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ramr'jaz den 22. April (Oy.
38. Jahrgang.
fuldaer W Leitung
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pruS und Verlag der finita« ArüeadruSerei iw fintda.
Auslanö-
♦* Oesterreich vor den Wahlen. Im Wiener „Vaterland", dem Organ der Katholisch-Konservativen, veröffentlicht der einstige Führer der katholischen Volkspartei, Baron D i p a u l i, einen Wahlaufruf, welcher die Hoffnungen auf ein breiter angelegtes Zusammengehen der beiden katholischen Partelm in Tirol schwinden läßt. Der Tiroler Gruppe der Thrist- lichsozialen die Schuld am Scheitern der bisherigen Friedensverhandlungen zuzumessen, ist zumindest eine Einseitigkeit. Auch steht das im Gegensätze zu der späteren Behauptung, die Tiroler Konservativen könnten stch auS programmatischen Gründen den Christlich- Sozialen nicht anschließen.
* Zur Ausweisung des katholische« Priesters Wer- zinski erhält die „Russische Rundschau" uachstchende Zuschrift aus Moskau: „Die Ausweisung des ka- cholischen Priesters Felix Werzinski, der deutscher Staatsangehöriger ist, aus Rußland, ist vornehmlich auf Mißhelligkeiten zurückzuführen, die im Sprengel der Moskauer Peter- und Paul-Kirche seit Jahren zwischen Polen und Litauern bestehen. Der Sprengel umfaßt über 20 000 Personen, wovon mehr als 10 000 Polen, etwa 4000 aber Litauer sind. Sowohl im Kirchenrate, als auch in der Leitung der Wohlftchrtzz- institutionen besaß die polnische Mehrheit überwiegen- dm Einfluß, was die Litauer vor einiger Zeit zum Anlasse nahmen, um ihren eigenen WohltStigkeitSver-
Großwesir ausliefere die Stadttorzölle abschaffe und alle Franzosen aus der Armee entlasse. Die Gefahr einer ftanzösisch,spanischen Intervention tu Marokko liegt sehr nahe, da nunmehr der Sultan selbst die Franzosen zu Hilfe gerufen hat, um ihn aus der Be- lagemng von Fez durch zahlreiche Stämme der Umgebung der Residenzstadt herauSzuhauen. Die Not in Fez ist allerdings groß, da keine Zufuhr die Stadt er- reichm kann. Alle Läden sind geschloffen, und die Europäer dürfen sich auf der Straße nicht sehen lassen, wenn sie sich nicht der Wut der Bewohner aus- setzen wollen.
Der Aufstand in Albanien kann im großen und ganzen als bemdet angeschen werden. Die tür- kischm Regierungskreise sind mdlich zu der Einsicht gelangt, daß es besser ist, ben albanesischen Wünschen gegenüber ein gewisses Entgegenkommen zu beweisen. Deshalb wird sich der Kriegsminister Mahmud Schefket Pascha nach Albanien begeben, und dort im Auftrag der gesamten türkischen Regiemng mit ben albanesischen Häuptlingen einen Plan ausarbeiten, der den Albanesen eine Reihe von sozialm und administrativen Reformm, besonders die Benutzung der glbane- sischen Sprache in der Schule und im amtlichen Verkehr, getvährm soll. Das Ende des Ausstandes ist zum nicht geringen Teil darauf zurückzuführen ,daß die Aufftändischm vonseltm Montenegros und Bulga- rlens keine weitere Unterstützung erhalten haben.
Die Rebellenkämpfe an der nordmexikani- schen Grenze beginnen nun die Amerikaner in bedmkliche Mitleidenschaft zu ziehen. Die mexikanischen Truppen beschossen Agua Prleta mit Maschincn- geschützen. Viele Amerikaner wurden verwundet. Wie kritisch er in der Tat um die Lage der mexikanischen Regierung bestellt ist, erkennt man aus der Meldung, daß der Jnsurgentenchef Madero auf der Höhe seiner Macht steht und nach der für unvermeidlich gehaltenen Einnahme der Stadt Juarez durch die Insurgenten zum Staatschef sich wird ausrusen laffm.
X Der „sterbende" Reichstag.
Nach Ansicht der Linksliberalen und der Sozialdemokraten hat die gegentoärtige Volksvertretung die Pflicht und Schuldigkeit, stch auf das Sterbelager hin- zustrecken und so bald als möglich ihren Geist aufzugeben.
Sie finden es unerhört, wenn „dieser" Reichstag noch Arbeitslust zeigt. Wie kann er sich unterstehen, die Zeit von 9 Monaten die ihm bis zu seinem natürlichen Ende noch bleibt, zur Erledigung der Vorlagen, zur positiven Tätigkeit im Interesse des Staates und bcS Volkes auszunützen? Es liegen fteilich noch eine Unmasse von wichtigen und dringlichen Aufgaben vor; die Gesetzgebung ist ja Überhaupt in neuerer Zeit so stark bdastei, daß die vorhandene Zeit Jahr um Jahr sich als unzureichend zur Ve> toältigung der Arbeit erweist. Wer das macht alles nichts: wenn „dieser" Reichstag den Wortführem der Linksparteien nicht mehr gefällt, so muß er die Arbeit einstellen. Tut er es nicht gutwillig, so macht man durch versteckte ober im Notfall offene Obstruktion seinen Fleiß zu schänden. Und der Reichskanzler, der die vernünftige Ansicht hat, daß sich in einer Herbsttagung noch manche werwolle Reste aufarbeiten ließen, wird mit Spott und Schimpf überschüttet, weil er einen „neuen Trick" zur Hinausschiebung der Reichstagswahlen auSgetüstelt habe. Die Einen sagen, auf den „Trick" sei er aus eigener Angst vor dem „Votum des Volkes" verfallen; die anderen aber lassen ihn auf Befehl des „schwarzblauen" Generalissimus v. Hehdebrand so handeln.
Angesichts dieser krampfhaften Stimmungsmache lohnt es stch wohl, auf die einfache Tatsache zu venvei- sen, daß die gegenwärtige Volksvertretung ganz derselbe Reichstag ist, der im Jahre 1907 unter dem lauten Jubel der ganzen liberalen Preffe gewählt worben ist. Damals galt bei alle» Rednern und Schreibern des Liberalismus „dieser" Reichstag als die herrlichste Blüte, die jemals dem Boden des ReichSwahlrechts entsprossen sei. Bei ben inzwi- chcn vollzogenen Nachwahlen haben die Sozialdemokraten einige Sitze erobert; das ist aber im Sinne der jetzigen Remonstranten keine Verschlcchtemng des Reichstag. Im großen und ganzen sind die Stärke-
Wochen-Rundschau.
[:] Fulda, 21. April 1911.
Die Ostertage haben uns keine politische Aufregung gebracht, was auch nur natürlich ist. Gleich wie in der Nawr steht auch das politische Barometer auf schö. "es Wetter. Die Minister wellen in Ferien außerhalb der Reichshauptstadt, und der Kaiser besaßt stch auf Korfu mit archäologischen Studien. Da kann es denn nicht Wunder nehmen, wenn die Stoffarnmt der Zeitungen auf politischem Gebiete die Redaktionen verleitet, wiederum das Kapitel von dem voraussichtlichen Termin der nächsten R e ich s ta gs w a h- I c n durchzunehmen. Ob der Reichstag im Dezember aufgelöst werden wird, ob es staaisrechllich überhaupt möglich ist, daß die Neuwahlen Ende Januar näch- flen Jahres stattfinden dürfen, über alle diese und noch einige Fragen zerbricht man sich in den Nedaktions- fhtben die Köpfe, um bann spaltenlange Polemiken darüber zu führen. Nun: Wir regen uns nicht wei- «t darüber auf. Wir können ruhig abwarten. Die Hauptsache für uns ist nur, daß, wenn die Zett der Entscheidung herankommt, sie uns in voller Rüstung Mrs dem Kampfplatz findet.
gwbe l iberale Einigungswerk, wel- He» bestimmt ist, den f»genannten schwarz-blauen Block M zertrümmern, schreitet inzwischen in einer Weise nnd nach einer Richtung fort, die den Vätern dieses Gedankens wohl kaum erwünscht fein kann. Tagtäg- M durchlaufen Meldungen die Presse, wonach die liberalen Lokalorganisationen es entschieden ablehnen ben. Befehl ihrer Zentralparteivorstände zu folgen' Die letzteren sind natürlich entsetzt über einen solchen Sliangel an Disziplin. Indessen sie müssen stch ihrer- scits wieder den Vorwurf gefallen lassen, daß sie sich vor ihren^ Beschlußfassungen nicht genügend über die Verhältnisse und Bedürfnisse der einzelnen Kreise informiert hätten. Dabei ist die fortschrittliche Volkspartei in der am wenigsten beneidenswerten Lage. Denn die noch einigermaßen auf ihre nationale Ge- pnnung stolzen Rationalliberalen lehnen eine Seilern» schäft mit dem Umsturz entschieden ab. Die Fort- Hrittler aber befinden sich ganz und gar im Schlqw- M des roten Bruders und sind für die Wahlen falls e nicht ganz von der politischen Bildfläche verschwin- »en wollen, auf seine Unterstützung angewiesen. So «ben wir schon jetzt ein Bild hellloser Verwirrung *'Dt «ns, das jedenfalls noch toller ausschauen wird, lc naher die Reichstagswahlen heranrücken.
t S5 ankreich haben die schon seit langem
V "rr Champagne herrschende Unzufriedenheit und Inmhe direkt zur Revolution geführt: Plündemn- Len Barrikaden, Zerstörung fremden Eigentums und Zusammenstöße mit der bewaffneten Macht waren an »er Tagesordnung. Wären die Behörden gleich von Anfang an der unruhigen Bevölkerung mit Ernst und Energie entgegengetreten, so wäre es wohl nicht soweit gekommen; aber durch ihre schwankende und un- ßchere Taktik haben sowohl Regiemng wie die parla- nentavlschen Körperschaften dazu beigetragen, daß -en Weinbauern schließlich der Kamm schwoll und sie /vischen gut und böse nicht mehr unterscheiden zu ftnnen schienen. Die Urheber der Plünderungen wer- ,/en von der französischen Regierung jetzt energisch Rechenschaft gezogen; die Hauptsache aber um per Wiederholung derartiger Vorgänge vorzubeugen. Wird darin bestehen, einen gerechten Ausgleich zu sin- den, um die einander widerstreitenden Jntereffen der Wmzergmppen mit einander zu versöhnen.
In Portugal beginnt die verzweifelte Lage -uf den portugiefistlsen Kolonialbesitz ansteckend zu wirren. So sind In der Kolonie Lourenc» Marques Un- xnhen ernster Art ausgebrochen.
In Marokko wird die Sage besonders für die Bewohner der Hauptstadt Fez, nachdem auch die letzten dem Sultan bisher noch ergebenen Stämme zu ®en Aufständischen übergegangen sind, von Tag zu Nag kritischer. Ein Hoffnungsstrahl aber scheint den Belagerten in der Zurückberufung der in das Sche- iarbageblet entsandten Mahalla zu leuchten, die nach neueren Meldungen auf dem Rückwege bereits über bie sie angreifenden Berberstämme einen Sieg davon- petragen haben soll. Die Häuptlinge der auMndt- schen Stämme erklären, daß sie mit dem Sultan nur tbann Frieden machen würden, wenn er ihnen den
verhältnlffe der Parteien sowie die führenden Persönlichkeiten im Reichstage dieselben geblieben. Warum wird nun das, was früher so hoch gepriesen wurde, jetzt so fürchterlich schlecht gemacht und für todeswürdig erklärt? Rur deshalb, weil die Rechte beB Reichstag, bie s. Zt. für das Blockexperiment des Fürsten Bülow sich einfangen ließ, während der Arbeit erkannt hat, daß mit dem übermütig gewordenen Liberalismus zusammen stch keine vernünftige Finanzreform machen ließe. Die Rechte hat stch erlaubt, dem Reiche die unbedingt nötigen 500 Millionen auf anderem Wege, natürlich mit Hilfe des Zentrums, zu verschaffen. Wegen dieser erlösenden Großtat soll der Reichstag von 1907 imrchaus baS Recht zum Arbeiten unb Leben verwirkt haben!
„In ben Sielen sterben": baS war bas Zukunstsideal des Fürsten Bismarck. Wie ein tüchtiger Mensch, so kann auch eine wackere Volksvertretung keinen besseren Wunsch haben, als den ganzen Rest ihrer Kraft unb Zeit für bie pflichteifrige Arbeit zu verwenden. Es ist ein gemeinschädlicher Unfug, wenn man den letzten Teil einer Legislaturperiode der posttiven Tätigkeit zu entziehen sucht durch daS Vor- schiebm der agitatorischen Gesichtspunkte und die verschiedenen Machenschaften zur Wahlvorbe. r e i t u n g. Die das tun, schaffen nachträglich Material herbei zur Rechtfertigung des „reaktionären" Beschlusses von 1888 auf Verlängerung der Wahlperioden. Weim die Volksvertretung sich gebührendermaßen von der Rücksicht auf das Gemeinwohl bestimmen läßt und die Parteiselbstsucht in den Hintergrund drängt, so wird sie in ihrer letzten Tagung ebenso fleißig und sachlich sich der positiven Arbeit widmen, wie in den ersten Tagungen.
Die mühselige» Vorberatungen zur Reichsv erstche- mngsordnung, zur Strafprozeßordnung, zur elsaß- lothringischen Verfassungsvorlage, zum SchiffahrtS- abgabengesetz usw. würden vollständig verloren gehen, wenn nicht der gegenwärtige Reichstag die schönen Herbst- und Wintermonate bis zum Ablauf seines Mandats mit Ende Januar noch ausnützen wollte, ' um fertig zu stellen, was spruchreif ist. Gegen eine
so vernünftige, ja im Gmnde selbswerständliche Arbeitsmethode den Verdacht eines „TrM" zu erheben, ist töricht unb läßt sich nur daraus erklären, daß die Großblockleute den Sinn für die Sache vollständig verloren haben und nur von agitatorischen Trieben in "ihrem Dercken und Streben beherrscht werden.
Wir müssen und wollen auch Wahlagitation treiben; aber wir haben daneben auch noch Zeit und Kraft und Lust zu schaffender Arbeit. Und an ben künftigen Reichstag wird auch der Maßstab ber Arbeitsfähigkeit gelegt werden. Er muß arbeitsfähig fein (u. a. auch In den Schlitzrollsachen), oder er wird nicht sein.
ein in- Leben zu rufen. Gleichzeitig entsendeten fte einen eigenen Vertreter, Herrn MarkunaS, in den Kirchenrat; Markrmas eröffnete eine erbitterte Fehde gegen den Prior ber Peter- unb Pauls-Kirche, ben Priester Wafilewskt, und ließ stch sogar einmal so weit hinreißen, ein polnisches Mitglied des Kirchenrate», da? Herrn Basilewski in Schutz genommen hatte, tällich zu beleidigen. Daraufhin verfügte der Bischof den Ausschluß MarkunaS au8 dem Kirchenrate; Mar- kunas erhob hiergegen die Beschwerde an das Ministerium de» Innern. Während MarkunaS in dieser Weise gegen Wasilewsft Stellung nahm, traten die Geistlichen Storoshew und Tolstoi gegen seinen Koadjutor, den Priester Werezinskl, auf, den sie beschuldigten, er entfalte in den Kreisen der russischen Unierten eine römisch-katholische Propaganda, er sei Mitglied de? Jesuitenordens und besitze daher kein Recht, sich in Rußland aufzuhalten. DaS Ministerium de» Innern entsendete darauf den Beamten Tjashelnikow nach Moskau, der dort eingehend« Nachforschungen anftdlte und, wie verlautet, bet einer Hausdurchsuchung einen Brief des Jesuttengenerals an WerzinsÜ, sowie ein Gruppenbild, Werzinski im Kreise von Jesuiten darstellend, fand.
* Aus dem albanesischen Hexenkessel. Wie au» Saloniki gemeldet wird, überfielen die Malifforen davon mohammedanischen Arnauten bewohnte Dorf Di- noretsche, machten zehn Personen nieder und äscherten vier Häuser ein. Vor dem Eintreffen von Truppen flüchteten die Malifforen. Die Kommandanten MvhL bin Bel und Emta Bet fahren fort, die wichtigste« Punkte in der Gegend der Klementi zu besetzen. — Die italienische Regierung ist entschlossen, den Abgang von Freiwilligen nach Albanien even» tuell mtt Gewalt zu verhindern.
Ans dem Nachbargebieie«
** Orb, 22. April 1911. Die Anlage bei Truppenübungsplätze» ffit ba» 18, Armeekorps im preußischen Spessart, int Orbtal, erscheint jetzt, nachbem ihre Ausführung fest» steht, in etwas anderer Beleuchtung als vor de» kaiserlichen Erlaß, betreffend die Enteignung. Zunächst wird bestritten, daß eS sich um die Anlaß«' eines „Schießplatzes" handele. Der Jfit das 18. Armeekorps anzulegende Platz ist für bie Gefechtsübungen der Infanterie, Kavallerie und Feldartillerie des Armeekorps bestimmt. Mtt schweren Geschützen wird dabei fast überhaupt ni$t geschossen, sodaß eine Beunruhigung der Kurgäste nicht zu befürchten ist. Andererseüs werden bie zeitweise« Märsche ber Truppen von unb zum Bahnhof Orb das Bad nicht nur nicht stören, sondern mtt ihre» bunten Bildern gern gesehene Abwechslung in das sonst fülle Kurleben bringen. Im übrigen verlautet, daß bte Kosten für den UebungSplatz mit dem Erlös aus dem Verkauf bcS Tempelhofer Feldes gedeckt iverden, von der EnteignungSverffigung, die zur Abschreckung der Spekulation so frühzeitig ergangen ist, nur in Fällen Gebrauch gemacht werben soll, trt denen es nicht gelingt, die benötigten Gundstucke jtf angemessenen Preisen zu erwerben. Ein Frank- urter Blatt weiß weiter zu melden, baß ber Ba« des Barackenlagers allein einen Aufwand von etwa 4—5 Millionen Mark erfordert. In dem Barackenlager wird Unterkunft für eine ganze Jrrfanterie- und eine Kavallerie- ober Artilleriebrigade geschas- fett. In demselben Matt werben an btefe Tatsache weitgehende Hoffnungen in wirtschaftlicher Hinsicht nr die Umgegend deS Platzes geknüpft, u. a. btt Betrag der Lieferungen und Leistungen an die Truppen insgesamt auf 350000—500000 geschätzt.
♦ Gieße«, 21. April 1911. Ein Streit um bte Vornamen würbe hier burch einen Amtsrichter heraufbeschworen, ber als Aufsichtsbeamter üb« !>as Standesamt eine Verfügung «ließ, wonach alle abgekürzten unb zusammengezogenen Vornamen al» Verkürzung ber richtigen Namen nicht eintragungsfähig für neugeborene Kinder in die Liste des Stan-' deSamtS fein sollen. Al» solche Namen wurdm untet anderen betrachtet Minna, Erna, Anneliese und Liefe», lotte. Nun hatte vor wenigen Monate« ein Vater, bejn man für fein Töchterchen ben Namen Lieselotte verweigerte, dagegen Beschwerde eingelegt unb bean^
IlnpoliNsche Stlilikst.
(N.) Berlin, 20. April 1911.
(Nachdruck verboten.)
„Ja, deicken Sie bloß, wie stch bas für mich gerade so gefügt hat, jedesmal mit 25 Jahr Zwischenraum. Ausgerechnet k Ich kann am Weißen Sonntag zu» 'gleich ein goldenes und ein silbernes Jubiläum feiern, unb dabei führe ich meine Enkeltochter zm ersten hl. Kommunion."
So erzählte das weißhaarige Mütterchen, schenfte mir nech eine Taffe Kaffee ein und griff bann zum Strickstrumpf, um in der altgewohnten, aber jetzt nicht mehr moderne» Weise ihre rastlosen Finger zu beschästigen.
Und als ich fragte, wie das fn gekommen sei, sprudelten die Worte noch schneller wie die Maschen hervor.
„Ra, Sie sind ja auch schon von der alten Garde. Wenn man sechsmal genullt hat, so hat man schon (einiges erlebt. Wir sind ja beide noch aus der Zett Por dem großen Kriege. Wir haben die schweren Monate von 1870 und 71 schon mtt offenen Augen Mb sorgenvollem Herzen burchgemacht; aber die "jetzigen jungen Leute wissen nichts rechte» mehr da» $ der Krieg mir noch schwerer an .bte Jheren gegangen, als Ihnen. Denn ich war da- mals Braut, unb mein Bräutigam mußte mit in» tnuT« Zeit habe ich mehr gebetet, als je-
SSä wÄ8 .?L». Das heißt, es waren E heißen Tränen, sondern auch i^*Abcn+ränen' "ämlich jedesmal, tuen» etne ^eldpostkarie angenommen war. Aber da fange ich ja den Strumpf in der Mitte an. Ich wollte Ihnen ja zuerst erzählen, daß ich im Jahre 1861 als grünt» Menschenpflänzchen mein allerschönstes Öfter- feft gefeiert habe. Das sind also gnade 50 Fahre. Rui: mögen die neumodischen Leute sagen, was sie -volle«: es Ist doch der glücklichste^Tag des ganzen Lebens, der Tag der ersten hl. Kommunion. Das Auge sieht den Himmel offen, das Auge der un» betrübte» Hoffnung. Da lebten mir Vater und Mut- £t noch, u»b tote haben sie mich anS Herz gedrückt 8a, mich bet Vater, der sonst gar nicht seine Zärtlich
keit kund gab. Da gab es keine glänzenden Geschenke, und ins Wirtshaus gingen toir erst recht nicht. Aber glücklich waren wir, daß die Engel neidisch werden konnten.
Und da» Unglück ließ nicht lange auf stch warten. Der Vater fid bei ber Ernte im nächsten Jahr vom Boden auf die Tenne unb starb. Die Mutter kränkelte seitdem und folgte ihm bald nach. Auf Ihrem TodeS- betie sagte sie mir znrn Abschied: „Grund und Gut erbst du nicht, aber toir wollen im Himmel für dich beten, und eins mußt du mir versprechen: Mag es dir gut oder schlecht gehen auf Erden, an dein Kommuniongelübde mußt du allzett denken, unb jede» Jahr am Weißen Sonntag kommst bu an unser Grab und sagst un», daß bu brav geblieben bist." Die Mutter war immer sehr nachdenklich; nach einer Weile, als ich leise weinte, sagte sie noch: „Vielleicht wohnst du später nicht mehr hier; aber das macht nichts. Geh da»» nur am Weißen Sonntag zu dem große» Kreuz auf dem dortigen Kirchhof und rufe in Gottes Namen deinen Vater und deine Mutter an, dann werben toir fchon hören, ob du noch unser altes gutes Kind bist." Ja, nun mutz ich erst mal bie Masche toiebet suchen. . . . Also, toaS ich sagen wollte, ich bin auch immer an diesem Tage hinge- gangen. Ich konnte wenigstens ehrlich sagen, baß ich ben guten Willen Immer noch bewahrt hatte.
Ich kam mm ta Dienst bet fremden Leuten. Sie waren nicht schlecht zu mir, aber ba» Eltenchaus fehlte mir doch sehr. Da ging eine neue Sonne auf. Er hatte sein Meisterstück gemacht und wollte mich heiraten. Und plötzlich brach der .Krieg ans. Er mußte mtt, unb ich half Charpie zupfen. Auf die Charpie fielen Tränen; aber damals nahm man e» mit der Sauberkeit von dem Verbandzeug noch nicht so genau. Nun, die Zett der Augst ging auch vorbei: Er kam mit, einer ffugd im Bein recht glimpflich davon, und am Weißen Sonntag von 1871 konnte» wir beide zusammen das Grab der' Elter» aufsuchen. Dann haben toir un» geheiratet es ging uns, wie e» so vielen kleinen Handwerkersamlllen geht Wo» Ich er» jähten foollte betrifft ja baS silberne Jubiläum, unb ba8 knüpft stch «m bie erste Kommunion unserer Tochter von 1886. Zwei Kinder Waren uns inzwischen durch ben Tob enteren worden. Uh« der Trost blieb un
tere kleine Grete, und als sie amWeißen Sonntag mittags mtt uns am Grabe bet Eltern ftanb in ihrem weißen Kleide unb mit ihrem Gesicht, baS voll Un» schuld und Hoffnung strahlle, da waren wir die glücklichste Familie auf dem ganze» Erdkreis.
Vor dem Tode kommt aber niemanb in ben Him» md. Ich dachte, der fd>toerfte Teil meines Leben» läge schon hinter mir. Es kam ganz anders. Mel« Mann hatte sich aus dem Feldzug einen Knacks in der Brust mitgebracht, ben tote erst gar nicht gemerkt hatten. Er stach, unb ich mußte um ba» tägliche Brot für mich unb baS Kind wieder hart arbeiten. 9hm, das war schwer, aber es ging. Die Grete wuchs heran, sie hatte mehr gdemt als ich, und war auch hübscher geworden, tote ihre Mutter je gewesen war. Ei» kleiner Beamter verliebte stch in sie, und ich zog zu dem jungen Paare, da mei »Schwiegersohn an die alten Witze von der Schwiegermutter nicht glaubte. Das war auch sehr gut; denn eS dauerte gar nicht lange, da fing meine Tochter cm zu kränkeln. DeS Leben ihres Kindes mußte sie mit dem Tode bezah- len. Run saß ich mtt dem kleinen Wurm da unb mtt bem jungen Mann, ber eine Welle ganz gdnlckt war, bann aber halb lange Welle hatte. Zu bem Töchterchen fühlte er stch nicht sehr hingezogen; er hatte auf einen Jungen gehofft. Er müsse wieber heiraten, sagten die Leute, unb eS fehlte ihm nicht an Auswahl. Seiner zwettm Frau will ich ja nichts hartes nachsagen, aber ich merkte boch beutlich genug, daß meta Enkelkind dort nur einen halben Vater unb gar keine Mutter haben würbe. Da habe ich gesagt: „Schieb- lich—frieblichl Ich will baS zarte Ding übernehmen, und Ihr könnt ohne Gepäck Eure eigenen Wege gehen." Al» ber Vater versetzt wurde, war auch bte äußerliche Trennung vollständig. So wurde au» der Großmutter Wied« eine richtige Mutter mtt allen Pflichten unb Lasten, auch mtt allen Freuden, unb diese Bürde war ein Segen für mich. Ich bin jung« unb frischer geblieben, tote ich nach bem Kalender sein sollte. Und wenn cm» dem schwachen Kindlein jetzt ein blühendes Mädchen geworden ist, da» im weiße» Kleide an bte Kommunionbank trete« bars, so könne« Sie sich vorstellen, baß ich jetzt abermals bieselbe Seligkett tm Herzen verspüre, tote vor 25 Jahren bei bä ersten Kommunion meta et Tochter, ih-är vorcmSgegangenm
Mutter. Als ich neulich ein« Lehrerin «zählte, baß da immer eine runde Zett von 25 Jahren zwischen den drei ErsÜommuntonen läge, da sagte sie, das sei ein interessanter Zufall. Ich betrachte eS als eine gütige Fügung, daß die wichtigsten Wschnitte unsere» Familienlebens sich ft al» goldene» und filberneS Ju- blläum am Weißen Sonntag zusammenschließ en, unb wen» ich still bei meinem Strickstrumpf sitze, so gehen die Gedanken rückwärts und vorwärts. 50 Jahre zurück in bie hoffnungsftohen Tage, al» ich selbst noch in bet Reihe der aus erwählten Jugend kniete. 25 Jahre zurück zu ben glückseligen Tagen, al» ich mtt meinem lieben Mann zusammen unser süße» Töchtev- chen mtf bem heilig« Gange begleitete. Unb 25 Jahre vorwärts — toti» wird bann a«S bem auf- blühenden Enkelkind« geworden fein?
In meinem Alter ist es eigenüich bermeffen, noch von 25 Jahren Zukunft auf Erden zu reden. Ab« ein Jahrzehnt wenigsten» brauche ich noch. Dann ist das Kind groß unb kann auf eigenen Füßen weitev- gehm durch da» Leben. Ob ihm bessere Pfade bereitet sind, als mir, da» weiß man ja nicht. Aber können rote für bie Kinder mehr tun, als sie nach beste» Kräften zu braven Christenmensche« erziehen? Da» weitere muß d« liebe Gott fügen. Wenn ich aber an da» Abschiednehmen komme, so werbe ich bem Enkelkind« dasselbe sagen, was mit «inst meine Mutter sagte: daß fie an jebem Jahrestage ihrer ersten hl. Sommunion an mein Grab kommen unb Bericht erstatten soll«. Ich glaub«, ta all bem Gewirr des Leben», toa» ja mtt der Zett immer schlimmer wird, ist t» für jedes Menschenkind von großem Vorteil, wenn e» sein ganzes Leben hindurch noch ta feinem Gewissen ein Konmmnionktad bleibt.
Run hab ich Ihnen aber genug vorgeplaudert von meinem Leben, daS für andere Leute gewiß gar nicht so tatereffant ist, wie es mir vorgekommen. Darf ich Ihnen noch etwa» etaschenken? Der Kaffee ist woK schon katt geworden. Rim, wen» bas Herz warm wirb, fließt ber Mund üb«/
Ich Wed von d« wackeren Frau mtt dem Wunsche, daß alle Herz« bis in da» späte Mer von ber Wärme der Erfikommunicm erfüllt bleibe« möchten. Ich gche Mch «f tzs KjMof. '