M 75.
Samstag den 1. April 1411.
58. Jahrgang.
fuldaer
Leitung
4. Blatt.
druck und Verlag der fiulbcer Aetteiidrnckerel
iw $wl6s.
Deutsches Reich.
* Gegen Mißbräuche im Lotteriehandel. Der Gesetzentwurf betr. die Losgesellschaften, die Veräußerung von Jnhaberpapieren mit Prämien und den Handel mit Lotterielosen, der dem Landtage jetzt zugehen soll, bezweckt die Bekämpfung einer Reche von Mißständen auf dem Gebiete des Lotteriewesens, die in den letzten Jahren zu immer zahlreicheren Klagm Änlaß gegeben haben.
Durch den sogenannten Prämien- und Serienlosschwindel wird eine systematische Ausbeutung des Pub- lunms betrieben. Eine große Zahl gewissenloser Unternehmer pflegt an weite Kreise des Publikums Prospekte zu versenden, in denen zur Teilnahme an Gesellschaften aufgefordert wird, die die gemeinsame Anschaffung oder Ausnutzung von Prämien- und Serien- losen zum. Gegenstände haben. Programmäßig hat danach jeder Spieler zwar Anspruch auf einen seiner Beteiligung entsprechenden Teilbetrag an dem auf das Papier entfallenden Gewinn, aber in Wirklichkeit stehl die Gewinnauszahlung meist nur auf dem Papier, wett, wenn tatsächlich einmal ein Gewinn in die Gesellschaft fällt, die Unternehmer sich der Auszahlung mit allen Mitteln zu entziehen wissen. In den Prospekten werden der Kaufpreis der Papiere, die große Zahl der an der Prämienziehung beteiligten Lose und die lange Spielzeit Nicht mitgeteilt, sondern nur die Gewinne, die im Laufe der Jahre einmal auf das Prämienlos fallen können, und die monatlichen Beiträge, die im Verhältnis dazu auf den ersten Blick geringerscheinen, in marktschreierischer Weise hervorgehoben. Dem Publikum bleibt dadurch das Mißverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung »erborgen, und die zahlreichen Klagen über die erlittenen Verluste sowie die häufige Erörterung der Mißstände in der Presse beweisen, daß die Spieler mit verschwindenden Ausnahmen, statt des als sicher geschilderten Gewinns entweder nichts oder nur einen gering« Bst gen Teil ihrer Einzahlungen zurückerhallen. Künftig
l unter Strafe gestellt werden die Bildung und die rderuug der bezeichneten Gesellschaften, wenn sie Berbsmäßig zum Zweck der Ausbeutung der Spiel-
t geschieht. Auch Beröffentlichungen von Gewinnen Prämienlotterien ohne Angabe der Losezahl werden Unter Strafe gestellt.
* Die liberale Auffassung von Freiheit, wie sie sich hei der Jathoversamnllrmg in Berlin durch das N i e- derbrüllen eines positiv-gläubigen alten Herrn, des Oberstleutnants von Rohr-Spandau dokumentiert hat — nach dem Bericht der „23. Z." wurde auch eine Blechdose von der Galerie herab gegen den Red- ster geschleudert — beginnt allmählich auch der l i b e- ^alen Presse unangenehm zu werden. Das „B. Tagcbl." nimmt „mit Bedauern" von dieser Tatsache Kenntnis, sucht aber trotzdem nach Entschuldiguugs- ßmden für diese liberalen Ausschreitungen und Ver- ße gegen die Freiheit. Es meint nämlich, „daß »urch die kleinlichen Schikanen, womit man die freie Meinungsäußerung in Preußen auf jedem Gebiet ein« tilgt, eine gereizte Stimmung künstlich großgezogen Wird," und wiederholt diesm Gedanken dann wie
„Der unerquickliche Zwischenfall beweist am letzten Ende freilich nur, wie die ewige Bevormundung fm Polizeistaate Preußen verbitternd und verschärfend auf jede Art von öffentlicher Erörterung ein« wirkt. Trotzdem sollten liberale Männer sich die gute Sitte der Redefreiheit durch das schlechte Beispiel des Polizeistaates nicht verderben lassen."
Kläglicher, als wie hier geschehen, läßt sich eine Ausrede, die einen anderen Unbeteiligten zum Schuldigen machm will, nicht denken. Sind denn die Herren Liberalen, die sich in der Jathoversamm- lung so unanständig benommen haben, etwa gelehrige Schüler des „Polizeistaats", oder rühmen sie sich nicht vielmehr, Gegner desselben und ,chessere Menschen" zu sein? Da hatte doch der sozialdemokratische 2lbg. Hofsmann noch eine bessere Ausrede für feiste Vergehen gegen die deutsche Grammatik, wenn er sagte: „Was kann ich dafür, daß ich nicht richtig spreche, warum haben Sie mir in der Schule nicht besser gelernt?" O nein, der Liberalismus ist die verkörperte Intoleranz, und wo diese sich geltend zu machen sucht, wenn die Liberalen einmal die Mehrheit in einer Versammlung haben, da wird der Redner niedergebrüllt.
II. Stuttgart, 30. März 1911. Der Zwecken Kammer ging heute als letztes Stück der allgemeinen Ge- haltserhöhrmg der Beamten die schon früher angekündigte Vorlage über die Gehaltserhöhung der Geistlichen beider Konfessionen zu. Bei den evangelischen Pfarrern geht die unterste Grundgehaltsstufe von 2400 Mk. Anfangsgehalt bis 4700 Mk. End
gehalt, die mittlere Gehaltsstufe von 2600 bis 4900 Mk_, die oberste von 2800 bis 5100 Mk. Dazu kommt freie Amtswohnung. Das Endgehalt wird nach dem 27-Dimstjabr erreicht. Da» Pfründeneinkommen der katholischen Pfarrer geht von 2500 bis 3900 Mk. hinzu tritt freie Amtswohnung. Für 40 Pfarreien in Städten find Gehälter von 2700 bis 4300 Mk vorgesehen. Der gesamte Mehraufwand für Gchältser- Höhung der Geistlichen beträgt im Beharrungszustand
Aus Kirche und Schule.
* Settgsprechnngsptozeß. Der Generalpostu- lator des Franziskanerordm», P. Paolini, hat zum Zwecke der Eröfstmng de» Seligsprechung s- prozesse» bezw. der Marthriumserklärung des am 24. Februar 1908 zu Paterson (Nordamerika) durch einen Anarchisten am Altäre ermordeten P. L e o H e i n r i ch » 0. k. dl. die einleitenden Schritte getan. Die einzelnen in Betracht kommenden Punkte hierüber hat P. Paolini in einer eigenen Broschüre zusammengestellt. Der ermordete P. Leo Heinrichs war geboren am 15. August 1867 zu Oestrich bei Erkelenz (Erzdiözese Köln), nahm am 4. Dezember 1886 zu Paterson das Franziskanerordenskleid; sein Novizenmeister war der jetzige F ranzi»jan erorden8ge- neral P. Dlonysiu» Schuler. Zum Priester wurde P. Heinrich» am 29. Juli 1891 geweiht und war nach Bekleidung verschiedener Ordensämter, da P. Schuler im Jahre 1900 zum Generalvisitator der sämtlichen nordamerikanischen Franziskanerprovinzen ernannt worden war, dessen Sekretär. Seit 1904 bis zu seiner Ermordung war er als Pfarrer in Paterson leelsorgerlich tätig.
Aur -em Nachbargebiete.
? Engelhelm», 81. März 1911. Am nächsten Sonntag wird der hiesige kaholifche Arbeiterverein eine öffentliche Versammlung abhallen, in der ein auswärtiger Redner über „die Aufgaben des katholischen Arbeilers auf religiösem und wirlschastlichem ®ebiete/l sprechen wird. Alle Männer und Jünglinge find zu dieser Versammlung freundlichst eingeladen.
* Stockheim, 31. März 1911. Ein Bewohner von Ailenstadt wollte eine Katze einfangen und wurde hierbei in einen Unger der rechten Hand gebiffen. Die Wunde wurde nicht weiter beachtet und es stellte sich später Blutvergiftung ein, sodaß der Mann ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mußte.
* Frankfurt a. M., 31. März 1911. Zur Verhaftung des flüchtigen Sekundaners Leist fei noch mitgeteilt, daß von dem im Mannheimer Steueramt gestohlenen Gelde der größte Teil, nämlich 53 560 Mark, bei ihm vorgesunden wurde. Leist legte ein offenes Geständnis ab und gab an, er habe sich mit dem Selbe hier »etablieren" wollen, aus Furcht, Ostern nicht versetzt zu werden. Der jugendliche Einbrecher wurde noch am Mittwoch abend von telegraphisch hierher beorderten Mann- Heimer Kriminalisten nach Mannheim transportiert.
* Frankfurt a. M., 31. März 1911. Eine Unverschämtheit, die so leicht nicht übertroffen werden dürfte, ist die Klage eines Haus- burfchen beim hiesigen Gewerbegericht. Der Bäckerhausburfche Joh. Wagner hatte bei 'einem Meister zahlreiche Unterschlagungen begangen. Der Geschädigte wollte den unehrlichen Johann in Anbetracht seiner Jugend nicht gleich „brummen" lassen, sondern vereinbarte, baß er bei einem wöchentlichen Lohnabzug von 5 Mark bis zur Deckung der unterschlagenen Beträge roei'et arbeiten solle. Damit hatte der Meister den Bock zum Gärtner gemacht, denn der Bursche veruntreute mit jedem Tag mehr und bald wen die doppelte Summe der anfänglich unterschlage- neu Beträge erreicht. Nun üb.rgab man den unverbesserlichen Burschen dem Gericht, das ihn zu zwei Monaten Gefängnis verurteilte. Trotzdem eilte der Johann an das Gewerbegericht und klagte seinen Meister auf Zahlung von 10 Mark zucückbehaltener Kaution und weiteren 23 Mark rückständigen Arbeitslohn ein, mit der Be
hauptung, er habe mehr gezahlt als die Fehlbeträge seien, während der Meister das Gericht von dem Gegenteil überzeugte. Natürlich wurde der Kläger unter Auferlegung der Kosten abgewiesen.
• Kassel, 31. März 1911. In den Ruhestand getreten ist heute ein verdienter Beamter der Landeskreditkasse, der langjährige Sekretariatsvorstand Herr Obersekretär Heinrich Struth, welcher im 79. Lebensjahre steht und sich einer seltenen körperlicken Rüstigkeit und geistigen Frische erfreut. Fast volle 84 Jahre hat Herr Struth seinen Dienst getan, zuerst als kurheffi- scher Prodatur-Amvärter und Renterei-Berwalter, sodann nachher volle 46 Jahre als Probator und Sekretär der kurheflischen LadneSkreditkasse.
* Göttingen, 8t. März 1911. Die beiden Italiener, die wegen des Platindiebstahls im chemischen Institut der hiesigen Universität in Paris verhaftet und von den französischen Behörden nach hier ausgeliefert sind, leugneten bisher hartnäckig. Jetzt haben sich die sauberen Vögel durch einen Kassiber verraten. Sie führten ein gemeinsames Gebetbuch, das bald der eine, bald der andere in Gebrauch nahm, und entweder durch Einzeichnungen in dieses Buch oder durch einen hineingeschmuggelten Zettel riet der Aeltere dem Jüngeren, „er möge alles auf sich nehmen, da er als Chemiker doch drin liege, dann möge er sich aufhängen". Selbstverständlich gelangte alles zur Kenntnis der Gefängnisverwaltung, und nun mußten sich beide auf Vorhalt zu einem Geständnis bequemen.
* Wildungen, 29. März 1911. Der beim hiesigen Kreisamt beschäftigte Bureaubeamte Emil Hochapfel, hat vor der Oberrealschule zu Marburg fein Abiturientenexamen bestanden. Herr Hochapfel hat sich ohne Lehrer auf die Prüfung vorbereitet.
♦ Königstein i. T., 81. März 1911. Von einem schweren Verlust wurde ein hiesiger Spediteur betroffen. Zwei Pferde im Werte von 2400 Mark fraßen die Spitzen von einem Lebensbaume, der in seinen jungen Trieben giftig ist. Die Tiere fielen kurze Zeit darauf tot zu Boden.
* Hadamar, 31. März 1911. Kaufmann Ferdinand Gerlach hatte das seltene Glück, mit einem Schuß zwei Schnepfen zu erlegen.
* Wiesbaden, 31. März 1911. Wegen Unterschlagung im Amte stand der 62jährige Gemeinderechner aus Riedelbach bei Usingen vor dem Schwurgericht. Der Angeklagte hat während des vorigen Jahres 2500 Mark vereinnahmte Holz-, Obst- und sonstige Gelder unterschlagen. Das Gericht erkannte gegen ihn auf 7 Monate Gefängnis.
* Riidesheim, 31. März 1911. Der 14jährige Schüler Leonhard Ästosler zu Rüdesheim hat am 24. Januar den 8 jährigen Knaben Franz Rücker, welcher beim Schlittschuhlaufen im Hafen eingebrochen war, mit eigener Lebensgefahr vom Tode des Ertrin kens gerettet. Diese von Mut und Entschlossenheit zeugende Tat bringt der Wiesbadener Regierungspräsident zur öffentlichen Kenntnis.
Amt Geisa und Umgebung.
* Vacha, 31. März 1911. Ein hiesiger junger Eisenbahnbeamter, der kurz vor seiner Verheiratung steht, gewann dieser Tage in einer Wohlfahrtslotterie den Betrag von 800 Mark. Fortuna ist da einmal an die richtige Adresse gekommen. — Gestern abend ivurde aus der Werra die Leiche eines Mannes namens Schneider ans Philippsthal gelandet. Man nimmt an, daß Schneider, der vor mehreren Wochen einen Bekannten in Dorndorf besuchen wollte, dabei ben Weg verfehlt, in die Werra geraten und ertrunken ist. Verbrechen oder Selbstmord ist ausgeschlossen. •
* Oechsen, 31. März 1911. Am Basalt- werk „Schorn" wird demnächst eine gewaltige Zerkleinerungs-Maschine in Tätigkeit treten. Vorläufig werden die Steine mit einer Bremsbahn bis un den Fuß des Schorn - geschafft, dann mit Wagen an die Basaltmühle gebracht. In einigen Monaten werden die Steine mit der Drahtseilbahn auf das Schachtgel nde gefahren und fpäier mit der Eisenbahn weiter befördert. I
* Tiefenort, 31. März 1911. Heute Donnerstag weilte in unserem Ort Herr Schneider-Apolda, dem die Oberaufsicht im Wasserleitungsbau übertragen ist, begleitet von seinen Ingenieuren. In Völkershausen wurden die Quellen zwecks Fassung besichtigt. Die Anlage soll bis zum Herbst betriebsfähig gemacht wer- dm.
Aus Gberhesien u- den Hess. Aemlern.
△ Marburg, 31. März 1911. Das Landgericht verurteilte heute die Ehefrau des vielgenannten „Wunderdoktors" Dikomeit von Hartenrod wegen Beleidigung eineS Gerichtsbeamten zu 60 Mk. Geldstrafe. Die Frau hatte zur Zett, ais ihr Gatte in Untersuchungshaft kam, einen Brief an das Gericht geschrieben, in welchem sie einem Beamten den Borwurf machte, dieser habe die Akten zur Ausarbeitung eines ihren Galten betreffenden Zeitnngs- t riefe benutzt.
* Marburg, 31.März 1911. Dem Steuerinspektor ®iefeler wurde bei seinem heutigen Uebertrut in den Ruhestand der Kronenorden 3. Kl. verliehen. — Die Marburger Bank hat beschlossen, die Spareinlagen vom 1. April ab täglich zu verzinsen. — Regierungsassessor Löhr wurde zum Bezrrls- amtmann in Darrssalaam ernannt.
* Franken»»«, 31. März 1911. Im Interesse bet Volks« und Jugendpflege findet demnächst ein Kursus zur Fortbildung im Turnen und Turnunterricht sowie zur Ausbildung in der Leitung von Volks- und Jugendspielen statt. An denselben nehmen 50 Lehrer und Lehrerinnen des Kreises Frankenberg teil.
vermischtes.
* Keine Goldfunde an der Mosel. Die durch die Presse gehenden Meldungen über neue Goldfunde an der Mosel, wobei das Gold in fester Form angetroffen werde, und daß an einigen Stellen schon amtliche Mutungen angestellt werden, werden amtlicherseits al» purer Schwindel bezeichnet. Im Anschluß an den Namen Goldbachtal wurden in der bockigen Gegend von unkundigen Leuten vor einiger Zeit Nachforschungen nach Gold angestellt, aber ohne jeden Erfolg.
* Um seiner Geliebten, der er überdrüssig geworden war, ein Abschiedsgeschenk zu machen,^ beschloß ein junger Handlungsgehilfe in Breslau, ihr eine Nähmaschine zu kaufen. Da er aber dazu nicht genügend bares Geld hatte, erstand er in einem Ao-j zahlungsgeschäft eine schöne Nähmaschine, die et dem Mädchen in die Wohmmg bringen ließ. Als der junge Mann einmal in finanzielle Bedrängnis kam, rmterließ er die Vereinbacken Natenzahlungen. Darauf wurde ihm der Kassierer in die Wohmmg geschickt, dem der junge Mann wahrheitsgemäß erzählte, daß er die Nähmaschine seiner Braut zum Geschenk ge-, macht hätte. Damit hatte er gegen die Bestimmungen des von ihm unterschriebenen Kauf- und LeihvertrageS verstoßen und das Abzahlungsgeschäft zeigte ihn nun wegen Unterschlagung an. In der Verhandlung behauptete der Angeklagte, er habe der Verkäuferin de» Abzahlungsgeschäftes klar und deutlich gesagt, daß er die Maschine nicht für sich brauche, sondern damit ein Geschenk machen wolle. Die Veckäuferin dagegen bekundete, daß eine scstche Aeußerung nicht gefallen sei; sie erscheine auch ausgeschlossen, denn unter diesm Verhältnissen hätte sie die Maschine gar nicht verkaufen dürfen. Der Vertreter der Anklage hielt den Angeklagten für überführt, der Gerichtshof schmkte aber dem bisher völlig unbescholtenen jungen Manne Glauben und sprach ihn frei.
Reklame», und Anzeigeuteil.
Pfeil drei ec k-S eifen
Terkanftetellea^^ durch dieses Plakat
Fabrikant t lügest Jacobi,
3ar instadt.
kenntlich.
Der Erbe von Eberstein.
16] Roman von Edmund Nowak.
Ta erhob sich auf einmal vor seinem Geffte ein ihm bekanntes Frauenbild. Er vernahm eine leise Stimme: „Edwin, geh zum Großvater — ich sterbe." „Mutter," schrie Warren auf. Er besann sich, wo er sich besand. „Ach Gott," sprach er leise zu sich, „schon so viele Jahre bin ich von Cuenca weg und habe nicht ben Willen meiner teuren Eltern erfüllt. O Mutter, habe Geduld, nur noch kurze Zeit, und fort geht cS, heimwärts nach dem geliebten Vaterland. Dabei rollten ihm schwere Träum über das edle Antlitz herab. Er saß da und überlegte, wie sich nunmehr feine Zukunft gestaltm würde.
Da plötzlich klopfte es. Auf sein „Herein" trat eine Ordonnanz ins Zimmer und übergab ihm ein amtliches Schreiben. Warrm erbrach das Kouvert unb las. Er traute seinen Augen nicht. Noch einmal las er bas Schreibm, ba» folgenden Inhalt hatte:
Mein lieber Warrm!
Ich labe Sie hiermit für heute zu einem klck- nm Imbiß nach bem Palais beS Herrn Gouver- nmrS. Beginn 7 Uhr. Anzug: Parade-Uniform.
ES verbleibt
Ihr wohlgmckgter Ferguson, General-Gouverneur.
„Ja, es stimmt, eS ist vom Gmeral-Gouvemeur. Welche Ehre für mich armen Menfchm. Doch War- »en, du bleibst, wie du bist. Doch, wie spät haben wir benn schon? — 3 Uhr? Da hätte-ich ja noch immer 2% Stunden Zeit. Diese will ich zu einem Seinen Spaziergang ausnutzen. Omar! — Du könntest mk Einmal meine Sonntagsstiefel etwas abputzm, ich will flnen Seinen Spaziergang machm."
„Ja, Herr, sofort."---
Warren wollte gerade nach bem Schrank geben, als es wieber klopfte, unb diesmal ziemlich heftig. „Bitte!" rief er. Da öffnete sich die Tür, und herein
stürmte Lord Bothwell. Ohne etwas zu fugen, umarmte er Warrm unb küßte ihn herzlich. Enblich ließ Mortimer bm Rittmeister los unb rief ein über das andere Mal:
„Sie, Guter, Bester, Sie, mein Lebensretter. O, warum habe ich das nicht eher gewußt. Wie wäre ich da mtt WindeSelle zu Ihnen gerannt, um meinem Retter zu dankm!"
„Aber, Mylord, wa» machm Sie von dieser selbst- verständlichm Sache so viel Aufhebens! Glauben Sie mir, jeder andere Soldat hätte an meiner Stelle ebenso gehandelt. Doch, bitte, Platz zu nehmm, mein Lord."
Warrm führte seinm Gast zum Sofa, währmb er selbst im Sessel Platz nahm.
„Wo wäre ich hmte, mein lieber Baron, wmn Sie nicht gewefm warm! Wie unglücklich, wie tief verzweiselt wärm meine liebe Ettern gewesen! Erst heute erfuhr ich aus dem Munde des General-Gouver- neur», in welcher Todesgefahr ich schwebte. Vor einer halbm Stunde gab et mir einen Brief meine» Vater», worin mich dieser auffordert," sofort heimzu- kommm und — Sir mitzubckngm. O, Mister Warrm, ich bitte Eie, kommen Sie mit. Wie werden sich meine Eltem freuen, ben Retter ihrer Sohne» begrüben zu können."
Baron Warrm schüttelte tiemeinenb sein Haupt. „Was Sie verlangm, mein Lord, kann ich nicht tun, England hat mir heute dick Gutes erwiesm. 6» wäre ein schnöder Undank von mk, wollte ich jetzt gehm. Ja, nur der liebe Gott weiß e», wie große Sehnsucht mich nach Deutschland »icht. Und doch muß und werde Ich hier authärrm, bi» mir die gütige Vorsehung erlaubt, 6tn bannen yt ziehen."
»Mein lieber Warrm", entgegnete Mortimer, „ich sage auch nicht, daß e» aleich sein muß. Ich will auch erst ha September adteisen. In diesem Monat will nämlich der Gouvrruarr eine Tigetjagd veranstalten, und die möchte Ich noch gern mitmachen, und bis dahin tt t» ta reichlich da halbe» Jahr. Vor allem aber bitte ich Eie herzllch, wollm Eie mk ftet» M MHY« »«ach fein! Mcht, daß Ich
Sie erst jetzt achte und Hochschätze! Nein! Schon damals, als Sie der einfache Unteroffizier waren, bewunderte ich ihr ganzes Wesen. Ich sagte mir schon damals, baß ich Sie zum Freunde haben, für jeden ein Genuß fein müßte. Und jetzt freilich kommt noch zu dieser Achtung und Wertschätzung die Liebe, die reine wahre Freundesliebe, die in allen Phasm des Lebens sich gleich bleibt und sich nie verleugnet. Herr Rittmeister, wollen Sie meine innige Liebe und Freundschaft erwidern?"
„Mylord", versetzte ruhig Warren, „Sie vertan- gen viel von mir. Wie farm und darf ich mich Ihren Frmnb nennen, ich, der einfache bürgerliche Soldat, dm erst der Königin Gnade in den Abelstanb er- hobm? So weit versteigen kann unb bars sich meine Person nicht."
Bochwell ließ sich nicht beirren. „Sie verschmähen also meine Freundschaft? Sie wollen mir bie Frmbe nicht gönnm, nach der ich rnich schon so lange gesehnt habe? Gut, bann scheibe ich heute von Sfönen mit dem Bewußtsein, einen Freund verloren zu haben. Gleich morgen früh reife ich nach Bombay, um nrtt dm übrigen Blessierten nach England zurückzukehren. Leben Sie wohl, Herr Baron!"
Mord Mortimer erhob fich und schritt nach der Tür. Schon griff er nach der Klinke, al» Warren aussprang unb ihm nacheilt«.
„Mylorb, nein, so dürfen Sie von mir nicht schei- den. Wmn Sie es nun durchaus wollen, dann will $anb "X haben Sie meine
Me freute fich da Mortimer, al» er so ben Rittmeister sprechen hörte. Jubelnd rief er au»:
„Mein lieber Warren komm in meine Arme. Du weißt gar nicht, weich' herrlich« Gabe Du mit ge- schenkt hast. Du hast mk einen Freund gegeben, und diesm meinen Freund hatte ich nun fest, bi» un» bet unerbittliche Tod trennt Aber jetzt fort mit dem förmlichen „Sie". Freunde, die sich wahr unb auf« richtig lieben, deren Freunbschaft mU Blut besiegel! lst, nennen sich tote Brüder. Richt wahr, mein [lebet Warten, ich/habe Recht?"
Dieser wollte fich in seiner eblen Bescheidenheit gegen dieses so herzlich gemeinte Anflnnm sträuben, schließlich aber sagte et zu und so wurde hier eine Freundschaft geschloffm, au der der Himmel seine Helle Freude hatte. — —
Inzwischen war e» Zeit geworden, nach dem Paläste de» Gouverneur» zu gehm. Warten zog mit Hilfe seines Dieners die neue Uniform an, die ihn prächtig kleidete. Mortimer konnte sich nicht satt sehen an der stattlichen Erscheinung seines neuen Freundes. Et wat förmlich stolz auf ihr. Arm in Arm verließen beide Offiziere die Kaserne. Als fie in ben Festsaal traten, wo schon fast alle jüngeren Offiziere anwesend waren, ivurde Baron Warten von feinen Kameraden auf baS herzlichste begrüßt unb beglückwünscht. Jeber freute sich aufrichtig, daß diesem Heldm die hohe Auszeichnung zutell geworden war. Der prächtig dekorierte Saal Mir fich immer mehr. Insbesondere war ein reicher Dammflor erschimen. Da rissen bie Dimer bie Hauptflügck bes Saale» auf, unb bet GenetalgouPerneut betrat mit der Gattin des Gouverneurs dm Saal. Nach dm Begrüßungm und Vor- stellungm nahm man an der Tafel Platz. Baron Warten mußte zwifchm bem Generalgouverneur unb bem Gouverneur sitzen. Die Unterhaltung würbe sehr lebhaft. Da erhob sich unter lautloser Sttlle bet Gmeratgouverncur von seinem Platze.
„Hochverehrte Damm! Liebe Kametabm! Nach- bem unsere Königin unb Kaiserin allergnädigst geruht hat, unfern lieben Kameraden, ben Rittmeister Baron Warrm in solch hoher Weise auSzuzeichnm, habe ich mich hmte abenb noch einer angenehmen Pflicht zu mlledigm. Die indische Regierung hat es sich nicht nehmm taffen, auch ihrerseits die Tat unseres Helden gebührend zu belohnm. Sie hat nämlich für Ritt- meister Warrm ein Rattonalgefchmk von 1000 Pfund beschlossen. Mein lieber Warren, e» freut mich sehr, baß mir bie chrmvolle Aufgabe zutell geworbm ist, Jhnm hiermit ba» indische Nationalgeschenk überreichen zu können."
(Fortsetzung folgt.)