selbst. Daraus folgt, daß alle Zwistigkeiten und Reibungen, die sich auf dem „Weltmarkt" aus naturgesetzlicher Notwendigkeit ergeben müssen, sofort die Staatsgewalten selbst mit voller Wucht treffen und zu Abwehr- ober Angriffsmaßregeln drängen würde. Hat der Staat allein das ganze Erwerbs- und Verpflegungs- wese» in der Hand und muß allen seinen Bürgern das tägliche Brot nebst Zubehör von oben herab besorgen und sichern, so muß er gegen den lautern unb unlauter« Wettbewerb der andern Staaten 5eS,t auf bem Posten sein, d. h. er muß dann ebenso gut gerüstet sein zu Wasser juiu gu Lande.
deutscher Reid).
+ Die Ssmmertagung der Parlament«.
4 Dienstag nehmen der Reichstag und der preußische Landtag ihre Arbeiten wieder auf.
Das Abgeordnetenhaus hat noch 10 Vorlagen in erster Lesung im Plenum zu beraten, u. a. das Eisenbahnanleihegesetz, den Entwurf über die Beschulung blinder und taubstummer Kinder, den
Entwurf über ländliche Fortbildungsschulen usw. Außerdem sind die den Kommissionen überwiesenen Gesetzentwürfe im Plenum zu erledigen, nud endlich liegen noch 67 Anträge vor, die du Plenum zu erledigen such. ES erscheint fraglich, ob der Landtag das ganze Material noch vor Pfingsten wirb erledigen können, zumal die kleine Gruppe der sozial- demokratischen Genossen die Deratuugszell durch ihre Reden über Gebühr in Anspruch nimmt
Dem Reichstage liegen noch größere und wühtigere Gesetzentwürfe zur Beratung vor, so vor allem die Reichsverficherungsordnung, die elsaß- lothringische Verfafluugsfrage, das Privatbeamten- Versicherungsgesetz, daS Kurpfuscher- und HausarbeitS- gesetz. Die Beratungen dieser Vorlagen in den Kommissionen find ja glücklicherweise foroeit gediehen, daß der Reichstag sich sofort mitten in die Arbeit stürzen kann. Aber auch hier stehen heiße Kämpfe bevor.
Das Zentrum sieht den Verhandlungen im Land- tag und mr Reichstag mit Ruhe entgegen. Ist eS sich doch bewußt, daß eS sich bei all feinen Handlungen für oder gegen einzelne Bestimmungen der Gesetzentwürfe nur von dem Gedanken leiten läßt, einen Ausgleich zu finden zwischen den verschiedenen Klassen der Bevölkerung, zwischen den Konfessionen, zum Heil und Wohl deS deutschen Volkes und des gesamten deutschen Vaterlandes.
5 Berlin, 30. April 1911. Der Kaiser hielt heute auf Korf« Gottesdienst in der Kapelle des AchiüeionS ab. — Nach einer offiziösen Darstellung wird der Fehlbetrag von 24») Millionen aus dem Jahre 1909, der die Etats dec Jahre 1911 bis 1913 belasten sollte, schon durch den Etat v o n 1911 zur Abbürdung gelangen. — Regierungspräsident Gras Berg in Stade ist zum Regie- rungspräsidenten von Hannover ernannt worden.
*♦ Der deutsche Kronprinz war vom Zaren von Rußland eingelaben worden, aus der Rückkehr von der Oftafieuvesse Petersburg zu besuchen; für die Fahrt durch Sibirien hatte die russische Regierung bereits Vorbereitungen getroffen. Der Kronprinz wird sich nunmehr mit der Kronprinzessin Mitte Mai na ch Petersburg begeben, um seinen Dank für die ihm zugedachten Aufmerksamkeiten auszusprechen und um dem Kaiser Nikolaus zu seinem Geburtstage am 19. Mai die Glückwünsche des Kaisers zu übermitteln.
)( Der Boreutrrmrf des Privatbeamteuverficherungs- gesetzes ist in den Bestimmungen über die Ersatz- kaffen einer Umarbeitung unterzogen. Es werden bestehende Kasseneinrichtmtgen — Werksvensions- kassen und andere — unter gewissen Voraussetzungen als Ersatzeinrichtungcn zugelassen. Die Kossenleistungen sollen den gesetzlichen Leistungen mindestens gleichwertig und ihre Erfüllbarkeit dauernd gewährleistet fein. Die Beiträge der Arbeitgeber müssen mindestens den gesetzlichen Arbeitgeberbei- trägen gleichkommen, und die Kassen müssen sämUiche verstcherllngspflichtige Angestellte eines Arbeitgebers ohne Auswahl aufnehmen.
)( Das Kultusministerium auf der Anklagebank des Evangelische« Bundes. Bei Gelegenheit der Beratungen des Kultusetats im Abgeordnetenhause wurde vom Zentrum scharf gerügt daß sich selbst in Schülerbibliotheken höherer Schulen, die zur Benutzung den Schülern aller Konfessionen zur Verfügung stehen, Werke vorfinden, die in einseitigster Weise die geschichtliche Wahrheit auf den Kopf stellen, um die ärgsten Kulturkampfsinstinkte und Vorurteile gegen den Katholizismus in den jungen Lesern zu wecken. Es wurde vor allem aufmerksam gemacht auf die auch in diesem Blatte gebührend beleuchtete »Angewandte Geschichte" von Wolf. Das Buch ist u. a. von einem Düsseldorfer Rentner in zahlreichen Exemplaren den Schüier- bibliothekeu geschenkweise überwiesen worden. Der Kultusminister hat nun erfreulicherweise Remedur eintreten lassen. In seinem Auftrage nämlich wurden die Letter der höheren Lehranstalten darauf aufmerksam gemacht, daß dieses Buch für die Schülerbibliotheken ungeeignet und daher durchaus zu entfernen ist. ES ist nun außerordentlich possierlich, die Wutausbrüche des Evangelischen BundeSorgans angesichts dieser Verfügung zu beobachten. Hier find einige Sätze:
„Also ein Buch, gegen dessen Ausführungen vom wtffenschaftlicheu Standpunkt auS kaum etwas Wesentliches (??) eingeroanbt werden kann, dessen nationale und monarchische Gesinnung aber über jeden Zweifel erhaben ist, das Leben bringt in den manchmal recht ledern gehandhabten Geschichtsunterricht, daS endlich zeigt, eine wie unendlich praktische Bedeutung diesem so arg vernachlässigten Unterrichtsfache zukommt--
eine solches Buch ist für unsere Jugend nicht geeignet, sagt der Herr Kultusminister. Wir hoffen, daß dieses Urteil, dem übrigens gleichzeitig die Aufforderung angehängt ist, daS Buch auS der Schülerbibliochek in die Lehrerbibliothek überzuführen, die Zahl der Käufer wesentlich vermehren wird, wie wir denn zu unserer Freude erfahren, daß sich die Primaner vielfach bereits recht interessiert nach dem Buche erkundigt haben. Proseffor Wolf aber mag jetzt seine im Vorwort ausgestellte Behauptung, „une gut wir eS haben', noch einmal auf ihre Haltbar kett prüfen.'
Da die ,Tägl. Rundschau' die Unmöglichkeit einsieht, den StultuSminiRer ob seiner Untat zu vergiften, klammert sie sich an die Primaner, die fich mit einem Male so interessiert nach dem Buche erkundigen. Diese bilden dm Stab, der die,Tägl. Rundschau' tröstet. Wir wollm ihr diesen Trost nicht verkümmern, sondern lediglich bemerken, daß wir in der Verfügung des Kultusministers die selbstverständliche ®rfüUmig einer Forderung erblicken, die wir im Interesse deS konfessionellen Friedens und des StaatSwohlS zu erheben, verpflichtet find.
X Sine starke Leistung. Der „Weckruf", ei« „Organ für die Interessen der Eisenbahner Deutsch- lands', daS aber ganz im sozialdemokratischen Fahr- wasser segelt, leistet sich folgenden gistgeschwollenm Artikel gegen Preußen:
„Der Kadavergehorsam, der Untertauenverstand, die Steuerpflichten und das Maulhalteu, es ist preußisch! Wir merken eS viel zu wenig, sind viel zu sehr an den preußischen Fusel gewöhnt — wir meinen Fusel ht jeder preußischen Möglichkeit —, aber da draußen, außerhalb der fchroatj^veihen Grenzpsähl«, da fK)lt man den preußischen Geist besser als wn. ES sei nur daran erinnert, daß vor wenige» Tage» ei» alb ane- sischer Soldat, der in türttschenDienste« fla»d und von einem deutschen Offizier preußisch behandelt worden «ar, nämlich handgreiflich sich nicht anders von dieser Schmach zu reinigen wußte, als daß er ihm albanesisch kam, er erschoß ihn. Wie viel Vorgesetzte gäbe eS noch in preußischen Staatsdiensten, wen» jeder Untergebene soviel Ehrgefühl und ein solches Quantum heiße? Blut hätte rote dieser
Wir sind gewiß die letzten, die dm preußischm Geist restlos verteidige«. Aber diese „Propaganda der Tat" in einem Blatte, welches angeblich von Eisenbahnern, di« doch auch preußische Beamte sind, gelesen wird, ist ein wirklich starkes Stück. Eine echt preußische Kandare täte dem Schreiber not!
— Frankfurt a. M., 29. April 1911. Der Verband der deutschen Juden und der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sind hier znsammevWtreteu, um durch eine gemeinsame Kundgebung zu der Z u r ü ck s e tz u n g der jüdischen Offiziersaspiranten imHeer Stellung zu nehmen. Zu der Versammlung hatten fich etwa 1500 Personen eingefunden. Es sprach zunächst Justizrat Breslauer au5 Berlin, der die Beteiligung des Judmtums an den preußischen Feldzügen hervorhob, daran erinnerte, daß schon auS de» Befreiungskriegen eine Anzahl Judm als Offiziere heimkehrteu, und behauptete, daß der erste Soldat, der das Eiserne Kreuz erhiell, ein Jude namens Günzberg gewesen sei, und daß endlich 1864, 1866 und 1870 eine große Anzahl Juden in Offiziersrang sich ausgezeichnet hätten. Erst seit der antisemitischen Bewegung im Jahr« 1879 sei auf einmal den Juden in Preußen das Offizierspatent nicht mehr erteilt wordm. Er forderte alle jüdischen Einjährigen auf, den Beschwerdeweg zu beschreiten, t»enn sie nicht gewählt werde», nud das Material zur Prüfung und weitern Verfolgung der Sache einem der beiden veranstaltenden Verbände zu unterbreiten. Der zweite Redner, Rechtsanwalt Dr. Albert Löwenthal aus Frankfurt, begründete in längerer Rede diese Forderung: »Wir müssen dem Gegner (gemeint ist der Antisemitismus) unser« Willen aufzwingen, indem wir getreulich deu Gesetzen leben, doch dort, wo außerhalb der Gesetze an uns Anforderungen gestellt werden, nicht gleich mtt offenem Mund und offenen Taschen dastehen, sondern sagen: wollt ihr,.daß wir geben, so wollen wir auch nehm«,; nicht Soudervorteile, nicht Begünstigungen, sondern nur unser gutes und verbrieftes Recht!" Die Versammlung nahm zum Schluß eine entsprechende Entschließung an.
W Bückeburg, 30. April 1911. Fürst Georg zuScha u.m b u r g - L i p p e ist am Samstag abend um 9>4 Uhr an Herzschwäche gestorben. Der Tod des Fürsten erfolgte in Anwesenheit der Fürstin, des Staatsmmisters Frhrn. v. Fettitzsch, und des Hofstaa- tes, während die Prinzen erst nach dem Ableben des Fürsten eintrafen.
Stephan Albrecht Georg, Fürst zu Schaum- burg-Lippe, Edler Herr zu Lippe, Gras zu Schwabenberg usw., wurde 1846 als Sohn des Fürsten Adolf Georg zu Bückeburg geboren und war seit 1882 mit Marie Anna Prinzessin von Sachsen-Altenburg vermählt. Er hinterläßt neben seiner Gemahlin fieben Kinder, von denen das älteste der 1883 geborene bisherige Erbprinz, jetzige, noch nnvermählte Fürst Adolf ist. Da« jüngste ist eine erst 1908 geborene Prinzessin.
jg. Köln, 29. April 1911. Seit 2y2 Jahren finden in gewissen AbstÄrden Stadtverordneten- Konferenzen dcr rheinischen Zentrumspartei statt. Aus der letztm wurde beschlossen, an das preußische Abgeordnetmhous eine Eingabe zu richten, in der die geheime Stimmenabgabe bei den Stadtver- ordneteuwahlen gesordett wird. Wie in der Konferenz mttgeteilt wurde, sollen auch die cheintschen Landge- meindevertrtter der Zentrumspattei zu regelmäßigen Konferenzen zusammentreten.
* Stuttgart, 29. April 1911. Der frühere Präsident der Generaldirektion der Posten, v. Weizsäcker, Mitglied der Ersten Kammer, ist he>tte im Alter von 80 Jahren gestorben.
d* München, 29. April 1911. Wie tief die Krisis im bayerischen Nationalliberalismus geht, davon legt eine Zuschrift Zeugnis ab, die die nationalliberale ,Augs. Abendztg.' (Nr. 117) auS nationalliberalen Kreisen Franken- bringt. ES wird darin mitgeteilt, daß der Rücktritt des zweiten Vorsitzenden der nationalliberalen Parteileitung Dr. Mayer nicht ohne Grund mit der VorstandSkrifis in Zusammenhang gebracht werde. Die beiden Vorsitzenden seien nicht die einzigen, welche ihre Aemter niedergelegt haben. ES seien nicht Offiziere ohne Truppen, welche in dem Rücktritt des ersten Vorsitzenden Tafel sich in der Hoffnung getäuscht sehen, daß daS unentbehrliche Werk der Organisation ausgebaut werde. Die Anhängerschaft Tafel» sei nicht ge- willt, die Maßnahmen der Parteileitung kritiklos hinzunehmen. Es müffe die Grenzlinie nach link» klar gezogen uxrden, sie dürfte nicht verschwimmen zugunsten deS Einigkeitsliberalismus. Ohne Verbindung nach rechts werde der Natio- nalliberalisrnus zur Sozialdemokratie gedrängt! — Bei der heute vollzogenen Landtagsersatzwahl Rosenheim wurde als Nachfolger deS verstorbenen ZeutrumSführerS Dr. Daller der Zentrnmskandidat Bäckermeister Echarnagel- München mit großer Mehrheit gewählt. Die Liberalen, Sozialdemokraten und Bauernbündler hatten Gegenkandidaten aufgestellt.
Ausland.
** Während sich das belgische Königspaar auf der Rückreise nach Belgien in London befand, ist plötzlich di« Königin an einer Ohren- evizündung erkrankt, die zwar keine Bedeutung haben soll, aber doch die Königin zu einigen Tagen Ruhe zwingt. Dec König ist daher am Samstag allein nach Brüssel zurückgekehtt, während die Königin ht London zurückdlieb.
* Präsident Fallidres ist von seiner Reist nach Tunesien wieder in Paris eingetroffen.
* Portugal. Rach Meldungen aus Rom ist der Vatikan mit ber UmroauNung der portugiesischen Botschaft in eine Gesandtschaft nicht einverstanden, so daß de». Abbruch der Beziehungen unmittelbar bevorzustehen scheint. — Der Klerus des Bistums Porto beschloß, dar Trenuungsgesetz nicht anzuerkennen und auf die Pensionen zu verzichten.
* Heber die Revolution m Kanton wird noch b» richtet: Fünfzig Aufständische und beten Führer wurden verhaftet. Die chinesischen Bchörden wurden voa dem von den Revolutionären geplanten Handstreich vorher verständigt; sie räumten daher schon in vorige: Woche das Palais. In der Stadl sst das Standrecht, proklamiett wordm, die Tore der Stadt sind gesetzlos 1 fcn, überall werden HauSsuchungm vorgeuomme«, Zwei mglische Torpedoboote haben ben Hafen boij Hongkong verlassen und find zum sosottigen Einschrei-: ttn bereit. Der amerikanische Kreuzet »Wilmington'' hat Befehl erfjalten, in Macao mit ihnen zusmmnenzug treffen. Das ganze südlicheChina wimmelt voj) revolutionären Agentm. Die Lage ist äußerst kritisch, — Das deutsche Kanonenboot „Iltis" sowie bal) amerikanische Kanonenboot „Wilmington' haben in-j folge der Unruhen in Kanton Befehl «halten, dotthtlj zu gehm.
* Mexiko. Am Freitag ist aus Mexiko bi«? Kommission zur Eröffnung der Friedensvevf Handlungen nach El Paso abgereist. Inzwischen hatten bei Horeafttas die Bundestruppen ein Gey fecht mit den Aufständischen, wobei 40 Mamll fielen.
♦* Die Wirte» in Marokko.
In Tanger sind am Samstag endlich mehrere Kw, riere mit wichtigen Meldungen Übet die Lage Fez eingetroffen. Die mtt Spannung ermattete Aw: fünft der Ersatz truppen unter Führung des Majors' B r s m 0 n d ist, tote amtlich bekannt gegeben wird, an 26. April in Fez erfolgt. Am Tage d« Abreise beij Kuriere, am 21. Zlpttl, war in Fez alles wohl, Die A l a r m m e l b u n g e n der letztm Zeit roaray grundlos. Me Beni Mir find ruhig, weil fiv selbst die Angriffe anderer Stämme fürchten und ihttz Aufmerksamkeit nach Mekines gelentt war. Muloff Sin, der jüngere Btub« Mulai Hafids, der in Men km es von den Berbern zum Sultan au8 gerufen tourb^, ist nach Leuten, die chn lernten, ein haltloser, unbe-i deutender Jüngling. Die Ausrufung geschah am 18, April. In Fez wat über ben beabsichtigten Vormarsch französischer Truppen noch nichts bekannt, nur unbe» stimmte Gerüchte gingen um über die Zusammenziehung ber Harka in ber Schautjagegenb. Die Europäer in Fez sind sicher. In Rabat haben sich bi« Eingebormm bish« äußerlich indifferent verhalten, doch glaubt man, daß die Beni Hasim noch Wider« stand leiften werden. Rabat ist als Operation^ b a s i s ausersehen. Dott ist vor der Stabt bei bene von bem Deutschen Rottenburg erbauten Fort ein großes Lager entstauben. Von ben bisher für bie Expedition nach Fez zusammengezogmen Truppen ist ein Zehntel marokkanisch, der Rest französische Kolonialtruppen, Algerier, Senegalesen und Franzosen.
Auch die Spanier bereiten eine Marokkoaktion vor, sie fangen es geschickter an, als bie Franzosen unb suchen bie Berberstämme, bie ihnen gefährlich werben könntm, erst für sich zu gewinnm, «he sie ihre Ttup- pen auf ben Marsch schicken. Wie nämlich aus Ceuta gemelbet wirb, haben bie Spani« bas Bergvolk der Anbjeras durch Zusicherungen von hohen Belohnungen bafür gewonnen, baß sie einem Marsch spanischer Truppen nach Tetuan kein Hinbernis bereiten. ,,, ,
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schrerbt in ihrer Wochmrundschau: Nach ben bünbigen Versich^ rungen ber französischen Regierung hat sie lebiglich bie Absicht, bie zur Sicherung ihrer StaatSangehött- gen nötigen Maßregeln zu ergreifen; insbesonbere be- abfichtigt sie nicht, bie Integrität Marokkkos unb bie Souveränität des Sultans anzutasten, auch liegt eine Besetzung von Fez nicht in ihrm Absichtm. Es ist zu hoffen, baß bie Ereignisse ber französischen Regie- rung bie Innehaltung ihres Programms gestattm wer- ben. Ein Durchbrechen wesentlicher Bestimmungen ber Mg«iras-Me würbe sämtlichen Mächtm bie volle Astionsfteihett wiebergeben unb es könnte damit zu Konsequmzm führen, bie sich zur Zeit nicht übersehen kaffen. Wir können ab« nur wieberholen, baß vor- läufig kein Anlaß vorliegt, eine so weitgehenbe Entwicklung ber berzeiligen Verhältnisse vorauszusehen.
Die „Kölnische Zeitung" schrttbt in einem Leitar- titel: Hebet bie Gefahren für Fez kann man verschieben ec Meinung sein; man wirb ber französischen Regiemng bas Recht zu Hilfsunternehmungen nicht absprechm können. Daß aber ber ZugnachFez bie Lage kritisch gestaltet unb allen möglichen Verwake- hmgen Tür unb Tor öffntt, kann auch von ben Franzosen nicht in Abrebe gestellt werbm. Es wrrb festen Willes unb großer Loyalität bet französischen Regierung bebürfen, um bei bem marokkanischen Unternehmen nicht auf Abwege zu geraten.
Protestversammlimg gegen -le Reichsverficherungsorduung.
C. Berti«, 80. April 1911.
Wohl 2000 Krankenkassen - Delegierte aus alle« Teilen Denffchlanbs mögen es gewesen sein, die sich am Sonntag in Berlin zusammensanden, um gegen d« Reichsverstchetunzsordnung zu protestierm. Sechster allgemeiner Kongreß der Krankenkassen Deutschlands