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üatationsdruckund Verlag der ZuIdaer Li- tieudruckeret in Lulda Zernsprecher Hr. 9.

jV$ 83. Erstes Blatt.

Fulda, Dienstaa. den 11. April 1911.

38. IahrqaiN.

* Prälat HütskamP.

In Münster i. W. ist gestern vormittag Prä­lat Dr. H ü l s k a m p im Alter von 78 Jahren g e- st o r b e n. Mit ihm ist einer der tatkräftigsten Bor- kämpfet des katholischen Volkes dahingegangen, cheni insbesondere die Entwicklung der katholischen Presse am Herzen lag. ___

Prälat Dr. Hülskamp war geboren am 14. Marz 1833 zu Essen im Großherzogtum Oldenburg; er tudierte in Münster und München Theologie, Phi- oloaie und Geschichte, empfing 1856 in Münster ne Priesterweihe und setzte dann seine Studien an >er Universität Bonn sort, bis er im Jahre 1859 einen ständigen Wohnsitz in Münster nahm. Hier entfaltete er bald eine rege und vielseitige Tätigkeit vor allem auf wissenschaftlichem und literarischem Gebiete. Von 1860 bis 1872 war er Sekretär des Vereins für vaterländische Geschichte und Alter­tumskunde Westfalens und von 1864 bis 1874 wie­derholt Präsident des Florentinusvereins für christ­liche Kunst, und in dieser Eigenschaft auch Vor­standsmitglied des 1872 gegründeten Westfälischen Provinzial-Vereins sür Wissenschaft und Kunst. Seit dem 1. Januar 1870 führte er als Präses die Leitung des Heerdekollegs.

Ueberaus zahlreich sind die literarischen Ver­öffentlichungen, die Prälat Hülskamp teils allein, teils in Verbindung mit anderen erscheinen ließ. Sie hier aufzuzählen, würde zu weit führen; wir heben daher nur die wichtigsten kurz hervor. . An der Spitze steht die schon im Jahre 1859 mit seinem früh verstorbenen Freunde Rump in die Hand ge­nommene deutsche Barbeitung und Herausgabe von Rohrbachers Universal-Geschichte der katholischm Kirche. Ihnen folgten später mehrere Reden, einige Jahrgänge der Frankfurter Zeitgemäßen Broschü­ren, "das Piusbuch in verschiedenen Ausgaben, Lebensbeschreibungen deutscher Bischöfe und die „Meisterwerke unserer Dichter sür Volk und Schule". Sein wichtigstes Werk aber ist die Grün­dung des „Literarischen Handweisers, zunächst für das katholische Deutschland", die er in Verbindung mit Rump im Jahre 1862 ins Werk setzte. Fünfzig Jahre erscheint der Handweiser nunmehr, seit 1875 von Dr. Hülskamp allein herausgegeben; unend­lich viel Gutes hat er seit den Tagen seiner Grün­dung gewirkt, sichtend, belehrend und anregend. Seine Bedeutung und des Herausgebers verdienst­volles Wirken hat auch von höchster kirchlicher Stelle Anerkennung gefunden. Beim Abschluß des 25. Jahrganges ernannte ihn Papst Leo XIIL zu sei­nen: Geheimen Kammerherrn. Die theologische Fakultät der Universität Freiburg ernannte ihn ehrenhalber zum Doktor der Theologie.

Auf die Entwickelung und Erstar- kung des kathol. Lebens in Deutsch- land hat Prälat Hülskamp durch Wort und Schrift einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt. Keine für das katholische Volk wichtige Frage hat es in den letzten Jahrzehnten gegeben, bei deren Erörterung und Entscheidung nicht sein Wort ernstlich in die Wagschale gefallen wäre. Ein eifriger Besucher der Generalversammlungen der katholischen Vereine Deutschlands, der heutigen Katholiken-V e'r- " a m mlungen, hat er dort in zündenden Reden auf die Aufgaben der deutschen Katholiken hingcwiesen und für dieselben begeistert. Auch noch in den späteren Jahren beteiligte er sich an den Katholikentagen und immer finden wir ihn unter den Hauptarbeitern, sei -e§ als Leiter einer Sektion oder als Redner. Daß er bei Begründung der .Görres-Gesellschaft nicht fehlte, ist selbst­verständlich, und auch in ihren Generalversamm­lungen finden wir ihn meistens mitratend und mit» - tatenb. Und als die ersten Sturmeszeichen der ern­sten und schweren Tage des Kulturkampfes sich kundgaben, da war es ebenfalls Dr. Hülskamp, der in den ersten Reihen der Kämpfer und ander Wiegeder Zentrumsfraktionen der ge­setzgebenden Körperschaften stand und für die Rechte und Freiheiten der Kirche wie des Volkes eintrat. Unter seiner tätigen Beihilfe touibe im Herbste 1870 das bekannte Soester Pr o g r a m m ent- ivorfen, auf desien Grundlage die Zentrumsfraktion sich bildete, und keine Versammlung des Provin- zial-Wahlkomitees dürfte seitdem in Westfalen ab­gehalten sein, an der er nicht in erster Reche teil» genommen, kein Wahlaufruf ist erlassen worden, der nicht seinen Nameu unter den ersten getragen hätte. Wie viel Mühe und Arbeit er im Interesse der Zentrumspartei in Stadt und Land auf sich genommen, kann und braucht hier nicht näher dar­gelegt zu werden. Aber Undank, schwerer Undank wäre es, das zu vergessen.

Der ka t h o l i s ch e n Presse ist Prälat Hülskamp, der wie keiner vor ihm chre Notwendig­keit unb Bedeutung erkannte, allezeit ein warmer Freund und eifriger, wohlmeinender Gönner ge­wesen. Ihr galten seine eindrucksvollen Reden auf den Generalversammlungen der katholischen Ver­eine Deutschlands zu Frankfurt a. M. im Jahre 1863 und zu Trier 1865, und später zu Dortmund, die ihre Aufgaben, Bedürfnisse und Aussichten dar­legten; ihr schenkte er aber auch feit seinen jungen Jahren tätige Unterstützung durch eifrige Mit­arbeit.

Was Prälat Hülskamp für die Förderung de- Katholischen Lebens angeregt und in ausdauernder iSWbeit mit errungen hat, sichert ihm für alle Zeiten einen Ehrenplatz in den Reihen der treuen, selbst- Itjen Kämpfer für Recht und Frecheit der Katho-

i + Die preußische Däuenpolittk Zeitigt in der letzten Zeit wieder seltsame Blüten.

’ Bor einiger Zeit wurde folgender etwas skanda- l»S anmutender Fall in den Blättern mitgeteltt, von dem, da er bis heute keinen Widerspruch gefunden bat, wir uns berechtigt und verpflichtet glauben, No­tz, zu nehmen. Danach Ist eine Frau Dr. O t t o s e n, gefroren in Norwegen und aufaewachsen in Amerika.

dieGattin des Oberarztes eines Sanatoriums in bet Nähe von Kopenhagen, in Rödding der polizellichen Ausweisung verfallen. Weshalb? Die Dame, deren ausgedehnte öffentliche Tätigkeit der Aufklä- rung des Volkes in gesundheitlichm Dingen, nament­lich der Bekämpfung des AlkoholismuS, dient, hielt in Rödding in einem abstinenten Verein einen Vor­trag über Hygiene, und zwar natürlich in dänischer Sprache, weil diese ihre Muttersprache ist und die meisten Leute dort oben nur dänisch verstehen. Wäh­rend des Vortrages erhielt sie durch einen Gendarmen den Ausweisungsbefehl, weil sie „lästig" gefallen sei, sie mußte den Vortrag sofort abbrechen und noch in der Nacht einen Wagen requirieren und über die Grenze gehen.

Man kann kaum glauben, daß ein solcher Fall bei einem zivilisierten Volke und in einem zivilisierten Zeit­alter noch möglich sei, aber wie schon bemerkt, die Mitteilungen haben keinen Widerspruch erfahren. Man kann sich denken, w e l ch e G e f ü h l e die Kunde von dem Schicksal der Frau Dr. Ottosen in D än e m ar k wachrufen wird, nnb die Erbitterung muß um so größer sein, als es nicht ein einzeln dastehender Fall ist, sondern nur ein Glied in der Kette der Gewaltmaßregeln der preußischen Nordmack- politck.

Die nächste Folgewirkung dieser Politik ist die Verschlechterung der Beziehungen des Deutschen Reiches zu dem benachbarten Dänemark. Gewiß, das Land ist klein, und toird nicht wagen, mit Kriegsmacht seine unterdrückten Stammesgenvffen zu rächen. Aber kann cs uns nicht doch auf andere Art materiellen und moralischen Schaden zufügen? Wir brauchen nur zu erinnern an die engen wirtschaft­lichen Beziehungen zwischen Dänemark nnd den Nord- Provinzen des Deutschen Reiches.

Der schärfste Gegner der preußischen Dänenpolitik, müßte der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes des Deutschen Reiches fein. Wenn diese Politik nur den geringsten vernünftigen Sinn hätte. Die dänische „Gefahr" — ruft man uns angstvoll entgegen. Es ist eine traurige Ironie, daß gerade die mit der Macht des Deutschtums so stolz sich brüstenden All­deutschen die größten Bänglinge sind. Wir gehen nicht so protzig mit teutonischer Wildheit angetan einher, aber wir haben auch nicht so viele Angst, in einem Dienstmädchen, das eine andere als die deutsche Mut­tersprache hat, in einer Dame, die Vorträge gegen den AlkoholismuS in dänischer Sprache hält, sofort eine „Gefahr" für das Deutschtum unb das Deutsche Reich zu erblicken. Die Leute hängen mit Liebe an den alten Erinnerungen an das frühere Vaterland, sie halten ihre völkische Kultur hoch und sprechen die Sprache ihrer Väter. Wir nehmen es ihnen nicht übel und achten sie, weil sie ihre Ueberzeugungen unb Zuneigungen nicht wechseln können wie man ein Hemd wechselt; wir nehmen es ihnen um so weniger übel, als wir wissen, wie sehr gerade die superklugen chikanöfen Maßnahmen der hochwohllöblichen preußischen Regie­rung den Leuten es geradezu unmöglich ge­macht hat, mit Selbstachtimg sich als Preußen zu füh­len.

Der Kampf gegen bie Muttersprache, in dem die preußische Regiemng ihre höchste poli­tische Weisheit sieht, ist stets das beste Mittel gewe­sen, dem Volke gerade diese Sprache zu erhalten. Die preußische Norbmarkpolitik ist das schönste Gegen­stück zu ihrer vielberühmten Ostmarkpolitik, unb sie teilt auch den speziellen Vorzug dieser Blüte moder­ner Staatskunst, den wunderbaren Zickzackkucs. Und bann wundern sich die Herren noch, wenn sie bei der dänischen Bevölkerung keine Sympathien finden!

Wer Liebe ernten will, muß Liebe säen — das gilt sowohl für die Ostmark wie für die Rordmark, wie auch — um im Vorbeigehen auch diese aktuelle Frage zu streifen — für die sog. Westmark, Elsaß- Lothringen unb seine Bevölkerung.

Deutsches Reich.

** Berlin, 10. April 1911. Auf Korsu, wo daS deutsche Kaifervaar den Frühling genießt, ist am Montag der König von Griechenland ein- getroffen. — Die Kommissionsberatungen über den Entwurf eines neuen Strafgesetzbuches werden nach einer Erklärung des Staatssekretärs Lisco etwa ein Jahr in Anspruch nehmen. Die Kommission wird wöchentlich drei Sitzungen ab- halten und eine sechswöchige Sommerpause ein- treten lasten.

♦♦ Dem Krvnprinzevpaare, das nach fünfmonat. licher Abwesenheit am heutigen Dienstag in Pots­dam wieder eintrifft, widmet die ,Rordd. AUgem. Ztg/ einen herzlichen Begrüßungsartikel, den sie mit einem Rückblick auf den Verlauf der Steife verbindet. Es heißt darin:

„Der Kronprinz bringt von seiner Reise Er­fahrungen unb Eindrücke beim, die von dauerndem Werte für ihn fein werden. Neben dem eingehenden Studium wichtiger Kultur- und Wirtschaftsgebiete hat der Thronfolger reiche Gelegenheit gehabt, mit unseren Landsleuten in der Fremde und mit den Vertretern aller Nationen in vielfache Beziehungen zu treten. Leider hat er darauf verachten müssen, die Reise bis nach Siam, Ehtna und Japan auszudehnen. Dafür hat er eine umso genauere Kenntnis Indiens gewonnen, wo er dank der entgegenkommenden Ausnahme durch englische Behörden und Private erinnerungsreiche Monate verlebte. Die gleiche herzliche Gastfreundschaft hat da» kronptinzliche Paar in Egypten bei dem Khe- dive wie bei den anglo-egyptischen Behörden gesunden. Dem glücklichen Berlauf der hohen Mission, mit der der Kaiser den Kronprinzen und seine Gemahlin bei dem italienischen Königspaare betraut hatte, ist endlich noch ein Besuch am Wiener Hofe gefolgt, der erneut bekundet hat, in wie inniger Beziehung die beiden Kaiserhäuser einander verbunden find. Mit besonderer Freude hat man in Deutschland verfolgt, mit wie warmer Sympathie der Kronprinz überall auf feiner Reise ausgenommen worden ist unb wie einmütig an­erkennend das Urteil das Auslandes über feine Person und fein Austreten gelautet hat. So ist die Reise ein voller Erfolg für den Kronprinzen und ein Gewinn für das deutsche Reich geworden."

Außerhalb der höfischen Kreise sind an bie Reife feine übertriebenen Erwartungen geknüpft worden. So werwoll sie auch für die Entwicklung eines gesunden Urteils des Kronprinzen gewesen fein mag, ihre Be­deutung ist noch weiter herabgemindert worden da­durch, daß bie großen Staaten Ostasiens außerhalb des Reisewegs bleiben mußten, weil bie Pest zu jener Zeit dort herrschte, und die deutschen Kolonien, deren Besuch durch den Kronprinzen man hier zu Hause lebhaft befürwortete, haben vergebens gewartet. So können die Ergebniffe der Reise in der Hauptsache nur persönliche Werte besitzen, die natürlich indirekt auch dem Reiche zugute tornmen müssen.

Gestern abenb erfolgte bie Abreise des Kron­prinzenpaares von W i e n nach einer herzlichen Ver­abschiedung vom österreichischen Kaiser und von den Erzherzögen. Vorher hatte eine Hostafel beim Kaiser stattgefunden. Im Laufe des letzten Tages hatte das Krouprinzeupaar an den Särgen der Kaiserin Elisa­beth unb des Kronprinzen Rudolf Kränze niedergelegt und der deutschen Botschaft einen Besuch abgestattet.

c. Zum Befinden des Fretherrn B. Hertling meldet die ,CPC' (Zentrums - P<nuamenls-Korrespondenz): Frhr. v. Hertltng befindet sich in ungestört fort» schreitender Rekonvaleseenz. Prinzregent Luitpold von Bayern hat sich wiederholt unb neuerdings wieder nach seinem Befinden erkuudiat.

□ Fürst Bülow und die Reichsfinanzreform. Zu der Mitteilung der ,Tägltchen Rundschau^, Fürst v. Bülow hätte ursprünglich die Absicht gehabt, dem Block-Reichstage als erste Aufgabe die bereits fertig ausgearbeitele Reich sfinanz- reform zu übergeben, er halte sich aber über­reden lasten, die Einbringung der Finanzreform zu verschieben, hat Fürst Bülow einer Korre- pondenz auf die Anfrage, ob er zu dieser Mit- ?:fung Stellung zu nehmen gedenke, folgendes geantwortet:

„Rom, 9. Avril. 1911. Verbindlichen Dank. Ich möchte auch jetzt n i ch t aus der Zurückhaltung he raus treten, die ich mir feit meinem Rücktritt auferlegt habe. Fürst Bülow."

Die ,Tägl. Rmibsch/ glaubt mit Recht dieser Antwort entnehmen zu lönnen, daß Fürst Bülow laliächlich die Reichsfinanzreform als erste Vor­lage habe einbringen wollen, aber sich dann habe bestimmen lasten, die Einbringung für später auszufchieben. — Die Geschichte ist wirklich erbau­lich zu lesen. Ein Reichskanzler stellt ein her­vorragend nationales Werl zurück, um seine Stellung noch eine Weile zu alten, und die national!iberale Partei verführt den Reichskanzler zu dieser Tat.

)( Singers Nachfolger. Bei der Reichstagsersatz, wähl im 4. Berliner Wahlkreise für den verstorbenen sozialdemokralischen Führer Singer wurde am Montag der Kassenbeamle Büchner (Soz.)gewählt. Das Zentrum hatte als Zäi Ikandidaten Graf Oppersdorff aufgestellt. Der Wahlkreis gehört feit langen Jahren zum sicheren Besitz der Sozialdemo- tratie. Es erhielten Büchner (Soz.) 69 872, Graf v. Oppersdorff (Ztr) 1827 unb Nowicki (Pole) 718 Stimmen. Bei den Wahlen 1907 hat e Singer (Soz.) 82039 Stimmen erhalten.

0 Die Maifeier beschäftigte am Sonntag die Generalversammlung der sozialdemokratischen Wahl­vereine Groß-Berlins. Parteisekretär Liepmann teilte mit: Eine Deiegiertenversammlung der Gewerkschafts­vorstände Berlins habe sich vor kurzem mit Aus­nahme des Delegierten der Buchdrucker einstimmig für volle Durchführung der Maifeier ausgesprochen. Angesichts der bevorstehenden Reichstagswahlen müsse hieran sestgehaUen werden. Liepmann beantragte, zur Bildung eines Maifonds eine allgemeine frei­willige Sammlung vorzunehmen. Zu dieser „frei­willigen" Sammlung sollen die Parteigenossen „moralisch verpflichtet" sein, nicht unter 1 Mark sür Männer und nicht unter 50 Pfennig für Frauen beizutragen. Von anderen Rednern wurde betont, die Maifeier nicht verflachen zu lasten. TerGrund- fatz: „Alle Räder stehen still", müsse am 1. Mai zur Wahrheit werden. Der Antrag Liepmann wurde angenommen gegen eine große Minderheit, deren Sprecher aussührte, die Maiseier laste sich nur noch mit großer Mühe über Master hallen, da die Unternehmer alles auf böten, um die Durchführung der Arbeitsruhe unmöglich zu machen.

* Eine Gewerbesteuer für Aerzte, Schrift­steller, Rechtsanwälte, Chemiker, Archi­tekten und andere Personen, die einen wissenschaft­lichen oder künstlerischen Beruf ausftben, verlangt für den Fall, daß die Gewerbesteuer nicht überhaupt abgeschafft wird, der Deutsche Zentralverband für Handel unb Gewerbe mit dem Sitz in Leipzig in einer Eingabe an die preußischen Minister bei Innern und der Finanzen.

* Statt 17Vs nur 15Vs Prozent. „Nie­mals vorher erlebte ungünstige Ver­hältnisse" hat nach der freisinnigen,Ftankf. Ztg.' die Reichsfinananzresorm für die Cham- paanerfabrik und Aktiengesellschaft Bürgest u. Comp. in Hochheim a. Main gezeitigt. Die Erhöhung der Schaumweinsteuer soll den Erfolg haben, daß die Dividende des Vorjahres von — 171/» v. H. auf 15Ve v. H., verteilt auf 1714168 Mk. Grundkapital und bei 57 158 Mk. Vortragung „gesunken" ist. Dazu bemerkt treffend die,Kons. Korresp.:

Fürwahr, wir sind weit gekommen, wenn ein „demokratisch" sich nennendes und für das „BoUswohl" angeblich emtretendens Blatt es noch wagt, seinen Äsern derartige Klagen vorzusetzen. Wären viel­leicht 25 v. H. „volkstümlich" und „im Jntereste des Mittelstandes", wie die Phrasen der Schutzheiligen der .Frankfurter Zeitung' lauten? Handwerker, Kleinlauf­leute, ja ter gesamte Mcktelstand, halten fchon fünf vom Hundert oder weniger für Riesengewinne, die man möglichst schon dem Nachbar ver'chweigt, und hier wird offen Lamento in die Welt geschrien, wenn bie Cham­pagner-Aktionäre sich mit 15Vi v. H., „begnüge n" müssen

Ausland.

r Weil er beet Jesuitenorden »ugehirte und „für die römisch-katholische Kirche mit Erfolg Propaganda gemacht hatte" ist in Rußland der Priester Felix WierziuSki auf Befehl des Ministers des Innern ausgewiesen worden. Ebenfalls rowebe der österreichische Untertan Karl Jndrich ausgewiesen, weil er mit Wierzinski in Verbindung gestandest hatte und dessen Dokumente in Verwahrung hatte Die Ausweisung, die von großer Unduldsamkeit zeugt, erregt berechtigtes Aufsehen.

* Eine schwere Schlappe hat England in Hinter­indien erlitten. In Assam ist eine englische Expedition niedergemetzelt worden. Die Abteilung scheint aus zwei englischen Beamten unb 50 KuliS bestanden zu haben, die ohne Waffen in vollkommen friedlicher Absicht den Dihangfluß hinauf- gefahren war, als sie unerwartet von Wilden an- np'irJHen murks J 1 ««. >. «.w»» "-»deraemacht.

Doch das freisinnige Blatt hat wenigstens einen Trost, unb der wird es auch darüber hin» wegsetzen: seine innigsten Freunde, die Sozial­demokraten, haben ja auch gegen die Schaum­weinsteuer gestimmt und sich damit als würdige Vertreter der „ jnteteffen der Arbeiter" erwiesen.

)(Südwestafrikanische Enttäuschungen. Einen sehr erheblichen Teil von Sübwestamka, vielleicht ein Sechstel des ganzen Gebietes, umfaßt die Kaoko-Wüste im Rordwesten des Landes. Als die Wogen der „patriotischen" Begeisterung zurzeit der Dernburgschen Angriffe auf das Zentrum alle Dämme der kühlen Ueberlegung überschwemmten, da wandte sich das Jntereffe auf eine Kaoko Land- und Minengesellschast zu, deren Kurs damals auf 104 Prozent stieg. Jetzt hat man mit einet Unterbilanz von 514000 Mk., daS ist ein Zwölftel des Aktienkapitals, abge­schloffen. Ein Sachverständiger ist draußen ge­wesen und hat einen recht unbefriedigenden Be­scheid mitgebracht: Danach find Spuren von Goldquarzen, Kupfer und Blei gefunden, die in« beß einen praktischen Wert vorläufig noch nicht haben. Dagegen ist ein Eifenvorkommen mit bedeutenden Quantitäten sowohl im Osten als auch in der Milte des Kaokoseldes festgestellt worden, das in diesem Jahre weiter untersucht werden wird. Erst nach zwei Jahren läßt sich ein Bild gewinnen, welchen Wert daS Eisen­vorkommen repräsentiert. Die nächsten Pläne sind der Erforschung der Küste nach Diamanten, Phosphat und Guano gewidmet. Hierbei sind Expeditionen auf Gold und Zinn geplant. Farm- betriebe sind angeblich in einem Drittel des Landes möglich. — Bei diesen weiteren Unter­suchungen werden dann die übrigen elf Zwölftel des Kapitals draufgehen!

* Duisburg, 6. April 1911. Der Verband der kathol. kanfm. Vere ine Deutschland- wird seine diesjährige Generalversammlung in den Tagen vom 12. bis 16. Juli in Duisburg abhallen. Es ist dies die 34. Generalversamm­lung des Verbandes, der stch aus befcheidenen Anfängen zu einem mächtigen Baume entwickelt hat, besten Aeste nunmehr über ganz Deutsch­land ausgedehnt sind. Der Verband zählt heute 270 Verbandsvereinigungen mit rund 28000 Mitgliedern. Gewiß eine imponierende Erschei­nung im 20. Jahrhundert. Daß die diesjährige Generalversammlung des Verbandes in Duis- bürg sich den früheren Kongresfen würdig an­schließen wird, dasür bürgen die umfangreichen, eingehenden Vorbereitungen, die der K. K. V. Duisburg getroffen hat.

ReichstagSwahlvorbeteituugen.

□ Die Wahlkartelle zwischen den geschästsfayrru» den Ausschüssen bet Nationalliberalen unb der fortschrittlichen Volkspattei finben nicht in allen Wahlkreisen Anklang, für die sie beschlossen worben sinb. So Hatz der nationalliberale Partei« vorstaad sür den ersten oldenburgischen Wahl­kreis erklärt, baß der Berliner Parteiausschuß mit ihm keine Fühlung genommen habe unb er sich durch das Abkommen in keiner Weise gebunden fühle. Die Nationalliberalen haben wiederholt erklärt, daß sie unter keinen Umständen im Wahlkreise Oldenburg 1 für eine Einigung mit dem Fortschrllt für die Haupt­wahl zu haben feien und daß sie unter allen Um­ständen an einer Sonderkandidatur festhallen wollten. — Auch in Osnabrück, das nach dem Abkommen den Nationalliberalen zufallen soll, scheint die von oben dekretierte Einigkeit keinen langen Bestand haben zu sollen. Der,Vossischen Ztg/ wird nämlich aus Osnabrück geschrieben, daß der Vorsitzende be8 Fortschrittlichen Vereins die Erklärung abgegeben habe, an eine Zurückziehung bet Kandidatur Hoensbroech sei nicht zu denken. Das frei­sinnige Blatt meint begütigend dazu, daß in dem Wahlkreise Osnabrück, „wo 1887 459, 1890 861, 1893 475, in einer Ersatzwahl 1896 157 freisinnige Stimmen abgegeben wurden und seitdem ein frei­sinniger Kandidat nicht wieder aufgestellt worben ist, die wahltattische Einigung zwischen bet Fort- schrtttlichen Volkspartei und den Nattonalliberalen nicht fReitern" werde. — Der Abschluß der liberalen Wahlabmachungen gibt der ,Kreuzztg.' Anlaß zv durchaus berechtigten Mahnung:

„Da? sollte bie Parteien, gegen die sich der Ansturm der Linksparteien richtet, oeranlaffen, jedenfalls dort, wo das gemeinsame Vergeben der Liberalen zu sul­chen Stichwahlen führen könnte, Zählkandidaten u vermeiden, sowie überhaupt eine gegenseitige Be- ämpsung nach Möglichkell einzuschränkeu. Die Tat- ache, daß sie das Ziel gemeinsamen Ansturmes sind, muß sie naturgemäß zu gegenseitiger größerer Rücksicht­nahme veranlaffen." —