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«Tuldaer

Wenn daher heute die modeme religionsgefchtcht- liche Forschung zeigt, wie so manche Anklänge, so manche Ähnlichkeiten mit christlichen Lehren sich auch außerhalb de» Christentums im Heidrnlume finden, so bedeutet da» für den Katholiken keine Herabminderung de» Christentum», sondern eine Bestätigung jenes »aulinischen Worte» von dem Reifwerden der Mensch- >eit für die Ankunft de» Christentums. Und wenn dieselbe Wissenschaft manche Ausdrücke und Begriffe, die uns al» besonders christlich, als christliches Ecgen- xut erscheinen, auch im Heidentume zur Zeit der ec- len Ausbreitung des Christentums aufzeigt, so weiß »er Katholik, daß die ersten Sendboten des Christen­tums die Farben, mit btnen sie das Bild des Erlö­ser» vor den Augen ihrer Zeitgenossen auflcuchtcn ließen, und die Ausdrücke, in denen sie die ftohe Bot­schaft zur Darstellung brachten, der Gedankenwelt, dem Sprachschatze, der Begriffswelt ihrer Umgebung entnommen habe«, ja entnehmen mußten, wenn sie verstanden werden wollten, aber in diese alten Schläu­che neuen Wein gegossen haben, will sagen, sie mit einem neuen Inhalt angefüllt haben.

Wo man aber — katholische Anschauung ist das nicht! — außerhalb des Christentums nichts als Fin­sternis und im Chrtstentume von seinen ersten Anfän­gen an nur Zerfall sieht, der schließlich zum Katholi­zismus geführt habe, da natürlich sind dem Vorstöße der rcligionsgeschichtlichne Forschung bezw. der anti- christlichen Verwertung des religionsgesichchtlichen Ma­terials Tür und Tor geöffnet. Das gilt besonders für den ProtestantiSmns! Ihm tvidmet daher der Würzburger Professor Dr. Kiefl in seinem überaus empfehlenswerten Buche „Der geschichtliche Cyristus und die modeme Philosophie* (Mainz 1911, Kirch­heim) mit Recht die Erwägung:

„Die religionsgeschtchlliche Forschung ist eine geistige Macht geworden, welche die katdolische Dogmatik am wenigsten zu pethortescieren braucht, weil sie niemals mit Luther oder Ritscht der Meinung war, daß außer­halb des Christentums jedes Wahrheitslicht erloschen war, daß das Heidentum ewige Nacht, das tote Meer sei, an dessen Usern nur der gleibnerische Giftapfel er­logener Tugend und falscher Kenntnis wachsen könne, weit vielmehr schon die Apologetik der Väter aufgebaut war auf dem Argument von der „Fülle der Zeit" ... Findet Augustin in seinen Bekenntmssen unbefangen bei den Plalonikern die Wurzeln der johanneischen Logoslehre und spricht er in seinen Retraktalionen, also auf der Höhe seines Lebens,„von dem seit Anfang des Menschengeschlechts vorhandenen Christentume, so stehen einer religionsgeschichtlichen Forschung alle Tore offen. Mag diele Forschung immerhin nachweilen, daß die Farben, mit denen die Urchristenheit das Bild Christi zeichnete, noch so alt und kostbar sind, dieses Bit» i l nicht von selbst und von ungefähr zusammengeflossen. Die Schwierigkeiten der protestantischen Dogmatik kann mit dem Gedanken der Entwickelung nicht rechnen. Denn sie erblickt mit Luther und Ritscht in dem Wege der Menschheit vor Christus nur eine große Sand wüste; sie schneidet mit Schleiermacher selbst die Fäden zwischen dem Christentum und dem Alten Testament durch: sie sieht mit Harnack in den nächsten Jahr­tausenden nach Christus keinen Fortschritt, sondern Ab­fall und Verderbnis. War sie deshalb nach dem Ge­ständnisse Harnacks weniger geübt in Würdigung der Tenazität des Dogmas ... als für das Veränderliche, so mußte die Religionsgeschichte, wenigstens bei den Laien, zum Rückschläge führen, indem man über den Ähnlichkeiten die Unterschiede nicht mehr sieht und im Christentum lediglich eine Blüte am Baume des Heiden­tums, und zwar weder die schönste noch die letzte sehen will. Nach katholischer Lehre dagegen ist der geschicht­liche Christus erschienen, und er wird wieder erscheinen: Teste David enm Sybilla (indem Judentum und Heiden­tum für ihn Zeugnis gibt)." (S. 214 und 220.)

Man ersteht daraus, wie der katholische Standpunkt es ermöglicht, mit der allergrößten Hochherzigkeit und Weitherzigkeit den Forschungsergeomffen der neuen Wissenschaft der Religionsgeschichte entgcgenzusehen. Es dürste nicht überflüssig sein, das besonders heute zu untersterichen in der Aera der Befehdung der Kirche wegen des Antimodernisteneides, wo man der katho­lischen Kirche protestantischerseits Angst Der der Wis­senschaft zum Vorwurfe macht, freilich nicht mit Wis­senschaftlichkeit und nicht mit der Sachkenntnis, die man von Männern, die im Namen der Wissenschaft zu sprechen behaupten, zu fordern berechtigt ist.

Ausland.

** Wie skrupellos und unduldsam, wie ängstlich und nervös die neuen Machthaber in Portugal sind, zeigt die Meldung aus Lissa- bon, daß die auch das Ausland interessierende Frage des Eigentums der ausgelösten Religions- Gesellschaften aus Betreiben der englischen Regierung einer besonderen Abteilung des Lissa­boner Kommisstons-Gerichtes überantwortet wer­den solle. Die gräflichen Familien Sabogosa, Mella und andere hocharistokratifche Persönlich­keiten, die bisher trotz aller Verdächtigungen und Drohungen in Lissabon geblieben waren, sind nach Frankreich und England ausgewandert. Man glaubt, daß die ganze adelige Gesellschaft, die der Dynastie Braganza anhängt, nunmehr Portugal verlassen werde, weil durch das fort- währende Suchen nach Verschwörern die Existenz der Nichtrepublikaner dort unhaltbar ge­worden sei. Wer also nicht offiziell Republikaner ist, wird hinauSgeekelt.

** Tie russische Duma hat von der Vorlage über die Gemeinde-Verwaltung den Artikel ange­nommen, nach dem Juden weder an Gemeinde- Versammlungen teilnehmen, noch zu Gemeinde« verordneten gewählt werden können.

Katholischer Standpunkt und religionsgeschichtliche Forschung.

Wenn man manchen recht lauten Schreiern glauben wollte, bann wäre die katholische Kirche und ihre Glau­benslehre sehr schwer bedroht durch die neue Wissen­schaft der Religionsgeschichte.

Das kann indes nur jemand sagen, der keine Ahnung hat von dem weltweiten Standpunkte, den gerade der Katholik solchen Forschungen gegenüber einnimmt. Hier auf diesem Forschungsgebiete hat nämlich die katholische Kirche eine Position, so er­haben, daß sie mit der größten Freude den Ergeb­nissen dieser religionsgeschichtlichen Durchmusterung der Bergangenheit entgegensehen kann. Diesen katho­lischen Standpunkt hat kein anderer sestgelegt als der Völkerapostel Paulus in seinem gedankenschweren Wort: „Als die Zeit erfüllet war."

JVt ...

Samstag den 8. April 19U

38. Jahrgang.

Deutsches Reich.

♦♦ Sozialdemokratische Bekenntnisse zur Schutzzoll- und Kolonialpolitik werden in der neuesten Ausgabe der .Sozialistischen Monatshefte' abgelegt. Genosse Weingertz tritt darin der Darstellung entgegen, als sei die Lebenslage des deutschen Arbeiters schlechter, als die des englischen. Er weist tue Vor- züge des deutschen Zustandes gegenüber dem eng- tischen nach, hebt den Segen der deutschen Arbeiter« Versicherung hervor und betont de) anders nachdrück­lich, um wie viel besser die ungelernten Arbeiter m Deutschland entlohnt würden al8 in England. Ge« nosse Hildebrand empfiehlt der deutschen Ar- deiterbewegung, um ihrer eigenen künftigen Lebens­haltung willen, sich weder den kolomsatorsschen Arbeiten der Nation noch der Erhaltung emes wohlhabenden Bauerntums zu widersetzen, sondern aus Seldstintereffe Kolonial- und Agrarpolitik zu

Liberalen hatten gehofft, bei ben nächsten Reichstagswahlen schon im ersten Wahl« gange die Unterstützung der Sozialdemo­kraten zu erhalten, doch dieses liberale Liebes­werben war umsonst. Die „Genoffen" machen im ersten Wahlgange die Großpolitik nicht mit. Zuerst hat Bebel in Hamburg eine deutliche Ab- sage erteilt, dann Ledebour kürzlich im Reichs- tage namens der Fraktion. Die „Genossen" wollen und werden also im ersten Wahlgange ihre Stimmen zählen, ihre Anhänger vermehren und erst in der Stichwahl das „kleinere liebel" aussuchen. Mit dieser sozialdemokratischen Stel­lungnahme haben die Liberalen zu rechnen und das schmerzt sie sehr; nun hängen die Trauben weder höher. Dagegen fahren dir beiden libe­ralen Parteien (Nationalliberale und Fortschritt- liche Volkspartei) fort, das Fell des nicht er­legten Bären zu verteilen; so ist man ja kürzlich über Pommern einig geworden. Sie haben die Mandate hübsch säuberlich schon unter sich verteilt. Auf dem Papier mag es sich ganz gut ausnehmen, in der Praxis freilich dürften ihnen starke Enttäuschungen nicht erspart bleiben. In den thüringischen Staaten will dagegen das Abkommen nicht perfekt werden, in Bayern kracht es in der liberalen Partei und in Württemberg hat das Abkommen ein großes Loch erhalten.

3. Blatt.

vrack und Verlag der $Hl6aet Xetieubmflttd hi 8*U<l

Aus dem Nachbargebiete.

M Aus der Rhön, 6. April 1911. Wie die ,Fuld. Qta' fünaft aus Bad Orb berichtete, ist die dortige Geschäftswelt in großer Unruhe wegen deS Planes auf dem dem Bad benachbarten Gelände bei Viübach einen Artillerie-Schießplatz für das 18. Armeekorps zu errichte'. Man will m Orb die Anlage eines solchen Schieß- und Exerzier­platzes in der Nähe mit allen Mitteln zu verhindern suchen, weil man eine Beeinträchtigung des Bade« lebens befürchtet. Wenn dem so ist, könnte vielleicht dadurch geholfen werden, daß man den benötigten Schießplatz auf das Gelände der „hohen langen Ri,Sn" bei Gersfeld, etwa zwischen dem Himmeldcmkberg und der Wasserkuppe, ode, dem Schwabenhimmel, anlegt. Tas fragliche Terrain besteht aus einschürigen Bergwiesen, wäre für den Mititärfiskus also bei weitem nicht so kostspielig, wie anderwärts der Ankauf fruchtbaren Ackerlandes, Und wie man in Orb Angst vor der Errichtung eines Schießplatzes hat, so würde man sich m Gers- seid und Umgegend über die Anlage eines solchen freuen, da er zu einem wirtschaftlichen Aufschwung beitragen könnte. Ter hier in Vorschlag gebrachte Schießplatz ist von den Bahnstationen Gersfetd und Hilders auf guten Straßen leicht zu erreichen Die Errichtung würde auch denBahnbauHitders Wüsten« sachsen beschleunigen. Der Viehzucht in der Rhön wird die Anlage eines Schießplatzes fernen Abbruch tun, da die Viehzüchter neuerdings ihr Futter mehr tu der Nähe bauen und die Heunutzung auf der Rhön der Mühe und Kosten wegen doch immer mehr eingeschränkt wird. Große Fischen haben Private ohnedies schon an die Stadt Gersfeld und den Forstfiökus verkauft und täglich werden wettere Parzellen 5um Verkauf angeboten. Auch den Fremden­verkehr wird ein Schießplatz nicht beeinträchtigen, denn die Rhön ist fo groß, daß es auf das Ge­lände, das durch einen folchen Platz benötigt ist, gar nicht ankommt. Zudem wird ja auch nicht alle Tage scharfgeschossen und abgesperrt. Das nahe Hammelburg, das vor Jahren einen Schießplatz er­halten hat, hat seitdem einen beträchtlichen Auf­schwung zu verzeichnen. Uud der Gersfelder Gegend .wäre ein solcher sehr zu gönnen. In den 1890er Jahren war obenbezeichnetes Gebiet auf der Ryon )chvn einmal für einen S hieß- und Exerzierplatz in Aussicht genommen. Es waren damals hohe Otfiziere vom Kriegsministerinm zur Besichtigung des Ge« ländes entsandt, die dasselbe sür ganz geeignet hielten. Es war vorgesehen, das am östlichen Fuße der Wasserkuppe geschützt gelegene Dorf Obetnhausen mit anzukaufen und die dortigen Gebäulichkeiten zur Unterbringung von Truppen ufw. zu benutzen. Die Einwohner Obernhansens hätten ihren Besitz gerne abgetreten und sich in den Nachbarorten angesiedelt. Eine Anzahl ist ohnedies in das Ansiedelungsgebiet nach Posen verzogen und deren Gebäude sind teils unbewohnt. Das Projekt hatte sich aber wieder zer­schlagen, weil, wie man sich f. Z. erzählte, der da­malige Landrat v. M. in Gersfeld der Sache nicht zugetan war und sie zu vereiteln gewußt hat, indem er angab, die Rhön stecke den größten Teil des Jahres im Webel. Steckt aber die Rhön im Nebel, so ist dies sicher auch im Spessart der Fall, und zu­dem ist ja im Manöver und im Ernstfälle auch nicht alle Tage Sonnenschein. Heute ist die Stimmung in der Gersfelder Gegend jedenfalls eine geneigtere. Wenn also die Geschäftswelt in Bad Orb die An­lage eines Schießplatzes für nachteilig hält, so kann sie der Rhön einen Gefallen tun, wenn sie die maßgebenden Persönlichkeiten auf Gersfeld aufmerk­sam macht. Hier ist man durch die täglichen mächtigen Sprengschüsse im Bischofsheimer Basalt- wert foroie den Geschützdonner vom Hammelburger Schießplatz aus, den man bei günstiger Windrichtung deutlich vernimmt, schon an das Schießen gewöhnt. In erster Linie könnten wohl auch unsere Herren Abgeordneten im Landtage tin Wort sür unsere Rhön entlegen.

* Hanau, 7. April 1911. Während sich der zum Tode verurteilte Zeugfeldwebel Müller noch nicht entfchlossen bat, ob er gegen das Urteil des Oderkriegsgericht Revision an das Reichsmilttär- gericht einiegen will, ist ein neues Verfahren gegen

* Hat das Zentrum ein Programm?

Im Hinblick auf die kommenden Reichstags- wählen betreibt die sozialdemokratische Presse bereit» eine eifrige VerleumdungS« und Ver­dächtigungsarbeit.

Die alten Artikel gegen das Zentrum werden wieder ausgegraben und, mit mehr oder weniger neuen veriogenen Sprüchen garniert, dem sozial­demokratischen Lesepublikum vorgesetzt. So wird eben m der gesamten „roten" Presse die grandiose Entdeckung gemacht, das Zentrum habe fern Programm. Also, so schließt sie weiter: das Zentrum will seine Wählerschaft über seine wirk- lieben Absichten möglichst int Dunkeln halten, und das soll dann ein Hohn auf feine Anhänger fern.

Zu derselben Zeit, wo der saubere sozialdemo- kra'ische Artikelfabrikant diese Sätze nieder schreibt, ohrfeigt er sich selbst. Denn einige Zeilen vorher druckt er wörtlich die Grundsätze ab, die das Zentrum sich bei seiner Gründung zu Richtlinien nahm, und die es dann später in seinen Wahlauf- rufen mit ausführlichen Erläuterungen und Erweite­rungen versehen hat. Doch diese will die sozial­demokratische Presse als wirkliche programmatische Grundsätze nicht gelten lassen. Du lieber Himmel! Als ob gerade die Sozialdemokratie und ihre Presse die moralische Qualifikation besäßen, darüber zu entscheiden, was wirkliche Grundsätze sind und was nicht. , ..

Sollen wir nun aber des näheren nachweisen, daß das Zentrum wirklich ein Programm hat? Das Programm des Zentrums ist seine Geschichte und seine umfassende parlamentarische Tätigkeit in den letzten vierzig Jahren, deren zu gedenken ja gerade in den letzten Tagen wiederholt Gelegenheit war. In diesen sina seine Grundsätze verkörpert worden, und diese feine Grundsätze sollen auch in Zukunft gelten. Dagegen hat es )a§ Zentrum klug vermieden, sich auf einzelne Forderungen ein für allemal „fest zulegen", wie dies die Sozialdemokratie in ihren Parteiprogrammen getan hat. "Das Zentrum hat damit nur das ge­tan, was auf dem Parteitag zu Stuttgart (1898 der sozialdemokratische Führer v. Bollmar seinen „Genossen" empfahl, wo er ihnen den Rat gab;

„Ich bin kein großer Freund von diesen Fe st­ieg er eien; wir sind doch auch Politiker, und ein Politiker sollte sich ohne Not nicht festtegen, weit er die Verhältnisse nicht alle voraus- sehen kann. Deshalb ist es besser, einfach ab,u- roar ten und zu sehen, was in Zukunft geschieht und danach Stellung ,u nehmen......Ohne Not

sollen wir nichts beschließen." (Prot. S. 199.)

Die Folge ihrer Prinzipienfestigkeit war, daß die Sozialdemokratie im Laufe der Zeit einen Programm punkt nach dem andern zu Grabe tragen mußte. Und heute ist sie so weit, daß sie vor Widersprüchen in ihrem Programm nicht mehr aus und ein weiß, und kundige Leute aus ihren Kreisen versichern, daß die eignen Führer nicht mehr an das Programm der Partei glauben. ,

Solche berufenen Elemente gehen bann nachher hin und schimpfen, das Zentrum habe kein Pro- zramm.

Der Erve von Eberftein.

2?]- Roman von Edmund Nowak.

Die Herren reichten ihren Damen den Arm unb führten sie zur Tafel. Den 'vorzüglich zubereiteten Speisen wurde alle Ehre angetan. Fürst Obolenski freute sich sehr, als er nur Worte des Lobes hörte. Es herrschte an der Tafel eine ungezwungene lebhafte Unterhaltung. Mit Wohlgefallen nahmen Baron Roi- tenbitrg und feine Gattin das große Interesse der beiden indischen Freunde an den jungen Damen wahr. Besonders die Baronin hätte es als fürsorgliche Mut­ter nicht ungern gesehen, wenn Beanka und Mortimer einmal ein Paar geworden wären, obgleich sie bann ihr einziges Kind, an dem sie und ihr Gatte mit so gro­ßer Liebe hingen.verlor. Aber als erfahrene Frau erkannte sie in Lord Bothwell einen edlen, vornehmen Charakter, den als Schwiegersohn zu besitzen sie mit Recht als ein besonderes Glück ansah. Edwin saß neben Isolde von Treumarck, mit der et sich lebhaft unterhielt.

„Herr Baron, Sie beherrschen die deussche Sprache so gut, daß ich beinahe annehmen könnte, daß Sie ein Deutscher sind."

„Sie haben Recht, gnädigste Gräfin. Ich bin Deutscher, obgleich nicht in diesem schönen Lande geboren. Deutschland, das Ziel meiner heißesten Wünsche, kenne ich nur dem Namen nach. Nur dem Umstande, daß mit ein zweijähriger Urlaub bewilligt wurde, verdanke ich, daß ich mich jetzt auf dem Wege nach dem Lande meiner Sehnsucht befinde. Wollen Sie es, gnädiges Fräulein, nicht Übel deuten, wenn ich mir die Frage erlaube, welcher Ort Deutschlands das große Glück hat. Sie zu seinen Bewohnern zäh­len zu dürfen?"

„Sie schmeicheln, Herr Baton, und dafür müßte ich Ihnen eigentlich böse fein. Aber ich will noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen. Also, Horm Sie genau zu und metlcn Sie sich alles gut. In In­dien werden Sie freilich von dem kleinen Kurort Kron­berg in bet Rheingegend nichts gehört, noch gelegen haben. Dazu ist ja bieses kleine, wenn auch romantisch gelegne Städtchen viel zu unbedeutend. Neben diesem Ayllischen Orte nun liegt das Schloß Eberftein, wo

der Graf Tankmar von Eberftein lebte. Dort wohne ich mit meinem Mütterchen, bet verwitwetenGräfin Cäcilie von Tteumatck, bie bie einzige Tochter bes Grafen Eberftein ist. Wirb Ihnen bie Auskunst ge­nügen, Herr Rittmeister, ober soll ich Ihnen einen ausführlichen Lebenslauf meinet unbebeutenben Per­sönlichkeit geben?"

Dabei lachte Jsolbe schalkhaft bem Bacon ent­gegen. Wie erschrak sie aber, als sie bemerkte, wie sich sein Gesicht mit einet tiefen Blässe bebeefte.

„Um Gottes Willen, Herr Bacon, was fehlt Ihnen benn? Darf ich Ihnen vielleicht--—'

„Nein, nichts. Es ist schon vorüber," gab Ebwin leise zur Antwort. „Es wat nut eine augenblickliche Schwäche, die nichts zu bedeuten hat."

Watten atmete erleichtert auf, als die Tafel aus­gehoben wurde. Er erhob sich sofort und begab sich mit Isolden auf deren Wunsch auf das Promenaden­deck, wo ihm die vom Meere kommende kühle Brise recht wohl tat. Seine Wangen belebten sich wieder, und fein munteres Geplauder ließ den kleinen Zwischenfall recht bald vergessen.

„Gnädigste Komteß, wenn ich recht vernahm, so sagten Sie doch, baß Ihr Großpapa bet Graf Tank- mar von Eberftein sei. Ich frage, weil mir in meinem Leben bet Name Eberftein schon einmal vorgekommen ist. Freilich, bet Träger bieses Namens muß boch verhältnismäßig jung sein. Ich glaube, er nannte sich Ebwin Graf von Eberftein unb soll auf bet Rückreise von Südamerika Schiffbruch erlitten haben."

,Mar das Schiff nicht die „Dalmatia?" unter­brach ihn heftig die Komteß.

„Ja, es war die „Dalmatia," entgegnete Edwin.

„Dann freilich kann dieser Gcas von Eberftein nie­mand anders sein, als mein Setter Edwin. Als er in Eberftein eintraf, überbrachte ec die letzten Grüße seines Vaters Roderich unb verschiebene Briefe unb Dokumente. Sie hatten damals die große Freude meines Großpapas sehen sollen, als er den Soho seines unglücklichen Kindes Roderich in den Armco hielt. Herr-Baron, es War ein überaus rührender Anblick, diesen Greis weinen zu sehen. Und doch, mir wurde es fo eigen zu Mute, als ich meinen neuen Vetter erblickte."

Baron Watten hörte und sah nichts mehr. Alles wurde um ihn dunkel. Et fühlte gleichsam von neuem

den furchtbaren Schlag, der ihm einstmals auf bet „Dalmatia" bie Besinnung geraubt hatte. Et mußte sich am Botbtanb festhalten, um nicht zu stützen. Krampchast preßten sich bie Zähne aufeinanber. Es brach zu seht auf ihn ein. Et glaubte zu unterliegen. Doch es gelang ihm, sich zu beherrschen. Gewaltsam suchte er feine Gebcmken von ben schrecklichen Silbern abzuwenben. Es war ein kurzer, aber überaus hei­ßet Kampf. Der kalte Schweiß brang ihm aus allen Poren bet Stirn. Mühsam griff er nach bem Ta­schentuch unb trocknete sein Gesicht. Enblich war er toieber Herr seiner selbst. Er wanbte sich zu seiner Begleiterin unb vernahm mit Ruhe ben Schluß ihrer grausamen Enthüllungen. Wie eine Erlösung war es für ihn, als er merkte, baß bie Jacht an bet Lan- bmcgsstelle angelangt war. In wenigen Augenbli­cken roaren die Boote da, die die Gäste ans Land brachten. Die beiden jungen Freunde begleiteten die Herrschaften bis zum Hotel beS Palmins, wo sie sich von ihnen herzlich verabschiebeten unb bas Verspre­chen geben mußten, am nächsten Tage ihren Besuch zu erneuern.

Auf dem ganzen Wege bis zu ihrem Hotel Wat Warten schweigsam. Er hörte kaum auf das spru­delnde Geplauder seines FteunbeS, der nicht genug die Anmut und Liebenswürdigkeit seiner Kusine lo­ben konnte.

„Weißt du, Edwin," fuhr dieser fort, „Manko Rottenburg ist ein Engel von Schönheit. Ich hätte nicht geglaubt, das; in diesem rnrmteten, lebenslustige» Kinde eine so herrliche Wrnschenseele wohnen kann, und ich glaube nicht, daß ich mich in ihr täuschen werde. Ach, wie liebe, wie verehre ich dieses Mäd­chen! Ich könnte mir keine andere einstens an mei­ner Seile al» Weib denken als Bianka von Rotten­burg. Aber mein lieber Edwin, es scheint dich etwas zu drücken, was du bei mir los sein möchtest. Oder habe ich mich getäurht?"

„Du hast recht, Mortimer. Es ist mit sehr lieb, daß Wir noch einige Zeit ungestört zusammen bleiben können. Demi ich muß dir gestehen, ein schwerer Kummet hätte mich beinahe erdrückt."

„Edwin, um Gottes Willen, was ist dir denn pas­siert?' Doch, was rede ich? Komm, erleichtere dir dein Hem vor deinem Mortimer, der dick voll unb

ganz versteht, bet mit bir Fteub und Leid tragen wirb."

Atm in Arm schritten sie nach Mortimers Wohnung. Als bet Zimmerkellner bie beiden Herten erblickte, überreichte er Warren einen Bries. Im Zimmel angelangt, erbrach Edwin sofort denselben und laS laut:

Mein lieber Herr Rittmeister!

Komme morgen vormittag 10 Uhr zu Ihnen. Habe Nachricht von dem sauberen Miguel Bar- beno.

Ihr sehr ergebener

Kapitän Traugott.

„Nun, da bin ich denn wirklich sehr neugierig, was der gute Kapitän Traugott in Erfahrung ge­bracht hat. Was er gestern anbeutete, scheint nun boch in Erfüllung gehen zu wollen."

„Hängt dies etwa mit beinern augenblicklichen Kummet zusammen?" fragte Mortimer besorgt.

„Ich hätte fürwahr nicht geglaubt, baß es so schlechte Menschen geben könnte. Was ich heute In Erfahrung gebracht, übersteigt alle Grenzen mensch­licher Verderbtheit. Ohne zu ahnen, mit wem sie sich eigentlich unterhielt, erzählte mir Komtefle Treumarck verschiedenes aus ihrer Heimat. Sie lebt mit ihrer Mutter, dre verwitweten Gräfin Treumarck, bei ihrem Großvater, dem Grafen Thankmar von Eberstein. Und nun kommt das Fürchterliche. Als ich ihr sagte, daß ich niich mit einem Grafen Edwin von Eberstein auf der „Dalmatia" befand, da erklärte sie mir, daß dieser Ebehein niemand anders fein könnte, als ihr Vetter Edwin, dec, wie er erzählte, sich noch vor dem Unter­gang des Schiffes gerettet habe. Et HM meinem Großvater verschiedene Dokumente und Briefe meine» Vaters Roderich übergeben und von meinen Eltern Grüße überbracht. Wer kann dieser Edwin Eberstein sein? Nur ein Mensch, der meine Papiere besessen und genau meine Familienverhältnisse gekannt hach kann sich auf Schloß Eberftein Eingang verschafft haben. Kannst du dich an bie Worte des Kapitäns Traugott erinnern? Fast möchte ich glauben, daß mein Reisebegleiter Miguel Barbeno den Mordan- schlag auf mich verübt hat, um sich meiner Papiere zu bemächtigen und dann als der Graf Edwin von Eber- stein aufzutreten. Was soll -ich nun tun? Wie soll ich Gewißheit erlangen, baß mein Doppelgänger unb hier fer Barbeno ein wnb dieselbe Berkan finh2" (S k >