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95.

vomterrtag den 27. April 191b

38. Jahrgang.

«fuldaer

Zeitung

r. Blatt.

•t«Ä m3 Verlag der Silbe« Htiienbrttdtrei kl Silbe.

= Die Geschichte von den großen und den kleinen Dieben

erlebt in Frankreich eine Neuauflage. Die großen Diebe läßt man laufen, die kleinen hängt man aus.

Das ganze 20. Jahrhundert ist in Frankreich eine große Diebstahlsgeschichte; das ist kem Wor zu Die gesagt. Mit dem Vermögen der Kloster fing man an heute werden den Champagnerfabrikanten die Schlösser angezündet und rund vier Millionen Fla­men köstlichen Sekts zertrünmiert. Was daMffche" liegt, ist ungemein reich an Schwindel und Dteb- stahlsgeschichten. Aber das schlechte Beispiel von oben muß solche Wellen werfen und den gesunden Sinn der Volkes zerstören.

Wer erinnert sich heute nicht an die Milliarde Mark, die aus den Klöstern geholt werden sollte, um den Arbeitern eine Altersversicherung zu geben? Man hat alles Ordensvermögm eingezogen, man setzte Li­quidatoren ein und nun begann der Diebstahl en gros, ungefähr wie bei uns vor hundert Jahren in der Säkularisation. Statt eines Ueberschuffes mußte der Staat noch 6 Millionen Mark darauf bezahlen. Die Klöster wurden arm, aber die Liquidatoren sehr reich; die ganze Pariser Rechtsanwaltschaft, die zur Re­gierung hielt, hatte gute Tage. Dann ging man an das Kirchenvermögen selbst und zog es ein; man ver­jagte den Bischof aus dem alten Palast, den Pfarrer aus dem Pfarrhaus und vielfach aus der Kirche. Wohin sind die Gelder alle gekommen?

Diese Beispiele des Maflendiebstahls waren das Signal für den einzelnen, um wieder den Staat zu bestehlen wie er konnte. Jeder Tag bringt uns ja neue Nachrichten über Betrug, Diebstahl usw. in den Ministerien, Vertrauensmißbrauch, Veruntreuung oder Verschleuderung von Staatsgeldern und Natio­nale igentiim, Betrug und Gaunerei bei Ausbeutung der Dummheit und Eitelkeit der Nebenmenschen. Alles das sind ja streng genommen keine politischen Angelegenheiten, aber werfen doch ein so eigenartiges Acht auf die Gesinnung gewisser Kreise in der Ge­sellschaft der dritten Republik, daß wir uns diese chhcr ansehen müffen, selbstverständlich stets mit Be- cücksichtigung der Tatsache, daß die Genannten einst­weilen nur angefchuldigte, aber noch keine Verurteilte

Lhedanne gilt als einer der hervorragendsten Architekten im heutigen Paris und gleichzeitig als -in so reicher Mann, daß man zunächst kein rechtes Nativ für die ihm zur Last gelegten Straftaten ent­decken kann. Tie eigentliche Veranlaffung zur Ver- chftung Chedannes, der mit dem bekannten H a m o n ,zusammengeacbeitet" haben soll, ist der Fall De- vambez. Dewambez hatte den Auftrag erhalten, Ma- .ereien für die französische Botschaft in Wien zu lie- iern, die ihm 17 000 Franken bringen sollten. Er hat iber nur 7000 Franken erhalten und sollte eine Ouft- iiing über 30 000 Franken ausstellen. Dieser Fall st typisch für die Art der Geschäfte, die die Hamon, jshödanne und Komp, machten, und er erklärt die Leidenschaft für fortwährende neue und möglichst kost- ipielige Bauten, die oft keinen anderen Zweck hatten den, die Taschen der Beteiligten auf Kosten des Staates zu füllen. Daß man sich zwischen diesen Gc- chästssreunden nicht mit Kleinigkeiten abgab, zeigt ■ie Tatsache, daß Chddanne seinem in Verlegenheit 'eratenen Freunde Hamon mit 28 000 Franken ein- nal ausgeholsen hat. Chädanne war überall bekannt wegen der Kühnheit seiner Baupläne, aber auch wegen >er Kühnheit seiner Rechnungen. Die Neubauten ier großen Warenhäuser „Galerie Lafahette", die 8 Rillioyen kosteten, haben ChLdanne persönlich 500 000 Franken eingebracht.

Andere Leute sind die MeulemcmS, Valensi, Cle- nenti Me ul em ans ist Herausgeber der „Revue Diplsmatique", Valensi ist Advokat und Cle­rn en ti ist Zollbeamter. Ihre Haupttätigkeit soll bekanntlich der Handel mit Orden, Titeln, Ehren­ämtern gewesen sein. Wenn etwas noch verblüffender ist als die Unverschämtheit, mit der Valensi und Cle- nunti ihrem Geschäft nachgingen, so ist es die ab­grundtiefe Dummheit ihrer Opfer, die diese phanta­stischen Titel und Orden mit schwerem (Selbe bezahl­ten. Valensi und Clementi hatten ihre Kunden über­all, auch in Deutschland, aber nirgends konnten sie wirtschaften Ivie in der Republik der (SgalitS, denn niroends ist die Gier nach bunten Bändern und Titeln so üioß, wie in der französischen Demokratie. Man handelte mit Orden, von denen man nie zuvor ge- hkrt hat, besorgte Konsulats- oder sonstige Titel von

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der sagenhaften Republik Lounant, die da irgendwo zwischen Brasilien und Guyana liegt. ES war ein Massenbetrieb, der ungeheuer btd Geld einbrachte, unter 200—300 Franken wurde mit den „Kunden* überhaupt nicht vechandelt.

Heute will nun kein Mensch diesen ganzen Hum­bug ernst genommen haben und die Ordensritter wollen sich kaum besinnen, jemals diese Titel und Abzeichen vom violetten Bande nachgeprüst zu haben. Eine andere Frage ist, ob die sonstigen wirklichen Orden, die dir Valensi, Giementi, MeulemanS ver­liehen, sämtlich gefälscht waren oder ob sich da auch echte Orden darunter befanden, die sich die Herren auf rechtswidrige Weise zu verschaffen wußten. Man erzählt, daß auch hinter diesem Ordensskandal der Klemm noch ein anderer Skandal lauert, der an po­litisch viel interessantere Kreise hineinreichm soll. In anberen Ministerien kracht es auch und man hat schon Untersuchungskommiffionm eingesetzt.

Wir find nicht überrascht von diesem Gang bet Dinge. Wo die Religion aus dem öffentlichm Leben ausgeschaltet ist und wo sie auch im Privatleben ferne Rolle spielt, da werdm alle Fesseln der Selbstsucht gelöst, da muß es so kommm, da drückt sich jeder an dm besten Platz an der gut gefüllten Staatskrippe. Das Staatsgesetzbuch allein schützt nicht; man sucht vielmehr nur den alten Satz anzuwenden: Laß dich nicht erwischeni Die großen Diebe machen den Dieb­stahl gesetzlich, um ungehindert ihre Taschm fütten zu tonnen, die kleinen bleiben bann in den Maschen des Gesetzes hängm. So geht es derzeit iw Nach­barland zu.

Deutsches Reich.

* lieber des Grafen Homsbroech Aussichtm, der bekanntlich in Osnabrück als fortschrittlicher Kandi­dat ausgestellt worden ist, wird der Dortmunder „Tre- monia* geschrieben: Bei der letzten Reichstagswahl bot sich Graf Hoensbroech öffentlich als Reichstags­kandidat an. Er erfiSrte damals, daß für ihn nur die nation al liberale und die Deutsche Reichspartei in Betracht kämm. Eine knappe Auswahl, aber die meisten Kandidaten müssen sich ja mit einer Partei begnügen! Zwei, das ist schon ein Vorteil. Die beiden Parteien dankten, und so ist Graf Homsbroech jetzt Kandidat der — Fort- fchrittlichen Volkspartei in Osnabrück. Daß die Fortschrittliche Volkspartei auf das Niveau einer Kandidatur Homsbroech gelangt ist, darf als ein Zeichen der Zeit bezeichnet werden. Tempora mutantur. Einst mußte der Abg. Petri wegm fei­ner Kulturkämpferei aus der Richter sch en Fraktion ausscheiden, heute sammelt der sogen. „Fortschritt" das Kultuckämpfer-Korps. Ein vernünftiges fort­schrittliches Blatt hat es gesprochen, daß die Osna- btticker Kandidatur Hoensbroechs die Fortschrittspar­tei im ganzen dmtschm Nordwesten kompromit­tiere und schädige. Nun aber ist etwas einge­treten, was die Osnabrücker Fortschrittler berechtigt, sich in die Brust zu werfen und laut zu rufen: „Dies­mal sind wir im Recht.* Die Zentralleitung der Partei hat nämlich mit der der Nattonalliberalen ein Abkommen getroffen, demzufolge die Fort­schrittler in Osnabrück den Nationalliberalen zu un­terstützen haben. Den Osnabrücker Fortschrittlern ist dieses Abkommm durch die Zeitungen (!) be­kannt geworden. Sie sagen nun, daß dies Vorgehen sowohl dem Organisationsstatut der Partei wie auch dem selbstverständlichm Rechte des einzelnen Wahl­kreises widerspreche, und erklären: „Da unterwerfen wir uns nicht* DaS Recht auf Selbständigkeit ist zwar in diesem Fall das Recht auf eine Dummheit, wenigstens nach dem Gebrauche, der von ihm gemacht wird; aber der Fortschrittliche Verein geht weiter. Sein Vorsitzender van Dewenier behauptet in einer Zuschrift an das „Berl. Tagebl.", daß Hoensbroechs Wahl auch anssichtsvoll sei! Die einzige Möglichkeit, dmr Zentrum den Wahlkreis abzunehmen, liegt, so philosophiert er, „in der einmütigen Unterstützung der Kandidatur Homsbroech*. Sollte Herr van Dewenter einm Witz belieben und sagen wollen: „Alle, auch Nationalliberale und Zentmm, müssen einmütig den Grafen wählen, damtt er durch­kommt*? Die Zuschrift enthält sogar den kecken Satz:

„Wenn bt» raaoualhberate ScnbeilanoiSatur auf= red)ter!)altcn wird, so . .

Dabei ist das Ziffemverhältnis zwischen Fort­schritt und Nationalliberalen im Wahlkreis etwa 1 : 1.

Daß die Keckhett nichts helfen wirb. Ist sicher, und es gibt schon Propheten, die vorauSsagm, nächstes Mal werde Graf Homsbroech sozialdemokra­tischer Kandidat sein. Die Sympathien deS „Vor- toärS* hat er schon fest längerer Zeit.

)( Mit dem „Wettftiertag*, dem 1. Mai, haben die Sozialdemokratm alljährlich ihren Kummer. Wenn der erste Wonnetag deS Mai näher rückte geht der Streit über eine »ganze* oder »halb,* Maifeier innerhalb der Ballonmützen-Organisation los Die besonneren Elemente, vor allen Dingen freie Gewerkschaftskreise, wollen die Feier des 1 Mar am liebsten auf einen Sonntag, der diesem Tage am nächsten liegt, verlegen. Andere wollen den 1. Mai des Abends nach getaner Arbeit würdig begehen und nur einige radikale Elemente schwärmen noch für die Phrase, daß „alle Räder stille stehen*, wenn der „starke Arm des Prole­tariats* es will. Aber diese Radikalinskis sind die Führer und reißen das Volk mit. So wird es denn auch wohl in diesem Jahre wieder zu Kämpfen aus Anlaß der Maifeier kommen. Der „Vereindeutscher Ar- beitgeberverbände*hat ln einem Rundschreiben seine Mitglieder darauf aufmerksam gemacht, daß gemäß dem am 2. Mai 1905 gefaßten Beschluß das unentschuldigte Fernbleiben der Arbeiter aus den Betriebsstätten am 1. Mal zwecks Teilnahme an der Maifeier als Bruch des Arbeitsverhältnistes auszufaffen ist und daßdiese Arbeiter als S t r e i k e n d e zu betrachten sind. — Auch die Polizei wird, wie verlautet, in diesem Jahre schärfer gegen die Mai- umzüge vorgehen. Es werden schon aus allen Landesteilen Umzugsverbote gemeldet. Im vorigen Jahre hatte die Polizei bekanntlich in vielen Gegenden die Maiumzüge gestattet. Die Erlaubnis wurde aber nachträglich auf Beschwerde beim Minister des Innern zurückgezogen. In diesem Jahre werden die Umzüge wohl von vornherein verboten werden.

* Arbeiter, kaufet den Schund! Wir finden im Organ des christlichen Textilarbeiterverbandes fol­gende höchst intercffanle Gegenüberstellung: Der in Hannover erscheinende sozialdemoklatiiche ,Volks- wille' schrieb in seiner Unterhaltungsbeilage vom 10. März 1911:

„Die Schriften eines . . . Losinski sind mehr als wertlos, und daß sie einstmals in Parteiverlagen er­schienen sind, sollte kein Grund fein dürfen, diesen Schund den Arbeitern von heute zur Befriedigung ihres Wissensdurstes fürder noch barteten. Man sollte solche Bücher heutzutage auch nicht einen Tag länger in Arbeiterbibliotheken dulden."

Derselbe Hannover'sche ,Volkswille' preist aber 12 Tage später (ht der 1. Beilage vom 22. März 1911) die „mehr als wertlosen* Schriften, „den Schund*, den man „auch nicht einen Tag länger in Arbeiterbibliotheken dulden sollte*, seinen Lesern zum Kauf an. Er empfiehlt folgende „ausklärende Schriften über Religion*:

Losinski, Dr. C, „War JesuS Gott, Mensch oder Uebermensch?" „Waren die Urchristen wirklich So­zialisten?" „Das wahre Christentum als Feind der Kunst und Wissenschaft." „Was haben die Armen dem Christentum zu verdanken?"

„Was werden die armen sozialdemokratischen Arbeiter dumm gehalten!'' schreibt die ,West- demsche Arbeiterzeitung'.

Aus dem Nachbargebleie.

(§) Petersberg (bei Fulda), 27. April 1911. Am Weißensonntag gingen hier 18 Knaben und 24 Piädchen zur ersten hl. Kommunion. In die Schule wurden 23 Knaben und 21 Mädchen ausgenommen.

♦ Bad Brückenau, 26. April 1911. In dem in der Nähe von Zeitlofs gelegenen Orte Detter wurde ein 25 jähriger Bauernsohn von seinem tollwut­kranken Hund gebissen und mußte nach Berlin zur ärztlichen Behandlung gebracht werden.

* Hemfurth, 26. April 1911. Die Abnahme des Fundaments für die Sperrmauer int Edertal wird in diesen Tagen durch Regierungsbeamte er­folgen. Alsdann werden sofort 800 Maurer mit der Errichtung der Mauer beginnen, während bis­lang nur die Vorarbeiten hierfür erledigt wurden.

n. Bad Nauheim, 23. April 1911. Zum ersten Male konnte am 18. April die General-Versamm­lung der Ketteler-Gesellschaft (e. V.) im eigenen Hause, dem Ketteler-Heim, tagen. Es

ist nämlich dem Vorstande gelungen, den bisher als Sanatorium betriebenen Lindenhof in außerordent­lich günstiger Lage nahe bei den Bädern, dem Parke und der Pfarrkirche zu erwerben. Es wird in fern Ketteler - Heim eine Pensions-Anstalt eröffnet, die von Schwestern von der göttlichen Vorsehung in Mainz, einer vom Hochsel. Bischof v. Kelteler ge­stifteten Genossenschaft, geleitet werden wird. Kur- gifte aller Stände sollen in der Anstalt ein wirk­liches Heim finden für die Dauer ihres hiesigen Aufenthalter. Da aber die Ketteler-Gesellschaft ei« sozial«charitativer Verein ist, der es besonders Un­bemittelten, Arbeitern und armen Kindern ermög­lichen will, eine Badekur zu machen, werden alle im Pensionshause erzielten Einnahmen diesem Zwecke zugewandt. Um die Ketteler-Gesellschaft noch in weiteren Kreisen bekannt zu machen, wird gelegent­lich der Katholiken - Versammlung zu Mainz ein eigener Ketteler - Abend veranstaltet werden. Aber auch im Ketteler-Heim soll nach Ablauf der Kurzeit eine Jubiläums-Feier für den unvergeßlichen Bischof stattfinden. Mit Recht darf man es als eine gnädige Fügung der göttltchen Vorsehung betrachten, daß eS schon im Ketteler - Jubiläumsjahr gelungen ist, den Gedanken der Ketteler-Gesellschaft zu verwirklichen. Gewiß ist deshalb auch die Hoffnung berechtigt, daß immer noch mehr Verehrer des großen Bischoss durch ihren Beitritt zum Verein (Stifter zahlen einmal 300 Mark, tätige Mitglieder 5 Mark und beiira- gende 1 Mark jährlich) dessen Zwecke zu fördern bereit sind.

** Bon der Edertalsperre, 25. April 1911. Hebet die Stimmung der waldeckschen Bauern, die der ge­waltigen Stauanlage im Edertale wegen von der heimatlichen Scholle Weichen müssen, werden von Reinhold Wercher in der „Hess. Post" interessante, wenn auch betrübliche Mitteilungen gemacht. In dem waldeckschen Dorfe Bringhaufen, über das sich künftig der Edertalfee breiten wird, klagte ein alter Mann mit Tränen in den Augen, daß er es kaum ertragen würde, fein Vaterhaus abgerissen, fein Gatten abgehackt und verwüstet zu sehen. Auch an­dere alte Leute stimmten Klagelieder an darüber, daß sie nun herausgerissen werden sollten aus dem Boden, mit dem sie verwachsen seien. Auf die Frage, wo sie sich nun ansiedeln wollten, antworteten mehrere ältere Bauern, daß sie das selbst noch nicht wüßten. Jedenfalls würden sie nicht eher von der Scholle Weichen, als bis das Wasser sie vertrieb«. Einige wollten sich in Ren-Berich anfiedeln, dem Dorfe, das durch Aufteilung der waldeckschen Do­mäne Büllmghausen entstehen soll, deren Zustand jedoch nicht besonders günstig sei. Einer von ihnen sei auch nach Posen ins Ansiedlungsgebiet gegangen, Dem ginge es gut. Das sei aber auch der einzig«, der das hatte tun können. Erstens sei er noch jung genug, nm sich in die dott ganz anderen Verhältnisse einleben zu können, zweitens habe er eine ganze An­zahl Kinder als Arbeitskräfte verwenden tonnen.. Ohne eigene Kinder als Arbeitskräfte sei aber im Ansiedlungsgebiet nichts zu machen. Weiter klagten die Bauern über die bureankratische Form des Ab­findungsverfahrens. Die Preise, die für Aecker ge­boten würden, seien ja sehr gut. Aber der gute Preis nütze ihnen nichts, beim sie müßten sich doch neu« Aecker kaufen. Wo sie aber hinkämen, um Aecker zu kaufen, da würden Preise geforbert, daß die Preise, die sie für ihre jetzigen Ländereien erhielten, bei wei­tem nicht ausreichten. Die Bettäuser sagten sich, di« Leute müssen kaufen und deshalb würden bfi( Preise so gewaltig in die Höhe getrieben.

Ami Geisa und Umgebung.

* Vacha, 27. April 1911. lieber ben hier beab­sichtigten Krankenhausbau verhandelte die vom Gemeinderat für diese Angelegenheit eingesetzte Kom­mission in einer Sitzung, an der u. a. auch ein Ver­treter des großh. StaatsminifteriumS, ferner der Be­zirksdirektor Baron v. Groß, ein Vertrtter deS Hab- Berftäbter Knappschaftsvereins und zwei Vertreter bet Streifes Hersfeld teilnahmen. Den Verhandlung« lagen ein Bauentwurf von Architekt Goller-Vacha und, ein WirtfchastSplan nebst Begründung für ben voraus­sichtlichen Betrieb eines Krankenhauses mit einer Be­legung von 10 bis 20 Betten (aufgestellt durch b« hiesigen Gemeindevorstand) zugrunde. Der Gollerfch« Bauentwurf ist für eine ständige Belegung von 30 Betten berechnet, mit der MögliOeit, bei engerer Bv-

ötLeines FemiLeto».

— Lchnler-Wandentngcn. Der Erlaß des prell' ßisckcu Kultusministeriums vom Januar, bs. Js. hat mit einem Schlage das Interesse aller Streife auf die „Jugendpflege* gerichtet. Es wird als ein starkes, nicht länger unbefriedigt zu lassendes Be­dürfnis bezeichnet, hauptsächlich der aus der Schule entlassenen Jugend Gelegenheit zu geben zu einer gediegenen Unterhaltung^ zu freimütiger Sechstbildung und harmlos-fröhlicher Zerstreuung. Im Steife gleichgesinnter Kameraden, und beraten von auf­opfernden Jugendfreunden, sollen die jungen Leute lernen, ohne Schaden für Körper und Geist vergnügt zu sein und sich von den Stätten dec falschen Früh- lichteit sernznhatlen. Weiter fordert der Erlaß für sie Einrichtungen, in dem sie angeleitet werden, ihren Körper zu stählen, sich Bewegung zu ver­schaffen, denn die Jugend will sich bekanntlich aus­toben, will tätig fein. Schon lange verfolgen eine große Anzahl Organisationen der mannigfachsten Art diese Ziele, und unter denen, die bestrebt sind, das Wandern als eines der geeignetesten Jugend- erzieh mgsmittel zu verbreiten, ist seit fast 15 Jahren in ganz Deutschland der „Wandervogel* tätig. Wandervogel heißen mehrere Verbände von Eltern und Freunden der Jugend, welche alljährlich Tausende von Schülern hinaus in alle Gaue unseres Vater­landes senden, das sie bei dieser Gelegenheit gründlich kennen lernen. Unter Führung von Studenten, jungen im Berufsleben stehenden Leuten und älteren Wen'ervögeln durchwandern sie in Abteilungen von 10—12 Mann des Sonntags die Umgebung ihrer Heimatstadt. In ben Ferien aber werden längere Fahrten veranstaltet, je nach der Dauer der Ferien 8—14 Tage ober in den Sommerferien bis zu 5 Wochen. Dabei ist es jedem, auch dem wenig Be­mittelten, leicht, teilzunehmen, denn die Wandervögel leben höchst einfach und anspruchslos. Durch gemein­samen Einkauf aller Lebensmittel und dadurch, daß sie ihre Mahlzeiten selbst zubereiten, wird eine billige

und doch reichliche und kräftige Ernährung gewähr­leistet. Das Nachtlager kostet gleichfalls fast nie mehr als einen Nickel oder gar nichts, die Wander­vögel nehmen 'n der Regel mit einem Strohlager vorlieb, das ihnen ein Gutsbesitzer oder Gastwirt gerne gibt. So gelingt es ihnen, mit der Summe von 1 Mark täglich gut auszukommen. Kräftigung des Körpers, Erziehung zur Einfachheit, Selbständig­keit und Kameradschaftlichkeit und müheloses Kennen­lernen von Land und Leuten, sind wohl die augen­fälligsten Vorteile dieses Wanderns. Daß der Wandervogel die richtige Bahn eingeschlagen hat, beweist sein stetiges Wachstum und die wohlwollende Würdigung, die er namentlich auch in ben Kreisen der Behöroen, der Lehrer und Erzieher erfährt. 12—13000 Schüler in etwa 300 Otten Deutschlands nehmen an den Wanderungen teil und sind be­geisterte Wandervögel. Auch in Fulda befindet sich eine Wandervogel-Ortsgruppe, die allsonntäglich Wanderungen veranstaltet. Wer gern über den Wandervogel Näheres erfahren möchte, erhält jeg­liche Auskunft von Wilhelm Weber, stud. rer nat., Göttingen, Annastraße 2.

— Gilt eine Verlobung ohne Verlobungsring? Das Oberlandesgericht zu Celle hat vor einigen Ta­gen eine Entscheidung gefällt, die für alle Brautleute und für alle, die sich einmal zu verloben hoffen, von größter Sebeutung ist. Bei ben heutigen sozialen Verhältnissen hat das Wott Braut nicht mehr die sestumschrlebene Bedeutung wie früher und der Be­griff der Verlobung ist für die meisten jungen Leute ein recht unsicherer. Besonders über die Verpflich­tungen, die ihnen auch auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen erwachsen, sind sich die wenigsten Verlobten recht im klaren. Wenn wir auch in Deutschland nicht die scharfen Bestimmungen des „Break of promise" (Bruch eines Eheversprechens) haben, wofür in Amerika bekanntlich große Erft- schädigungsfummen ni zahlen sind, so verpflichtet doch auch bei uns in Deutschland die Auflösung einer Verlobung zu mancherlei Zahlungen für Aufwen­dungen, welche die Braut mft Rücksicht auf bte be­vorstehende Hochzeit-gemacht hat. Der Manu, der

ungerechtfertigt ober ohne triftigen Gründe die Ver­lobung anflöst, muß der Braut alle Unkosten ersetzen die sehr oft nicht gering sind. Dasselbe gilt auch, wenn die Braut ungerechtfertigter Weise die Ver­lobung auflöst. Nun ist aber die Frage, was eine Verlobung ist, und wodurch sie rechtlich in Kraft tritt? Die gegenseitige Bezeichnung mit „Braut" und „Bräutigam" stellt noch nicht eine Verlobung dar, zumal oft auch Liebesleute, die an eine Ver­lobung und an eine Heirat noch gar nicht denken, sich oft mit diesen Zättlichkeitsausdrücken bezeichnen. Es galt bisher darum allgemein der Grundsatz, daß eine Verlobung erst bann ernstlich als solche auszu- fassen ist, wenn die Liebesleute bie Verlobungsringe gewechselt haben. Als nebensächliches Merkmal wurde noch die öffentliche Anzeige der Verlobung in irgend einer Form angesehen. Das Oberlanoes- gericht in Celle hat aber mft dieser Anschauung ge­brochen. In dem Falle, der zur Verhandlung stand, waren weder Ringe gewechselt, noch öffentliche An­zeige der Verlobung erfolgt. Trotzdem hat das Oberlandesgericht entschieden, baß bie Verlobung auch ohne Verlobungsringe als rechtskräftig aitzu- sehen ist, da beide Brautleute mit der Verlobung einverstanden waren, gleicherweise wie ihre Eltern. Der Bräutigam hatte außerdem ausdrücklich erklätt, daß er mit dem jungen Mädchen verlobt ser. Diese Erklärung genüge vollkommen und sei durchaus rechtsverbindlich, wenn auch die üblichen Verlo­bungsringe noch nicht gewechselt worden seien. Der Bräutigam, der späterhin die Verlobung auflöste, wurde zum Schadenersatz verurteilt. Durch diese Entscheidung des Oberlanbesgerichies ist zum ersten Mal gerichtlich die Anschauung vertreten worden, daß eine mündliche Erklärung ein rechtsverbind­liche- BerlobungsverhältniS herstelle. -i

— „Jlmgfern-Steuer". Zu der Mitteilung der „Drutsch-Am. Rott.*, daß hn Staate Wisconsin dn Bürger auf bk Idee einer Jungfrauensteuer gekom­men sei, wird der „Dass. Ztg.* geschrieben, daß der erste preußische König Frittwich L diese Ledigensteuer für die Damenwelt schon vor 200 Jahren eingeführt hatte tmbjle manche.Jahrechind-rnch strmg eintreiben

ließ. DaS Dckret des König» lautete dahin, daß „jedes Frauenzimmer, welche» bis zum 40., Jahr^ keinen Mann gefriegt hat, viettelMckich in sechs Groschen Acctse zu nehmen fei*. VermuÜich hab« zu dieser „Jungfern-Steuer* ähnlich« Erwägung«^ gefühtt, wie sie aus Amerika gemeldet werden. LuxnS und UnabhängigkettSbetrieb der Frauenwelt. De< König ging nämlich gegen allen besondereu Aufivand der Frauenwelt mft großer Strenge vor; so mußt« jede Shchälste, welche Gold und Geschmeide zu tra­gen liebte, sich dieses Recht des Putze» mit einer jähr­lichen Abgabe von ,1 Taler Courant* erkaufen. Da­zu kam noch eine besonder« Leder- und Strumpf­steuer. Der Strumpf war damals kein so gewöhn­licher KleidungSgegenstand wie heutzutage, fonbern gewissermaßen ein Maßstab und Zeichen für Wohl-, stand und Würde. Während das gewöhnliche Volk, sich mit Lappen behalf, die jüngere Welt wahrschein­lich barfuß durch die ungepflasterttn Straßen BellmS lief, hatte sich in ben besser situierten Kreisen die Pa­riser Mode*, Strümpfe zu tragen, eingebürgert Di«. Steuerung war dem König al» Steuerobjekt willkom­men. ES war zwar nicht viel, aber „ein guter Gro»,' schon' mußte für die Strumpferlaubnis auSgegebee. werden. Und dn gleicher Satz lag auf Schuhweck aus Leder. Nur die Schuhe für Kinder unter drei Jahren waren von der Steuer befreft, auch war diestk Abgabe eigentlich eine tnbirefte, denn nickt der glück­liche Besitzer eines Schuhzeuges, sondern der Schuster war der Steuerpflichtige, der für jedes zugefchnitten, Leder feinen „Groschen Acctse* abliefern mußte. >

— Eine patriotische Mutter. Für ihren militär» pflichtigen Sohn bestellte ein« Mutter beim Pfarr­amt« einen Taufschein mit folgenden Worten: „Sähe geährter Herr Vahrer! btte um den Taufschein für mein Sohn. Er ist geboren den 6. Oktober 1891 zn Millatährzwecken. Frau Lehmann." '

— BoShast. Sie: »Wie, du willst dich nochmals, photographieren lassen?* — Er: „Ja, meine Liebel Auf der letzten habe ich das Aussehen eine» Dumm­kopfes.* — Sie: „ES ist schad«, Jedermann fanb, daß du getroffen bist.* ;