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Fulda, Montag Sen 10. April 1911.
Erstes Blatt.
38. Jahrqanj.
für alle kirchentreuen Katholiken in hohem Maße Seger ntserregend. Das kirchliche Interesse bedangt grundsätzlich, daß die Wahl völlig frei sei. Bei uns in Preußen ist nun schon durch päpstliche Konzession iis Interesse eines freundlichen Hand-in-Handgehens von Staat und Kirche die Freiheit der Wahl dadurch 6e< schränkt, daß der König vertragsmäßig das Recht ert halten hat, zu verlangen, daß niemand zum Bischof gewählt werde, welcher ihm „persona minus grata", eine minder genehme Persönlichkeit ist. Soweit di» Staatsregierung dieses Recht des Königs in dessen Vertretung aus zutreffenden staatlichen Gründen aus, übt, kann niemand chr hineinreden. Ganz unzulässig ist es aber, nun die Staatsregterung von katholischer Seite aus persönlichen Anschauungen heraus antreiben zu wollen, durch Ausübung ihres Streichungsrechts im Sinne der Urheber dieser Agitation noch weiterhin j die Freiheit der Wahl zu beeinträchtigen. Die preußischen Katholiken haben sich ftüher oft genug über eine übertriebene, zuweilen ganz unverständliche Handhabung des staatlichen Streichungsrechtes zum schwe- ren Schaden der kirchlichen Freiheit zu beklagen ge- habt. In neuerer Zeit konnte hier eine Besserung beobachtet werden, die dankbar anerkannt wurde. Es wäre in höchstem Maße zu bedauern, wenn es jetzt gelänge, die Staatsregiemng zu veranlassen, zu dem früheren Spstem zurückzukehrm. Es muß daher durchaus gegen die erwähnte Agitation Front gemacht werden, welche kurzstchtig genug ist, aus persönlichen Auffassungen heraus einen Weg zu gehen, welcher vom, Standpunkt des kirchlichen Rechtes und Interesses aus unbedingt verwerflich ist. Diese Agitation — ebenso wie eine gleichzeitige von ganz entgegengesetzter Seite ausgehende — macht natürlich der liberalen Presse besondere Freude, sodaß sie mit größter Bereittvilligkeit j den betreffenden Artikeln Aufnahme gewährt. Jede i Streichung, auch eine legitime Streichung aus staatlichen Gründen, ist schon stets in hohem Maße empfindlich für die Freiheit der Bischofswahl und geschieht zum allgemeinen Nachteil der kirchlichen Freiheit. Erst recht gereichen daher Streichungen, welch« sachlich ungerechtfertigt sind, allen denjenigen zur Genugtuung, welche die kirchliche Freiheit so weit al» nur irgend möglich beschränkt sehen möchten.
v. Wedel-Piesdorf: Dieser Ansicht bin ich auch, aber die Sache muß auf Gegenseitigteit beruhen. Heute fraternisieren die Liberalen mit den Sozialdemokraten. (Beifall.)
Beim Handelsetat bittet
Graf Mirbach, in Ostpreußen Bohrungen nach Braunkohle anstellen zu lassen.
Minister Shdow macht eine zusagende Antwort.
Damit ist der Etat erledigt.
Nächste Sitzung wahrscheinlich Ende Mai.
wurde zum Stistsherrn bei dem Kollegiatstist in - Aacken ernannt. I
♦ Ter deutscheKronprinz unddteKronprinzessrn l sind Samstag mittag von Rom abgerc ist nachdem sie sich am Bahnhof vom König tun der Königin verabschiedet hatten. Die Berat chiednng \ trug privaten Charakter. Bei der Fa rt -um Bahnhof bereitete die Bevölkerung dem kSn g- lichen und dem kronprinzlichen Paare h rzilche Kundgebungen. Die Ankunft in Wien erfolgte Sonntag nachmittag. Der Kaiser von Oesterreich, der am Bahnhose war und die Erz- Herzöge begrüßten daS Paar sehr herzlich. Neun- zehn offene kaiserliche Leibwagen brachten dies Gäste und die Mitglieder des Kaiserhauses in die Holburg. In den fahnengeschmückten Straßen bildeten viele Tausende Menschen Spalier, die den Kaiser und seine Gäste mit stürmilchen Jubel begrüßten. Um 7 Uyr war beim Kaiser Familien, täfel und gleichzeitig Marschalltafel, an der das Gefolge des kronprinzlichen Paares, sowie der Ehrendienst teilnahm. — Die Wiener Blätter begrüßen das Kronprinzenpaar auf das herzlichste.
C. Zum Befinden des Freiherrn v. Hert- ling. Das am Samstag nachmittag an das Berliner C.-P. C.-Bureau ausgegebene amtliche Bulletin lautet: Exzellenz v. Herlings Befinden ist andauernd gut. Ter Patient verbringt bereits täglich mehrere Stunden außer dem Bette zu. Auch der Krästezustand ist andauernd gut. Tem- s peratur nicht mehr erhöht. Puls normal, Nah- rungSausnahme sehr befriedigend. s
» Zum Präsidenten des Reichsmilitärgerichts ,st der ! Genera der Infanterie Graf Kirchbach, kam»! mandierender General des 5. Armeekorps (Posen), I ernannt worden. Nach den letzter Zeit umgehenden Gerüchten über einen Wechsel im Kommando des 18. Armeekorps (Frankfurt) sollte der kam- mandierende General des 18. Armeekorps, Excellenz v. Elch Horn, für diesen Posten in Aussicht genommen sein. Nachfolger des Grafen Kirchbach in Posen wird der bisherige Generalleutnant v. S tr a n tz, Kommandeur der 25. großherzoglich-hessischen Division in Darmstadt.
C. Tie Finanz - Kommission des Herren- Hauses hat sich mit einer Reihe von Petitionen beschäftigt, welche teils die Versetzung einzelner Gemeinden m eine höhere Ortsklasse, teils eine Besserung der BesoldungsVerhältnisse einzelner Beamten - Kategorien wünschen. Nach dem Antrags der Kommission sollen von diesen als Material überwiesen werden die Petitionen um Wederheraufsetzung der Stadt Kassel aus der Ortsklasse 0 nach B, um Wiederheraufsetzung der Stadt Erfurt aus der Ortsklasse 6 nach B, um anderweite Festsetzung des Besoldungs - Dienstalters der Kanzlei-Beamten der Oberland-s-, Land- und Amtsgerichte, sowie der Staatsanwaltschaften und um Besserung der Besoldungs- und Anstellungsverhältnisse der landrätlichen Privat- beamlen.
c. Die Petitionskommiffiou des Herrenhauses wies eine Petition des antiullramontanen Reichsoerbandes umAuthebnug der diplomatischenVertretung Preußens bei dem päpstlichen Stuhle ab durch Uebergaug zur Tagesordnung.
* Widerspruch gegen den Ordnungsruf. Der Abg. Severing wurde in der letzten Sitzung des Reichstags zweimal zur Ordnung gerufen, weil er Aus- sührungeu der im Reichsrnarmearnte redigierten Marine-Rundschau' als direkt erlogen bezeichnet hatte. Dagegen hat nun der Abg. Severing Ein- spruch erhoben. Eine Beschlußfassung des Reichs- tags über diese Einsprache soll in der Sitzung am Mittwoch, den 3. Mai, den GeschästsordnungSbe- stimmungen entsprechend, ohne Diskussion herbeige-
Ausland.
* Der Tokumenteudiebstahl im französischen Ministerium des Aeußeren. Der junge Konsul Rouet beteuerte vor dem Untersuchungsrichter, er
Deutsches Keich.
♦♦ Berlin, 9. April 1911. Das Kronprinzen- paar trifft am Dienstag mittag wieder in Potsdam ein. — Der ordentlich« Professor an der Universität in Bonn Winfried Philipp.En giert
Mainz, 8. April 1911. Durch den Rücktritt des nationallideralen Abg. Seelinger im Wahlkreis«) Lampertheim (Provinz Starkenburg) war eine Ersatzwahl zum hessischen Landtag notwendig ge-' worden. Bei der heute betätigten Wahl wurde der Zentrumskandidat Rechtsanwalt Dr. Box«. heimer-WormS mit 33 Stimmen zum Abgeord». neten gewählt. Der nationalliberale Kandidat Friedrich-Gr. Rohrheim erhielt nur 3 Stimmen;' drei Zettel waren unbeschrieben. Durch diesen, Wahlausgang hat die Zentrumsfraktion der zweiten, Kammer einen Zuwachs erhalten, indem ein Wahlkreis, der nie in ihrem Besitze war, nunmehr ihr zugefallen ist. Von Interesse ist die Feststellung, daß auch der weitaus größte Teil der Wahlmänner dem Zentrumskandidaten ihre Stimme gegeben hat. Die von mehreren Blättern gestern gebrachte Mit« tcilung, Bürgermeister Dr. Frenay-Bensheim sei' seitens des Zentrum- aufgestellt worden, beruhe auf, einem Irrtum; Herr Dr. Frenay hat eine Kandidatur von vornherein abgelehnt.
11. Stuttgart, 8. April 1911. Stuttgart hat heut« Festtag. Stadt und Land feiern die silberne Hochzeit deS Königspaares. Die Stadt zeigt bis in die entferntesten Straßen Fahnen an Fahnen: die Gebäude in der Umgebung der ResidenzschloffeS sind reich geschmückt. Schulen und Behörden feiern. Im Marmorsaal des ResidenzschloffeS fand um 101/» Uhr eine kirchliche Feier statt. Die Festpredigt hielt Oberhofprediger v. Kolb. An die kirchliche Feier schloß sich eine Gratulationscour an. Anwesend ■ waren die Fürstlichkeiten, darunter daS badische I Großherzogspaar und Prinz Johann Georg von Sachsen, der Hof, die Diplomatie, Bischof Keppler, Graf Zeppelin sowie die Präsidenten beider Kammern. Am Nachmittag trat das Königspaar eine Rundfahrt durch die festlich geschmückte Residenz an. Der Verkehr auf den Straßen und Plätzen, wo an verschiedenen Orten Musikkorps anläßlich des heutigen Blumentages spielten, war so gewallig, daß zeitweise der Straßenbahn- und Fuhrverkehr stockte. Das Publikum bereitete dem KönigSpaar überall stürmische Ovationen^ und stimmte nach dessen Rückte, r in das Schloß das Lied an: »Preisend mit viel schönen Reden". Abends fand großes Galadiner statt. Im Verlause des Mahles brachte der Großherzog von Baden das Hoch auf daS KönigSpaar aus, worauf der König mit einer Dankrede erwiderte. Stach dem Mahle sand Empfang im großen | Marmorsaal statt, darauf Serenade durch die I Sänger des Schwäbischen Sängerbunds im Schloßhof und Feuerwerk auf dem Schloßplatz.
Reichstagswahlvorbereitungen.
* Ein umfassendes Wahlabkommen ist zwijchen den Parteien der Nationalliberalen und der Fortschrittlichen Volkspartei zu- stände gekommen. Vorläufig einigte man sich über Schlesien, Hannover, Oldenburg, Mecklenburg und Thüringen. Die parteioffiziöie Kundgebung, die das mttteitt, sagt nichts über di« östlichen Provinzen, in denen auch schon zum Teil Vereinbarungen bestehen, Ostpreußen und Pommern. Ebenso ist nichts gesagt über Rhein- land und Westfalen.
Preußischer Larrvtag«
Herrenhaus.
Sitzung vom 8. April 1911.
Die Beratung des Etats der Fiuanzvrrwaltung wird fortgesetzt. m „
Bankier Delbrück tritt für die gesetzliche Verpflichtung der Sportasse zum Ankauf von Staatspapieren ein und empfiehlt, die gesetzliche Schuldentilgung möglichst durch Ankäufe auf offenem Markte vorzunehmen. Die Kritik, welche Heu v. Gminner im vorigen Jahre an unsere Finanzpolitik geübt habe, habe sich glücklicherweise als unzutreffend erwiesen. Das sei um so erfreulicher, als jene Kritik eine solche gewesen sei, wie sie selten rm Hause erhört set.
Graf Mirbach-Torquitten meint, es ginge über die Kollegialität hinaus, wenn der Vorredner gesagt habe' die Kritik des Herrn Gwinner sei unerhört gewesen Und bemängelt weiter, daß die Finanzgebahrung der Staatsbahnen auf eine Thesaurieiung hinauslaufe, das führe zu einer Erhöhung der direkten Steuern. Was die Ergänzungsfteuer anlangt, so möchte ich den Minister bitten, daß er bei der Rewini von einer Erhöhung absieht, und daß er bei der Steuerreform überhaupt die hohe kommunalsteuerliche Belastung berücksichtigt.
_>* An dem Entwurf der elsatz- lothringischen Berfa ffungsreforrn
will die Regierung „mit aller Entschiedenheit fe sitz alten", wie soeben die Offiziösen verkünden.
Soll sich dieses „Festhalten" auf alle Bestandteile des Entwurfs beziehen? Oder gar auch noch auf die Beilage der Wahlkreiseinteilung, die von größerer Bedeutung ist, als manche Paragraphen der Vorlage selbst? Die „Franff. Ztg." wollte bekanntlich dieser Tage wissen, die Wahlkreisemteilung soll zurückgezogen werden. Bestättgt worden ist es nicht.
Im Laufe der Beratungen hat ja die Regierung tn einem wichtigen Punkt bereits die „festhaltende" Hand locker gelassen, die zuerst entschieden verweigerten Bundes ratssiimmen sind dem Reichslande nachträglich bewilligt worden. Wenn die Vorlage die Zustimmung des Reichstags finden soll, so wird die Regierung auch in anderen Puntten noch Zugeständnisse machen müssen.
Der heute vorliegende „Rückblick" in der „Nordd. Allg. Ztg." laßt allerdings noch nicht erkennen, daß die Regierung sich darüber klar und schlüssig geworden sei. Er schließt mit der Wendung: Das Schicksal der Reform hänge im wesentlichen von der parteipolitischen Bescheidung der resorm- fteundltchen Parteien ab.
Der Ausdruck „parteipolitische Bescheidung" ist nicht recht klar und auch nicht sehr schön. Ms das Zentrum gegen die wunderliche Wahlkreiseinteilung, die geradezu eine Herrschaft der liberalen und sozialdemokratischen Parteien begründen sollte, Einspruch erhob, haben die Blätter von links ihm .Parteiegoismus" vorgeworsen. Man könnte nun die Mahnung zur „Selbstbescheidung" so ausfassen, als ob dem Zentrum zugemutet werden solle, sich diese tendenziöse, ungerechte, für das Land verhängnisvolle Wahlkreisgeometrie in demütiger Ergebenheit gefallen zu lassen. Eine solche Deutung der offiziösen Redewendung müßten wir entschieden ablehnen. DaS Zentrum handelt nicht selbstsüchtig, sondern im Interesse des Landes und Reiches, wenn es eine gerechte und gedeihliche Wahlordnung verlangt, die nicht den Liberalen und gar der Umsturzpartei ein ungebührliches Uebergewicht verschaffen, sondern allen Klaffen und Kreisen der Bevölkerung die angemessene Beteiligung an den Staatsarbeiten sichert. In diesem Streben können wir uns neuerdings auf einen sehr gewichtigen Eideshelfer berufen, nämlich Herm v. Köller, der aus seiner gründlichen Erfahrung heraus in seiner jüngsten Herrenhausrede gerade der ländlichen Bevölkerung des Reichslandes das allerglänzendste Zeugnis ausgestellt hat, sowohl wegen der wirsschaftlich-sozialen Tugenden, als auch wegen der staatS- und reichsbürgerlichen Zuver- lässigkeit. Eine Wahlkreisemteilung, die gerade diesen a l l e r b e st e n B e v S l k e r u ng s te i l zumck- setzen und ohnmächtig machen will, ist damit vollends gerichtet.
Ueberhcmpt ist die Auffassung der Offiziösen falsch, daß die entscheidenden Fraktionen im Reichstag bei dieser Angelegenhett von ihren „parteipolitischen" Idem und Interessen sich ausschlaggabend leiten ließen. Wenigstens gllt daS nicht für die Zentrums- ftaktion, die von Anfang an betont und such durch ihre Handungen bekundet hat, daß es hauptsächlich darauf ankomme, der elsaß-lothringischen Bevölkerung jene Befriedigung und Beruhigung zu geben, die eine Aera der frucht baren Arbeit statt der bisherigen staatsrechtlichen Agitation eröffnen würde.
Auch in diesem Punkte berufen wir uns auf den Sachvechwidigen v. Köller, der die gebotene Rücksichtnahme auf die betreffenbe Bevölkerung drastisch zum Ausdruck bracht« in dem Vorschläge, die Ausarbeitung der Verfassung dem Landesausschuß zu überlassm. Die Offiziösen sagen demgegenüber, der Köllersche Weg sei nicht gangbar gewesen wegen der inkonse- ouenien Haltung der elsaß-lothringischen Parteien und wegen Mangels an Sicherheit für die Wahrung der Neichsintecesseu. Das find Vorwände, die den berechtigten Kern des Köllerschen Gedankens nicht treffen. Man braucht nicht dem Landesausschuß die ganze Sache sozusagen in Generalvollmacht zu geben; das letzte Wort stand naturgemäß den gesetzgebenden Faktoren des Reiches zu. Man durfte eben nicht die MitwiAung der dortigen VolkSverttetung von vornherein ablchnen, und zum mindrstm mußte man bei der selbstherrlichen Fabrikation des Entwurfs den Wünschen und berechtigten Erwartungen der Elsaß-Lothringer gebührend Rech- nun g tragen. Letzteres ist bisher nicht ge- schehen. Der lettende Gesichtspunkt war stets, die Berliner Herrschaft über das Reichsland nicht blos materiell, sondern auch in allen möglichen formellen Garanttm sicher zu stellen. Wenn man von „Bescheidung" redm will, so ist die Mahnung am Platze, daß die Berliner Machthaber nicht gar so eifersüchtig und engherzig bleiben, ftmbem ev> was mehr Vertrauen und Entgegenkommen gegenüber der retchSländtschen Bevölkerung bekunden möchten.
führt werden.
4- Zur Geschichte der Reichssinanzreform. Die Mitteiluitg des Münchener Korrespondenten der ,Tägt. Rundschau', Fürst Bülow habe sich überreden lassen, die Reichsfinanzreform zu verschieben, obwohl sie schon fertig wohlverwahrt in den Schub- fächern sich befunden habe (vergt. Nr. 80), wrrd von bet ,K. V.' bestätigt und dahin vervollständigt, daß die Verschiebung der Finanzresorm auf dringendes Ansuchen nationalliberaler Politiker erfolgt sei, die zttm damaligen Reichskanzler nach Norderney sich begeben hätten. Damals set aus dem Munde des Fürsten Bülow das Wort gefallen: „Nun wohl, lassen wir die Sorge um die Finanzen eine Sorge der Zukunft sein." Dazu bemerkt nun I die .Kreuzzeitung' (Nr. 168) mit deutlicher Wendung an die Adresse des Fürsten Bülow:
.Collie diese Reminiszenz in allen ihren Punkten der Wahrhest entsprechen — was wir im Interesse des früheren Reichskanzlers nicht wünschen möchten —, so würde nur wieder ein neuer Beweis dafür geliefert fein, wie verhängnisvoll die Ratschläge nationalliberaler Politiker für den Fürsten Bülow sich erwiesen haben ... I Das stärkste Stück staatsmännischer Weisheit aber > würden die erwähnten nationalliberalen Politiker ge-1 leistet haben, wenn sie tatsächlich den damaligen Reichskanzler dazu überredet hätten, die vollkommen fertiggestellte Reichsstnanzreform hinauSzuschieben, obwohl dieser Aufschub dem Reiche viele Millionen kostete und dem Ansehen deS Reiches nach außen schadete."
** Die bevorstehende Bischosswahl in Munster zeitigt einige unerftertliche Erscheinungen. Das Domkapitel hat ordnungsgemäß die übliche Kandidatenliste für diese Bischofswahl aufgestellt und sie dem König zur Ausübung der ihm emgeräumten Befugnis eingereicht, um sich zu erklären, ob die Kandidaten ihm nicht genehm sind. Daran knüpft sich jetzt, schreibt die „Köln. Vztg.", eine offenbar aus katholischen Kreisen stammeitde Agttation in liberalen Blättern, welche die Staatsregiemng in dieser Angelegenheit veranlassen will, an der Kandidatenliste Streichungen voWnichmen. Diese Agitation ist
Finanzminister Dr. Lentze: Neben den Betriebseinnahmen ist die Einkommensteuer und die Ergänz» ngssteuer die einzige Haupteinnahmequelle des Staates. Wenn diese Steuern in die Höhe gehen, so bedauern wir das auch. Auch ich bebaute unendlich den Steuerdruck, der allmählich im Lande recht groß geworden ist. Der Druck der Staatsfteuer ist nicht so groß, sondern vor allem derjenige der kommunalen ©teuer. (Ledhajtes Sehr richtig! — Zu- tufe: Schulsteuer!) Gewiß, alle Steuern, die vorhanden sind. Ader sagen Sie mir bitte ein Mittel, das wir an die Stelle der Steuern setzen können. Die Verhältnisse haben sich jo entwickelt, daß das Reich nicht nur das ganze Gebiet der indirekten Steuern für stch in Anspruch nimmt, sondern auch mittlerweile auf Gebiete übergetreten ist, die bisher dem preußischen Staat und den Kommunen Vorbehalten waren. (Zurufe: Leider!) Der preußische Staat hat nichts als seine Betriebseinnahmen, die keine Steigerung mehr erfahren können, und die Steuer. Wenn wir weitere ÜDiittel für den Staat notwendig haben, bleibt uns nichts anderes übrig, so schmerzlich es mir ist, als die Steuerschraube anzuziehen.
Bankdirektor v. Gwinner macht für eine andere Finanzpolitik der Eisenbahnen, wie im vorigen Jahre, wieder besondere Vorschläge.
Ministerialdirektor Offenberg rechtfertigt die Finanzgebahrung der Eisendahnverwaltung.
Pros. Dr. Wagner-Berlin verteidigt die Politik der Eisendahnverwaltung gegen die Gwinnerschen Vorschläge. Was die direkten Steuern anlangt, so ist ein« Erhöhung derselben und zwar nach oben hin mit Rücksicht auf die starke Belastung mit indirekten Verbrauchssteuern notwendig. Daneben muß di« EtnschäMng yjärfer gehandhabt werden gegenüber den großen Kapitalvermögen.
Fürst Saim-Horstmar fuhrt Beschwerde darüber, daß daS mobile Kavual bei der Besteuerung frei aus- arhe, während der Grundbesitz mehr und mehr zu den Steuern herangezogen werde. Die Grundwert- steiler komme einer Bermögenskonsiskation gleich. St« Müsse abgeschafft werden und da» mobil« Kapital schär ser her ungezogen werden.
Gras Hulten-Czapski fordert, daß bei der Steuerreform ein beuerer Wertmesser für den Wert land- und ftrstrowschasllich benutzter Grundstücke al» die jetzige Taxe eingeführt werde.
Generalsteuerdirektor H-inke erwidert, etn Schematismus sei nicht deadfichiigt gewesen. Ergäben fich bei den Aussübrungsdefiimmungen Härten, so sollten diese Nach Möglichkett beseitigt werden.
Der Etat wird bereit! gt Ebenso eine Reihe kleinerer Etats.
Beim Etat des Ministeriums fc«8 Innern verlangt Gras Huiteu-CzapSki staatliche Maßnahmen gegen dir Gegner veS Impfzwanges.
Professor Dr. Walldeyrr wünscht, daß man die medizinischen Foribildungsakademien in Köln und Düsseldorf dem Kultusministerium unterstell«.
». Puttkamrr wirft die Frage auf, ob man sich den Terrorismus der Sozialdemokratie noch länger gefallen lassen könne. Beiden nächsten Wahlen würde fich das Bündnis zwischen Sozialdemokratie und Liberalismus nach Aussage des Hansabundes gegen Zentrum und Rechte richten. Hiervon wird nur die Sozialdemokratie profitieren. Wünschenswert wäre es, daß wenigstens für die Stichwahlen ein Zusammengehen der bürgerlichen Parteien zustande käme. Im nächsten Reichstag werden wir wahrscheinlich zwei groß« Mehrheitsparteien haben, Zentrum und Sozialdemokratie. Wie sich die Industriellen damit abfinden wollen, ist ihre Sache, aber es fragt sich, rott lange sie dem Hansadund, dem Schrittmacher der Sozialdemokratie, folgen wollen. Die soziale Gesetzgebung wollen wir weiter ausdauen, aber dürfen nicht zu einer ausschießltchen Herrschaft bet Arbeiter kommen. Den unvermeidlichen Kampf mit den Massen müssen wir ausnehmen, solange wir noch genügende Machtmittel habe». Dieser Kampf mit der Sozialdemokratie wird nicht auSbleiben. Sollen wir da warten, bis unsere Matztmittel unlerrouhlt find? Daher ist es nötig, daß wir möglichst bald ein Gesetz «halten, welches gegen die Sozialdemokratie schützt.
Minister v. Dallwitz: Es ist eine der ernstesten Borgen des Staate», darüber zu wachen, daß die revolutionäre Strömung ber Sozialdemokratie keine Gefahr für den Staat wird. Dem Mittelstand, dem Gewerbe- htibenbtn und dem Arbeitgeber muß die Möglichkeit gewährt werden, feinen Betrieb fortsühren zu können. Der Terrori»mu» der Sozialdemokratie ist «ine der unerfreulichsten Begleiterscheinungen, dir ihr im Gegensatz zu den anderen organisierten Arbeitern £6®» ist. Ob es nun möglich sein wird, durch eine yatjete Ausdehnung des Strafgesetzbuches oder der Gewerbeordnung daS Hebet zu beseitigen, steht dahin:
meiner Meinung muß bei der Reform des Strafrechte» em dahingehender Versuch gemacht werden, gn ent« 8m « muß es bi« Sorge der Regierung sein, dahinzuwtrken, daß durch richtigen polizeilichen Schutz d«i Arbeitswilligen Gelegenheit gegeben wird, ®eT ^deschafiignng unbehelligt nachzugehen. (Lebh.
Oberbürgermeister Dr. Körthe-köiügSberg nimmt »en Liberalismus gegen Herrn v. Puittamer in Schutz, »er LiberaliSmuS ist der unerbittlichste Feind der Sozialdemokratie. (Lachen recht».) Die Konservativen machen den Fehler, daß sie bei den Stichwahlen zwischen Liberalen und Sozialdemokraten Gewehr bei Fuß stehen wollen. Wenn alle bürgerlichen Parteien zusammenhielten, würde die Sozialdemokratie niedergerungen weiden.