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JVo 76.

Msntag de« . April I9U.

58. Jahrgang.

DB

Leitung

" fuldacr

2. Blatt.

Druck uni Verlag dir fiaidaer Äctlenbmderei iw Kalb«.

Dr. Thoma wiederholt über Geistliche, über Rosen­kranz und Weihwaffer ausgelassen hat und so bleibt man eben liberal und wählt für eine Partei, die Staat, Kirche und Schule trennen will. Mit Recht schreibt ein Geistlicher des Wahlkreises: „Einen Dr. Thoma wählen, 6ringt unter allen Wahlkreisen Deutschlands die eine so bedmtende katholische Mehrheit besitzen, nur das Allgäu fertig, und der Sündenbock, der in denselben üppig gedeiht, heißt: liberale und farblose bezw. bei den Wahlen fast ebenso liberale, aber desto gefährlichere Presse im Hause unserer katholischen Bauern."

In einem liberalen „Stichwahlappell" hieß es: Am 7. März soll es sich entscheiden, ob Freiheit und Fortschritt wieder ihr Banner hissen sollen auf unfern Bergen, oder ob das Allgäu auch weiter dumpf hin­brüten soll unter der Herrschaft des Zentrums. Tat­sache ist, daß der Liberalismus dieses „dumpfe Hin- 6röten nur abwenden kann vom Allgäu, wenn chm die Sozialdemokratie ihre Mannschaft voll­zählig zur Verfügung stellt. Wie lange das andauem wird, muß die Zukunft lehren; sobald aber die So­zialdemokratie Gewehr bei Fuß steht, läuft das All­gäu Gefahr, abermals „unter der Herrschaft des Zen- trums dumpf hinbrüten" zu müssen. — Was in Bälde wieder eintreten möge!

der Kandidatur Emminger, der kein .Hei­matskandidat" war. Wie falsch ist doch diese An­sicht! Bei der heutigen politischen Lage hätte auch ein Heimatskandidat keine Stimme mehr bekom­men. Ein Heimatskandidat hätte bei dem stolzen Sinn der Allgäuer nur von Bedeutung sein kännen, wenn er neben dem liberalen Kandidaten Dr. Thoma', der ein glänzender Redner ist, nicht eine gar zu'traurige Rolle gespielt hätte. Wenn Emminger kein Allgäuer ist, so hat er diesen .Fehler" redlich gut gemacht durch seine glänzende Rednergabe und sagen wir eS gleich offen und ehrlich heraus: Wenn durch die Reichsfinanzreform nicht eine so ungünstige Position für den Zentrumskandidaten geschaffen Ivordm wäre, so hätte er auch gesiegt. Und wenn das Zentrum trotzdem und ftotz der geradezu wahnwitzigen Agi­tation der Liberalen eine Stimmenzahl erreicht hat, w i e n o ch n i e z u v o r, und bei der Stichwahl noch viele Hunderte aus der Reserve herausge­holt hat, so wird man das unterschreiben können, was am Abend deS Sttchwahltages der Leiter des ganzen Wahlkampfes (Cheftedakteur Meier) gesagt hat:

„Blicken wir auf das Gesamtresultat, so können wir sagen, das Zentrum Hai den Wahlkreis zwar verloren, ist aber nicht besiegt worden, Hakim Gegenteil seine Position noch verstärkt. Und wenn wir diesmal unterlegen sind, so sind wir mit Ehren unterlegen, nachdem wir tapfer gekämpft und bis zum letzten Augenblick dem Ansturm der ver­einigten Gegner mutig standgehallen haben. Das All­gäuer Zentrum hat sich als eine Macht gezeigt, als ein granitener Felsen, der unerschütterlich dasteht."

Roch ein Wort zur Wahl-Agitation: Das Zentrum hat 57 Versammlungen abgehalten gegen­über etwa 70—75 liberalen Versammlungen und ist von dem Grundsatz ausgegangen und hat denselben wo möglich durchgeführt: zuerst die liberale wid dann die Zentrumsversammlung. Und daß diese Methode von Erfolg und vom Gegner gefürchtet wurde, be­weist die Tatsache, daß die Liberalen an sehr vielen Orten der Zmtrumsversammlung eine zweite liberale folgen ließen; an einigen Orten fanden sogar 3—5 liberale Versammlungen statt, die Menge der ihnen zur Verfügung stehenden Redner (lauter Jungliberale) ermöglichte dies. Der Erfolg steht aber im umge- kchrten Verhältnis zur Zahl der Versammlungen. Die wüste Hetze der jmigliberalm Agitatoren, die ihren Höhepunkt in der Beohrfeigung eines christlichen Ar­beitersekretärs erreichte, vermochte nicht das erhoffte Resultat zu bringen. Wurde ja doch in auswärtigen Zeitungen in Artikeln, die alle in Kempten das Licht der Welt erblickt haben, prophezeit, daß diesmal schon im ersten Wahlgang der Sieg an die liberale Fahne sich hefte; man rechnete mit einem Masseilab­fall der Zentrumswähler. Statt dessen ein wenn auch nur kleiner Rückgang der liberalen Stimmen und eine Festigung der Position des Zenttums.

Wenn nun und zwar gerade aus Zentrumskreisen heraus die Behauptung ausgestellt wurde, man hätte die Hilfe hochstehender Parlamentarier nicht angenommen und von sich abgewiesen, so ist das eine Verkennung der Tatsachen. Ganz abgesehen da­von, daß man nach Berlin geschrieben hat: jedes Mit­glied der Reichstagssraktion, das sich in den Wahl­kampf stellen will, ist hochwillkommen, nein, man ist schriftlich und mündlich, zum Teil öfters an hoch- siehende Parlamentarier des Landtags sowohl wie des Reichstags herangegangen — es könnten sofort —10 Namen angeführt werden — jedesmal aber kam eine ablehnendeAntwort, zum Teil aus recht unmotivierten Gründen, zum Teil aber auch aus Gründen, die jetzt auch in der Oeffentlichkett erwähnt werden dürfen: der unheilvolle ©freit zwischen Dr. Heim und der Le'dng der Reichstagssraktion hat seine Wellen bis in den Allgäuer Wahlkampf getragen und in Kempten mußte man davon Kenntnis nehmen zu einer Zett, in der die breite Oeffentlichkeit noch nichts davon wußte.

Mit einem großen Mißstand hat man im Allgäu zu rechnen und das sind die Preßverhältnisse. Wohl ist im Wahlkreis die „Allgäuer Zeitung" und ihre Nebenausgabe die „Lindauer Volkszeitung" mit mehr als 9000 Abonnenten verbreitet, aber noch mehr Verbreitung hat von Kempten bis Lindau die liberale und sogenannte farblose Presse und da möchte man unwillkürlich ein bekanntes Sprichwort variieren: Sage mir, was für ein Blatt du liest, uni) ich sage dir, wen du wählst. Diese liberale und sogen, farb­lose Presse hat nie ein Wort davon erzählt, wie sich

Ausland.

** Zum Kampf um die Schule in Belgien ist ein Blockpakt aller katholikenfeindlichen Parteigruppen ge­schlossen. Zu Dutzenden haben in diesen Tagen Volks­versammlungen stattgefunden, in denen u. a. Hymans und Vandervelde den Krieg bis aufs Messer gegen den Schulgesetzentwurf gepredigt haben, der ein ver­wegenes Attentat auf die Schule und ein Raubzug der Klöster gegen die öffentlichen Kasten Belgiens sei; daneben haben zahlreiche Gemeinderatsbeschlüste in gleichem Sinne sich ausgesprochen; und schon tags zuvor hat der Verband der liberalen Preste Belgiens in einer eilig berufenen Generalversammlung in Ge­meinschaft mit der sozialdemokratischen Preste beschlos­sen, den gleichen Kampf mit allen Mitteln aufzuneh­men. Schon setzt läßt sich feststellen, daß vom Aus­lande her die treuesten Sekundantendienste allen vor­an ckiie deutsche liberale Presse den belgischen „Brü­dern" leistet. Und dort wie hier schrumpft die ganze Angriffsfläche, die man für den Sturmlauf ansge- spüht hat, auf den einen trügerischen Punkt zusammen: das Gesetz will die Klöster bereichern! Zum Beweise dessen rechnet man aus, daß die freien Schulen an

m. Der Kampf ums Allgäu.

(Bon einem, der mitten drin stand.)

Der Kampf um das Reichstagsmandat von Kemp- ten-Jmmenstadt, der mit dem Siege des Liberalen in diesem so heiß umstrittenen Wahlkreise endete, ist der heftigste, den das Allgäu je gesehen hat. Wer den Wahlkampf würdigen will, der muß unterrichtet fein über die eigenartige parfeipolitifcheFor- Ination des Allgäus, das, obwohl fast ganz katholisch, nun durch einen Liberalen im Reichstage vertreten ist. Ein Rätsel nach dem andern begegnet da einem jeden, der die Verhältniffe des Allgäus nicht tennt. Früher zum größten Teil in einem Hörig- keitsverhAtnis, von dem sie sich im Lause der Zeit frei gemacht, haben die Allgäuer, die Söhne der freien Kerge, einen freien, demokratischen Sinn sich bewahrt, der anderseits wieder streng konservativ gerichtet als ererbte Anschauungen treu hütet und nicht gern davon äbläßt. In wirtschaftlicher Beziehung unterscheidet sich das Allgäu wesentlich von allen anderen Be­zirken und bildet eine Welt für sich. Aeußerlich schon kommt dies zum Ausdruck dadurch, daß daS Allgäu iigene wirtschaftliche Organisation hat, die über der Grenze jede Daseinsberechtigung verloren hätten. Ohne jeglichen Getreidebau und ganz auf den Wiefen- WachS cmgewiesm betreibt das Allgäu ausschließlich Milchwirtschaft und auf dem internationalen Butt er­stirb KäsemcM bedeutet der Wgäner einen Hauptfak­tor. So ist er weniger Bauer als Handelsmann und viel besser situiert als etwa ein Bauer der Oberpfalz. All diese Faktoren zusammengenommen, lasten es er­klären, wenn in dem zu mehr als 90 Prozent katho­lischen Allgäu der Liberalismus noch feste Wur­zeln hat, ein Liberalismus fteilich, der mit dem land­läufigen Liberalismus, mit dem auf politischem und religiösem Gebiet so verderblich und zersetzend wir­kenden Liberalismus nichts zu tun habm will. Und hätte der Liberalismus keine solch kirchenseindliche Vergangenheit, im Allgäu hätte er nicht so ständig, wenn auch langsam an Boden verloren. So haben tvir die weitere Tatsache, daß der Allgäuer Liberale kirchlich gesinnt, ja sehr religiös veranlagt sst. Es sind keine Einzelerscheinungen, wohl aber vielcrottS und zu jeder Zeit beobachtete Tatsachen, haß der Allgäuer Liberale streng den kirchlichen Ge­boten nachkommt, an Prozessionen und Wallfahrten sich beteiligt, KirchenverwaltungsMitglied ist, Mesner- vienste versieht usw., daß der Allgäuer Liberale seine Töchter mit Vorliebe bi die von geistlichen Lehrerin­nen geleiteten Schulen und Pensionate schickt (nach Müller-Meiningen bekanntlich Werkstätten des Ultra- pwntauismus), daß der Allgäuer Liberale seine Söhne In katholische Studentenkorporationen schickt (nach liberaler Lesatt Brutstätten des Ultramontanismus), .haß der Allgäuer Liberale den Tag kaum erwarten kann, an welchem sein Sohn an die Stufen des Al- tares tritt; von anderen Beispielen ganz zu schwei­gen. Und hingewiesen auf das Rätselhafte seines Verhaltens gibt der Allgäuer zur Antwort: Wir find liberal, wollen aber von dem Liberalismus, wie tzr sich in einer gewissen Presse und im Munde ge­wisser Agitatoren ausnimmt, nichts wissen, der geht uns nichts an. Wir wollen liberal, d. h. frei fein von jeder „Bevormundung" besonders durch den Pfarrer in politischen Dingen, da unsere eigenen Wege gchen und find zudem liberal, weil eben der Vater und Großvater auch liberal waren.

Eine weitere Eigenschaft des Allgäuers ist sein verschlossener, aber in sich gefestigter Charakter und seine Abneigung gegen das Fremde, da­her auch seine Abneigung gegen alles Gebundensein. Wer da glaubt, der Allgäuer lasse sich durch Organi­sation und Agitation einfangen, dec täuscht sich ge­waltig und mancher Agitator im Dienste des katho­lischen Volksvereins wird davon ein Liedlein fingen können. Wir kennen Fälle, in welchen die Liberalen Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt haben, um Stimmen zu fangen. Resultat: Abnahme der Stim- pienzahl von Wahl zu Wahl. Der Allgäuer ist bei den Wahlen unberechenbar und einer der besten Kenner des Allgäues charakterisierte seine Landsleute ebenso treffend als witzig mit den Worten: „Bei einem Allgäuer wird es unser Herrgott am jüngsten Tag noch schwer haben, herauszubringen, welche Gesin­nung er hat."

Einen anderen Umstand, der für den Ausfall der Wahl von Bedeutung gewesen sein soll, steht man in

Deutsches Reich.

** Ein unberechtigter Tadel des Reichstags- Präsidenten. Die Generalversammlung des Rationalliberalen Vereins in München hat gestern nach Blältermeldungen folgende Entschließung gefaßt:

„Die Generalversammlung mißbilligt die unpalrto« tische Art, wie der Präsident des Reichstages, Graf von Schwerin-Löwitz, den 40. Geburtstag des Deut­schen Reichstages, der Vertrelung des geeinigten deut­schen Volke?, nur so flüchtig hin erwähnt hat. Sie bedauert tnsbesondere lebhaft, daß erst Kundgebungen ausländischer Poltsverlrelungen ihn zur Erfüllung seiner patriotischen Pflicht veranlasten mußien."

Dieser Tadel ist, wie die ,Deutsche Tages, zeitung^ zutreffend bemerkt, durchaus unberechtigt. Es bedenket fine starke Unverfrorenheit, das 33er« hatten des Präsidenten als „unpotriotisch" zu bezeichnen. Gras Schwerin hat zu Beginn der betreffenden Sitzung den Gcdenltag kurz erwähnt. Auf meliere Erörterungen hat er deshalb ver­zichtet, weil feine Vorgänger an früheren ähn­lichen Gedenkkagen sich ebenso verhaften hatten. Bekanntlich ist in parlamentarischen Angelegen­heiten im allgemeinen der Brauch bestimmend. Da der Präsident aber merkte, daß sein Ver­fahren mißverstanden wurde, ist er dann am Schluffe der Sitzung auf die Angelegenheit in durchaus würdiger Weise zurückgekommen. Der Münchener Nationalliberake Verein hätte sich seinen vorwitzigen Tadel füglich sparen können.

den Zuwendungen aus öffentlichen Mitteln, die daS Gesetz vorsieht, mit 13,16 oder gar 20 Millionen Fran­ken jährlich beteiligt sein werden, und behauptet dann kühn: also soviele Millionen für die Klöster! Die das sagen, gehen von der Unterstellung aus, die freien (katholischen) Schulen seien samt und sonders oder zumeist im Besitze von Orden. Diese Unterstellung ist aber falsch. Abgesehen von den Schulen mit vnend geltlichem Unterricht, die in zahlreichen armen Gemein den Ordensgemeinschaften errichtet haben, und abge­sehen von den städtischen Gemeindeschulen komme» 11 634 Lehrer und Lehrerinnen für die fraglichen Ge­haltserhöhungen in Betracht, lairter Personen, die h weniger bedeutenden Gemeinden angestellt sind. Ei handckt sich hier ausschließlich um amtliche und staat­lich geprüfte Lehrpersonen. Unter diesen von der Gemeinden angestellten 11634 Lehrpersonen gib! es 432 Schulbrüder und ganze 10 Schulschwestern! Aber der Staat gewähtt den Klöstern Millionen auü den Schulgutscheinen I wenden die Gegner ein. Zu­nächst nochmals: es gibt eine Unmasse freier Schulen, die keine Klosterschulen sind, so daß die Schulgut­scheine der Zöglinge dieser Schulen nicht den Klö- ftem zufließen, sondern der Schulgemeinde. Sodann aber gibt der Staat es vollständig aus seiner Hand, darüber zu bestimmen, wer die Beträge der Schulgutscheine erhallen soll; das bestimmt nach eige­nem, freiem Ermessen der einzelne Familienva­ter, der den Gutschein derjenigen Schule zuwendet, der er sein Kind anvettrauen will. Das ist eben ba8 Abc der Unterrichisfreiheif, daß der Vater in der Wahl der Schule unbehindert ist, ein Grundsatz, von dem in Belgien bishiercm niemand hätte lassen mögen. Aber da haben die Gegner ein Argument gefunden, das, so abgenutzt es sein mag, immer seinen Eindruck auf die denkfaule Menge macht, und deutsche Blätter plappern es gedankenlos nach: Die Freihett der Wahl hält bet den Katholcken nicht Stand gegenüber den Einflüssen, die die Geistlichkeit im Beicht­stuhl und auf der Kanzel zum Nutzen der freien Schulen und gegen die amllichen „neutralen" Schu­len gellend machen wird. Das ist, wie gesagt, eine Spekulation auf die Denkfaulheit der Leser und Zu­hörer. Der Familienvater aber, der zu Beicht und Predigt zu gehen gewohnt ist, bedarf keiner Beein­flussung mehr bei der Wahl zwischen katholischer und religionsloser Schule; seine Wahl steht zum voraus fest. Wenn einmal da? Kapitel von der gewaltsamen Beeinflussung der Eltern angeschnitten werden soll, bann haben gerade die liberalen und be­sonders die unsstürzlerischen Stadtverwaltungen allen Anlaß, ihre Stimmen zu dampfen. Was diese auf dem Gebiete der Schulpolitik durch Vergewaltigung der Gewissen mittels der Armenverwaltung seit Jahr­zehnten gesündigt haben, spottet aller Beschreibung. Unterstützungen an arme Familien werden ein für allemale an die Bedingung geknüpft, daß die Kinder dieser Familien eine „neuttale" Schule besuchen; Schulsuppen und Kleidungsstücke find, obwohl aus dem Stadtsäckel bestritten, nur den Zöglingen der „neutro« len" Schulen gewahrt.

Aus dem Nachbargebiete.

* Offenbach, 31. März 1911. Das Mini­sterium hat ba8 vom städtischen Bauinspektor Weil entworfene Theater-Projekt, das den Umbau des alten im Stadtgarten liegenden Theaters bezweckt, genehmigt. Der Plan des neuen Theaters mit 500 Sitzplätzen, für den 200,000 Jb erfor­derlich sind, wird demnächst der Stadiverordne- ken-Versammkung zur Beratung vorgelegt werden. — Vor den Augen seiner Mutter er­schossen hat sich der 28 Jahre alte verheiratete Kaufmann Wilhelm Pfeil, Vater von 3 Kindern. Er war in der chemifchen Fabrik von Gebhardi befchästigi und es wurden ihm verschiedene Un- regelmäßigkeit.n nachgewiesen. — Die gestrige Stadtverordneten - Versammlung beschäftigte sich mit der Frage des drohenden Milchkrieges und beschloß, hierzu in den Tageszeitungen einen Aufruf zu erlassen, worin namentlich die Haus­frauen zur möglichsten Einschränkung des Milch- Konsums aufgefordert werden sollen. Im Falle einer Milchnot soll der Bedarf tunlichst durch kondensierte Milch ersetzt werden.

ver Erbe von Eberstein.

17] Roman von Edmund Nowak.

Der Generalgouverneur übergab dann unter dem Jubel der Anwefmden unserm ob dieses unerwarteten Geschenks bestürzten Freunde eine kostbare Brieftasche mit den Banknoten. Ein kaum hörbares „Danke" kam über seine Lippen, so hatte ihn dies mierwariete Geld- geschenk freudig verwirrt.

Wie glücklich war Marren, als allgemein aufge­brochen wurde. Aks er sich von den beiden hohen Herren verabschieden wollte, nahm ihn der Gouver­neur zur Sette und sagte ihm mit schalkhaftem Lä­cheln: „Mein lieber Adjutant, wollen Sie sich mor­gen vormittag 9 Uhr bei mir melden!"

Der Rittmesster wollte seinen Dank sagen, aber schon hatte stch bet Gouverneur zurückgezogen. Bon Lord Ferguson gnädig entlassen, verabschiedete er sich schnell von den Damen und den übrigen Offizieren und verließ mit Mortimer das Gouvernemmtsgebäude.

Edwin befand sich in der rosigsten Stimmung. So hatten sich zwei edle Menschen zusammengefunden, deren Freundschaft bis jetzt durch nichts getrübt wurde. Und wenn es überhaupt möglich war, dieses Freund- schaftsband enger zu knüpfen, so sollte sich bei der n°ctm!en T'Serjagd bie beste Gelegenheit dazu bieten.

Man brach auf. Rur langsam ging es vorwärts, wegen 11 Uhr vormittags hatte man die Dschungeln SSt' S’0, .bie Menschenräuber ihre Schlupfwinkel P r en"ro Verteilte sich die Jagdgesellschaft in cin- Kelne Gruppen, nachdem man den Rendez-vous-Plotz bestimmt hatte, wo mehrere Diener mit den Speisevor­räten zurückgeblieben waren. Zu feinem Leidwesen konnte Marren bei Mortimer nicht bleiben, da ihn der Gouverneur in seiner Rahe wünschte.

Nach etw^einstündiaem mühsamen Vordringen stellten die inkMen Treiber ein prächtiges Exemplar von einem Königstiger. Der Gouverneur und War- ren sprangen sofort von ihren Pferden und näherten sich schußbereit diesem furchtbaren Tiere. Als der Tiger seine Feinde erblickte, stieß er ein schauriges

Wutgebrüll aus und machte sich zum Sprunge bereit. Doch ein sicherer Schuß aus der Büchse des Gouver­neurs streckte das Riesentier tot zu Boden. Es war ein Kcrnschuß, wie ihn Warren nur selten gesehen. Mitten zwischen beide Augen war die Kugel ins Ge­hirn gedrungen. Die Diener erhoben ein Triumph- gcschrei und tanzten wie brfeflm um den toten Tiger herum. Da krachten in einiger Entfernung zwei Schüsse gedankenschnell hintereinander, dem ein furcht­bares Gebrüll eines Tigers folgte. Rur einen Augen­blick horchte Warren hin, bann lief er dem Gouverneur zu: Exzellenz, ba ist ein Menschenleben in Gefahr" imd sprang in der Richtung der Schüsse davon. Seine mächtige Gesialt bahnte sich mit Gewalt den Weg durch das Dickicht, und in wenigen Minuten gelangte er auf eine kleine Lichtfülle, wo sich ihm ein furcht­barer Anblick bot. Lord Mortimer stand da, mit einem langen Dolchmeffer in bet Hand, während sich in einiger Entfernung ein aus zwei Wunden Bluten bet Tiger zum Todessprunge duckte. Das wütende Tier schnellte empor, zugleich krachte em Schuss. Dann lautlose Stille. Kaum einen Schritt von Mortimer entfernt schlug dec Tiger zu Boden. Noä) einige Zuckungen, und der mächtige Körper lag tot ba.

Mortimer hatte sich nämlich in seinem Ungestüm von bet übrigen Jagdgesellschaft getrennt und wollte, nur von zwei indischen Dienern begleitet, auf eigene Faust fein Glück versuchen. Bald gelang es den In­diern, einen Tiger auszustöbern. Der plötzliche An­blick dieses schrecklichen Tieres mochte den Lord in einige Aufregung versetzt haben, so daß seine Hand die Sicherheit verlor. Wohl trafen beide Schüsse den Tiger, verletzten ihn aber nur schwer. Die beiden Diener, welche die Ersatzgewehre sowie die Munition bei sich hatten, ergriffen vor Schreck die Flucht, so daß der Lord nur mit dem Messet bewasfnet, dem schwer verletzten, rasmd gewordenen Tiere wehrlos gegen­über stand. Er sah den Tod vor seinen Augen. Nir­gends Hilfe. Da kam die Rettung. Und wer war sein Retter? Niemand anders als sein lieber Freund Warten. Zum gtoeiten Male also verdankte er ihm sein Leben. Mortimer eilte auf seinen Retter zu »nd

schloß ihn in die Arme. Sprechen konnte er nicht, aber die innige, herzliche Umarmung, sie sagte War­ten, wie es seinem Freunde ums Herz war. Der Gouverneur, der um seinen Adjutanten besorgt war, schickte ihm einige Diener nach, die den Tiger mittelst einer Stange nach dem Lager ihres Herrn schassten. Wie freute sich dieser, als Lord Mortimer ihm feine Errettung durch Watten erzählte. Von seinem Ad­jutanten konnte er auch nichts anderes erwarten. Die­ses Lob aus dem Munde seines Vorgesetzien freute Warten sehr, da er wußte, wie wohl ihm dieser ge­sinnt wat. Das Ergebnis der Jagd war großartig. Nicht weniger als zwölf Tiger wurden erlegt Und als bie Jagdgesellschaft in Delhi einzog und die mäch­tigen Tiere von Dienern an Stangen einher geschleppt warben, da wat bet Jubel bet Bevölkerung ein ge­waltiger. Alles freute sich, daß wieder zwölf Men­schentäuber weniger waren. Den Schluß der so glän­zend verlaufenen Jagd bildete ein kleines Bankett im Ossizlerskasuio, bei dem die Rettung Lotd Bothwells gehörig besprochen und Baron Warren von den Vor­gesetzten und Kameraden neidlos gelobt wurde.

Vierzehn Tage waren seit dieser Jagd vergangen. Edwin Warten hatte dienstlich beim Gouverneur zu hm, als dieser von seinem Schreibtische aus zu ihm sagte: „Mein liebet Watten, gestern ist vom Herrn Generalgouverneur Ihr Urlaub eingelausen. Sie sind für zwei Jahre beurlaubt und h'mten sofort Ihre längst ersehnte Reise nach Deutschland antreten. Sie werden mir ja in dieser Zett sehr fdjlen, doch — rei­sen Sie glücklich, und Gott mit Ihnen!"---

Warren war ganz starr. Was sollte das alles be­deuten? Was? Er hatte doch kein Urlaubsgesuch ein­gereicht! Er erhob sich von feinem Stuhle, um den Gouverneur um eine Aufklärung zu bitten. Doch die­ser hatte sich geräuschlos entfernt. Schnell erledigte der junge Offizier seine Arbeiten und begab sich dann nach seiner Wohnung.

* *

Auf der Veranda des Hotels de Rice in Nizza saß ein Herr, der eifrig die vor ibm liegenden Tages­

zeitungen durchsah. Auf seinem hübschen, jugeud- ftischen, von einem dunklen Vollbart umrahmten Ant­litz spiegelte sich eine lebhafte Neugierde wieder. Ent­täuscht warf er die Zeitungen auf das Journaltisch- chen. Plötzlich zog er feine Taschenuhr. „Was, schon 1410 Uhr! Wo mag denn nur Mortimer bleiben? Ich muß doch gleich sehen, ob er schon zurückgekehrt ist." Gerade wollte er sich erheben und die Veranda verlas« sen, als von der Straße her sein Name gerufen wurde.

„Gott zum Gruß, Warren!" fcholl es von unten herauf. Wenige Augenblicke, und vor ihm stand der Langersehnte.

„Wo kommst denn Du her, Mortimer? Ich glaubte Dich noch im Bett, desto erstaunter bin ich, Dich schon auf der Straße zu fehen."

„Aber Warren, Wie kannst Du denn von mir so schlecht denken?" erwiderte der Angekommene. „Wenn Du mich für einen Langschläfer halst, tust Du mir großes Unrecht. Wenn Du nur wüßtest, wo ich schon heute überall war, und was ich alles erlebt habe."

„Mein lieber Mortimer, Du mußt mir nicht böse fein", versetzte Warren. „Ich habe doch nur gescherzt. Doch nimm Platz. Ich habe mit dem Frühstück aus Dich gewartet. Du bist doch hoffentlich noch davor?"

„Und ob", lachte $lodimer. „Ich habe sogar einen Löwenhunger mitgebracht."

Tcr Kellner brachte bald das Frühstück, dem beide recht wacker zusprachen. Nachher begaben sie sich ins Rauchzimmer, in dem sich zur Zeit noch kein Gast be­fand. Sie nahmen in einer Nische Platz und zündeten sich eine Havanna an.

„Sag mal, Warren", begann Mortimer, „bist Du denn wirklich nicht neugierig, wo ich so zettig war?"

„Mer hör mal, lieber Freund! Da soll man nicht neugierig fein, wenn mit mein Stuberikellner sagte. Du seiest schon um 5 Uhr früh weggegangen, das ist doch, ich will nicht sagen, ein Wunder, so doch etwas ganz Außergewöhnliches, wenn Du Dich so zeitig den Federn entrückst. Jetzt aber spanne mich nicht länger auf bie Folter unb erzähle!"

(Fortsetzung folgt.)