69.
Zreitag -en 24. Mürz 1911.
58. Jahrgang.
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vrnck und Verlag der Fuldaer Acüendruüere
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[::] Ein Beitrag zur Bangeschichte Anldas Anfangs des 18. Jahr
hunderts.
Zu Anfang dieses Jahres ist ein Buch erschienen, welches mit Spannung erwartet wurde und das Interesse weitester Kreise erregen dürfte Der Titel dieses hochinteressanten Buches lautet: Friedrich JoachimStengel sürstäbtlich fuldiicher Ingenieur, Hofarchitekt und Bauinspektor, fürstlich nasse u- usmgen'scherBaudirektor, herzoglich sachfen.gotharscher Rat und Bandireklor, fürstlich nassau-saarbrückenscher Generalbaudirektor, wirkl'cher Kammerrat unv Forst- Kammerpräsident p. p. 1691—1787, von Karl Loh- rneyer, Düsseldorf 1911. Druck und Verlag von L. Schwann. (HestXI der Mitteilungen des htstonschen Vereins für die Saargegend.)
Friedrich Joachim Stengel ist einer der großen Barockbaumeister, die im Anfang des 18. Jahrhunderts tätig waren und einer neuen Zeit die Bahn brachen, der Baukunst eine freiere, großzügig angelegte Richtung gaben und deren Werke, früher vielfach verkannt, in ihrer Prachtentfaltung jetzt unsere Bewunderung und unser Staunen Hervorrufen. Es ist ganz besonders hervorzuheben, daß Stengel zuerst in Fulda Gelegenheit wurde, sich als Baumeister zu betätigen. Fürstabt Konstantin v. Buttlar lernte den jungen Architekten gelegentlich einer Grenzregulrerung kennen und berief ihn in seinen Dienst. Hier wurde er gleich an große Aufgaben gestellt und lernte sein großes Vorbild, den mainzischen Obersten v. Welsch, der als ÄrLgS» baumeister und Architekt gleich hervorragend war, kennen.
Es ist merkwürdig, daß man sowohl Stengel als auch Welsch ganz vergessen konnte, Dienyenhofer war nun einmal das Schlagwort für die neue Bauperiode von Fulda. Und doch war gerade Welsch größer als Dientzenhofer. Ihm will der Verfasser eine besondere Monographie schreiben, wozu er schon in seinem Buch über Stengel ein reiches Material beibringt.
Als der Verfasser bei seinen Vorarbellen in Fulda weilte, um den Spuren der Tätigkeit Stengels nachzugehen, mußte er konstatieren, daß man hier von ihm nichts wußte. Um so" erfreulicher war für ihn die Mitteilung von 2 Plänen, die Oberst v. Welsch zu der Orangerie und dem Schloßgarten, sowie dem Kaisersaal gezeichnet hatte, deren Ausführung mit teilweise» Abänderungen dem Baumeister Stengel zufiel.
Im ersten Teil des Buches werden der Lebenslauf Stengels und seine Tätigkeit, seine Beziehungen und mannigfachen Schicksale eingehend behandelt. Der Anfang des zweiten Teiles bringt die Tätigkeit Stengels von seinem Eintritt in fuldische Dienste dis zu seinem Weggang von Fulda. Es werden die andern Baukünstler der Zeit in Fulda mit ihren Werken besprochen, wir hören von Dientzenhofer, Rosini, Gallaflni, Hörwarlh«, von hervorragenden Handwerkern wie Vidal, Thomas, Mumm, Schwarzmann, Flachner u. a. m., die alle am Bau des Residenzschlosses der Fuldaer Fürstäbte beschäftigt waren.
Alsdann behandelt der Verfasser sehr ausführlich die Tätigkeit Stengels ander Ausführung von Welschs Plänen der Orangerie, und Stengels eigner Schöpfung, dem Kaisersaal. Sich in diese hochverdienstliche Quellenforschung Lohmeyers zu vertiefen, müssen wir dem Leser überlassen. Auch an andern Bauten m und bei Fulda Hal Stengel als Baumeister schöpierisch gewirkt, so ist der Tiergarten, dessen schöne Anlagen vis auf geringe Reste gänzlich verwischt sind, sein ureigenstes Werk. Von andern Werken nennen wir Arbeiten am Schloß zu Eichenzell, am Jagdschlößchen Giesel, Maberzell, Propstei Zella und das Bauwesen von Hammelburg, industrielle Anlagen wie die Glashütte zu Kothen, die Schlagmühle und Hornmühlscheuer, Salzhorden zu Salzschlirf und schließlich einige Bauten, an denen er selbst tätig war oder in seinem Geiste gearbeitet wurde, wie der neue Jesuitenschulbau und die Universität, Schloß Adolphseck und das Heilig Geist-Hospital. Der weitere Inhalt des Buches, soweit er sich auf auswärtige Bauten bezieht, soll hier nicht weiter besprochen werden. Es würde zu weit führen.
Wir lernen in Stengel einen Hauptmeister des Barock kennen, einen wohlgeschulten grand seigneur, der als Festungsbaumeister, ganz besonders aber als Schöpfer großangelegter Bauwerke es verdient hat, der Vergessenheit entrissen und an einen Ehrenplatz gestellt zu werden. Wir müssen dem Verfasser ausrichtig dankbar sein.
Die Ausstattung be$ Buches ist gut, dem Text sind viele Abbildungen beigedruckt, von denen die Fuldaer Bilder eben wohl am meisten interessieren dürsten. Der Preis des Buches ist außerordentlich niedrig bemessen: ungebunden 8 Mark, gebunden ‘0 Mark. E. W.
= Die Nähmaschine.
Täglich wird ste in ungezählten Exemplaren benutzt, viele Stundm sitzen die emsigen Hausfraum Und die fleißigen Arbeiter an ihr, aber wer von ihnen — die doch sonst tn bezug auf ihren Umgang so neugierig sind — hätte schon gefragt, wer diese Näh- Maschine erfunden hat und wie sie sich zu ihrer heurigen Vollkommenheit entwickelte?
Die Antwort auf diese Frage ist sehr interessant, leigt ste uns doch, daß die ganze Umwälzung tn Industrie und Technik, in den Gewohnhellen be8 Handwerks und den Gepflogenheiten des Hauses, die durch hie Entwickelung der Nähmaschine geschaffen wurde, 6uf eine scheinbar unwesentliche Beobachtung zurück- prführen ist, zeigt sie uns doch an einem neuen Bei- ffiele die Wahrheit des alten Wortes von den kleinen Ursachen u. großen Wirkungen I Gerade die Geschichte der Technik bietet viele Beispiele dafür dar, wie Heine Ursachen große Wirkungen nach sich zogen: so war rin dom Baum fallender Apfel der Grund, daß Newton die Gesetze der Schwerkraft fand, eine aus dem Teekessel entftrömenbe kleine Dampfwolke fführie den ^ Hir
tenknaben James Watt zur Erfindung der Dampfmaschine und ein zuckender Froschschenkel eröffnete das große Gebiet der Elettroiechnik! Auch die Nähmaschine entstand durch einen Zufall, durch eine Beobachtung, ein scheinbares Nichts, an dem schon Tausende und Wertausende achtlos vorübergegangen waren. Und das kam also:
Im Herbste des Jahres 1844 hatte der Fabrikarbeiter Elias Howe zu Boston feine Arbett verloren. Trotz aller Mühe, die er sich gab, vermochte er keine neue zu finden. Hungernd und banger Sorgen voll streiste er durch die Straßen des ärmften Viertels der Stadt Da blieb fein Auge zufällig an dem erleuchteten Fensters eines Webers hängen, der fleißig fein Weberschiffchen hin- und herwarf. Erst schaute Howe ziemlich teilnahmslos und an seine Sorgen denkend, zu, allmählich aber erregte die einförmige Tätigkeit sein Interesse, und plötzlich durchzuckte eine seltsame Idee sein Gehim: .Wenn man die Konstruktion des Webstuhls im grofjen und ganzen beibehielte und sie nur etwas vereinfachte und an dem Schiffchen eine Nabel befestigte, durch die ein Faden hindurchgeht, so müßte man mit einer solchen Maschine imstande fein, beim Nähen die Handarbeit zu ersetzen!" Das war der Gedanke, der Howe gepackt hatte, und der ihn nun nicht mehr losließ I Zunächst freilich konnte er noch nicht an feine Ausgestaltung gehen, aber als er wieder Arbeit gefunden hatte, legte er jeden übrigen Pfennig zurück und begann, sobald er sich die nötigen Materialim anzuschaffen vermochte, mit dem Bau der Maschine, die ihm vor Augen schwebte. Freilich war die Sache nicht so einfach, wie er es sich anfangs gedacht hatte. Der Ausführung stellten sich zahlreiche Schwierigkeiten entgegen, die zumieil in feinen beschränkten Mitteln, zumteil aber in immer neuen Schwierigkeiten, die bei der Konstruktion zu überwinden waren, ihren Grund hatten. Mit der Zähigkeit, wie sie nur dem von feiner Sache felsenfest überzeugten Erfinder innewohnt, verfolgte Howe trotz aller Schicksalsschläge, die ihn trafen, trotz aller Enttäuschungen und Mißerfolge das einmal gesteckte Ziel. Aus Not nmßte er ein Modell in England verkaufen, und hierdurch ging er der englischen Patente verlustig. Seine sämtlichen Freunde wurden so lange um Darlehen angegangen, bis ste nichts mehr gaben — aber alles dies vermochte ihn nicht zu erschüttern! Als er endlich ein gutes Modell fertig hatte und cs an die größeren Schneiderfirmen Nordamerikas verkaufen wollte, da wiesen diese ihn sämtlich ab, da sie die Idee, mit einer Maschine nähen zu wollen, für gar zu absonderlich hielten. Alle diese Mißerfolge bedente- ten aber noch nicht den schwersten Schlag, der ihn treffen sollte. Die ganzen Früchte seiner Erfindung wurden durch einen Patentstreit mit dem früheren Theaterdircktor Isaac Merrit Singer in Frage gestellt, der im Jahre 1851 verschiedene Verbesserungen an dem Howeschen Modell angebracht und ste zum Patent angemeldet hatte. Jahre und Jahre zog sich der Patentprozeß hin, aber endlich siegte in letzter Instanz Howe, dem durch das Urteil die Genugtuung zuteil wurde, daß es ihn als den eigentlichen Erfinder der Maschine bezeichnete. Er gründete 1862 eine heute noch existierende Rähmafchinenfabrik, konnte jedoch die Früchte seiner Arbeit nicht mehr lange genießen. Der Kummer, die Sorgen und Aufregungen des langen Prozesses hatten seine Gesundheit untergraben: 1868 starb er zu Spencer im Staate Massachussetts.
Ist Howe der Erfinder der Nähmaschine, so ist Singer der eigentliche Begründer der Nähmaschi- nen-Jndustrie, denn schon vor Howe legte er die erste Fabrik an. Aber auch er hatte, um die Maschinen einzufuhren, mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen, wie dieser. Man muß sich, wenn man diese Schwierigkeiten ihrer ganzen Größe nach erkennen will, stets vor Augen halten, daß sich das Publikum jener Zeit an den Gebrauch von Maschinen überhaupt noch nicht gewöhnt hatte. Einzelne größere Betriebe arbeiteten mit Dampfmaschinen, sonst aber erblickte man im Althergebrachten, im Hängen an den Sitten her Väter das höchste und erstrebenswerteste Ziel! Es fehlten eben alle höheren und weiteren Gesichtspunkte: die .Biedermeierzeit" mit ihrer Behaglichkeit und Engherzigkeit begann selbst in Amerika eben erst einer neueren Lebensauffassung Platz zu machen. Als es der Singer Manufacturing Company gelungen war, ihre ersten Nähmaschinen abzusetzen, da revoltierten die Schneidergesellen und bildeten große Verbände, deren einzelne Mitglieder jedem Messter den Tod schworen, der es wagen würde, eine solche Maschine anzuschaffen k Wenn es Howe und Singer überhaupt gelang, die Augen der bemittelten Kreise auf die Vorteile der Nähmaschinen hinzulenkm, so verdanken sie dies einzig und allein dem Prozesse, ben sie miteinander führten, der allmählich Aufmerksamkeit erregte und bei dem die hervorragendsten Sachverständigen in zahlreichen Gutachten die Vorteile ihrer Maschinen hervorhoben. Damals schon hatte in Amerika die Presse eine solche Bedeutung erlangt, daß ihre Berichterstattung über ben Prozeß die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf diese eigenartigen Maschinen zu lenken mrd diesen den Weg zu bahnen imstande war. Die nach Schluß des Prozesses ausgestellte amtliche Statistik der Vereinigten Staaten zeigte, daß im Jahre 1862 bereits 300000 Nähmaschinen tn Tätigkeit waren und daß sich von diesen nicht weniger als 75 000 im häuslichen Gebrauch befanden.
Der Haupworteil der Nähmaschinen gegenüber der Handarbeit liegt natürlich — abgesehen von bet exakteren Arbeit — in ihrer größeren Geschwindigkeit. Eine geübte Handnäherin macht etwa 50 Stiche in der Minute, während eine Maschinennäherin das Zehnfache leistet und sogar, wenn sie sehr flott arbeitet, mit einzelnen Maschinen auf 1000 Stiche kommen kann. In dem Maße, wie die Elektrizität in unserem täglichen Leben immer mehr Einfluß gewinnt, sucht man auch die Nähmaschinen durch Elekttomotoren an- zntreiben. Bei diesen, sowie bei Verwendung anderer Motoren ergab sich früher die Schwierigkeit, daß sich die Radel, wenn eine gewisse Geschwindigkeitsgrenze überschritten wurde, infolge der außerordentlichen Reibung, die sie am Stoff fand, zu stark erhitzt«. Man konnte die Radeln bei raschem Antrieb her Maschinen mit Hilfe von Motoren sogar zum Glühen bringen. Diesem Uebelstand hat man bei Maschinen für bestimmte Zwecke dadurch abgeholfen, daß man die Radel nach oben zu dünner macht, sodaß der obere Teil eine weniger stacke Reibung erfährt. Auf diese Weise kommt man — allerdings nur bei Verwendu"- oe- ftimmtcr Stoffe — sogar auf 3000—4000 Suche in der Minutel In großen Betrieben v-.»oen die Nähmaschinen jetzt meist schon elektris^ Mrgetrieben, und es ist nicht baran zu zweifeln, oaß der elektrische An-
trieb auch bei der Hausarbeit sich einbürgern wird, wenn erft die Benutzung des elektrischen Stromes für häusliche Zwecke eine noch umfangreichere geworden ist als heutzutage.
Unzählbar ist die Zahl der Sitten von Nähmaschinen, die heute gebaut werden, und es sst absolut unmöglich, die verschiedenen Sorten, die man für spezielle Zwecke anfertigt, auch nur annähernd aufzuzählen. Hingegen zeigt uns die Statistik, daß es in Deutschland ebenso tote in Amerika etwa vierzig Fabriken für Nähmaschinen gibt, deren Produktion sich auf etwa 45 Millionen Mack pro Iaht beläuft. Die etwa 5000 Nähmaschinenhändlet führen in Deutschland noch zahlreiche ausländische Maschinen ein und man kann annehmen, daß in unserem Vaterlande jährlich über eine Million Nähmaschinen abgesetzt werden. Auf der ganzen Welt werden im Jahre ungefähr 3 bis 4 Millionen hergestellt. Vollkommen unberechenbar sst natürlich die Zeit, die durch sie gespart wird, und ebenso unberechenbar sind die Werte, die in allen Industriezweigen, die sich bet Nähmaschine bedienen, durch die Möglichkeit einer außerordentlich gesteigerten Produktion geschaffen werden! Und das alles, weil einmal ein stellungsloser Arbeitet einem Weber bet der Arbeit zusah! Kleine Ursachen, große Wirkungen!
X Die Gesetze des Schlafes.
Die Ansichten, wie lange der Schlaf dauern soll, sind verschieden, doch neigen die meisten ärztlichen Autoritäten zu der Ansicht, daß die Frage, ob langer oder kurzer Schlaf, ganz von dem Temperament und der Körpeckrast des einzelnen Jndwiduums abhängt. Die Werke bedeutender Männer, die in der Geschichte mit großen Lettern verzeichnet stehen, stehen in keinem Zusammenhang mit bet Frage, ob die Betreffenden kürzere oder längere Zett geschlafen haben. Man kann auf der Welt Großes geleistet und sich dabei doch einen regelmäßigen und ausgedehnten Schlaf gegönnt haben.
Eine Ausnahme von dieser Regel bildete Napoleon I. Er schlief wenig und zwar meist nur so lange, als zur Herstellung feiner Kräfte absolut notwendig war. In ben Tmlerien zu Paris, während der kurzen friedlichen Zeitspanne seiner Regierung, schlief er höchstens 6 Stunden pro Tag, aber niemals in einem Zuge. Schon nach drei Stunden erhob er sich wieder, klingelte seinem Kammerdiener, zog Hose mib Schlafrock an und wandelte in diesem Kostüm in seinem Arbeitskabinett umher. Während dieser Zim- merpromenaben, wenn rings hemm alles in tiefem Schlummer lag, hat Napoleon seine großen Pläne ge- schmiebet. Erft nachdem er einige Zeit intensiv gearbeitet hatte, begab er sich wieder zur Ruhe. Die Geistesgegenwart nach Mitternacht, äußerte er sich eines Tages einem seiner Freunde gegenüber, sst eine derartige, daß sofort nach dem Erwachen mir niemand anmeckt, daß ich eine Minute vorher noch geschlafen habe. Bei seiner großen Energie und Arbeitsfteu- digkeit ennubete Napoleon seine Sekretäre oft bis zur Erschlaffung und freute sich dann feiner Ueberlegen- beit über die letzteren. Im Alter büßte er jedoch diese übertriebene Abkürzung des Schlafes. Die Natur nahm Revanche und warf ihn zu langem Schlaf, gegen welchen seine gebrochene Energie nicht mehr an- kämpfen konnte, aufs Lager. Bei Wateckoo z. B. konnte er sich des Schlafes kaum noch erwehren.
Einen Gegensatz zu Napoleon bildet Viktor Hugo, her sich trotz ferner großen Arbeitslast stets einen ausreichenden Schlaf gönnte. Obschon er stets gastfreundlich war und gerne Besuch bei sich sah, ließ er sich jedoch niemals von seiner Gewohnheit abbringen, spätestens um 10 Uhr zur Ruhe zu gehen.
Wenn Viktor Hugo durch einen ausreichenden Schlaf feine geistigen und körperlichen Kräfte wieder aufgefrischt hatte, setzte er sich ans Pult und arbeitete ununterbrochen an seinen Romanen und Gedichten bis Mittag, ivo er sich eine Erholung gönnte. Dann nahm er die Arbeit wieder auf bis abenb.
Die französische Schriftstellerin George Sand, verehelichte Baronin Dudevani, glich in vieler Beziehung hinwiederum Napoleon. Sie arbeitete nur nachts, ivenn rings herum tiefe Ruhe herrschte. Sie begab sich regelmäßig erst zu Bett, wenn 12 große Blätter voll geschrieben waren. Recht oft lugte die Morgensonne neugierig in ihr Kämmerlein und fand die große Schriftstellerin noch an der Arbett. Sie hatte einen ruhigen Schlaf von ol/2 bis 6 Stunden, der ihr vollständig genügte zur Auffrischung ihrer Kräfte. George Sand hat bei ihrem im Alter von etwa 70 Jahren erfolgten Tode über 100 Werke hinterlassen.
Diese unterschiedlichen Arten des Schlafes bei großen Geistern tun dar, daß es für ben Schlaf keine absoluten Regeln gibt.
Ein Schriftsteller, der der Nottvendigkett eines langen Schlafes besonders bei den im Geiste beschäftigten Personen das Wort redete, toar George Radier, ben nirmanb abhalten konnte, sich schon des Abends um 6 Uhr zur Ruhe zu begeben.
Vor einigen Jahren gründete sich in Amerika eine Liga, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Menschen an einen kürzeren Schlaf zu gewöhnen, ober doch wenigstens ben Schlaf auf das Notwendigste zu beschränken. Tas Leben ist zu kurz, sagten die Begründer dieser Liga, um so viel Zett dem Schlafe widmen zu können. Die an bet Spitze stehenden Personen verpflichteten sich, täglich nur zwei Stundm zu schlafm. Wie lange ste dies ausgehalten haben, sst leider nicht bekannt geworden. Sie sagten, der abgekürzte Schlaf sei nur eine Sache des guten Willms, eine Gewohnheit. Die künftigen Generationen, behaupten die Mitglieder der Liga, werden ihren Schlaf bedeutend ab- kürzen müssen infolge des immer heftiger werdenden Kampfes ums Dasein.
Für gesunde Seute sst der Raub des Schlafes die größte Tortur, die grausamste aller Strafen. Im äußerstm Orient hat man dies wohl begriffen. In China z. B. besteht eine Art der Todesstrafe darin, daß der zum Tode Verurteilte nicht enthauptet oder auf eine andere Art ins Jmsetts befördert wird, sondern man läßt ihn Tag und Nacht von Gesängnisbe- amten bewachen, welche dm strengen Befehl haben, dm Verurteilten ni*t fchlusrn zn iaffen. Sobald der Unol'^cki«che Oie Augen schließen will, wird er von dm Wärtern brutal aufgerüttelt. Mehrere Tage hält er diese Tortur aus, bis schließlich vollständige Ermattung und langsamer Tod eintritt.
Der französische Oberst ©Stang erzählt einen Vorfall, dessen Zeuge er im Jahre 1812 gewesen sst. Die Russen gdeiteten eine Karawane französischer Gesa»-
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geriet nach Kowno. Das Kosakmdetachemmt, welches die befangenen begleitete, glaubte, daß deren AnzaD zu groß war, um ste für die Nacht unterzubringen. Man ließ deshalb die Gefangmm mehrere Tage bis zu vollständiger Ermattung matschierm und schritt dann zur Ausführung eines tmflischen Planes, ben ein Kosakenoffizier ersonnen hatte. Etwa hundert der (gefangenen wurden in eine Scheune eingeschloffen und Fmer an dieselbe gelegt. Rur wenige der UnglÜck- lichm batten noch die Kraft, sich zu erheben und daS Schmnentor einzurennen. Die übrigen biteben kraftlos auf dem Stroh liegen und fanben einen grausamen Tod tn den Flammen. ;
Unter normalen Umständen hängt die Dauer de» Schlafes von dem Organismus und auch etwas von dem Willm des Individuums ab. Der Wille kann jedoch nur bis zu einem bestimmten Grade auf die natückiche Veranlagung zum Schlaf etnwicken. Man siegt seltm über ben Schlaf, und wenn dies gelingt, fo geschieht eS meistens nur auf Kosten der Gesundheit und des Lebens.
* Zur Metrologie des Haushalts, Eishöhlenstudieu au trocknender
Wäsche.
In den Zagen eines milden, aber vielfach windigen und stürmischen Nachwinters bietet sich in sehr einfacher Wesse Gelegmheit zu Versuchen oder Beobachtungen, die daS Rätsel der Eisbttdung in geeignet gebauten und ventilierten Höhlen sogar heißer subtropischen und tropischen ©egenben einleuchtend erklären.
Es handelt sich allerdings nur um eine Sette dieser Naturerscheinung, aber um bie wichtigste und bis in die neueste Zeit veckannte. Es sst das Wechselspiel des Verdunsten, Gefrlerms und der Venttla- tion. Die Heranführung gekühlter Luft zum Auftauen und deshalb zu langer Aufbewahrung in geeigneten Einsenkungen, die sogenannte Advektion, die für Eishöhlen und Windlöcher ebmsallS von Bedeutung ist, gelangt dabei nicht in Frage. Die reichhaltige Halbmonatsschrift „Natur und Kultur", herau»- gegeben von Dr. Völler, Münchm 23, bringt in ihrem neuesten Heft darüber Interessante Ausfühmngen.
Der Versuchsgegenstand ist in einem Haushalt des öfteren zu habm. Die Versuchsanorbnung gehört in seinen regelmäßigen, manchmal alltäglichen und manchmal ein- ober mehrwöchentlichen Betrieb. Es handelt sich um nichts Wetter als um Wäschestücke, leinene ober baumwollene, bie feucht in ben Wind gehängt werben. Wenn auch bie Temperatur der Lust ber Wärmeseite angehöri, mit 1 Grab über bem Frostvuntte und mehr, dann wird man ein solches windbewegtes Wäschestück sehr bald steifgefroren finden. Das tritt umso eher ein, je stärker der Wind und je trockener die Lust ist. Verhindert wird es nur von einer besonders warmen Bestrahlung der Wasche durch VorfrühlingS- sonne.
Was in solcher Welse, also trotz der meßbaren Luftwärme, als Gesriermtttck wirkt, sst bie Verdun- stungskälte. Wenn EiS ober Wasser verbunstet, also aus bem festen ober flüssigen Zustanb in Gasform übergeht, bann braucht es auf einmal sehr viel Wärme. Diese entreißt es aus seiner nächsten Umgebung, vor allem bem festen, mehr als das Gasgemisch ber Atmosphäre ber Kühlung zugänglichen Fasergewebe unb der es durchtränkenden anderen Wasserteilen, zurück» verdichtet, auch nur einen Teil jener Wärme wiederzugeben, wird das verdunstende Wasser durch die Ventilation der windbewegten Lust verhindert, die eS schnell entführt. Dadurch, aber wohl auch durch mechanische Auflockerung der noch nicht verdunsteten Wassertellchen wttd überbieS die Verdunstung gefördert.
Ist erft ber ganze Wafserrest an der Wäsche In solcher Weise in Eis übergegangen, dann ist einige Dauer dieser Vereisung gewährleistet. Das geschieht einmal durch die größere Langsamkeit der Verdunstung von einer Eisfläche und bann burtb die Erhaltung ber Temperatur innerhalb ber Wasser- ober Eisschicht auf höchstens 0 Grab, fo lange noch Eisteilchcn in dieser Schicht vorhanben sind. So kann an einem im Winbe flatternden Wäschestück eine Reihe von ineinander greifenben Vorgängen erörtert werben, bie ben eigentlichen Schlüssel bietet zur Lösung eines so lange unb so dick umstrittenen Rätsels, wie eS baS ber Eishöhlen sst.
Allerlei.
— Das „EiukücheuhauS" hat sich in Groß« Lichterfelde so wenig bewährt, daß ein großer Teil der Mieter auszieht, da die Klagen über die gemeinsame Küchenlritung, deffen Personal wieder« hott gewechselt hat, nicht verstummen. Die Schwierigkeiten, es allen Parteien des Hauses — es gibt deren 20 — bezüglich der Verpflegung recht zu machen, konnten nicht behoben werben. Es ist nicht gelungen, die verschiedenen Geschmacksrichtungen einheitlich abzustimmen. Ans diesen Gründen hat der Besitzer, Herr Gossow, beschlossen, das Prinzip des ElnküchenhauseS endgültig zu verlassen und für jede einzelne Wohnung eine besondere Küche ein« bauen zu lassen. fnf.
— Die Einwirkung des Alkohols auf Straftaten in Heer und Marine wirv, wie der ,Jnf/ mit« geteilt wird, durch folgend« Erklärungen zu der Milttär-Kriminalstatlstik beleuchtet: Unter dem Einfluß des Alkohols standen im Heer im Jahre 1901 12,4, 1903 10,7, 1904 9,6, 1905 12,5, 1906 11,6, 1907 8, 1908 10,9, 1909 11,5°/, Straftaten, die sich auf Verletzung der rnilttärijchen Disziplin bezogen. In ber Marine stellt sich der entsprechende Prozentsatz auf 22, 3, 15,1, 16,1, 19, 12,2, 16,2, 11,1 unb 20°/,. Hierbei sind geringfügige militärische Subordinationsvergehen nicht berücksichtigt worden. Aus den vorliegenden Zahlen Ist ersichtlich, daß der Alkohol in der Marine eine größere Rolle in dieser Beziehung spielt als im Heere. Etwa sh aller schweren Vergehen gegen die milttärische Unterordnung sind durch Trübung deS Bewußtseins infolge AckoholgenuffeS begangen worden. In der Armee ist bemerkenswert, daß die östlichen Armeekorps im allgemeinen die westlichen hinsichtlich dieser Straftaten übertreffen, was wohl auf die Tal- fache zurückznsührm ist, daß im Osten mehr als im Westen Branntwein genossen wird.