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JW 85.

V^merrta- de« 15. April 1911.

58. 3abraeng.

fuldaer

! Zeitung

2. Blatt.

Druck und Verlag der ruldaer Aettew-rmkerel iw Hulda.

frohe Kunde von der Anwesenheit des Paters zu überbringen. Dann begaben sich die beiden Damen in die Gesellschaft zurück, wo sie bereits vermißt wur­den. Der Baron hatte es sich nicht nehmen lassen, zu Ehren des teuren Gastes eine Bowle nach seinem Re­zept zu brauen, während die Hotelküchc für ein schmackhaftes Souper Sorge trug.

Die Zett kam heran, daß Pater Ximencz aufbre­chen inußte. Mit dem Versprechen, recht bald und recht oft wiederzukommen, verabschiedete er sich von allen. Mortimer und Edwin kehrten dann nach ihrem Hotel zurück, wo sie von Kapitän Traugott bereits sehnlichst erwartet wurden. Man begab sich sofort nach den Gemachem des Lord, um über die weiter zu treffenden Maßnahmen zu beraten. —

Die nächsten Tage brachtm die verschiedensten Ab­wechselungen.

Es war an einem herrlichen Abend. Die Fenster im Gesellschaftszimmer der Rottenburgschen Faniilie waren weit geöffnet und ließm den herrlichen Duft der balsamischen Gewächse von den prächtigen An­lagen herein. Eine kleine Gesellschaft hatte sich hier cingefunden. Außer Baron Rottenburg und seiner Familie warm noch Komteß Isolde mit ihrer Gesell­schafterin und Pater Ximenez anwesend. Das Ge­spräch drehte sich um die Heimat. Nur noch einige Tage wollte man in Nizza verweilen, um dann nach Deutschland zurückzukehren. Gräfin Treumarck hatte an ihre Tochter geschrieben, daß sich das Befinden des Großvaters bedenklich verschlimmett hätte. Wenn auch eine augmblickliche Gefahr nicht vorhanden war, so konnte es doch bei dem hohen Alter des Schloßherrn sehr leicht geschehen, daß der Tod plötzlich seinen Tri­but forderte. Isolde war es wohl recht, abzureisen. Wenn sie aber daran dachte, von dem Pater vielleicht auf immer Abschied zu nehmen, da wurde ihr das Herz recht schwer. Und Edwin? Sie konnte nicht dm Gedanken fassen, daß sie von ihm so schnell schei- dm sollte. Wie freute sie sich daher, als der Baron rnitteilte, daß Rittmeister Warren feiner Einladung, mit Mort "wer nach Schloß Roür'ttm'g zu lammen, lv'llfahrt hatte. So hatte sie öfters Gelegenheit, mit ihrem Verlobten zusammenzulommen. Es wurde nun

■H- Ein neuer Tumme platz für die Gegner der katholischen Kirche.

Den Lesern der „Fuldaer Zeitung' wird bekannt sein, drß die kürzlich erschienene „Angewandte

beschlossen, die Abreise für den nächsten Montag sest- zusetzen. Bis dahin hatte man ja noch reichlich fünf Tage Zeit.

„Ich muß Euch aufrichttg gestehen', begann der Baron, „daß ich mich schon sehr nach Deutschland, nach meinem lieben Rottenburg zurücksehne. Wenn ich auch die Verwaltung unseres Besitzes in guten Händen weiß, so fehlt mir hier doch etwas, was zu meinem zweiten Lebenselement geworden ist. Ich muß Herumwirtschaften können. Ich will auf meiner „Diana" hinausreiten in Gottes freie Natur, mich erfreuen an dem schönen Anblick meiner Aecker und Wiesen. Und das alles vermisse ich hier."

„Mein lieber Harald, ein wenig wirst Du Dich doch noch gedulden muffen", erwiderte ihm die Ba­ronin. „Ich weiß ja, daß Dir die Arbeit ans Herz gewachsen ist. Aber es ist doch auch ganz schön, auf einige Zeit aus dem arbettsvollen Leben herausgeris­sen zu roerben." Die Baronin drohte ihrem Gatten mit dem Finger. „Da seht doch einmal dm Egoisten an. Weißt Du nicht mehr, warum wir nach Nizza gereift sind? Liegt Dir denn die Gesundheit Deiner Frau nicht am Herzen?"

Der Baron, der wohl wußte, daß fein liebes Weib nur scherzte: „Wenn ich nicht wüßte, wie wohl Dir die balsamische Luft der Riviera getan hat, wie gekräftigt mein Weibchen wieder ist, ich führe von hier nicht eher weg, bis Du wieder die gesunde Guts­herrin von Rottenburg wärest."

Die Baronin lächelte. Es tat ihrem Herzen wohl, so ihren Gatten sprechen zu hören. So lange sie mit­einander verheiratet waren, brachte er ihr stets die aufrichtigste Gattenliebe entgegm. Daß er sich so sehr nach feinem geliebten Rottenburg zurücksehnte, konnte sie ihm ganz gut nachfühlen, war doch bei ihr die Sehnsucht nach ihrem Heim nicht geringer. Der Baron nahm wieder seinen Platz ein, als die Tür aufgerisfm wurde und Mortimer Bothwell ins Zim­mer stürzte. „Ist Pater Limenez da?" rief ec mit angsterfüllter Stimme aus. Und als er ihn am Tische erblickte, atmete er erleichtert auf.

„Herr Pater, kommen Sie schnell mit mir, ein Sterbender begehrt Ihren priMrlichm Beistand,"

Erschreckt sprang alles vom Tische auf. „Morti­mer, was ist benn geschehen?" fragte besorgt bie Ba­ronin ihren Reffen. „Du siehst ja so bleich unb auf­geregt aus."

„Nichts weiter, liebe Tante", erwiderte dieser. „Ein Schwerverletzter, der vor wenigen Augenblicken nach dem Hotel de Dieu gebracht wurde, und der wohl kaum mit dem Leben davonkommen dürste, be­gehrt so sehnlichst nach Pater Limenez. Sind Sie be­reit, mein Verehrtester Herr? — Dann bitte ich aller­seits um Verzeihung, aber ein Sterbender darf nicht auf den Priester warten."

Mortimer und Pater Ximenez eilten zu dem Wa­gen, der sie vor dem Hotel erwartete. Ohne ein Wort miteinander zu wechseln, legten sie den Weg bis zum Lazarett zurück. Hier wurden sie bereits von einer Krankenschwester erwartet, die sie nach einer Kranken­zelle führte. Bevor sie eintraten, hat Mortimer den Priester um eine ganz kurze Unterredung gebeten.

„Hochwürden, der da drinnen liegt, ist mein bester Freund, den ich je auf Erden besessen. Rittmeister Warren ist--*

Wetter kam der Lord nicht. Em Tränenstrom er- sttckte seine Worte. Der Priester faßte seine Rechte^

„Mut, nur Mut, lieber Freund. Beherrschen Sie sich. Ich verstehe, ich kann mit ja denken, was Sie mir sagen wollen. Kommen Sie jetzt."

Sie traten in 6ie Zelle ein. Auf einem Bett lag Rittmeister Warren mit geschlossenen Augen da. Totenbläsie bedeckte das edle, von dem dunklen, schö­nen Barte umrahmte Antlitz. An seinem Lager mach­ten sich zwei Aerzte zu schaffen, denen Krankenschwe­stern hilfteich zur Sette standen. Als der eine der Aerzte die Eintretenden bemerkte, trat er sofort auf sie zu, wobei er sich vor dem Priester ehrfurchtsvoll verbeugte.

„Gott sei Lob und Dank, die Wunde ist nicht töd­lich", redete er die Herren an. „Der Mordbube hak zwar gut zugestoßen; zum Glück aber sind keine edlen Teile verletzt. Ich hoffe, daß die kräftige Natur des Rittmeisters diese furchtbare Verletzung gut überwin­den wird. Nur wenige Augenblicke war er bei Be­sinnung und verlangte nach Ihnen, hochwürdiger Herr,

handel wie Pilze hervor. Dem Einsichtigen ist eS klar, daß es sich hierbei auf den höheren Schulen nicht um Einführung eines neuen Fache» handeln kann, sondern daß die staatsbürgerlichen Kenntnrsse organisch auS dem Unterricht, dem wissen- sckaftlichen Charakter der höheren Schulen ent­sprechend, erwachsen und daß alle Unterrichtsfächer der staatsbürgerlichen Erziehung dienen müflen. Hauptsächlich aber eignet sich zur staatsbürgerlichen Belehrung und Erziehung der Geschichtsunterricht. Auf bieier Bewegung aus pädagogischem Gebiet ballert auch das eigenartige, in mancher Beziehung höchst wertvolle Buch von Wolf, das den Untertitel lührt: „Eine Erziehung zum politischen Denken und Wollen." Tiefes Buch ist aber typisch für die ungeheuerlichen Auffastungen, welche m nichtkatho- «sichen besonders alldeutschen Kreisen über die kath. Kirche und ihr Verhättnis zum modernen Staate herrschen, typisch für die Austastung jener Kreise über die Endzwecke der staatsbürgerlichen Erziehung: Die Schüler sollen aus der Geschichte lernen, daß die universale katholische Kirche kerne Existenzberechtigung mehr bat Die moderne Entwicklung zum Nationalstaat erfordert zum mindesten national-episkopale Kirchen.

Und wie foll der Schüler eine Partei beurteilen, die einer solchen nationalfeindlichen Kirche Hand- langerbienftc leistet?

Die Ultramontanen (das Zentrum) ge­boren zwei Staaten an: dem Deutschen Reiche und dem universalen Eottesstaat, an besten Spitze der Papst steht. Und weil sie völlig befangen sind in den mittelalterlichen Ideen des theokratischen Umverfal'.s- mus, können sie kein volles Verständnis für cm leb­haftes Nationawewutztsein haben' ja sie nehmen die Polen, Dänen, elsässischen Französlmg», Tschechen m Schutz gegen das Deutschtum." „Das ultramontane System erniedrigt die. Religion, den Glauben zum po­litischen Werkzeug, und es hat vom 14. Ie -R. bi- heute im...er edeldenkende Ka.goliken gegeben, die das aufs lebhafteste bedauern (z. B. Fr. Kraus und Exzell. Hamm)' (S. 271.) Die sogen. Ultramontanen stad für Wolf keine edelt.r.kenden Katholiken.

„Die dringendste Aufgabe der Gegenwart ist cm völkischer Zusammenschluß, eine Einigung aller Na- tionalgesinnttn. Es ist höchste Zeit, daß die Konser­vativen und Liberalen sich mehr auf ihr deutsches Nationalbewußtsein besinnen gegenüber den Sozial­demokraten, U l tra montane n, Polen, Danen, Welfen, Französlingen." S. 272.

Angesichts solcher Unkenntnisse über die wirkliche Auffassung der „römischen" Kirche über ihr Ver­hältnis zum modernen Staate, wie sie sich in dem oenannten Buche kundgibt, können wir nicht umhin, immer wieder auf die rechten Quellen hinzuweisen, aus denen man ein sicheres Urteil über die Stellung­nahme der katholischen Kirche zum modernen Staate aeroinnen kann. Wer den Syllabus als die einzige Quelle betrachtet, wird nur ein sehr unvollkommenes Bild von jener Auffassung gewinnen, da derselbe negativer und polemischer Art ist. Er bedarf der Ergänzung durch andere kirchliche Dokumente. Solche sind vor allem die Rundschreiben Leos XIII. und Pius X , nicht aber Hoensvroech, Excellenz Hamm, die Münchener Neueste Nachr.' und dergleichen.

Wer die unhistorischen, unkritlschen, unsinnigen Behauptungen Wolfs gelesen hat, der wird die Ausführungen mit Freuden begrüßen, die der ordentliche Proseffor des Kirchenrechts an der Universität Straßburg, Bö ckenhofs, in dem kürz­lich bei Bachem in Köln e schienenen Buchs gegeben hat: „Katholische Kirche und moderner Staat. Das Verhältnis ihrer gegenseitigen Rechts- aniprüche." Köln 1911.

Es wirb darin untersucht, „ob unb inwieweit ein Gegensatz besteht zwischen bem Wesen unb bc.i Rechts­ansprüchen bet kathol. Kirche und dem Wesen unb ben Rechtsansprüchen des modernen Staates und gegebe­nenfalls, ob dieser Gegensatz ein auch „prattisch un­versöhnlicher ist ober nicht." Mit dem Them:: „Ka­tholische Kirche unb moderner Staat" ist schon angedeutet, baß bie heute beftehenben Beziehungen zwi­schen beiben Gewalten verschieden sind von denen früherer Zeiten. Die katholische Kirche ist im wesent­lichen dieselbe geblieben. Der Staat hat sich geänbert. Der mittelalterliche Staat war katholischer Eiaubens- staat. Staatsbürgertum und Kirchenmitgliedschaft sie­len derart zusammen, daß der Verlust der Rechte, bie das eine gab, auch Verlust ober wenigstens Minde-

Der Erbe von Eberstein.

26] Roman von Edmund Nowak.

„Da sind totr wieder, lieber Mann. Es hat etwas lange gedauert. Ach, da ist auch der Herr Rittmeister. Seien ^Sie mir herzlich willkommen."

„Und was sagst du mir, liebes Tantchen?" rief Mortimer, der sich hinter der Tür versteckt hatte.

„Da seht doch einmal den Taugenichts an", scherzte die Baronin.

Edwin und Mortimer begrüßten die jungen Da­men. Isoldens schönes Gesicht wurde dabei von einer lieblichen Röte übergossen, als sie ihre zarte Hand in die des Rittmeisters legte. Aus seinen Äugen traf sie ein Blick, der ihr mehr sagte, als es viele Worte hätten verraten können.

„Und jetzt, meine Damen", begann luieber Baron Rotteuburg, „habe ich etwas ganz Neues für Sie. Während Sie fort waren, haben wir Ihnen eine kleine Ueberraschung bereitet. Es ist ettvas, was Sie sicher­lich nicht erraten werden. — Nun, Bianka, du bfft ja sonst eine so gewandte Rätsellöserin. Streng einmal dein Köpfchen an! — Vielleicht haben Sie, Komteß, mehr Glück. — Ich sehe schon, daß Sie es nicht er­raten werden. Also ich bitte, hier eintreten zu wollen. In tiefem Kabinett haben wir bie Ueberraschung auf­bewahrt."

Mit biefen Worten öffnete der Baron die Tür zu feinem Arbeitszimmer. Die Baronin trat mit ben jungen Damen ein. Kaum hatte Isolde Pater Xime- nez erblickt, als sie mit einem Aufschrei auf ihn zu- stürzte und die welken Hände des Greises ergriff.

Pater Ximenez: „Die Stunde meiner Rückkehr ist noch nicht gekommen, liebes Kind. Doch, vielleicht eher, als wir denken, hat Gott es beschlossen, mich wie­der heimzurufen."

Jetzt wandte sich der Priester an die Baronin unb Bianka, die ihn herzlich begrüßten. Sie waren hoch­erfreut, ihn wiederzusehen. Nach der ersten Aussprache begab man sich zu den Herren zurück. _ Isolde eilte nach ihrem Zimmer, um ihrer Gesellschafterin die

rung der Rechte bedeutete, die au8 ben anderen her- stoffen. Bei der mittelalterlichen Auffaffung vom Staatszweck und Regentenberuf, ergab sich von selbst, daß die Autorität der Kirche als eine überstaatliche angesehen wurde. Dies Verhältnis zwischen Staat und Kirche wurde durch zwei Momente geändert: erstens durch das Auftretm der nationalen Idee und zweiten? durch bie Glaubensspaltung.

Selbst über diese längst der Vergangenheit ange­hörigen Verhältniffe herrschen nicht überall dieselben Auffassungen. Wieviel mehr Vorsicht ist geboten bei der Beurteilung der Frage, wieweit die katholische Kirche, die Stellung, die man ihr im modernen Staate angewiesen hat, gut heißt ober verwirft. Mit der Beaniwottung dieser Frage hat es sich Wolf sehr leicht gemacht, wo er doch als Lehrer in einem für Lehrzwecke bestimmten Buche doppelt vorsichttg hätte fein müssen.

Eine lehramtliche Definition in fraglicher Hinsicht gibt es nicht, weder aus bem Altertum noch aus dem Mittelalter oder der Neuzeit. Selbst bie so oft genannte Bulle Unam sanctam ist keine. Gewiß enthält sie eine Glaubensentscheidung, aber nur der letzte Satz ist eine solche, der aber rein reli­giösen nicht aber kirchenpolitischen Inhalt hat. Be­sonders gern verweist man auf Zeugnisse aus dem Mittelalter. Man schließt dann folgendermaßen: Was die Päpste sich einmal vindiziert haben, daran halten sie im Prinzip fest, also behaupten auch heute noch die Päpste, im Besitze aller jener Rechte zu fein. Ein derartiges unbeugsames Festhalten ist allerdings cha­rakteristisch für das Papsttum, aber nur, wo es sich handelt um notwendige, aus dem Wesen des päpst­lichen Primates hersiießende Rechte. Es gibt aber wirklich zufällige, geschichtlich gewordene unb geschicht­lich bebingte Befugnisse, die von ben Päpsten zu gewissen Zetten beansprucht und durch den Wandel ber Verhältniffe ihnen wieder genommen sind. „ES läßt sich also für die Stellung der Kirche zum mo- bernen Staate aus ihrem Verhältnis zum mittelalter­lichen Nichts beweisen, so wenig als auS Aeußerungen unb Maßnahmen des Despotismus eines Friedrich Wilhelm I. etwa Verdacht schöpfen läßt gegen bie Ver­fassungstreue des heutigen Königs." B. S. 17.

Wenn heute noch vereinzelt bei kirchlichen Schrift­stellern sich Aufftellungen über die kirchenpolitische Macht der Hierarchie finden (und solche werden von unseren Gegnern gern zitiert), die über das vernünf­tige Maß hinausgehen, so liegt der Grund dafür meist in einem weltfremden Doktrinarismus, der an ein­samem Studiertische nicht inne wird, daß die Welt sich indessen ein gut Stück gedreht hat. cfr. M. de Luca. Inst.it. itir. eecl. Romae 1901.)

Die authentischen Quellen zur Beantwortung unserer Frage sind bie oben genannten. Aus diesen sei nur ein Schreiben Pius X. an Kardinal Fischer erwähnt, das die Befriedigung darüber ausspricht, „daß die deutschen Katholiken in allen religiösen Fragen der Autorität des apostolischen Stuhles folgen wollen. Dieser Gehorsam läßt, wie die stän­dige Erfahrung zeigt, einem vollstän­dige unb uneingeschränkte Freiheit in denjenigen Angelegenheiten, welche die Religion nicht betreffen, wenn auch einige, welche bie Wahrhett nicht ken­nen, b i es heftig in Abrede gestellt ha- ben . . ." Böckenh. S. 36. Freilich kann die Kirche nie den Grundsatz der Rechtspositivisten anerkennen, der Staat sei Ursprung und Quell aller Rechte. Schranken der Souveränität des Staates sind das Naturrecht und das geoffenbnrte Recht. Nun stellt allerdings der Papst authentisch fest, was nach Na­tur- unb Offenbarungsgesetz recht ist, aber es ist nicht ber Anspruch des Papstes, der einem gegen jene ver­stoßenden Staatsgesetz Rechtsqualität abspricht, fort- bem bas göttliche Natur- oder geoffenbarte Recht, zu bem es sich in Widerspruch gesetzt hat. Da es Taffache ist, daß für jeden sittlich denkenden Menschen eine Grenze des Gehorsams vorhanden ist, so „tft es unzweifelhaft günstiger für den Staat, daß die Grenze einheitlich unb zweckmäßig von verantwortli­cher Stelle ans gezogen wird, als daß die Festlegung ber Willkür des einzelnen überlasten bleibt. Dadurch wird allerdings die Kirche zu einer kontrollierenden Instanz, zu .einer wirklichen Macht gegenüber dem Staat. Das Ist aber auch ganz tn ber Ordnung, weil sie eine sittliche, nicht eine physische Macht darstellt, weil eine sittliche Macht doch einmal in irgend einet Form sich geltend machen muß, sei es als Einzelge-

Geschichte" de? Düsseldorfer GymnaüalprofestorS Dr. H. Wolf Anlaß zu einer Debatte im preußi- leben Landtage gegeben hat. WeS Geistes Kind diese- Buch ist, kann man schon au8 dem Umstande erkennen, daß eS H. v. Treitschke und E. Haffe, de« Vorkämpfern der alldeutschen Bewegung, ge­widmet ist.

Der Derfaffer will auS der neueren Geschichte die Entwicklung zu Nationalstaaten als ein historische- Gesetz erkennen. Allerdings feien nicht alle Nationen berufen, einen selbständigen Staat zu bilden; die einen seien zu klein, die andere, wie die Polen, hätten sich als unfähig erwiesen, einen Staat zu bilden.

Im Mittelalter hatte Rom, so legt er weiter dar, al- der Vertreter der Nivellierung und Ent­nationalisierung gesiegt. Es entstand das theokratisch- universale Weltreich. Mit den Vorläufern bet Reformation begann die nationale Opposition.

Diese Opposition gegen die universale römische Kirche ist dem modernen Versaster besonders ans Herz gewachsen. Sie macht ihn nicht nur blind gegen bessere Einsicht, sondern erfüllt ihn auch mit Haß und Verachtung gegen Rom.

Karl der Große und Otto der Große haben, meint er, für die Entwicklung ber Kultur mehr ge­leistet als alle Päpste zusammen, die Kulturwerte, Die daS Papsttum geschaffen hat, darf es sich nicht als Verdienst anrechnen, das gebührt den Ger- manen. Die katholische Kirche nennt der Verfasser immer „die römische". Sie ist in seinen Augen römisch, ist nivellierend, entnationaliRerenb, intole­rant und herrschsüchtig. Wie kann ein Alldeutscher einer solchen Kirche gerecht werden?

„Die Idee des mittelalterlichen Gottesstaates, des theokratischen Universalismus, an dessen Spitze über allen weltlichen Herrschern der Papst steht, ist nach 1815 allmählich zu neuem Leben erwacht und immer stärker und mächtiger geworden" (S. 267).

Im Anfang des 19. Jahrh. war unter der franzo- fischen und deutschen Geistlichkeit eine starke mate­rialistische und episkopische Strömung, welche ton einem päpstlichen Absolutismus nichts toissen wollte. (S. 849.) Papst Pius IX. konnte bereits die natio­nal-episkopalen Bestrebungen als überwunden an­sehen." (Das.) t

„Mit ber Erneuerung des universalen, absolmen Papsttums mutzte auch die Unduldsamkeit des 13. Jahrhunderts wiederkehren; es war eine unausbleib­liche Folge der zunehmenden Entnationalisierung oer Kirche, datz sie wieder die unversöhnliche Feindin des Nationalismus und der individuellen Freiheit wurde." (S. 350.) DaS lauteste Zeugnis grundsätzlicher In­toleranz ist die Enzyklika des Papstes Pius IX. mit dem syllabus crrorum." (Das.) „Seitdem werden mit bischöflicher Apvrobation und päpstlicher Empfeh­lung Erbauungsbücher verbreitet, die das Unalaub- lichste an Unduldsamkeit bieten." (S. 351.) „Ebenso unduldsam ist man gegen die Wiffenschaft, geaen jcse freiheitliche Regung, die sich innerhalb der romychen Kirche selbst zeigt." „. . . . Und allen Ernstes ist im 19. Jahrh. von Kardinalen ausgesprochen, datz ,c- dermann einen Gebannten, Exkonin-.unizierten ermor­den dürfe." (S. 851.)

„Man verlangt „Freiheit der Kirche", d. h. Unter­ordnung sämtlicher Staatsgewalten unter bie Regie­rung der Kurie. 1905 hat Papst Pius X. in seiner Pfingst-Enzyklika unumwunden von dem päpstlichen Gottes- und Univcrsalstaat gesprochen und die „Un­terordnung aller Staatsgesetze unter die göttlichen Ge­setze des Evangeliums", d. h. unter die Papsthcrrschaft gefordert." (S. 354 f.)

„Welch ein Unheil hat die Einheit der Kirche über die Menschheit gebracht?" (S. 337.) Sie ist die Ursache der vielen Ketzerhinrichtungen.

Jntereflant und bezeichnenb für ben „echt libe­ralen" Geist des VerfafferS ist auch folgendes: Die Freiheit, ber Jnbivibualisnius ist ein hohes Gut, („bas kostbarste Gut ber Deutschen"). Aber er be­darf starker Schutzdämme gegen bie Entartung.. . „selbst in Frankreich bat man bas Prinzip ber Urtwrichtsfreiheit verlassen, weil es nur bem Kleri­kal mus nützte" 'S. 274.)

Aehnliche Urteile über bie katholische Kirche kann mm tagtäglich in liberalen Zeitungen, auch in sog. wiffenschattlichen Büchern lesen. Was unsere Aus- merffamfeit gerabe auf dieses Buch lenken muß, tft der Umstand, daß es einer gegenwärtigen Strömung auf pädagogischem Gebiete sein Entstehen verdankt. Ueberaü wird jetzt mit mehr ober minder Verständ­nis bie Forderung nach staatsbürgerlicher Erziehung und bürget tunblidjem Unter» richt erhoben. „Bürgertunden" schießen im Buch-

§ Das Urteil Über die Reichsfinanz- resorm

steht fest: Die Reichsfinan zen sind gefun- bet, ba» gesamte Wirtschaftsleben blüht '"Aber trotzdem wird die He tz e gegen die Parteien, Otten vpfermuttger Arbeit da? große Weck zu ver- danken ist, nicht abreißen, sie wird speziell auch in dem bevorstehenden Wahlkampfe noch eine große Rolle spe- len Sie wird auch Erfolg haben, und zwar deshalb, weil die große Maffe der Wähler die aus den libe­ralen und sozialdemokratischen Zeitungen ihre Beleh­rung empfängt, systematisch über die wahre Lage der Dinge in Unkenntnis gehalten wird.

Ein sozialdemokratisches Blatt hat jetzt einen neuen Trick ausgedacht, von dem es sich mit Recht eine be­sonders aufreizende Wirkung verspricht. Die „Bran­denburger Ztg." brachte dieser Tage unter ber Ueber- schrift: „Der inbirette Steuerraub" nachstehende An­gaben:

Es ist durch indirekte Steuer betastet: Jedes Pfund Salz mit 6 Pfg. Steuer, jedes Viertel Kaffee mit IO Pfennig Steuer, jedes Viertel Tee mit 13 Pig. . Steuer, jedes Pfund Zucker mit 7 Pfg. Steuer, jedes Pfund Kakao mit 10 Pfg. Steuer, jedes Mund Gewur, mit 25 Pfg. Steuer, jedes Paket Streichhölzer mit 16 Pfg. Steuer, jedes Liter Petroleum mit 6 Pfg. Steuer, jedes Liter Bier mit 5 Pfg. Steuer, jedes Achtet Sranntroein mit 6 Pfg. Steuer, jedes Pfund Tabak mit 69 Pfennig Steuer. Das olles haben wir den Ver­tretern der bürgerlichen Parteien und vor allem ben die Zoll- unb Wucherpottlik verteidigenden Blättern aller Richtungen zu verdanken! Gebt die richtige Antwort darauf bet Wahlen und beim Quartals- und Monats­wechsel!"

Der harmlose Leser soll natürlich in den Glauben versetzt werden, als sei in diesen Angaben die Wickung der Reichsfinanzresorm, der Erfolg der Tättgkett der sog. reaktionären Parteien bezeichnet. In Wahrheit ist hier dieGesamibelastung durch die indirekten Steuern, wie sie sich nach der letzten Steuererhöhung darstellt, angegeben, wobei wir es dahingestellt laffen wollen, ob nicht der bekannte skruppellose Optimis­mus im einzelnen noch eine kühne Abrundung nach o b e n sich erlaubt hat. Wer über diese Zahlen sich entrüstet, vergißt dabei, daß entsprechend der Teue­rung der Verbrauchsgegenstände auch die Einkommen- verhältniffe eine Steigerung erfahren haben, und er vergißt weiter, daß das System der indirekten Besteue­rung in Verbindung und im Ausgleich mit direkten Steuern gerecht und auch sehr zweckmäßig ist. Man frage doch einmal die roten Hetzer, wie sie sich die Beseitigung der indirekten Steuern denken? Wir sind gewiß, datz das Voll vielschw e- rer würde getroffen werden, wenn die jetzt bestehenden indirekten Steuern lediglich auf dem Wege direkter Besteuerung aufgebracht werden müßten. Aber davon sagen die Herren natürlich nichts, ihnen ist es ja nur darum zu hm, Unzufriedenheit und Er­bitterung zu wecken.

Je gefährlicher aber ihr Beginnen ist, desto mehr sind wir verpflichtet und gezwungen, ihm mit allen Mitteln entgegenzuwirken. Es ist gewiß schon gut, wenn unsere Wähler aufgeklärt werden und sich von den schönen Reden der roten Agitatoren nicht verführen lassen; mit Genugtuung kann konsla- tiert werden, daß im allgemeinen dieses Ziel als er­reicht zu bezeichnen ist. Aber es mutz versucht »ver­denk noch darüber hinaus zu Wicken, auch an die Kreise heranzukommen, welche von der Aufllürungs- arbcit unserer Preffe und in unseren Parteiversamm­lungen nicht erreicht werden. Durch Verbreitung von geschickt geschriebenen Maffenflugblättern kann vielleicht schon manches aeschehen, wenn wir recht unterrichtet sind, hat man gerade in letzter Zeit in Baden recht schöne Erfolge damit erzielt. Wetter bietet sich eine gute Gelegenheit, einige Worte zur Aufllärung zu sa­gen, des “öfteren im Gespräch mit Berufs- und Ar­beitskollegen, den geselligen Zusammenkünften uslv. Voraussetzung ist »atückich, daß man nicht nur ein Freund der guten Sache, sondern auch selber genü­gend unterrichtet ist. Aber fte ist notwendig und tvird reichen Lohn bringen.