trschtbü ttglich ndt Mrnahmr be« $04«= «iidLriertage.virrltl- ;shrlich«rv«rug;preis ^hne vringerlohn und MeBgelb in Suita fo« «ie amwSrtr 1.50 Mk.
Detanto. Bedaftemr
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3 parjettet i» Fulda.
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Wochenbeilage: „illustrierte Lonntagrzettung" Monatrbeilage: „Zuldaer Gefchichttblatter"
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Pfg^ bti wieder- yo!ungen wird enijpr. Babaft gewährt.
Botationrdruckuird veckog der Fuldaer Ak- lieudruckrrei in Fulda Serniprechrr Br. 9.
38. Jahrqan^.
Fulda, Montag den 3. April 1911.
Erstes Blatt.
76.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 1. April 1911.
Die zweite Etatslesung wird fortgesührt beim Etat der Zölle und der Steuern.
t, Es liegt eine Zentrumsresolution vor, auf frschwerung der Einfuhr schwedischer Pf lastereine durch einen angemessenen Einfuhrzoll, sowie em konservativer Antrag auf Ausdehnung der T al o n« steuer.
Abg. Speck (Ztr.) befürwortet die Pflastersteinresolutionen. _
. Abg. Dr. Brunstermann (Resormp.): Schweden muß »inen viel zu großen Wert auf seine Ausfuhr nach Deutschland legen, als daß es nicht den deutschen Wünschen, wenn sie mit Nachdruck vertreten werden, stach geben würde.
. ' Abg. Scheidemann (Soz.) lehnt die Resolutionen ab. Die Steinarbeiter wünschen leinen Zoll. Der Stein- brdustrie geht es glänzend.
Abg. Kämpf (Voltsp.): Wenn es richtig ist, daß vierzig Millionen Ueberschuß da sind, dann soll man die schlimmsten Auswüchse der Finanzreform beseitigen, die Zündholzsteuer und den Schecküempel. Der Redner «ächtet Fragen an den Staatssekretär über die Veranlagung der Zuwachssteuer, den Oktroy in Elsaß- kothringen usw.
Staatssekretär Wermuth: Ich bitte dringend, alle Vermutungen über den Abschluß unserer Rechnungen für 1910 einstweilen zu unterlassen und lieber den endgültigen Abschluß abzuwarten. Der Staatssekretär be- Antwortet die Anfragen über die Zollabfertigung und Erklärt, daß auf den Handel möglichst Rücksicht gc- gommen werde. Die Oktroy-Frage ist Landessache und flNterliegt zurzeit richterlicher Entscheidung.
Abg. Dr. Burchhardt twirlsch. Vgg.) spricht über den Pflastersteinzoll und erklärt, daß ohne diesen die Wirtschaftliche Vereinigung den Handelsvertrag mit Schiveden ablehnen wird.
Die Abgg. Graefe (Refp.) und Wallenborn (Ztr.) i'prechen für die Steuerresolutivnen, desgleichen Abg. Soge! (ntl.)
Abg. Graf Kanitz lkons.) spricht gleichfalls für den Pfl istersteinzoll. Die schwedischen Delegierten sind seit einigen Monaten in Berlin, ohne daß die Verhandlungen vom Fleck kommen; da ist es von Wert, daß über die Auffassung des Reichstages kein Zweifel befiehl.
Die Abgg. Lehmann (Soziald.) und Stolle (Soz.) führen Beschwerde über eine Anwendung der Bestim- mnngen des Branntweinstenergesehes zu ungunfien der kleinen Brenner.
Abg. Varenhorst (Rp.) tritt für die Vereinheitlichung der Zollverwaltung in den Bundesstaaten ein und fragt, ob eine Novelle zum Zündwarensteuergesetz beabsichtigt sei.
Abg. Marx (Ztr.) nimmt gleichfalls die Interessen der Pflastersteinindustrie wahr und fordert erweiterten Zollichutz für die Nitritindustrie. '
Abg. Siebenbürger (konf.): Fürchten Sie nicht, daß auch ich mit Sleinschmerzen komme. (Heiterkeit? Der Redner spricht über Zoll hinter Ziehungen bei der Einfuhr stark mehlhalliger Stiele.
Die Pflastersteinresoluliou wird angenommen.
Abg. Graf Westarp (Ions.) begründet die Resolution betreffend die Talonsteuer von auswärtigen Wert- vapieren. Die Steuer werde fünf neue Millionen prt'gen, die dem Slaatsselretär ganz dienlich seien. Die bisherige Bevorzugung der ausländischen Papiere Muß beseitigt werden. "
Staatssekretär Wermuth erklärt, daß nach seiner Ansicht eine Aenderung der Aussührungsbestimmuugen des Talongesetzes nicht gut am Platze sei.
Abg. Kämpf (Vp.) spricht gegen die Resolution; sie würde die deutschen Papiere ins Ausland treiben.
Abg. Dr. Heckscher (Vp.): Mil den Buchinachereien wird es erst dann besser weiden, wenn der Staal aus den Totalisator verzichtet. Die schmachvolle Art des Wettens ist schon zu einer Volksgefahr geworden. Wie menschenentwürdigend war das Sechstagerennen! Der Sport ist verpöbelr. Um diese ekelhaften Nebenerscheinungen des Sports sollte sich Herr v. J'gow mehr kümmern als um die Freie Volksbühne.
Die Resolution Westarp wird gegen die Linke an» genommen.
* Als Ertrag der Zuwachssteuer sind 13 Millionen Mark eingesetzt.
Abg. Dr. Reumann-Hoser (Vp.) hält diese Schätzung für viel zu niedrig.
Staatssekretär Werinuth: Heule tritt die Zuwachssteuer in Kraft. Die Schätzung für das erste Fahr beruht aus Mutmaßungen. Ob es gerade 13 Milllonen sein werden, >veib ich wirtlich nicht, aber zu gering wird die Schätzung nicht aussallen.
Es folgt be: Etat für das Rerchsfchatznmt. — hierzu liegen drei Resolutionen vor über die Zulassung ausländischer Wertpapiere. Eine Resolution Gras Kanitz verlangt die Vorlage einer Börsennovelle zur Errichtung einer für alle deutschen Börsen zuständigen Zentralzulassungsstelle. Eine Resolution des Zentrums wünscht den Reichskanzler oder das stieichsschatzamt als Berufungsinstanz gegen die Entscheidungen der Zulassungsslelle bei den Börsen. Eine Resolution der Nationalliberalen fordert weitere Mittel, um die Unterstützung der durch das Tabaksteuergesetz arbeitslos gewordenen oder durch Einschränkung der Betriebe geschädigten Hausgewerbetreibenden und Arbeiter des Taba'gewerbes bis zum 15. August 1911 sortsühren zu können, und zwar durch Nachlragsetat. — Die Sozialdemokraten beantragen, hierfür in den Haupletal eine Million einzu- steven und daneben weitere 40001’0 Mark für Beihilfe.i an Arbeiter, die infolge des Zündwarenfleuer- gesetzes arbeitslos geworden sind.
Abg. Erzberger (Ztr.l: Die Frage der Reform der Zulasfnngsstellen bei Börien ist wichtig, als daß diese kurzerhand erledigt werden könnte. Ich schlage vor, die daraus bezüglichen drei Resolutionen an einem der ersten Tage nach der Osterpause gesondert zu behandeln.
m ...dieser Antrag wird angenommen, nachdem der Praiident sich dafür ausgesprochen hatte.
Abg. Erzberger (Ztr.): Wie kommt es, daß das Reich formet teurer baut, als andere Unternehmungens Lian munle diese Frage einmal gründlich prüfen, und ich g aude, dap dabei viele Millionen gespart werden könnten. Für den Antrag der Sozialdemokraten über die Tabakarberler fehlt zede Begründung. Er hat nur agitatorischen Zweck, be wegen lehnen wir ihn ab Dagegen stimmen wir der nationalliberalen Resolution ich. Ter Zün b hol zinbustri e kann man burch die ozialdemokratische Resolution nicht helfen. Das einzige Hilfsmittel wäre eine Novelle zum Zündsteuer- gejetz, durch die eine Kontingentierung festgesetzt wird. Co würde den Arbeitern Arbeit geschaffen, die ihnen vorteilhafter ist, als eine Entschädigung.
Staatssekretär Wermuth: Um den Zündwaren- mbcitern- zu Helsen, muß der Hebel bei der Industrie an gefetzt werden. Es sind wohl Arbeiter entlasten
worden, aber sie haben andere lohnende Beschäftigung gesunden. Der Industrie können wir helfen, wenn wir die Einheitlichkeit fördern. Das heutige Kontingent hat keinen Sinn mehr, weil die Produktion stark heruntergegangen ist. Natürlich bars daö Kontingent nicht so herausgesetzt werden, daß sür die kleinen Fabriken die Produktion ganz unlohnend wird. Wir halten es für ganz unberechtigt, eine Million für die Tabakarbeiter als neue Entschädigung zu gewähren. Vier Millionen waren dafür vorgesehen. 375000 Mk. hat der Reichstag bewilligt. Ich selbst habe noch zwei Millionen aus dem Dispositionsfonds für die Arbeiter der Tabakindustrie verwendet. Mehr auszulegen, wäre ungerecht. Wir haben Vertreter der Tabakinduftrie zugezogen, und sie waren mit der Art der Unterstützung einverstanden. Wir haben die Unterstützung auf alle Tabakarbeiter ausgedehnt und damit die Unzulänglich- keit und Härten des Gesetzes gemildert. In einzelnen Fällen, die mir mitgeteilt wurden, wollen wir, wenn nötig, helfen, aber einen neuen Aufzug würde ich für ganz verfehlt und undurchführbar halten. (Beifall rechts.)
Abg. Dr. Contze (ntl.) begründet die national- liberale Resolution: Hoffentlich wird sie von allen Parteien angenommen. Sie ist ein Bedürfnis, denn es herrscht wirklich Not bei den Tabakarbeitern. Wenn in einigen Gegenden wieder normale Verhältnisse herrschen, so ist die Rot in einem anderen Falle um so größer.
Abg. Geyer (Soz.) verwirft die Resolution als zu lau und empfiedt den Antrag seiner Partei. Die Arbeitslosigkeit greift wieder weller um sich. Uederall ist die Arbeitszeit eingeschränkt worden. Nehmen Sie in erster Linie unseren und in zweiter Linie den national- liberalen Antrag an.
Abg. Frhr. v. Richthofen (kons.) spricht sich gegen die Resolution aus.
Abg. Dr. Heckscher (Vp.) ist für die Resolution Bafsermann. Der Antrag der Sozialdemokraten ist uns sympalisch, aber er ist praktisch undurchführbar.
Abg. Schmidt-Altenburg (Rp.) erklärt sich sür die Resolution der N.rtionalliberalen; gewisse Notstände seien noch vorhanden.
Abg. Burchhardt (wirtsch. Vgg.) spricht sich ebenfalls für die nationaüiberale Resolution aus.
Die nationalliberale Resolution wird angenommen, die sozialdemokratische abgelehnt.
Der Rest des Etats des Neichsschatzamtes wird ohne weiteres erledigt.
Ohne Aussprache folgen dann auch der Etat der Reichsschuld, der Hauptetat und das Etatsgesetz.
Nach neunstündiger Sitzung war dann die zweite Lesung des Etats erledigt. (Lebh. Beifall.)
Montag: Kleine» e Vorlagen, dritte Lesung des Etats.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vorn 1. April 1911.
Der Gesetzentwurf betreffend die Polizeiverwaltung in den Regierungsbezirken Düsseldorf, Münster und Arnsberg wurde nach unerheblicher Debatte in dritter Lesung verabschiedet.
Es folgte die erste Beratung des Gesetzentivurss über den Erwerb von Fischereiberechtigunge« durch den Staat und das Aufgebot von Fischereiberechtigungen.
UnterftaatSfefretär v. Coels »an der BrÜgghen: Bei den großen bevorstehenden Wafferbauten ist eine Regelung derFischereiverhält nisse dringend notwendig. Das geltende Recht gibt nicht die nötige Unterlage, um das Eigentum an Fischereiberechtigungen sür den Staat sicherzustellen. Dieser Gesetzentwurf soll die Möglichkeit schaffen, die Flscherelberechtigungen als solche ohne Erwerb der Grundstücke als besondere Rechte auf den Staat zu übertrugen. Nachträglich angemeldete Fischereiberechtigungen sollen ausgeschlossen werden.
Die Vorlage geht nach kurzer Debatte, an eine Kommission Dasselbe geschieht mit dem Entwurf einer Wegeordnung in Ostpreußen.
Das Gesetz über die Eisenbahuunternehmnngeu vom Jahre 1838 wird darauf in erster Lesung beraten.
Minister v. Breitenbach erläutert die Vorlage. Diese soll die Rechisverhältnisse zwischen der Eisen- bai)nverwaltung und den Anliegern regeln. Bisher sei nicht genügend Gelegenheit zur Geltendmachung öffentlicher und privater Interessen gegeben, da der Minister bei Differenzen als oberste Instanz entscheide. Jetzt soll nun der Bezirksausschuß bei solchen Differenzen gutachtlich gehört werden.
Abg. Dr. Buffe (kons.) stimmt der Vorlage im Prinzip zu.
Abg. Flcußter (ZeiUr.) hat Bedenken, daß der Bezirksausschuß sich nur gutachtlich äußern solle.
Abg. Schwabach (natl.) hat Bedenken gegen die Zuziehung der Bezirksaus;chüffe. Immerhin sei der Entwurf eine brauchbare Grundlage.
Abg. Büchtemann (Volksp.) verlangt eine Einschränkung der Omnipotenz des Eisenbahnministers.
Die Vorlage geht an eine Kommission.
Montag: Rest der heutigen Tagesordnung, kleine Vorlagen und '-Petitionen.
X Zu dem „Nachgefecht über die Reichsfinanzreform"
hat der Reichskanzler zu Beginn seiner letzten großen Rede eine kurze aber kräftige Bemerkung gemacht, die nicht überall die gebührende Beachtung gesunden hat. Das interessante Thema der internationalen Abrüstnugs- und Schiedsgertchtsverträge drückt diese Einleitung in den Scha len. Und west die fragliche Bemerkung den Liberalen nicht gefiel, wurde sie in einem großen Teil dcr Preffe unerwähnt gelassen.
Ter Reichskanzler meinte, bei dem Nachgefecht werde nicht sehr viel herauskommen. „Der eigentliche Kampf, so fuhr er wörtlich fort, „ist längst ausgesochten, gesunde Reichsfinanzen sind seine Folgen (Hört, hört! und BravoI rechts und in der Mitte), und diesem Faktum wird man sich auch im Volte auf die Dauer nicht entziehen können."
Gesunde Reichsfinanzen! Mit zwei einfachen Worten ist da die Frucht des viclberedeten Gesetzgebungswerkes gekennzeichnet, aber welch ein gewichtiger Inhalt steckt in diesen Worten! Nach der Gesundung der schwerkranken Reichsfinanzen hatte man Jahre lang geseufzt und gestrebt. 9hm wurde fie endlich erreicht durch eine opsermutige patriotische Großtat der sogen, blauschwarzen Mehrheit. Aber
diese« Nothelfern erging e8 ähnlich, rote so manchen Aerzten und Krankenpflegern in den Seuchenstätten von Halb- oder Ganzaflen: man beschimpft und mißhandelt die verdienten Heilkimstler, und das dumme Volk läßt sich von den unfähigen einheimi- scheu „Medizinmännern" einreden, jene Notheiser seien die Urheber der Seuche und die Mörder der Patienten.
Der Tatsache, daß die Reichsfinanzen wirklich gesundet seien, werde man sich auch im Volke auf die Dauer nicht entziehen können, meint der Reichskanzler. Gewiß, die Aufklärung schreitet fort, aber es geht sehr langsam. Fast zwei Jahre währt nun schon die Morgendämmerung, und die dunkeln Nebel fangen erst hier und da an, sich zu lichten. Herr Baffermann sagt, die Erregung im Volke sei nicht auf die liberale Agitation zurückzusühren, sondern aus die unsoziale Gestaltung der Finanz- resorm selbst. In Wirklichkeit aber sind die Masten aufgeregt worden durch die falsche Vorspiegelung, daß die unbequemen Verbrauchsabgaben nur deshalb eingeführt worden seien, weil die blau» schwarze Mehrheit im Interesse der Reichen die Erbschaftssteuer abgelehnt habe. Die Tatsache, daß auch d-e Liberalen die Einführung von 400 Millionen Mark indirekten Steuern geplant hatte und daß zum Ersatz sür die Erbschaftssteuer keine neuen Verbrauchsabgaben, sondern vielmehr andersartige Belastungen des Kapitals und des Besitzes (Talonsteuer, Wertzuwachssteuer ufro.) eingesührt worden sind, wurde einem großen Teile der Bevölkerung andauernd vorenthaften. Diese hartnäckige Irreführung der öffentlichen Meinung war nur möglich durch die gewaltige Verbreitung der liberalen und der sozialdemokratischen Presse. In weiten Kreisen liest man überhaupt kein konservatives oder ein Zenlrumsblatt. Und die Regierung, die eigentlich berufen gewesen wäre, der systematischen Entstellung des von ihr vollzogenen Gesetzes entgegenzutreten, ließ bekanntlich die Lügenflulen unbehindert über das Land lausen. Sie hätte von Anfang an ihre vielfachen offiziellen und offiziösen Mittel der Volksbelehrung benutzen sollen, um dem Volke klar zu machen, was jetzt der Reichskanzler endlich klar und kräftig aussprach: Gesunde Reichsfinanzen sind die Folge des Reformwerkes. Vor allem hätte die Regierung eindringlichst klarstellen müssen, daß die Verbrauchssteuern nicht die Folgen der Ablehnung der Erbschaftssteuer seien, sondern daß sie so wie so gekommen wären, auch bei Annahme der Erbschaftssteuer und Fortbestand der Büloro-Basfermann'schen Aera.
Trotz der Schwäche der berufenen Verteidiger und trotz der raffinierten Hetzerei der Gegner macht doch die Aufklärung und Ernüchterung in Sachen der Finanzreform allmählich Fortschritte. Darum ist es auch ganz gut, wenn die Neuwahlen sich noch etwas hinausschieben. Natürlich ist von den ge- werbsa äßigen Fälschern auch die Behauptung aufgestellt worden, die Regierung schiebe nur aus lauter Angst die Neuwahlen hinaus. Wer überhaupt noch gesunde Augen hat, kann freilich leicht erkennen, daß d.e sachlichen Gründe, die dringend wünschens- iverte Erledigung der schwebenden großen Vorlagen, entscheidend sind für die Ausdehnung der Tagung des gegenwärtigen Reichstages.
Allzuviel Hoffnung dürfen wir auf den zufällig sich ergebenden Zeitgewinn nicht setzen. Denn die Agitation in den liberalen Zeitungen und Versammlungen wird fortöauern. Die Redner im Reichstage, Äassermcmn an der Spitze, haben ja neuerdings wieder den Ton dazu angegeben. Angesichts dcr Tatsache, daß die Reichsfinanzen wirklich gesund gemacht worden sind, greifen sie zu der Ausrede, cs komme nicht darauf an, was dem Reiche bewilligt worden fei, sondern wie es aufgebracht werde. So ist's recht: wenn man einem Meirichen, der am Verhungern ist, Hilfe bringt, so kommt cs nicht auf den Nährstoff an, den man ihm reicht, sondern auf die Form der Schüffeln und der Mester und Gabetii.
Wer hetzen will, der findet in jedem Steuergesetz Anhaltspunkte zur Schürung der Unzufriedenheit. Demgegenüber kann man nur immer die entscheidende Wahrheit betonen: Gesunde Reichsfinanzen sind die Folge, und aus den gesunden Rcichsfinanzen ergibt sich die Hebung von Handel und Wandel, und die bringt zehn- u u d hundertfach die neuen Steuerlasten wieder auf.
Deutsches Reich.
** Berlin, 2. April 1911. Der Kaiser hörte am SamStag in Korfu Borftäge an. An Kaiser Franz Joseph sandle er ein Telegramm, morin er für die Begrüßung durch das österreichische Geschwader vor Brioni dankt. — Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht das Gesetz über die Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres vom 27. März 1911.
♦♦ Zur Rede des Reichskanzlers über die Abrüstungsfrage bemerkt die „Nordd. Allg. Zig.": Sowohl im Jnlande wie im Auslande hat die Preffe in ihrer überwiegenden Mehrheit die Grundgedanken der Rede des Reichskanzlers als zutreffend erfannt und gewürdigt. Nur eine Minderzahl erblickt in ihnen Tendenzen, welche der friedlichen Entwickelung des Bölkerlebens widerstrebten. Es verlohnt nicht der Mühe, ihnen im einzelnen entgegenzutreten. Sie werden bündig widerlegt durch die Politik, die Deutsch- land seit 40 Jahren führt und auch fernerhin führen wird.
s In der Budgetkommission des Reichstags machte am Samstag der Minister private Mitteilungen über Kalidüngungsversuche in den Kolonien; das Reich zahlt aus den Kaliabgaben für Neu-Guinea 10 000 Mark, für Samoa 20000 Mk., für das sehr kaliarme Togo 20 000, für Kamerun 35000 und für Oftafrika 110 000 Mk. Südwestafrika ist kalireich. Die Regierung Sofft, daß die
weißen Pflanzer in sehr umfangreichem Maße Kall verwenden werden.
a Die Handels- und Gewerbekommission des Abgeordnetenhauses überwies eine Eingabe der Regierung zur Berücksichtigung, wonach es den Beamten verboten sein soll, während der Dienststunden für bü Zwecke bet Beamten-Konsumvereine zu Wicken.
s @iuen neuen Seniornckonvent, bei dem aber blt Sozialbemokraten ausgeschlossen sein sollen, will man im preußischen Abgeordnetenhause auf Grund einer neuen Geschäftsordnung bilden. Danach sollen nur Fraktionen mit 15 Mitgliedern einen Vertreter im Seniorenkonvent habm. — Und wie wird's, wenn die Genoffen nächstens 15 Landtagsmandate haben werben? Dann wirb bie sozialbemokratische „Mücke" sich bem konservativen „Löwen" wieber in ben Pelz setzen.
♦ Herzog Georg von Sachsen-Meiningen beging gestern die Feier seines 8 5. Geburtstages. Wie die ,Nordd. Allg, Ztg/ schreibt, „nimmt man in Deutschland warmen Anteil an diesem Ehrentag des Seniors eines Fürstengeschlechts, besten Haus mit der kaiserlichen Familie durch Bande naher Verwandtschaft eng verbunden sei. Unter den deutschen Männern, die an der Erringung unserer Einheit mttgewirkt haben, nehme Herzog Georg einen ehrenvollen Platz ein."
c. Die Besserung im Befinden des erkrankten Freiherr« v. Hertliug hält erfreulicherweise an. Da? Fieber war am Samstag vollständig geschwunden, die Entzündung der Lunge ist weiter zurückgegangen. Die Herztätigkeit und die Nahrungsaufnahme sind andauernd befriedigend.
Reichstagswahlvorberritunge«.
• Eisenach, 31. März 1911. Die National» liberalen beabsichtigen sür den Wahlkreis Eisenach-Dermbach den Fabrikdirektor Bernhard Demmer aus Eisenach als Reichstagskandidaten aufzu- ftellen. Die Kandidatur wird von der Fortschrittlichen Volkspartei unterstützt.
4- Zm polnischen Wahlbewegung tm Westen wird mitgeteilt, baß es ben Veckrauensmännern unb Agitatoren be8 Bochumer „ViaruS Polski" gelungen sei, in ben letzten Tagen wieber zwei neue polnische Wahlvereine unb zwar in Borbek unb Mengede zu begründen, sodaß die Zahl der bis heute Im Rhein- und Ruhrgebiet tätigen nationalpolntschen Vereine gegen 120 betrage.
Ausland.
* Der erste österreichische Dreadnought zu zwanzigtausend Tonnen wird den Namen „Viribus unitis* erhalten unb am 24. Juni vom Stapel gelassen werden.
* Die deutsche Kunstausstellung in Rom. Sonntag nachmittag erfolgte in der Internationalen Kunstausstellung im Beisein des Königs von Italien die Einweihung der deutschen Abteilung. Die Eröffnungsansprache hielt Fürst Bülow.
* Die Eisenbahnsabotage hört nicht auf. Der Lokomotivführer des Zuges Amiens—Rouen entdeckte während der Fahck, daß mehrere Röhren des Maschi- nenkeffels durchgeschnitteu waren. Die Untersuchung ergab, daß ein Sabotageaft vorlag, der im Heizhause von Amiens verübt worben war. Unter ber Bevölkerung rufen bie sich häufenben Sabotageakte emste Beunruhigung hervor.
** Kabinettskrisis in Spanien. Die Ferrer- deballe in der spanischen Kammer hat über Nacht zu einer Kabinettskrise geführt. Die ungerechtfertigten Angriffe der Linken auf das Militärgericht und das Kabinett von 1909 halten unter den Konservativen und in noch höherem Grade unter den Offizieren eine bedrohliche Gärung hervorgerusen. Die laue Art, wie Canelejas und der Justizminifler die Anklagen gegen das Militärgericht und die Konservativen zurück- wiesen, erschien durchaus unzulänglich, und das Offizierskorps begann, eine drohende Haltung gegen die Regierung einzunehmen. Dem in die Enge getriebenen Ministerium blieb schließlich nichls mehr übrig als der Rücktritt. Die Mmisterkrisis, die ziemlich unerwartet ausbrach, ist die unausbleibliche Folge der unnatürlichen liberal-konservativen Koalition, auf die das Kabinett Canalrjas in letzter Zeit sich stützte. Dieser Block ist, wie so viele ähnliche vor ihm, an seiner Unmöglichkeit zugrundegegangen und hat dabei das Ministerium mit in die Tiefe ge< rissen.
** Die Unruhen in Albanien werden von Tag zu Tag bedenklicher. Ganz Nordalbanien befindet sich in vollem Auftuhr, der bereits auf Südalbanien üdcrgreift. Die aufständischen Malissoren haben sich mit ben Arnauten und anderen GebirgS- ftämmen verbunden. Tuzi, Kastrat» und andere Ortschaften wurden von den Ausständischen geplündert, die Einwohner niedergemacht und die Gerichtsgebäude zerstört. Die türkischen Truppen wurden überall geschlagen. Was sich nicht ergab, wurde massakriert. Die telegraphischen Vcrbin - billigen sind zum größten Teil gestört. Infolge des unaufhaltsamen Vordringens der Arnauten gegen Skutari lebt die Bevölkerung m größter Aufregung. Die Maiifforen haben sich verschiedener Re ierungsbepots bemächtigt unb bie dort lagernden Lebensmittel, Waffen unb Munition weggenonrmen. Die vorhandenen Truppen sind außerstande, der Bewegung Einhalt zu tun. Zweitausend Bafchi- bazuks sind aus Skutari abgegangen, um der Garnison von Tuzi gegen die Albaner Hilfe zu bringen. Sie sind aber unterwegs von den Albanern angegriffen worden. Tas von etwa 4000 Maiifforen blockierte Tuzi konnte trotzdem am Sonntag befreit werden.
* Resul, ber Mörder des Oberstleutnants v. Schlichting, wurde am Samstag morgen, ent-