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M 76.

Msnlog -en 21. März I-II.

58 Javraang.

* ftildaer W Leitung •

2. Blatt.

Druck und Verlag der Fuldaer Aciiendruäeret in Znlda.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 24 März 1911.

Die Lesung des Koloninletats wird beim Etat für Ostafrika fortgesetzt.

Abg. Sommer (93p.) fordert die Befreiung der afrikanischen Schulen vom konfessionellen Emkluß. Not­wendig sei eine Gehaltszulage für die Regierungs- lebtet.

Abg. Dr. Arning (ntlb.) wünscht, daß die Verwal­tung alles tut, um den Unteroffizieren, welche im tfo» lonialdienst den Versorgungsschein erhalten, eine Ar­beitsgelegenheit zu verschaffen. Im weiteren plädiert Redner für die Errichtung einer Handelskammer in Dar-es-Salaam.

Staatssekretär v. Lindcquist sagt wohlwollende Berücksichtigung zu und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß das Natron sich als abbausähig erweisen werde.

Abg. Lcdebour (Soz.) meint, selbst in der Klein« kinderschule von Dar-es-Salaam halte man die Hoff­nungen inbezug auf den Abbau des Natrons sür phan- taflüch.

Abg. Dr. Arendt >Rp.): Man muß die Entwicke­lung abwarten. Es ist möglich, daß das Natron uns noch mehr als 4 Milliarden bringen wird. Im wei­teren tadelt er scharf die Eingeborenenpolitik des Gou­verneurs v. Rechenberg.

Staatssekretär v. Lindequist: Herr v. Rechenberg ist ein ganz außerordentlich befähigter Beamter, und ihm in erster Linie verdanken wir es, wenn sich Oit- afrila so gut entwickelt hat. Er versucht, Ansiedler und Eingeborene im Gleichgewicht zu halten.

Abg. Erzberger (Ztr.) erwidert dem Abg. Dr. Arendt, es sei bedauerlich, daß er für seine Behaup­tungen keine Beweise erbracht habe. Ich gehe wohl nicht in der Annahme fehl, daß Herr Arendt weniger den Gouverneur v. Rechenberg treffen will, als die Politik der Regierung, die endlich einmal in der Ein­geborenenpolitik mit den Mißhandlungen der Ein­geborenen ein Ende gemacht hat. Oder vergeht Herr Dr. Arendt vielleicht unter dem System Rechenberg die Zurückdrängung des Islam? (Beifall im Ztr.)

Abg. Dr. Arendt (Rp.); Wir verurteilen die Gegnerschaft Rechenbergs gegen das deutsche Element in der Kolonie. Er erschwert den deutschen Ansiedlern das Leben in jeder Weise. (Hört, hört!) Er will aus der Kolonie eine Eingeborenenkolonie machen, während wir für die Plantagenwirtschast eintreten.

Staatssekretär v. Lindequist: Der Gouverneur sucht auch die Plantagenwirtschast nach Möglichkeit zu för­dern. Es ist unrichtig, daß er eine Eingeborenen­kolonie schaffen will.

Abg. Schwartze-Lippftadt (Ztr.) weist ebenfalls die Angriffe des Abg. Dr. Arendt zurück.

Abg. Dr. Paasche (ntlb.) tritt dem Abg. Dr. Arendt bei.

Abg. Dr. Streesemann (ntlb.) schließt sich ihm an.

Eine Resolution der Kommission wird angenommen bett. Einführung einheitlicher Tarifsätze der subventio­nierten Dampferlinien.

Die Etats für Kamerun und Togo werden ohne erhebliche Debatte erledigt.

Abg. Hausmann (Bp.) kommt nochmals auf die Frage der Nachverzollung zurück und behauptet, die Verwaltung habe durch ihre Verordnung in schwebende Prozesse eingegriffen.

Staatssekretär v. Lindequist stellt dieses entschieden in Abrede.

Abg. Dr. Semmler (ntlb.'■ beschwert sich darüber, daß der Gouverneur in Südwestafrika so häufig wechsele. Im weiteren fordert er den Erlaß eines Wehrgesetzes für das Schutzgebiet.

Abg. Schwartze-Lippftadt (Ztr.) hält das Vorgehen der Regierung in der Nachverzollung nicht für ein wandsfrei, regt eine Verkürzung des Berordnungs- rechtes an und wünscht die etatsmäßige Anstellung der Beamten.

Stach weiterer unerheblicher Debatte wird der Etat genehmigt, ebenso die anderen Etats und das Etals- gesetz.

Dienstag: Reichseisenbahnen.

Deutsches Reich.

♦♦ Generalmajor von Bethmann Hollweg. Dec Kaiser hat gelegentlich des Stapellaufes des neuen Panzerschiffes „Kaiser", wobei der Reichskanzler be­kanntlich die Taufrede hielt, Herrn v. Bethmann Holl­weg zum Generalmajor ernannt. Der Kanzler ist also mit Ueberspringung zweier Chargen gleich vom Major zum Generalmajor avanciert. Bei dem großen Gewicht, das der Kaiser auf derlei militärische Dinge auch Zivilbeamten gegenüber legt, wird man Wohl nicht fehl gehen, wenn man in dieser Ernennung einen allgemeinen Vertrauensbeweis des Monarchen seinem ersten Ratgeber gegenüber fleht.

* Die Kurpfuscher-Kommission verhandelte über den § 4, der den nichtapprobierten gewerbsmäßigen Heilbefliffenen untersagt, Arzneien abzugeben oder ihre Kunden an einzelne Bezugsstellen zu verweisen Die Vorschrift des Paragraphen fand vielfach Widerspruch, vor allem mit Rücksicht auf die Homöopathie. Der Präsident des Reichsgesundheitsamtes betonte demge­genüber die Schutzbedürftigkett des Publikums gegen schwindelhafte Ausbeutung. Die Beratung wurde nicht zu Ende geführt; sie wird am Mittwoch fortae- setzt werden.

Amt Geisa und Umgebung.

* Borsch, 24. März 1911. Der Haltepunkt Barsch für den Personenverkehr wird am L Mai d. I. eröffnet werden.

* Buttlar, 25. März 1911. Vor der Straf- ka m me r in Eisenach hatten sich gestern der Molkerei­besitzer Schulze und seine Ehefrau von hier wegen W e chse lf ä l s ch u n g zu verantworten. Die Fälsch­ung der Wechsel übte Schulz teils allein aus, teils ließ sich seine Frau auf sein Drängen dazu verleiten. In einigen Fällen erlangten sie teils recht erhebliche Bettäge, in anderen blieb es beim Versuch. Die beiden Angeklagten waren in vollemUmfanye geständig, den Angeklagten ivurden vom Gericht mildernde Um­stände zugebilligt. Das Urteil lautet gegen die Ehe­frau auf 6 Wochen Gefängnis, die durch die Unter­suchungshaft verbüßt sind und gegen den Ehemann auf eine Gesamtstrafe von 5 Monaten Gefängnis, von denen die Untersuchungshaft voll abgerechnet wird. Außerdem sprach das Gericht die Aushebung des Haft­befehls aus.

* Heimboldshauseu, 24. März 1911. Ein 4jähr. Mädchen spielte mit einer brennenden Kerze, wobei die Kleider des Kindes Feuer fingen. Das Kind erlitt schwere Brandwunden, denen es unter großen Qualen gestern erlegen ist.

* Kaltenwestheim, 24. März 1911. Der Holzhauer Steube, der, wie bereits gemeldet, seit einigen Ta­gen vermißt wird, ist auch bis heute noch nicht in seine Wohnung zurückgekehrt. Es scheint nunmehr sestzustehen, daß sich Steube das Leben genommen hat. Alle Nachforschungen sind in den dichten Wäldern re­sultatlos verlaufen.

* Bacha, 25. März 1911. Der Vorstand der Handwerkskammer beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung tt. o. mit der Errichtung einer Zwangs- innung für das Baugewerbe im 4. Ver­waltungs-Bezirk. Das selbständige Baugewerbe, im 4. Verwaltungs-Bezirk klagt schon seit Jahren darüber, daß das Maurer- und Zimmererhand­werk oftmals von einzelnen Gesellen oder vereint ausgeübt werde, ohne als selbständiger Betrieb eines stehenden Gewerbes angesehen und ange- meldet worden zu sein. Da die Innungen in Vacha wie in Kaltennordheim sich vom Zusainmenichluß des gesamten Baugewerbes zu einer Zwangs- innnng keinen rechten Erfolg versprechen, beschloß der Vorstand, weitere Maßnahmen den beiden Innungen anheim zu geben, dagegen aber darauf hinzuwirken, daß das Bauschutz - Gesetz vorn 7. Januar 1907 praktisch angewendet und die ländlichen Orlspolizei-Behörden angewiesen wer­den, sich bei der Ausführung von derartigen Bauten vor der Erlaubnis-Erteilung den Illach- weis erbringen zu kaffen, daß die Arbeiten von einem hierzu vorgebildeten Unternehmer oder Bau­leiter ausgefützrt oder beaufsichtigt werden.

* Dermbach, 26. März 1911. Am Donnerstag fand unter dem Vorsitz des Bezirksdirektors Weimar hier eine öffentliche Sitzung des Bezirksaus­schusses statt. Es wurde u. a. beschlossen, Beim Staatsministerium zu befürworten, daß der Schulge­meinde Schleid zu den Kosten des Schulhausneu- baueS eine staatliche Unterstützung von 7000 Mk. be­willigt werden möge. Dem Viehversicherungsverein in Fischbach wird der weitere Geschäftsbetrieb unter­sagt. Der zwischen der Gemeinde O e ch s e n und der Gewerkschaft Heiligenmühle abgeschlossene Vertrag wegen Errichtung eiu.es Basaltwerkes am Schom im Gemeindebezirk Oechsen wird genehmigt.Der Bezirksausschuß erhebt keine Bedenken gegen die be­absichtigte Verwendung der Betriebsüberschüsse der ge­

meinsamen Krankenkassenversicherung in Vacha zum Bau eines Krankenhauses daselbst. Dem Gesuche der Schulgemeinde Föhlritz mit Steinberg um Auf­nahme eines Darlehns bis zu 20 000 Mark zur De­ckung der Schulbaukoften wird entsprochen. Mr den Lehrkursus für Volks- und Jugendspiele in Derm­bach soll em Bcttag bis zu 50 Mk. zur Verfügung gestellt werden. Bürgermeister a. D. Pfaff über­reichte als ältestes Mitglied des Bezirksausschusses dem scheidenden Vezirksdirektor mit warmen Watten eine für denselben angefertigte Adresse/

Mus Gberhesien u- den Heß. Aemtern.

* Marburg, 26. März 1911. Bei der letzten G e- richtssekretär-Prüfung am Oberlandesge­richt Kassel haben u. a. die Herren Sander-Marburg und Kraushaar-Fronhausen bestanden.

△ Marburg, 25. ärz 1911. In einer heute im Fürstenhause dahier abgehalienen Kreis - tags-Sitzung wurde der Kreishaushalts- Etat für 1911 in Einnahme und Ausgabe auf 348,876 Mark genehmigt. Den Etat der Mar­burger Kreisbahn setzte^ man in Einnahme aus 82,600 Mark und in Ausgabe aus 67,500 Mk. fest. Nach Verrechnung der Verzinsung und Amor­tisation des Baukapitals bleiben 37,941 Mark 79 Pfg. durch Kreissteuern zu decken. Mit dem Projekte, im Südbahnhofe dahier eine Wander- Arbeitsstätte für den ganzen Bezirk zu er­richten, erklärten sich die Kreistags-Mitglieder im Prinzip einverstanden. Nach Schluß der Sitzung begaben sich die Kreistags-Mitglieder mittels Sonderzug der Kreisbahn nach Dreihausen zur Besichtigung des neu angelegten Kreissteinbruches. — Die Strafkammer verurteilte zwei Einwohner aus Treysa, die einer dortigen Familie ein an­geblich unsicheres Guthaben von 2500 Mark für 900 Mark abgekaust hatten, wegen Wucher und Betrug zu je 3 Monaten Gefängnis und den einen noch zu 300 Mark Geldstrafe.

(*) Wetter, 26. Mürz 1911. Die Wetter- Rosenthaler Straße wird von der Grenze der Oberförsterei Wetter-Ost bis zum Forswtt Brücher neu gedeckt und bleibt deshalb für Fuhrwerk bis Ende dieser Woche gesperrt.

* Kirchham, 23. März 1911. Mit den diesjähri­gen Festen des Kreiskriegerverbandes Kirchhain in Halsdorf und Emsdorf sollen Blumenberkaufstage verbunden werden, de­ren gesamter Ertrag bedürftigen Veteranen zufließen soll. — Dem Vernehmen nach treffen im Juli einige Beamte hier ein, welche beim Neubau der Wohra- t a lb a h u beschäftigt werden Es steht demnach zu erwarten, daß mit den Arbeiten noch in diesem Jahre begonnen wird.

* Frankenberg, 24. März 1911. In der Nacht wurden hier Einbruchsdieb ft ählebci den Ko- lonialwarenhändlcrn Bisch und Dchnhnrdt verübt. Den Gaunern fielen jedoch nur geringe Geldbeträge in die Hände. Ein Polizeihund ist hierher gesandt worden.

* Treysa, 24. März 1911. In der dieswöchent- lichen Stadtverordnetensitzung wurde der diesjähttge Etat in Einnahme und Ausgabe aus rund 145 000 Mark festgesetzt. — Unsere beiden klei­nen Rachbacdörfer R o m e r s h a u s e n und Dit­tershausen werden in der nächsten Zeit elek­trisches Licht anlegen, da ihnen von dem Müh- lenbesitzcr Schmitt in Dittershausen, der fein Etablisse­ment seit einigen Monaten durch elekttische Kraft be­treibt, ein sehr vorteilhaftes Anerbieten gemacht wor­den ist.

* Neustadt, 24. März 1911. Im Vordergrund der Tagesereignisse steht hier die bevorstehende Zusam­menlegung der Gemarkung, verbunden mit Huteablösung. Während der Magistrat die Sache betreibt, lehnen die Stadtverordneten den Anschluß der Stadt ab, und zwar wegen der hohen Kosten. Diese belaufen sich nach einer Angabe des Kommissars der Spezialkommission in Treysa auf 120 Mk. pro Hektar. Bei einer Größe der Feldgemarkung von 1700 Hektar würden also die Gesamtkosten auf 204000 Mk. sich stellen. Diese Tatsache, sowie der Umstand, daß hier die Güter bei der Erbfolge stets geteilt werden, mit­hin das Bild der Gemarkung nach einer Reihe von

Jahren immer wiederkehren wird, veranlassen die Stadtverordneten zur Ablehnung. Auch der größte Teil der Bevölkerung und namentlich die kleinen Grundbesitzer stehen der Zusammenlegung sehr unsym- patisch entgegen.

* Amöneburg, 26. März 1911. Gegenwärtig fin­den hier Verhandlungen über elektrische Be­leuchtung unseres Ottes statt. Die überschüssi­gen Wasserkräfte der Brückermühle sollen zur Licht- crzeugung dienen und gleichzeitig dort eine Maschine aufgestellt werden. Man hofft, auch noch an die um­liegenden Gemeinden Strom abgebcn zu können. So­viel jetzt bekannt ist, sollen sich die Strompreise sehr niedrig stellen.

* Fritzlar, 26. März 1911. Hauptmann Bor­chert dec hiesigen reitenden Abteilung ist zum D i- visions -Adjutanten ernannt. Der frühere Kommandeur der hiesigen reitenden Abteilung, Oberst­leutnant And Regimentskommandeur Walter, ist zum Oberst befördert worden.

* Ziegenhain, 24. März 1911. In der hiesigen Landwirtschaftlichen Winterschule fand gestem die öffentliche Schlußprüfung statt. — In unserem Kreis lernen die Gemeinden immer mehr den Wert der Zusammenlegung derGrund- stücke schätzen. So hat jetzt die Gemeinde Hatte­rode einen dahingehenden Beschluß gefaßt. Die nö­tigen Vorbereitungeir sind zum Abschluß gelangt, ba es aber zur Zeit an Landmessern fehlt, soll der Beginn der Zusammenlegung bis zum Herbstanfang verschoben werden.

* Von der Schwalm, 24. März 1911. Mit dem Eintritt der milden Wittemng regt es sich überall in der Landwirtschaft. Die Landleute sind eifrig mit der Aussaat der Sommerfrucht beschäftigt. Die Winterfrucht steht int allgemeinen gut, hat allerdings sehr unter der M ä u s ep la g e gelitten. Die Vieh­preise sind ungemein hoch und es macht sich infolge der fast überall gesperrten Märkte ein schlapper Ge­schäftsgang bemerkbar. Fettvieh sst ein sehr gesuchter Attikel und es fällt den Metzgern mitunter sehr schwer, ihren Bedarf zu decken. Auch der Schweinehandel ist im Vergleich zu anderen Jahren sehr schleppend. Weit lebhafter dagegen gestaltet sich die Nachfrage nach Kar­toffeln . Der Doppelzentner wird vielfach mit 8—8,50 Mark bezahlt.

Märkte.

* Marburg, 25. März 1911. Butter per Pfd. 115-120 Pig., Hühnereier 2 St. 12—13 Pfg-, Hand­käse p. St. 12 Pfg. Käschen p. St. 5 Pfg. Koch- käse p. Pfd. 44 Pfg. Käsematte p. St. 5 Pfg. Endivien p. Pfd. 00 Pfg. Porree p. St. 5 Pfg. Sellerie p. St. 10—30 Pfg. Radieschen p. Pak. 10 Pfg. Wirsing p. Kopf 10-30 Pfg. Weißkraut p. Kopf 20—40 Pfg. Rotkraut p. Kopf 30—60 Pfg. Blumenkohl St. 25—70 Pfg. Zwiebeln p. Pfd. 15 Pfg. Knoblauch p. Pak. 5 Pfg. RetÜg P. St. 00—00 Pfg. Meerettig per Pak. 10-80 Pfg. Möhren p. Pak. 10-15 Pfg. Hähne p. St. 1.50 bis 2.50 Mk. Hühner St. 1.50—2.00 Mk. Taube» p. St. 50-00 Pfg. Gänse p. Pfd. 60—70 Pfg. Enten p. St. 2.00—3.00 Mk. Birnen p. Pfd. 20 bis 30 Pfg. Aepsel p. Pfd. 00 -00 Pfg. Spinat p. Pfd. 30—35 Pfg. Kartoffeln per Pfd. 5 Pfg. Kartoffeln 100 Pfd. 3.80—4.00 Mk. Rüben, rote, p. Stck. 10—15 Pfg. Salat p. Pfd. 20 Pfg.

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Der Erbe von Lberftein.

11] Roman von Edmund Nowak.

Herz wurde von dem Kommerzienrat, der nur zum Schein mit seiner Familie evangelisch war, in dessen Familie gezogen, wo er bald täglicher Gast wurde, aber auch die atheistischen Ideen seines zukünftigen Schwiegervaters voll und ganz einsog. Und gar, als der Rechtsanwalt Schwiegersohn dieses reichen und hochangesehencn Geldmannes gewordm war, da war es auch mit seinem väterlichen Glauben vorüber, ja, er wurde, wohl um sein mahnendes Gewissen zu beruhi- gen, sein grimmigster Gegner. Ja, als eines Tages sein hochbetagter Vater ihn besuchte und ihm bittere Vorwürfe machte, da wies er ihn durch seinen Diener sus dem Hause. Dies also war das vierblättrige Klee­blatt, das sich im Hotel „Zum Reichsadler" Rendez­vous gab. Der Gastwitt hatte für die Herren ein besonderes Zimmer reserviert, wo die Pläne gegen die „finsteren Römlinge" geschmiedet wurden. Die Haupt­fache bei diesen Zusammenkünften aber war das Ha- iardspiel, dem man sich mit großer Leidmschaftlich- ett bis in die frühen Morgenstunden hingab. Sehr pst auch beehrte diese famose Tafelrunde der Herr Kommerzimrat mit seiner Gegenwart. Dann aber ging ® hoch her. Da rollten im wechselvollen Spiel Tau- enbe_ von Talern. Gewöhnlich hatte Graf Edwin lnglück, und wenn ihm das Geld auSging, so war »er Herr immer bereit, gegen ein „Papierchen" Geld W, leder Höhe herzugeben. Edwin hielt es nicht für nötig, sich erst von der Höhe der Summe auf dem Pa- pier zu überzeugen. Er setzte einfach seinen Namen darauf, und das genügte ihm. Wenn ihm aber dann der Kommerzimrat gelegenüich ein solches „Papier­chen" präsentierte, bann machte er freilich große Au- aen. Aber hier stand ja schwarz auf weiß, und da war galt nichts zu ändern. Uebrigens wollte er sich als Graf keine Blöße geben und zahlte. So lebte der hinge Graf in den Tag hinein. Er war selten zu HauS. Im Schlosse gab er stets an, nach diesem oder jenem Gute zu reiten oder die Gmben und Hütten-

toetfe inspizieren zu wollen. Statt dessen ritt er auf Umwegen nach Kronberg, wo seine Freunde ihn schon imgeduldig erwatteten. So ging es einen Tag wie den andern, eine Woche wie die andere. Der ahnungslose Schloßherr vsttraute seinem Enkel umsomehr, als die­ser im Verkehr mit der gräflichen Familie nicht den geringsten Anlaß zu irgend einer Klage gab. Ja, er zeigte sogar recht gute chrsstliche Anschauungen und versprach alle feine Kräfte dafür einzusetzen, daß Pater Xhneneg recht bald zurückkehtte. Stile glaubten dem Heuchler, dem es darum zu tun war, die Schloßbe­wohner in Sicherhett zu wiegen, um desto ungebunde­ner seinem lasterhaften Treiben frönen zu können.

Bei Komtesse Isolde war Edwin feinen Schritt weiter gekommen. Sie konnte ihre Wneigung gegen ihren Vetter nicht überwinden. Wo es nur möglich war, ging sie ihm aus dem Wege. Sie war wohl freundlich zu ihm, aber ihre ganze Unterhaltung be­stand fast immer in einigen allgemeinen Redensarten. Je mehr Isolde ihm aus dem Wege ging, desto an­ziehender, begehrenswerter wurde sie ihm und desto mehr reifte in ihm der Entschluß, sich den Besitz dieses holden Mädchens zu erringen.

Seit der gewaltsamen Entfernung des Schloßka- planS hatte sich Isolde derart verändert, daß sie die Besorgnis her Ihrigen wachrief. Die Gräfin sah mit Kummer, wie daS liebliche Gesicht von Tag zu Tag blässer wurde. Die rehbraunen Augen vertieften sich immer mehr. In nichts nahm das Mädchen irgend welches Interesse. Ihr Gang wurde müde. Während sonst ihr silberhelles Lachen durch daS Schloß hallte, wurde sie still und in sich gelehrt. Gräfin Cäcilie machte ihren Vater auf dm bedenklichen Zustand Isoldens aufmerksam. WaS konnte nur dem Kinde fehlen? '

„Cäcilie, ich glaub«, es wird das Beste sein, wenn wir Isolde in irgmd ein Bad zur Echolung schickm. DaS Kind muß unter ftemde Mmschen kommm, es muß stch zerstreum. Ich dachte an einen Kurott hn Süden, vielleicht in Ob erhallen. Doch allein kann man Isolde nicht fahren lass«, wenn sie auch in der Obhut der Frau Leuthold auf» beste aufgehoben ist. Aber mir ist doch so. als wenn Rottenburg bei seinem

letzten Hiersein gesagt hätte, seine Frau müßte auf Anraten des Medizinalrates Dr. Klug nach der Ri­viera reisen, und da wollten er und Bianka mitreisen. Sieh mal, das wäre für Isolde die beste Gelegenheit Morgen kannst du Rottenburgs besuchen und die An­gelegenheit in Ordnung bringen."

„Ja, Papa, ich glaube, das ist das Beste, und Isolde befindet stch ht angenehmer und sicherer Gesell­schaft."

Am nächsten Tage fuhr Gräfin Cäcilia nach Schloß Rottenburg. Der Baron mit der Baronin nahmen den Vorschlag der Gräfin mit Freuden an. Isolde war dec Beschluß ihres Großvaters recht. In ihrem apathischen Zustande war ihr alles gleichgültig geworden. Als der Tag der Abreise kam, nahm sie von den Ihrigen herzlichen Abschied; dabei traten ihr die Tränm in die Singen, als sie die Hände ihres lieben Großvaters umfaßt hielt. Es war ihr doch schwer gewordm, von ihm, von ihrer Mutter zu scheiden, doch die Hoffnung auf eine baldige Wiederkehr tröstete sie. Als aber Ed­win ihr einen herrlichen Blumenstrauß überreichte, da wußte ste es selbst nicht mehr, wie schnell sie im Wa- gen war. So War ihr die Gegenwatt ihres Vetters zuwider. Der junge Graf meÄe wohl diese absto- ßmde Bchandlung seitens seiner schönen Kusine. Doch mit der eigenen Art zäher Naturen, die an dem ein­mal gefaßten Entschluß mit aller Macht festhaltm, sah er über dieses beleidigende Bmehmen hinweg und wünschte nur Isoldens baldige Wiederkehr, um dann, koste es waS es wolle, fein einmal vorgestecktes Ziel zu erreichen.

In Eberstein wurde es jetzt sehr einsam. Der Schloßherr war meistens auf die Gesellschaft seiner Tochter angetoiefen, mit welcher er Spaziergänge im Schloßpark machte oder Wagenfahttm in die Um- gegmd von Eberstein unternahm. Den Grafen Ed­win bekamen ste nur selten zu Gesicht, ba er sich, wie er vorgab, der Verwaltung des ungeheuren Besitzes widmen mußte. Taffächlich sah man ihn hier unb ba auf einer Besitzung. Aber bas warm nur äußerst sel­tene Fälle. Desto häusiger besuchte er bm „Reichs­adler" in Kronberg, wo er stets ein gern gesehener Gast war. Auch heute wartete man mtt Schnfucht auf

ihn. Das würdige Kleeblatt war schon versammelt, nur Edwin fehlte. Endlich kam der Ersehnte. Mit lautem Halloh wurde er empfangen und in die Mitte der sauberen Herrm gezogen. Beim Wein entspann sich bald eine recht lebhafte Unterhaltung. Im Laufe derselben kam man auch auf die Jagd zu sprechen.

„Hören Sie mal, Graf Eberstein, warum beran- stalim Ste denn nicht auch einmal eine Treibjagd?" fragte Assessor von Stift „Bei diesen gewaltigen Forsten, die Sie besitzen, müßte ein Jagen großartig sein."

„Ich dachte auch schon daran," erwidette Edwin, „aber mein Großpapa ist für so etwas jetzt wmigstens auf keinen Fall zu haben. Aber der alte Herr wird von Tag zu Tag gebrechlicher. Das Gehen wird ihm schon schwer, imd da kann es mit ihm nicht mehr lange dauern. Dann, meine Herrm, wollm wir schon das Versäumte nachholm. Doch, wenn es Ihnen Vergnü- gen macht, zu jagen, so habe ich nichts dagegen. Tag und Nacht steht Ihnen der Forst zur Verfügung."

„Jetzt aber an8 Spiel," warf Assessor von Stift ein, dem es vor allem daran lag, seinen derangierten KaflenverhAtniffen aufzuhelfen. Auch heute wieder verlor Edwin größere Geldsummen. Gerade nicht in bester Gemütsverfassung verließ er den „Reichsadler". Die zweite Nachtstunde hätte bereits geschlagen, als er dem Schloß Eb erst ein zutttt.

Es war eine herrliche Septembernacht. Vomster- nmklarm Himmel belmchtete der Vollmond mit seinem silberhellm Licht die Rattir. Da wollte der Graf, um einen kürzerm Weg nach dem Schlosse einzuschlagm, in eine Pappelallee einbiegm, als sich in dem Grasten eine Gestalt erhob und dem Pferde in die Zügel griff, sodaß sich dasselbe hoch mrfbäurnte und den Reiter um weniges astgeworfen hätte. Ein grausiger Fluch kam aus Edwins Munde.

„Fott vom Pferde, oder ich reite dich über den Haufm, erbärmlicher Wegelagerer," schrie er den Fremden an. Ms dieser aber keine Mime machte, die Zügel freizugebm, riß Edwin dm Revolver aus der Satteltasche trnb wollte gerade astdruckm, als ihm der Unbefannte entgegendonnerte: „Robert von Behringm!" (Fortsetzung folgt.)