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M 69.

jrelWS den 24. ms,, MI.

38. Jahrgang.

«fuldaer W Zeitung«

3. Blatt.

-ruck uttb Verlag der $nlba« Artitndruckrrei iw Snlba.

Hh Gebote für die Berufswahl.

Es ist ein außerordentlich bedeutungsvoller Schritt, den in den nächsten Tagen viele schulentlassene Kn» den und Mädchen bezw. deren Eltern und Vormünder zu tun haben, nämlich sich zu mtjdjeibcn, welchen Be­ruf da- Kind ergreifen soll und damit zur Grundlage für sein spätere? wittschaftiches Fortkommen unh ba5 ganz« künftige Leben machen will. Soll biete Wahl «Ine glückliche werden, soll der gewählte Bcmf der „richtige" sein, dann muß eine Reihe wichtiger Ge­bote berücksichtigt werden.

Vorangestellt sei die Forderung, daß m erster Linie ein gelernter Beruf gewählt werden soll, worun­ter wir einen solchen verstehen, der eine gewiffe Lehr­zeit, sei eS nun in einem Handwerk oder auch in einem Großbetrieb, voraussetzt. Dieses Gebot gilt in gleicher Weise für Knaben wie für Mädchen. Ein ungelernter Bemf (Ausläufer, Platzarbeiter usw.) sollte nur ausnahmsweise ergriffen werben, und zwar dann, wenn die Umstände (mißliche Familienlage und daher Notwendigkeit des MitverdienenS) das unbe-- dingt geboten erscheinen lassen.

Niemals lasse man lediglich die Nei­gung zu einem Berufe für die Wahl ausschlag-- gebend fein. Gewiß spielt diese im Hinblick auf die Berufsfreudigkeit eine große Rolle. Sehr wesentlich ist vielmehr auch die Berücksichtigung der wirt- schast l i ch e n Aussichten, die ein Beruf bietet. Im Laufe der Zeit haben manche Berufe ihre Bedeu­tung aufgeben bezw. ihr Gebiet an die Großbetriebe abgeben müssen. Dafür sind andere wieder aufgekom­men, die auch für absehbare Zeit noch eine gute Zu­kunft zu haben scheinen. Man prüfe daher z. B. an der Hand eines Wegweisers zur Berufswahl die Aus­sichten, die die einzelnen Berufe bieten. Manche Ent­täuschung wird dann erspart bleiben.

Nicht minder wichtig ist die Prüfung der geisti­gen und körperlichen Eigenschaften, die der einzelne Berus erfordert. In erster Beziehung be­denke man nur, eine wie große Rolle z. B. das Zeich­nen und die Veranlagung dazu in den verschiedenen Berufen spielt. Und jeder einzelne Beruf stellt an den Körper, seine Organe, seine Widerstandsfähigkeit be­sondere Anforderungen. Gerade in diesem Punkte wird manchmal gesündigt. Es empfiehlt sich des­halb, nötigenfalls auch den Arzt zu Rate zu ziehen. Und man bedenke wohl, wieviel Umständlichkeiten ein späterer Berufswechsel infolge einer verfehlten Wahl mit sich bringt, abgesehen von den Fällen, wo er zu den sogenannten Berufskrankheiten und öfters dauern­dem Siechimn führt.

Bis vor kurzem wurde und auch heute noch wird Vielfach unterschätzt, welche Zukunft das Handwerk bietet. Gewiß ist dessen Lage auch heute noch durch­aus keine allgemein rosige; aber gegenüber früher ist doch eine gewaltige Besserung eingetreten, und die Aussichten in den wirklich existenzfähigen Handwerks- zweigen sind durchaus nicht ungünstig. Eins muß jedoch derjenige, welcher ein Handwerk sich zum Be­ruf wählt, sich fest vornehmen, nämlich alle seine Kräfte daran zu setze», um etwas Tüchtiges in seinem Fache 'erneu und später leistm zu können. Ferner ist zu seachten, daß znm Selbständigwerden heute immerhin m kleines Kapital gehört, was früher in dem Um- inge nicht der Fall war.

Ist nun der Beruf gewählt, bann gilt es einen süchtigen Lehrmeister zu finden. Man wende sich zu diesem Behuf au die Jnnnngsvorslände, Ar­beitsnachweise, Lehrstellenvermittlung; dort wird man die Namen solcher Meister erfahren können. Man be­suche fleißig die Fortbildungsschule; bilde sich nicht nut praktisch, sondern auch theoretisch gründlich aus, um später die durch das Gesetz neu eingeführten Prü­fungen für den Gesellen und M e i st e r be­stehen zu können. Namentlich die letztere ist für den angehenden Handwerker sehr wichtig, sofern von dem Bestehen derselben das Recht zur Führung des Mei- ftcditel5 und ferner der Anleitung von Lehrlingen ab­hängig ist. Der berufsfreudige junge Handwerker wird sicherlich auch den Anschluß an den Lehr­lings- und später an den Gesellenverein nicht versäumen.

Nur einige Gebote haben wir hier anführen kön­nen, deren Beachtung bei der Berufswahl dringend zu empfehlen ist. Behufs einer ausführlicheren Orientierung verweisen wir auf die eben im Volks- bere'mSbedag M.-Gludbach erschienene Schrift: „Be­rufswahl und Lehistellenvermittelung". Von Dr.

Altenrath (1911. 45 Seiten. IMk.) Das Leben mft seiner Mannigfaltigkeit wird aber auch viele Fälle mit sich führen, d» denen noch eingehender zu erwägen und zu prüfen sei» wird. Man wende sich da an den Geistlichen, Lehrer, sachverständige Arbeitgeber und andere Personen, denen man fein Vertrauen schenkt. Gerade bei der BemfSwahl ist Vorsicht besser als Nachsicht!

Deutsches Reich.

Der Reichstag vor 40 Jahren. Vergleicht man die Zusammensetzung deS ersten Reichstage?, wie er vor 40 Jahren zusammentrat, mit dem heutigen Reichstage, bann ergibt sich da» folgendes Bild:

1871 1911

60 68

88 25

— 3

— 17

60 105

13 20

115 50

30 —

44 49

3 52

28 17

382 396

Die Zeche zahlt der Liberalismus; den hat daS Volk satt.

* DaS Kinderprivileg. Eine sozialpolitische Maß­nahme von erheblichen Kosten ist das sog. Kinderprivi­leg bei dec Zahlung der Einkommensteuer in Preu­ßen. Bis zu einem Einkommen von 6500 Mark wird der Steuersatz bekanntlich jetzt nach der Zahl der unterhaltungsberechtigten Kinder um 1—3 Stufen und mehr ermäßigt. Die Zahl derer, die auf Grund dieses KinderprivilegS fteuerfrei geworden sind, ist von 5,37 Proz. auf 8,59 Proz. in 1910 gestiegen und Beträgt ,nahezu 600 000, während sich die Zahl derer, die Dank ihres Kindersegens in eine niedrigere Steuerstufe ein­treten, annähernd 2 Millionen umfaßt. Es sind rund 20 Millionen Mark, die dieser Zweig der sozialpoli­tischen Fürsorge allein dem preußischen Staat kostet.

* München, 21. Marz 1911. Der Abg. Dr. von Doller hat auch ein politisches Testament hinterlaffen, das sich in den Händen der Vorstandschast der bayerischen Zentrumsftaktion befindet. Selbst­verständlich enchäll es sich des Eingehens auf politische Einzelfragen. Dr. v. Daller wendet sich in Abschieds- Worten an die Zentrumsfraktion und dankt deren Mit­gliedern für das ihm bewiesene Vertrauen sowie für ihre treue Ausdauer. Er ermahnt sie zur Einig­keit und bittet sie dringend, die einzelnen Privat­meinungen und Sonderinteressen hinter dem großen allgemeinen Ganzen zurückzustellen und Parteidis­ziplin zu bewahren. Das Testament schließt mit dem patriotischen Wunsche: Gott schütze Bayern!

Mrland.

* Im österreichischen Parlament hat sich die Situ­ation sehr kritisch gestaltet. Die Regierung hatte am Mittwoch verlangt, daß bis zum 31. März em Budgetprovisorium bewilligt sei. Wie nun verlautet, werden fich die ftawischen Parteien dahin entschließen, die Bewilligung eines Budgelprovi- soriums bis zum Ende des Monats nicht zuzulassen. In diesem Falle dürfte der Ministerpräsident feine Drohung, das Abgeordnetenhaus anfzulöfen, wahr machen.

** In Bulgarien ist urplötzlich eine Minister­krise ausgebrochen, deren Ursache anscheinend auf ein persönliches Eingreifen des Königs zurückzuführen ist. Das Kabinett Malinow hat demissioniert; es ist gestürzt über die Frage bet Durchführung der Wahlen für die große Nationalversammlung. Es scheint, daß ihm König Ferdinand nicht die Kraft zutraute, in der Nationalversammlung die Durchführung des Revi­sionsprogramms gegen mögliche Ueberraschungen zu sichern.

** Kein Grundbesitz für Ausländer. Der Senat des südamerikanischen Staates California hat ein Gesetz angenommen, das Ausländer vom Erwerb von Grundbesitz ausschließt.

Deutschkonservative

Reichspartei

Deutsche Reformpartei

Wirtschaftliche Bereinigung

Zentrum

Polen

Nationalliberal«

Liberale Reichspartei

Fortschrittspartei Sozialdemokraten Bei keiner Fraktion

wt. Der Leihverkehr der preußische« Bibliotheken.

Der „Seihverkehr" der preußischen Bibliotheken untereinander hat jetzt gegenüber früher eine wesent­liche Ausdehnung erfahren. Durch einen Erlaß des Kulturministers vom 1. November 1910 wurde auch den nichtsiaatlichen öffentlichen Bibliotheken Preu- ßmS die Möglichkeit eröffnet, an ben Leihverkehr An­schluß zu nehmen. Vorbebingnng ist babei natürlich, daß die betreffend Bibliothek ihren eigenen Bücher­schatz den anderen beteiligten Bibliotheken zu denselben Bedingungen lecht, wie fie jene in Anspruch nimmt.

Die neuesten Hefte deS „Zentralblattes für bas Bibliothekenwcsen" veröffentlichen nun die Listen bet Lanbes-, Stabt- unb Schulbibliotheken, die von diesem neuen Recht« Gebrauch gemacht haben. Unter den angeschlossenen Bibliotheken befindet sich auch die Ständische Lan des b iblio th ek in Fulda.

Praktisch gestaltet sich die Benutzung der neuen Einrichtung für das Publikum im wesentlichen fol- genderrnaßen: Der Benutzer, dem ein Werk in Fulda nicht zugänglich ist, bestellt es bei der Fuldaer Lanbes- bidliolhek „durch Leihverkehr". Die Bibliothek gibt die Bestellung weiter an die Universitätsbibliothek der Provinz, vorliegendenfalls also nach Marburg, es sei denn, daß der Bibliothek in Fulda ober bem Besteller bekannt ist, baß bas verlangte Werk auf her Mar­burger Bibliothek fehlt. In diesem Falle und ebenso, wenn die Marburger Bibliothek selbst feststellt, daß ste das Werk nicht besitzt, wird der Bestellschein im allge­meinen an die Königliche Bibliothek in Berlin gehen. Fehlt auch ihr das Werk, so wandert der Bestellschein, toofem bei der Bestellung ein „A" darauf verwerft ist, an das im gleichen Gebäude mit der Berliner Bib­liothek befindliche „Auskunftsbureau der deutschen Bibliotheken", und dieses weist alsdann, und zwar, wenn möglich, zunächst aus dem Streife der an den preußischen Leihverkehr angeschlossenen Bibliotheken, eine nach, die das Werk besitzt. Mit dieser Angabe versehen, kehrt der Bestellschein alsdann zum Besteller oder vielmehr zu der Bibliothek, von der dieser res- fortiert, zurück, und es kann nun bei der vom Aus­kunftsbureau aufgegebenen Bibliothek die Bestellung erfolgen. Erhalt nun der Fuldaer Besteller das ge­wünschte Werk — sei es sofort von Marburg oder von Berlin oder von der durch das Auskunftsbureau nach­gewiesenen Bibliothek, z. B. der Landesbibliothek in Wiesbaden oder der Universitätsbibliothek in Kiel — so darf er es in der Regel 3 Wochen hindurch benutzen und hat dafür eine Gebühr von 20 Pfg. zu entrichten, gegenüber dem früheren, recht kostspieligen Verfahren ein erheblicher Fortschritt! Für den Verkehr der Königlichen Bibliothek Berlin und der Universitäts­bibliotheken bleibt die frühere Gebühr von 10 Pfg. be­stehen. Daß der Satz hier ein niedrigerer ist, recht­fertigt sich u. a. ans bem Grunde, daß die Benutzer dieser Bibliotheken („Kategorie A") ohnehin, wofern sie sich nicht auf reine Lesesaalbenutzmig beschränken, eine Vibli otheks abgabe in Höhe von 2,50 Mk. auf das Halbjahr zu zahlen haben, von der die Benutzer der übrigen Bibliotheken („Sategcrie B") frei sind, auch wenn sie die Anstalten A im Leihverkehr beliebig oft in Anspruch nehmen. Auch für den Leihverkehr der Bibliotheken B untereinander und ebenso auch bei der Beanspruchung einer Bibliothek B durch eine A beträgt die Gebühr 20 Pfg. Der Benutzer in Marburg also, der ein Buch aus der LandeSbibliothek in Fulda ent­leiht, hat dafür 20 Pfg. zu zahlen, während er es ans Bonn ober Königsberg, von den Universitätsbiblio­theken für 10 Pfg. haben kann. Die neuangeschloffenen Bibliotheken werden daher von den großen Biblio­theken vermutlich nur in besonderen Fällen, wenn eben das Werk auf den Bibliotheken A nicht vorhanden, ist, in Anspruch genommen werden; dies bringt ins­besondere auch schon der Umstand mit sich, daß das „Auskunftsbureau" in der Regel zunächst, wenn mög­lich, den Fragenden eine Bibliothek A nachweist; auch wird der Besteller von dort das Buch nicht nur bil­liger, sondern, bei dem regeren und häufigeren Ver­kehr dieser Bibliotheken zumeist auch schneller bekom­men. Die neuangeschlossenen Bibliotheken werden also ans der neuen Einrichtung selbst weit mehr Nutzen ziehen, als sie den anderen Bibliotheken dafür gewähren werden.

Ms dem Nachbargebiele.

* Simmershaufe«, 23. März 1911. Am Sonntag fand dahier eine Verfannnlung des Volksver­ein» statt. In einem sehr beifällig aufgenommenen Vortrage wurde die Entstehung und das Ende des Kirchenstaates behandelt.

* Schlitz, 22. März 1911. Um ihre Mitglieder vor Schaden zu bewahren, hat die hier bestehende Viehverst cherungSanstalt ta ihrer legten Generalversammlung beschlossen, daß sämtliche» Vieh, das tn Schlitz sowohl wie nach außerhalb zum Schlach­ten verkauft wird, versichert werden muß. Jeder Ver­käufer erhält zur Versicherung eine Vergütung von drei Mark aus der Vereinskasfe.

* Eichenberg, 23. März 1911. In den Freiherr- lich von Bischofshausenschen Waldungen bei dem Dorf Berge wurde ein mit Holzabfuhren beschäftigter Fuhrknecht von einem beloben en Wagen überfah­ren unb sofort getötet.

♦ Hemfurth, 22. März 1911. Mit den Weiter- arbeiten an der großen Sperrmauer an der Eder­talsperre wird in Kürze wieder begonnen. Während der Winterszeit haben die Atbetten geruht, dagegen ist mit den übrigen mit der Sperre verbundenen Ar­beiten fortgefahren worden. Auch diese sollen jetzt mit erweiterten Kräften betrieben werden.

* Obermockfiadt, 22. März 1911. Auf Anregung des sozialen Museums zu Frankfurt a. M. wurde die Bildung eines Hilfskonsortiums tn die Wege geleitet, das die Folgen des K o nku r s es d e s Vorschuß- unb Kreditvereins Obermockstabt burch eine nicht in der Form der Wohltätigkeit, sondern auf geschäftlicher Grundlage beruhende Hilfsaktion mildern sollte. In der letzten Kreistagssitzung in Bü­dingen nun wurde bekannt gegeben, daß die mit der Hessischen 8 an d eS h y p o th ek enb an k be- absichtigte Hilfsaktion in Obermockstadt als gescheh, tert zu betrachten ist.

* Kassel, 22. März 1911. Aus der Frankfurter Chaussee bei Guntershausen rannte etn Automobil gegen einen Baum unb beide Insassen wurden heran» geschleudert. Der Besttzer deS Automobils erlitt leich­tere Verletzungen, dagegen toutb« der Chauffeur lebensgefährlich verletzt.

V Kassel, 20. März 1911. In letzter Zeit wird viel für das Residenzt beater und seinen äugen» blickiichen Direktor W. Nord au geschrieben und gesprochen. Der „Goethebund" hat in schwulstigen Tiraden denselben al» den berufenen Mann für bi« Hebung der Kasseler Theaterverhällniff« gepriesen, ba das Röntgt. Hoftheater seinen Aufgaben nicht gerecht würde. Verständge Leute sehen allerdings jetzt schon ein, daß viel Großtuerei dabei ist, tpi« die letzte Jbsenaufführung bewiesen Hal. Schrieb doch ein Kasseler Blatt, daß man an jenem Abend fast in einer Art „Schmiere" zu sein glauben mußt«, Auf dem Spielplan steht auch ein Stück „Glaub« und Heimat" von dem Tiroler Dichter Karl Schönherr. Unsere Leser werden sich gewiß intet» essieren für ein Urteil, das der keineswegs katho», iikensreundliche,T ürmer' (Februarheft 1911, Seite 577 f.) enthält. Man liest dort:

„Leider sind nicht alle Sympathien, deren Schön» Herr sich erfreut, nur der Ausfluß objektiver Beur». teilung seiner dichterftchen Leistungen; sie sind teilweise auf Rechnung politischer und reliaiifer Len­denten zn setzen, die aus einzelnen seiner Werke hervor», leuchten ober doch ohne Schwierigkeit in ste hineiiigelegt werden können. Die» gilt fit besonderem Maße von dem Drama „Glaube und Heimat". Der Dichter schildert bann, wie et sich ausdrückt, .die Tra» göbie eines Volkes", nämlich die Leiden und Verfol­gungen, denen die Bekenner des neuen evangelische» Glaubens zur Zeit der sogenannten Gegenreformatio» vonsrtten der katholischen Landesgewalt in ben Alpen» ländern ausgesetzt waren. Es war gewiß eine schlimm« Zeit, in der es an Ungerechtigkeiten und Grausam» keilen nicht gefehlt haben dürfte. Doch so schlimm, rote es der Repräsentant des katholischen Herrscher­hauses, „der Reiter deS Kaisers", in dem Stücke treibt, der tm Blute der „Ketzer" sörmlich wühlt unb fie, wenn sie nicht zum wahren Glauben zurückkehren wollen, erbarmungslos von Haus und Hof jagt, wird es, wenn überhaupt, wohl nur in einzelnen seltenen Fällen zu» gegangen sein. Bei der ungleichmäßigen Verteilung von Licht und Schatten wirb nun der Zuschauer, zumal roenn er schon mit vorgefaßter Meinung das Haus be­tritt, nur zu sehr geneigt fein, den ihm vorgeführten empörenden Fall als typisch anzusehen, was der bemonftrationfluftigen Menge, die bet jeder Vorstellung das Theater bis züm Giebel füllt, unausgesetzt Anlaß

sandte. „Auf ein baldiges, frohes Wiedersehen!" Damm verzagen wir nicht. — Doch jetzt wollen wir eine Ausfahrt unternehmen. Ihr sollt mit. Uebri- genS, ist Edwin zu Hause? Er könnte mitfahren."

„Soviel ich weiß, lieber Papa, ist Edwin fortge­ritten. Er wollte nach dem Roderichschacht."

Indem trat das Kammermädchen ein. „Der Herr Graf lassen bitten, eintreten zu dürfen."

„Gut, Babette, der Herr Graf Ist uns willkom- mtn."

Graf Edwin stürmte in das Zimmer herein. Er nahm fich nicht einmal Zeit, die Damen zu begrüßen. „Großpapa," rief er erregt aus, „ist es möglich, daß so etwas geschehen konnte? Eben erzählte mir mein

Kronberger Freunde war der Bezirksschulinspeftor. Dieser war trotz seiner beschränften Mittel auf einer religionslosen Lehrerbildungsanstalt Lehrer geworden. Als Adjutant wurde er nach Kreuzendorf an die dor­tige katholische Schule versetzt, trotzdem sich Pfarrer und Gemeinde mit aller Macht gegen die Anstellung dieses Atheisten wehrten. Ja, selbst ein Bittgesuch an den Fürsten hatte keinen Erfolg. Der Gemeind« bemächtigte sich natürlich eine furchtbare Erregung. Die Väter weigerten sich, ihre Kinder in die Schule dieses Gottesleugners zu schicken. Was erreichten sik aber damit? Sie wurden mit großen Geldsttafen be­legt, sodaß sie schließlich zu ihrem großen Schmerze nachgeben mußten. Endlich schlug für ste die Stunde

Der Erbe von Eberstein.

10] Roman von Edmund Nowak.

„Herr Gras", begann ber Assessor, „ich komme in einer mir persönlich sehr unangenehmen Angelegen­heit. Im Auftrage der Regierung muß ich bic Aus­weisung Ihres Schloßkaplans Xinienez als bit eines lästigen Ausländers vornehmen. Wollen Sie--"

„Genug dessen, Herr Assessor," schrie der Graf auf. „Sie wagen das mir, einem Reichsgraseu von Eber- fteln, zu bieten? Nicht genug, daß Sie in Ihrem Bezirke gegen Mönche unb Nonnen wie ein Tyrann wüten, wollen Sie noch mein HmiZ beschimpfen!"

„Herr Graf, ich stehe hier im Namen ber Regie­rung, unb jede Verletzung meiner Person muß ich als eine Verletzung meiner vorgesetzten Behörde ansehen. Ich gehe, aber Sie werden sich an anderer Stelle zu verantworten haben. Im übrigen wollte ich jede» Aufsehen vermeiden, so aber zwingen Sie mich, Ihren Hausgeistlichen durch die Landgendarmen entfernen zu lassen."

Dec Graf befand fich in furchtbarer Erregung. Sein ganzer Körper zitterte unb bebte,. Sein einziger auf­richtiger Freund, sein geistlicher Berater, der ihm stets treu zur Sette gestanden, sollte ihm jetzt entrissen wer­den? Nein, daS kann, das darf nicht fein. Schon Wollte er in seinem gerechten Zorn gegen diese despo­tische Maßregel missohren, als sich ber Priester von seinem Stuhl erhob und des Grafen Rechte bütenb er­faßte.

„Lasse« Sie es gut fein, Herr Graf, irichls geschieht ohne ben Willen Gottes, also auch meine Vertreibung nicht. Ich scheide ohne Groll von hier, weiß ich doch, daß der Herr dort oben mich wieder zurückführen wird nach Schloß Eberstedt. Sie, Herr Assessor, begehen einen utwerzcihlichen Fchlgriff. Ich bin kein Aus­länder unb mindestens ein ebenso guter Deutscher, wie Sie es sein wollen. Doch Gewalt geht vor Recht. Bitte, jch folge Ihnen."

Pater Ximenez und der Assessor verließen das Zimmer. Ter Graf sank stöhnend in den Sessel zurück. Mit seinen weifen Händen bedeckte er fein Antlitz.

Lange saß er so da im stummen, herzzerreißenden Weh. Endlich raffte er fich auf. Er schwankte ganz gebro­chen aus dem Zimmer. Im Sonibor begegnete ihm sein Kammerbiener Felix. Als bleser ble schwankende Gestalt sah und ben Grasen erkannte, erschrak er sehr, Er trat an ihn heran unb mit besorgter Miene fragte er, ob sich ber gnädige Herr unwohl fühle. Der Schloß­herr blickte auf. „Ach, du bist es, Felix," sprach er kaum hörbar.

„Gnädiger Herr, ber hochwürbige Pater ist mit einem fremden Herrn sorigefahren. Beim Einsteigen in den Wagen sagte er mir noch: Felix, sage dem Herrn Grafen: „Ans ein baldiges, frohes Wieder- sehen 1"

Der Graf erfchauerie bei diesen Worten. Doch er ermannte sich. Auch diese Prüfung wollte er ge­duldig ertragen. „Gut, Felix," sagte er laut, „ist die Frml Gräfin zu sprechen?"

„Jawohl, gnädiger Herr", erwiderte die treuher­zige Seele.

„Dann sage dem Jakob, er soll anspannen, ich werde aussahren."

Der Diener entfernte sich, um den Befehl seines Herrn auszuführen. Der Graf schritt nach ben Zim­mern seiner Tochter. Er fand sie mit Isolde tm Boudoir. Beide erschraken nicht wenig über fein Aus­sehen. „Papa, um Gotteswillen, Papa, was fehlt dir?"

„Ach, Stuber," klagte der Graf, „Gott hat unser Hau» schwer heimgesucht. Unser Trost, unser alles, Pater Ximenez ist soeben von un» weggeführt worden, um de» Lande» verwiesen zu werden."

Ein schriller Schrei von den Lippen Isoldens war die Antwort auf diese traurige Nachricht. „Vater X im en eg, Vater Ximenez," schrie die Komteß In einem sock, „wo bist du? O Gott, wohin haben dich die verruchten Menschen geschleppt?" Ein konvulstsche» Schluchzen erschütterte ihren Körper. Die Gräfin suchte ihre Tochter zu beruhigen, doch »ergeben».

„Meine Lieben," ließ sich der Schloßherr verneh­men, „trösten wir un». Hoffen wir zum Allmächti- gen, daß er den Gruß unseres ließen guten Paters in Erfüllung gehen läßt, den er uns durch Felix über­

Diener, daß der Regierungs-Assessor von Alst unseren Schloßkaplan in Haft genommen hat, um ihn bann des Landes zu verweisen? Sprich, hat dieser Mensch wirklich so etwas gewagt? Wenn ja, dann wehe ihm. Sofort will ich nach Kronberg reiten und ihm zeigen, daß ein Graf Eberstein einen solchen Schimpf unmög­lich auf sich mhen lassen kann."

„Du hast die Wahrheit gesprochen, mein lieber Edwin. Doch kannst du hier nichts mehr ausrichten. Denn Gewalt geht vor Recht. Laß gut sein. Nach Regen kommt Sonnenschein. Auch diese trüben Tage werden vergehen. Nun aber komm. Wir wollen eine kleine Ausfahrt machen. Vielleicht begleitest du uns?"

„Mit dem größten Vergnügen, lieber Großpapa." Mtt einer Verbeugung gegen Tante und Kusine ver­ließ er mit dem Schloßherrn das Gemach.

Wer war jetzt zuftiedener als Edwin? Wo» er so lange betrieben hatte, das war ihm endlich gelun­gen. Sein verhaßtester Feind war unschädlich ge­macht. Jetzt konnte er sich freier bewegen. Und b&8 tat er auch tn vollen Zügen. So oft er nur abkom­men konnte, ritt oder fuhr er nach Kronberg zu seinem Busenfreunde Alst, wo bis tief in die Nacht hinein getarnten unb gespielt wurde. Edwin verlor große Summen, die zumeist sein Freund einheimste. Ging ihm daS Geld aus, so mußte der gräfliche Rendant neue Summen geben; hatte doch der Schloßherr ihm die Weisung gegeben, seinem Enkel Geld in jeder ver­langten Höhe zu ge6en. Der dritte Im Bunde ber

ber Erlösung. Doch mit welch' großen Opfern sollten ste ihre Freiheit erkaufen! Pfarrer Fürchtegott, der mit tiefster Betrübnis zusehen mußte, tote die Kin­der tm Unglauben erzogen wurden, konnte fich an einem Sonntag nicht mehr zurückhalten und kritisierte das Vorgehen der Regierung. Der Schulinspeftor, der an den Sonntagen die Predigten eifrig besuchte, um sich etwaige verfängliche Worte zu notieren unb sie dann feiner Behörde zu melden, freute sich im Innern unbändig, daß er nun Gelegenheit haben sollte, den verhaßtm Gegner tn» Gefängnis zu bringen. Kaum zu Hause angelangt, machte er bei der Regierung eine gehörige Anzeige. Die Folge blieb nicht aus. Pfar­rer Fürchtegott wurde In den Anklagezustand versetzt und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Auch der Juda» erhielt seine Silberlinge. Er wurde zur Be­lohnung sedier Heldentat zun, Vezicksschulinspektor in Kronberg ernannt, nachdem man seinen Vorgänger zwangsweise in den Ruhrstand versetzt hatte. Noch einen gab eö in Kronberg, der gewürdigt wurde, Mit­glied dieser tblen Tafelrunde zu fein. Das war der Rechtsanwalt Herz. Seine Eltern, bmve, gut katho­lische Bauersleute tn Moosdorf, weinten sich die Augen wund um diesen Sohn. Als Herz sich als Rechtsanwalt in Kronberg niedergelassen hatte, lernte er auf einem Valle die Tochter eines atheistischen Kommerzienrats lernten, verliebte fich in dieses schöne Weib unb sand auch Gegenliebe.

(Fortsetzung folgt.)