M 87.
Dienstag -en 18. April |9U.
58. Jahrgang.
Waer W Zeitung •
2. Blatt.
Druck nnb Verlag ter ünlbaer adiewbruderei hi Suita.
4- „Protestantische Parteien."
Der Zentrumspartei wird immer wieder bet Borwurf gemacht, daß sie eine konfessionelle Partei fei, daß sie die Schuld trage, wenn eS zwischen ben beiden großen christlichen Konfessionen noch immer nicht zu dem Frtedensschluß auf dem politischen und bürgerlichen Gebiete gekommen sei. Gar keinen Anstoß aber nehmen dieselben ßcute daran, daß andere Parteien gegenüber der evangelischen Kirche ganz genau dieselbe «Stellung einnehmen tote das Zentrum zur katholischen Kirche.
AlS Herr v. Heydebrand kürzlich im Landtage das feierliche Versprechen ablegte, daß seine Partei wir ,in Mann sich erheben würde, wenn evangelische Interessen gefährdet werden sollten, da hat niemmid, Huch die „Tägl Rundschau" nicht, daran gedacht, ihm xinen Borwurf zu machen, daß er seine Partei dadurch zu einer konfessionellen Partei gestempelt hätte. In weiten protestantischen Kreisen betrachtet man die konservative, z. T. auch die nationalliberale Partei als ausgesprochen protestantische Parteien und man nimmt so wenig an dieser Charakterisierung Anstoß, daß man sie geradezu als selbstverständlich betrachtet. Ein interessantes Dokument hierfür stellt die Zuschrift eines Herrn Pastor I. Sommer in Schleswig dar, die von der .Post" (Nr. 177)) zum Abdruck gebracht wird. Der Herr Pastor tritt hierin für eine Verständigung von Konservativen und Nationalliberalen auf der Grundlage des evangelischen Gemeinschaftsbewußtseins ein. Er schreibt:
„Niemanv wird mehr den Zwist zwischen der ton« (ervativen und nationalliberalen Partei bedauern al?
’ie evangelische Kirche. Beide Parteien sind von Hauz aus protestantisch und haben für die Erhaltung und Verteidigung der evangelischen Kirche vieles getan. In den Kreisen der evangelischen Geistlichkeit war in den letzten Jahren ein starkes Mißtrauen gegen die Konservativen verbreitet wegen des ständigen Paktierens mit dem Zentrum. Ein großer Kett der Pastoren, vor allen Dingen die jüngeren, liest natwnalliberale Blätter; das sollte aber doch nicht bahmführen, die konservative Partei zu bekämpfen. »Sie evangelischen Geistlichen sollten in dieser Zeit vor de» so ernsten Herbstwahlen alles daran setzen, um eine Versöhnung zwischen den beiden Parteien herzu- stelleu . . . Wenn die Konservativen in wirtschaftlichen Fragen mit dem Zentrum paktieren, so mögen sie es tun, wenn sie nur bei jedem Schritt die Interessen ihres evangelischen Vaterlandes nicht vergessen . . . So ist es vielleicht in diesen Wochen und Monaten Ausgabe der spezifisch kirchlichen Presse, der kirchlichen Zeitungen und SonntagSblätter, deren Leserkreis nicht fu unterschätzen ist, den Streit zwischen Kon- ervativen und Nationalliberalen beizu- egen. Möchten die bedeutenden Männer in Kirche und Schule sich diesem Friedenswerk widmen, es wäre das ein Trost in trüber Zeit, des Schwetßes des Edlen wert."
Man denke sich, daß in einem katholischen Blatte ein solcher Artikel an die katholische Adresse sum Abdruck gelangt toure, das Entrüstungsgeschrei mochten wir hören. Speziell Vie „Post", die die Zu- Thrift des _£>rn. Pfarrers voll und ganz billigt, würde ich ganz fürchterlich aufgeregt haben. Mr regen uns «der den Artikel des Herrn Pfarrers Sommer nicht 1 luf. Wir können selbstverständlich die darin nieder- lelegten Anschauungen, soweit sie uns betreffen, nicht' lilligen, nehmen es ihm aber nicht im geringsten übel, saß er für die Wahrung der evangelischen Interessen oesorgt ist. Der Name „protestantische Parteien" ist ja gewiß nicht korreft. Die konservative Partei tritt für die evangelischett Interessen ein, weil sie sich aus bem evangelischen Bevölkerungsteile rekrutiert, gerade iso tote das Zentrum für die katholischen Interessen ein« tritt, toeit es sich aus dem katholischen Bevölkerungsteile rekrutiert, und ohne daß es damit zu einer katholischen Partei würde. Aber: weshalb macht man u n s denn nun eigenllich zum V o r w u r f, was bei Mveren Parteien als Vorzug angerechnet wird? i Sollte man nicht auch in evangelischen Kreisen .sich einmal der darin liegenden Ungerechttgkeit und Inkonsequenz, die allein aus feindseligem Vorurteil xntspringt, bewußt werden können?
Deutsches Reich.
* Fideikvmmitzstempel und Imparität. Wie die „Ermlandische Zeitung" berichtet, ist bei der Um- itoandelung des bisher freien Besitzes des Gutes K tanke ndorf (Lous) in ein Fideikommiss bei <ber Regierung der Antrag aus Befreiung von der
Zahlung des Fideikommißstempels gestellt worden. Begründet wurde dieser absonderliche Antrag mit dem Hinweis auf angebliche Bemühungender Katholiken, den gesamten Großgrundbesitz in Ermland in ihre Hände zu bringen. Das Erm- land biivet bekanntlich eine katholische Ecke inmitten der Provinz Ostpreußen. Der Grundbesitz war bei der Besitzergreifung Ermlands durch die Krone von Preußen in der Hauptsache in katholischen Händen. Trotz der energischen Kolonisation des Landes von feiten der ermländischen Bischöfe war ein sehr erheblicher Teil des Grundbesitzes im Besitz des b.^of- licken Stuhles, des Domkapitels und anderer kirchlicher Institute verblieben. Der infolge der Säkularisation des kirchlichen Eigentums eingetretene Be- sihwechsel ist fast nur dem protestantischen ^.oitätet! zugute gekommen, abgesehen von dem gewaltigen Waldbesitz, der zu ben Staatsdomänen geschlagen worden ist und einen Flächenraum von 2C9 000 Morgen entnehmen dürfte. Der Abg. Prätat Dr. Dittrich hat darüber sehr interessante Spezialstudien veröffentlicht. Angesichts des wirklichen Tatbestandes ist es geradezu ein Unfug, von einem Versuch der Katholiken zu sprechen, den Großgrundbesitz in ihre Hände zu bringen und ein noch größerer Unfug, daraufhin eine Befreiung von den staatlichen Lasten zu beantragen. Nach der „Ermländischen Zettung" soll die Regierung dem Gesuche entsprochen haben. Ein solches Verfahren ist nichts neues. In der Denkschrift über die Parität in Preußen wird auf Grund eines eingehenden Quellenstudiums festgestellt, daß die Einrichtung der protestantischen Fideikommisse in Oberschlesien ganz ausschließlich unmittelbar nach den drei schlesischen Kriegen erfolgt ist, also nach der Zeit, wo auch nach dem nicht publik zu machenden Erlaß Friedrichs II. die ersten Bürgermeisterstellen in Schlesien nur mit Protestanten besetzt werden mußten. Die Dotation der Heerführer aus den Befreiungskriegen ist in säkularisiertem katholischen Kirchen- gut erfolgt und zwar mit der ausdrücklichen Verpflichtung, ihn fideikommissarisch feftzulegen. An den Uebertritt der fürstlich Blücherschen Familie zum Katholizismus konnte damals nicht gedacht werden, vielleicht wäre sonst die Nachfolgerschaft im Fideikommis noch an das protestantische Glaubensbekenntnis gebunden worden.
** lieber den Grafen Posadowsky und die Ursachen seines Sturzes als Staatssekretär des Reichsamts des Innern bringt die freisinnige „Saale-Zeitung" einige ganz interessante neue Mitteilungen. Man sagte bekanntlich, Posa- dcwsky sei gefallen wegen seiner Freundschaft mit dem Zentrum, wegen seiner bülowfeindlichen Haltung, wegen seiner Prophezeiung von den 100 Sozialdemokraten. Die „Saale-Zeitung" »eslreitet die Richtigkeit dieser Mitteilung und sagt:
„Posadowsky hat niemals die Aeußeruug von „so und so viel Sozialdeiuokraten mehr" getan. Posa- dowsly hat niemals gegen den Fürsten Bülow intrigiert ober konspiriert; das widerspricht der vornehmen Natur des Grafen. Wohl aber steht fest, baß die halb- offiziöse Meute gegen den Stellvertreter des Reichskanzlers schon losgelassen worden ist, als der Staatsmann sich noch im Amte befand."
Die „Saale-Zeitung" deutet ferner an, daß Graf Posadowsky neulich in einem Gespräch olgenden Gedankengang entwickelt habe:
„Daß ich gestürzt worden bin, ist eigentlich eine Ironie der Geschichte. Wenn ich nun wirk'ich aus dem Amte scheiben mußte, weil ich mich zur Förderung meiner Sozialpolitik auf das Zentrum stützte, dürste ich mich dann nicht auf die Politik der Regierung von heute berufen, daß ich recht gehabt? Regien man heme in Preußen-Deutschland vielleicht ohne das
Graf Posadowsky betonte endlich, daß die Einführung der Wahlkouverts und her Isolierzelle bei den Reichstagswahlen sowie der Ab- chluß der sieben Handelsverträge nach der Ver- lbschiedung des Zolltarifs sein Werk gewesen leien.
)( Der Rücktritt be3 amerikanische» Botschafters in Berlin, Dr. Hill, zum 1. Juli erregt großes Aufehen. Es wird die Vermutung ausgesprochen, baß die Washingtoner Regierung Dr. Hill für ben Kali- treit mit Deutschland verantwortlich gemacht habe. In der englischen Presse tauchen gleichze-tig wieder
Gerüchte auf, wonach die Beziehungen Kaiser Wilhelms zu Dr. Hill zwar korrekt, aber niemals besonders freundlich gewesen seien. Dr. Hill hat kürzlich noch eine Reihe von Vorträgen in der Columbia-Universität in Newyork gehalten, um zu beweisen, daß das Gottesgnadentum der Fürsten ferne Geltung mehr habe. Das müßte allerdings einen Botschafter an einem Fürstenhofe, dessen Monarch sich noch vor wenigen Monaten ausdrücklich zum Königtum von Gottes Gnaden bekannt hat, unmöglich machen.
Ausland.
** „Herr Professor Ferrer." AuS New- Aork schreibt man der .Konservativen Korrespondenz': ES wird in Europa gewiß interessieren, wie hierzulande durch unsere großen Agenturen auch der Ferrer-Kultus gepflegt wird, lieber die letzten Debatten in den spanischen Cortes wurde nur berichtet unter der Marke „Herr Professor Ferrer und seine Feinde". Dabei wurde erzählt, er habe eine moderne Hochschule gegründet gehabt und sich dadurch den Haß der Kirche zuge- zogen. Herr Professor Ferrer — in Wirklichkeit war Ferrer Eisenbahnkondukleur und lehrte in seinen modernen Schulen nur den Haß auf die jetzige Weltordnung — bekommt auf diese Weise einen Glorienschein, wie er ihm selbst in Europa nicht verliehen wurde. Es ist höchste Zeit, daß nach Amerika herüber auch einmal objektive Be- richterstattung aus Europa kommt.
* Ter portugiesische Mivisterrat beschäftigt sich augenblicklich mit der Abfassung der Verfassung, die einer Nationalversammlung zu der Annahme unterbreitet werden soll. Danach wird der Präsident für 5 Jahre gewählt. Er ernennt bie Minister, einen Minister für auswärtige Angelegenheiten, Botschafter wird cs nicht geben, ebensowenig rote Gesandte. Die Konsuln werden mit der Vertretung im Auslande betraut werden.
.*♦ Zum Gonverneur von Togo als Nachfolger des in den Ruhest and getretenen langjährigen Gouverneurs Grafen Zech ist nunmehr der seitherige Stellvertreter, der erste Referent beim Gouvernement von Deutsch-Südwestaflika, Geh. Regierungs-Ral Brückner, ernannt worden. Der neue Gouverneur ist erst 40 Jahre alt und hat eine sehr schnelle Laufbahn hinter sich.
Aus dem Rachbargebiete.
(0 Oberrode, 17. April 1911. Gestern nachmittag 4 Uhr verlor der 25jährige Maurer Haseneier aus Welkers, als er auf der steil abfallenden Straße von Vemelsruhe nach Ober» rode in der Nähe unseres Ortes die Kurve nehmen wollte, die Gewalt über sein Fahrrad. Dieses rannte mit voller Wucht gegen einen Baum, und der junge Mann blieb mit zerschmettertem Schädel bewußtlos liegen. Das Rad ging in Trümmer. Haseneier wurde in ein Haus gebracht, wo ihm der Geistliche nur noch die letzte Oekung spenden konnte. Nach einer Stunde war der Verunglückte, der eine kranke Mutter hinterläßt und demnächst zu heiraten beabsichtigte, eine Leiche.
** Alsfeld, 17. April 1911. Nachdem unser Kreisziegeirzuchtverem im Winter Tiere nach Argentinien geliefert hatte, ging letzte Woche wieder eine Sendung Ziegen, Böcke und Lämmer nach Leipzig ab. Für eine Ziege nebst Lamm wurden 100 Mark bezahlt.
*♦ Lich (Oberhessen), 16. April 1911. Die Errichtung einer Gestütsstation in L i ch ist bei der Großherzogl. Regierung beantragt worden. Lich sei als Sitz einer Station in erster Linie ins Auge zu fassen, da es unter allen Gemeinden des Kreises Gießen bie meisten Pferde besitzt, und zirka 20 Kilometer von den übrigen Stationen entfernt ist. Lich liegt fast im Mittelpunkt von 27 Dörfern mit 1100 Pferden.
** Hanau, 17. April 1911. Am 10. Mai wird in Hanau ein Kornblumentag abgebalten, für
ben bie nötigen Kornblumen von einer dortigen Firma kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Der Ertrag der Veranstaltung ist für bedürftige Veteranen bestimmt. — Im Oberrodenbacher Privatwald, dicht am Wege von Langenselbold nach Oberrodenbach, bet von den Besuchern des Buchbergs stack benutzt wirb, entstand ein Waldbrand, der glücklicherweise im Enfftehen unterdrückt werden konnte.
** Offenbach, 17. April 1911. Der im Laufe des Monats ftatifinbenbe Offenbacher Kreistag wird auch über bie Erbauung einer elektrischen B ah n- verbindung zwischen Seligenstadt und Offenbach zu beraten haben. Diese elektrische Bahn soll bekanntlich ihren Ausgangspunkt im rechts- mainischen Bezicksamtsstüdtchen Alzenau nehmen, bei Seligenstadt den Main überbrücken und bann meist auf der Kreissttaße nach Offenbach geführt werden.
** Frankfurt, 17. April 1911. Mit Genehmigung des Magisttats wird hier ein Gedenkbrunnen für den „Struwwelpeter-Hoffmann", den Dr. Heinrich Hoffmann, dem Verfasser des bekannten Kinderbuches vom Stuwtvelpeter aus dem Gouiollettplatz zur Aufftellung kommen. — Der Fcank- furter Lehrerverein hat eine Entschließung gegen bie vom Provinzialrat festgesetzte Mietsentschäbi- gun g angenommen. Insbesondere erscheint ihm bet für Frankfurt a. M. bestimmte Entschädigungssatz von 810 Mack, der den gesetzlichen Mindestsatz mit nur 10 Mack überschreitet, mit Rücksicht auf bie hiesigen Mietpreise als durchaus unzureichend. — Nach dem Genuß von CamemberÜäse erkrankte hier eine Familie unter heftigen Vergiftungsetscheinungen. Durch das ärzüiche Eingteifeu tourbe die Gefahr beseitigt.
* Melsungen, 17. April 1911. Auf Grund bet Ergebnisse einer hier veranstalteten Wohnungsuntersuchung hat sich unter dem Namen „Melsunger Gemeinnützige Baugesellschaft G. m. b. H." ein Unternehmen gebildet, dessen Zweck ausschließlich daraus gerichtet ist, unbemittelten Familien ober solchen Personen, einerlei too dieselben beschäftigt sind, gesunde und zweckmäßig eingerichtete Wohnungen in eigens erbauten Häusem zu billigen Preisen zu verschaffen. Zu jeder Wohnung gehört ein sehr großes Stück Gartenland.
** Bon der Edertalsperre, 14. April 1911. Die Arbeiten an der Talsperre sind jetzt wieder in größerem Umfange ausgenommen worden. Auch mit den Maurerarbeiten an der Sperrmauer selbst, welche den Winter hindurch ruhten, ist wieder begonnen worden. Die Baugrube ist jetzt bis auf Kleinigkeiten vollständig hergestellt. Der große Bagger wird bereits abgebaul. In dem Steinbruche bei Bringhausen wird jetzt besonders intensiv gearbeitet, um Steinmaterial sür die Mauer'zu gewinnen. Zwei Züge sind stets unterwegs von dem Bruch bis zur Baugrube. Jeden Tag werden zirka 400 cbm Steine befördert.
** Darmstadt, 16. April 1911. Der Eulerpilot Reichardt hat mit einem Passagier an Bord seiner Flugmaschine hier einen neuen deutschen Höhenrekord mit 510 Meter aufgestellt.
* Wiesbaden, 16. April 1911. Der praktische Arzt Dr. Goldschmidt vergiftete sich in einem Anfclll von Nervenüberreizung in der hiefigen Kuranstalt.
* Limburg, 16. April 1911. Der Kreisausschuß des Kreises Limburg hat 243 Arbeitern und Dienstboten, die über 10 Jahre ununterbrochen in einenr und demselben Betriebe oder in berfetben Familie im Kreise Limburg tätig gewesen, Ehrenurkunden verliehen.
* Würzburg, 14. April 1911. Eine sonderbare Wohltäterin, die die größte Zeit ihres Lebens im Gefängnis zugebracht hat, eine 63 Jahre alte geschiedene Frau eines Sprachlehrers aus Albrechtshofen, ist neuerdings hier verhaftet worden. Sie hatte sich sür 8000 Mark Stoffe erschwindelt, bie sie als angebliche Hausiererin kaufte, zu Spottpreisen roeitergab und den Erlös den Armen schenkte. Für sich hatte sie nichts behalten. Ein Kaufmann in Würzburg, den sie wiederholt zu betrügen ver- ucht hatte, ließ die sonderbare Wohltäterin verhaften.
** Würzburg, 16. April 1911. Hier wurde der lellenlvse Kaufmann Dillmann verhaftet, der im Verdacht steht, arrt 14. Januar den Bürgermeister Mahler von Illlstadt ermordet zu haben.
wie ihr seid, nimmt es mich tatsächlich wunder, dich allein zu sehen."
„Wein Freund Warren konnte nicht mitkommen, denn — denn--"
„Mortimer, um Gottes willen, sprich doch. Wo ist Rittmeister Warren?"
„Lieber Onkel, mein Freund Edwin liegt im Hotel be Dien schwer verletzt. Von Bubenhand getroffen, fand ich ihn gestern auf einem einsamen Wege bet Anlagen besinnungslos liegen.
Dec Lord erzählte nun seinem Oheim, toie er seinen Freund gefunden, wobei er nicht ben geringsten Umstand verschwieg. Der Baron war tief erschüttert, als er dies alles hörte. Was sollte nun jetzt geschehen? Wie hatte er sich gefreut, daß bie beiden jungen Leute mit nach Schloß Rottenburg kommen sollten, und jetzt sollte daraus nichts werden. Denn das sah er selbst ein, daß Mortimer so lange in Nizza verweilen würde, bis SBarren vollständig hergestellt wäre. Wie würben aber die Seinen diese Schreckensnachricht aufnehmen, Schon wollte er eine dahingehende Frage an seinen Steffen richten, als dieser ihm zuvorkam.
„Aber eins macht mir Sorge, lieber Onkel. Wie soll man den Damen diese Nachricht überbringen? Es ist wirklich keine geringe Aufgabe, dies zu tun. Ganz besonders ist es mir um Komteß Isolde zu tun. Ich glaube, daß sich zwischen ihr und meinem armen Freund ein inniges Liebesverhältnis gebildet hat. Wie soll ich ba jetzt dem Mädchen bie Unglücks- botschast überbringen?"
„Du hast recht, mein Junge. Aber etwas muß doch gesagt werden. Und ba meine ich, wirb es wohl bas beste fein, wenn bu erklärst, Rittmeister Warren sei burch unaufschiebbare Umstände abgehalten, mit uns nach Deutschland zu reifen. Dafür, daß du hier bleiben mußt, wirst bu schon einen plausiblen Grund anzugeben toiffen. Denn mich Tante und Bianka brauchen von dem furchtbaren tragischen Geschick Marrens nichts 311 erfahren. Ach, ba kommen sie ja schon. Also, fasse bich, mein Junge. Doch noch eins. Wenn es btr angenehm ist, so wollen wir beide heute nachmittag unfern verwundeten Freund aufsuchen. Biel-
Der Erbe von Edelstein.
28j Roman von Edmund Nowak.
„Sie haben recht, Herr Kapitän. So wird es .am besten sein. Für morgen hat mich Baron Rot- itenburg so wie so zu sich gebeten, und da werde ich 'wohl Gelegenheit finden, ihn in unser Geheimnis (kinzutoeihen. Vielleicht haben Sie morgen Zeit, ins Lazarett zu gehen und zu sehen, toie es mit meinem formen Freunde geht. Ich glaube es nicht ertragen '»u können, wenn ich wissen sollte, daß Warren ein Opfer dieses verruchten Menschen werden sollte. Doch sich habe Vertrauen zu seiner stacken Körperkonstituttoil, >daß er diese furchtbaren Verletzungen gut überwinden wird, umsomehr, als edlere Teile nicht verletzt find."
„Gern will ich Ihrem Wunsch willfahren. Gleich jWtgen früh werde ich mich nach dem Lazarett bege- ®en. Auch mir würde es schrecklich sein, wenn der Rittmeister sterben sollte. Ich habe ihn so lieb', als »väre er mein eigener Sohn. Er darf nicht sterben, «ch muß ihn doch noch als Erben von Eberstein isehen. Und da weiß ich, daß die Vorsehung meine Doffnung nicht wird zu Schanden werden lassen. MA ?&er, mein Lord, muß ich in meine Kajüte gehen, l u rS wohl und denken Sie, der alte Trau-
.Lu"b, wird nicht zugeben, daß dieser ver . . . Ooseroicht triumphiert."
t Zwei ^le Männer, von dem einen Verlangen be- ®anb $reunb 2Barren »» retten, reichten sich bie ? Am nächsten Vormittage begab sich Lord Mortimer in das Hotel des Palmiers, um dem Oheim von jkni furchtbaren Geschick seines Freundes Mittellung |u machen Zum Glück traf er ben Baron allein zu Pause.
/ „Mein lieber Mortimer, was ist denn um alles in ter Welt gestern geschehen? Wir glaubten, bu würdest noch einmal toiedeckommen? Doch, too ist denn Her Herrr Rittmeister? Als zwei so innige Freunbe
leicht ist es möglich, ihn zu sprechen. Was sagt beim ber Arzt? Ist bie Verletzung lebensgerahr- lich?"
„Wenn nicht irgend andere Komplikationen hinzutreten, dürfte eine direkte Lebensgefahr nicht vorhanden sein. Er hofft, daß ihm bie kräftige Natur Edwins zu Hllfe kommen werde."
Mortimer schwieg. Denn die Tür tat sich auf, und Frau Baronin Rottenburg trat mit ihrer Tochter ins Zimmer. Nach der herzlichen Begrüßung mit den Damen wollte sich Lord Bothwell empfehlen, aber dies ließ seine Tante nicht zu.
„Nein, mein lieber Mortimer, du bleibst noch ein Weilchen. Wenn es dir nicht unangenehm ift„ so labe ich dich zum Frühstück ein. „Ich habe nämlich einen getoaltigen Hunger mitgebracht."
Als Bianka sich den Bitten ihrer Mutter anschloß, konnte Mortimer nicht mehr nein sagen und blieb. Es bereitete ihm ja eine große Freude, an der Seite seines geliebten Mädchens weilen zu dürfen. Man unterhielt sich aufs lebhafteste mit einander. Die Baronin hatte verschiedene Fragen über dies und jenes an ihren Neffen zu stellen.
„Sage mir einmal, mein lieber Mortimer, too bleibt denn eigentlich der Herr Rittmeister? Er läßt sich ja gar nicht sehen. Ihr seid ja beide die Unzertrennlichen, und da ist man doch gewöhnt, wo du bist, auch ihn zu sehen."
Mortimer beherrschte sich. „Liebes Tantchen, mein Freund ist durch eine unaufschiebbare Angelegenheit abgehalten, hierher zu kommmen. Wie ich ganz bestimmt wyß, wird er am Montag bie Reise nach Deutschland nicht mitmachen können. Er wirb erst in einigen Wochen sich bie Ehre geben können, in Schloß Rottenburg vorzusprechen."
„Aber das geht doch nicht: ich glaube kaum, daß seine Angelegenheit so dringend fein bürste, uns nicht wenigstens Adieu zu sagen," ertotberte indigniert die Baronin.
„Sei nicht böse, liebes Tantchen. Ich bin über- zeugt, daß mein Freund tief unglücklich sein würde, wenn er wüßte, daß bu ihm zürnst. Du barfft von ihm nichts Böses, denken. Er würde sofort hierher
eilen, aber er ist nicht zu Hause und dürfte, toie gesagt, vor einigen Wochen nach seinem Hotel nicht zu- ruckkehcen."
Der Baron mischte sich in das Gespräch. „Liebe Frau, ich habe eine zu hohe Meinung von Baratt Warren, als daß ich nur die geringste Ungezogenheit von ihm annehmen könnte. Nur überaus wichtige Gründe werden ihn gezwungen haben, ohne Abschied plötzlich abzureisen. Sieh mal, mein liebes Kind, auch Mortimer wird uns nicht begleiten, da er als unzertrennlicher Freund ihn nicht verlassen will."
„Nein, nein, das gebe ich niemals zu", rief bie Baronin erregt aus. „Nicht wahr, Mortimer, was mein Mann sagt, kann doch unmöglich deine Absicht sein!"
„Und doch, liebes Tantchen. In diesem Falle kann ich es nicht anders. Ich werde sofort nach Eurer Abreise zu meinem Freunde eilen, um an seiner Seite zu weilen. Zürne mir nicht, Verehrteste Tante, aber es geht beim besten Willen nicht anders. Du glaubst gar nicht, wie ich mich schon freue, nach Rottenburg zu kommen, aber für den Augenblick muß ich zu meinem größten Leidwesen meiner Freude Zügel anlegen. Hoffentlich wird es nur wenige Wochen dauern, und dann eile ich auf Flügeln der Sehnsucht zu Euch."
„Und darf man vielleicht nach dem eigentlichen Grunde deiner Weigerung fragen?"
„Aber, liebes Tantchen, bu hast ja gehört. Als aufrichtiger, wahrer Freund, ja, als Ehrenmann kann ich nicht anders handeln. Und wenn ich mit Baron Warren nach Rottenburg kommen und Euch die vielleicht jetzt unverständliche Handlungsweise unser beider näher ertiären werde, da wird mein gutes Tantchen die erste sein, die sagen wird: Mortimer, bu haft brav gehandelt. Ich bin stolz auf dich."
Die Baronin lachte. Sie konnte ihrem Reffen nicht böse sein und erklärte sich schließlich mit allem einverstanden. Nur Bianka blickte mit ihren schönen Augen ihren Vetter traurig an. Dieser ergriff ihre Hand und drückte fie herzlich. Sein Blick sagte ihr: Vertrau« mir, es wird alles gut werden.
(Fortsetzung folgt.)