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Japrtag den 15. April 1911.

58. Jahrgang.

fuldaer W Zenung

2. Blatt.

Vr»ck und Verlag »er $»16«« Äctknbrudttel in $ui6o. .

wochen-Run-schau.

' ' > [:] Fulda, 7. April 1911.

- Kun hat auch das Herrenhaus seine Pforten beschlossen und die Osterferien angetreten. Im allge­meinen pflegt man den Beratungen dieser Körperschaft weniger Bedeutung beizulegen und die Einrichtung der Ersten Kammer Preußens als veraltet zu betrach­ten Diesmal aber hat man den Debatten doch eine tvcit größere Aufmerksamkeit geschenkt. Zwar ist nichts neues verhandelt worden, was nicht vorher schon parlamentarisch durchgehechelt gewesen wäre. Allein rs taten doch zum-Teil größere Gesichtspunkte zu < ige. Bei der Debatte über den Antiinodemisteneid »Jar es die große Rede des Kardinals Dr. Kopp, den tiefsten Eindruck hervorrief, da der Redner in Usher noch nicht dagewesener Weise die Bedeutung Dieser Anordnung des hl. Vaters nach allen Rich­tungen hin beleuchtete. Bei dem Thema Pflichtfort­bildungsschulwesen wurde die Bestimmung auf Ein- fühmng des obligatorischen Religionsunterrichts mit konfessioneller Gmndlage wieder hergestellt, und über die reichsländische Verfassungsfrage hörten wir eine Itede des früheren Unterstaatssekretärs von Elsaß- Lothringen v. Köller, in der der Regiemngsmtwurf seiner scharfen und einschneidenden Kritik unterzogen und überhaupt gesagt wurde, die Elsaß-Lothringer seien mündig genug, um sich ihre Verfassung zunächst einmal nach eigenen Wünschen zu entwerfen. Auch diese Rede machte sichtlich tiefen Eindmck und dürfte nicht ohne Bedeutung für die weitere Entwickelung der Frage bleiben.

Die Rei chstagsersatzwahl für den ver­storbenen Vorsitzenden der sozialdemokratischen Reichs­tagsfraktion Paul Singer brachte natürlich in die­sem bombensicheren Wahlkreise dem sozialdemokrati­schen Kandidaten den Sieg. Trotzdem sind die Ge­nossen mit der Wahl nicht sehr zufrieden, denn obwohl sie eine sehr eifrige Agitation entfaltete hatten, sank Ihre Stimmenzahl um nicht weniger wie 12 000. Es würde verfehlt sein, aus diesem Ausgang besonders Hoffnungsfrohe Erwartungen für die bevorstehenden allgemeinen Reichstagswahlen abzuleiten, immerhin darf man sich der Tatsache freuen, daß auch die sozial­demokratischen Bäume doch nicht in den Himmel wachsen.

Der Aufmarsch der Parteien zuni Wahl­kampfe nimmt rüstig seinen Fortgang. Die Gesanrt- zahl der bis jetzt aufgestellten Kandidaturen dürfte heute schon nur um ein weniges der Zahl nachstehen, welche im letzten Wahlkampfe erreicht war. Im libe­ralen Lager ist große Freude eingezogen, weil in dem größeren Teile des Reiches die angestrebte Verstän­digung zwischen Nationalliberalen und Fortschrittlern erreicht ist. Erreicht vorläufig zwar nur auf dem Papiere, und Ls wird bereits von lokalen Widerständen gegen die Abmachungen dec Zentralstellen berichtet. Immerhin müssen wir damit rechnen, daß im großen und ganzen der Wahlkampf unter dem Zeichen des liberalen Kleinblocks, in der Stichwahl verstärkt durch den Großblock, stehen wird. Die Widerstände gegen die gesamtliberale Einigung .ommen besonders aus den Kreisen der rechtsstehen­den Nationalliberalen. Einer der Führer dieser Rich­tung, der Vorsitzende der bayerischen Landesorganisa­tion, Fabrikdirektor Tafel-Nürnberg, hat die rapide vorwärtsschreileude Linksentwicklung seiner Partei sn Bayern nicht mehr mitmacheu wollen. Er hat in kiuer öffentlichen Erklärung seinen Rücktritt von den Parteiäintern damit begründet, daß die Leitung dec nationalliberalen Partei, in Berlin sowohl wie in München, sich von der altbewährten Praxis des Zu­sammengehens mit den Rechtsparteien getrennt habe, Md immer mehr in die Abhängigkeit von dem Links- Meralismus geraten sei. Die fortschrittliche Presse Ist naturgemäß mit dieser Entwickelung der Dinge sehr -iiwerstaudcn, denn der Linksliberalismus wird den alleinigen Vorteil davon haben.

Im Ministerium zu Berlin hat eine Handwer- perkonferenz stattgefunden, die auch von Vertre­tern der Industrie zahlreich beschickt war. Auf Anre­gung der Negierung sollten hier die Grenzen festge- stcllt iverden, wo das Handmecksgebiet in das Fabri­kationsgebiet hineiurage. Demgemäß sollten die so­zialen Pflichten bezüglich der Lehrlingshaltung, Bei­träge zu den Berufskammern usw. fixiert werden. Die Herren sind aber so llug heimgegangen, wie sie gekom­men waren. Eine Einigung ist nicht erfolgt, und man

steht auch hier wieder, wie schwer es ist, viele Köpfe unter einen Hut zu bringen.

In F r a n k r e i ch geht es wieder einmal so wild zu, daßman sich ebensogut in die Tückei versetzt wäh­nen könnte. Aufruhr und Revolution aller Otten. In der Champagne sind es die Weinbauern, in den Ha- fenstädtm die Dockarbeiter, die Revolutton machen und alles kurz und klein schlagen. In Patts aber, an der Quelle der Regierungsweisheit, werden hie wichtig­sten Dokumente durch Beamte des Austoärtigen Am­tes gestohlen, und soeben ist in demselben Regierungs- ressott wieder ein raffinierter Diebstahl von nahezu einer halben Million Francs entdeckt luorden. Die Machthaber brüten inzwischen Pläne aus, wie sie in Marokko mit Aufwand ungeheuerer Geldmittel den Sultan gegen die aufständischen Stämme halten können, natürlich zu ihrem höchst eigenen Vorteil den anderen Mächten gegenüber.

Spanten scheint den Braten zu riechen und rü­stet sich ebenfalls zu einer äußerst kostspieligen Aktion in Marokko, während das Volk in der Heimat hungert und darbt. Es ist daher auch schon zu einer republi­kanischen Erhebung in einer Provinzstadt gekommen, die zwar schnell unterdrückt werden konnte, aber doch als ein beoeutsames Zeichen dec inneren Krisis be­trachtet werden muß.

Die Lage im Orient gibt ebenfalls zu schwerer Beunruhigung Anlaß. Die Türken können trotz aller Schönfärberei weder mit dem Aufstand in Albanien noch mit der Arabererhebung im Innern fertig werden. Schon macht sich in Montenegro zu Gunsten der Albanesen eine kriegerische Stimmung bemerkbar, der die jungtürkische Regierung ettigegenzutteten gezwun- en ist.

Betrachtet man im Zusammenhänge hiermit die blutigen Unruhen in Canton in China, die Lissaboner Arsenalarbeiterrevolte, den mexikanischen Revolutions­krieg, so kann man auf einen Völkerfrühling schauen, dessen Spuren mit Blut gezeichnet sind. Daß aber der Anblick ein tröstlicher wäre, läßt sich beim besten Willen nicht behaupten.

Deutsches Reich.

* Die Berliner portugiesische Gesandtschaft schickt einigen geistesverwandten Berliner Blättern, z. B. der Vossischen Zeitung und dem Berliner Tageblatt, eine Erklärung, in der bei Geist und das Gewissen der neuen provisorischen Regierung in Portugal zum Aus­druck kommen. Die historische Entwicklung Portugals habe sich durch harte Kämpfe gegen die Reaktion, be­sonders die „klerikale Reaktion", vollzogen, die seit Gründung des „nationalen" Staates bekämpft wor­den sei; je nachdem ein Sieg oder eine Niederlage er­folgt fei, fei das Land gediehen oder in Verfall gekom­men. Auf Grund von Gesetzesverletzungen und de­ren sophistischer Auslegung habe sich sowohl im Mut­terstaat als auch in den Kolonien ein Netz von kle­rikalen Kongregationen über das Land verbreitet. Pa­thetisch heißt es dann weiter:

Da wurde die Republik proklamiert. Die gewissen­hafte «Welch blutiger Hohn!) vorläufige Regierung hat, wie ihr dies ihre Pflicht dringend auserlegte/diese Kongregationen mit einem Schlage aufgelöst, indem sie gültige Gesetze anwendele, die, wie sie feststellte, alle Kongregationen ohne jede Ausnahme verletzt hatten. Keine hatte eine rechtliche Existenz. Ein deutlicher Be­weis, daß sie nichts iveiter waren, als ein pathologischer Auswuchs in dein Organismus der Nation, ist, daß die Auflösung sich ohne die geringste soziale Erschütterung vollzogen hat. Im Gegenteil: der öffentliche Friede, dessen sich Portugal erfreut, war nur auf diese Weise mögltch. Der portugiesische Staat achtet jeden Glauben, unterdrückt aber jede leidenschaftliche Ausschreitung Wem mußte man nun nach Auflösung der klerikalen Kongregationen die Güter übergeben, die diese besaßen? Wern gehörten sie? Dem Staat? Privatleuten? Die vorläufige Regierung durste nicht die Verantwortung aus sich laden, bieS allein zu beurteilen, und nicht allein entscheiden, indem sie durch einen Schiedsspruch die Güter dem einen zuerkannte und dem andern ver­weigerte, denn jeder Schiedsspruch, mit wie rechtlichen Gesinnungen er auch gefällt worden wäre, hätte, ob­gleich mit Unrecht, wie ein Willkürakt angesehen werden löniren. Deshalb hat sie, indem sie sich entschloß, diese Besitzungen als Titularbesitzer zu behalten, die Ent­scheidung mit der größten Sorgfalt den Beamten des öffentlichen Ministeriums (Staatsanwälten) bei den ordentlichen Gerichten anvertraut und den interessierten Parteien das Recht gegeben, Berufung an die Gerichte

»u ergreifen, indem sie verordnete, daß diese Prozesse gratis „ex officio" seitens der Gerichtsbehörde gejährt würden, und indem sie allen Reklamationen den Bei­stand der Gerichte zubilligle. Könnte man eine ehrlichere Prozedur adoptieren, eine, die entgegenkommender war? Derjenige, der wirklich überzeugt »ft, daß seine Reklama­tion gerechtfertigt ist, kann ruhig sein. Hat er Bewttse, sie zu begründen, so präienttere er sie, damit sie ohne Verzug geprüft werden, aukmerksam und unpartkirlch durch die kompetenten Behörden, denn alle dieienigen, die ihr Anrecht Nachweisen werden, werden von der Regierung sofort die Rückerstattung rbrer Güter erhallen.

Man könnte über diese famose Erklärung beinahe zu Tränen gerührt werden, wenn man nicht aus an- bem Quellen ganz genau wüßte, was von biefen schö­nen Phrasen und Friebensvecficherungen zu halten ist. Die Berliner portugiesische Gesanbtschaft dürfte doch wissen, sagt die „Germania", daß die Machthaber in Portugal von bet ganzen zivilisierten Welt gerich­tet stnb unb selbst von einem Hinbu-Blatt als Ver­folger von Unschuldigen unb von Freunden bet Menschheit gebranbmartt würben, unb baß der Ver­such, ihre Tyrannei als „gewissenhafte Regierung", als „ehrliche unb entgegenkommende Prozedur" hin- zustellen, wirklich nichts als Heiterkeit ober Entrü­stung Hervorrufen kann. Die Gesanbifchast will etwas von einem „öffentlichen Frieden in Portugal" vor- flunfem, als ob nicht überall Grabesruhe herrschen müßte, wo jede andere Meinung mit Gewalt unter­drückt wird. Wir erinnern nur daran, daß in Por­tugal kein einziges nichtrepublikanisches Blatt mehr existiert, unb baß selbst republikanische unterbrückt wer­ben, toenn sie an bet „gewissenhaften, vorläufigen Regierung" Kritik üben. Noch blutiger ist der Hohn, der in der Behauptung der portugiesischen Gesandt­schaft liegt, der portugiesische Staat achte jeden Glau­ben. So sagten auch die preußischen Kulturkämpfer von sich, so Combes, Clemenceau, Briand. Was im übrigen von der Wahrheit der offiziellen Mitteilungen bei „provisorischen" Negierung in Portugal und ihrer Vertretungen im Ausland zu halten ist, haben wir schon so oft erfahren, daß sich eine Erwägung darüber vollständig erübrigt. Alles ist nut Sand in die Augen der auswärtigen Mächte.

— Eine beherzigenswerte Kabinetisordre eines preußischen Königs. Bekanntlich waren die Katho­liken Preußens noch bis in den Ansang des 19. Jahrhunderts hinein von allen besser besoldeten Staatsämtcrv ausgeschlossen. Eine Wieder­kehr dieser Zustände auch für die heutige Zeit wünschen sehnsüchtig die $?ultuiiämpfer in unserem Vaterlande. Das hat der Fortschrittsmann Schrader im Reichstage kürzl'ch unverblümt und deutlich zu erkennen gegeben. Diesem Herrn und feinen Ge­sinnungsgenossen gegenüber sei an eine Kabinetts­ordre des Königs Friedrick Wilhelm III. aus dem Jahre 1808 erinnert. Sie wurde wegen Auf­hebung des Konsessionsunterschiedes im bürgerlichen Leben"erlassen und lautete wie folgt:

„Mein lieber Staatsminister Graf Dohna! Ich vernehme ungern, daß in einigen Meiner Provinzen der Konfessions-Unterschied noch einige Berschieven- heiten im bürgerlichen Leben, zum Nachteil Meiner katholischen Untertanen begründet.

Diese widerstreiten den allgemeinen Grundsätzen Meiner Regierung. Je rnehr Mir eine ächte Religiö- sitäl über alles heilig ist und je mehr Ich dieselbe in jedem Staatsbürger und Staatsdiener ehre und geehrt wissen will, desto' weniger kann Ich es dulden, daß die Verschiedenheit des Glaubens bei Weinen protestantischen und katholischen Unterthanen irgend berücksichtigt werden. Ich will solche, wie auch die Slädte-Ordnung bestimmt, ebenfalls in jeder anderen Beziehung vertilgt wissen, und suhle Mich dazu um so dringender verpflichtet durch die in der letzten Katastrophe auch von Meinen katholischen Unterthanen bethätigte treue Anhänglichkeit an den Slaat und an Meine Per­son. Ihr habt demnach demgemäß das Wettere zu ver­fugen und daneben erkennen zu geben, daß nach Be­st i'edigung der dringendsten Staatsbedürfmsse, auch die Verbesserungen der hin unb wieder noch schlecht dotierten katholischen Geistlichen und Schul-Anstalten ein Gegen­stand Meiner besonderen Fürsorge fein wird. Ich bin Euer wohlaffektionirler König Friedrich Wilhelm." Königsberg, d. 26. Dezember 1908."

Möchten diese goldenen Worte eines preußischen Königs von den kullurkämpferischen Elementen in Deutschland nur recht beherzigt werben. Doch das ist wohl kaum zu hoffen.

— Erzbischof und Sozialdemokratie. Die sozial- demokratische „Breslauer Volksmacht" hatte vor meh­reren Wochen behauptet, der Lemberger Erzbischof

Bilczewski habe in einem Hirtenbriefe bie So­zialisten in anerkennender Weise „bie besten Aerzte* sozialer Ucbel genannt. Tie in Bcuthen erscheinend» „Oberschlesische Zeitung" (Zentrum) traute dem so­zialdemokratischen Blatte nicht und ging der Sache auf den Grund. Schon nach einigen Tagen brachte sie selbst eine ganze Reihe von Stellen aus den Hir­tenbriefen Bilczewskis. Aus diesen geht ganz deutlich hervor, daß der Erzbischof unmöglich die ihm von der „Voftswacht" in den Mund gelegten Worte ge- schtteben haben kann. In ihrer Erwiderung suchte sich nun bie „Volksmacht" dadurch ans ber Verlegen­heit zu helfen, baß sie sich hinter ben bekannten Anti- pvlenprofesfor Bernhard versteckte. Sie schrieb wörtlich:

„Das Zitat lder Volksmacht) ist ja nicht von irgend einem obfturen Sozialdemokraten herausgesunden wor­den, sondern von Dr. Ludwig Bernhard, der ■!) ruhm­reiche Berliner Univelsttätsproiessor.....ihm wird

wohl auch die Zentrumspresse nicht nachsagen wollen, daß er das Zitat erlauben ober gefälscht habe."

Die „Oberschles. Zfg." hält aber trotzdem ihre Be­hauptung aufrecht, die umstrittene Stelle finde sich in Bilczewskis Hirtenbriefen überhaupt gar nicht und fei einfach gefälscht. Das Zentrumsblatt bietet ber „Volksmacht" 5000 Mark Belohnung für bie genaue Bezeichnung ber Stelle, an ber sich bas sozial- bemokratische „Zitat" in ben Hirtenbriefen angeblich finbet. Die „Deutsche Tagesztg." interessiert vor allem die Berustmg eines sozialistischen Blattes, bas einer Zitatenfalschung bringenb verbächtig ist, auf Professor Bernhard als Quelle für jenes „Zitat". Sie glaubt, Prof. Ludwig Bernhard werde nicht um­hin können, sich zu dieser Angelegenheit zu äußem, um nicht in einen Verdacht zu geraten, ber für einen beutschen wissenschaftlichen Forscher sehr böse wäre.

Ausland.

* In einer erregten Debatte über bas Freimaurer- tum unb dessen beherrschenden Einfluß in Ungarn kam es in einer ber letzten Sitzungen des ungarischen Abgeordnetenhauses. Ein Redner der katholischen Volkspartei bemängelte es, daß die staatliche und Gemeinde-Verwaltung in Ungarn von F reiman- rern durchsetzt sei. Der radikale Abgeordnete und ehemalige ungarische Justizminister Geza Po- lonyi ,ehemals selbst Mitglied einer Freimaurerloge, benutzte diese Bemerkung zu einem heftigen Angriff gegen das liberale unb, wie er ausführte, in seiner Majorität jüdische Freimaurectum. Er verlas vor allem eine ganze Liste bekannter ungarischer Po­litiker und hoher Verwaltungsbeamter, bie ben Freimaurern zugehören. Ludwig Kossuth, ber Ungarn revolutionierte, sei Freimaurer gewesen (feine Söhne finb es auch), ebenso Graf Julius Anbrassy, dessen Freund unb späterer Minister des Aeußern. Äon den Staatsmännern, die jetzt am Ruder seien, gehören Alexander Wekerle und ber Minister des Innern Karl Hieronimh zu ben Freimaurern. Der Bürgermeister von Pest, Barczy, gehöre der Loge „Democcatia" an unb sei beshalb für feine Verfügungen als Bürger­meister ebenso seiner Soge, als den staatlichen borge» letzten Behören verantwortlich.

Wenn Ungarn — so führte Polonyi aus — ober ein anderer europäischer Staat in seiner Verwaltung Tausende von Männern besitzt, die sich den Frei­maurern verschrieben haben unb in bereit revolutio­nären Grundsätzen die Vorschrift für ihr Verhalten im Amte sehen, so ist das eine Gefahr für den Staatsgedanken. Die Verwaltung verliere dann den Charakter der Unparteilichkeit und gerate in die Hände einer unzuverlässigen politischen Gruppe. Der ungarische Abgeordnete Paul Sandor sei von feiner Loge gezwungen worden, sein Mandat niederzulegen, wett er es nicht zur Betätigung freimaurerischer Interessen benützen wollte. Als Beweis, welchen Ge­wissenszwang die Freimaurer auf ihre Mitglieder ausüben, verliest Polonyi den Eid, den jeder Frei­maurer bei seiner Ausnahme in eine Loge zu leisten habe. Er charakterisiert diesen Eid als gottesläster­lich und staatsgefährlich. Der starke jüdische Einschlag im Freimaurectum Ungarns bringe es mit sich, daß jetzt im Lande allenthalben das Verlangen nach Säkularisationen, einem konfessionslosen Volks« schrttunlerricht und einem radikalen Wahlrecht erhoben werde.

Die Rede Polonhis wurde am Schluß fast bei jedem Wort von stürmischem Widerspruch unterbro­chen. Ein Mitglied der Regierungspartei erhob sich

Unpolitische Zeitkäufe.

(N.) Berlin, 13. April 1911.

(Nachdruck verboten.)

Die zwei Jünger, bie nach Emaus wanberten, ha­lsen es mir angetan. Was finb das für wackere unb liebe Leute einfache Männer aus dem Volke, beschei- deii und dankbar, nicht gelehrt und nicht verbildet, Mpsänglich für das Wahre unb Gute, nachdenklich in ihrem gesunden Menschenverstand, liebevoll in ihrem goldenen Herzen, entschlossen und tatkräftig. Eine Urwüchsige Biederkeit, ber nichts überspanntes, nichts gekünsteltes, nichts vordringliches beigemischt ist. Sie sehen fort aus ber Stabt Jerusalem, in ber sich zu hrem Entsetzen das grauenhafte Ereignis am Kacfrei- ag abgespielt hat. Sie haben ben Herrn nicht ver- eugnet, aber sie haben ihm auch nicht Helsen können. Die Tobeskunbe von Golgatha lastet wie ein Alp auf ihrer Seele. Sie verstehen nicht, wie ber Himmel es hat bulben können,daß Israel seinen großen Pro­pheten hinmorbete. Sie haben dasHosanna vom Palm­sonntag gehört und wahrscheinlich selbst in die Jubel- rufe zum Einzug des Erlösers eingestimmt. Sie ha­ben auch den schrecklichen Rus „Kreuzige ihn" vernom­men, unb ihr treues Herz hat gezuckt im ohnmächtigen Schmerze. Sie sind zu besonnen, um in toilbem Trotz gegen das Verhängnis aufzubrausen, unb sie haben ®°ttoertrauen, um in Verzweiflung zusanmien- zubrechen, aber sie finb traurig, tief traurig. Sie ben» len an "'ckts anderes unb sprechen von nichts anberem, aü dem^chickjal des Herrn, und trotz aller Anstren- gung reicht ihre Geisteskraft nicht aus, um aus eigenem bie Losung bes furchtbaren Rätsels zu finben.

Da gesellt sich zu ben beiden trauernden Wande­rern ein dritter Weggeselle. Er fragt freundlich nach ber Ursache ihrer Kümmernis, und sie gaben ihm treu­herzig Auskunft, nachdem sie zuvor ihr Erstaunen aus- gedrückt haben, baß es noch einen Frembling in Israel leben könnte, ber das schreckliche Ereignis nicht kenne. $tuf ben Grund ihres Herzens lassen sie ben „Fremd­ling" blicken durch ben Zusatz, es fei nun schon der Dritte Tag »mb in ihren Kreis sei bie Kunde gedrun­

gen, daß bas Grab leer sei. Die erste Nachricht von ber Auferstehung Jesu haben bie bebächtigen Männer nicht mit leichtgläubigem Jubel aufgenommen, sondern mit Schrecken und neuen Zweifeln, ba ihre Einfalt in bie Geheimnisse des Erlösungsweckes noch nicht ein- gubringen vermochte. Aber ber unbekannte Wegge­nosse ergreift nun das Wort; er erklärt ihnen bie Schrift, er zeigt ihnen ben Einklang ber alten Prophe­zeiungen mit ben gegenwärtigen Tatsachen; sie fangen an zu begreifen, daß Christus also leiben mußte, um in bie Herrlichkeit einzugehen. Sie fangen an, aber ihre Augen finb noch gehalten. Ihr Herz entbrennt bei ben Worten bes Fremblings; in ihrer Erkenntnis jedoch herrscht noch Dämmerung, die Sonne ist noch nicht aufgegangen.

Und ber unbekannte Begleiter stellt ihren guten Willen in ber einfachsten Weise auf eine kleine Probe. Als sie in Emaus angekommen finb, schickt er sich an, weiterzugeben. Da bricht bas eble -Gemüt bieser bie­deren Leute hervor. Sie haben ben Wunsch, noch mehr Belehmng unb Trost zu schöpfen aus ben Wor­ten bes Mitwanberers, unb baneben taucht die Sorge auf um bas Wohl ihres Weggenossen, ber anscheinend in bie bunkle Nacht hinein wanbern will. Glaubens­trieb unb Nächstenliebe bereinigen sich tn der Bitte: „Herr, bleib' bei uns, denn es will Abenb werben!" Wie klingen biese Worte so einfach unb natürlich. Unb doch hätte der größte Dichter keine schönere Wendung ersinnen können, um uns in wenigen Strichen das er­bauliche Bild klar und überzeugend vor bie Augen zu führen. Da stehen bie beiben treuherzigen Leute, bie sich gern dankbar bezeigen möchten für die empfangene Belehrung und in ihrem lauteren Gemüte empfinden, baß noch mehr Segen ausgehen könnte von diesem ge­heimnisvollen Begleiter. Unb ihnen gegenüber steht ber Herr in ber unscheinbaren Pilgertracht, ber ge­wartet hat auf die herzliche Einladung und fteundlich Gewährung nickt, um drinnen im Gasthause ben treuen Jüngern ben herrlichsten Lohn zu bereiten.

Der bescheidenen Gaststube im Flecken Emaus wurde die denkbar höchste Ehre zutell. Drei müde Wanderer fetzen sich an den Tisch, um das abendliche

Mahl zu sich zu nehmen, unb der Wirt hat gewiß »licht gedacht, daß hier etwas besonderes vor sich gehe in seiner Herberge. Unb bie beiden Jünger vergaßen bei ihrer Witz- und Heilsbegierde nicht die vernünftige Sorge für des Leibes Nahrung. Sie stärkten sich und bet reuten den Gast, der ihrer Ein­ladung gefolgt war. Das war eine Szene von reiner Menschlichkeit, wie sie alle Tage auf Erden vorkommt. Doch mit einem Schlage tat sich der Himmel auf in der Herbergsstube. Der Gast natjm. das Brot, segnete es und brach es. War das etwas Besonderes? Für das natürliche Auge gewiß nicht. Aber die beiben Jünger wußten, wer am Abend des Toimerstag das Brot genommen, gesegnet und ge­brochen hatte, und die Auge,» ihres frommen Gei­stes gingen auf, sie erkannten den Herrn, unb wenn sie in ihrer freudigen Ueberraschung nicht laut zu sprechen vermochten, so haben sie gewiß in ihrem Herzen dasselbe gesagt, wie Thomas nach seiner Ueberzeugnng: Mein Herr unb mein Gott!

Das Missionswerk an den beiden Jüngern war vollbracht. Er entschwand ihren leiblicheir Augen, nachdem er ihre Seele sehend gemacht hatte. Wie rührend sind nun die Selbstvorwürfe, die sich die Jünger machen, daß sie ben Herrn nicht früher er­kannt hatten, obschor» doch ihr Herz schon gebrannt hatte. Und wie schön ist ihre frisch erwachte Tat­kraft! Sie habet» feine Scheu mehr vor Jerusalem, der Stadt der Kreuzigmlg, weil sie wissen, daß es die Stätte der Auferstehung geworden ist. Die Bedenken toegett der sinkenden Sonne und der hereinbrechen­den Nacht, die sie vorhin dem Mitwanderer gegen­über sorglich geäußert, lassen sie für sich selbst nicht mehr gelten. Sie kehren sofort zurück, um zu ver­künden, was sie erfahren Haber». Aus ben traurigen Flüchtlinge sinb kühne Apostel geworben.

Ter Vorgang von Emaus ist zugleich von wun­derbarer Erhabenheit unb herzinniger Gemütlichkeit.

Wer das Osterfest richtig feiern will, der gehe auch nach Emaus.

Ja, wo liegt Emaus?

Emaus ist dort, wo der Christ beit Auferstande- nen trifft. Emaus ist überall, wo eine brave Seele

ihr Heil redlich sucht. Es führen viele Wege nach Emaus, unb der gute Wille führt mit Hilfe des Gnadenwegweisers zuin rechten Ziel. . Wer rüstig den Weg beschreitet, hört die Stimme eines unsicht­baren Weggenossen, wenn nur fein Ohr offen unb sein Herz empfänglich ist. Auf dem Wege zur Ar­beit, auf dem Heimwege von der Arbeit nach Haufe, auf einem Geschäftsgang am Werktage ober auf einem Spaziergange am Feiertag, auf dem Wege zur Kirche ober zum Friedhof, oder vielleicht auch auf dem Wege zu einem Vergnügen fahrt dir ein .guter Gedanke durch die Seele, regt sich ein edler Vorsatz in beinern Herzen. Verscheuche ihn nicht, halte ihn fest unb horche finnenb weiter. Laß bein Herz entbrennen unter dem geheimnisvollen Zu­spruch, wie es bie treuherzigen Jünger taten, und rufe mit ihnen ber aufflärenben unb mahnenden Stimme zu: Bleib' bei uns, denn es will Aberrd werden!

Wir Durchschnittsmenschen gleichen den beiden Emauspilgern in ber Beschränktheit unseres Wis­sens, in der Schwäche unserer Urteilskraft. Wir bringen bis zur Wahrheit nicht durch, wenn nicht Erleuchtung und Hilfe von oben kommt. Und die naht sich oft in unerwarteter Weise. Im weltliche»» Sprachgebrauch könnte man von einem „Zufall" spreche»», toenn toir plötzlich auf ein geschriebenes ober gesprochenes Wort stoßen, das toie ein Licht-' strahl in unsere Seele bringt, ober plötzlich durch einen anscheinend gleichgültigen Gedankengang auf eine erhebende und anfeuernde Idee geraten. Es ist kein Zufall, sondern ein wahrer Glücksfall, toenn man es versteht, ben aufblitzenden Geoanten zr, halten unb zu nutzen. Wem» toir den Emauspilger in der Einsalt gleichen, so wollen wir auch in d-r Bescheidenheit und Gelehrigkeit es ihnett gleich t at. sie ließen sich weder durch den Hochmut der Halbbil­dung, itoch durch lasterhafte Triebe in ihrem stre­ben nach Wahrheit irre machen, und wer ihnen dar­in nachahmt, wird auch mit ihnen nach Emms ge­langen, wo sein Auge aufgetan und sein He cz be­friedigt wird im rechten Osterglanben xitb in seliger Osterfreude