M 78.
Mittwoch den 5. April (9U.
38. Jahrgang.
K Die Wahltaktik der konservativen Partei.
Der nationalliberale Landesaus- schuß im Königreich Sachsm hat sich soeben für die Anbahnung einer Verständigung mit der Fortschrittlichen Volks pari ei zur Vermeidung liberaler Doppclkandidaturen ausgesprochen, indem der Referent Dr. Westenberger ein Zusammengehen Mit der Rechten als absolut unmöglich bezeichnete.
Man muß anerkennen, daß die Wortführer der nationalliberalen Partei den Konservativen keinen -Zweifel lassen über den bitteren Ernst, mit dem die Parole „Stramm gegen rechts!" durchgefiihrt werden soll.
Als nun das konservative Hauptorgan, die „Kreuzztg", in ihrer neuesten Nummer den Leitartikel „zur Wahltaktik" überschrieb, dachten wir einen Aaren und bündigen Aufschluß zu erhalten über die Gegenwehr, welche die angegriffenen Konservativen angesichts der „strammen" Feindschaft der Nationalliberalen im Wahlkampf leisten wollen. Aber der Artikel ist von großer Milde und Zurückhaltung. Das Einzige, was dort bestimmt angedroht wird, ist die erweiterte Ausstellung von eigenen konservativen Kandidaten, so daß den Liberalen die sofortige Unterstützung durch konservative Stimmen bei den Hauptwahlen nicht mehr in demselben Umfange, wie früher, zuteil werden soll. Ueber die hochwichtige Frage der Stichwahltaktik spricht sich das konservative Blatt nicht klar und entschieden aus.
In den Leitsätzen, die unlängst aus den wahltaktischen Besprechungen der Vertreter der Zentrums- pa r t e i sich ergeben hatte, war auf die Notwendigkeit hingewiesen, „falschen Stichwahlen" vorzubeugen. Wenn auch die Regel der eigenen Kandidatur für den ersten Wahlgang festgehalten wurde, so war doch sehr deutlich empfohlen worden, überall da Ausnahmen eintreten zu lassen, wo durch den Verzicht auf eine aussichtslose eigene Kandidatur und durch sofortige Unterstützung eines rechtsstehenden Kandidaten der Erfolg erreicht werden kann, daß der letztere mit einem Linksliberalen und Sozialdemokraten in die Stichwahl kommt und so mit Hilfe der Zentrumsstimmen da? Mandat der Linken entrissen werden kann. Die „Kreuzzeitung" begnügt sich mit einem Referat über diese Erwägungen auf der Zen- trumsseite und macht dazu die Bemerkung: „Das ist also dieselbe Taktik, die die Liberalen mit ihren Wahlabmachungen beobachten und deren Anwendung sie vergeblich auch den Sozialdemokraten nahe legen." Wir brauchen wohl kaum zu betonen, daß das Zentrum seine wahltaktische Weisheit nicht fn der liberalen Schule gelernt hat; wir handeln xinfach nach den Regeln des gesunden Menschenverstandes, indem wir alle zulässigen Mittel ergreifen, um den Hauptzweck, eine möglich st gute Zusammensetzung des künftigen Parlamentes zu erreichen. Wenn wir die Linkskandidaten (sowohl die rosafarbenen wie die knallroten) unbedingt und mit einer gewissen Selbstlosigkeit bekämpfen, bieten wir der konservativen Partei bedeutende Vorteile. Wollte man volle „Gegenseitigkeit" fordern, so müßten nun auch die Konservativen erklären, daß sie überall dort, wo es zur Verhütung einer falschen Stichwahl und eines schließlichen Sieges eines Linksliberalen oder Sozialdemokraten notwendig sei, sofort für den Zentmmskandidaten eintreten würden. Leider sind aber die konfessionellen Vorurteile in den betreffenden Volkskreisen noch so stark, daß man die Scheu der konservativen Führer vor einer derartigen Parole begreifen kann. Die Zentrumswühlerschast ist e>ne viel besser geschulte Armee, die auch eine kompliziertere Taktik verständnisinnig durchzuhalten vermag. Doch werden die konservative Parteileitung und ihre Presse zu der bedeutsamen Frage, wie falsche Stichwahlen zu vermeiden sind, wohl noch eine bestimmtere Stellung nehmen müssen.
Ebenso zu der anderen Frage, wie die konservative Partei bei einer Stichwahl Stellung zu nehmen hat, nachdem ihr eigener Kandidat ausgefallen ist. Die „Kreuzztg." befleißigt sich in diesem Punkt noch einer diplomatischen Zurückhaltung. Dr. Oeitel, der Leiter der „Deutschen Tageszeitung", hat in einer Rede zu Dresden von den Stichwahlen zwischen
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Zeitung
2. Blatt.
Vrnck und Verlag der Xulbaer Acliendruckerei ht zulda.
Fortschrittlern und Sozialdemokraten gesprochen. Ein nationallideraleS Blatt wollte hrr- ausgchört haben, daß er „ganz prinzipiell" die Wahlenthaltung für diesen Fall proklamiert hat. Tatsächlich hat er nur die u n b e d i n g t e Unterstützung des Fortschrittes abgelehnt und eine allgemeine Stichwahlparole noch für verfrüht erklärt. Er kam zum Schluffe, daß „eine Unterstützung fteisinniger Kandidaten nur unter gewissen Bedingungen möglich sein werde." Wenn die „Bedingungen" recht verstanden werden, stimmt das mit der Wahltccktik des Zentrums überein. Aber wie wollen die konservativen Wähler es halten, wenn ein Zent rums mann mit einem Liberalm in die Stichwahl kommt?
U. A. w. g.
Deutsches Reich.
* Sozialdemokratischer Zahlenschwindel. Das Getreideeinfuhrscheinsystem ist in letzter Zeit eines der beliebtesten Tummeiselder der sozialdemokratischen, durch Sachkenntnis nicht getrübten Agitation zur Verhetzung der Massen geworden. Um das Maß der Niedrigkeit, auf dem die Sozialdemokratie in ihrer Hetze bereits angelangt ist, zu beleuchten, sei hingewiesen auf eine Notiz, die in den letzten Tagen durch die „rote" Provinzpresse lief. Es heißt da, der Ausfuhrüberschuß an Roggen in der Zeit zwischen 1. August 1910 und 10. Mär, 1911 habe 3 754074 Doppelzentner betragen; weiter wird dann geiagt:
Der Wert des Einfuhrscheins beträgt 5 Mark für den Doppelzentner, das ist die Höhe des Zolls. Es wurden also vom 1. August 1910 bis 10. März 1911: 18770 Millionen (= 18 Milliarden 770 Millionen. D. Red. der Sozialpol. Sott.) Mark Roggenausfuhrprämien gezahlt; um diese Beiträge wird der Witwen- und Wassenfonds geprellt.
In dieser Notiz ist sozusagen jedes Wort eine grobe Irreführung. Der Gipfel schon losester Verlogenheit ist aber die Z ffernangabe auf 18770 Millionen (— 18 Milliarden). Tenn 3754074 (Zahl der Doppelzentner) multipliziert mit 5 (angeblicher „Wert" des Einfuhrscheins pro Doppelzentner) ergibt die Summe von 18770370 Mark, also 18 Millionen, und nicht, wie die rote Presse ihren Lesern vorschwindelt, 18 Milliarden (— 18000 Millionen). Die in der „roten" Presse angegebene Ziffer ist weder durch einen Rechenfehler noch etwa durch einen Druckfehler erklärbar. Wir haben hier eines jener lumpigen Fälschermanöver vor uns, die die sozialdemoiraiische Presse in Sachen der letzten Reichsfinanzreform geflissentlich betrieben hat, und vermittels deren sie sich, mehr wie wir dies nur eben tun könnten, das Brandmal filam- loser Verlogenheit aus die edle „Genossen"-Stirn drückt!
* Eine protestantische Rechtfertigung deS Modernisteneides findet sich in der ,Kreuzzeitung". Sie verteidigt die protestantischen kirchlichen Maßnahmen gegen den religiösen Modernisten oder Nihilisten Jatho und bemerkt dabei:
„Keine liberale Zeitung wird trotz aller Toleranz einen konservativen oder gar antisemitischen Redakteur in ihren Redaktionsverband ausnehmen; niemand wird ihr deswegen „Intoleranz" oder Härteres vorwersen: eine einheitliche Führung ist eben in jeder Organisation nötig. Rur die evangelische Kirche soll allen Meinungen, auch dem krassesten pantheistischen Heid en tum oder einem unchristliche n Monismus, eine Freistatt bieten; sogar ihre amtlichen Diener, die Pastoren, sollen derartige Lehren von den Kanzeln verkünden dürfen. Wie ein Hohn mutet dabei die Berufung auf Luther, Schleiermacher und — das Evangelium an. Nicht Christentum, sondern ein verwässertes Judentum wird verkündet. Die Dogmen werden verachtet und bekämpft; und doch sind diese nur der Ausdruck der allen Grundwahrheiten, die Satzungen der Kirche, ohne die eben keine Kirche entständen wäre. . . . Was in aller Welt geht die jüdisch-demokratischen Zeitungen unsere innerknchliche Ordnung an? Kümmern wir uns denn um ihre Synagogenstreittgkeiten? Wir verbitten uns energisch eine derartige Einmischung in unsere innerkirchlichen Angelegenheuen seitens einer Presse, der jedes Berständnis für die Bedürfnisse der evangelischen Kirche abgeht, und die oft genug mit Hohn und Spott gegen die Kirche gearbeitet hat."
* Dresden, 1. April 1911. Am 26. März sand hier die Generalversammlung des Zen- lrumswahlvereins für das Königreich Sach
sen statt. Seit Bestehen deS Vereins war noch keine Versammlung so gut besucht wie die diesjährige, ein Zeichen, daß der Verein bedeutende Fortschritte gemacht hat. Der 1. Vorsitzende, Kaufmann Hanisch- gab einen ausführlichen Jahresbericht, aus welchem zu ersehen war, daß der Verein längst aus bett Kinderschuhen heraus ist, und daß ec im ganzen Königreich zahlreiche Anhänger zählt. Die Generalversammlung wählte ihren 1. Vorsitzenden Herrn Hanisch sowie 1. Rafftet er Herrn Jordan unter großem Beifall in geheimer Wahl wieder. Ebenso gingen fast sämtliche frühere Vorstandsmitglieder auS der Wahl wieder hervor. Die Kandidatenfrage für die nächsten Reichstagswahlen wurde von der Tagesordnung abgesetzt und vertagt. Ob bei den nächsten Wahlen ein Zählkandidat auf- gestellt werden wird, bleibt abzuwarten, es wird darauf ankommen, welche Persönlichkeiten von den rechtsstehenden Parteien ausgestellt werden; sind dieselben bekannt als konsessionell gerechtdenkend unj friedliebend, dann werden die Anhänger des Zentrums ebenso energisch für den rechlssiehenden Kandidaten eintreten, wie für ihren eigenen Zählkandidaten. Auf jeben Fall und unter allen Umständen sollen die Sozialdemokratie und ihre Helfershelfer, die Links- liberalen, ganz entschieden bekämpft w?rden. Unter lebhaftem Beifall schloß der Vorsitzende die Versammlung.
Ausland.
♦* Die Kirchenfeindschaft, der das Kabinett Monis das Dasein und seinen ersten „Triumph" in der Interpellation über den Fall Malvh verdankt, ist wenige Tage nachher beinahe zu einer Gefahr geworden, weil die Gegner entdeckt hatten, daß der Unterstaatssekretär des Innern, Emile Constant, der besondere Vertrauensmann von Monis, die Ursulinerinnen seines Wahlkreises von Bazas in der Gironde ähnlich geschont hatte, wie Briand die Jesuiten von Saint-Etienne. Auch Constant verzögerte absichtlich durch sein Eingreifen die Aufhebung einer Kongregationsschule, und Monis konnte zu seiner Entschuldigung nur anführen, daß diese Aufhebung dem Gesetze nach erst im Jahre 1914 unbedingt notwendig sei. Die Mehrheit der 363 Stimmen im Falle Malvh schrumpften hierauf im Falle Constant schon zu 313 zusammen und wenn die Sozialisten nicht nochmals die Güte gehabt hätten, sich der Abstimmung zu enthalten, so wäre das Kabinett Monis hart cm den Rand des Verderbens geraten. Daraus erklärt sich, daß der in Furcht geratene Ministerrat schon am folgenden Tage beschloß, das Ende der Budgetdebatte nicht abzuwarten, „um die weltliche Volksschule gegen geistliche Angriffe zu sichern", sondem schon im Einnahmebudget einen Artikel anzubringen, der diesen Zweck verfolgt, so willkürlich und tumultarisch auch diese Art der Gesetzmacherei ist, da das Budget ohnehin schon um fünf Monate im Rückstand ist. Es wird damit wieder eine große Debatte hervorgerufen, in der nun die Frage der endgültigen Vergewaltigung der Freiheit des Unterrichts in ihrer ganzen Schwere aufgerollt wird. Mag aber auch das Land wirtschaftlich Ro' leiden, die Befriedigung der freiheitsfeind- lichen Republikaner geht doch über alles.
♦* Ueber die Ereignisse in Fez kommen alarmierende Nachrichten aus englischer Quelle. So behauptet Daily Telegraph, Sultan Mulei Hafid fei nach der Niederlage vom 26. März in die Hände der Beni M'tirs geraten und befinde sich in deren Gewalt. Eine andere Depesche behauptet, daß die Berberstämme den entthronten Sultan Abdul Asis wieder zum Sultan proklamiert hätten. Bekanntlich soll auch ein dritter Bruder Mulei Hafids, der 27jährige Mulei Ismael, in Marrakesch zum Sultan ausgerufen worden fein, so daß demnach Marokko gegenwärtig drei Sultane hätte.
* In der mexikanischen Stadt Juarez wurden drei Bomben geworfen, wodurch ein Soldat getötet und mehrere verletzt wurden.
volkswirtschaftliches und Soziales.
* * Mangel an 10 Tonnen-Wagen. Aus dem Ruhrkohlen-Gebiete wird uns geschrieben: „Bei der zweiten Lesung des Haushalles der Reich-- eisenbahnen machte der Zentrums-Abg. Dr. W i l l - Straßburg im Reichstage darauf aufmerksam, daß die Reichseisenbahn-Verwaltung dazu übergegangen sei, die 10 Tonnen-Wagen und 15 Tonnen- Wagen durch 20 Tonnen-Wagen zu ersetzen, und. erinnerte dabei an die Schädigungen, die den kleinen Geschäftsleuten, die auf die Benutzung von 10 Tonnen - Wagen angewiesen sind, durch diese Aenderung erwachsen. Die Berechtigung seiner Forderung, bei der Art und Weise der Güterbesörderung auch aus die Interessen des Mittelstandes Rücksicht zu nehmen und für die Zwecke der kleinen Gewerbetreibenden wieder mehr 10 Tonnen-Wagen einzustellen, ist durchaus an- zuerkennen. Unter dem Mangel an 10 Tonnen- Wagen leiden nicht nur die kleinen Gewerbetrei- benden, sondern ebenso auch das Köhlen-Syndikat, das erst noch kürzlich in einer Eingabe an die Eisenbahn - Direktion in Essen seine Ansicht dahin ausgesprochen hat, daß der 10 Tonnen- Wagen für den Versand an die kleinen Kohlen- oerbraucher unentbehrlich sei. Dasselbe gilt auch für die Versendungen an alle de zahlreichen, mit Bahnanschlüssen versehenen industriellen Betriebe, die trotz größeren Verbrauches aus den Bezug in kleinen Wagen angewiesen sind, weil die vorhandenen Gleisanlagen und Drehscheiben die Verwendung von Wagen der höheren Ladegewichte wegen ihres zu großen Radstandes nicht gestalten. Da die preußische Eisenbahn - Verwaltung seit einer Reihe von Jahren nur neue Wagen mit 15 Tonnen und 20 Tonnen Ladegewicht eingestellt hat, ist der Bestand an 10 Tonnen-Wagen derart zurückgegangen, daß er jetzt dem Bedarf bei weitem nicht mehr genügt. Der fast beständig herrschende Mangel an 10 Tonnen - Wagen hat zur Folge, daß die Ausführung von Auf- trägen auf 10 Tonnen - Kohlensendungen regelmäßig größere Verzögerungen erleidet und der Absatz der Ruhrkohlen namentlich nach denjenigen Gebieten stark beeinträchtigt wird, wo sie mit den ausländischen Kohlen in Wettbewerb fWn. Um die dein Ruhrkohlen - Bergbau erwachsenden großen Schädigungen zu verhindern, ist die Be- seitigung des durch den Mangel an 10 Tonnen- Wagen entstandenen Mißstandes ein dringendes Bedürfnis, auf das der Reichstags-Abg. Dr. Will« Straßburg mit Recht hingewiesen hat."
Aus Kirche und Schule.
** Eucharistischer Kongreß in Madrid. Die erste Nummer der ,Lampara bei (Santuaiio', des offiziellen Organes des Euchar. Kongresses in Madrid, gibt unter anderem Interessanten auch die Namen der bis ins einzelne verzweigten Ausschüsse. Folgende Angaben möchten allgemein die Leser interessieren, wobei es im Unterschiede von früheren Kongressen auffällt, daß auch hohe Damen aktiv in den. Ausschüssen tätig sind: Protektoren: der König, die Königin und die Königin Mutter. Ehrenvorsitzende: Infantin Dona Maria Teresa; Jnfant Don Fernando; Jnfant Don Carlos; Infantin Dona Maria Luisa. Wirkliche Generalvorsitzende: Infantin Dona Maria Isabel Francisca. Wirkliche Generalvorsitzende: oer Kardinal Erzbischof von Toledo; der Bischof von Madrid-Alcalö.; der Bischof von Siön. Stellvertretende Vorsitzende: Marquise Witwe de los Völez; Herr Javier Vales Failde. Sekretäre: P. Juan Postlus und Josä Gabilän. Für die einzelnen Länder sind sodann zur Leitung der Reisen nach Madrid besondere Komitees eingerichtet; so liegt z. B. für Deutschland das Arrangement in den Händen von Generalvikar Protonotar Dr. Kreutzwald und Msgr. L.Richen in Köln. Von dem Programm sei besonders
Der (Erbe von (Eberstein.
19] Roman von Edmund Nowak.
Der Kapitän ergriff die Hande Wartens und drückte sie herzlich. „O Gott, wie freue ich mich, Sie Lüederzusehen. Wohl wußte ich, daß Sie sich auf einem der drei Boote gerettet hatten, da ich aber las, baß die beiden ersten Boote ein Opfer der aufgeregten See wurden, mußte ich annehmen, daß auch Sie vom Meere verschlungen worden sind."
Warten machte ein erstauntes Gesicht, als er den Kapitän so sprechen hörte.
„Was?" fragte er ihn verwundert, „ich soll mich auf dem Boote gerettet haben?" Wer hat Ihnen denn so etwas erzählt?"
‘ Inzwischen war Bothwell herangekommen. Warren stellte die beiden Herren vor. Mortimer war nicht wenig erstaunt, hier einen Bekannten seines Freundes dorzufinden. Edwin machte den Vorschlag, nach dem Hotel de Rice zuruckzukehren.
„Das trifft sich ja wundersch ön", rief der Kapitän ans, „ich habe ja dort feit geftem abend mein Absteigequartier."
Man kehrte also nach dem gemeinsamen Quartirr tzurück, und da das Diner erst in zwei Stunden be- gann so begab man sich auf die Veranda zurück, wo man sich in einem lauschigen Plätzchen bei einem Glase schaumenden Sekts niederließ.
„Mein lieber Mortimer." begann Warren die Un- tlerhaltung, „ich muß dir eine Eröffnung machen die dich ins größte Erstaunen versehen dürfte. Ich hoffe, baß du mir auch bann noch deine Freundschaft bewahren wirst, wenn du bemimmft, daß ich nicht der Edwin Warren bin, für den ich so lange Jahre in Indien und jetzt die wenigen Wochen in Europa galt. Lassen Sie mich, meine Herren, zuerst meine Lebensgeschichte erzählen."
Edwin schilderte nun seine Jugendzeit, soweit er sich selbst ihrer erinnern konnte und soweit er sie aus dem Munde seiner verstorbenen Mutter und aus den Papieren seines unglücklichen Vaters kennen gelernt hakte. Dann erzählte er von seiner Abreise aus Ecua-
dor und den schönen Stunden, die er auf der „Dal matia“ verlebt hatte.
„Leider sollte die Fahrt nicht lange andauern. Der Sturm nahm unser Schiff furchtbar her und toarf es schließlich auf ein Riff, wo es dem sicheren Untergänge geweiht war. Als Sie, Herr Kapitän, den Befehl gaben, die drei Boote ins Meer herabzulaffen, da stürzten mein Freund Miguel Barbeno und ich ebenfalls danach. Jrn letzten Augenblick erinnerte ich mich an die Brieftasche mit den wichtigen Dokumenten, die ich auf dem Tische meiner Kajüte liegen gelassen hatte. Schnell eilte ich hinunter. Schon griff ich nach dem Portefeuille, da erhielt ich einen furchtbaren Schlag auf den Kopf, der mir die Besinnung raubte. Als ich zu mir kam, fand ich mich in der Kajüte allein vor. Ich schwankte nach dem Deck, das ganz und gar verlassen war. Wohl hatte die Wut des aufgeregten Meeres nachgelassen, doch so viel Einsicht hatte ich, daß das Schiff jeden Augenblick in der Tiefe des Meeres versinken konnte. Weit und breit war kein Segel zu erblicken. Ich sah mein nahes Ende kommen. Der Tod hatte für mich kein Grauen. Nur der Schmerz wollte mich übermannen, sodaß ich in eine Ohnmacht fiel. Als ich daraus erwachte, befand ich mich auf einem englischen Kriegsschiffe, das seinen Kurs nach Indien genommen hatte. Dank der Pflege, die mir seitens der englischen Matrosen zuteil wurde, genas ich bald und erhärte mich, da ich mich jeder Mittel sowie der notwendigen Legitimationspapiere beraubt sah, bereit, in die indische Kolonialarmee einzutreten. Ich nahm den Familiennamen meiner Mutter an, da man mir wohl kaum geglaubt haben würde, daß ich ein Enkel des Grafen von Eberstein wäre. Die geringen Verdienste, die ich der englischen Regierung leistete, lohnte man mir in überaus reichem Maße, und so ist mir jetzt Gelegenheit geboten, da8 mit Gottes Hilfe auszusüh- ren, was mir meine teuren Eltern aufgetragen haben. Mein lieber Morttrner, du wirst mir hoffentlich nicht zürnen, daß ich dir nicht gleich bei unserem erften freundschaftlichen Zusammensein offenherzig meine Schicksale erzählt habe, ich scheute mich jedoch, dies zu tun. Doch, meine Herren, belassen Sie es weiter bei meinem Namm Warren. Ehe es mir nicht gelungen ist, mich als dm Grafm Edwin von Eber-
ftein zu legitimieren, möchte ich noch weiterhin als der Warren gelten, den der Königin Majestät zum englischen Baron erhoben hat."
Der Kapitän saß wie auf Nadeln. Als Warren mit seiner Lebensgeschichte zu Ende war, sprang er erregt auf.
„Gott straf mich!" rief er ein über das andere Mal, „wenn dieser verwünschte Kerl nicht einen Mord- anschlag verübt hat. Ich bin überzeugt, daß niemand anders als dieser Miguel Barbeno den Schlag nach Ihnen geführt hat. Als ich mich nämlich als letzter in das dritte Boot schwingen wollte, kam Miguel Barbeno aus dem Jnnem des Schiffes heraufgestürzt. Und als ich ihn fragte, wo Graf von Eberstein wäre, erklärte et mir, er wäre bereits im ersten Boot davongefahren. Dieser Schurke! Dieser erbärmliche Lump!" brachte wütend der Kapitän heraus. „Hoffentlich ist er schon längst ein Fraß der Haifische geworden. Der Halunke hatte mir gleich nicht gefallen. Er konnte nie einem frei in die Augen blicken. Und nun waren Sie so harmlos und erzählten ihm alles. Wissen Sie, mein lieber Baron, jetzt will ich wieder fröhlich in die Welt hinaussteuern, weiß ich Sie doch heil und munter. Freilich heißt es jetzt klar zum Gefecht. Doch hoffe ich, daß es Ihnen gelingen wird, die Einfahrt in den Hafen frei zu bekommen. Und auf mich können Sie rechnen, wie auf Ihren besten Freund. Nun aber leben Sie wohl, meine Herren, ich bin in meinem Zimmer noch nicht jo richtig vor Anker gegangen. Und bann will ich mir heute noch Nizza ein wenig näher in Augenschein nehmen "
Der Kapitän verabschiedete sich von dm beiden jungen Freunden in herzlichster Weise. Als Warten den fragenben Blick Mortimers wahrnahm, beeilte er sich, ihm die weitere nähere Aufklärung zu geben. „Es wat ja unrecht von mir, mein lieber, guter Freund, dir gegenüber nicht aufrichtig gewesen zu sein, aber, wie gesagt, ich wollte erst meine Mission erfüllen. Ich wäre tief unglücklich, wenn ich wüßte, baß mir mein Mortimer diesethalb zürnte."
Bothwell ergriff die Hände seines Freundes und drückte sie herzlich: „Ich habe nie an die gezweifelt, mein lieber Edwin. Und wenn du Stillschweigm gegen mich bewahrtest, so weiß ich dies zu schätzen
Glaube mir, meine freundschaftlichen Gefühle für dich werden, so lange ich lebe, immer dieselben bleiben. In der Erreichung deines Zieles werde ich dir stets treu zur Seite stehen. Wmn sich das wirklich bewahrheiten sollte, was Kapitän Traugott vermutet, bann freilich stehen bir noch schwere Kämpfe bevor. WaS ich dich noch fragen wollte: hattest du vor dem Schiffbruch dem Batbeno etwas von beinen Absichten mitgeteilt?"
„Leider ja Ich hielt ihn für einen aufrichtigen Menschen, und so trug ich kein Bedenken, ihm meine sämtlichen Dokumente zu zeigen. Doch, ich kann immer noch nicht glauben, baß er mich, bem er bas Leben gerettet, ermorden wollte. Er versicherte mir ja so oft, daß er so viel besitze, um sorgenlos leben zu können. Warum hätte er mir nach dem Lcbm ttachtm sollen?"
„Hoffen wir, mein lieber Edwin, daß es so ist, wie du dmfft. Doch Vorsicht kann nie schaden. Jetzt aber wirst du mich einen Augenblick entschuldigen. Ich muß einen Brief an meine Eltern schreiben. Also auf Wiedeffehen bei Tisch!" — — —
Ein herrlicher Tag brach an. Schon am frühen Morgen herrschte in Nizza ein rege? Leben. Es wurden alle erdenklichm Vorbereitungen getroffen, um das Blumenfest zu einem großartigen zu gestalten. Die Bewohner wetteiferten miteinander in der prächtigen Ausschmückung der Stadt. Der Blumenkorso ist für Nizza stets ein Volksfest. Jung und alt, arm und reich war auf den Straßen zu sehen, um die verschiede- nen zumteil kostbaren Arrangements zu bewunbem. An' solchen Tagen ist der Fremdenzufluß besonders groß. Der Nachmittag kam heran. Die vierte Stunde war für den Beginn des Korso angesetzt. Unsere bei« den Freunde, die anfänglich die Absicht hatten, sich in der Zuschauermenge das seltene Schauspiel nnzu- schen, beschlossen auf Vorschlag des Hotelwirts, zu Hause zu bleiben und von der Hotelterrasse die vorbeifahrenden Blumenwagen zu betrachten. So war and chrer Absicht besser gedient, als wenn sie sich mitten in dem dichten Voflsgedränge aufhielten. Der Besitzer des Hotels, Herr Berthier, ein galanter und überaus gefälliger Franzose, hatte sich erboten, die nötige Auskunft über die einzelnen Wagen zu geben (Fortsetzung folgt.)