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Samstag »tn 29. Mptll <911.

58. Jahrgang.

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9

2. Blatt.

druck und Verlag der §«ldaer Aettendruckerel i« Zulda.

nun auf fünf Jahre sicher unter der einzigen Voraus­

lange zu erhalten vermochte. Das Experiment schien

auf die Straße. Der Ministerpräsident wurde in Ani-

Berichte über die Entsetzung des Sultans Mulay Hastd, über die Einnahme von Fez unter schwerem Blutvergießen haben sich als unbegründet und als Tendenznachrichten herausgestcllt. Nichtsdestoweniger

werpen auf der Straße von einer Volksmenge tätlich im Anfänge vortrefflich zu glücken (Börsengesetz, Ber- angegriffeit und mußte sich in den Wartesaal des einsgesetz). Die erste scharfe Probe für den Zusam- Bahnhofes flüchten. Die deutsche liberale und sozial--' menhall mußte sich bei der Finanzreform er- demokratische Presse leistet aber ihren Gestnnungsge-; geben, und schlauer Weise wurde diese Aufgabe trotz noffen in Belgien freiwillige Handlangerdienste, ein : ihrer schreienden Dringlichkeit auf ein ganzes Jahr hin­trauriger Beweis für die Gefahren, die vonseiten des ausgeschoben, um mittlerweile erst den Block zu dieser intemationalen Freimaurertums drohen, und für die Leistung zu tränieren. Daß trotz alledem der Block Gesümung der Liberalen, denen die höchsten und edel-. bei der Steuergesetzgebung verkracht ist und welche Um- sten Interessen nichts mehr gelten, wenn sie nur ihrem i stände dabei mitgewirkt haben, ist ja noch in aller Ge- Haß gegen die katholische Kirche und ihre Anhänger i dachtnis. Wir wollten hier nur darauf aufmerksam freien Lauf lassen können. f machen, daß Fürst Bülow, wenn ihm die Fertigstes

In der jüngsten Republik Portugal ist das Ge- lang einer Finanzreform durch den Block gelungen seh der Trauung von Kirche und Staat veröffentlicht wäre, auch von 1909 bis 1912 noch seine Blockwirt­worden. Es weist der Geistlichkeit eine unwürdige schäft hätte fortsetzen können. Wer weiß, ob es und erniedrigende Stellung zu und maßt sich über das ; ihm dann nicht auch noch gelungen wäre, mit Hilfe des Vermögen der Kirche eine Bevormundung an, die in ' Generals Keim und des Evangelischen Bun-

Seit 1890 wählen wir unsere Vertreter im Reichstag auf fünf Jahre. Vorher war alle d r ei Jahre Neu­wahl. Die Verlängerung der Wahlperiode wurde durch den Kartellreichstag von 1887 beschlossen, — ge­gen die Stimmen des Zentrums und der Freisinnigen. Fürst Bismarck war natürlich mit dem Beschlüsse

Herrlichkeit dauern könne. Aber durch diese Zukunfts­sorge hat er sich nicht abhalten lassen, den Vorteil,

träge. Wahrscheinlich war auch Fürst Bülow schon von Anfang an sich bewußt gewesen, daß höchstens bis zu den Zollverhandlungen von 1913 seine Block-

K Dreijährige oder fünfjährige Parlamente?

senden die Franzosen ein Heer von 12 000 Mann in das Innere von Marokko zum Schutze der angeblich be­drohten französischen Interessen ab. Diese offenkundige Eroberungspolitik hat in Spanien, das sich durch den Skom mitgerissen sieht, das größte Mißtrauen erweckt, und auch von England schon ist nach Paris ein kalter Wasserstrahl abgesandt worden, verbunden mit der freundschaftlichen Warnung, die Dinge nicht zu weit zu treiben. Für Deutschland ist zunächst eine abwartende Haltung geboten. Sollte aber Frankreich unter irgend einem Vorwande es unternehmen, aus dem Rcchmen der Algeciras-Akte herauszutreten, dann wird es auch für uns an der Zeit fein, ein Wort mitzusprechen.

DieTürkei ist andauernd durch die albanchschen Unruhen in Atem gehalten. Dazu kommt ein Kon­flikt innerhalb des jungtürkischen Komitees, der indes, noch ehe es zu der befürchteten Ministerkrisis kam, an­scheinend beigelegt worden ist.

In Mexiko steht der Friede bevor. Präsident Diaz scheint nach den neuesten Meldungen der ewigen ©treueren im Lande satt zu fein und hat beschlossen, am L Mai ngch Europa abzureifen, was feine Ab­dankung und der daraus sich ergebenden Beruhigung des Landes gleichkommen dürfte.

keinem anderen Lande zu finden ist. Aber es ist jodes und mit sonstigem Aufgebot von Wahlmache im darauf abgesehen, die Gefühle und Würde der katholi- Januar 1912 abermals eine Mehrheit aus den Ke­lchen Kirche in Portugal möglichst zu vernichten. Wie • günstigten Liberalen und den gebrochenen Konservaii- :ange sich das Volk eine derartige Ungerechtigkeit ge-! ven zustande zu bringen? Daun allerdings wäre bald fallen lassen wird, ist allerdings eine andere Frage. ! eine Aufgabe an den neuen Reichstag herangetreten, In Frankreich ist die Ruhe wieder eingekehrt. ; die den Block auf eine noch schwerere Probe ge- Der Winzeraufstand in der Champagne ist beigelegt,i stellt hatte, wie die Finanzreform: nämlich die Erneue- ebenso die Tockarbeitcrunruhen. Umso größere Sorge - mng des Zolltarifs und der Handelsver- bereilet der Regierung das Marokko-Abenteuer. Die träge. Wahrscheinlich war auch Fürst Bulow schon

Um die politischen Ferien einigermaßen auszufül- len, wird jetzt von dem linksliberalen und sozialdemo­kratischen Radikalismus eine recht lebhafte Hetze —

gegen die Regierung veranstaltet. Darnach I Je9,r ^frieden; denn die lange Wahlperiode ist ein Vor­soll die Regierung sich mit den schwärzesten Plänen ■ *ei* Regierungsgewalt und eine Beeinträchti- Iragen. Es soll beschlossen sein,’ die Reicksvcrsiche-' Wng der Volksgewalt. Die Regierung behält nämlich rnngsordnung unter Mundtotmachung der Opposition i wie vor das Recht, einen ihr unbequemen Reichs- in unverantwortlicher Weise durchzupeitschen. Ein i ßS ^lt. t bte d u f l o sung jederzeit zu beieitigen neues Zuchthausgesetz soll geplant sein. Der neue * . I?^tvahlen, die sie unter einer möglich st zug-

Reichshaushaltsetat für 1902 soll noch dem jetzigen i ^oft'-gen Parole rm „psychologifchen Moment vercm- Reichstage in seiner Herbsttagung zur Beratung und ^ ^„Ee^ KorrAtur des Wahrglucks anzustreben. Verabschiedung vorgelegt werden. Nun werden alle, Wählerschaft ^^<hat kein Mittel, euren Mißgrfff Register der Entrüstung gezogen und es wird mit Ob- j ,l .^en Wahlen vor Mlauf der gesetzlichen Periode stniktion bis aufs Messer gedroht. Wir vermuten, daß wieder wettzumachm. Tas Volk rft an das Ergebnis die aufgeregten Gemüter sich schon wieder bcscinsti- j jewerlrgen Wahl auf 5 dahre geounden, die Re­gen werden Denn man merkt gar zu deutlich, daß es ■ Gierung aber mch..

oen Schreiern und Hetzern lediglich darauf ankommt,! Von biefer Rechtslage hoffte auch Fürst Bülow durch immer neue Agitationsmittel das Blut ihrer ■ bei der Krisis von 1906/07 zu profitieren. Als ihm leichtgläubigen Nachtreter in Wallung zu halten. Da- i die Verhältnisse zur Erlangung einer Blockmehrheit bei heiligt ihnen der Zweck die Mittel. = günstig zu liegen schienen, bauschte er eine verhaltnis-

Jn Belgien sind die Freimaurer, Sozialisten mäßig nebensächliche Frage zu einem .Konflikt" auf und Liberalen eifrig an der Arbeit, gegen das vom und jagte tatsächlich den Sozialdemokraten so viele Ministerpräsidenten Schollaert eingebrachte Schulgesetz Mandate ab, daß fein liberal konservativer Block eine die Bevölkerung mobil zu machen, und da ihnen die geringe Mehrheit erlangte. Diese Mehrheit war ihm Hetzereien im Parlament und in der Presse nicht mehr nun auf fünf Jahre sicher unter der einzigen Voraus- genügen, so verpflanzen sie den persönlichen Kampf setzung, daß er die Einigkeit der beiden Blockflügel so

wochen-Rundschau.

s:s Fulda, 28. April 1911.

Mit dem „liberalen Kleinblock", der alle liberalen Parteien einschließlich der Nationalliberalen umfas­sen soll, will es nicht recht weiter gehen. In weiten liberalen Kreisen macht sich bereits das Gefühl der Resignation breit, weil man eben erkennt, daß der Hin­weis auf das schöne Ideal einfach Schaumschlägern war. Die Zentralleitungen der liberalen Gruppen ha­ben zwar ihren Einigungsbefehl in die Lande gehen lassen. Aber sie haben sich dabei nicht um die Verhält­nisse und Stimmungen bei den einzelnen Lokalorgani­sationen gekümmert. Völlig ungetrübt von der Kennt­nis dieser Verhältnisse und Stimmungen haben sie darauf los dekretiert und verlangen nun von den Wäh­lerschaften der einzelnen Kreise Disziplin. Diese ha­ben aber versagt und den Zentralleitungen verschiedent­lich einfach den Stuhl vor die Türe gesetzt. Disziplin! Du lieber Himmel! Die ganze Aktion, wie sie sich bis jetzt entwickelt hat, hat den Beweis geliefert, wie kläglich es überhaupt im Ganzen um die Organisation innerhalb des Liberalismus bestellt ist. Da wird von der Seite hott gerufen, und von der anderen Seite hü. Es fehlt eben der große, grundsätzliche Gedanke, der die Massen zu einer kompakten, geschlossenen Ein­heit zusammenschmieden könnte. Im Zentrum ist dieser Gedanke lebendig und wirksam und herrscht über alle kleinlichen Sonderinteressen. Deshalb ist auch das Zentrum stets wegen der in ihm herrschenden straffen Disziplin beneidet worden. Der Liberalismus wird sich vergeblich bemühen, sich zu dieser Höhe der poli­tischen Anschauung emporzuringen.

die ihm die längere Wahlperiode bot, nach Möglichkeit auszunutzen.

Gegenwärtig erheben nun linksliberale Blät­ter Klagen darüber, daß der Nachfolger des verun­glückten Blockkanzlers den Reichstag seine ganze gesetz­liche Lebenszeit hindurch bestehen läßt, ja ihn sogar bis zum natürlichen Ende noch arbeit en las­sen will. Wenn die Fortschrittler und Jungliberalen jetzt vorzeitige Neuwahlen verlangen, so darf man ihnen mit Recht entgegenhalten: Warum hat denn nicht der linke Blockflügel, als er noch die Macht in Händen hattte, die Wiederkehr zu dreijährigen Legis­laturperioden verlangt uno von dem willfährigen Für­sten Bülow erpreßt. Von 1907 bis 1909 fiel es den Liberalen von Bastermann bis Payer gar nicht ein, an dem „reaktionären" Gesetz von 1887 zu rüt­teln.' Im Gegenteil, sie waren froh, daß ihnen die Macht auf fünf ganze Jahre zu gefallen war. Erst als sie wieder in die oppositionelle Minderheit geraten waren, erkannten sie den Vorteil einer kürzeren Legis­laturperiode und schwärmten für eine neue Volksab­stimmung.

Erscheint nun jetzt noch eine Rückkehr zu der .dreijährigen Periode als möglich? Wir glauben die Frage verneinen zu müssen. Der Reichskanzler und der Bundesrat werden behalten wollen, was sie haben, und sie können sich zur „Begründung" auf die Tatsache berufen, daß in der jüngsten Zett das agi­tatorische Treiben innerhalb und außerhalb des Parlaments zum Nachteil der ruhigen Geschäfts­führung über ubä ß i g in den Vordergrund ge­treten ist. Auf der ganzen Linken hat man nur noch Sinn für den Stimmenfang und nicht für die wirklichen Bedürfnisse des Reiches und des Vcftcs. Man will nur Hetzen, aber nicht mehr arbeiten, und man verschreit es als einen feigen Trick und eine schändliche Vergewaltigung der Verfassung, wenn die positiven Parteien im Sommer und im Herbst noch tätig sein wollen, um wohltätige Gesetzesvorlagen zum Abschluß zu bringen.

Angesichts der ewigen Fensterreden im Reichs­tage, der argen Zeitverschwendung, der angedrohten Obstruktion und der ganzen systemat. Aufhetzung der Wähler haben sich auch manche Leute, die 1887 noch für die kürzere Wahlperiode cintraten, der Ansicht zugc- wendet, daß es doch auch sein Gutes habe, wenn die Wahlagitation nur alle fünf Jahre den Fortgang der positiven Arbeit unterbreche. Allzu scharf macht schartig!

Deutsches Reich.

** Demokraten und Freisinn. In einer Versamm­lung der demokratischen Vereinigung im 1. Berliner Reichstags - Wahlkreise erklärte der frühere Oberst Gaedke, die Demokraten wurden bei Stichwahlen 5ro.fi en einem Freisinnigen und einem Sozial- demokraten diesem ihre Stimmen geben. — Die paar demokratisch vereinigten Männlein werden den Kohl nicht fett machen.

X Die Vertreter des enterbten und hungernden Proletariats'. Eine köstliche Mitteilung finden wir in Nr. 108 der „Rugsb. Abendztg.". In einer Notiz über den Osterverkehr auf dem Gardasee teilt das Blatt mit, daß am ganzen Gardasee der Osterverkehr ungeheure Dimensionen angenommen hatte. Lediglich in Arco bestand noch Aussicht, ein Unterkommen zu finden, da dort täglich ein Wechsel zwischen Ankom­menden und Abreisenden stattfindet. Dann schreibt! die „Abendzeitung":

„Im Grand-Hotel Fasano, welches Heuer von einem erstklassigen Publikum bevorzugt wurde, ist der König!, dayerüche Ministerpräsident ExzeL. Dr. Graf P 0 dewilS- Dörnitz mit Gemahlin, und Reichstags- nbg. Stadthagen auS Berlin zu längerem Aufent­halte cingelroffen."

Dieser Herr Stadthagen, der im größten und fein­sten Hotel Arcos in vornehmer Gesellschaft logiert, ist der bekannte Sozialdemokrat und ehemalige Rechts­anwalt Artur Stadthagen, der sich als Vertreter des Reichstagswahllreises Nicderbarnim in. besonderem Maße als Vorkämpfer des armen, enterbten und hungernden Proletariats aufspielt. Nun ist es ja im allgemeinen Privatsache jedes ein­zelnen, wo und wie et wohnen will, aber es interessiert doch wohl weitere Kreise, zu sehen, daß es den „Prole­tarier-Vertretern" nicht gar so schlecht geht und daß auch ihre Ansprüche nicht die bescheidensten zu fein

scheinen, sonst würde ein Stadthagen nicht die Luxus­hotels am teuren Gardasee aufsuchen. Wenn man sich erinnert, wie in früheren Jahren sozialdemokrat. Blatter dem „dick gefressenen Bourgeois" den „hun­gernden Proletarier" gegenüberstellten, dann gibt Herr Stadthagen an der Table d'hote des Grand- Hotel Fasano in Arco eine wunderschöne Figur ab. Nur schade, daß die „ausgemergelten Proletarier" ihren parlamentarischen Vertreter nicht sehen können. Vielleicht würde dann ihr Grimm auf die „prassenden Bourgeois" eine kleine Abkühlung erfahren. Jüngst brachte die „Augsb. Abendztg." einen Artikel: „Di« sozialdemokratischen Reichstagskandidaten nach ihrem Berufe", dessen vielsagender Schlußsatz folgender­maßen lautet: Auffallend, aber bei der „Ar.b eiter* Partei" durchaus üblich und herkömmlich, ist voi allem die geringe Berücksichtigung des Arbeiter st and es. Aus der Kandidatenliste könnte man auf alles andere eher schließ m als auf eine Arbeiterpartei.

& München, 27. April 1911. Eine interessante Kundgebung bringt das Korrespondenzblatt der na- tionalliberalen Landespartei in Bay­ern. Die Angst des Nationallliberalismus über die Lage, in die et durch die verkehrte Politik Dr. Cassel­manns geraten ist, schwitzt ihm aus allen Poren. Durch seinen Linksmarsch und den Abbruch der Brü­cken zu den Konservativen hat der Nationalliberalis­mus den Halt in Bayern verloren. Er befindet sich völlig in der Hand des Linksliberalismus, der seine Geschäfte mit der Sozialdemokratie Betreibt. Die konservativen Kräfte, — die sich im Nationallibe­ralismus noch befinden mögen, machen die Links­schwenkung nicht mit. Die Unzufriedenheit im Natio­nalliberalismus mit der offiziellen Politik der Partei ist weitverbreitet. Nun kommt auf einmal die er­wähnte Kundgebung des Korrespondenzblattes und leugnet diese ganze Lage. Sie stellt die Verbindung der Nationalliberalen mit den Linksliberalen als eine bloße „taktische Uebereinstimmung zur Vermeidung liberaler Doppelkandidaturen" hin, während alle Welt weiß, daß Nationalliberale, Fortschrittler und Demo­kraten in der bayerischen Abgeordnetenkammer eine Fraktion und eine sachliche politische Gemeinschaft unter dem Dache des gemeinsamen Nürnberger Pro­gramms haben. Auf dem Schwabacher Delegierten­tag der Liberalen Arbeitsgemeinschaft (25. März) hat der nationalliberale Dr. Casselmann den Ausspruch getan: „Wir wissen alle, daß die Zeit für die Eini­gung der liberalen Parteien noch nicht gekommen ist, aber sie wird kommen." Und da will die Kundgebung des nationalliberalen Korrespondenzblattes das alleS nicht wahr haben und fordert die Nationalliberalen auf, den Linksliberalen gegenüber Festig­keit in der Vertretung nationalliberaler Anschau­ungen zu zeigen und die Behauptung ihrer Gegner zu widerlegen, daß die nationalliberale Partei von bett Linksliberalen Schritt um Schritt zurückgedrängt werde. Auch ben Bund mit der Sozialdemokratie leugnet das Korrespondenzblatt. Dabei hat dek Schwabacher liberale Delegiertentag den Block mit der Sozialdemokratie beschlossen! Und warum stellt nun das nationalliberale Korrespondenzblatt alle- auf den Kopf? Weil die starke Gährung un­ter ben Nationalliberalen feit TafelN Rücktritt sich verbreitert hat unb bie Bildung einet konservativen Mittelstarke! im Entsteh«! ist. Man möchte,bie Bildung einer konservativ«! Partei in Bayern vereiteln, indem man den Nationale liberalisrnus als Mittelpartei hinstellt, obwohl er sich dem Linksliberalismus unb der Sozialdemokratie verschrieben hat.

Aus Kirche und Schule.

* Siegburg, 28. April 1911. Der Ben«« diktinerorden hat zum Zwecke einer Nieder« lasiung die Hauptgebäude nebst Kirche auf dem Michaeisberge zum Preise von 125000 Mark von der Stadt erworben. Auf dem Michaels« berge, der vor der Säkularisation bereits dem Orden gehörte, befindet sich gegenwärtig noch di« Strafanstalt/ die nach Rheinbach verlegt wird. Der Michaelsberg ist von der Stadt Siegburg vom Staate gekauft worden.

♦♦ Bruch des Beichtgeheimnisses in Rom. Zu der Meldung der liberalen Presse Über den Abfall des

, wenn ld des

Unpolitische Zeitlaufe.

(N.) Berlin, 27. April 1911.

(Nachdruck verböte«.)

Der schwarze Peter von Serbien hat Pech. Als er sich bie Königskrone aufsetzte, waren recht häßliche Blutflecken baran. Er buchte aber, im Laufe der Jahre würden bie Flecken schon vergehen, und bic übrigen Monarchen von Europa würden ihn dann als Hren „lieben Bruder" aufnehmen, wenn er einmal seine Anttittsvistte mache. Nun hat ihm das sonst so gutmütige Oesterreich einen Streich durch bie Br- suchsrechuung gemacht. Der Besuch des Königs Peter bei Kaiser Franz Joseph in Budapest ist abgesagt jvorden unter der Ausrede, daß der greise Kaiser sei­nen etwas angegriffenen Kehlkopf schonen müsse. Er­freulicherweise wird hinzugefügt, daß bie „geringe Heiserkeit" des österreichischen Herrschers ganz unge­fährlich sei. Es handelt sich offenbar nicht um eine Medizinische, sondern um eine gesellschaftliche „Krank­heit". Kaiser Franz Joseph kann sonst wohl sprechen; toer „Guten Tag, lieber Peter" kann er nicht sagen.

Es soll auch im bürgerlichen Leben manchmal Vor­kommen, daß jemand „krank' wird, wenn et einen un­angenehmen Besuch empfangen oder machen soll. Be- mche sollen eigentlich ein Zeichen bet Liebe sein; es pirken aber oft babei ganz anbert Triebe und das *nbe find ärgerliche Hiebe.

Warum mußte denn besagter König Peter durch- <tus den anderen Potentaten sich au sprängen? In sei- nem eigenen Lande wird er ja, wenigstens voriäufig noa>, als richtiger König ästimiert. Damit hätte er fid) begnügen sollen. Die serbischen Schweinezüchter jmb Harnmeldiebe nahmen keinen Anstoß baran, baß

per Weg zum Königthron frei gemacht worben ist pon jenen meuchelmörberischen Offizieren, bie in einer schönen Nacht ben König Alexander unb feine Frau Draga abschlachteten. Die weitherzigen Serben haben Mh auch bomtt abgefunden, daß diese bluttriefenden Ionigsmörder unbehelligt geblieben find, bieroeilen bet neue König ihnen nicht bloß Dankbarkeit, sondern Auch Furcht zollt. Die geduldigen Serben haben auch Dds tolle Treiben des Prinzen Georg, des ältesten

Sohnes von König Peter, lange Jahre ertragen, bis schließlich der Prinz auf eigene Faust die Kriegs­hetzerei gegen Oesterreich so arg trieb, daß man der Selbsterhaltung wegen ihn von der Thronfolge aus­schließen mußte. Da Rußland das vorgeschobene Serbien im Stich ließ, mußte man mit Oesterreich sich wieder bertragen. Auch diese Blamage verziehen die Serben ihrem König Peter. Eine neue Blamage von etwas kleinerem Kaliber gab es, als bet serbische Kriegsminister ben deutschen Gesandten beleidigt und auf Verlangen Deutschlands entlassen werden mußte. Alles das störte den gekrönten Peter nicht in seinem heißen Streben nach Umarmungen von anderen Po­tentaten. Er wollte durchaus den nicht mehr unge­wöhnlichen Weg der monarchischen Besuchsfahrten be­schreiten. Bei seinem Schwiegervater, der sich soeben höchstselbst vom „Fürsten" zum König von Monte­negro erhoben hatte, fing die Tour an. Da der König von Italien auS demselben Geschlechte der Gernegroße von Cetinje seine Gemahlin geholt hatte, so wurde der zweite Besuch in Rom gemacht. Das paßt umso bef­er, als die italienische Königskrone auch einen nicht Mz fleckenlosen Ursprung hat und in diesem „Jubel- ahr" des italienischen Revolutionsstaats der Besuch von gekrönten Häuptern in Rom krampfhaft gewünscht wurde. An dritter Stelle sollte nun die österreichische Hauptstadt von König Peter beglückt werden. Die Wiener Behörde erklärte jedoch, daß sie nicht dafür gutsagen könne, ob nicht die Bevölkerung beim Einzug deS serbischen Kronenträgers ihren Gefühlen einen un­angenehmen Ausdruck geben könnte. Daraufhin wurde der Schauplatz nach Budapest verlegt; am 7. Mai

sollte dort die Besuchskomödie vor sich gehen. Aber die Ungarn ließen auch ganz deutlich merken, daß sie keine Lust hätten, dem König Peter Elfen zuzurufen. Zugleich erhoben in Belgrad die serbischen Fanatiker ihre ungehobelten Stimmen und kündigten an, sie würden die Gleise aufbrechen oder gar Dynamitbom­ber Hofzug ihres Königs zur Fahrt „Erbfeindes" abdampfen wollte. Auf die heißen.Köpfe hüben und drüben hat mm die österreichisch-ungarische Regierung ben kalten Waffev-

rücksichten" abgesagt worben. Ob man nicht lieber ben angebotenen Besuch von vornherein hätte adlehnen sollen, lassen wir dahingestellt. Jedenfalls ist es er­freulich, daß der serbischen Ungeniertheit wenigstens im letzten Augenblick noch ein Riegel vorgeschoben wer­den ist.

Nach dem Besuche in Wien ober Pest wollte König Peter auch Berlin beglücken. Unsere Regierung läßt offiziös bekunden, daß zwar der Wunsch des Königs, nach Berlin zu komm«:, hier bekannt gewor­den sei, daß aber offizielle Verhandlungen über die Einzelheiten noch nicht stattgefunden hätten. Hoffent­lich verzichtet Serbien nunmehr auf den „Wunsch". Dmtschland hat freilich, nachdem der beleidigende Kriegsminister kalt gestellt ist, unmittelbar keine Rei­bung mit her serbischen Politik. Aber einerseits leben wir mtt Oesterreich-Ungarn in politischer Solidarität, und andererseits ist schon der blutige Untergrund der Peterschen Königswürde abschreckend genug, um eine Ablehnung des Besuches zu rechtfertigen. Das deut­sche Volk würde in seiner großen Mehrheit es sehr unangenehm empfinden, wenn sein Kaiser und seine Bundesfürsten in gesellschaftliche Berührung kämen mtt einem „König", der feine Krone aus ben Händen von eidbrüchigen und grausamen Meuchelmördern er­halten hat.

Bleibe im Lande unb begnüge dich mit beines gleichen! So möchte man dem besuchssüchtigen König Peter zurufen.

An seinem Beispiel sieht man, wie häßlich es ist, wenn Emporkömmlinge mit zweifelhafter Vergangen­heit sich einbrängen wollen in Kreise, wohin sie nicht gehören.

Die gesellschaftliche Zubringlichkeit ist überhaupt vom Uebel. Auch wenn du eine staubfreie Vergangen­heit unb einen fleckenlosen Namen besitzest, so solltest du doch so klug sein, deine Besuche unb beinen sonsti­gen Berkchr auf solche Kreise zu beschränken, wo man dich und die Deinen gern ficht. Wer sich an Leute herandrängt, die ihn nicht mögen, setzt fick unange­nehmen Nackenschlägen aus. Ob bte Leute einet guten Grund haben zu der ablebnende» Haltung oder bloß gus Größenwahn oder Reid »der Rachsucht unfreund­

lich sind, ist Nebensache. Wenn die Leute dich nicht wollen, so halte dich von ihnen zurück. Dabei wahrst du deine Würde, deine Unabhängigkeit und auch beirt« Gemütlichkeit. Sobald du aber über ben Kreis beinet wirklichen Freunbe hinaus einen gesellschaftlichen Er­oberungsfeldzug unternimmst, setzest bu bich Demüti­gungen aus, wirst zur Liebedienerei gezwungen, mußt wie ein Bettler um bas Almosen ber Höflichkeit um­herlaufen unb sitzest in ber unbehaglichen Gesellschaft auf glühenben Kohlen.

Der Besuchseifer des Königs Peter legt die Frage nahe, ob die Menschen nicht durch überflüssige und lästige Besuche sich gegenseitig zu sehr quälen. Da die Welt im Zeichen des Verkehrs steht, so reisen die Monarchen auch häufig und weithin umher, und babei gibt es fortwährenb „Begegnungen" mit großem Auf­gebot vyn Pracht unb Prunk unb Parabe unb zahl­losen Freunbschasts- unb Friedensreden. Die häufige Wiederholung solcher Zusammenkünfte hat ben Ein- bruck ber einzelnen schon sehr abgestumpft. Aber nicht bloß ht ben höchsten Regionen ist die Äesucherei üppig ins Kraut geschossen. Auch bie gewöhnlichen Sterb­lichen leisten darin mehr, als notwendig und nützlich ist. Was da als Freundschaftsbeweis und angenehm« Ueberraschung bezeichnet wird, ist ost nur eitle Wich­tigtuerei, neugierige Zudringlichkeit und lästige Stö­rung. Was der Höflichkeitskodex von Antritts-, Gra- tulations-, Beileids- rc. Besuchen vorschreibt, darf ja ber einzelne ost nicht außer acht lassen. Aber man sollte bie hohlen Formalitäten auf bas äußerste Maß unb bte bequemste Form beschränken, namentlich sich überall, wo es geht, mit ber bloßen Kartenabgabe be­gütigen. Und wo man freiwillig Besuche machen will, da soll man ben strengen Maßstab ber Liebe an­legen, d. h. nicht den Maßstab der Eigenliebe, sondern ber Nächstenlicke. Man soll ben Nächsten nur be­lästigen, jjjenn man weiß, baß es ihm angenehm ober nützlich ist. Wer aus selbstsüchtigen Beweggrünben ober gar mtt hinterlistigen Absichten sich in anbere Familien einbrängt, macht sich des moralischen Haus­friedensbruches schuldig. Von der Besucherei müssen auch die Sprüche gelten: Wenig, aber mit Liebe! Kurz und gut ist wohl das Beste!