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Montag den 10. April Ml.

38. Javroana-

fnldaer W Zeitung

2. Blatt

vr«a und Verlag der 5»lda«r AcNendruckrrei i* Saida.

Deutsches Reich.

= Eine für die Naiionalliberalea unangenehme Erinnenmg ist der K u 1 l ur t a m p f. Sie empfinden es schmerzlich, daß man oll ihren Versicherungen des Wohlwollens gegenüber der katholischen Religion stets entoroenhalten kann: Ja, wie stimmt da? »u der Tatsache des KuUurkampis, der von euerer Seite mit aller Macht betrieben und mitgemacht wurde? Den können sie ja unmöglich wegleugnen. Sie müssen daher versuchen, auf anoere Weise aus der Situation herauszukommen. Sie drehen daher einfach den Spieß herum und sagen: am Stultut» kampf war das Zentrum ichuldl Ohne Zentrum keinen Ku turkampsl Dieser Trick ist nicht neu, aber geglaubt ivorden in er nie, weil die Tatsachen eine andere Sprache sprechen. Run versuchen aller« ding* liberale Blätter mit einem Zitat aus einem Aufsatz des Zentrumsabg. und Prof. Dr. Spahn aus Straßburg den Beweis dafür zu erbringen, daß es doch so sei, daß Bismarck gar nicht an einen Kulturkampf dachte und nach Gründung des Reiches lediglich die mit den Polen zusammenarbeitende Opposition des Zentrums bekämp'en wollte, woraus dann allmählich der Kulturkampf entstanden sei. DaS,was Spahn von Bismarck sagt, ist bis jetzt nichts als eine unbewiesene Ansicht, der Tatsachen ent» gegenstehen. Bismarck war in der Tat ein Feind der katholischen Kirche und hat das schon früher und zwar auf dem Geriet der Politik gezeigt. So z. B. bestätigt er in den badischen Kämpfen zwischen Kirche und Staat seine Gegnerschaft gegen die katholische Kirche durch das Telegramm, das et als preußischer Bundesiagsgesandter am 31. Januar 1854 nach Berlin schickte, in welchem er den badi­schen Kirchenstreit als eine Episode im Kampfe der ^protestantischen Fürsten" g e g e n d i e k a t h o 1 i s ch e Kirche bezeichnete und den protestantischen Fürsten in seinem Kampf bestärkte. Es war wiederum in Baden, wo er im Jahre 1870 am 26 Oktober dem Großherzog von Baden erklärte, daß -er nach Be­endigung des Krieges gegen die Unfehlbarkeit vorgehen wolle." So zu lesen im Tagebuch des Kronprinzen und späteren Kaisers Friedrich. Man hat jenes Tagebuch als unecht Nachweisen wollen; aber es mißlang. Dieser Wille, gegen die Unfehl­barkeit vorzugehen, wurde nachher im Kulturkampf in die Praxis umge etzt. Mit dem Zentrum und den Polen hatte die,er Wille, der schon vor der Gründung des Reichstagszentrums ausgesprochen war, nichts zu tun.

’4- Ein sozialdemokratischer Lauscher. Die Sozial­demokratie, die bekanntlich eine doppelte Moral vertritt, ist immer sehr entrüstet, wenn ihr gegenüber einmal etwas Unrechtes geschieht, ebenso aber immer bereit, alle unsauberen Mitteilungen gegen ihre Gegner zu verwerten. So beutete jetzt der „Vorwärts" mit Wonne ein erlauschtes Wirtshausgespräch aus. Emer seiner Freunde hat in einem Berliner Restaurant ein Gespräch der beiden nationalliberalen Reichstagsab- geordneten H o r n und Findel mitangehört, bei dem der elftere geäußert haben soll:

„Wir haben beschlossen, die Reichsversicherungs- bezw. abschnittweise zur Beratung zu bringen. Dann lassen wir immer zwei Mann reden und dann wird die Debatte geschlossen. Wenn die So­zialdemokraten beantragen, die Beamtenfrage vorweg zu nehmen, so stimmeu wir dem natürlich gern zu und behandeln dabei gleich das Tinführungsgesetz uit; dann geht es schneller, denn dann werden die De- batten ruhiger."

Der „Vorwärts" glaubt seinen Getreuen eine tlrchtbare Enthüllung zu machen und entrü­stet sich nach Kräften. Wenn er dabei von einem beabsichtigten Bruche der Geschäftsordnung fafelt, so ist das völlig unsinnig. Der Reichstag kann beschlie­ßen, einen Gesetzentwurf nicht paragraphenweise, son­dern abschnittweise oder kapitelweise zu beraten. Er hat auch das unbestreitbare Recht, den Debatteschluß mit Mehrheit zu beschließen. Ob die Parteien jetzt schon übereingekommen sind, die Retchsverflcherungs- ordnung in dieser Weise zu beraten und zu erledigen, wissen wir nicht. Wenn aber die Sozialdemokratie wicklich die Absicht hegen sollte, das Zustandekommen des Gesetzes durch Obstruktion zu hindern, so würde die Mehrheit des Reichstages pflichtmäßig gezwun­gen sein, ihrerseits alle von der Geschäftsordnung ge­statteten Mittel anzuwenden, um die Erledigung des Gesetzes zu erzwingen.

Esseeee

Wega direkt nach Schloß Waldeck zur Edertalsperre fahren.

Stadt, wo die Bevülkerungsziffer von 3102 aif 3575 stieg.

♦ Kirchhain, 8. April 1911. Bei dem in verflosse­ner Woche stattgehabtcu Musterungsgeschäfte, in beffen Verlauf es übrigens zu einem bedauerlichen Wirtshausstreit zwischen den Gestellungspflichtigen kam, schnitt besonders die Stadt Neustadt gut ab. Von 22 Gestellungspflichtigen wurden 12 al», zum Militär tauglich gezogen. Diese hohe Ziffer zeigt, daß sich unsere fast ausschließlich Ackerbau betreibende Bevölkerung eines kräftigen Nachwuchses erfreut.

* Gudensberg, 8. April 1911. Durch hera bfal­lende Erd- und Steinmassm wurde im hie­sigen Steinbruch der Arbeiter Sch. aus Obervorschütz so schwer verletzt, daß er nach ioemgen Stun­den seinen Geist ausgab.

Aus dem Nachbargebleie.

♦ Burghaun, 8. April 1911. Durch die Er- Mittelungen der kgl. Staatsanwaltschaft zu Hanau wurde nunmehr festgeftellt, daß der Brand am 4. Dezember vorigen Jahres, dem die Scheune des Hüttners Ehr. Rehberg und das onstoßende Wohn- hauS des Schneiders Burkhard zum Opfer fielen, durch den 5jährigen Sohn des Schneidermersters Raimund Becker beim Spielen mitFeu erzeug verursacht worden ist.

* Lauterbach, 8. April 1911. Ein Fall von schwerer Krndermißhandlung, wie sie in den Großstädten sich jetzt häufen, scheint hier vorgekommen zu sein. Gegen ein hiesiges Ellern paar wurde An- zeige erstattet, weil sich bei der ärztlichen Unter­suchung ihres 4,ährigen Knaben zeigte, daß der Körper des Kindes ganz mit blauen, blutunterlaufenen Stellen bedeckt war.

♦ Mellrichstadt (Rhön), 8. April 1911. Bei dem Umpflügen eines Grundstückes sand der Land- wirt Mühlfeld dahier 14 alte Silbermün- jen (die meisten haben die Größe eines Zwei­markstückes, einige die eines Drei- und Fünfmark­stückes). Die Münzen sind gut erhallen und wahrscheinlich während des 30jährigen Krieges auf jenen Acker vergraben worden.

* Schlüchtern, 8. April 1911. Die „International- Bohrgesellschaft zu Erkelenz" hat in der Gemarkung von Zeifloss bei Bad Brückenau Mutungen vor­nehmen lassen, die ein günstiges Resultat gezeitigt haben, sodaß in der nächsten Zeit Bohrungen nach Kali usw. angestellt werden sollen. — Im abgelauienen Winter sind die beiden landwirtschaft­lichen Winterschulen in Gelnhausen und Fulda zusammen von 8 Zungen Landwirten aus dem Kreise Schlüchtern besucht worden. Bisher waren es nur 2—3. — Im diesigen Bahnhose fiel einem Ar­beiter ein großes eisernes Tor auf die Beine, wo­durch er schwere Verletzungen erlitt.

♦ Bad Orb, 8 AprU 1911. Gegen den Plan der Anlegung eine» Militärschieß- platzes im Orbtal hat der hiesige Magistrat beim Generalkommando des 18. Armeekorps und der Regierung in Kassel Einspruch erhoben, weil die Stadt hiervon eine schwere Schädigung be­fürchtet. Die parlamentarischen Vertreter des Bezirks wurden ebenfalls angegangen, gegen das Projekt Stellung zu nehmen. — Die Stadtverord- neten genehmigten den Zuschuß von jährlich 1(00 Mark zur Lateinschule aus die Dauer von vorläufig 5 Jcchren.

* Kassel, 8. April 1911. Bei einer Lustfahrt auf der Fulda wurde ein junger Mann in seinem Boot das Fuldawehr hinabgetrieben und konnte erst nach llstündiger Arbeit aus der Mitte des WehreS, wo der Kahn festgefahren war, befreit werden. — Aus Nahrungssorgen hat sich hier em 52jähriger Arbeiter-Invalide erhängt. —Gauner- frechheit entwickelte» zwei junge Leute, die den Keller eines hiesigen WeinhändlerS erbrachen und dort ein regelrechtes Zechgelage veranstalteten. Sie wurden bereits festgenommen.

* Göttingen, 8. April 1911. Der bet dem Neubau am alten Stegemühlenwege beschäftigte Maurerpolier Claus ist vom Gerüste des Baues herabgestürzt. Er hat einen schweren Schädel­bruch davongetragen.

* Heiligenstadt, 7. April 1911. Das große Oeko- nomlegebäude „Zum Anker", zwischen hier und Geis­leden gelegen, ist gestern nachmittag ein Raub der Flammen geworden. Alle Wlttschastsgebäude, Scheunen, Schuppen, Ackergeräte, eine Dreschmaschine usw. verbrannten. Das Wohnhaus ist stack beschä­digt. Es wird Brandstiftung durch Kinder vermutet.

= Hadamar, 7. April 1911. In dem nahegele­genen Ocke Frickhofen entstand Großfeuer, dem 5 Wohnhäuser und ebensoviele Scheunen zum Opfer gefallen sind. Die Entstchungsursache ist unbe­kannt.

* Aus Waldeck, 8. AprU 1911. Die Betriebs- eröffnung der neuen Teilstrecke Buhlen-Schloß Wal­deck (Edertalsperre) der im Bau begriffenen Eisen­bahn Buhlen-Sachsenhausen-Corbach (Anschluß an die Bahnlinie Warburg-Marburg usw.) wird am 1. Mai d. I. erfolgen. Man kann bann mit der Eisenbahn von Kassel über Wabern-Wrldungen-

Literarisches.

Der feierliche Gottesdienst der Karwoche. Bon Prof. Dr. Hermann Müller. Paderborn, Junfer- mann'sche Buchhandlung. 4. Auslage. 180 Setten. Gebunden 1 Mark.

Der Gottesdienst der Karwoche birgt eine Menge herrlicher, ergreifender ©ebete und sinnreicher Zere- monien, wie wir sie schöner und erhabener im ganzen Kirchenjahre nicht finden. Diese kennen zu lernen, sollte die Pflicht eines jeden katholischen Christen sein, denn nur bann kann er innig unb lebendig Anteil nehmen an den feierlichen und bedeutungS- vollen Handlungen der Karwoche. ES ist sehr zu begrüßen, daß wir in dem vorliegenden Büchlem ein Werk besitzen, daS in dankenswertester Weise den Gottesdienst bet Karwoche unserem Verständnis näher bringt unb uns mit ben wahrhaft herrlichen Gebeten bekannt macht. Das Buch sollte sich in bet Hand jedes Gläubigen finden; ich glaube nicht, daß lemanb sein- Anschaffung bedauern wird.

H. John.

Amt Geisa und Umgebung.

* (Wto 8. April 1911. Eine etwas unwahr­scheinlich tl'ingenbe Selbstmordgeschichte erzählt öie Eis Rtg.' Danach wurde em hiesiger Schuh- wacher nachdem er längere Zeit verschwunden war, von seiner Fran am Dachboden erhängt aufgefunden Ein Nachbar schnitt ben Selbstmordkandtdaten ab und es gelang, ihn wieder ins Leden zurückzurnfen. Da kein anderer Grund zu einem Selbstmorde vor- Hegt, so ist die Tat nur als eine Folge des Alkohols anzusehen. ign. Hebet die Kali-

Gewerkschaft Kaiseroda teilt deren Geschäfts- bericht für das Jahr 1910 u. a. mit bafj ber Anteil der Gewerkschaft an dem von der SyndikatsleMung oi-»ietten Geiamlabsatz emen Wert von über 4 Mm. Mark barstellte, gegen ca. 2,5 Mill.

iahr. Um neue Schachtanlagen herzusteüen, ist bet dem Dorje Merkers eine Tieibohrung niedergebracht, öie das Hauptlager in regelmäßigem Verhalten erbohrt bat Es liegt ein typisches Hartsalzlager vor dessen Bauwürdigkeit außer allem Zweifel stehl und dessen Ausbildung beweist, daß das durch den «rubenbetrieb bekannte gute Lagerverhalten auch weiterhin durch die Berechtsame anhalt. Es ist Daraufhin beschlossen worden, unweit dieser Bohrung mit dem Abteusen von 2 neuen Schächten vorzugehen. cvn Rabrit.Abteilung wurde eine Ver- größerung der Deck- und Trocken-Station borge- nommen. Die Sulfatfabrik wurde durch Embau von dreiRührwerken erwiitert.DieGlaubersalz-Provukllon blieb hinter der Produktion von 1909 wesentlich »urück, weil nicht soviel Frofttage zur Verfügung standen. Da der Absatz der Fabrikate m wett größerem Maße fteigt als der Absatz der Roh atze, und dieses Verhältnis auch für d,e Zukunft bestehen bleiben wird, hat die Gewerkschaft eS für angejeigt gehalten, eine weitere wesentliche Vergrößerung der Leistungsfähigkeit der Fabrikanlagen in die Wege zu leiten.

«US Sberhessen u. »en Hess. Aemtern.

A Marburg, 9. April 1911. Das Mar­burger RathanS in Gefahr? Die seit 15 Jahren schwebende Frage, das althistorische, aus dem Anfänge des 16. Jahrhunderts stammende Denkmal spätgotischer Baukunst, das Maiburger Rathaus, den Zeitverhältnisien entsprechend durch einen Anbau zu erweitern, ist jetzt in em akutes Stadium getreten. Einmal genügen die Lokali- täten nicht mehr und dann zeigten sich neuerdings am Mauerwerk nach Westen langgezogene Riffe. In der letzten Stadtverordneten-Sitzung, in der vom Magistrate 50,000 Ä für die Vorarbeiten zur vorläusigen Anfügung eines Westbaues an das Rathaus verlangt wurden, stellten bet Ober- bürgermeister wie auch das Stadtbauamt fest, daß sich das Rathaus fortwährend in Bewegung befindet und daß es dringend nötig sei, dieses durch einen Westbau zu stützen. Man beschloß, schon in den nächsten Tagen als Sachverständi­gen Herrn Professor Pützer aus Darmstadt zu Rate zu ziehen.

* Marburg, 8. April 1911. Der diesjährige Kreis­feuerwehrtag der Feuerwehren des Kreises Mar­burg findet am 3. Öfterfeiertag in Fronhausen statt — Zu einer blutigen Schlägerei kam es in einer der letzten Nächte auf dem hiesigen Rudolphs-

Frankenberg, 8. April 1911. Hier ist unter Be­teiligung zahlreicher Bienenzüchter ein Jmkerver- ein für Frankenberg und Umgebung ins Leben geru­fen worden. .

• Ziegenhain, 8. April 1911. Nach einer setzt vorliegenden Zusammenstellung über die Volks- zählnng am 1. Dezember 1910 betrug die Ein­wohnerzahl des Kreises Ziegenharn 36054 gegen 34480 in 1905, hat also um 4•/< Prozent zugenommen. Der größte Zuwachs war in Treysa

Vermischtes.

• Der nach Scheckfälschungen im Betrage von ca. 10,000 Mk. aus Braunschweig geflüchtete Kaufmanns lebrltna Otto Tautz wurde in Innsbruck verhaftet.

* Wegen Beleidigung eines Kaplans. Ein Schreiner, ein Arbeiter und ein Wirt waren vor dem Schöffengericht in Köln angst lagt, zu Nippes am 18. Oktober 1910 einen Kaplan beleidigt zu haben, indem sie ihn zu einem n ur leicht erkrank­ten Schreiner bestellten, wobei der zwecke An­geklagte angab, es handele sich um einen Sterbenden. Der Arbeiter begab sich, ohne daß der Erkrankte eS wünschte und etwas davon wußte, zu dem Kaplan, und sagte ihm auf Befragen, der Kranke sei sehr krank, er habe zeitweilig schon das Bewußtsein ver- loren. Der Kaplan kam zu der Annahme, daß er der» Kranken die Kommunion nicht mehr reichen könne, und bereitete sich nur auf die Spendung des Sa- kramentes der letzten Oelung vor. Er ließ fern Mittagessen im Stich und eitle zu dem Kranken. Der angellagte Wick ließ sich den Geistlichen sofort hinaufführen. Hier erkannte dieser sogleich, daß es sich nur um einen leicht erkraullen Mann han­dele. Der Wirt freute sich nachher über das Gesche­hene, und der Schreiner sprach von einem „neuesten Witz", den man gemacht habe. Nach der Beweisaus- nähme beantragte der Staatsanwalt gegen den Schreiner und gegen den Wick je zwei Wochen Ge- fängnis. Letzterer habe die heiligsten Einrichtungen der katholischen Kirche verhöhnt. DaS Gericht hielt für erwiesen, daß es sich um eine BerhShnung des Kaplans handele, der dadurch beleidigt ser. Der Arbeiter wurde zu zwei Wochen Gefängnis verur- teilt, die beiden anderen Angeklagten wurden frei- gesprochen.

* Durch essigsaure Tonerde verbramck. Der 16- jähckge Sohn des Pastors in Waldau (Prov. Sachsen) hatte zum Mundspülen essigsaure Tonerde benützt die ihm als Mundwasser verkauft toorben war. Nach wöchenlangem, qualvollem Leiden infolge Verbren­nens des Schlundes ist der junge Mann jetzt gestorben. Gegen den Verkäufer des Mundwassers bezw. dessen Chef ist vom Arzte des Verstorbenen Strafantrag ge­stellt worden.

* Schlechte Geschäfte scheint der Totengräber i» Füssen zu machen. Er bat an den Magistrat eine Eingabe um Aufbesserung des sog. Wacke- gelbeS gerichtet, in der es u. a. heißt: „daß es voriges Jahr etwa 50 Leichen weniger als im Vor­jahre waren, unb daß auch für Heuer keine besseren Aussichten vorhanden sind".

Der (Erbe von (Eberstein.

23] Roman von Ed mund Nowak.

Mortimer hatte den Worten seines Freundes atem­los gelauscht. Was er da zu hören bekam, war ja schrecklich. Er erhob sich von seinem Sessel und ging irregt auf und ab. Dann trat et an Edwin heran and ergriff dessen Hände:

„Armer Junge, wie schwer bift du getroffen. Nicht genug, daß du deine lieben teures Eltern verloren, will man dir jetzt noch beinen guten Namen rauben! Dort, verzage nicht. ES wird uns gelingen, diesen Ver­brecher zu entlarven. Freilich, wir müssen geschickt Vorgehen, wir müssen einen Feldzugsplan entwerfen, der so sorgsam und fein durchdacht ist, daß er uns zum Ziele führen muß. Vor allem darf dieser Miguel Barbeno nicht das gcringsle wecken, vorausgesetzt frei­lich, daß er es auch ist, den wir für den Pseudo- Grasen halten. Ich mache dir einen Vorschlag. Wie wäre es, wenn wir den Kapitän in unfern Plan ein- weihten? Es kann uns nur nützlich fein, umsomehr, als er den Miguel Barbeno kennt. Wenn es dir recht ist, lasse Ich ihn morgen vormittag zu mir bitten, und da werden wir sehen, wie gegen diesen Unhold vorzu­gehen ist."

Erwin war damit einverstanden. —--

Wochen waren seit dieser Unterredung bergangen. «Barren hatte mit Unterstützung seines Freundes Mor­timer und des Sapttäns in der Tai erfahren, daß der falsche Erbe in Eberstein niemand anders als Miguel Barbeno aus Ecuador sei. Run galt eS, alle Beweise herbeizuschaffm, um diesen Doppelgänger auch über­zeugend zu überführen. Zu diesem Zivecke erbot sich Kapitän Traugott, nach der Hauptstadt von Ecua­dor, Quito, zu reifen, um dock die nötigen Ermitte­lungen anzustckleii. In feinem edlen Eifer wies der Kapitän jebc Bezahlung zurück ES mache ihm, so erklärte er. ein Vergnügen, mit seinem Schiffe hinter diesem „Piraten" zu kreuzen, und er werde nicht eher

ruhen, bis er ben „Seeräuber" gekapert haben werde. So mattete Warten mit Sehnsucht auf eine Nachricht Traugotts. Inzwischen suchte Mortimer nach Kräften seinen Freund zu zerstreuen. Für heute war ein Ausflug geplant. Man wollte ein etwa drei Meilen entferntes, überaus idyllisch gelegenes Dörfchen be­suchen, wo sich ein im achten Jahrhundert erbautes Kirchlein befand, das sehr seltene und kostbare Alter­tümer enthalten sollte. Auf diesen Ausflug hatten sich Isolde und Bianka schon lange gefreut Wie be­trübt waren sie aber, als Baron Rottenburg ecklücke, daß er sich unwohl fühle und auf die Fahrt verzichten müsse. Er und die Baronin, die bei ihrem (Satten bleiben wollte, erklärten jedoch, daß die jungen Leute ja nicht nm den Genuß der schönen Fahck kommen und den Ausflug auch ohne sie unternehmen sollten. Als Mortimer und Edwin sich dagegen sträubten, be­stand Baron Rottenburg mit aller Entschiedenhett auf seinem Verlangen, und so kam es, daß di« beiden Da­men mit unseren Freunden die Fahck allein unternah­men. Mockimer verstand e8 so einzurichten, daß er mit Bianka den einen Wagen bestieg, sodaß Edwin mit Isolde den anderen benutzen muffte.

Die Fahck war herckich. Der Weg führte durch eine entzückende Landschaft. Kurz vor dem Dörfchen breitete sich ein herrlicher Hain aus, durch den sich eine schön anaelegie, schattige Promenade zog. Diese entzückte die Damen berart, daß man beschloß, den Rch des Weges zum Dorfe zu Fuß zurückzulegen, während die Wagen sie bei der Kirche erwarten soll­ten. Bothwell, der von der Sette seiner reizenden Kusine picht einen Augenblick wich, unterhielt sich mit ihr aufs lebhafteste, während SBarren mü Isolde ihnen folgte. Sie sprachen von der schönen Gegend und der herrlichen Blumenflor«. Isolde genoß ben wunderbaren Ausblick mit vollen Zügen und stellte an ihren Begleiter wissenschaftlich« Fragen über die verschiedensten Blumen und Baume, sodaß Edwin über ihren Wissensdrang geraden erstaunt war. Plötz­lich wandte sich dir Komtesse an Edwin.

„Herr Baron,ist es wirklich Ihre Absicht, nach In­dien zurückzukehren?"

„Gewiß, meine Gnädigste! Die Pflicht ist tntr heilig. Ich habe für zwei Jahre Urlaub erhalten, und sind diese vorüber, dann kehre ich zurück, vielleicht auf — Nichtmehrwiedersehen! Und übrigens! Was verliere ich auch, wenn ich zurückkehre in meine ferne Heimat? Das Liebste, was mir auf Erden war, meine lieben, guten Eltern, sie leben nicht mehr, unb sonst habe ich leinen Menschen, der sich nach mir seh­nen dürste. Doch, mein Freund Morttmer vielleicht! Wer auch er wird mich in dem ewigen Drängen unb Hasten der Welt vergessen. Das Zick, nach dem ich strebe, die Erfüllung des letzten Wunsches meiner ster­benden Eltern, hat mir eine Bubenhand in wette Ferne entrückt, viellckcht ganz unmöglich gemacht. Gnädigste Gräfin können mir glauben, daß ich dem lieben Gott dankbar wäre, wenn er mich jetzt stecken ließ«.

Wer, Herr Baron, wie können Sie solche Sieben führen! Wollen Sie wie ein Schwächling verzagen, well Ihnen vielleicht nicht alles nach Wunsch geht? Was würde Ihr lieber Vater, Ihre gute Mutter sa­gen, wenn sie Sie so sprechen hörten! Ich weiß nicht, welche Aufgabe zu erfülen Ihnen von Ihren Ellern aufgetragen toorben ist. Aber so viel weiß ich, daß ich nichts unversucht lassen würde, um an mein Zick zu gelangen. Und bann 1 Was bedrückt Sie, Herr Ba­ron? Wollen Sie 3$r Herz nicht vor mit auSschüt- ten ? Wenn Sie mich jedoch als ©raube betrachten, die an Ihrem Wohl und Wehe kein Interesse hat, berat freilidj müssen Sie schweigen."

In Edwins Nugat leuchtcke c8 hell auf. Sollte das Mädchen, das er gleich bei der ersten Unterredung so liebgewonnen hatte, auch für ihn einiges Interesse haben, vielleicht noch mehr «iS dieses ? Sein Herz Hopfte ihm vor freudiger Erregung. Sollte er bie» fern engckgleicken Wesen hatte feine Licke gestern? Stürmisch drangen die Gedanken auf ihn ein. Sem Herz drängte ihn zu dies« Erklärung, die Dermmfl hiett ihn davon ab. Sie sagte ihm, daß er unmög- lich dieses herrliche Wesen an sich letten durste, an einen Menschen, der erst nach seinan Rmmn seiner Stellung ringen müsse. Als et schwieg, blickte , ihn

Isolde mit ihren seckenvollen Augen so lick, so treu­herzig an. Sie schienen ihm zu sagen: Warum sprichst du nicht? Frage mich, ob ich dich lieb«, ob ich dein tteuliebendes Weib sein will und ich will dir freubiger Herzens antworten: Ja, für immer.

Gnädigste Gräfin, kam es zagend aus Edwins Munde. „O, könnte ich sprechen, wie es mir umS Herz ist. Doch ich kann eS nicht. Das Geheimnis, daS mich bedrängt und unglücklich macht, ich darf eS nicht enthüllen. Denken Sie nichts Schlimmes von mir, wenn ich jetzt noch darüber Schweigen bewahre. Aber vielleicht kommt bald di« Stunde, wo ich auch Ihnen flohen Herzms Rechenschaft über mich und mein Tun ablegen kann."

„Ich glaube Ihnen gern, Herr Rittmeister, das, was Sie mit sagen, kommt aus dem Munde eines Ehrenmannes, den ich achte unb schätze. Wenn Sie jetzt schweigen, so haben Sie auch Ihre wohlberechtig- ten Gründe dazu, die Ich zu würdigen weiß."

„Ich baute Ihnen für das Vertrauen, das Sie zu mir haben. Seien Sie gewiß, daß Sie es an keinem Unwürdigen verschwenden. Mer noch eins möchte ich erwähnen. Darf ich sprechen, wie mein Herz jetzt fühlt? — Nicht das Geheimnis, das ich letzt wahren muß, macht mich so unglücklich, nein, etwas anderes ist eS, das mich so unsäglich glücklich machen könnte, woran ich unbedeutender, armer Mensch aber nicht denken darf."

„Herr Baron," unieckrach ihn Isolde, „wie kön­nen Sie von unbedeutend und arm sprechen! Ging nicht Ihr Stahrn durch die ganze Wckt? Hat nicht England seinen Helden mH allen nur erdenklichen Ehren ausq-zeichnet? Genießen Sie nicht die Ach­tung Tmlsender von Menschen und die innige Liebs Ihres Freundes Morttmer, der ohne Sie nicht leben mag? Md vor allem: Besitzen Sie nicht in Ihrem Herzen di« Zusriedcnhett, die jeder edle Mensch nach tblen Tote» fejn unbestrittenes Eigentum nennt?"

(Fortsetzung folgt)