Zuldaer W Zeitung
wocheubeimge:„IllustrierteLomrtagszeitung"
Fulda, Freitaq den 24. März 1911
Erstes Blatt.
69
38. Jahrgang
liisiftn: Ott et» fpaittgepetttzettteder bertw Raum IS pfg. UtNamradrepetitzeNe pfg-. bei rvie-rr- h»ln»gen wird eiiijpr.
Habest gewährt.
Üotationrdrucknnd Verlag der Fuldaer Ak- tteadruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.
Ab-
Die
Deutscher Reichstag
Sitzung Dom 23. März 191L
Der Direktor des Kieler Stadttheaters erhielt den Roten Adlerorden 4. Klasse. Das Urteil des Kaiser» über dieses religiöse Kampfdrama wird nicht verfehlen, bei den Katholiken Befremden und lebhaftes Be- dauem hervorzumfen. Man kann es ja verstehen, daß ' dem Kaiser als Protestanten das Empfinden dafür fehlt, wie verletzend das Schönherrsche Drama für uns Katholiken ist. Der Kaiser hat gewiß den ernsten Willen, uns gerecht zu werden, sein Urteil über „Glaube und Heimat" ist deshalb um so bedauerlicher. Machte bisher schon der Evangelische Bund Propaganda für den Besuch der Aufführungen des Schön- herrschen Dramas, so wird er dies jetzt mit verdoppel- tcm Eifer tun. In Berlin vertreibt er sogar Eintrittskarten für den Besuch der Aufführungen. Ob es wohl dem konfessionellen Frieden bient, wenn in einer von höchster Stelle ausgezeichneten Tragödie die Vertreter des Katholizismus in ein falsches Licht gesetzt >ver- den?
)( lieber die hauswirtschnftliche Unterweisung der schulentlassenen weiblichen Jugend hat der Landwirtschaftsminister v. Schorlemer einen Runderlaß an die Oberpräsidenten ergehen lassen, worin er auf Grund seiner Erfahrungen im Westen für die wüu- schenswette Verbreitung hauswirtschaftlicher Kennks niffe unter dm Töchtern und Fraum der minderbemittelten Stände auf dem Lande die hn Westen viel verbreitete Wanderhaushaltungsschule empfiehlt.
) ( Mit der Festlegung des Osterfestes auf einen be- stimmtm Termin hat fich auch die deutsche Landwirt- schastsgesellschaft beschäftigt. Sie erklärt jetzt, daß die überwiegend« Mehrzahl der Landwirtschaftskam- mem der vom Deutschen Handelstag vorgeschlagenm Festlegung des Ostersonntages auf den ersten Sonntag nach dem 4. April zustimme. Bei einer solchm Regelung werde es möglich sein, die mit dem Quartale abschließendm Arbeiten vor dem Feste zu be- endigm und auch einen etwaigen Wechsel der Wohnung oder des Personals ungestört durch das Fest zu vollzichm. Auch würdm die Schulentlassenen auf jeden Fall am 1. April chre Stellung antreten können.
X Verlorene Liebesmüh. Es gelingt dem Groß- Herzog von Mecklenburg nicht, seine Ritter zu einem Nachgeben in der Berfassungsfrage zu bringen. Sie tun's einfach nicht. Aus Schwerin
ntaäsMfoge: „Fuldaer Seschlchkblätter"
tätigt iltlt* mit jtisnefrM d« 5a.nr- UNb Feiertag«, viertel' jShrlicherSerngweet, phne vringeriohn und veste»s«ldin Fuldas». Wie aunoSrtr 1.SO M.
venmtw. Redaktenn «at! Sottet
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 23. März 1911.
Das Haus beginnt die dritte Beratung des Etat«.
Gin Antrag aller bürgerlichen Parteien verlangt, daß der Landtag künftig so zeirig etnderufen werd«, daß alle Vorlagen gröberen Umfanges vor dem 1 Januar »clr gebracht werden tonnen, und baß
dies« Vorlagen dem Landtag direkt bei seinem Zusammen- tritt zugehen. Es soll dadurch di« rechtzeitig« Fertigstellung des Etats erreicht werden.
Wegen des Feiertags Mariä Ber- kündigung wird die nächste Nummer der,Fuldaer Zeitung erst am Montag auSgegeben.
Deutsches Reich.
** Berlin, 23. März 1911. Di« Interpellation betr. den A n t im o d er n i st en e id, die im Herrenhaus« von einer Reih« non UniversitStsprofessoren emgebracht worben ist, wird auf Wunsch der Haupt- interpedanten vorläufig nicht zur Beratung gestellt werden. Bei Beratung des KultusetatS soll die Angelegenheit kurz gestreift werden. — Eine von rund 10000 Männern und Frauen «nterschriebene Petition fordert das preußische Abgeordnetenhaus auf, dahin wirken zu wollen, daß den Mädchen die höheren Knabenschulen überall da geöffnet werden, wo die von chnen erstrebte Ausbildung nicht durch höhere Mädchenschulen oder Studienanstalten befriedigt werden kann.
•* Das Kaiserpaar ist nach Wien abgereist, nachdem es von Stiel wieder in Berlin eingetroffen war.
gewähren, ist em« Auffassung, die ich nicht zu der meinigen machen kann. Wenn Preußen in dieser Frage einen Schritt oorantat, bann hat es dies getan ein- gedenk der Aufgaben und Pflichten, die es dem Reiche gegenüber hat. (Beifall.)
Abg. v. Woyna (frellons.): Wir haben mit Befriedigung Kenntuls genommen von der Erklärung des Ministerpräsidenten, daß Preußen die Vormachtstellung behalten wird. Ader der Ministerpräsident und die Regierung dürfen es uns nicht verargen, roemt wir uns in einem Falle wie dem vorliegenden dagegen wenden, daß von der Vormachtstellung Preußens etwas geopfert wird, was zu bedenklichen Folgen führen kann.
Die Debatte wird geschloffen. Abg. v. Zedlitz bemerkt persönlich; Der Ministerpräsident ist falsch unter« richtet. Ich habe mich nicht gegen die Verleihung von Bundesratsstimmen an Elsaß-Lothringen ausgesprochen. Ich erblicke darin, daß diese Stimmen immer nur gegen Preußen abgegeben werden sollen, eine Schmälerung der Interessen Preußens.
In der Spezialdebatte klagt
Abg. Busch (Zentr.) über zu große Schreibbelastung der Förster.
Abg. Frhr. v. So« (Zentr.) bringt Klagen bezüglich des Clever Reichswaldes und des Tiergartens vor.
Abg. Ströbel (Soz.) behauptet, das Zentrum wolle eine Bevorzugung der christlichen Gewerkschaften.
Abg. Busch (Zentr.): Wenn die Regierung in ihren Betrieben keine Sozialdemokraten haben will, so hat sie recht. Die Sozialdemokraten terrorisieren die christlichen Arbeiter. (Abg. Liebkrecht ruft: Schwindeln Sie nicht so, und wird zur Ordnung gerufen.)
Abg. Ströbel (Soz.): Wir haben sogar bei Streiks die christlichen Gewerkschaften mit Geld unterstützt. (Wideripruch t. Zentr.) Herr Busch entstellt afleS in schimpflicher Weise. (Redner wird zur Ordnung gerufen.)
Abg. Jmbusch (Zentr.): Ich begreife nicht, wie der Vorredner die Stirn haben kann, zu behaupten die christlichen Arbeiter hätten von der Sozialdemokratie Geld angenommen. Umgekehrt ist die Sache. Von den bürgerlichen Streikgeldern hat die Sozialdemokratie erhalten.
Landwrrtschaftsminister Frhr. v. Schorlemer Lieser erwidert dem Abg. v. Loe, er hoffe, daß die Wünsche der Stadt Cleve erfüllt würden.
Abg. Kuhn-Ahrweiler (Ztr.) fragt, wie weit die Hilfsaktion des Staates zur Bekämpfung der Winzernot steht.
Luidwirischaftsminiller Frhr. v. Schorlemer-Lieser erklärt in Uebereinfltuunung mit dem Finanzminifter, daß di« für di« Winzer in Aussicht genommenen Beihilfen zur Linderung der Winzernot ausreichten. In der Pfalz ist man mit den Zwangsnahmen zur Be- lämpsung des Heu- und Sauerwurmes nicht glücklich gefahren. Würden wir auch so vorgehen, so würden wir ähnliche Erfahrungen machen. Man komme uns also nicht mit dem Vorwurf, daß Bayern bester gesorgt habe.
Abg. Frhr. v. Loe (Ztr.) wünscht betr. di« Manl- und Klauenseuche, daß für die Erteilung der Aus- führurigsdesugnis ans den Sperrbezirken auch die Bürgermeister zuständig sein sollen.
Laiidwirlfchaftsmmister Frhr. v. Schorlemer-Lieser erwidert, die Regierung werde alles tun, um Die Maul- unb Klauenseuche zu bekämpfen.
Freitag: Fottfetzung.
Abg. Fischbeck (Bp.)- Die Elsaß-Lothringer find Bürger unseres deutschen Reiches, die em Recht darauf haben, daß auch ihre politifchen Rechte berücksichtigt werden. (Sehr richtig! links.) Es ist eme Ehrenpflicht Preußens, diesem Gesetzentwurf zuzustimmen. Freilich, eine so reaktionäre Tendenz ist durch dieses Haus noch nie gegangen, wie gerade jetzt. (Sehr richttg! links.) Das Zentrum hat im Kampf um die Vereins- und Versammlungsfreiheit vollständig versagt. Das Som» plott zwischen Konservativen und Zentrum sorgt da'ür, daß die ungerechtfertigten Vorrechte einer gewissen Klaffe nicht beschränkt werden. Was die Konservativen im Interest« des «vangelischen Glaubens und der Staatsautorität gegen den Antimodernisteneid sagten, war lediglich zum Schein gesagt. Es ist ein Widerspruch i > sich, einen Eid zu schwören, der verlangt, eventuell eine Unwahrheit zu lehren. (Grobe Unruhe im Ztr.) Ich hoffe, daß bei den nächsten Wahlen die Konservativen für ihr Verhallen bei der Reichsfinanzresorm und in der Frag« des Modernisten- eides die rechte Antwort vom Volke erhalten werden.
Abg. Dr. Porsch (Ztr.): Ich habe allerdings zum Volke das Vertrauen, daß es bei beit nächsten Wahlen die richtige Entscheidung treffen wird, und glaube, daß auch die Ausführungen des Abg. Fischbeck das Nötige dazu beigetragen haben. (Lebd. Beifall im Zentr.) Ich muß dem lebhaften Erstaunen darüber Ausdruck geben, daß der Abg. Fischbeck es für zweckmäßig gesunden hat, die Frage drs Modernisteneides anzufchueiden, und zwar nicht vom staatlichen, sondern vom einseitigen konfessionellen Standpunkt. (Sehr ttchtig! tm Zentr.) Anders kann ich es nicht bezeichnen, wenn der Abg. Fischbeck gesagt hat, daß daS ein Eid sei, der jemand zwinge, die U n w a h r h e i t zu sagen. Das sind Dinge, über die er kein Urteil hat. (Lebdaste Zustimmung im Zentrum.) Wir müssen «S uns ganz entschieden verbitten, daß man sich in dieser Weise in innerkatholifche Angelegenheiten einmischt. (Lebh. Beifall im Zentra Der Abg. Fischbeck sprach von evangelischem Empfinden und sagte, der Abg. v. Heydebrand hätte darauf aufmerksam machen müssen. Er wird gestatten, daß wir Katholiken auch noch in, Preußen existieren. (Stürm. Beifall tm Zentr.)
wünschen, auch unser katholisches Empfinden berücksichtigt zu sehen. Das geschah aber nicht in Der Rede des Abg. Fischbeck, und ich hoffe, daß meine I Glaubensgenossen im Lande Herrn Fischbeck bei I den nächsten Wahlen die richtige Antwort geben werden. (Lebh. wiederholter Beifall im Ztr., Auf die übrigen Anzapfungen gehe ich nicht ein. Ich möchte nur noch meinem lebhaften Erstaunen darüber Ausdruck geben, rote Herr Fischbeck hat sagen können, daß wir beim Vereinsrecht versagt hätten. Ich meine, die Herren hätten vom Reichstag in dieser Frage noch so viel auf Dem Schuldkonto, daß sie uns keine Vorwürfe machen dürfen. (Sehr richttg! im Zentr.) In eine materielle Erörterung über die elsaß-lothringische Frage jetzt einzntrelen, halten wir nicht für zweckmäßig. (Hört, hört!) Wir brau den das um so weniger zu tun, als wir zu nuferen Freunden im Reiche das volle Vertrauen haben, daß fie bestrebt sein werden, diese außerordentlich schwierige und wichtige Frage zu einem Ergebnis zu führen, das in gleicher Weise die Interessen des Reichs und Preußens berücksichtigt. (Lebh. Beifall im Zentr.)
Mg. Liebknecht (Soz.): Wir können der Auffassung der Konservativen hinsichtlich Elfaß-Lochringens nicht zustimmen. Die Konservattven behandeln die Regierung wie einen Hund. (Der Präsident ruft den Redner zur Ordnung). Als der Redner auf die Moabiter Boraänge eingeht und vo» de« Mördern des Arbeiters Herr- mann, diesem Schandmal Der Polizei spricht, ruft ihn Der Präsident zum zweitenmal zur Ordnung. Der Redner schließt mit einer Polemik gegen die National- liberalen und das Zentrum.
Abg. Dr. n. Hevdebrand (kons.) beschwert fich darüber, daß Mc Regierung bet den Berhandlunaen begflglidü bei »«rfaffung in Elsaß.Lothringen d«S Haus »icht gehört hat und ferne Zustimmung in den Beschlüssen des Bundesrates erteilt hat. Wir werden über diese Angelegenheit vielleicht noch zu einer späteren Ze« Rechenschaft fordern. Wenn hier Fehler gemacht worden find, dann wird die Rechnung auch mit preußischem Blute beglichen werde« müssen. Mit der Gewährung non Stimmen an Elfaß-Lottpinge» hat Preußen eine Selbstverleugnung geübt, zu der ein Anlaß gar nicht vorlag. (Beifall recht».)
Abg. Dr. Friedberg (natL): Im Gegensatz zu dem Vorredner könne« wir aber eine Gefahr der Verschiebung des Einflusses Preußens durch die Art, wie die elsaß-lothringische Frage von der Reichsregierung ge. regelt werden soll, nicht erblicken. Vom politischen GefichtSpuntte au» hätte ich e» allerdings für besser gehalten, wenn man diese ganze Versaffnngsänderung letzt nicht angerührt hätte. ES wäre vielleicht tlüger gewesen, die Machtmittel, über die wir gegenüber diesem wichtigen Srenzlande versügten,nicht zu schwächen. (Lebh. Zustimmung bei den 9latL) Auch wir würden es für ein nationales Unglück halten, wenn durch diese Aktion eine Schwächung Preußens im Reich eintreten würde. Ein starkes Preußen ist die beste Garantte für die AusrechterhaUung des Reiches. (Lebh. Beifall bei den Natt.)
Abg. Frhr. K Zedlitz (srkons.) stimmt dem Antrag Friedberg zu, wenn auch zugegeben werden müsse, daß die Geschäftslage durch die viele Rederei im Hause beein« । flußt worden sei Die Bedenken des Herrn v.Heydedrand betr. Elsaß-Lothringen teilen wir. Elsaß-Lothringen wird feine Stimmen in demokratischem Sinne verwerten und damit hat der Geoanke der Monarchie eine Abschwächung erfahren. Die Vormachtstellung Preußens ist int Interesse Deutschlands aufrechtzuerhalten. Wir finden den Preis für eme in Elsaß-Lothringen gewährte Verfassung, von der wir nicht wissen, wohin sie geht, viel zu hoch. (Stürm. Zustimmung rechts.) Die Staatsregierung hat in diesem Falle nicht mit der Weisheit gehandelt, die ihr sonst zu eigen ist. Keine Konzession, Preußen muß Vormacht bleiben. (Lebh. Beifall rechts.)
f Dann geht das Haus in Anwesenheit des Kolonialstaatssekretärs v. Lindequift zur zweiten Lesung deS Kolonialetats über. Aus der Generaldebatte wird vorläufig das Bergrecht und die Schaf- und Bamnwoll- zucht ausgeschieden.
Abg. Erzberger (Ztr.): Der Etat zeigt gegen das Vorjahr eine welentliche Besserung, da der Reichs« zu schuß um über 3 Millionen zurückgegangen ist und die Einnahmen von 43 auf 53 Millionen an« gewachsen find. Nur noch Neu-Gumea verlangt einen Zuschuß zur Zimlverwallung. Hter muß allo die Besserung einsetzen. Der Retchszuschuß für Militär- lasten ist aber noch erheblich, uno hier muß der neue Staatssekretär an eine Minderung denken. Er hat un8 auch in dieser Beziehung Zusagen gemacht. Auch ist es notwendig, daß die zahlreichen Pensionierungen in den Kolonien sorgfältig nachgeprüft werden. In wirtschaftlicher Beziehung zeige» die Kolonien einen erfreulichen Fortschritt. In der (Singebo/enenpolitit ist dre Regierung ruhig uno fest vorgegangen und von schweren Nackenschlägen find wir verschont geblieben. Nur in Neu-Guinea hat fich em bedauerlicher Zusammenstoß abgespielt. Es muffen die Eingeborenen entwaffnet werden. Ebenso muß die staaittche Zwangsarbeit, die böses Blut hervorruft, befettigt werden. Anstelle der Zwangsarbeit muß die Besteuerung kommen. Dabei muß die Regierung mit den Missionen Hand in Hand gehen. (Lebh. Beifall im Zentrum.) Sie muß ihnen die Errichtung von Stationen, Schulen Usw. erleichtern. Wir haben zu dem jetzigen Staatssekretär in dieser Beziehung Vertrauen. Wünjchens- werl ist die etat-mäßige Anstellung der Kolonial» beamten. Was die Nachverzollungen anlangt» so muß ich Protest dagegen erheben, daß von Berlin aus Anweisungen ergehen. es müßten schwebende Prozesse zugunsten des Fiskus ausfallen. Zum Schluffe empfiehlt Redner den Bau einer Bahn von Krtbi nach Süden. (Beifall.)
Abg. Dr. Dröscher (kons.) erklärt, daß auch seine Freunde den Wunsch hätten, daß die Truppen in Südwestafrika verringert würden und daß matt nicht ohne Not die Zahl der Beamten vermehre. Besonderes Gewicht muß auf die Baumwollproduktivn gelegt werden. Nolwendig ist der Ausbau der Eisenbahnen. Es gehl in den Kolonien vorwärts und wir hoffen, daß der Staatssekretär noch lange an der Spitze der Verwaltung stehen möge.
Abg. Ledebonr Soz.): Wir lehnen jede Kolonial« polilik ab. Die Hoffnungen, welche man in wirtschaftlicher Beziehung oaran lnüpsl, find pvantaittsch.
Vlbg. Goller (Vp.) schließt fich im wesentlichen den Anführungen des Abg. Eizberger an.
Abg. Dr. Paasche (natL) drückt ebenfalls dem Siaalsselretär seme Anerkennung aus. Gewiß dürfe man die Verdienste des früheren Staatssekretärs Dern- burg nicht schmälern, aber es sei übertrieben, wenn man Aufschwung der Kolonien ihm allein zu- fd)reiben wolle.
Abg. v. Siebert (Np.) betont besonders die Notwendigkeit des Eisenbahnbaues in Ostasrrka.
Abg. Noske (Soz.) platbiert jür eine Verminderung der. Truppen in Südwestasrcka. Obwohl die Natron« 'chätze völlig iverllos seien, weil fie nicht gehoben wer« den können, wolle man schon eine faule Gründung darauf basieren.
Siaatsiekrelär e. Lindequift: Wenn di« südafrikanische Zentralbahn l'Jl‘2 sentggesiellt fein wird, kann eine Verminderung der Schutzlruppen erfolgen, freilich wohl nicht m Cent hier gewünschten Maße. Wir werde» in erster Linie bestrebt sein, dem Mutlerlande und der Industrie durch Lieferung von Rohprodukten ent» gegenzukommen, besonders durch Baumwoll- und Wollschaf zücht. Im allgemeinen sind die roirl» schajilichen Verhältnisse in den Kolonien nicht zurück» gegangen. Der Bahnbau ist nötig, aber er darf nicht übertrieben werden. Die Einwanderungen nach den Kolonien werden von der Regierung erleichtert. Die Erhebung von Geldstenern werbe in immer ausgedehnterem Maß« dnrchgeführt. Etltfprkchend dem von Erzberger geäußerten Wunsch werde die Zwangsarbeit der Eingeborenen immer mehr ein« geschränkt. Von einem Zusammenarbeiten der Beamten mit den Missionaren verspricht sich der Staatssekretär sehr viel. Die Zusammenstöße der Raffern« arbeitet der.Finna Koppel mir den Regierungstruppen seien auf tätliche Angriffe der Eingeborenen zurück- iusühren. Dies« seien mit dem sogenannten Kirrt er« otgt, einer keulenarttgen Waffe, dte der Staatssekretär n mehrere« Exemplaren den Abgeordneten zur Prü- sung ihrer Ge|ährltchleir überreicht, woraus di« Abgg. am Tische des Haukes allerlei Keulenübungen Damit Peranstalten. Die Prügelstrafe ist zurzeit noch nicht zu entbehren.
k Abg. Dr. Heckscher (Vp.) persönlich: Der Abg. Droescher hat in einer beiläufigen Bemerkung erklärt, daß sein Nachbar — bannt war ich gemeint — em Mittagsschläfchen hält. Gegen diese Vermutung mutz ich tnich verwahren und erkläre, daß ich erstens grundsätzlich kein Miltagsschläschen halte, und zweitens, daß die Rede des Abg. Dr. Droescher nicht vermocht ' hat, mich von meinem Grundsatz« abzubringen. (Große 1 Heiterkeit.)
< Freitag: Etat der einzelnen Kolonien.
Abg. Frhr. ». Erffa (kons.) verbittet sich eme Kritik des Herrn Fischbeck an dem Verhalten der Konservativen. Herr Fischbeck hat uns nichts vorzuwersen. Wir haben uns wenigstens nicht mit der Partei des Umsturzes verbrüdert, wie es der Freisinn getan hat. (Inzwischen ist der Reichskanzler erschien en. >
Abg. Schiffer (natL): Wir find überzeugt, daß die Interessen Preußens hinsichtlich Der elsaß-lothringischen VersaffungSsrage^nicht gefähidet sind.
Uttnisterpräfibent v. Btthmann-Hoklwsg: Herr von Heydebrand hat fich in ferner Rede ans Den Stand- punkt gestellt, Den die Konservativen bereits im Reichs- tag vertreten haben. Er handelt also nur folgen rtdttig. Dagegen hat sich die Reichspartei im Reichstag stets badi» ausgesprochen, daß die Erteilung vo» BÜndes- ratsftnnmen an Elsaß -Lothringen als Voraussetzung zur Verabschiedung des Sesetzeniwurses gemacht-werden muß. Ich kann daher den Standpunlt, den Herr v. Zedlitz hier vertreten hat, nicht verstehen. Die Wünsche Elfaß-Lothriugens auf Beteiligung am Bundesrat sind
r. Das stark besetzte Haus bringt zunächst di« flimmungen über die Kalip ropaganda zu Ende, namentlichen Abstimmungen ergeben bie Ablehnung des Antrages der Volkspartei, der nie Zuwendung der Propagandabeihilfen an politische Organisationen verbieten will, mit 197 gegen 130 Stimmen (in der Minderheit sind die Volkspartei, die Sozialdemokraten Unb die Mehrheit der Aatioualliberalen, sowie deS Antrages der Sozialdemokraten, der die ganze Kaliab» Sabe der Reichskaffe sür sozialpolitische Zwecke zuführe«
>tU (in der Minderheit sind die Sozialdemokraten und hie Volkspartei).
I verständlich. Ich bedauere es, daß bei verschiedenen Diskussionen außerhalb diese- Hause- bie Reichslande für da- Deutsche Reich als em Glacis bezeichnet worden sind. Gewiß, sollte, waS Gott verhüten möge, zwischen Deuttchland mid Frankreich ein Krieg ausbrechen, so würden die Reichsland« dir Roll« als GlaciS zu Spielen haben. DaS ergibt fich an« der militärischen und strategischen Lage der Reichslande öo« selbst. Ader wir habe« die Reichslande 1870 71 nicht zu dem Zwecke erworben, ie ihnen ein GlaciS zu erblicken, sondern wir erblicken in ihnen ein Land, das wir kulturell nach Möglichkeit zu heben und wirtschaftlich so eng wie möglich an daS deutsche Vaterland anschließen
I müssen. (Sehr richttg k) Tun wir da- nicht, so versäumen wir eine Pflicht, welche da- Reich seinem jüngsten Glied schuldig ist. »Sehr richtig!) Wenn Elsaß» Loihttngen am BnndeSrat teilnimmt, so scheint mit diese Teilnahme geeignet zu fein, die Verschmelzung Elsaß-Lothringens mit dem Reich zu erleichtern. Alle Parteien, di« die Verabschiedung deS Gesetzes wollen, zeigen sich zur Erteilung von Bundesratsftimmen bereit. Die Lösung, welche die verbündeten Regierungen au Antrag Preuhens vorgeschlagen haben, ist derart, daß fie den Wünschen Elsaß-Lothringens entspricht und auch Preußen genehm ist. Wit können in Preußen keine kleinlich rechnende Politik treiben. Große Fragen deS Reiches werden nicht durch Rechenexempel gelöst. Die drei Stimmen, die Elsaß-Lothringen tm Bundesrat erhalten soll, werden den starten Einfluß, den Preußen im Bundesrat hat und haben mutz, nicht untergraben. Preußens Einfluß im Reiche beruht nicht auf bet Addiiion ober Subtraktion von B undesratsstimmen, fonbetn er beruht auf seinen geschichtlichen Leistungen unb seiner geschichtlichen Tradition. Preußen kann in seiner Reichspolitik nicht fragen: .Wie kann ich in diesem oder jenem Falle die Interessen Preußen- fördern, wie kann ich Die Opfer, die Preußen zugemutet werden, abwenden?" Es kann und darf keine Gegensätze geben, sondern die Interessen aller müssen zusammenfließen, wenn sie richtig aufgefaßt werden. Sie fließen zusammen nur dann, wenn Preußen bestrebt ist, die Macht, die es hat und vermöge derer das Deutsche Reich geschaffen worden ist, unversehrt aufrecht zu erhallen. Wenn man diese Auffassung hat, dann muß man aber auch zu Opfern bereit sein. Die Auffassung, daß Preußens Macht geschwächt wird, wenn wir Elsaß-Lothringen drei BunbesratSstimmen
s Die Budgetkommission dkS Reichstages erledigt gestern den Kolonialetat. Der Militäretat des Schutz gebieteS Deutschsüdwest erfordert 14124 000 Mcuf Referent und Korreferent beantragten für dieses Iah Bewilligung, wünschten aber für die kommenden Jahp «ine erhebliche Verringerung bis etwa au bk Hälfte. Staatssekretär Lindequift erklärte, mj allem Ernste eine Prüfung anstellen zu wollen, wj weit eine Verminderung möglich erschein«. Die Sj^ cherheit des Lande» fordere jedoch noch immer eine stark« Schutztruppe. Auf Anfrage erklärte ein Regie- rungSkonuniffar, daß die Verwendung von Kamelen fich außerordentlich gut bewährt hab«. Auch die Ka- rnelzuchsstationen würden fich bald bewähren. Weiterhin teilte der Staats srtretör mit, e» fei ein neues Wehrgesetz für Deutschsüdwest in Ausarbeitung.
a Die Reichstagskommisfio« fit Elsaß-Lothringen genehmigte den § 23, der von dem RotverordnungS- recht des Kaisers handelt, ohne Debatte. Zu § 24 lag ein sozialdemokratischer Antrag auf Streichung vor. Der Paragraph besagt, daß in Elsaß-Loihringen Eisenbahnen nur vom Reich« oder mit dessen Zustimmung gebaut werden dürfen und daß dem Reiche an den reid>4 eigenen Eisenbahnen die Hoheitsrechte zustehen. Der Antrag, gegen den der Staatssekretär Bedenken geltend machte, wurde abgelehnt und § 24 in bet Regierungsfassung angenommen. Die Reichspartei verlangt« einen neuen § 24a über bie Sprachen- frage. Nachdem auch hierzu der Staatssekretär sich eingehend geäußert hatte, nahm die Partei ihren Antrag zurück, hielt aber den früher von ihr gestellten Antrag auftecht, wonach, wenn über 50 Proz. der Kinder dem Unterricht in deutscher Sprache nicht folgen können, ausnahmsweise das Französisch« bis auf weiteres zugklassen werden kann. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Die Beratung wird erst am Mittwoch der kommenden Woche fortgesetzt.
)( Di« Durchführung der Wettzuwachssteuet verspricht noch erhebliche Schwierigkeiten. Die Regierung hctt, um dem entgegenzuwirken, gar eine Zeitschrift für die Durchführung der Zuwachssteuer geschaffen. Es werden vom Reichsamte .amtliche Mtt- teilungm über die Zuwachssteuer" herausgegeben werden, bie jährlich 4 Mark kosten sollen.
5 Der Kaiser über „Glaube und Heimat". Da» Tendenzdrama des österreichischen Dichters Karl Schönherr „Glaub« und Heimat", worin Schönherr an einigen Figuren aus der Zett der Gegenreformation in Oesterreich zeigt, wie die Protestanten lieber alles erduldeten, als von ihrem Glauben zu lassen, und worin die katholische Kirche als blutgierig hingestellt wird, erlebt jetzt seine Aufführung auf allen größeren deut- schm Bühnen. Das Drama soll ein Kunstwerk ersten Ranges, ja das bedeutendste des ganzen Jahrhunderts ein, so kann man in den Zeitungen lesen, em Urteil, mit dem wir keineswegs übereinstimmen. (Vgl. 3. Blatt Aus dem Nachbargebiete.) Am Dienstag hat das Kaiserpaar im Kieler Stadttheater einer Aufführung von „Glaube und Heimat"' beigewohnt und dm Dichter ganz hervorragend ausgezeichnet. Eine Kieler Zeitung berichtet über den Besuch d«S Kaiserpaares:
Nach Schluß deS Spiels ließ der Raifet Den Autor, Karl Schönherr, in seine Loge bitte» und äußerte sich in Worten höchsten Lobes über die Tragödie. Er agte, das Stück sei außerordentlich lebendig und hab« ihn unb bewnderS der Kail er in, die tief erschüttert worden, gepackt, rote feiten etwa». Alles in dem Stücke fei echt unb wahr. Er habe einen sehr schönen Theaterabend verlebt. Besonders erfreut fei er, daß alles, was mit Religion »streit zusammenhänge, vermieden worden wäre und der Dichter bas Schwergewicht auf bas rein Menschliche gelegt habe. Es sei nichts Theatralisches in bem Stück, andern alles fei aus dem vollen Leben gegriffen. Zum Schluß sagte der,Kaiser, daß er in Schönherr den beutschen Dichter erwarte, ber bem beutschen Volke bis jetzt fehle. Schönherr sei ber Mann, biefe Hoffnung weitester Kreise zu erfüllen. Zum Anbenken an den Theaterabend verlieh ber Kaiser Schönherr eine große Plakette.