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Sotationrdrnckund Verlag der KulLaer M» üeudruäerei in Kulda Kernfprecher Nr. 9.

38. Jahrgang.

Fulda, Freitag den 28. April 1911.

Erstes Matt

96.

geliebte, seine Kousine Isolde heimführen. Auf dm Schloßherrn hatte die glückliche Lösung dieser trau­rigen Angelegenheit einen überaus wohlliuenden Ein­fluß ausgeübt. Zum Erstaunm seines Leibarztes kräftigte sich sein Zustand derart, daß er sich ohne jede Hilfe bewegen und sogar längere Spaziergänge unter­nehmen konnte. Heute konnte man ihn so recht schal­ten und walten sehm. Zu dem ftohm Feste warm die Freunde und Bekannten des Schloßherrn geloben worden. Es sollte ein Fest werben, wie es Schloß Eberftein noch nie erlebt hatte. Der Augmblick der feierlichen Handl,mg war da. Der Pfarrer von Kronberg segnete den Bund fürs Leben ein. Es hat­ten sich zwei Mmschen gefunden, über derm Glück die Engel im Himmel ihre Freude hattm. Tas Hoch- zeitsfeft gestaltete sich zu einem wahrm Volksfeste. Alle Arbeiter mit ihren Familien sollten Anteil hab«, an dem Glücke der Schloßherrschaft. Sie wurden reichlich bewirtet und beschentt. Mit Erlaubnis des Schloßherrn unternahm das junge Paar eine Reise nach Südamerika, um die Gräber der verstorbenen Eltem zu besuchen. Als sie von derselbm zurückkehr­ten, wurden sie unter dem größten Jubel der Be­wohner in Eberstein empfangen. Graf Tankmar hatte noch die Freude, zwei Uteitfel auf seinem Schoß zu Wiegen, und als der liebe Gott feinen Dimer heimrief, schied der Greis gern aus dieser Welt, Wußte er doch, daß er einen Erben zurücklleß, der stets des Grund­satzes derer von Ebersteln eingedenk bleiben Würde: .Gott zur Ehre, sich zur Freude und der Menschhett MM ©egen.'

lieber das Schicksal der anderen Persanm Wäre nicht bid zu berichten. Daß Lord Mortimer Bothwell und Bianka Rottenburg ein glückliches Paar wurden, könnm wir unS lebhaft denken. Pater Limenez war es leider nicht vergönnt, sein Vaterland wieder zu sehm; er stack. Wie so viele seiner Ordensbrüder, in der SBerbanmma. Der alte Kuno von Behringen fand seine letzte ZufsiuhtSstäüe auf Whloß Eberstein. Ein trauriges Ende nahm Robert von Behringm. Er ver­fiel bald nack seiner Einlieferung ins Gefängnis in Wahnsinn und stack in der LandMrrmanftalt.

Der liebe Leser wird neugierig fein, zu erfahren, was auS dem berüchtigtm Kronberger Kleeblatt ge­worden ist. Assessor Dr. v. Alst, dessen Schandtaten Grund zu dm wiederholtestm Klagen bei der Regie­rung gaben, wurde seines Amtes entsetzt und wanderte dann nach Amerika aus, wo er in einer Spielhölle durch den Dolch eines Abenteurers fiel. Der Schul­inspektor, deffen acheistische Lehrm in dm Schulen so viel Unheil angerichtet hatten, wurde wegen schwerer Betrügereim zu einer vieljährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Ein schlimmes Ende nahm auch der Kom­merzienrat. Als Besitzer von mehrerm Fabrikm be­drückte er seine Arbeiter derart, daß unter diesen ein offener Ausstand ausbrach. Seine Villa wurde von dem erregten Volke gestürmt, und der reiche Mann würbe, ehe militärische Hilfe zur Stelle war, von sei- nen eigenen Arbeitern derart zugerichtet, daß er an den erlittenen schweren Verletzungen stack.

Und Kapitän Traugott? — Onkel Traugott, wie er so gern in Schloß Eberstein genannt wurde, segelte noch oft in der Welt herum. Wenn er ober wieder einmal in Deutschland Anker warf, so galt sein erster Besuch stets dem Ecken von Ebersteln.

— Säet Somienblumen-Samen. Ein Frmnd des Tierschutzes schreibt: Sonnenblumen gedeihen auch an solchm Stellen, die man ost unbenutzt baliegen sieht. Sobald die Sonnenrofen verblüht sind und ihre Stengel zu vertrocknen beginnen, werben sie von vielen abgehackt und auf den Komposthaufen geivor- fen. Wer aber ein Herz hat für die gefiederten Sän­ger von Wald und Flur und Freude am Wohltun hat, der hebe die mit dem Stiele ab geschnitten en Sonnen­rosen in irgend einem trockenen Raume bis zur Win- terzeit auf. Wenn später dichter Schnee die Felder deckt und die Vögel, die bei uns ausharren, bittere Not leiden, bann hole man die Sonnenrosen hervor und hänge sie an den Aesten der Bäume auf. Roch mehr zu empfehl« ist es, die Sonnenblumen mit dm Stielen, die bann ab« ziemlich lang sein müssen, in Mens eingerichtete Schneehäufchen zu stecken. Man

kann vom Fenster aus bas lickmswürbige Gebaren der Vögel beobachten, bie unter Anwendung aller turnerischen Künste und allerlei Kapriolen sich den Samm aus der Scheibe der Sonnmrose hcrausholen. Insbesondere Kindern gewährt der Anblick Ver­gnügen. =a.

— Eine raerhuürbige Verwandtschaft ist in einem Törschcu der Allmark zustande grkonnuen. Dort haben ein 53jähriger Bauerngutsbefttzer und dessen 26jähriger Sohn zwei Schwestern geheiratet. Der junge nahm sich die 24jährige zur Frau, wahrend der Vater die 19jährige ehelichte. Der Stand der Verwandtschaft ist nun also der, daß Vater und Sohn Schwäger sind und die 19jährige Schwester die Schwiegermutter ihrer 24jäyrigen Schwester. Die Schwiegertochter des Bauerngutsbesitzers ist seine Schwägerin, seine Frau, die Schwiegermutter, gleichfalls Schwägerin ihres 26jährigen Schwieger­sohnes und Schwagers geworden. Noch viel schwie­riger wird aber die Verwandtschaft, wenn aus der Doppelehe Kinder hervorgehen. Die Vetter und Basen werben dann gleichzeitig Onkel und Neffe.

— Der erste Weibliche Polizcichef ist in den Ver­einigten Staaten von §iordamerika angestellt wor­den. Frau Rosa Osborn heißt die Polizeigewal­tige und hat chren Dienst in Hunnewelt in Kansas in diesen Tagen angetreten. Sie stellte sich sofort an die Spitze ihrer Blauröcke und stürmte eine An­zahl nicht konzessionierter Schankwirtschaften. Sie soll sich dabei recht männlich benommen haben. Der Bürgermeister, Frau Ella Wilson, ist selbst eine be­geisterte Temperänzlerin und wird den Polizeiches mit alle« Mitteln, bie einer Bürgermeisterin in Kansas zur Verfügung stehe«, im Kampf gegen Schnaps, Würfelspiel und sonstige Ausschreitungen unterstützen.

— Das verkannte Schnarche«. Mutter: „Paulchen, geh einmal in das Nebenzimmer und sieh nach, ob der Großvater schläft." — Paul (nach einer Weile wiederkommend): „Mamachen, der ganze Großvater schläft, bloß die Nase ist roacb."

v Wozu das vorzeitige Gerede über den Etat 1912?

Die linksliberale Presse war sehr ärgerlich über die geplante Herbsttagung des Reichstags. Da sich gegen bie Ausnützung der Zeit zum Abschluß der schweben­den Arbeiten nicht viel einwenden ließ, so spielte sie zu Hetzzwecken die Behauptung aus, es solle dem ge­genwärtigen Reichstag noch bet Etat für 1912 •ungelegt werden. An diese „Nachricht" konnte man He VerdächiiAing knüpfen, der kommende Reichstag solle um fein Vudgetrecht für das erste Jahr geprellt werden ober man wolle gar bie Neuwahlen zum Reichstag bis in den nächsten Sommer hinein ver­schieben.

Dieser Hetzversuch hatte gar keine tatsächliche Un­terlage. Sogar ein liberales Blatt, das sich die Mühe einer Anftage an amtlicher Stelle gegeben hatte, mußte feftftetten, daß die Regierung an die vorzeitige Einbringung ober Festlegung des Etats für 1912 gar nicht dächte. Mit dieser Richtig- fteöiing mußten bie weiteren Verdächtigungen wegen Hinterlist ober Feigheit glatt zu Boden fallen.

Nun haben aber einige rechtsstehende Blätter sich leider nicht enthalten können, den verlaufenen Ball der Hetzpresse wieder zuzuwerfen. Die „Krenzzig." regte in ihrem konservativen Eifer dm Gedanken an, daß der nächste Etat wohl noch von dem gegenwärtigen Reichstag durchberaten werden könne, um seine rechtzeitige Feststellung für alle Fälle zu sichern, und die „Deutsche Tagcszig.", die das Bedmkliche einer solchen vorzeitigen Etatsfeststel- lung wohl erkannte, glaubte doch wenigstens für den gegenwärtigen Reichstag die Mitteilung des Voran­schlages zur Information verlangen zu können. Solche und ähnliche Auslassungen paßten natürlich den Agitatoren auf der Linken in ihren Kram. „Seht ihr, es ist doch etwas im Werke, was den Wählern oder den neuen Abgeordneten ihr Recht verkürzen soll!"

Wenn nun erneut versichert wird, daß man weder Im Reichsamt des Innern noch im Reichsschatzamt oder sonst bei den verbündeten ^Regierungen an die vor­zeitige Etatsvorlexung zur Beschlußfassung oder auch nur zur Jirformation gedacht habe ober denke, so wird die beruhigende Wirkung einer solchen Erklärung na­türlich beeinträchtigt burch den Hinweis auf bie „ver­dächtigen" Steuerungen einzelner „schwarzblauer" Blätter.

War es notwendig ober klug, ben linksliberalen Hetzern diese Stichworte zu liefern?

Was die „Information" über den künftigen Etat angeht, so sagt die „Deutsche Tageszlg." neuer­dings, sie habe den Ausdruck „Vorlegung des Etats" nicht ganz wörtlich gemeint, im Sinne eines regelrech- ten, vollständig aus gearbe iteten Etatsentwurfs, son­dern sie verlange nur eine aufklärende Mitteilung über die Wirkungen der Reichsfinanzreform auf die Gestal­tung des künftigen Etats, und gegen bie Vorlegung einer solchen Denksch rist ließe sich weder sachlich noch formell das geringste einroenben. Frei­lich nicht; aber warum hat sich das Blatt nicht sofort klar ausgedrückt? Auch wir halten es für recht und gut, wenn bie Regierung noch vor den Wahlen alle geeigneten Mittel ergreift, um das Volk über die Wirkungen b er R e ich s fin an z refo r m aufzuklaren. Aber wenn man von solchen be­lehrenden Kundgebungen spricht ,so kann man doch Ausdrücke wählen, die jeden Gedanken an eine vor­zeitige Beschlußfassung ausschließen.

Was nun die Durchb eratung des künftigen Etats im gegenwärtigen Reichstage angeht, so liegt es klar auf der Hand, daß ein solcher Plan der Oppo­sition einen höchst erwünschten Agitationsstoff bieten würde. Man würbe behaupten, der kommenden VolkSvertretimg werde ein Stück ihres Vudgetrechis entzogen; man würde die Ansicht verbreiten, daß die Regierung die Wahlen bereits verloren gebe und bie lleberzeugung habe, die neuen Volksvertreter würden ihr das Budget verweigern. Abgesehen von dieser

Agitation im Lande würbe die Folge eine» solchen' Versuche» di» Kräftigung berDbftruttiontm Par­lament feta. Unter dem materiellen und moralisch« Druck einer vorgreifenb« Etatsberatung würden die andern Arbeiten in der Herbsttagung aufs schwerste leiden, und diese Arbeit«, namentlich die ReichSverstchenmgordmmg, hüben doch dm Grund unb Zweck der ganzen Anstrengung.

Warum redet man nun von solchm undurchführ­baren und der Regierung fernliegenden Plänm, wenn doch Sar auf der Hand liegt, daß die Erörterung zu nichts anderem führt, als zur Speisung der linkslibe­ralen und sozialdemokratisch« Agitationsmühl«?

deutscher Reich.

L Berlio, 27. April 1911. DaS Kaiserpaar machte heute auf dem Depeschenboot „Sleipner" einen Ausflug nach Colura. Später weilte es wieder bei den Ausgrabungen in Garitza. Die Königin- Mutter von England hat Korfu verlaffe«. — Der württembergifche Thronfolger, Erzherzog Alb- recht, ist feit einiger Zeit erkrankt. Es handelt sich um eine hartnäckige Erkältung. Man spricht auch von Mkotinvergiftuug. — Prinz Karol von Rumänien, der älteste, jetzt 17jährige Sohn des rumänischen Kronprinzen, wird sich im Herbst nach Berlin begeben, um zur militärischen Ausbildung in ein Garderegiment eingereiht zu werden. — Die Kommission des Abgeordnetenhauses für dm Zweckverband Groß-Berlin hat den Gesetzent­wurf gegen die Stimmen der Volkspartei angenom­men. — Die Reichsversicherungsordnungs- KomMission erledigte am Donnerstag den Rest des Berichtes.

D I« Landsberg a. d. W. ist bekanntlich der An­trag auf Erteilung beB Religionsunterrichts durch Geistliche an bie 46 katholischen Schüler der Mittel­schule von der Stadtverordnetenversammlung abgelehnt worben. Der Stadtverorbnetenvorsteher Dr. Binttg hatte dabei u. a. erklärt: „Hindern würben auch der Modernisteneid und andere Vorgänge der letzten Zeit". Gegen dir Erteüung des Religionsunterrichtes durch katholische Lehrer hatte er das Bedenken: „Wenn der Unterricht in dem katholischen Schulhause erteilt wird, so wisse man nicht, ob nicht doch bie Geistltchikeit die Aufsicht auSübt.' In einem längeren Schreiben an verfchtebene Zeitungen erklärt er nun, er wolle „die Kosten eines schulplanmäßigen katholischen Unterrich­tes auf die Stadt übernehmen, wenn feststeht, daß man sich in atho 1 i s ch en Gegenden Der gleichen Pflicht gegenüber den Evangäischen bewußt ist; so lange eine solche Feststellung nicht getroffen ist, muß die Uebemahme von Kosten abgelehnt werden." Den Beweis dafür, daß in katholischen Städten in der weitherzigsten Weise für die Erteilung des Religions- mtterrichtes an die Kinder der evanaeftschei Minder­heit gesorgt sei, hatten beretts die „Kommunalpolitt- schcn Blätter" durch eine reichhaltige Zusammenstel­lung erbracht. Dieses Material will aber Herr Bin- ting nicht gelten lassen, weil es „lediglich höhere Schulen betreffe, von denen hier nicht die Rede sei. An höheren Schulen des evangelischen Ostens werde seines Wissens ausnahmslos schulplanmäßiger katholischer Religionsunterricht erteilt. Diese Annahme des Herrn Dr. Binting ist nicht richttg. Die enblafen Klagen der Katholiken im Osten, daß in einer größe­ren Anzahl von Städten für katholischen Religionsun­terricht nicht gesorgt ist, beweisen das Gegenteil. Im übrigen verschiebt Dr. Binting mit seinem Verlangen den Streitpunkt. Es handelt sich nur um die Frage: Was tut Landsberg für den Religionsunterricht der­jenigen katholischen Schüler, die nicht die VoWschule besuchen? Auf der mtberen Seite um bie Frage: Was leisten katholische ©emeinben für ben evangelischen Religionsunterricht. Die Beantwortung dieser Fragen übernimmt Oberlandesgerichtsrat Marx in der „Kln. Vztg." Er sagt da:

LaudSbaa böscht zunächst ein Gymnasium und eine Realschule beweg kü niglich e Anstatt«, mit87 kaiho- lisch« Schülern. Für diese wird katholischer Rett- aionSurrterricht erteilt Diese Anstatt« muffen ab« hier al- königliche vollständig ausscheiden. Da» Lehrerinnenseminar ist städtisch und wirst von drei katholisch« Schülerinnen besucht Der Direktor deS Seminars beantragte semerzeit selbst die Einführung des katholischen Religionsunterrichtes ie den Lehrplan. Dieser Antrag wurde abgekehut. Man hat spät« den katholischen Schülerinnen «ne Schulgelds» ermäßigung bewilligt damit sie sich den Religions. unterricht privatim erteilen lassen könnten.! Die städttsche höhere Mädchenschule wird von 19 katho­lischen Schülerinnen besucht: für Religionsunterricht wird seitens der Stadt nichts aufgewendetl Dazu kommen dann die 46 Schüler an der Mittelschule und Bürgerschule. DaS Ergebnis ist also, abgesehen von dem „Schulgelderlaß« an die drei Echülerinnm des Lehrmünnenseminars folgendes: die Stadt Landsberg wendet für ben katholischen Religionsunterricht bet 65 katholischen Schülern auf: nichts!

Demgegenüber weist Abg. Marx auf eine Reche zumteil viel kleinere katholische Städte und ihre Leistungen für evangelischen Religionsunterricht hin. Es haben u. a. evangelischen Religionsunterricht eingeführt:

In Andernach für 27 Schüler, Bocholt für 40 Schüler, Vordeck für 46 Schüler, Bottrop für 14 Schüler, Brühl für 30 Schüler, Cochem für 3 Schüler, Cosel (Oberschlesien) für 39 Schüler, Dülken für 20 big 30 Schüler, Dorsten für 21 Schüler, Euskirchen für 29 Schüler, Fritzlar für 3 Schüler, Heinsberg für 3 Schüler, Mayen für 15 Schüler, Recklinghausen für 47 Schüler, Wipperfürth für 39 Schüler. Es handelt sich hier zumeist um Schüler von Gymnasien und Progym­nasien, aber auch um Schüler von höheren Bürger­schulen, Rektoralschulen usw.

Die angeführten Zahlen, die leicht noch vermehrt werden könnten, sprechen eine deutliche, auch für Landsberg beweisbcäfttge Sprachei Man nenne doch eine katholische Stadt, in der sich rund 30 evangelische Schüler befinden, ohne daß für sie evan­gelischer Religionsunterricht auf städtische Kosten erteilt wird! Man wird keine nennen können!

)( Ein Bild heilloser Berworrenheit bietet gegen­wärtig die Nationalliberale Partei. Sie will nach rechts, sie will nach lintS; heute dies und .morgen das. Die Partei weiß selbst nicht mehr, was sie will. Die ,Dortm. Zeitung^, selbst ein amt­liches nationalliberales Organ, hat sich das Ver­gnügen gemacht, ihre Leser einmal durch diesen Zickzack-Kurs hindurch zu fuhren. Und dabei kommt sie zu folgendem Ergebnis, das an Widerspruchsgeist und Verworrenheit wirklich, nichts zu wünschen übrig läßt -

„Da sagte der Abg. Pa siche in Kreuznach (nach einem unwidersprochenen Bericht des .Vorwärts", Nr. 39, 15. Februar): „Unser Kampf gilt in erster Linie d er Sozialdemokratie, erst in zweiter Linie haben wir den Kampf gegen Konservative und Zentrum zu führen." Derselbe Herr Paasche gab aber ui Sobernheim die Parole aus: „Stramm gegen rechts unb Zentrum." Ebenfalls wurde diese Parole auf dem badischen nationalliberalen Parteitage am 14. Rovemoer 1910 ausgegeben, und einen Tag darauf forderte in Völklingen der Abg. Dr. Röchling „gute Fühlun g nach rech ts und links" l,Saarbr. Reuest. Nachrck, Nr. 267, 17. November! lieber die Stellung zur Sozialdemokratie urteilte Abg. Hage­mann auf dem pfälzischen Parteitage in Bergzabern am 5. Dezember 1910 (.Pfalz. Presse", Nr. 336, 5. Dezember): „Wenn es zu Stichwahlen kommt, werden wir uns jedenfalls die Idee des Groß­blocks nicht zu eigen machen, sondern schafi gegen die Sozialdemokratie vorgehen. Aber in »iimtttel- barer Nähe, drüben jenseits des Rheins, im „Musterländle" Baden, ist dieser von Herrn Hagemann perhorreszierle Großblock der „dauernde Pol in der Erscheinungen lucht". Dann kam wieder der Landtagsabgeordnete Dr. Loh­mann und erklärte in Göttingen (laut Bericht der .Nationalliberalen Korrespondenz'): „Bei einer Stich- wahlenlscheidung zwischen Konservativen und Sozial­demokraten dürfe n i e die Wahl auf letzteren fallen. Dem steht Herr Paasche gegenüber, der in Kassel, laut der ^Hessischen Morgenztg.tz erklärte: „Auch

unsere Partei kann zeitweilig ei« Zusammengehen mit den Sozialdemo krate« für richtig halten." Bon den jetzigen Parteioerhältniffen hat am 12. Juni 1910t« Krefeld 6 er Abg. Hintzmamr als vom „schwarz­blauen" Block gesprochen; auch Bassermann bat dies« Ausdruck gebraucht. Dagegen bat der Reichs­tagsabgeordnete Dr.Heinzeam24. September 1910 in Dresden behauptet, daß „der schwarz-blaue B l o ck in der feiten und bestimmten Form g a r n i ch t besteh e". Auch über die Schuld am Scheitern des Blocks herrschen die verschiedensten Ansichten: die einen (darunter SBaffeinuum) schieden sie den Konserva­tiven zu; Führer teilen diese Meinung nicht, wie Fuhrmann, der ebenfalls am 24. September 1910 in Dresden sagte: „Klarheit darüber ließe sich doch nicht schaffen", und der in der.Ralionalztg/ zugab, daß „Fehler auf allen Selten gemacht sind."

Armer Bafserman«, du Führer dieses Kuddel­muddels! Brumutt dir nicht der Stopf, wenn du das liest? Aber so geht es, wen« man auf den ' Parteitagen vor lauter „Einigkeit sprachlos" w rd. Anstatt sich über Meinungsverschiedenheiten auszu­sprechen, geht man in der Partei Drehscheibe bar«| über hinweg, indem man nicht davon redet. Jetzt rächt sich die Leisetreterei. Die Wahl steht bevor und die Partei befindet sich in einer einzigen großen Krise. Führer steht gegen Führer. Wie die Wahlen für den stolzen Rattonalliberalismus enden werden 3 Das steht in ben Sternen! Bassermann weiß es nicht!

+ Eine Zuschrift. Das „B. T." veröffent­licht folgende Zuschrift:

„In der Kommission für den elsaß-lothringische« Verfassungsentwurf ist Abs. 1 Ziff. 1 der Regierungs­vorlage angenommen worden. Danach sind „die Bi­schöfe von Straßburg und Metz, der Präsident deS Oberkonststoriums der Kirche Augsburgsscher Konfession und der Präsident des Synodalvorstandes der refor­mierten Kirche" „geborene" Mitglieder der ersten Kam­mer. Das neue „Oberhaus" ist verfassungsmäßig konfessionell durchsetzt. Das darf nicht sein! In unserer Zeit, da die Kirchen beider Konfessionen sich nicht genug tun können, teils in Angriffen auf den Staat, teils in Unterbindung der Geittesfreiheit mit Hilfe des Staates (Antmwdenristeneid, Jrrlehrevgesetz, Konfessionsschule usw.) beruft man diese Kirchen amtlich in politifche Körperschaften! Wo bleibt da die Grundfordernng des Ltberalismus: Trennung von Kirche und Staat? Hier war Gelegenheit gegeben, mit dieser Forderung Ernst zu machen. Nicht einmal in Preußen haben wir em verfassungsmäßig konfesfiouell durchsetztes Oberhaus. Und in Etsatz-Lothringen will man es einführen? Es, ist verständlich, daß dort, wo seit Jahrhunderten die unselige Verquickung von Religion und Politik besteht,, Trenuung von Kirche und Staat nicht mit einem Schlage durchgefüyrt werden kann. Völlig unfaßlich aber ist es — das muß deutlich ausgesprochen werden — daß man in einer neu zu bildenden politischen Körperschaft Kirche und Staat zu „traulichem" Bunde vereinen w'll. Hier müßte ein kategorisches Nein ans liberaler Seite gesprochen roerben. Soll denn der Liberalismus stets ein Liberalismus der Worte und der papierenen Programme bleiben? Was wir brauchen/ ist ein Liberalismus der Tat, der unerschütterlichen Grundsätze. Nur ein solcher flößt Vertrauen ein und hat somit Werbekraft. Noch ist das letzte pntlamen» torische Wort über das elsaß-lothringische Oberhaus nicht gesprochen Sache der Fortschrittlichen Volts­partei, der entschiedenen stlattonalliberalen und der Sozialdemokratte ist es, ihr ganzes Gewicht gegen die beabsichtigte Konfession al ist erung des neuen politischen Gebildes m Straßburg in die Wagschale zu werfen."

Unsere Leser werden schon erraten haben, wer der Verfasser dieser Zuschrift ist. Es ist der sattsam bekannte Exjesuit Gras Hoensbroech. Dieses von ecfiigftem Ktrchenhaß diktierte Flaborat einer Antwort zu würdigen, hieße dem Setfaffet zuviel Ehre antun.

** Zentrumskoller. Das .Tageblatt für Vor»- pommer« (Greifswalder Tageblatt)" fügt zu der Mitteilung über die Beförderung des vortragenden Rates im Reichsamte des Innern Abg. Dr. B oe h - nisch zum Geh. Oberregierungsrate die Bemer­kung, daß diese Ernennung nichts anderes be«

Der Erbe von Eberftein.

87] Roman von Edmund Nowak.

(Schluß.)

„Isolde, mein gutes Kind, komm her zu deinem grmett Großvater. Kannst du mir auch verzeihen, daß jch dich zwingen wollte, einen Betrüger, einen Mörder |u heiraten?"

„Mein liebes Pa'chen, wie kann ich dir zürnen? Warst du nicht selbst der Getäuschte, der Bettogene? Freuen wir uns und danken wir Gott, daß er uns rechtzeitig Hilfe gesandt hat! Ach, Großpapachen, iWic glücklich bin ich jetzt, habe ich doch meinen gelieb­ten Edwin wieder."

„Habe ich recht gehött, mein Kind, du hast deinen geliebten Edwin wieder?" fragte der Schloßherr ver­wundert.

Isolde wurde rot vor Verlegenheit. Ohne es zu wollen, hatte sie sich selbst verraten. Was sollte sie nun antworten? Da half ihr Edwin.

„Großvater, Isolde und ich kennen uns schon lange. In Nizza war es, wo sich Gräfin Isolde von Treumarck und Rittmeister Warren kennen und liebm lernten und — sich heimlich verlobten. Verzeihe uns bieses Vergehen, und auch du, liebe, gute Tante."

Graf Tankmar blickte in glückseliger Freude auf fäne Enkelkinder. Was er so lange gewünscht, ersehnt Hatte, fand er vor sich erfüllt.

„Meine lieben Kinder! Werdet glücklich. Und wenn ich nicht mehr unter ben Lebenden weilen werbe, so denket immer daran: Was Gott tut, das ist wohl- fletan."

Ein neues Jahr war wieder ins Land geflogen. Im Schloß Eberftein herrschte eitel Freude. Vom Turm wehte das reichsgräfliche Banner lustig im Winde. Auf der Hauptallee, die nach dem Schlosse r», waren reichgeschmückte Ehrenpforten errichtet.

Freudenfest sollte auf Schloß Eberftein gefeiert werden. Edwin von Eberstem durste feine Herzens­