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Maer W Zeitung

J.SX.S«. wochenbeiwse: „Illustrierte Zonntagrzeitung"

38. Jahrgang

Fulda, Donnerstag den 30. März 1911

Erstes Blatt.

73.

monatrbeUage: „Fuldaer SeschichtrblAter"

erscheint täglich mit rlurnahme der So.m« Feiertage, viertel- ishrlichervrMgrpreir shne vringrrlohn und vestellgeld in Fulda s»- wlraurwSrtsl.5vMk.

Serantw. Redakteur! Lar! Schütte,

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üotationrdruckund veüag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

51 Sitzung vom 29. März 1911.

Zwei Gesetzentwürfe über Grenzregulierungen nach Bayern werden in dritter Seimig angenommen.

। Die zweite Lesung des Entwürfe! bett, die Ver­staatlichung der Polizeiverwaltungeu von Düsseldorf, Arnsberg und Münster brachte eine längere Debatte, die aber schließlich mit der Annahme nach den Beschlüssen der Kommission endete.

Es folgt die eiste Beratung des Gesetzentwurfes bett. Errichtung und Besuch von Fortbildungsschulen.

Handelsminister Shdow begründet den Entwurf. Für alle Orte über 10 000 Einwohner sollen Fort­bildungsschulen mit Besuchszwang errichtet werden. Die weiblichen Arbeiter sind nicht in das Gesetz ein­

Dentscher Reichstag.

Sitzung vom 29. März 1911.

Der Gesetzentwurf betreffend Tagegelder für Kolonialbeamte, wird an die Budgetkommiffion verwiesen.

S Der Gesetzentwurf betreffend Ergänzung deS Besoldungsgesetzes wird in erster und zweiter Beratung debattelos erledigt.

f; Es folgt die Fortsetzung der Beratung des Etat» des ReichSeifenbahnamtes.

Abg. Stolle (Soz.) verlangt, daß eine achtstündige Arbeitszeit in der Betriebsverwaltung eingeführt werde.

Abg. Dr. Pichler (Zentr.) wendet sich gegen den Vorschlag, eine allgemeine Betriebsgemeinschast einzu­führen, da diese mit der Aufrechterhaltung der Hoheits­rechte der Einzelstaaten nicht vereinbar sei. Im wei­teren erklärt er, eine einheitliche Regelung der Arbeits­zeit für unmöglich und kann sich mit der Herabsetzung der Gütertarife nicht befreunden.

. Abg. Carsten (Volksp.) fordert im Gegensatz zum Vorredner eine einheitliche Regelung der Arbeitszeit. .? Abg. Schwabach (natl.) wünscht, daß die Zoll­revisionen auf die Endstationen oder auf große Durch­gangsstationen beschränkt werden.

Präsident des Reichseisenbahnamtes Wackerzapp: Eine einheitliche Regelung der Dienstzeit ist unmöglich. In unserem eigenen Interesse suchen wir die D.enstzeit angemessen zu regeln, und wo Härten Vorkommen, ^wollen wir gern sie befestigen. Der Frage der Er­höhung der Betriebssicherheit wenden wir an­dauernd unferere größte Aufmerksamkeit zu. Das Ueberfahren von Hallesignalen, eine Der häufigsten Ur­sachen für Eisenbahnunglücke, kann nach der Ansicht ;t>er Sachverständigen weder durch Einführung besonderer 'Signalbeobachter, noch durch automatische Zugsicherung beseitigt werden. Bezüglich der Sicherheit brauchen Wir einen Vergleich mit anderen Ländern nicht zu scheuen.

4 Abg. Bindewalb (Wirtsch. Bgg.) tritt für Besserung der Verhältnisse der Lokomotiviührer, der Rollen- und Streckenarbeiter ein. Bei den Lokomotivführern liege zuweilen eine Dienstüberbürdung vor. Der Redner iellagt weiter, daß zur Verbesserung der Fernverbin- ;bungen im Eisenbahnverkehr Schädigungen des Zwischenverkehrs nicht vermieden würden. So Jet es sehr zu bedauern, daß der V-Zug Nr. 6 (Berlin- Frankfurt) nicht mehr

in Fulda halten solle. Im Interesse seines Wahlkreises Lauterbach re, 'sei auch der zweite Schienenstrang für die Strecke Fulda-Gießen sehr zu wünschen.

Vizepräsident Dr. Spabn erklärt, das Reichseisen- lhahnamt habe keinen Einfluß darauf. Der Redner spricht weiter und wird mehrfach zur Sache gerufen; endlich ruft der Vizepräsident: Ich muß Sie jetzt bitten, 'zu schweigen!

s Abg. Werner fordert eine Verringerung der Dienst­zeit und Verlängerung der Ruhepausen für die Eisen­bahner.

Präsident Wackerzapp : Die Unfälle sind nicht auf Uebermüdung der Beamten zurückzuführen, denn 45 Proz. der Unfälle paisieren in den ersten Dienststunden.

Abg. Leber (Soz.): Preußen bereichert sich auf Kosten der thüringischen Staaten. Zwölf Mill liebet« schuß zieht es aus Thüringen, ohne daß dieses einen Pfennig zu sehen bekommt.

Abg. Cuno (Vp.) befürwortet die Einführung einer selbsttätigen Wagenkuppelung.

Abg. Burckhardt (wirtsch. Bgg.f verlangt einen Not- istandslarif für Braunkohle vom Westermaid.

X. Präsident Wackerzapp: Die thüringischen Staaten haben durch den Anschluß an Preußen wirlfchastlich ‘‘nur gewonnen. Die Versuche mit der selbsttätigen Kuppelung versprechen Erfolg.

' Es folgt der Etat des Reichstages.

Abg. Dr. Pfeiffer (Zentr.) verlangt einen neuen kkünstlerischen Wettbewerb znr Ausschmückung des ^Sitzungssaales und beschwert sich über unwürdige Be Handlung von Reichstagsabgeordneten auf der preußi­schen Eisenbahn.

Abg. Geck (Soz.) führt Klage über die Übermäßige Ausdehnung der Sitzungen, die zu einer Auf­reibung der Nervenkräfte führen. Wieder fei ein fehr geschätztes Mitglied des Hauses schwer erkrankt, ganz gewiß zumteil infolge der Inanspruchnahme der her­vorragenden Arbeitskräfte des Hauses. Hoffentlich ‘werde die Krankhest ohne ernste Folge vorübergehen. (Bravo!>

Abg. Kämpf (Vp.) bemängelt, daß die Drucksachen der Kommission den Interessenten vcrenlhalten würden.

Abg. Pütz (Ztr.) dankt dem Abg. Geck für das freundliche Gedenken, das er dem Abg. Frhrn. von Hertling gewidmet und verbreitet sich über die wettete Auifchmückring des Reichstages.

Abg. Graef-Weimar (wirtsch. Vgg.) befürwortet die F r e m d w ö r t e r l> e k ä m p f u n g. Für Senioren­konvent könnte man Aeltestenrat sagen. Auch für das Bureau, wo der Direktor sein Domizil hat (große ßeilerteiO, seinen Wohnsitz, wird sich ein anderes Wort finden. Sachliche Differenzen erneute Heiterkeit) existieren — bestehen in dieser Frage nicht.

■ Abg. Dr. Görcke (ntlb.) klagt über die Arbeitslast deS Reichstages. (Abg. Zubeil sSoz.j: Das ist schon schlimmer als das Sechstagerennen!)

Abg. v. Garnp (Rp.): Die Schuld an bet Hetz- arbeit trägt der Reichstag selbst wegen der 1 lieber- holung ber Reoen, die bereits in der Kommission ge­halten sind.

Nach weiterer unerheblicher Debatte schließt die Diskussion.

Der Präsident Graf Schwerm erklärt, er werde die gegebenen Anregungen, soweit möglich, durchführen.

Es werden noch einige kleinere Etats erledigt.

, Donnerstag: Etat der Reichskanzlei, Auswärtiges Amt.

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bezogen, weil es noch an Erfahrung fehlt. Der staats­bürgerliche Unterricht soll getragen sein von Vaterlands- liebe und Treue zu Kaiser und Reich. Es wird beabsichtigt, den Turnunterricht obligatorisch zu machen. Der Entwurf läßt den Gemeinden große Freiheit zur Geltendmachung besonderer Wünsche. Ich hoffe, daß wir ein Werk schaffen werden, da? nicht nur den Ar­beitern, sondern auch den Arbeitgebern zu statten kommt.

Abg. Hammer (k.) begrüßt namens seiner Freunde die Vorlage und betont, daß der Unterricht auf religiös- sittlicher Basis erfolgen mflffe. In ber Kommission sei die Frage des Religionsunterichts eingehend zu prüfen.

Abg. Schmedding (Ztr.): Die Pflichtfortbildungs­schulen werden zweifellos dazu angetan sein, den jungen Leuten praktisches Wissen zu vermitteln. Daß man zum Mittel des Zwanges gegriffen hat, halten meine Parteifreunde für berechtigt. Allerdings hätten wir gewünscht, daß man auch den Mädchen, besonders den Fabrikarbeiterinnen, Fortbildungsunterricht erteilt hätte, um sie auf ihren späteren Beruf als Hausfrau und Mutter vorzubereiten. Die Hauptsache aber hat man bei den Pflichtsortbildungsschulen vergessen: Den Religionsunterricht. Ein jeder weiß, daß nach der Schulzeit die mannigfachsten Verführungen auf die Jugend nur so einstürmen. Wenn da der tiefe religiöse Hintergrund, die Charakterfestigkeit fehlt, bann gleiten viele sehr rasch von ber ebenen Bahn ab unb fallen dem Laster in die Arme. (Beifall im Zentrum.)

Minister für Handel und Gewerbe v. Shdow er­widert, er halte es nicht für angezeigt, für den Religions­unterricht in der Fortbildungsschule staatlichen Zwang einzuführen. Die Einführung des Religionsunterrichts in die Fortbildungsschule würbe der erste Schritt zur Konsessionalisierun g ber Fortbildungsschule fein, was ein Schaden für unser politisches Leben be­deuten wird. Es besteht aber für die ländlichen Ge­meinden ein Erlaß, wonach ber freiwillige Religions­unterricht eingeführt werden kann.

Donnerstag: Fortsetzung und kleinere Vorlagen.

+ Sozialistische Minister.

Dem „Vorwärts" ist ein schwerer Stein vom Her­zen gefallen, als, wie geftem gemeldet, der italienische Sozialistenführer B i s s o l a t i das ihn, von Giolitti angebotene Minister-Portefeuille ablehntc.

Das gelobte Land der sozialistischen Minister ist Frankreich; die starren Marxisten, wie sie gerade die deutsche Sozialdemokratie in Reinkultur aufweist, ha­ben die Millerand, Briand und Genossen stets als Verräter verdammt. Aber sobald man einmal die Utopie der sozialen Republik des sozialistischen Zu­kunftsstaates überwunden hat, kann man gar nicht mehr zweifelhaft darüber sein, daß der Sozialismus die ihm gebotene Gelegenheit an der Regierung teil­zunehmen, benutzen muß, wenn er sich nicht für die Dauer selbst auf gc6 en will. Die badischen Re­visionisten haben es begriffen, und nur der Mangel der parlamentarischen Regierungsform in Deutschland verhindert sie, auch den Ministersessel einzu­nehmen. In Ländern, wo die Parlaments m e h r = heil die Minister stellt, kann auf die Dauer der So­zialismus sich dieser Pflicht nicht entziehen. S» hat die Entwicklung in Frankreich es gefügt, in eini­gen Kantonen der Schweiz sitzen ebenfalls bereits So- zialfften in der Regierung. Wenn die katholische Kam­mermehrheit in Belgien einmal fallen sollte, wer­den auch hier die Sozialisten sich an der Kabinettsbil­dung beteiligen müssen. Und in Italien wird es sicher nicht mehr lange dauern, bis der König die De­krete sozialistischer Minister unterschreiben wird. 1903 hatte Giolitti bereits einmal Biffolati ein Porte­feuille angeboten. Damals lehnte er ohne weiteres ab. Heute wollte er es zunächst annehmen, später scheinen ihm Bedenken gekommen oder gemacht worden zu sein. Wenn ein drittes Mal das Angebot an ihn ergeht, wird er dann ablehnen? Wir glauben nicht.

Giolitti hatte nicht notwendig, den Sozia­listen um seine Unterstützung zu bitten. Auch mit der konservaüven Rechten hätte er eine Mehrheit bilden können, aber das wollte er nicht. Und zu den Be- bingungen, auf die er sich Biffolati gegenüber verpflich­ten mußte, zählte die Forderung des kirchen- politischen Kampfes. Und Biffolati hat, als er den Eintritt in das Ministerium ablehnte, auf das herzlichste versichert, daß gleichwohl seine Fraktion Giolitti unter st ützen werde. Auf welchem Gebiete die Unterstützung erfolgen soll, kann nicht zweifelhaft sein; in der Kulturkampfs pol i- t i k nämlich, in die der Ministerpräsident nach ber jetzt eingenommenen Stellung den radikalen Parteien gegenüber zu urteilen, einzutreten entschlossen ist. Das ist ja das einigende Band, das überall die bürger­lichen radikalen Parteien mit der Sozial­demokratie verbindet, der Haß und der Kampf gegen die Kirche; auf diesem Ge­biete gehen ihre Jntereffen und Ziele den gleichen Weg.

Und umgekehrt kann man sagen, daß immer, wenn die linksgerichteten bürgerlichen Parteien mit dem So­zialismus sich verbrüdern, dann die Kirche die Zeche zu zahlen haben wird. Auch hier hat Frankreich wie­der das Beispiel gegeben, in Deutschland haben wir in Baden die gleiche Entwicklung gesehen. In B e l gi e n kämpfen Liberale -und Sozialisten Schul­ter an Schulter zusammen gegen die Kirche und die christliche Schule. Die Anzeichen mehrten sich seit einiger Zeit, daß auch in Italien ein Kulturkampf be­vorstehe, die Verbrüderung Giolittis, des skrupellosen Staatsmannes, mit den Sozialisten wird wahrschein­lich die letzte Vorbereitung zum Kampfe bilden.

Deutsches Nelch.

** Berlin, 30. März 1911. Der RcichstagS- Abg. Amtsgerichtsrat Kölle-Zellerfeld (Wirt- schaftl. Verein.) war wegen Disziplinar-Vergehens vom Disziplinar-Senate des Oberlandesgerichtes Zelle zur Versetzung in ein anderes Richteramt mit gleichem Range ohne Erstattung der UmzugS- kosten und zu 500 Jb Geldstrafe verurteilt wor­den. Der große Disziplinar-Senat des Kammer­gerichtes, der sich am Dienstag infolge eingelegter Berufung des Angeklagten mit der Angelegenheit zu befassen hatte, hob die Geldstrafe von 500 auf. Im übrigen blieb daS Urteil bestehen.

4- Reichskanzler v. Bethmaun-Hollweg wird, wie verlautet, bei der heute im Reichstage beginnenden Beratung deS Etats des Auswärtigen Amtes eine längere Rede halten und sich besonders über die Abrüstungsfrage eingehend äußern.

g. Die Budgetkommiffion des Reichstages erörterte bett Etat für Samoa. Das Zentrum hatte eine Resolution einaebradft, die darauf hinausgeht. Für- sorge für die Einführung der Selbstverwaltung im Schutzgebiete zu treffen und dafür zu sorgen, daß der Etat dem Gouvernementsrat jedes Jahr zur Genehmigung vorgelegt wird. Außer bett Sozial- bemotraten erklärten sich alle Parteien gegen bie Resolution, bet biefe als Mißtrauensvotum gegen bett jetzigen Gouverneur Sols aufgefaßt werben könnte.

s. Die elsaß-lothringische Verfassungskommifsion hat am Mittwoch bie erste Lesung bes Entwurfs er- lebigt. Auf Antrag bei Reichspartei wurde ein die Freiheit des religiösen Bekenntnisses garantierender Paffus in das Verfassungsgesetz aus­genommen. Nach dem Schlußparagraph, der in ber Regierungsfassung angenommen würbe, soll bas Gesetz an einem burch kaiserliche Verorbnung fest- zusetzenden Tage spätestens am 1. Januar 1912 in Kraft treten. Die Kommission wird nunmehr den Entwurf eines Gesetzes über die Einführung eines neuen Preßgesetzes in Elsaß-Lothringen, der von der Reichspar'ei eingebracht worden ist, beraten.

a. Tie Kurpsnschereikommission des Reichstages verhandelte am Mittwoch über das im Entwurf vorgesehene Verbot, das den nichtapprobierten Per­sonen untersagt, Arzneien für die von ihnen behan­delten Menschen oder Tiere abzugeben oder ihre Kunden für deren Bezug an besondere Bezugsquellen zu verweisen. Von der Kommiffion werden Mil­derungen dieses Verbots angefirebt. — An eine Durchberatung des Knrpfnschereigesetzes, auch nut in der Kommission, ist übrigens nicht zu denken, diese Vorlage findet sich auch nicht auf der vom Bureau des Reichstages aufgestellten Liste derjenigen Gesetzentwürfe, deren Erledigung in der gegen­wärtigen Tagung und eventuell in der Nachsesfion als wünschenswert bezeichnet wird.

+ Die neuen Ausfuhr ungsbestimmnngen über die Gewährung von Beihilfen an Kriegsteilnehmer sind dem Reichstage zugegangen. Nach diesenBestimmungen sind als Kriegsteilnehmer anzusehen alle Personen des Unteroffizier- und Mannfckaftsstandes, wenn sie in dem Feldzug 1870/71 ober in einem von deutschen Staaten von 1870 geführten Kriege zu kriegerischen Zwecken bie feindliche Grenze über­schritten ober an kriegerischen Operationen teilge­nommen haben.

X Der Kamps um Jatho ist in Berlin zu einer Kundgebung von feiten des Deutsch-Protestantischen Vereins, des Berliner Unionvereins und des Ber­liner Zentralkirchlich-Liberalen Wahlvereins benutzt worden. Auf die Ank ndigung von der Versamm­lung batte das Brandenburger Konsistorium den als Redner bestellten protestantischen Geistlichen eröffnet, daß ihre Beteiligung als Pflichtverletzung betrachtet werden müsse. Diese haben darauf er­widert, daß sie cs für ihr Recht und ihre Pflicht hielten, in einer die religiösen unb kirchlichen Jnte- refse so nahe berührenden Angelegenheit sich zu äußern und in bet Versammlung zu sprechen. Die Versammiung hat am Dienslag abend staitgesuu- ben; sie soll von etwa 2000 Personen besucht ge­wesen fein. Auch zahlreiche („Dutzende") liberale Pastoren aus Berlin unb Umgegend waren trotz der Warnung des Konsistoriums erschienen. Drei von ihnen hiellen Ansprachen, in denen sie sich im Sinne Jathos äußerten. Die Reden brachten im allgemeinen nichts Neues oder Bemertenswetles, seht -interessant ist aber, wie die Versammlung den einzigen positiven Opponenten gegen die Eiubetufer behandelte. Eine Korrespondenz ie- richtet nach der .Deutschen Tageszig/ darüber:

„Oberstleutnant v. Rohr (Sponbau) ol§ Gegner würbe vielfach niedergebrüllt. Er bemerkte, er wisse nicht, weshalb biefe Versammlung einberufen fei. Es soll kein Einspruch gegen ein schwebendes Verfahren fein ? Das verstößt aber gegen einen fundamentalen Grunbsatz, bet von allen Parteien unb Richtungen an« ertannt werben müßte. (Lärmst Ich muß gegen bas Verfahren schärfsten Einspruch erhoben. Der Personen­kult, ber heule mit Jatho getrieben worben ist, ist ein­fach unerhört. (Lärmst Jatho mag ein sehr vortrefflicher Mensch fein — niemand von uns wirb ihn barin an« tasten wollen — ober ob er außerbem auch auf eine evangelische Kanzel gehört, ist doch eine andere Frage. Ich bestreite, baß er dorthin gehört. (Lärm.) Sie müßlen doch dem Oberkirchenrat dankbar fein, baß... > Großer Lärm. Ruf: Frechheit!) Der Rebner stellt fest, baß man seinen Wiberfpiuch nicht ertragen kann. Am Vor- stanbstisch wirb wieberholt um Ruhe gebeten. Das Ge­setz über bie Lehrirtungen ist boch parlamentarisch burch bie Generalsynobe fast einstimmig zustanbe gelommen. Auch Liberale haben bafür gestimmt. (Lärm. Rufe: Nicht wahr! Verkappter Jesuit!) Das Gesetz bebeutet eme Verbesserung, denn es nimmt ben Geistlichen ben Makel einer Diszip lrn arun! ersuchung. iLärm). Es Wirb nur entschieden, ob ein Geistlicher so lehrt, wie er es mit seinem Orbinationsgelübbe verantworten kann. (Lärm.) Kann er es nicht, so ist es feine Pflicht, zu gehen. (Der Lärm wächst. Am Vorstandstisch schreit jemanb in bie Versammlung: „Aber wir sind doch liberal und müssen barum bulbfam fein!" Rus: Wir sind bulbfam!) Herr v. Rohr: Die Grundlage ber Lehre bcs Geistlichen muß bie heilige Schrift sein. (8ärm.) Der Fall Jatho schwebt doch. Warten sie doch solange bis . . . (Ruse: Bis ber Jube verbrannt ist!) Von ber Galerie wird eine Büchse auf die Bühne ge­schleudert, die hinter Herrn v. Rohr zur Erde fliegt. Auf bie jetzt auch noch von liberaler Seite kommenden Ruse; Raus! wirb von ber Galerie erklärt: es seien nur unterschriebene Petitionen gewesen. In ben Lärm erklärt Herr v. Rohr: Ich bin nur ein Laie und ein alter Mann. Wenn nicht vor meiner Person, so haben Sie doch wenigstens vor dem Alter ein wenig Respekt! (Zuruf: Alter schützt vor Torheit nidib Der Redner bekennt, soviel in ber Unruhe heranszuhören tfi: daß nur burch Christi Blut die Erlösung geschehe. lZuruf: Wollen wir nicht!) Auch wir Positiven wollten eine Kundgebung zum Falle Jatho veranstalten, aber wir haben das unterlassen, weil wir darin einen Eingriff in ein schwebendes Verfahren sahen. Herr v. Rohr erklärt, der Versammlung bas Zeugniß „liberal" ange­

sichts ihres Verhaltens vorenthalten zu müssen. Prediger 9Ufreb Fischer von ber Jerusalemer Kirche bedauert« den Lärm, bemerkte aber, der Redner habe bie Ver­sammlung „gereizt" (11).

Natürlich wurde zuw Schluffe die zu erwartende Resolution gegen das Irrlehre«Verfahren ange­nommen.

* Gefährliche Geldverschwendung. Graf Paul Hoensbroech ist bekanntlich als fortschrittlicher Reichstagskandidat in Osnabrück ausgestellt worden. Der Antiultramontane Reichsverband, zu dessen „Führern" Graf Hoensbroech gehört, erläßt ein Rundschreiben, worin er zu Geldspenden für die Wahl auffordert. Das macht dem nationaüiberalen ,Hannov. Courier' Verdruß. Die Kandida.ur Hoensbroech sei nichts als eine gegen die National- liberalen gerichtete Zersplitterungskandidatur und ganz aussichtslos. Dem Antiultramontanen Reichs- verbände gehörten auch viele Nationaüiberale an; diese würden arg verschnupft sein, wenn der Ver­band für diese Kandidatur sammelte. Die ,Germ/ meint dazu: Der,Hannov. Kourieck hat recht; die Nationalliberalen sind „antiultramonlan" genug; also sollte man „antiultramontane" Mahlgelder lieber in ihre Parteikaffe fließen lasten, statt sie für die Kandidatur Hoensbroech zu vergeuden.

** Erleichterungen in den Sperrmaßregeln zur Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche. Das Ministerium der Landwirtschaft hat soeben an die Regierungspräsidenten neue Anweisun­gen zur Bekämpfung der Seuche ergehen lasten. Bei der jetzt beginnenden Frühjahrsbestellung, für die das nach den bisherigen Bestimmungen der Stallsperre unterliegende Klauenvieh als Zugvieh unentbehrlich ist, kann an der strengen Bekämpfungsform nicht mehr wie bisher fest­gehalten werden. Zudem ist nicht zu leugnen, daß die scharfen Bekämpfungsmaßregeln nicht in der Lage gewesen sind, dem Umsichgreifen der Seuche Einhalt zu tun, denn im Beginn deS laufenden Monats hat die Seuche mit 2564 ver­seuchten Gemeinden und 8513 verseuchten Ge- hosten ihren höchsten Stand erreicht. Durch daS Vorgehen des Landwirtschastsministers erledigt sich die gestern erwähnte Eingabe, die der Bund der Landwirte soeben an ihn gerichtet hat. Nach den neuen Anweisungen

gilt als Sperrbezirk im allgemeinen der ver­seuchte Ort. Bei vereinzelt liegenden verseuchten Ge­höften ist ber Sperrbezirk auf diese zu beschränken. Liegt bas Gehöft in einer Ortfchaft mit nicht geschlos­sener Ortslage, so ist bie Einbeziehung benachbarter Gehöfte in ben Sperrbezirk von einer burch die Nähe unb ben Verkehr bebingten befonberen Gefahr ber Seuchenübertragung abhängig zu machen. Der Sperr­bezirk kann auch auf Ortsteile beschränkt werden, ins­besondere wenn in einer Ortschaft ein begrenzter enget Zusammenschluß von Gehöften vorhanben ist, inner­halb besten ber Seuchenausbruch erfolgt ist. Innerhalb des so abzugrenzenben Sperrbezirks unterliegen sämt­liche Wiederkäuer unb Schweine ber Stallsperre. Bei bringenben wirtschaftlichen Bebürfnissen kann bie Verwendung von Klauenvieh aus ben nicht verseuchten Gehöften bes Sperrbezirks zur Felbarbeit burch ben Landrat innerhalb ber Feldmark und ausnahmsweise auch darüber hinaus gestattet werden, sobald die Ab­heilung ber erkrankten Tiere in ben verseuchten Ge­höften sestgcstellt ist, ober bie erkrankten Tiere getötet sind und in beiden Fällen die Desinfektion ausgeführt ist. Falls die Tiere keine öffentlichen Wege zu benutzen brauchen, kann die Benutzung der Zugtiere unver- feuchter Gehöfte schon vorher gestattet werden. Ist bie Benutzung öffentlicher Wege nicht zu venneiben, so bars die Erleichterung ausnahmsweise auch dann ge­währt werben, wenn bie benutzten Wege bie verseuchten Ortsteile nicht berühren ober wenn sie täglich mehr­mals mit Kalkwasser desinfiziert werben. In besonders bringenben Fällen kann auch mit Genehmigung bes Regierungspräsidenten diese Erleichterung für die Zug­tiere durchseuchter Bestände gewährt werden. Wenn ein dringendes wirischastliches Bedürfnis vorliegt, kann die Ausfuhr schlachtreifen Klauenviehs aus unver­seuchten Gehöften des Sperrbezirks unter gewissen Be- bingungen durch den Regierungspräsidenten gestattet werden. Auch für das Beobachtungsgebiet, das um den Sperrbezirk gelegen ist, sind gewisse Erleichterungen für den Verkehr mit Vieh zugestanden.

* Bom Duellunsng. Vor etwa fünf Wochen wußte der Landrat des Kreises Wirsitz, Graf Wartenßleben, fein Entlassungsgesuch einreichen, weil er als Reserveoffizier eine For­derung des Majoratsherrn Grasen v. d. Goltz abgelehnt hatte. Graf Wartensleben glaubte das tun zu muffen, well der Kreistag in Wirsitz dem Grasen v. d. Goltz die standeßherrlichen Rechte abgesprochen und eine kaiserliche Kabinetts­order die Duelle, die aus Anlaß der Abstimmung im Kreistage anhängig gemacht worden waren, verboten hat. Trotzdem mußte Graf Wartens­leben die Uniform ausziehen und fein Amt verlassen' Die Sympathien der Kreiseinwohner wandten sich ihm darauf in erhöhtem Maße zu. Bei einem Abschiedsessen des Kreises, bei dem ihm ein Ehrengeschenk und eine Ehrenadresse überreicht wurde, sagte er nach einer Meldung der „Köln. Ztg." aus Bromberg: „Eines haben wir alle gleich, die innere Ehre, die niemand geben und niemand nehmen kann. Ich scheide hocherhobenen Hauptes. Ich habe mir nichts vorzuwersen, besten ich mich schämen müßte. Obgleich besiegt in diesem Kampfe, halte ich mich für den moralischen Sieger." Die Tafelrunde stimmte diesen Worten laut zu.

cf München, 29. März 1911. Der bayerische Episkopat hatte im Dezember bekanntlich gegen den bayerischen Lehrerverein Stellung ge­nommen wegen ber kirchenfeindlichen Haltung des Äereinsorgans. Der Hauptausschuß des bayor. Lehrervereins hat darauf gegen das Verhalten ber Kirchenbehörde Verwahrung eingelegt und bie 317 Bezirkslehrervereine ausge?ordert zu einer Erklärung, ob sie dieser Verwahrung zustimmen. Oberlehrer Schubert, der erste Vorsitzende des bayerischen Volks-