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vi mrtag de« 4. April 19U« 58- Jadraang.
« fuldaer W Zeitung «
2. Blatt.
Vrnck und Dtrktg bet jhtlbcer lefieitbrnderel te $ulba.
^Erinnerungen ans der Gründnngs- zeit des Zentrums.
Auch der ZentmmSmaun unserer Tage kann täglich beobachten, daß gegen keine Partei mit so leidenschaftlicher Wut, mit so verbohrter Zähigkeit, mit so Anehrenhaften Waffen der Kampf geführt wird wie -egen das Zentrum. Und doch konnte es einiges Staunen Hervorrufen, als jüngst am 40. Geburtstage des Zentrum? bei dem Festmahle im Reichstagsge- bäude der Veteran der Partei, F r h r. v. Lands- b e r g, aus den frühesten Zeiten des Reiches, in denen sich das katholische Deutschland um die Devise: Für Wahrheit, Freiheit imd Recht! zu scharen begann, von einer Art der Feindseligkeit gegen daS Zentrum tu erzählen imstande war, die heute im politischen Heben als ganz unerhört gelten würde. „Wir hatten", so führte der greise Mitbegründer der Zentrumsfrak- iton aus, „keine angenehme Stellung; wir waren ja Reichsfeinde, nicht bloß in der Presse wurden wir so behandelt, sondern überall, im Reichstage sowohl wie in Berlin In gesellschaftlicher Beziehung." Mit welchem Fanatismus aber damals die auf der Höhe ihrer Macht angelangten Liberalen daran gingen, »en jungen Zentrumsbaum womöglich überhaupt aus der Erde zu reißen, das wird trefflich durch Verhandlungen illustriert, die in den Aprilwochen des Jahres 1871 im Reichstag stattfanden und die wohl der Erinnerung wert sind.
Es handelte sich um die Art und Weise, wie man dem Zentrum nach feiner Gründung durch „W ahl- Prüfungen" seine Mandate zu nehmen versuchte.
Die in ihrer Mehrheit aus Liberalen bestehenden Abteilungen, die mit der Prüfung der ersten Reichstagswahlen betraut waren, hatten eine Anzahl von sNandaten beanstandet und dem Plenum die Entscheidung zugewiesen. Die Giltigkeit der Wahl einer Reihe von Zentrumsabgeordneten wurde lediglich deshalb angefochten, weil nach der Behauptung der Wahlgegner eine unerlaubte Wahlagitation durch d ie katholische Geistlichkeit stattgefunden habe. Wie von der liberalen Mehrheit der Begriff dieser „unerlaubten Wahlagitation der Geistlichen" festgestellt wurde, war eine Musterleistung an sophistischer Begriffsverwirrung: der Geistliche sei dem katholischen Volke eine Autorität. Aeußere er also eine politische Meinung, so bringe er die Wähler in den Bann dieser Autorität und die Freiheit der Wahl sei aufgehoben.
Am 17. April erklärten sie die Wahl des Zentrums- abg Dr. Schüttinger, der im oberfränkischen Wahlkreis Bamberg gewählt worden war, für ungil- tig. Festgestellt war lediglich, daß in einem Dorfe des Wahlkreises der Pfarrer in der Sonntagspredigt der Bedeutung des Wahlaktes gedacht und später einer Wahlversammlung in seiner Gemeinde beigewohnt hatte.
Am 18. April beabsichtigte man, das Zentrum mit der gleichen Begründung um zwei weitere Mandate zu bringen. Zunächst wurde die Wahl des geistlichen Rats Mülle r-Berlin, eines um die Gründung der Zentrumsfraktion hochverdienten Mannes, angefochten, weil in seinem Wahlkreis Pleß-Rybnick die Geistlichkeit Agitation getrieben habe. Um den Beweis dafür zu erbringen, wurde die Lächerlichkeit nicht gescheut. Mit feierlichem Ernst gab der Referent der Abteilung die ganz offenkundig erlogene Schilderung eines schlesischen Wahlprotests wieder, wonach ein dortiger Pfarrer von der Kanzel herab nm die Stimmen für den Rat Miller mit folgender Lobpreisung des Kandidaten geworben haben sollte:
„Mein« lieben Kinder, ich bin euch allen herzlich aut. Wählt aber niemand anders als den Rat Müller in Berlin! Das ist ein Mann von (Sott geschickt. Ich kenne ihn persönlich, denn ich habe mit ihm studiert. Er liegt in der größten Armut in einem fintieren Kämmerlein, hat in der grö ßten Kälte keine Kleider zum Anziehen, und wenn sich jemand über ihn erbarmt und schenkt ihm einen Pelz, io gibt er diesen den Armen. Er hat kein Bett, keinen Ofen in der Stube, nagt am Hungertuche und entbehrt aller menschlichen Bedürfnisse. Schon jetzt ist er ein halber Heiliger. Dem gebt eure Stimme!'
Auf Grund dieser erjiinbenen Wahlrede die Wahl für ungiftig zu erklären, fand man dach nicht den Mut, und begnügte sich damit, den Bundeskanzler zur „Abstellung" der behaupteten „Mißstände" aufzufordern.
Mit einem Antrag auf Beanstandung aber traten die bekannten liberalen Wortführer Duncker und Kann-
gießer auf gegen die Wahl des Wg. A u g u st R e i - chenSperger im rheinischen Wahlkreise Krefeld. ReichenSperger war in heißem Wahlkampfe, der von feinen Gegnern mtt den zweifelhastesten Waffen geführt worden war (um arglose Wähler zu täuschen, wurden von den Gegnern Wahl-eitel mit dem Samen seines Bruders, Peter Reichensperger, ausgeteilt) gegen dm liberalen Krefelder Kaufmann Sehsfardt mit 1647 Stimmen Mehrheit gewählt werben. Tie eingegangenen Proteste, die für die Beanstandung maßgebend sein sollten, behaupteten lediglich Eingriffe in die Wahlfteiheit durch Geistliche in amtlicher und außeramtlicher Eigenschaft. Hirtenbriefe des Erzbischofs von Köln, die von dem Berichterstatter selbst als durchaus einwandsfrei bezeichnet werden mußten, sollten eine Anathema über alle diejenigen heraufbeschworen haben, die nicht für den katholischen Kandidaten eintreten würden. Als besonders schwerwiegende Beeinflussung wurde angeführt, daß in einer liberalen Wählerversammlung zu Osterrath ein Krefelder Kaplan „ohne Rückhalt den antoefenben Glaubensgenossen die Stimmabgabe für Reichensperger geboten habe".
Diese Mandatsräuberei ging selbst einem erklärten Zentrumsgegner, dem konservativen Herrn v. Blan- ckenburg, über die Hutschnur. Er meinte, diese Art Wahlprüfungen führten fchkießlich dahin, daß überhaupt keine katholischen Geistlichen mehr im Parlament sitzen dürsten.
Mit überlegener Schlagfertigkeit aber trat schließlich Windlhorst selbst den Kulturkämpfern entgegen. Er wies zunächst darauf hin, daß durch die geheime Stimmabgabe die Wahlfteiheit unbedingt gesichert sei. Dann aber sprach er die Meinung aus, baß die Geistlichkeit gar nicht umhin könne, auf der Kanzel auch die Politik zu berühren.
„Aus der Wahl geht eine so souveräne Versamm' hing wie der Reichslag hervor, die entscheiden soll über die wichtigsten Vorgänge des Leben?, und das sind insbesondere die, welche die Kirche und die Geistlichkeit vertreten. Sollen babei die Geistlichen mundtot sein? Sollen sie nicht auffordern, daß man richtige Wahlen mache? Meine Herren, in Frankreich hat man ähnlich gesprochen wie jene Herren, die Jünger Voltaires haben mit Verachtung hinge- wiesen auf die „klerikalem Einfluß" unterworfene Bretagne und Vendee, und heute sehen diese Jünger Voltaires, bedroht durch Greuel der Kommune, mit Sorge hin, ob noch nicht die Armeen aus der Bretagne und der Vendee erscheinen mit den Rosenkranz im Gürtel und mit dem Bilde der heiligen Maria auf ihrer Fahne. (Sehr wahr!) Ich wünsche nicht, daß es je in Deutschland zu einem Schauspiel wie in Paris kommt; aber es kann kommen, und dann werden wir uns freuen, wenn die Geistlichkeit noch einen Eins luß auf das '-Bolt hat, und wenn das Volk ihnen folgt und mit fliegenden Fahnen an die Urne geht.- (Bravo!)
141 Abgeordnete gaben ihre Stimmen für die Beanstandung der Wahl Reichcnspergers ab. Mit 10 Stimmen Mehrheit wurde die Beanstandung allerdings abgelehnt. Reichensperger blieb Mitglied des Reichstags. Unter den GeißÄstreichen seiner eleganten und doch wuchtigen Beredsamkeit mögen in den Tagen des Kulturkampfes die Kirchenfeinde noch oft gewünscht haben, daß jener „Versuch des Ecrasierens" gelungen wäre.
Deutsches Keich.
* Aus der Ostmark schreibt man der „Germ." Durch Verfügung vom 16. März 1910 hat der Regierungspräsident zu Allenstein gestattet, daß die in ganz Deutschland berühmte Scheune in G r. Kojchla« in Ostpreußen zu gottesdienstlichen Zwecken verwendet werde, wenn sie so umgebaut würde, daß sie den Vorschriften der Polizeiverordnuug über die bauliche Anlage pp. von öffentlichen Bc> sainmlun- gen pp. vom 10. Juni 1909 entspreche. Diesen Vorschriften genügt die Scheune jedoch zurzeit in :nannig- facher Hinsicht nicht. So hat sie namentlich keine feuerfesten, d. h. massiven Wände, sondern nur solche von Holzfachwerk mit Bretterverschlag. Um also den Vorst' riften der Polizeiverordnung zu genügen, müßte die Schmne ganz untermauert werden, und das ist immerhin eine kostspielige Sache. Um ganz unnötige Ausgaben und Kosten zu vermeiden, Hai daher die Bischöfliche Behörde zu Pelplin unterm 1. Oktober 1910 bei der Regierung den Antrag um Neubau
einer massiven Kapelle gestellt, leider aber bis jetzt vergeblich. Ein halbes Jahr ist um und noch ist keine Antwort erfolgt. In Gr. Kofch'm! soll auch ein neues protestantisches Pfarr- Hau S, welches bis jetzt da nicht vorhanden gemeßen ist, gebaut werden. Und da der Besitzer von Gr. Kosch- lau als Patron Schwierigkeiten nachte, wurden ihm vom Landrat aus Neidenburg für 8000 Morl Zuchtvieh und Kartoffeln mit Beschlag belegt. Der latho- lssche Besitzer wandte sich um Veemittftmg an den Herrn Minister und nun höre man und staune: im Laufe einer Woche hatte n durch die Regierung in Allenstein einen abschlägigen Bescheid erhalten. In protestantischen Angelegenheiten eine Fixigkeit sondergleichen, in katholischen Sachen eine ... na, es fehlt an einem parlamentarischen Ausdruck, um es beim richtigen Namen zu nennen. Die Freimaurer und Sozialdemokroten, die auf den Umsturz der Throne mb Altäre ausgehen, werden, wie die Feuerbestattungsvorlage beweist, mit zarter Rülffichtnahme behandelt, aber 800—900 Katholiken in Gr. Kvschlau, die sich in gemieteten Lokalen beim Gottesdienst herumdrängen müssen, und ihr Bischof werden nicht mal in einem Halden Jahre einer Antwort gewürdigt!
♦ Die Algäuer Snhnewallfahrt nach Altötting. Die liberale Presse hält anscheinend ihr Lesepublikum für sehr einfältig. In den jüngsten Tagen fetzte sie ihm mit viel Behagen und wenig Verstand diesen fetten Bissen vor: „Als „Sühne" für das kürzlich verlorene Reichstagsmandat in Jmmen- stadt werden die katholischen Vereine des Allgäus am 15. Mai von Jmmenstadt aus einen Pilgerzug nach dem bekannten Wallfahrtsort Altötting veranstalten, an dem auch Turner, Feuerwehr und Schützen- Vereine teilnehmen." Dieft Tendenznachricht machte, wie uns zahlreiche Zuschriften und Anfragen beweisen, die Runde durch die gesamte liberale Presse beS Reiches. Geistreich bemerkt z. B. die „Jenaische Zeitung" (Rr. 74) zu der Meldung: „Nach der nun einmal erfolgten Wahl wird der Heilige aber auch nicht mehr helfen können." Wir empfehlen der Redaktion der „Jenaischen Zeitung", eine Wallfahrt zum „Heiligen" nach Altötting zu unternehmen, viefteicht vermittelt ihr „der" Heilige die heilsame Erkenntnis, baß man nicht über katholische Dinge schreiben soll, die man nicht versteht, ansonsten eine Blamage unvermeidlich ist. Bei jedem Schulkind in Bayern kann sich die „I. Ztg." darüber Rats erholen, daß die Gnaden- ftätte in Altötting der Gottesmutter geweiht ist. Im übrigen ist zu bemerken, daß die liberale Presse ihrem Lesepublikum wieder einmal eine gröbliche, faustdicke und tendenziöse Unwahrheit vorgesetzt hat. Der Algäuer Pilgerzug findet schon seit I ähren statt. Der liberalen Presse blich es Vorbehalten, daraus eine „Sühnewallfahrt" zu konstruieren und in die Welt hinauszuposaunen.
Ausland.
** Tas größte Kriegsschiff der Welt, der eng« lische Neber-Dreadnought „Monarch" ist dieser Tage „getauft' worden. Der Riesenkoloß kommt den" ganz großen Paffagierschiffen nahe: 23000 Tonnen Wasserverdrängung, 581 Fuß lang, 27 000 Pferdekräfte in den Maschinen, dft 21 Knoten leisten sollen. Bewaffnet ist er mit 10 Geschützen von 13,5 Zoll und 16 kleineren Waffen.
* „Vergewaltigung der Gewissensfreiheit", so wird unserer bekanntesten Missions-Monatschrift, den „Katholischen Missionen', (Freiburg, Herder, jährlich 12 Hefte 5 X) aus Rußland geschrieben, „scheint der Wahlspruch der russischen Bureaukralie zu sein. Fast jede Woche bringt zu diesem Kapitel neue Belege. Selbst den An» Hangern nicht staatskirchlicher Bekenntnisse wird der Üeberiritt zur katholischen Kirche in jeder Weise erschwert. Gemäß einer neuen Willkür-Berord- nung vom Herbste 1910 muß jeder Nebertritts- Kandidat, mit Ausnahme der Juden, zwei Zeugen beibriugeu, daß er niemals der russischen Staatskirche angehört habe; sonst wird ihm das Recht, katholisch zu werden, einfach verweigert. Wie schwer es aber zumal Leuten «iederen Standes fällt, die verlangten zwei Zeugen beizubrin- gen, weiß jeder Kenner russischer Verhältnisse.
Die Anzeigepflicht bei der Anstellung von Geist, lichen war durch das Toleranz. Edikt von 1905 aufgehoben, aber durch die russische Bureaukralir ohne Duma und Gesetz einfach wieder eingeiühit worden. Jeder des „UebereifetS“ verdächtige katholische Priester wird unter irgend einen Straf- Paragraphen gebracht und es wird auf admini- strativem Wege dafür gesorgt, daß er ohne be- sondere Erlaubnis des Gouverneurs nicht mehr versetzt werden kann. Die Redemptoristen, die man einige Z»it lang in Warschau ruhig b lassen hat, find jetzt wieder zum Verlassen des „hei igen russischen Reiches" gezwungen worden. Und doch hatten ihnen die Behörden von Sibirien und Kaukasien daS Zeugnis ausgestellt, daß sie sich von aller Politik fern hielten und ihr Einfluß auf die Bevölkerung der beste sei. Den Bischöfen ist unlängst durch ein besonderes Rundschreiben vom Ministerium des Innern.mit Sirasdrohun. gen eingefchäcft worden, sich ja nicht auf irgend einen Erlaß des hl. Stuhles zu berufen, der nicht zuvor das ausdrückliche Plazet der Regierung erhalten. Sogar einfache römische Ehedispensen mästen durch die Hände der Minister ial-Beamten gehen und kommen erst mit dem in Rußland berühmten roten Ministerial - Stempel versehen in die Hände des Bischofs. Wie lange eine folche Dispens auf sich warten läßt, das weiß nur der, welcher das Glück hat, im ,heiligen russischen Reiche" zu wohnen. Nach dem »Kolokoft, dem Organ der russisch-orthodoxen Geistlichkeit, wären seit dem Toleranz-Edrkt (30. April 1905) bis zum 14. Januar 1910 insgesamt 316,812 Personen aus der russischen Staatskirche ausgetreten; 237,033 davon find römisch-katholisch geworden. Von diesen 237,033 kommen 166,338 Personen auf die russisch-polnischen Gouvernements Warschau, Lubock, Suwalki und Sjedlez, 65,631 auf die westlichen Landesteile Wilna, Kowno, Grodno, Kiew, Podolien, Wolhynien, WitebSk, Minsk und Mohilew. Von der Gesamtzahl der Uebertritte entfallen 183,824 allein auf das Jahr 1906. Man hat dafür gesorgt, die Bewegung mit allen zu Gebote stehenden Gewaltmitteln einzudämmen."
Ans dem Nachbargebiete.
* Gersfeld, 31. März 1911. In einem kürzlich in diesem Blatte erschienenen Bericht über die Bildung eines AuSschuffeS, der mit den Behörden übet die Hebung der mißlichen wirtschaMchen Lage im Kreise Gersfeld verhandeln will, wurde unter anderem von der hiesigen GenossenschaftSmslkeret gesagt, daß diese mehr Schaden als Nutze,! bringe. In einer uns von beteiligter Seite zugesandien Zuschrift wird diese Behauptung zurückgewiefen und der Nutzen der Molkerei für Gersfäb wie folgt bargt* legt: Der Grund und Boden ist einem Eingesessenen abgekaust und bar bezahlt worben. Die Gebäude: Molkerei, Futtermttteklager, Pferbestall, Schrotanlage, Wasserleitung sind von Gersfelder Handwerkern auS- gcführt worden. In der Molkerei find fortlaufend ca. 8 einheimische Arbeiter beschäftigt, die einen Jahres- verbimst von ca. 5—800 Mark haben; m den 16 Jah- rne des Bestehens find über 90000 Mark für Arbeitslöhne an baS einheimische Personal gezahlt worben. In die Molkerei kommen tagtäglich 9 Milchwagen aus ben umliegenben Ortschaften, deren Kutscher stets etwas in der Stabt verzehren und sür die Landwirte Bedarfsartikel mttbringen. Würbe biefe günstige Gelegenheit nicht bestehen, bann würde wohl mancher Landwirt seinen Bedarf anderweit decken. Am letzten jeden Monats kommen die Landwirte aus der Umgegend in die Molkerei, um sich bas Gelb für bie gelieferte Milch zu holen. In den 16 Jahren des Be- stehens der Molkerei sind 1 392 000 Mk. Milchgeld an bie Landwirte ausgezahlt worden. Am Zahltage der Molkerei wirb nicht nut Gelb in Gersfelb verzehrt und es werben Einkäufe gemacht, fonbern es werden auch Rechnungen der GefchäfMeute ufro. bezahlt und gar mancher würbe länger auf fein Gelb warten müssen, wenn nicht die Landwirte allmonatlich eine Summe Milchgelb in die Hand bekämen. Auch aus ber Stadl
Der Erbe von Lberftein.
18s Roman von Edmund Nowak.
Mortimer Bothwcll wurde rot wie eine Päonie. „Du wirst mich recht tüchtig aüslachen, wenn du meine Geschichte vernimmst. Doch auch auf diese Gefahr hin will ich dir alles aufrichtig erzählen. Zuerst aber vernimm und staune: Ich, Mortimer Vothwell, früher Leutnant in der Armee der Kaiserin von Indien, bin verliebt bis über die Ohren."
Marren, in dem wir sofort den englischen Rittmeister ans Delhi roiebererfennen, sprang auf. „Was, mein Freund Mortimer hat sich verliebt? Wer fft denn das glückliche Wesen, das Gnade vor dir gefunden hat?" rief er scherzend.
»Lache nur, mein lieber Edwin. Wer wenn bu sie gesehen hättest, bann würbe dir wohl jeher Spott vergehen. Doch Scherz bei Seite. Höre, unb bu wirst mir recht geben. Heute früh ftanb ich gegen meine sonstige Gewohnheit sehr zeitig auf. Es war erst . Ich blickte zuni Fenster hinaus unb sah Qerabc, wie die Sonne wie ein feuerroter Ball sich aus dem wogenden Meere erhob. Mein Entschluß stand fest, ^ch wollte mich etwas am Meeresstranbe ergötzen. Fünf Uhr schlug es, als ich bei beinern Zimmer vorbeiging. Ich wollte dich nicht in deiner süßen Ruhe stören unb so ging ich allein nach bem Meere zu. Warren, bu kannst dir gar nickt vorstellen dieses herrliche Schauspiel, das mir bas' Meer bot. Es war erhaben schon . Ich ließ mich auf einer Bank nieber unb staunte unb bewunderte. Eine Stunde mochte ich wohl bagesessen haben, als vom Turm der Siotre Dame-Kirche das Glöcklein zum Eintreten ein- lüb. Ganz' in Gedanken versunken, wäre ich beim Verlassen des Gotteshauses beinahe mit zwei Damen zu- fammengestoßen. Bestürzt brachte ich eine Entschuldigung vor unb wollte bei ihnen schnell vorbeieilen. Als ich aber einen Blick auf die beiden Mädchen warf, da blieb ich >vie gebannt stehen. Warren, so etwas Schönes von Frauenspersonen habe ich noch nicht aefeftcii, ..L.ache,. spotte, über. mich,, wie, viel, bu willst,
aber ick muß btr gestehen: ein Rafael, ein Tizian wären entzückt gewesen, wenn sie biefe herrlichen Gestalten hätten malen können. Besonders die eine war geradezu entzückend; diese Elfen gestalt, biefeS süße Gesichtchen, übet dem sich eine herrliche ebenholzschwarze Haarkrone wölbte. Diese dunklen, unschuldige Lebenslust sprühenden Augen, dabei diese Anmut ber Bewegung. Kurzum, ich bin nicht tmftanbe, dieses prächtige Bild gebührend zu schildern."
„Aber, mein lieber Bothwell, bu bist ja ganz außer Rand und Band. Ich hatte wirklich nicht geglaubt, baß das Herz beS tapferen Kriegshelden Mortimer Bothwell, dessen Helbenbrust Englands höchster Kriegsorben schmückt, so schnell hat Feuer fangen können. Dein Jbeal muß ja ein wahrer Engel in Menschengestalt sein. Doch, hast du nicht erfahren können, wer die beiden Damen, parbon, ich wollte sagen, wer bie brünette Dame ist? Unb wie sieht beim ihre Begleiterin aus? Für bie scheint mein lieber Freunb kein Auge gehabt zu haben!"
Bothwell blickte seinen Freunb fragend an. Als er aber merkte, daß es nicht Spott war, der ihn zu diesen Fragen trieb, fuhr er fort: „Die andere? Nun, noch schöner, als dft brünette, nur unterschied ste sich von ihr durch ihr prächtige?, blondes Haar. Ich konnte nicht anders, ich mußte ihnen folgen. Wie im Traume verfunkeu, schritt ich dahin. Vor dem „Grand Hotel des PalmierS" blieben sie stehen, und es hatte nicht viel gefehlt, und ich wäre wieder mit ihnen zusammengeprallt. Ehe ich dazu kam, einige Entschulbi- gungSworte zu stammeln, waren sie unter Lachen im Hotel verschwunden, lieber meine Ungeschicklichkeit unb Dummheit habe ich mich sehr geärgert Ja, wenn ich eS mit dmikelhäutigen Jnbianem zu tun gehabt hätte, bann würde ich schon meinen Mann gestellt haben, aber mit Domen ist baS so eine eigene Sache, da ist unb bleibt Mortimer Bothwell der Barbar."
Watten lachte hell auf. „Geh doch nur, Mortimer. Wie kannst bu von dir so gering denken? Auf dem Felde der Ehre wie im Bericht mit Damen ist Lord Mortimer der edle Sprosse eines edlen Geschlechtes." Er wat jedoch zu BWttda. . .Unb hast du keine wei
teren Schritte getan, um bie Namen der beiben Damen zu erfahren?"
„Es ging wohl nicht gut an. Doch glaube ich, dürste es uns ein Leichtes sein, das in Erfahrung zu ' bringen. Wer halt. Wie wäre es, wenn wir morgen den Blumenkorso besuchten? Ich bin zwar kein Freund von derartigen Ausführungen, aber ansehen kann man sich ihn, unb da bürsten wir wohl Gelegenheit haben, die Damen zu sehen. Wie denkst bu herüber? Wollen wir uns bie Geschichte mal miftheu?"
„Ich muß offen gestehen, mein lieber Mortimer, , daß mich beine Damen zu interessieren anfangen. Ich bin in bet Tat neugierig, wer sie sein mögen. Ich bin mit deinem Vorschläge einverstauben. Also mor- , gen beim Blumenkorso. Hoffentlich haben wir Glück, i Doch, wie wäre es, wenn wir jetzt einen kleinen Spaziergang unternahmen?"
Arm tn Arm verließen beibe Freunde dar Hotel und schlugen den Weg nach bem Meere ein. Unter fröhlichem Geplauder schritten sie dahin unb bewunderten die herrlichen Parkanlagen. „Ach, dieses herrliche SW! Erbe!" rief Warren begeistert aus. „Indien ist ei« Märchenland, doch die Riviera mit ihren Naturschönheiten, mit ihren paradiesischen Gegenden, wo sich der Mensch ungestraft und ohne jede Gefahr ergehen, ergötzen kann, sie geht mir weit über bie gistgeschwollene p>on Natterngezücht unb reißenden Tieren erfüllte tropische Schönheit. Sieh, diese herrlichen Palme«, dieses prächtige, erftifchenbe Grün ber Grasteppiche! Der wunderbare Gesang der gefieberten Seglet der Lüste! Ach, wenn mich bk Sehnsucht nicht nach DeutschlanbS Gauen triebe, ich wollte hier weilen bis an mein Lebensenbe. Doch laß uns nach bei Anhöhe gehen, ber Ausblick von dort muß ja entzückend sein."
Sie stiegen etwa zweihundert Stufen einen Hügel hinauf, auf dessen Gipfel sich ein nach allen Seiten offener Pavillon erhob. Das Panorama, das sich ihnen darbot, war herrlich. In einiger Entfernung wogte baS blaue Meer, ein Bild, baS sich bem Menschenherzen unauslöschlich einprägte. Diese beiden wefterfadrenen Männer standen, tn start« Verwunde
rung da. Sie konnten sich nicht satt fthen an der unermetzstchen Meeresfläche, die sich längs des grünen GestrkM hinzog. Sie waren in diesen herrlichen Anblick ganz versunken. Sie sahen nicht aus die Menschen, die an ihnen die Fußwege norbeightgen, sie hörten nicht deren Geplauder. Endlich roanbten sie sich zum Gehen. Gerade wollten sie die Stufen hinuntersteigen, aks ihnen eilt älterer Herr entgegenkam. An bem' wiegenden Gang desselben mußte man in ihm einen Seemann vermuten. Als Warren ihm ins Gesicht blickte, wurde et bleich; er blieb stehen unb starrte dem Fremden rote einem Gespenst entgegen.
„Mein Gott", senkte er, „sollte c? Kapitän Traugott sein? Nicht möglich, und doch fft die Aehnlich- feit so groß."
„WaS hast du denn, Edwin?" frag ihn Mortimer besorgt. „Du bist ja so bleich geworden! Fühlst bv dich nicht wohl?"
„Ich bin ganz wohl, mein Mortimer, doch---
ich weiß nicht. Siehst du dort den Herm, der bk Treppe heran flammt? Verzeih--"
Schnell eilte Warten bie Stufen hinab auf ben Fremden zu.
„Kapitän Traugott, sind Sie es, oder gaukelt mir meine erregte Phantasie ein Bild aus früheren Jahren vor?"
„Sie täuschen sich nicht, mein Herr, ich bin Kapitän Traugott," erwiderte der Frrm^. „Doch mit toetr habe sich die Ehre?"
„Herr Kapitän, ich will gern glauben, daß Sie mich nicht mehr kenne«. Eine Reihe von Jahren ist ja vorübergegangen, feit der furchtbare Sturm unsere „Dal- matia" dem Untergange Wechte. O Gott, es waren schreckliche Augenblicke, bie ich bamalS erlebte."
„Halt, mein Herr," schrie ber Kapitän plötzlich auf. „Wo hatte ich meine Augen, daß ich Sie nicht sofort erkannte. Ihr Angesicht war mir fremd, doch Ihre Stimme sagte mir: Vor mir steht mein lieber Graf Eberstein."
(Fortsetzung folgt)