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j* 88. Erstes Blatt.
Fulda, Mittwoch nett 19. April 1911.
38. Iahrqanq.
burger Universität gegen bo8 Frankfurter Univerfi« tätSprojekt zu wenden. DaS .Berliner Tageblatt" erinnert daran, daß er neben dem Abgeordneten v. Dühfurt der einzige Landrat war, der als konservativer Landtagsabgeordneter für die Kanalvor- lage stimmte. 1903 ließ sich der BundeSdirektor Dr. Hahn deshalb gegen ihn als Kandidaten aufstellen. Bei den Wahlen 1908 wurde Herr v. Regelein mit 133 Stimmen gegen 39 nationallrbe- rate und 22 fortschrittliche, die der Marburger Staatsrechtslehrer Walter Schücking erhielt, gewählt.
*♦ Die Intoleranz in Landsbrrg a. W. Die Meldung, daß die Stadtverordnetenversammlung von Landsberg a. W. den Antrag, in den Lehrplan der Diädchenbürgerfckulen und Knabenmittelschulen, die 46 Katholiken zählen, katholischen Religions» unterricht aufzunehmen, abgelehnt habe und zwar mit der Begründung, daß die Geistlichen den Modernifteneid geleistet hätten, ist bekanntlich von Landsberg aus als unrichtig bezeichnet worden. Trotz dieser .Berichtigung"' beruht die erste Mitteilung der »Deutschen Tageszeitung" aus Wahrheit, wie die »Schlesische Volkszeitung" auf Grund der Berichte der Landsberger Lokalpresse über die beiden in betracht kommenden Stadtverordneten- sitzungen nachweist. Nach einem Bericht deS Generalanzeigers für die gesamte Neumark in Nr. 43 führte in der ersten Sitzung der Referent, Rechtsanwalt Dr. Binting, aus:
. . . Nach dem Gesetze sei man nicht verpflichtet, für die katholische Minderheit zu sorgen. Er (Redner) sei nicht dafür zu haben, daß an den Schule» katholischer Unterricht erteilt werde. Nach dem Anträge solle die katholrsche Geistlichkeit den Unterricht erteilen. Dies solle mau nicht zulafsen. Als Kulturhemmnis sei die katholische Geistlichkeit gebrandmartt worden durch die letzten Vorkommnisse mit der BorromäuS-Enzyklika. Wenn man den Geistlichen einen Finger gebe, so nähmen sie die ganze Hand. Schon seit langer Zeit strebe man dahin, die Schulen von der geistlichen Oberaufsicht zu befreien und jetzt wolle man solche Zugeständnisse machen.
Nach einem Bericht der »Neumärkischen Zeitung" lauten die Worte so:
Wir sind gesetzlich nicht zu zwingen, katholischen Religionsunterricht erteilen zu lassei» .... Am wenigsten könnte ich dafür sein, den Unterricht zu honorieren, wenn er von den Geistlichen erteilt wird, wenn es sich auch nur um 420 Mark handelt. Hindern würde auch der Modernisteneid und andere Vorkommnisse der letzten Zeit. Ueber die Erteilung des Religionsirnterrichtes durch katholische Lehrer würde ich mit mir reden lassen.
^Vergebens suchte nach diesen offenbar höchst „ftcifinnigen" Worten der Bürgermeister Lehmann noch den Beschluß des Magistrats zu retten, indem er bat, wenigstens sich im Prinzip mit der Einrichtung deS katholischen Religionsunterrichts einverstanden zu erklären; man könne dahingestellt sein lasten, ob der Unterricht durch Geistliche oder durch Lehrer erteilt werden solle. Die erhobene Forderung sei jedenfalls ganz gering. Der Antrag des Magistrats wurde einstimmig abgelehnt. Von der städtischen Schuldeputation wurde nun beantragt, den Religionsunterricht durch Lehrer erteilen zu lasten. Der Magistrat genehmigte diesen Antrag und vkr langte Bewilligung der Kosten mit 240 Mark. Aber auch dieser Antrag sand nicht die Zustimmung des Stadlverordnetenkolleginms. Rach dem Bericht des .General-Anzeigers* sür die gesamte Neumark (Nr. 79) führte in der Sitzung vom 3t. März der genannte Herr Dr. Binting aus:
Ich habe gegen die Vorlage noch Bedenken. Die beide» Konfessionen stehen in Deutschland politisch und lonfessionell in scharfem Kampf«. Ich habe angeregt, L,Hebungen auzusteUen. wie solche Angelegenheiten am besten gehandhabt werden, wo das Verhältnis ein um- gelehrteS ist. Leider ist meiner Anregung nicht gefolgt morden.
Oberbürgermeister Ancker führte aus:
Die Katholiken sind doch nun einmal da und können nicht aus der Welt geschafft werden, und wir muffen aus Billigkeitsgründen der Borlage^ustimmen. Wenn im Westen nicht so tolerant gegen die Protestanten vorgegangen wird, so wollen wir nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, sondern toleranter sein . . .
o Der Wahlkampf in Oesterreich* Ungarn
nimmt leider eine sehr ungünstige Wendung.
Die Deutschsreisinnigen und Deutschnationalen haben die von den Christlich- Sozialen ihnen angebotene Wahlverständignng abgelehnt. Vielmehr sollen die Landesparteiorganisationen selbständig de Entscheidung zu treffen haben. Das bedeutet tn der Praxis: in den Ländern, wo die Deutschfreisinnigen im Kampfe gegen die Sozialdemokratie stehen, werden sie sehr gern die Hilfe der Christlich-Sozialen annehmea; wo aber diese mit der Sozialdemokratie um das Mandat zu ringen haben, werden die Deutschsreisinnigen kaltlächelnd die Genoffen unterstützen als ihre Bundesbrüder im antiklerikalen Kampfe. Da die Christlich-Sozialen unter diesen Umständen sich in der Leistung der Wahlhilfe sür die Deutschfreisinnigen natürlich eine große Zurückhaltung auferlegen müffen, muß man schon heute damit rechnen, daß der mit der Auflösung des Reichsrats verfolgte Zweck, eine sichere Arbeitsmehrheit unter Führung der deutschen Parteien zu schaffen, nicht erreicht werden wird.
Die Haltung der Deutschfreisinnigen garantiert der Sozialdemokratie ihren bisherigen Besitzstand, während die von den Christlich-Sozialen erstrebte Wahlverständigung ihnen vielleicht bis zu 20 Mandaten hätte entreißen können. Das Verhalten der Deutschfreisinnigen ist um so verhängnisvoller, als es zugleich die Gefahr einer Vorherrschaft des slawischen Blocks im Reichsrate heraufbeschwört.
Man sieht, wie auch hier den sich liberal nennenden Elementen, der Antiklerikalismus über alles geht, ihm zuliebe opferen sie sogar die Jntereflen, deren Vertretung sie sonst als ihre höchste Aufgabe erklären. Die Vorherrschaft des slawischen Blocks, der von den slawischen Sozialdemokraten unterstützt wird, während die deutschen Genoffen ihren Stammesbrüdern b.i jeder Gelegenheit in den Rücken fallen, würde gleichbedeutend sein mit dem Sturz deS System Bienerth, !tnb damit erhielte die deutsche Sache in Oesterreich einen Schlag, der zur Katastrophe werden kann. Seit Jahren haben die Deutschen in Oesterreich teilt Ministerium mehr gehabt, das ihren Jntereflen solche Gerechtigkeit entgegen brachte, der beste Zeuge dessen ist die Tatsache, daß die letzte Obstruktion der Tschechen, wie auch die ganze frühere Opposition der tschechisch-slowenischen Union einzig auf den Sturz des ihnen so verhaßten ——-Mannes abgezielt hatte.
Man hat eS dem allgemeinen Wahlrecht zur Last legen wollen, daß der Reichsrat arbeitsunfähig wurde. Das ist nicht richtig, aber leider muß man wohl sage», daß das neue Volkshaus der großen Schwierigkeit der österreichischen Politik, der nationalen Frage nicht viel besser Herr geworden ist als das alte Kurienparlament. Die Hoffnung, daß das zweite Voltshaus, das jetzt ge- wählt werden soll, bessere Vorbedingungen für die Lösung dieser Frage setzen werde, ist gering, es besteht vielmehr die Gefahr, daß die Schwierigkeiten noch größer fein werden. Damit würde aber auch die dauernde ArbeitSunsähigkeit des neuen Hauses besiegelt sei». Man versteht es darum, wenn in Oesterreich die Stimmen gutmeinender Patrioten sich mehren, welche die Regierung auffordern, durch .einen Gewaltakt dem nationalen Streit ein Ende zu machen. Auf Grund des Notparagraphen soll .die Regierung die Streitfragen der Nationalitäten eigenmächtig entscheiden und damit ein Tefinitivum schaffen, au dem das Parlament nichts mehr zu änbeui und zu rütteln hätte. Sicher ist, daß günstige Arbeitsmöglichkeiten sür den Reichsrat sich erst dann ergeben werden, wenn dir nationale Frage keine Schwierigkeiten und Verwirrung mehr schaffen tanrr.
■ Ein Staatsmann, der es fertig brächte, aus dem genannten Wege der nationalen Frage eine befriedigende und endgiltige Lösung zu geben, würde sich den innigsten Dank aller österreichischen Patrioten verdienen, aber er müßte wohl-die Tatkraft und das politische Genie eines Bismarck besitzen.
ein
Deutsches Reich.
** Berlin, 18. April 1911. Gerüchte über
Attentat auf Kaiser Wilhelm auf Korfu fvukten dieser Tage in der belgischen Presse. In seiner Meldung eines Brüsseler Blattes wurde so- 'aar behauptet, daß der Kaiser leicht verletzt worden •fei. Diese Gerüchte beruhen auf Unwahrheit. Tas Wölfische Bureau meldet: Gegenüber den auswärts ^verbreiteten Gerüchten erfahren wir von der zuständigen Stelle, daß das Befinden des Kaisers ein außerordentlich günstiges ist und daß Km der Aufenthalt im Achilleion, wie in frühere» Jahren, so auch jetzt vortrefflich bekommt. Der Kaiser wohnt täglich den Ausgrabungen bei Garitza bei. — Der Legationsrat Dr. Franz Grün en ronlb Wurde zum Wirklichen Legationsrat und Vortragenden Rat im Auswärtigen Amt ernannt. — Die deutsche ^LandwirtschaftSgesellschaft wird im Mai •eine große Studienreise durch daS Königreich Ungarn unternehmen.
'* Zum Tode der beiden Landtazrabgeorbneieu. Der verstorbene Sozialdemokrat Borgmann hat s«ne Haupttätigkeit als MUglied der Berliner Stadtverordneten-Versammlung entfaltet. Im Landtag »st er weniger als Redner denn als Zwischen- jUfec hervorgetreten, wozu ihn seine imponierende Körperfülle sowie seine gewaltige Stimme besonder» befähigten. Er ist trotz einer anscheinend vortreff, lichen körperlichen Verfaflung nur 56 Jahre alt 'geworden und an Magenkrebs gestorben. Gewählt War er im 5. Berliner Wahlkreis mit 303 gegen 207 freisinnige Stimmen. Der bei einem Automo« dilunfall verunglückte konservative LandtagSabg. d.Negelein ist politisch wenig hervorgetreten. Bei den Etatsdebatten im Abgeordnetenhause ergriff er 'zuletzt das Wort, um sich hn Interesse der Mar
Roch ein Stadtverordneter trat für den Antrag ein, ein anderer sprach dagegen, dann wurde der Antrag des Magistrats abgelehnt. — Wie man angesichts dieser Berichte behaupten kann, e» sei »nicht vom Modernifteneid die Rede gewesen*, ist nur dadurch zu erklären, daß man sich tatsächlich nachträglich auch in liberalen Kreisen der erschrecken- sen Intoleranz schämt, bi« man so offen vor aller Welt dargelegt hat. Wenn behauptet worden ist, im Westen fei man nicht f« tolerant gegen die Protestanten, so wäre es uns doch iutereflant, zu reiften, ob die Landsberger auch nur eine überwiegend katholische Stadt in ganz Preußen anf- treioen können, in der katholische Stadtverordnete sich jemals geweigert hätten, für 46 evangelische Kinder einen lehrplanmäßigen evangelischen Religionsunterricht zu bewilligen.
* Reichstogsabg. Everling und die Konservativen. Nach der »Ostpreuß. Ztg/ soll der Geschäftsführer der Evangelischen Bunde-, der nalionalliberale Reichstagsabgeordnele Everling, während deS Kampses um die Reichsfinanzreform dem konservativen Abg. Dröscher gedroht haben, wenn die Konservativen die Besteuerung des Kinder- und Ehegatten-ErbeS ablehnrn würden, so würde der furor protestanticue gegen sie entfesselt werden und fie von der politischen Bildfläche verschwinden taffen. Die Freuzztg." schreibt baju;
Diese Aeußerung drS Herrn Everling zeigt von neuem, wie ungeeignet für die Stellung deS Geschäftsführers deS Evangelischrn Bundes rin national- liberaler Parteimann und Agitator ist. Wir sind gewiß gern bereit, die berechtigten Jntereflen bei Bundes auch unsererseits energisch zu wahrzunehmen. Seine «uSnützung aber für bie parteipolitischen Zwecke werden wir mit allem Nachdruck zu bekämpfen roiffen, und wir können hierfür sicherlich auf Unter«
ftützung der zahlreichen im Evangelischen IBiuibe vor- hanndene konservativen Elemente rechnen.
Der Verband kath. kaufm. Vereinigungen Deutschlands (Sitz Efleu-Ruhr) hat soeben sein Jahrbuch für 1911 herausgegeben, das sowohl muh seiner eigenen Ausstattung wie nach den in ihm enthaltenen Angaben von einem erfreulichen Fortschritt zeugt. Im Jahre 1910 hat der Verband zu allen aktuellen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen sowohl des selbstcmoigen Kaufmannsstandes wie der Handlungsgehilfen Stellung genommen. Der Krankenkasse gehörten 6169 Mitglieder an. Es wurden bezahlt: Krankengeld 53 279,24 Mk., Kran- keuhauspflege 7938,60 M.» Begräbnisgeld 3480 3JL, Arzthonorar 61180,20 Mk., Medikamente 22 975,17 Mk. Der Vermögensbestand betrug am 1. Januar 1911 90 035,89 Mk. Die Sterbekasse zählte am 31. März 1911 rund 4200 Versicherte, die mit ca. 4Y* Millionen Mk. versichert waren. An Sterl:- gekd wurden im Jahre 1910 gezahlt 48 450 Mk., die Prämieneinnahme betrug 125 568,55 Mk., das Vermögen am 31. Dez. 1910 rund 550 000 Mk. Aus dem Hilfsfonds wurden im Gesckwstsjahr 1909-10 47 Verdandsmitglieder mit 3931,65 Mk. unterstützt. Das Vermögen des Fonds betrug am 30. Juni 1910 32 790,21 Mk. Am l.'Januar 1910 wurde dem Hilfsfonds eine Skellenlosenversicherung angegliedett, die dem stellenlosen Verbandsmitglied eine-tägliche Rente von 2 Mk. sicherstellt. Aus dem Witwen- und Waisenfonds kamen im Geschäftsjahr 1909=10 400 Mk. zur Auszahlung. Das Vermögen dieses Fonds betrug am 30. Juni 1910 27 812,10 Mk. Bei der Stellenvermittlung wurden int Geschäftsjahr 1909-10 1330 Bewerber und 1271 offene Stellen angemeldet; vermittelt wurden 399 Bewerber. Die Rechtsschutzstelle wurde in 94 Fällen in Anspruch genommen. Die Zahl der Mitglieder, die sich auf 14 Gaue verteilen, stieg von 25 138 am 31. Dezember 1909 auf 27 494 am 31. Dez. 1910.
♦♦ Handelskammer gegen Hansabund. Die falschen Propheten des Hansabundes müffen mehr und mehr die Erfahrung machen, daß ihre Irrlehren auch in den Kreisen, als beten berufene Wortführer sie sich ausspielen, keinen Anllang und Widerhall finden Mit dröhnmden Worten hatte ihr Chorführer von der »Erdrosselung* von Handel und Gewerbe gezetett und mit fanatischem Eifer Volks aufregende Bildnisse und Gleichnisse über die zusmnmenbrechende Industrie und die über Steuerlasten hohnlachende Landwirt- fchaft gemacht. Da kam zuerst aus der Welt, in der der Hansaöundprästdent doch heimisch ist, aus der Bankwelt, eine beschämende Kritik für Herrn Geheimrat Rieffer. Statt der „Erdrosselung* wiesen die Jahresberichte der Großbanken für 1910 durchweg eine zum Teil sehr erheblich gestiegene Umsatz- und Gewinnzisfer ans. Dann gab ein Teil der Handelskammern, obgleich sie korporative Mitglieder des Hansabundes find, der Wahrheit die Ehre und erkannte eine gute und gesunde wirtschaftliche Entwicklung im ersten Jahr der Wirksamkeit der Fi- nanzceform an. Der Reichsbote, kann als weiteres Beispiel hierfür die Potsdamer Handelskammer anführen, die ihren Sitz in Berlin hat. Es heißt in ihrem Jahresbericht für 1910 an den entscheidenden Stellen:
Tas abgelan'ene Geschäftsjahr wies eine langsam zunehmende Besserung der wittfchaftlichen Berhätt- nifle auf. An dieser Besserung haben zwar einzelne Erwerbszweige nur wenig obtr gar nicht teilgenommen, doch war der Beschäftigungsgrad der Industrie im allgemeinen, ebenso die Regsamkeit deS Handelsgeschäftes und insbesondere auch das Gedeihen der Landwrrtfchast so zufriedenstellend, daß jene Ausnahmen bie Bildung eines leidlich günstigen GefamturteilS nicht hindern können . . . Insbesondere tarnen unserer Industrie die durch eine Reihe guter Ernten gesteigerte Kaufkraft der landwirtschaftlichen Bevölkerung und m noch höherem Maße eine vermehrte AusfuhrmSglichkest zugute . . . Im allgemeinen lassen sich die Grundlagen des deutschen Erwerbslebens trotz mancher erwähnten Mängel als gesund bezeichnen ... So darf man für das kommende Jahr mit einer ruhigen, gesunden Weiterentwickelung des Erwerbslebens wohl rechnen, fteilich mit der Einschränkung und dem Wunsche, daß neue Ereignisse diesen ruhigen Gang nicht flöten. »
Eine Störung dieses ruhigen Ganges unserer wirtschaftlichen Entwicklung, die unsere Industrie groß gemacht und unsere Landwirtschaft gerettet hat, ist, so meint das genannte konservative Blatt mit Recht, zu befürchten und wird direkt beabfichtigt vom Hansa- bundr. Gegen diesen Störenfried richtet sich damit das Schlußwort der Potsdamer Handelskammer. Herr Rießer mag sich diesen Bericht eine» feiner korporativen Mitglieder an den Spiegel stecken und mit seinen Bildnissen und Glei^riffm etwas weniger vorwitzig sein!
+ Wie der Hansabund gegen bie berufene Vertretung deS Handwerkerstandes agitatorisch vorgeht, ergibt sich in bezeichnender Weise au» einer Versammlung des Hansabundes in Osnabrück. Dort hat, wie wir der,Kreuzztg/ entnehmen, einer der Haupttedner des Hansabundes, Kaufmann van Deventer, -erklärt, die Osnabrücker Handwerks- kammer bedeute einen großen Apparat, der viel Anttieb und Schmieröl brauche, aber wenig leiste. Dieser völlig unberechtigte Angriff läßt deutlich erkenne», wie es dem Hansabnnbe überall nur daraus antommt, Zwietracht zu säen. Der Hansabund hat wirklich keine Ursache, hochmütig auf die Handwerks- kammern herunterzuseheu. Er ist nichts weiter als ein Institut, das viel „Schmieröl* besitzt und verbraucht und gegen alles hetzt, was sich nicht dem Großkapital und der Börse tributpflichtig mache» will. Nichts, aber auch rein nichts hat der Hansa- bunb bisher für das Handwerk getan oder geleistet; er hat stets alles ht .Erwägung* genommen, was vorher bie Handwerksorganisationen und freien Vereinigungen beraten hatten. Mit erfreulicher Deutlichkeit hat denn a»ch die Handwerkskammer in Osnabrück dem Hansabunde eine Lektion ins Stammbuch geschrieben durch folgend« Er.lärung:
.Wie daS Handwerk über die Aeußermig denkt, geht au» den uns gewordenen Erklärungen deutlich hervor. EtgeutLmltch muß es berühren, wenn derartige Angriffe von einer Stelle kommen, der jede
Sachkenntnis abgefprochen werden muß. Wir find überzeugt, daß der Hansabund feiner Sache viel mehr schadet als nützt, wenn er die Werbetrommel auf diele Wesse rührt, und rott find mehr denn je davon durchdrungen, daß unser bisher vertretener Standpunkt, dem Hansabund« gegenübtr so lange eine abwartende Stellung einzunehmen, dis sich henmsftellt, ob er politische Tendenzen versolgt ober nicht, der allein richtige ist, zumal seine bisherig« Tätigkeit schon stark daraus hindeutet, baß brr Russchlnß der Politik durchaus nicht tu seiner Bbflcht lieat. Jedenfalls müssen w>r ganz entschieden dagegen Verwahrung einlegen, öuy der Hansabund sich in Angelegenheiten des Handwerks emmifcht, deren Wahrnehmung den Organisationen bis Handwerks durch Gesetz übertragen rst.*
Buch an anderen Stellen mehrt sich der Widerstand gegen das Treiben de» Hanfgvundes.
4- Der liberale deutsche Lehrerverem beginnt die Maske zu lüften. Die Pädagogische Zeitung, da» Haupwrgan des Verein», erläßt einen Aufruf an die deutsche Volksschullehrerschgst zu einer Reform des Religionsunterrichts. Es ist, wie mitgeteilt wird, bereits eine Vereinigung gegründet worden, die anknüpfend an den Kampf um die Religion überhaupt, die Religionslehrer zum Zusammen- schluß ermahnt, um einen „modernen, vom Verhalts» mus steten Religionsunterricht* zu schaffen. Wir werden dem deutschen Leherverein aufrichtig dankbar sein, wenn er sein Ideal des „modernen, vom Verba» lismus freien Religionsunterrichts* in vollster Deut- lichkesi uns vorführen wird. Hoffentlich wird er bann aber auch fo ehrlich sein, nicht weiter über ungerecht« Angriffe sich zu entrüsten, wenn die noch christlich gesinnten Teile unseres Volkes aus seinem Verhalten die notwendigen Konsequenzen ziehen.
ns Der Verband der technisch-industriellen B«. amten beschäftigte sich auf seinem 6. Bundestage, der Ostern in Berlin abgrhalten wurde, mit der Pensionsversicherung der Privatbeamten und der Reichsversicherungsordnung. Es wurdtz was voraus zu sehen war, eine Resolution angenommen, in der diese Beamten es „lebhaft bedauern*, daß die Privatbeamtenversichenmg nicht durch einen Ausbau der Invalidenversicherung herbeigeführt werden solle und gegen die „einseitige Heranziehung der Privatangestellten zu den Kommissionsberatungen* proiestiett wird. Auch von den Kommiffionsbeschlüs» sen zur Reichsverficherungsordnung, in denen bet Bundestag eine „Entrechtung der Arbeitnehmer* fleht, wurde nur mit „lebhaftem Bedauern* Kenntnis genommen.
* Die Jnstizbeanrken Preußens haben an bat Justizminister eine Petition gerichtet, in der sie u. a. Gleichstellung nrit den Sicherheitsbeamten erbitten, ferner Aenderungen der Titel und Uniformen,? Verkürzungen der Dienststunden, Regelung des Fra rienurlaubes, Erhöhung der Entschädigungen für di« Bereinigung der Gefangenen von 3 auf 10 Pfg. und Erhöhung des Wohnungsgeldzuschuffes bis % Höh< der den mittleren Beamten gegarten Zulagen,
Ausland.
** Der Parteitag der norwegischen Sozial-' demokraten hat sich zu Ostern für die Einführung des völligenAlkohol-DerboteS ausgesprochen. DaS Verbot soll auch in da» offizielle Partei-Programm ausgenommen werden.
** Eine Reise nach Tunis hat der Präsident dev französischen Republik Fakliöre» unternommen. In Toulon nahm er eine Parade über da» stark« französisch« Panzergrschwader, das ihn begleitet, ab und ging dann mit diesem in See. In seinem Gefolge befindet sich auch der bekannte ÜJiarinra Minister Delcaflee. In Biserta, der Hafenstadt von Tunis, wo die Ankunft am Dienstag erfolgt^, fand bie Begrüßung durch den Bey und die Behörden unter den üblichen Ehren statt; auch ein italienische» KriegSgeschwader war zum Empfang« anwesend.
** 3m französisch« Wiuzergebirt sind die Festtage ruhig verlausen. Die Verhaftungen und Der«; höre wurden fortgesetzt. Bi» jetzt find in den ®e»,. fängniflen von Epernay, Chaum» unb Reims ISO Aufrührer untergebracht. Die Gerichtsbehörden geben, sich alle Mühe, einem revolutionären Geheimverband, auf die Spur zu kommen, dessen Tätigkeit da» in den letzten Tagen in Ay und anderwärts angerichtete Unheil zugeschrieben wurde. Man glaubt auch, daß die Winzer noch irgenbroo Dynamit versteckt hatten» ba während de» Aufruhrs auf das Mckitär ein Sprenggeschoß geworfen wurde. Di« Versuche, die Verbrechen von Ay und Damtry hergelaufenen Sb«u in die Schuhe zu schieben, werden zwar
setzt, find« jedoch bei den Behörden keinen' Glauben mehr.
** Portugal. Amtlich wird die Entlaffung des Artilleriehauptmanns Baiva Conceiro bekannt gemacht, des einzigen Offiziers, der sich wirklich den republikanischen Truppen beim Aus«, brach der Revolution widersetzt und der jüngst eine Kundgebung erlassen ha^ in der er dem Volke vorschlug, eS könne durch eine Volks« abstimmung fein« Wünsche klar zum Ausdruck bringen, da die sechs Monate Republik keine Besierung der Lage in Portugal ergeben hätten.
** Die marokkanische SrisiS. Die Lage in Fez ist noch immer recht ungemütlich. Der aus Fez als Friedensunterhändler zu den Beni Mter entsandte Scherif Anrani ist von diesen ausgeplündert, ge« schlagen und entkleidet zurückgeschickt worden. Die, Beni Mter, Uarain und Tjemax näherten sich nach- mittag» der Stadt und griffen die Posten an, mußten sich aber, als sämtliche Streitkräfte des Maghzen anrückteu und sich ihnen entgegenstellten, unter Zu- rücklaffuug von mehreren Toten zurückzichen. Die Mahalla Bremonds trag einen Sieg über die SchernrdaS davon, die 40 Tote und 80 Gefangene verloren. Alle Postboten wurden ausgeplündert; ehr nach Mekines bestimmter Bote wurde von Aufrührern der Raselma erschossen. Rur Spezialkuriere, die die Briefschaften in ihren Gewändern cmgenaht tragen, können passieren.