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$reitog dm 31. MSrj |»U.

38. Jahrgang.

* fuldaer M Leitung *

2. Blatt.

Druck und Verlag der $wlbotr Aetirndrnckerei in 5«Ida.

Die steuerliche Belastung der ver­schiedenen Wohlhabenheitsschichten der Bevölkerung.

Bei der 1. Lesung des Etats brachte der Abg. Erzberger den Wunsch vor, das Reichsschatzamt möge eine Zusammenstellung der Steuerbelastung der ein­zelnen Volksschichten geben, um der Hetze entgegen­zutreten, als zahle der Besitz in Deutschland z u wenig Steuern und als sei der Verzehr einseitig hoch belastet. Die gewünschte Arbeit liegt nun vor; sie kam dieser Tage in der Budgetkommisfion des Reichstages zur Verteilung.

Es ist natürlich schwer, eine völlig erschöpfende und völlig einwandfreie Antwort zu geben, da sich z. B. das Problem der Abwälzung der Steuer an die Konsumenten der statistischen Erfassung entzieht; fer­ner fehlt es an einer das ganze Reich umfassenden Einkommensteuerstatistik, sodaß bei den folgenden An­gaben die preußische Statistik als Grundlage dienen mußte. Die Grenze für die Einkommen ist bei 1500 Mack gezogen, was darunter ist, zählt in der Statistik zu den ärmeren, was darüber ist, zu den wohlhabende­ren Bevölkcrungsschichten.

Rach dieser Unterscheidung lassen sich ohne die Ge­fahr allzu großer Ungenauigkeit eine Anzahl Reichs­abgaben ohne weiteres der einen oder der anderen Gruppe ganz zuteilen, so der unbemittelten Klasse z. B. dec Zoll von Heringen, von Fleisch in gekühltem Zustand und von Schmalz, sowie die Tabaks-Jnlands- steuer, andererseits der oberen Klasse z. B. der Zoll von ausländischen Weinen und Spirituosen, die Schaumwein- und die Leuchtmittelsteuer, ferner der Effekten- und Talonstempel, die Börsensteuer und die sonstigen Verkehrssteuern mit Ausnahme des Fracht- urkcmdenstempcls und die Erbschaftssteuer. Eine An­zahl weiterer Steuern auf Gegenstände des allgemeinen Verbrauchs wird man annähernd zutreffend gleichmä­ßig nach der Kopfzahl b erteilen können, so den Zoll auf Brotgetreide, Reis, Kaffee und Erdöl, ferner die Zündwarensteuer und den Spielkartenstempel. Endlich wird bei einer 3. Kategorie von Steuern auf Ge- nußnnttel der Kopfanteil an der Steuer erfahrungs­gemäß in der oberen Klaffe höher als in der unteren Klasse angesetzt werden müssen. Dies gilt von dem Zoll rind dem Wertzollzuschlag auf ausländische Ta­bakblätter, von der Zigarettensteuer, der Brausteuer, der Branntweinsteuer und der Zuckersteuer, während umgekehrt der Salzverbrauch in der unteren Klaffe höher ist. Nimmt man den Kopfanteil an der Salz- ’ieuer in der unteren Klasse, den Kopfanteil an den bezeichneten anderen Steuern in der oberen Klasse um die Hälfte höher an, jo ist damit das Bild der Lasten­verteilung nicht zum Nachteile der unteren Klasse ge­zeichnet. Der Steueranteil in den oberen Schichten würde zweifellos erheblich höher angenommen werden müssen, wenn nicht die breite Unterstufe der Oberschicht sich in seiner Lebenshaltung noch sehr derjenigen der Unterschicht näherte.

Unter diesen Gesichtspunkten ist eine Lastenvertei­lung bei den hauptsächlichsten Reichssteuern zu berech­nen versucht worden. Es sind dabei auf die Unter­schicht 75 Prozent der Bevölkerung, auf die Ober­schicht 25 Prozent gerechnet worden. Nach der preu­ßischen Einkommensfteuerstatistik müßten auf die un­tere Schicht sogar 81 Prozent gerechnet werden. In­dessen sind in der unteren Klaffe eine ganze Anzahl unselbständiger Steuerzahler veranlagt, die wirtschaft­lich von einem besser dotierten Haushalt noch abhän­gen. Nach dieser Berechnung entfallen:

1. An Zöllen aus Lebensmittel, Genußmiltel und .ereinigtes Erdöl im ©efamtbelrige von 521 Mill. M.: auf die Unterschicht 317 Mill. M. (60,8 Proz.); aus die Oberschicht 204 Mill. «38,2 Proz.); auf den Kopf der Bevölkerung: Unterschicht 6,6 M., Oberschicht 12,8 M.

2. An Verbrauchssteuern (von Tobak, Zigaretten, Zucker, Salz, Branntwein, Schaumwein, Bier, Leucht- millel, Zündwaren. Spielkarten! im Gesamtbeträge von 668 Mill. Mk. : aus die Unterschicht 43:1,5 Mill. (64,9 Pior. ; auf die Oberschicht 2:34,5 Mill. (35,1 Proz?; auf den Kopf der Bevölkerung: Unterschicht 9 M, Oberschicht 14,6 Mark.

3. An Berkehrsiteuern lWechselfiempel, Reichs- siemvelabgaben, Erbschaft-steuer, Zuwachssteuer, mit Au-nähme des Frachturkundenstempels und der sta- tistischen Gebühr im Gesamtbeträge von 257 Mill. Mk.: auf die Unterschicht—,— Prozent', auf die Ober­

schicht 257 Mill. (100 Prozent); aus den Kopf der Be­völkerung: Unterschicht —,— Mk., Oberschicht 16,1 Mk.

Bon den zur Berechnung gezogenen Reichsabgaben im Gesamtbeträge von 1146 Mill. Mk. auf die Unter- schicht 750,5 Mill. 51,9 Pro,.); auf die Oberschicht 695,5 Mill. (48,1 Proz.): aus den Kopf der Bevölkerung: Unterschicht 15,6 Mk., Oberschicht 43,5 Mk.

Unter Zurechnung von 48 Mill. Mk. Matrikular- beiträgen im Gesamtbeträge von 1491 Mill. Mk.: aus die Unterschicht 750,5 Mill. (50,2 Proz.), auf die Ober­schicht 743,6 Mill. (49,8 Pro,.).

Für die steuerliche Belastung mit staatlichen und gemeindlichen Abgaben der einzelnen Bundesstaaten lassen sich ohne umfangreiche Erhebun- gen und Kosten andere Unterlagen, als sie der Denk- schriftenband des Reichsschatzamtes zu der Reichs­finanzreformvorlage des Jahres 1908 bietet, nicht be­schaffen. Auf Grund diese? Materials läßt sich eine Verteilung der staatlichen und gemeindlichen Steuer­last auf Einkommen von mehr und von weniger als 1500 Mark nicht mit hinlänglicher Genauigkeit durch­führen, da das staatliche und gemeindliche Steuer­recht zu verschiedenartig gestaltet ist und statistisches Material nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung steht. Es muß daher die Feststellung genügen, daß von der 1907 errechneten Gesamt st euersumme von 1850 Mill. Mark nur der geringste Teil der in den Einzelstaaten und Gemeinden erhobenen Abgaben, nämlich 123 Mill. Mark, den M a s s e n- verbrauch betrifft und auch von dieser Summe nur etwa 80 Millionen Mark auf die Unterschicht zu rechnen sein dürsten. Ein anderer Teil der Abgaben belastet auch hier so gut wie ausschließlich die Ober­schicht, so die Ergänzungssteuer, ferner die Umsatz­steuer von Grundstücken, die Stempelabgaben und Erb­schaftssteuer und Schenkungssteuer, zusammen 235 Millionen Mark. An den übrigen Steuern findet zwar mehr oder weniger eine Betelligung der unteren Klaffe statt.

Wie hoch dieser Anteil ist, dafür dürften die Sta­tistiken von Preußen, Königreich Sachsen, Baden und Württemberg über die Einkommensteuer wenigstens einigen Anhalt gewähren. Danach entfällt auf die Klasse unter 1500 Mark Einkommen von dem verlangten Gesamtbeträge nur etwa 13 b i s 15 Prozent. „

Im großen Ganzen wird man nicht fehlgehen, wenn man von dem Gesamtaufkommen an ein« zelstaatlichen und Gemeindeabgaben, deren Betrag für den gegenwärtigen Zeitpunkt vielleicht auf 2 Milliar­den Mark wird angenommen werden können, etwa ein Sechstel auf die untere, fünf Sech­stel auf die obereSchicht rechnet. Man käme bann zu dem Ergebnis, daß von den mnd 1450 Mill. Mark Reichsabgaben (ohne Industrie-Zölle und Fracht­urkundenstempel) und den rund 2000 Millionen ein- zelstaatlichen und gemeindlichen Abgaben, zusammen also von ntnb 3,45 Milliarden Mk., 1,1 Milliarde oder ein Drittel auf die unteren 75 Pro­zent der Bevölkerung und 2,35 Milliarden Mark ober zwei Drittel auf bie oberen 25 Prozent der Bevölkerung entfallen.

Deutsches Reich.

NeichstaqsWahlvocbkreilunacn.

** Eine „Parteien-Ausschau im Industriege­biet", die aus nationalliberalen Kreisen stammt, wird in der „Rheln.-Westf. Zig." veröffentlicht. Von einem Kompromiß zwischen Zentrum und Natio­nalliberalen über das ganze Industriegebiet könne keine Rede sein. Der Aufmarsch der beiden Parteien werde sich diesmal genau so getrennt voll­ziehen, wie es feit Jahren der Fall gewesen sei. Dann werden die Wahlaussichten der einzelnen Parteien be­sprochen und zwar von der Ansicht ausgehend, daß beim Zentrum bei der veränderten polittschen Kon­stellation, diesmal keine Neigung bestehen werde, der Sozialdemokratie Wahlhilfe zu leisten. Diese Neigung hat auch 1907 nicht bestanden, erst das streissüchtige Verhalten der Kölner Jungliberalen hat einen Teil der Zentrumswähler veranlaßt, einen wei­ßen Stimmzettel abzugeben bezw. für den sozialdemo­kratischen Kandidaten einzuircten, der größte Teil bat aber trotzdem in Bochum-Gelsenkicchen wie auch in Duisburg-Mülheim für den Nationalliberalen ge­stimmt. Das Verhalten der Kölner jungliberalen Rich­tung Hai damals die schärfste Mißbilligung durch bie nationalliberale „Rhein- und Ruhrzeitung" gefun­

den. Auch diesmal wird alles von den Entschließ­ungen der Nationalliberalen abhängen. Gelangt der nationalliberale Kandidat in Bochum-Gelsenkirchen, Duisburg-Mülheim ober Dortmund-Hörde mit der So­zialdemokratie in die Stichwahl, dann tft es notwen­dig sofern die Sozialdemokratie geschlagen werden oll', daß das Zentrum in einer Vollzähligkeit für den nationalliberalen Kandidaten eintritt, als handele es lch um ein zu verteidigendes eigenes Mandat. So etwas ist doch vom Standpuntte der politischen Selbst­erhaltung und Selbstachtung nur in dem Falle an­gängig, wenn ein $ertrag auf @egenf eH ig= feit abgeschloffen ist und durchgeführt wird. Es entspricht nicht — so bemerkt die „Eff. Volksztg." — ben tatsächlichen Verhältnissen, wenn in der „Rhem.- Westf Ltg." gesagt wird, 1907 hätten die National- liberalen in Essen dem Zentrum selbstlos Wahlhilfe gelesstet. Die Wahrheit ist vielmehr die, daß das Zentrum einen Vorsprung von rund 10,000 Stimmen hatte daß daraufhin in der Stichwahl von national- liberaler Seite hochgerechnet etwa 1500 Stimmen dem Abg. Giesberts zugefallen sind, während mnd 5000 liberale Wähler zur Sozialdemokratie abschwenkten. Anzuerkennen ist dagegen, daß in lei­tenden rechtsliberalen Kreisen der gute Wille vorhan­den gewesen ist, einen Sieg des sozialdemokratischen Kandidaten zu verhindern. Soll bei der bevorstehen­den Reichstagswahl für die Stichwahl ein schließ­liches Zusammengehen der bürgerlichen Parteien im rheinisch-westfälischen Jndustriebezirk ermöglicht wer­den, fo muß unbedingt dafür Sorge getragen werden, daß vor und während der Wahlbewegung das poli­tisch und kirchlich Trennende mehr in den Hinter­grund geschoben und vor allem eine lonsesstonelle Verhetzung verhindert wird.

d* München, 30. März 1911. T.e Wahl­parole der bayerischen Liberalen hat auf der soeben in Schwabach abgehaltenen Tagung der Arbeitsgemeinschaft der liberalen Kreisverbände in einer Resolution Ausdruck gefunden und ist auch vom Abg. Dr. Casselmann erläutert worden. Diese enthält eine arge Selbsttäuschung, denn wenn gesagt wird „der Liberalismus steht in einer Reihe von Wahlkreisen den Sozialdemokraten gegenüber und wird diesen Kampf gmndsätzlich und energisch durchführen", so steht fest, daß in diesen Wahlkreisen der Llberallsmus aus eigener K rast gar nichts auSrichten kann. Dann aber erklärt der Liberalismus ben Kampf gegen das Zen­trum als Hauptkampf und appelliert an die Mit­hilfe der Sozialdemokraten (an „alle Freiheits­freunde"), schließt also den Groß block. Wie sollen beim da bie Liberalen ernsthaft gegen die So­zialdemokraten etwas unternehmen? Dr. Casselmann führte aus, wenn Abg. Dr. Schädler so liebenswür­dig war, den Liberalen Zentrumshilfe für die Reichs­tagswahlen in Aussicht zu stellen, wenn auch die Liberalen das Zentmm unterstützen, so müsse er (Dr. Casselmann) sagen, daß er zwar nicht nach einem Reichstagsmandat strebe, aber unter allen Umständen auf bie Erlangung eines Mandats unter solchen Um­ständen verzichten würde. Damit beweisen die Libe­ralen, daß es ihnen mit ihrem Kampf gegen die So­zialdemokratie nicht ernst ist. Das Zentrum drängt den Liberalen seine Hilfe nicht auf und laßt sie, Gewehr bei Fuß, in größter Gemütsruhe ducch- fallen.

Ausland.

** In England hat der geriffelte Schachergeist, der den Engländer als Kaufmann und als Diplomaten auszeichnet, auch auf das politische Leben überge- griffen. Die Konservativen suchen gegenüber dem liberalen Ansturm gegen die veraltete, die Gesetzgeb­ung hemmende Uebermacht des Oberhauses, des Hauses der Lords, alle politischen Kampfmittel anzu- toenben, die nur cmszudenken sind. Als gar nichts mehr helfen wollte, fünbigte eine Minderheit der Libe­ralen gegen den scheinbaren Widerspruch der Partei- mehrheit eine neue eigene Reformvorlage an, und zwar mit geheimnisvollen Andeutungen, und damit hatte man die öffentliche Meinung auf einige Tage beruhigt. Jetzt, zu einer Zeit, da die Sache zur Entscheidung geführt werden sollte, erklärt man, diese Vorlage erst nach O st e r n machen zu können. Zeit gewonnen, alles gewonnen! Die große Entrü­

stung darüber im Lande wird sich bis dahin wohl wie­der gelegt haben, und dann kann man versuchen, auch ür die Verschleppung über den Sommer eine nette Ausrede zu bekommen.

• Das neue bulgarische Ministerium unter Geschow ist gebildet. Man sagt der neuen Regierung innere Rei- bereien und äußere Widerstände voraus, hofft aber dennoch, daß der Hauptzweck' glatte Erledigung der Wahlen zur großen Nationalversammlung und Sicher­ung der Annahme der Verfassungsänderung, erreicht werden wird.

♦ Ter neue Albanesenausstaud. In den beiden letzten Jahren haben die Albanesen sich gegen die tür­kische Regierung empört und es hat großer Anstreng­ungen, langwieriger Feldzüge bedurft, um die Auf­stände zeitweilig zu unterdrücken. Sei einigen Tagen tobt im Norden Albaniens, an der montenegrinischen Grenze, abermals der Aufruhr und es scheint, daß die Rebellen diesmal von den Montenegrinem unterstützt werden Trotzdem die amtlichen Stellen in Konstanti­nopel, wie üblich, den Ernst der Sage zu verschleiern suchen, verschlechtert sich die Situation in Nordal­banien mit jedem Tage, so daß die Regierung ge­zwungen ist, wieder schärfere Maßnahmen zu ergreifen. Bel den leitenden Kreisen sind ernste Meldungen aus Ipek und Djakova eingetroffen, nach denen die Amanten, namentlich der Stamm der Ma­llsforen, allentdalben eine feindselige Haltung gegen­über den Behörden und dem Militär einnehmen. Drei Bataillone sind bereits nach Skutari abgegangen. Acht weitere für Slutari bestimmte Redifbataillone werden im Wilajet Trapezunt (Kleinasien) mobllc- fiert. Weitere 3000 Mann werden in Skutan für den Aufmarsch bereit gemacht.

Ans dem Nachbargebiete.

* Bom Vogelsberg, 30. März 1911. Wie in der Wetterau, so ist auch im Vogelsberg das Wintergetreide stark ausgewintert, unter dem Schnee erstickt, auch teilweise durch Mäusesraß vernichtet und muß fast durchweg unigepflügt und durch Sommerfrucht ersetzt werden.

* Hersseld, 29. Mär, 1911. Die zum Bahnbau Hersseld—Heimboidshausen erforderliche Anleihe hn Betrage von 1000000 Mark ist der Firma L. Pfeiffer, Deposltenkasse Hersseld, übertragen worden.

* Salmünster, 30. März 1911. Von hier sind der Handelstammer von mehreren Seiten Klagen darüber zugegangen, daß dort ein sehr empfindlicher Mangel an Silber- und überhaupt an Bargeld sich bemerkbar mache. Dies gilt sowohl sür den nor­malen täglichen Verkehr, als namentlich für die Lohnzahlungstage, an welchen einzelne Industrielle Betriebe je mehrere Tausend Mark an Arbeits­löhnen in kleineren Beträgen wöchentlich auszuzahlen haben. Das hierzu erforderliche Geld ist nur mit außerordentlichen Schwierigkeiten zu beschaffen, zum T il, indem das Kleingeld aus den umliegenden Ortschaften durch tagelanges Umherschicken zusammen- gesucht wird. Dieser Uebelstand erklärt sich in der Lmuplsache aus dem Fehlen eines Bank­geschäfts in Salmünster, und einzelne Firmende- helfen sich in der Weise, daß sie durch eine aus- wär ige Bank regulieren und das zu Lohnzahlungen erforderliche Geld sich meistens in kleinen Scheinen •dürfen lassen. Solche Betriebe jedoch, welche eine derartige Einrichtung nicht besitzen und aus irgend welchen Gründen vielleicht sich nicht schaffen fönnen, sind vielfach der größten Verlegenheit ausgesetzt.

* Wächtersbach, 30. März 1911. Der Maurer Himmler war in Wittgendorn mit Baumfällen, mit logen. „Losholz".Machen, beschäftigt, als ein mächtiger Baum niederstürzte und den in den. Vierzigern stehenden, verheirateten Mann traf uni ihn schwcr verletzte. »

* Wächtersbach, 28. März 1911. Dieser Tage kam es zu einem blutigen Zilsammentreffen zwischen Förstern und Wilddieben. Ein Förster hatte einen in einer Schlinge gefangenen Rehbock gefunden. Er legte sich auf die Lauer und richtig, bald kamen auch drei Männer, davon zwei bewaffnet, in die Nähe. Aus Anruf des Försters, das Gewehr bei Seite zu legen, legte der eine der Wilddiebe aus den Förster an, während die beiden anderen bie Flucht

Der Erbe von Eberstein.

15] Roman von Edmund Nowat.

Dieser siegreiche Feldzug übte auf die übrigen in­dischen Fürsten einen heilsamen Einfluß aus. Es ver­ging ihnen ganz und gar bie Lust zu ähnlichen Expe­rimenten. Dieser kleine Krieg hatte zwar verhältnis­mäßig wenig Opfer auf fetten der Engländer gekostet. Doch waren diese recht schwere, als gerade eine große Zahl Offiziere in den heißen Kämpfen gefallen waren. Leutnant Bochwell kam mit einer fchwercn, glücklicher­weise nicht lebensgefährlichen Schußwunde davon. Als die Feinde vollständig geschlagen waren, kehrte Sergeant Marren sofort zu Mortimer zurück, der sich bereits in ärztlicher Behandlung befand. Dann über­wachte er mit treuer Sorgfalt bie Überführung seines Leutnants in bas Garnisonlazarett in Delhi, wo die­ser allmählich gesundete. Mortimer hatte keine Ah­nung, daß er dem Sergeanten Warcen sein Beben ver­dankte.

Als die Regimenter unter dem Jubel der Bevöl­kerung in Delhi eingenickt waren, hielt der Gouver­neur eine zündende Ansprache an feine tapferen ge­treuen Soldaten, lobte ihre in ben heißen Kämpfen .bewiesene Bravour und gelobte seierlichst, an höchster Stelle die Taten seiner Soldaten gebührend hervor- zuheben. Insbesondere feierte er das Dragonerregi­ment, dessen Oberst an der Spitze seiner Braven den Heldentod auf dem Felde der Ehre gefunden hatte. Aber al? die Heldentaten müßten zurücktreten vor der einzig dastehenden Tat eines einfachen Mannes, des Sergeanten Warren. Gottes Wege seien wunderbar. Mitten auf dem Meere, auf einem dem Untergange preisgegebenen Wrack habe man in hilfloser Lage ben Mann gefunden, der einst dazu berufen fein sollte, bas britische Reich vor einer furchtbaren Niederlage zu bewahren. Und dieser Mann, der jetzige Sergeant Warren, habe nicht nur dem Heere ben Sieg wieder- gegeben, nein, er habe den Anführer dec Aufftündifchen gefangen genommen und fo mit einem Male dem Auf­stande ein Ende bereitet. Glücklich das Land, bas

solche Helden hecoocbrmge. Ec könne augenblicklich nichts anderes tun, als bie tapfere Hand dieses Hel­den drücken. Der Gouverneur schwang sich vom Pferde und trat auf Warren zu, dec bescheiden mit gesenktem Haupte dastand.

„Komm an mein Herz, tapferer Held", rief der Gouverneur aus, und unter dem brausenden Jubel aller umarmte der alte Herr den Sergeanten.--

Einige Wochen waren seit Beendigung des Feld­zuges vergangen. Die Gemüter hatten sich beruhigt. Insbesondere wirkte auf die Bevölkerung die Maß­nahme der Regierung wohltuend und versöhnend. Statt die Empörer streng zu züchttgen, wie alle er­warteten, ließ der Generalgouberneur im Einverständ­nis mit dem Vizekönig einen Generalpardon. Ja, man ging sogar so weit, daß man den Führer der Aufständischen, den Raja, bet seinem Besitz beließ. Damit erreichte mau, daß die Regierung in dem Fürsten einen der treuesten Freunde gemann. Alle Soldaten aber, die an den ruhmreichen Kämpfen teil» genommen, wurden teils dekoriert, teils avancierten sie in höhere Stellungen.

Dem Leutnant Bochwell,dec immer noch das Bett hüten mußte, überreichte bet Gouverneur unter schmei­chelhaften Ausdrücken einen hohen Orden. Bothwell war überglücklich, doch eins bedrückte ihn sehr. Der Stabsarzt hatte ihm gesagt, daß er das verletzte Bein steif behalten würde und feine militärische Laufbahn aufgeben müßte. Aber als et sich an das feinen El­tern gegebene Versprechen erinnerte, da wurde er wie­der floh und nicht lange mehr, und die drei Iahte waten um. Dann hieß es zurück nach der Heimat.

So war jeder Kriegsteilnehmer mit einer Aus­zeichnung beglückt worden. Wer aber leer auSging, das wat Sergeant Sßarren. Allgemein fiel es auf. Alle Soldaten, hoch und niedrig, schmerzte diese Ver­nachlässigung. Sie alle waten dem ruhigen bescheide­nen Soldaten gut, bet ein lieber Kamerad, ein gerech­ter humaner Vorgesetzter und ein btenfteifriger tüch­tiger Soldat war. Am meisten war der Gouvemeur über die Uebergehuug dieses Helden aufgebracht. Was sollte denn das bedeuten?

Wer sich nicht aufiegte und recht zufrieden mit sirf) selbst war, das war unser lieber Sergeant Warren. Wenn ihm seine Kameraden irgend welches Beileid aussprechen wollten, da lächelte er nur. „Was wollt Ihr", sägte tr dann, „ich Hobe nur meine Pflicht ge­tan, und dafür verlange ich keinen Lohn!"

Sechs Monate waren seit der denkwürdigen Nie- berroerfung des Feindes vergangen. Da erhielt der Gouvemeur ein Schreiben des Generalgouverneurs, daß er in ben nächsten Tagen in Delhi eintreffen und eine Besichtigung der Regimenter vomehmeu werde. Diese Nachricht brachte große Aufregung in die Gar­nison. Die Adjutanten rannten mit ihren Befehlen hin und her. Die einzelnen Regimenter übten auf dem riesigen Exerziecfelde vor ben Mauern bet Stadt. Es war ba ein Leben und Treiben, wie es die Be­wohner von Delhi schon lange nicht mehr gesehen. Endlich traf der gefürchtete Besuch ein. Als bie Empfangsfeierlichkeiten vorüber waren, wurde der Be­fehl erteilt, daß fämÜlche Regimenter zur Parade nach dem Exerzierplatz ausrücken sollten. Unter klingendem Spiel marschierten ober ritten die Truppen zu ben Stadttoren hinaus nach dem UebungSgelänbe, wo bald bie Besichtigung begann. Mit dieser Trup­penschau sollte zugleich bie feierliche Verabschiedung derjenigen Offiziere und Soldaten ftattfinben, bie in­folge ihrer Verwundungen den Militärdienst hatten aufgeben müssen. Auch Leutnant Bothwell war er­schienen, geschmückt mit der hohen Ordensauszeich­nung.

Als die Besichtigung beendet war, ließ der Gene- ralgouvemeur die Truppen im Karree aufrücken. Dann nahm er mit lauter Stimme Abschied von ben invaliden Kriegern, indem er ihnen ben Dank der Kö­nigin und des ganzen Vaterlandes aussprach. Da trat Leutnant Bothwell vor, dantte dem Generalgou- bemeur im Namen seiner Sanbtbaten und brachte aus diesen ein begeistert aufgenommenes Hipp Hipp Hur- rah aus.

Als sich die Begeisterung einigermaßen gelegt batte, erhob sich der Generalgouvemeur hoch im Sat­

tel und rief mit lauter Stimme: „Sergeant War­ren".

Eine atemlose Stille trat ein. Alles war ge­spannt, was da kommen werde. Warren sprengte ecligst heran, hielt bann wie von Eisen gegossen und salutierte vor seinem hohen Vorgesetzten.

Dieser fuhr fort: „Ihre Majestät haben aller- gnädigst geruht. Sie in ben Stand eines Großbritan­nischen Barons zu erheben, ferner zum Rittmeister der indischen Kolonialarmee zu ernennen und Ihnen den St. Patrikorden zu verleihen. Zugleich bin ich beauftragt, Ihnen den Dank Ihrer Majestät auszu­sprechen fr die heldenmütige Rettung des einzigen Erben eines alten Adelsgeschlechtes Englands aus höchster Lebensgefahr, nämlich des Leutnants Mor­timer von Bothwell auf Bothwell-Hall. Herr Ritt­meister, mein aufrichtigster Glückwunsch. Ich hoffe. Sie noch lange im Dienste unseres Vaterlandes wir­ken zu sehen."

Der ©eneratgouberneur schüttelte dem wie betäubt auf dem Pferde sitzenden Warren bie Hand, unb ent­ließ ihn. Nach einem mit stürmischer Begeisterung aufgenommenen Hipp Hipp Hurrah auf die Königin rückten die Regimenter wieder in ihre früheren Stell­ungen ein, worauf es unter klingendem Spiel unb mit wehenden Fahnen unb Standarten zurück nach der Stadt ging, wo bie Truppen nach ihren Kasemen entlassen wurden.

Ms der neue Rittmeister feine Schlafkarnmec auf­suchen wollte, trat ein Dragoner Omar an ihn heran und salutierte. „Herr Rittmeister, ich melde mich als neuer Bursche. Ich habe gehorsamst zu melden, baß die Sachen des Herm Rittmessters bereits nach der neuen Wohnung geschasst sind."

Wanen war ganz verdutzt. Doch er folgte dem Soldaten nach dem neuen Heim. Wie erstaunte er, als er in die Wohnung trat. Schöne helle Zimmer waren es, ausgestattet mit reizenden Möbeln. Er ließ sich in einem Sessel nieder und schloß seine Augen.

(Fottsetzung folgt)