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M 81.

Samstag den 8. April 19U.

38. Zavraang.

• Tuldacr W Leitung «

2. Blatt.

Druck und Verlag der finita« Aetiendrnckerel in finita.

wochen-Uun-jchau.

[:) ftnlöa, 7. April 1911.

Der Reichstag hat sein größtes Werl das ft alljährlich abzuarbeiten hat, vollbracht Er ist am Dienstag abend nach zehnstündigem Ringen mit der Redelust der Abgeordnete in die Osterferien gegangen, nachdem der Etat in 3. Lesung erledigt worden war. Der preußische Landtag muß noch einige Tage harren, obgleich das Plenum des Abgeordneterchauses den Etat pünkllich, pünktlicher als der Reichstag, fertig gestellt hatte; das Herrenhaus muß erst noch feine Genehmigung darunter setzen, und das wird noch einige Tage dauern.

Das wichtigste Ergebnis der Etatsdebatten war der Nachweis der völligen Gesundung der Reichs sinanzen. Der Anerkennung für das Werk der Neichsfinanzreform haben auch die Minister, die früher in diefem Punkte sich so zurückhaltend gezeigt hatten, sich nicht mehr entziehen können. Herr v. Bethmaun Hollweg selbst mußte die Gesundung der Reichsfinanzen als den Er­folg der Reichsfinanzreform feststellen und angesichts bet klaren Tatsachen hatten die Versuche der libera­len Parteien, immer noch an dem großen Werke, zu dessen Durchführung sie selber sich unfähig erwiesen hatten h.erumzumäkeln, nur einen recht kläglichen Er­folg. Im Zusammenhang mit diesen Versuchen stan­den die verschiedentlichen Vorstöße der liberalen Par­teien gegen die Konservativen, auf die als die frühe­ren Blockgenoffen sie ihre ganze Verärgerung abzu­laden suchten. Vonseiten der Rechten blieb die ge­bührende Antwort nicht aus, und das Ergebnis beim Abschluß der Wintertagung des Reichstags ist eine Verschärfung der Spannung zwischen der Recht en und der Linken. Die Samm­lungsbestrebungen des Reichskanzlers sind, wie man jetzt wohl sagen muß, endgültig gescheitert. Richt allein im Reichstage ist der Gegensatz zwischen Kon­servativen und Nationalliberalen immer schärfer her­vorgetreten, das gleiche Bild zeigte sich auch int preu­ßischen Abgeordnetenhause, wo die Zusammenstöße einen Grad von Feindseligkeit annahmen, wie er hier seit Jahren nicht gekannt war. Vollends die Haltung der Nationalliberalen Bei den Wahlvorberei­tungen ist von der schärfften Feindseligkeit gegen die Konservativen diktiert. Auf der Frühjahrstagung des Nationalliberalen Landesvereins in Sachsen gestattete sich der 1907 mit konservativer Hilfe gewählte Abg. Dr. Weber so schwere Beleidigungen gegen die rechtsstehenden Parteien, daß die „Kreuzztg." eS als selbstverständlich bezeichnet, daß die sächsischen Natio­nalliberalen auf irgend welche Wahlhilfe fettens der Konservativen nicht» mehr rechnen können. Wie die Mf. Nationalliberalen die Verbrüderung mit der Forischr. Volkspartei u. den schärfsten Kampf gegen die Konservativen proklamiert haben, so taten es an dem gleichen Tage auch ihre Parteifreunde in Bayern. Und zwar entgegen den Willen ihres Parteivorsttzen- den, des Nürnberger Fabrikdirektors Tafel, der für eine Verständigung mit den rechtsstehenden Parteien eintrat Die von ihm eingebrachte Resolution wurde verworfen. Herr Tafel hat aus diesem offenen. Miß­trauensvotum die Konsequenzen gezogen und die Nie­derlegung seines Vorsitzes und den Austritt aus dem geschäftssiührenden Vorstand erklärt. Für den baye­rischen Nationalliberalismus bedeutet die Entschei- dnng auf dem Nürnberger Landesparteitag die tat­sächliche Preisgabe seiner letzten Selbständigkeit ge­genüber dem Linksliberalismus, woran auch die for­male Betonung des Gegenteils nichts ändern kann. Die „liberale Arbeitsgemeinschaft" in Bayern hat die nationalliberale Partei vollständig dem auf gleicher Stufe mit den Linksliberalen stehenden Jungliberalen auSgeliefert, und die „gesamtliberale" Einigung be­weist hier tote auch anderwärts die Einigung auf einer Grundlage, die von dem alten nationalliberalen Standpunkte so gut wie nichts mehr übrig läßt.

Die Beratung des Reichskanzleretats gab Herrn v. Bethmann Hollweg Gelegercheit, seine Meinung zu ber aktuellen Frage bet internationalen Abrüstung und dem Problem der allgemeine» Schiedsgerichte zu äußern. Seine Argumente, mit denen er gewissen Schwärmereien zu Leibe ging, waren unanfechtbar, und in absehbarer Zeit wird wohl niemand, der auf de« Namen eines ernsthaften Politiker? Anspruch macht, es mehr wagen, jene Fragen zur ernsten Dis- kuffion zu stellen. Der Gedanke, daß die Staaten sich über eine allgemeine Einschräickung ihrer Rüstungen verständigen könnten, ist in Wahrheit utopistisch, und

das gleiche gilt von der Forderung, daß die Staaten sich verpflichten sollten, der Entscheidung durch ein internationales Schiedsgericht auch solche Streitfälle zu überweisen, in denen eS sich um Unabhängigkeit, Ehre und Existenz der Staaten handelt. Daß Deutsch­land aber durchaus geneigt ist, zu internationalen Ab­machungen mitzuwirken, welche der Gefahr von Kon­flikten vorbeugen und auf genau bezeichnetem Rechts­gebiete die friedliche Austragung vor unparteiischen Schiedsgerichten ermöglichen sollen, dafür konnte der Reichskanzler verweisen auf die Tatsache, daß Deutsch­land stets ein Freund von Schiedsgerichten gewesen ist, dafür konnte er auch einen neuen Beweis erbringen durch das Entgegenkommen, das soeben das Deutsche Reich in der Frage eines Nachrichtenaustausches über die gegenteiligen Schiffsbauten England gegenüber bewiesen hat. Wie wenig die Staaten und die Völker heute bereits für die Weltfriedensidee reif sind, das haben zwei Vorgänge der letzten Tage wieder deutlich bewiesen. Im englischen Oberhause hat Lord Ro­berts am Montag die Kanzlerrede zum Anlaß ge­nommen, um damit einen Antrag auf Einführung der allgemeinen Dienstpflicht zu begründen. In Frank­reich hat ein neidischer Zeitungsmann es fertig ge­bracht, feinen Konkurrenten durch Aufstachelung einer chauvinistischen Hetze die Veranstaltung eines euro­päischen Rundflugs mit allerhand Flugapparaten unmöglich zu machen, weil auch Deutschland daran beteiligt werden sollte. Solange die Stimmungen bet Völker für berarttge chauvinistische Manöver sich so zugänglich erweisen, sollte man alle Weltfriedensideen schleunigst über Bord werfen.

Der österreichische Reichsrat ist jetzt aufgelöst und bei Wahlkampf von ber Regierung durch eine im halbamtlichen Organ veröffentlichte Kund­gebung eingeleitet worden, in welcher u. a. auch fest- gestellt ist, daß die gegen den Bestand des Volkshauses gerichtete Politik der flavischen Union auch bei der Sozialdemokratie eine nicht nur passive, sondern mehr­fach sogar aktive Unterstützung gefunden hat. Diese Feststellung ist den Sozialdemokraten außerordentlich peinlich, und zwar um so mehr, als sie den bereits eingeleiteten Kompromißverhandlungen zwischen der christlich-sozialen Partei und dem deutschen National- verbande eine kräftige Förderung bereit werden zu las­sen geeignet erscheint. Wenn diese Verhandlungen zu einem guten Abschlüsse führen, wird es möglich sein, der Sozialdemokratie eine nicht unbeträchtliche Zahl von Sitzen zu entreißen. Eine Mehrheit der deutschen Parteien im Reichsrate wird die oppositionellen Trei­bereien der flavischen Union unmöglich machen und damit dem österreichischen Volkshause endlich die Möglichkeit einer gedeihlichen Arbeit eröffnen.

In England wurde in dieser Woche die Be­ratung über die Parlamentsbill im Unterhause eröff­net. Da die Opposition die größten Anstrengungen macht, die Erledigung des Gesetzentwurfs zu ver­zögern — es sind bereits mehr als 900 Zusatz- und Abändemngsanträge angemeldet worden — so werden die Regierung und die liberale Mehrheit des Parla­ments einen schweren Kampf zu bestehen haben.

Der antifienTalen Regierung in Frankreich droht eine ernste Gefahr von feiten der Syndikalisten. Nachdem die sagenhafte Milliarde der Kongregationen die zur Durchführung der Sozialreform notwendigen Gelder nicht im geringsten eingebracht hat und die Regierung auch gar keine ernsthaften Versuche unter­nimmt, die Forderungen der Arbeiterschaft zu befrie­digen, vielmehr in einer neuen antiklerikclen Kam­pagne den Zweck chres Daseins sucht, so wollen die Führer ber Gewerkschaften ben regierenden Logen­männern ihre Unterstützung nicht weiter zuteil werden lassen.

Das neue italienische Kabinett ist jetzt vom Könige bestätigt worden. Die Bemühungen Gio- littis, einen Sozialisten für ein Ministerportefeuille zu gewinnen, sind fehlgeschlagen. Immerhin bedeutet das neue Kabinett seinem politischen Gesamtcharakter nach eine Konzession an die Parteien der Linken, auf deren Unterstützung Giolitti zur Durchführung seines radikalen Arbeitsprogramms angewiesen sein wird.

In S p a n i e n hat die Ferner-Debatte in der Kammer den Freunden und Gesinnungsgenoffen des Hingerichteten Freidenkers und Revolntionsheldeii die erhoffte Genugtuung nicht gebracht. Die Regierung hat sich zwar nach Kräften bemüht, ihren republikani­schen Freunden Entgegenkommen zu beweisen, ihr ein­ziger Erfolg aber war eine Kabinettskrise, weil der Kriegsminister sich mit der laxen Behandlung der An­

Unpolttijche Seitläufe.

(N.) Berlin, 6. April 1911.

(Nachdruck verboten.)

Den gangen Winter habe ich nicht so.gefroren, tote am 4. April dieses Jahres, ganze zwei Wochen nach „Frühlings Anfang". Das war io ein echter mb rechter Polarwind, ber bis auf bte Knochen brang. Um so empfindlicher, als man an den vorhergegange- neu Sagen hübsch geschwitzt hatte in einer Tropen- fiist, die aus unseren afrikanischen Kolonien importiert zu sein schien. Es lebe ber Winterüberzieher! Es lebe bte liebe Frau ober bie fixe Köchin, bie uns ein warmes Süppchen kocht ober gar — natürlich nur bei ernster Schnupfengefahr — einen heizkräftigen Grog! AlZ ich noch Stubent war, hat schon ein „alter Herr" unter anderen Lebensweisheiten uns die Lehre ver­zapft, man dürfe den Winterüberzieher um keinen Preis vor dem PfingstdienstaF ins Pfandhaus brin­gen. Ich weiß nicht, ob das im Hundertjährigen Ka­lender steht; aber die Sache hat offenbar etwas für sich. Der Mensch ist kein Dickhäuter und kein Woll­schaf; er bedarf der Kleiderhülle, um einerseits seine Häßlichkeit zu bemänteln rmd andererseits seine Leib­lichkeit warm zu halten. Die Kleidung ist eine künst­liche Oberhaut, und die Bekleidungskunst foll mit Ver­nunft betrieben werden. Wer sich nach dem Kalender kleidet, statt nach dem jeweiligen Wetter, ist nicht ver­nünftig. Dem weiblichen Geschlecht wird vielfach nachgesagt, daß es bei der Auswahl der Kleidungs- ftücke mehr auf die Verblüffung der Zuschauer, als auf bie eigene Behaglichkeit bedacht fei. Aber ich möchte doch feftfteöen, daß unsere braven Hausftauen gewissenhaft bestrebt sind, wenigstens ihrem Mann zu einer vernünftigen Kleidung zu verhelfen, damit Väter­chen sich ja nicht erkälte. So eine Fürsorge tut na­mentlich ben älteren Jahrgängen des angeblich starken unb doch manchmal so unbeholfenen Geschlechts sehr flut.

In ber Pflanzenwelt gibt es auch Winterüber- zieher. Die Knospen smb bis zum Frühling so schön eingehüllt, daß ihnen Schnee und Frost nichts anhaben können. Aber mit den ersten warmen Tagen stellt sich der verhängnisvolle Unterschied ein. Der Mensch kann in den abgelegten Winterüberzieher von neuem hin­einkriechen; wenn aber bie Knospe unter ben ver­lockenden Strahlen der Lenzessonne gesprengt ist, so können die jungen Triebe und Bluten ihre Schutzhülle nicht wieder erlangen. Daher die großen Schäden, welche die Kälterückfälle im April und nicht selten auch im Mai noch anrichten. Nach den vorliegenden Be­richten scheint dieses Jahr der nachträgliche Polarwind im Westen noch viel mehr hoffnungsvolle Existenzen geknickt zu haben, als hier zu Lande, obschon wir hier auch bis auf 8 Grad Kälte herabgesunken sind. — 'Schiller sagt von dem Menschen, der durch die Feuers­brunst gefchädigt wird: „Müßig sicht er seine Werke und bewundernd untergehn." Rim, wenn der Besitz und die Hoffnung der Gärtner, Winzer, Landwirte elendiglich erfrieren, so ist das ivirklich kein Anlaß zum Bewundern; bann muß es heißen: Müßig sieht er feine Werke unb weinend untergeh'n.

Woher kommt der Kälterückfall? Die Wetterweisen find mit einer einfachen Erkältung bei der Hand, lieber der Nordsee hat sich ein starkes Maximum (Ge­biet des hohen Luftdruckes) gebildet, währmd vom Mittelländischen Meere ein tiefes Minimum sich her- aufbrängt. Aus bem Hochbruckgebiet strömte die Lust in der Kreisbewegung nach Art ber Kaffeemühle ab; es gab starke Nord- und Ostwmbe, bie Europa mit ber Eisluft vom Polarmeer überfluteten. Sehr schön ge­sagt. Aber woher kam benn das verhängnisvolle Maxi­mum? Ta schweigt bie Wetterweisheit. Wenn die auffteigenben ober absteigenden Luftwirbel vorhanden sind, so merken wir sie unb messen sie unb zeichnen sie in bie Wetterkarte ein. Manchmal können wir auch ben Weg, ben sie einschlagen wollen, auf einige Ent­fernung vorauSfehen, obschon auch babei ben Prophe­ten nur zu häufig ein Schnippchen geschlagen wird. Doch die Entstehung der Maxima und Minima, die Europa überraschen, ist noch immer in Dunkel gehüllt.

gelegenheit durch Canalejas nicht einverstanden er­klärte. Canalejas wurde mit der Neubildung des Kabinetts beauftragt, aber seine Stellung dürste trotz­dem eine weitere Schwächung erfahren haben.

Italien feiert sein lOjahriges Jubiläum. In diesen Tagen erreichten die Veranstaltungen chren Höhepunkt durch das Erscheinen des deutschen Kron­prinzenpaares, über das man sich jenseits der Alpen natürlich ungeheuer freut, well man ja außer Fürst Nieita von Montenegro kein gekröntes Haupt nach Rom bringen konnte.

* Der Prozeß Ferrer.

Das spanische Parlament stand dieser Tage in­mitten einer großen Ferrer-Debatte; außer der in der Lust liegenden Ministerkrisis hat sie keine U eberrasch- ung gebracht, dagegen aber eine sehr große Enttäu­schung für alle die, die sich Spanien als ein „schwar­zes", unterdrücktes Land vorstellen, unb in der Hin­richtung Ferrers einen schlagenden Beweis ihrer An­schauungen erblicken. Für den größten Teil des von liberalen Zeitungen bevormundeten europäischen Pub­likums gilt noch heute die Hinrichtung Ferrers als ein Iustizinord, durch den man sich eines der auf­geklärtesten, einflußreichsten Führer des spanischen Freidenkettums habe entledigen wollen.

Demgegenicher unternimmt es nun ein zu Studier­zwecken in Deutschland weilender Spanier in der liberalen Kölnischen Zeitung an Hand einer nüch­ternen Betrachtung der Tatsachen, den Schleier der „Grausamkeit", der über Spanien liegt, zu lüften. Er stellt zu diesem Zwecke zwei Behauptungen auf und zwar: 1. Ferrer wurde rechtmäßig (nach der formellen wie nach der materiellen Seite) zum Tode verurteilt, unb 2. Ferrer war keineswegs ein Führer bes fponischen freibenfenben Liberalismus.

Die zweite Behauptung ist für uns von geringerem Belang. Zur ersten Frage der Frage ber Verurtei­lung Ferrers unb beren Berechtigung schreibt ber Spanier:

Man hat in bie Welt posaunt, Ferrer sei erschossen worben, weil er der Gründer unb Leiter ber anti­klerikalen anarchistischen „modernen Schule" (Escuela moderna) gewesen sei. Dieser Kausalzusammen­hang ist falsch. Ferrer wurde am 9. Oktober 1909 als Anstifter unb Leiter einer Hochver­räter ifche n Militärrebellion von einem ordentlichen Kriegsgerichte zum Tode verurteilt. Jrn Einklang mit den vorherrschenden juristischen Anschau­ungen hat das Gericht die Schuld Ferrers nach zwei Richtungen hin untersucht, a) bie Tätigkeit Ferrers als Anstifter unb Leiter eines Ausstandes in Premia. Masnou und Badalona und in Barcelona selbst, mit dem unmittelbaren Zweck, durch Verhinderung der Truppenverschiffungen und sonstiges Aufhalten der Trappen, die spanischen Kriegsoperationen in Marokko möglicUt zu stören, unb mit bem unmittelbaren Zweck einer gewaltsamen Zerstörung ber bestehenden Gesell­schaftsordnung, b) die Tätigkeit Ferrers als aktives und führendes Mitglieder der Banden, die wiederholt auf Landestruppen schossen, wobei neun Militärperso­nen ums Leben kamen und über siebzig verwundet wurden (davon 23 schwer) außer den vielen Toten und Verwundeten des Zivisstandes. Hierzu führt nun der Verfasser eine Reihe eidlicher Zeugenaussagen an, die wir unfern Lesern s. Zt. bereits aus der amt­lichen Ferrerschrift der Regierung mitgeteilt haben. Nun find seine Mitteilungen über Ferrers Tätigkeit als Mitglied von Banden. Der Gewährsmann der „Köln. Zig." stellt darüber fest:

Am 27. Juli hatte die Regierung nur wenige Trup­pen in Barcelona, sie waren, gegenüber den Revo­lutionären zu schwach und mußten sich daher ziemlich passiv verhalten, wodurch diese freie Hand hatten. An diesem Tage sahen zwei in der Hafengegend Wache haltende Soldaten einen altern Mann, der einer Gruppe von Männern Waffen aushändigte. Kurz darauf wurde die Macke beschossen. Da die von den Soldaten gegebene Beschreibung mit Ferrers Aeutzerm übereinstimmte, wurde ihnen Ferrer in der in Spa­nien gebräuchlichen Form, nämlich im Streife von einer Anzahl Verbafteten, die alle die von den Soldaten ge­schilderte Kleidung des Waffenverteilers trugen, gegenübergestellt. Ohne Zögern griffen sie aus der Reihe Ferrer heraus und bezeichneten ihn als den Missetäter. Am 28. sahen ibn zwei Bürger, wie er über die Rambla zu einer Gruppe ging, die in.einer

Wir ftubieren das Wetter, aber davon wirb bie Kost nicht fetter.

Ist das nun ein Unglück ober ein Glück, daß wir ber Weiterbildung unwissend unb ohnmächtig gegen-- überstehen? Ich möchte sagen: es ist besser so! Denn nun liegt bie Verantwortlichkeit für die Unbilden und Schäden nicht bei den Menschen, sondern bei jener höhe­ren Gewalt, der wir uns ergeben fügen müssen, lieber alle sonstigen wirtschaftlichen, sozialen, politischen Miß­geschicke wird räfonniert. gescholten, agitiert unb ge­hetzt. Haben wir nicht schon übergenug von bem ver­worrenen Lärm über bie Finanzreform? Sollte nun etwa auch noch das Werter als Hetzstoff gegen bie Re­gierung unb bie jeweilige Mehrheit ausgenutzt wer­den? Auch der denkbar beste Wetterkommiffar könnte es nicht allen Seiten recht machen. Tamm hat es fern gutes, daß das Wetter vom Himmel fommt und nicht auf Erden fabriziert werden kann.

Ebenfalls fein gutes hat bie Verspätung des Osterfestes in diesem Jahr. Bekanntlich ist eine Bewegung im Gange zur Festlegung des Ostertermins. Wenn diese Reform schon durchgedrungen wäre, so ständen wir jetzt in der Karwoche unb würden am 9. April Ostern feiern. Da wir nach ber alten Ordnung noch acht Tage Frist haben, so ist zu hoffen, daß bie Festtage aus ben Frosttagen herauskommen und zu einem erquickenden Lenzwetter gelangen. Dann häuft sich diefes Jahr die Sache in der sonderbaren Weise, daß wir Ende Marz ein wahres Pflügst weiter, da­gegen Anfang Aprst ein scharfes W eihnach ts- roetter hatten und zu Mttie April ein hoffnungsfrohes Ost er Wetter ermatten.

Am Palm fonntag wollen wir lieber frieren, als am Ostettag. Wenn auch am Palmsonntag das Hofannah erklingt, so sst es doch ein Tag der Trauer und ber Buße, well auf das Ho sann ah noch bas schreckliche „Kreuzige ihn!" gefolgt ist. Auch für bas weltliche Leben gibt ber Palmsonntag eine seht ernste Lehre. Was bamals in Jerusalem sich bekun­dete, gllt mich heute noch: es gibt nichts fo Wetter­wendisches, Unbestänbisches und Unfruchtbares, als bie sogenannte Volksstimmung, bie Gefühlserregung in

Querstraße eine hohe Barrikade errichtet hatten, von der aus ein regelrechtes Gefecht gegen die Truppe er­öffnet wurde, wobei ein Soldat den Tod fand und mehrere verwundet wurden. Die Angaben der Bürger bezüglich der Kleidung und Person deckten sich mit denen der Soldaten. Ferrer hatte in den Tagen vor dem Aufstande viele Tausende aus seinem Barckgut. haben entnommen, über deren Verwendung er den Richtern keinen befriedigenden Auffchluß geben konnte. Als Gegenstück dazu steht unwiderruflich fest, .daß er die persönliche Aufforderung zum Aufftande mit Waf­fenlieferungen unterstützt hat."

Ferrer, so schließt ber Verfasser barauS, war schuldig. Davon war er auch durchdrungen, berat sonst hätte er ja nicht unmittelbar nach ben Ereignissen feinen grauen Batt abrasiett, und vor allem hätte et sich dem Un­tersuchungsrichter gestellt, der ihn durch Zeitungsauf­rufe zur Meldung aufforderte. Statt dessen ging er in entlegene Berge nach Frankreich zu, auf einem ein« famen Wege wurde er von ber Sanbgenbarmerie auf­gegriffen.

Rach bem geltenden Recht wurde Ferrer in ganz unanfechtbarer Weise zum Tode verurteilt Man bringe sich bie stark übertriebenen Beschreibungen eines großen Tttls ber europäischen Presse über Barcelona (tra­gische Woche, Juli 1909) in Erinnerung: Spanien stand vor lästigen Kttegsoperationen, Solbaten wurden eingeschifft; aus einem Protest dagegen entstand ein Generalstreik und daraus ein hochverräteri­scher Aufstand, während dessen jede Ausübung ber rechtmäßigen Regierungsgewalt unmöglich war. Soldaten unb unschuldige Bürget kamen ums Sebeit, Dutzende von Klöstern wurden verbrannt unb beraubt, Eisenbahnanlagen zerstört unb Tele- graphenpfoften ntebergertffen; das ganze Wirt- fchafts- und Verkehrsleben stockte. Man möge einen Moment davon absehen, daß sich diese Vorfälle in Spanien abspielten und bie ganze Situation nach Deutschland verpflanzen in einem Augenblick, wo sich das Reich in einem schweren kriegerischen Konflikt mit einer fremdm Macht verwickelt sieht. Würde man hier für eine Perlon, bie erwiesenermaßen Anstifter, Leiter, Mittäter unb Helfer einer aufrühre­rischen Bewegung war, die bas Leben Hunderter be­drohte, geschädigt unb vernichtet hat — würde man hier für eine solche Person bie strengste gesetzliche Strafe für ungerecht hatten? Nein. Außerdem ge­stattet bas beutsche Strafgesetzbuch keinen Zweifel. Nun wurde am 26. für die Provinz Barcelona der Kriegszustand erflärt; man mag darüber fierten, ob diese Maßegel angebracht war ober nicht; bte darauf folgenden Vorkommnisse haben sie gered)tfertigt. Je­denfalls war es jedem bekannt, daß die Erklärung deS Kriegszustandes eine große Verschärfung der Strafen mit sich bringt. Trotzdem sst keine einzige Person stand­rechtlich erschossen worben, nur fünf Personen (bar- unter Ferrer) würben vor ordentlichen Gerichten 2*4 Monate nach ber Revolution zum Tode Verurteilt Wer würde behaupten, daß in Mitteleuropa unter gleichen Umständen die Zahl der zum Tode Verurteilten klei­ner gewesen wäre?

Zuletzt hat man auch bie Zeugenaussagen bekrit­teln wollen. Wir wissen sehr genau, daß die Beobach­tung ber Zeugenpsychologie ein wichtiges Stück der Prozeßwiffenschaft ist, und wir wollen dabei bleiben. Die Bemängelung der Zeugen im Prozeß Ferrer ist ohne jeden Beweis geschehen, in ber Art, wie sie überhaupt gegen {eben Zeugen bei Jebem Pro­zeß geschehen kann. Viel wichttger als dies scheint uns folgende unbestreitbare, bis jetzt von keiner Seite beachtete Tatsache. Das Verhältnis der Katalanen zu den Staatseiuttchttmgen ist ziemlich locker; sie sind keineswegs separatistisch; aber politische und geschicht­liche Umstände haben es mit sich gebracht, daß ihre Begeisterung für die Beteiligung an öffentlichen Vor­gängen (außer den Wahlen) sehr gering sst. Das gilt in erster Linie von den Gerichtsverhandlungen. Ein Katalane liebt es nickt, vor Gericht als Zeuge zu erscheinen. Umsomehr fällt es ins Gewicht, daß sich ttoh der von anarchistischer Seite erlassenen Drohun­gen bie Bürger zum Schweigen zwingen sollten, verschiedene Bürger sich dem Gericht meldeten, und die Täterschaft Ferrers bezeugten. Wer kann es aber wissen, wie viele sich unter normalen Verhältnissen zu einer gleichen, freiwilligen Aussage gemeldet hät­ten! Jedenfalls stand die Bevölkerung Barcelonas nach Abschluß des Prozesses unter dem Eindruck, Fer­rer sei kein Unrecht geschehen.

Hätte bie spanische Reaktion Ferrer um jeden Preis los werben wollen, so hätte sie es schon 1906 beim

ben Massen. Das braust auf, als ob es zum Himmel emporreichen wolle, unb ebbt wieder ab, ehe man eS sich versehen. Sttohfeuer und kein Herdfeuer, ge- fchweige denn ein Kesselfeuer.

Das gehört nun einmal zur menschlichen Schwäche. Können wir bie Menschheit auf eine höhere Stufe bet Charakterfestigkeit erheben? Ach nein, wir haben schon genug zu tun, wenn wir uns selbst etwas hinaus- heben wollen über bas niebrige Durchschnittsmaß. Hiss Dir selbst empor! Zu bieser Mahnung ist am Palmsonntag, am Anfang der Karwoche, der rechte Platz. Was hilft es, wenn wir über die unzuver­lässigen Einwohner Jerusalems uns entrüsten oder gar pharisäisch zu Gericht sitzen? Wenn wir damals gelebt hätten, du und ich, hätten wir uns wirklich als charakterfeste, opfermütige Helden in jenen schick­salsschweren Tagen des Hosannah und des Kreuzige ihn erwiesen? Oder würden die Träum, die der Herr über Jerusalem vergossen hat, nicht aus uns ge­golten haben? Nun, wir haben damals nicht gelebt und sind damals nicht geprüft worden. Aber jetzt, zu unfern Lebzeiten, gibt es auch ähnliche Prüfungen für bie Echtheit unb Nachhaltigkeit ber Ueberzeugun- gen unb des Pflichtgefühls. Auch heute noch wer­ben wir vor bie Frage gestellt: Wirst bu bas Be­kenntnis, bas bu soeben in bem Hosannahruf abgelegt hast, auch betätigen an bem Tage, wo ber Ruf „Kreuzige ihn!" burch bie Straßen schallt? Oder wirst bu schwach fein wie Petrus in ber unseligen Morgen­stunde, als er ben Herrn nicht kennen wollte?

Am Palmsonntage soll man sich der S ch w ä ch e bewußt werden, nicht bloß der Gesamtschwäche dex Menschheit, sonbem Vor allem der eigenen, und an diese demütigende Erkenntnis nmß sich ber Ent­schluß knüpfen, alle Kraft einzufetzen, um schließlich die Ostersrenbe zu gewinnen.

— Mäsnermord. „Also ruiniert hat sich einer für mich, erschossen hat sich einer wegen mir, nach Afrika gegangen ist einer meinetwegen. Jetzt braucht ich nur noch einen ganz Verrückten, der mich heiratet!"