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Mittwoch -en 22. März V>Ib 58. Jahrgang.
* fuldaer
U Zeitung •
2. Blatt.
vruck und Verlag der zuldaer LettendruSerr in 5«lda.
K Zur elsatz - lochringifchen Ber- faffmrgsfrage
brachte die „Nordd. Allg. Ztg." in ihrem letzten Wochenrückblick einen Mahn- und Drohartikel, der darauf stnauslimst, daß die Vorlage fcf)eitern werde, wenn noch „Sonderwünsche", die über das Angebot der Regierung hinausgingen, weiter geltend gemacht würden. Natürlich fehlt am Schluffe nicht die stereotype Wendung: Die Verantwortung für diesm Ausgang, der die Reform auf lange hinaus in Frage stellen müßte, fiele dann nicht den verbündeten Regierungen zu.
In die „Verantwortung" haben sich alle Faktoren, die an der Gesetzgebung beteiligt sind, brüderlich zu «eilen. Sollte die Sache zu Fall kommen, so darf man nicht bloß auf die Reichstagsmehrheit schelten, die zu viel gefordert habe, sondern man muß auch nachprüfen, ob denn Reichskanzler und Bundesrat nicht noch etwas mehr Verständnis und Nachgiebigkeit für die sog. Sonderwünsche hätten bezeigen »önnen.
Richtig ist, daß die Regierung durch das Zugeständnis der drei Bundesratsstimmen eine gewisse Nachgiebigkeit bewiesen hat. Das ist ja auch mit f'anf anerkannt worden. Aber ist nun dieses Zugeständnis so großartig und durchschlagend, daß alle übrigen bedenklichen Klauseln der Vorlage, z. B. die Ernennung der Minister von Berlin aus, die Ernennung her Hälfte der ersten Kammer von Berlin aus, die Einschranfimg des Budget- und des Wahlrechts usw, unbeseSen en bloc angenomn:«: werden müssen?
Die Regierung wird selbst nicht leugnen können, daß ihr Vorschlag zur Vertretung Elsaß-Lothnngens im Bundesrat sich gekünstelt ausnimmt. Wie mit diesem Trio von Stimmen, die gegen Preußen gezählt und für Preußen nicht gezahlt werden sollen, der Bundesrat sich abfinden wird, wollen wir ihm überlassen. Die Elsaß-Lothr inger aber richten ihr Augenmerk hauptsächlich auf die Instruktion ihrer 3 Bundesratsstimmen, und dabei ergeben sich j cf ort Bedenken und Wünsche nach folgerichtig e-r Gestaltung der staatsrechtlichen Verhältnisse. Der Statthalter soll auf plötzliche Entlastung angestellt und in allen seinen sonstigen Obliegenheiten nur durch den 'luftiag des Kaisers bevollmächtigt, also von den jeweiligen verantwortlichen Räten des Kaisers in Berlin abhängig fein; auch feine ministeriellen Gehilfen und Vertreter vor dem Landtag soll er nicht selbst ernennen dürsen. Aber in dem einen Punkt der Ernennung und Jnftruierung der BundesratSstimmeu soll er nicht durch einen Berliner Auftrag, sondern durch einen Rechtssatz bevollmächtigt sein, also ein Stück Selbstherrlichkeit zur Schau tragen, das mit seiner sonstigen Abhängigkeit nicht harmoniert. Alls ob er diese Vollmacht ohne Wiffen und Willen der ihm beigegebenen Minister und ohne Rücksicht auf die über sein Gehen oder Bleiben entscheidende Berliner Regierung ausüben könnte! Die nächste und zwingendste logische Forderung ist, daß der Statthalter, der die Bundesratsbevollmachtigten ernennen und instruieren soll, auch das Recht bekommt, seine eigenen Minister zu ernennen. Der dahingehende Antrag des Zentrums war eigentlich selbstverständlich. Daß der von der Berliner Regierung sorgfältig ausgesuchte und in Abhängigkeit gehaltene Statthalter jemals reichsgefährliche Unmenschen zu Miniftem ernenne, ist doch wirklich nicht denkbar. Sogar von einem lebenslänglichen, aber durch Bundesratsbeschluß absetzbaren Statthalter braucht man sich einer solchen Möglichkeit nicht zu versehen.
Schon die Betrachtung dieses einen Pmcktes zeigt, daß die Regierung wirklich nicht behaupten kann, sie sei bis an die äußerste Grenze der erträglichen Zu- geständniste gegangen, und daß sie vor allem kein Recht hat, die Vertreter von Abänderungsvorschlägen als verwegene Taktiker ober gar Demagogen hinzustellen.
An den berühmten Titel der „philosophischen Rückständigkeit" erinnert folgender Satz des offiziösen Artikels: „Wenn Politik der Sinn für das Mögliche und die Gabe ist, Wesenttiches vom Unwesentlichen zu unterscheiden, so wird em Politiker das Wesentliche, das heute möglich ist, nicht durch das Unmögliche, das unweseuüich ist, gefährden können". Schön gesagt. Aber was ist denn möglich, und was ist denn wefent- 'ich? Air halten es für das Wesentliche, daß Elfaß- lothringen so viel bundesstaatliche Autonomie erhält, als zur Befriedigung der gutgesinnten
Bevölkerung notwendig ist und das Land aus der ver- assungsrechüichen Agitation in eine Periode der soliden und fruchtbaren Arbeit der Lcmdeswohlfahrt führt. Eine Halbheit, die nicht beruhigend wirkm, fonbem nur den Anlaß zu neuen konstitutionellen Krämpfen und Kämpfen geben würde, hat keinen wesentlichen" Wert. Der umstchttge Polittker wird abzu- meffen haben, ob es nicht bester ist, die Zeit für eine befriedigende Möglichkeit abzuwarten.
Wahlanssichien.
Am Vorabend der Gießener Reichstagsersatzwahl hatte der nattonalliberale Abg. Dr. Paasche erklärt, daß diese Wahl eine Art Vorspiel für die allgemeinen Neuwahlen bedeute.
Wenn dies Wort zutreffend wäre, würden die Neuwahlen den totalen Zusammenbruch der Nationalliberalen zeitigen und die freisinnige Volkspartei nur soweit emporkommeu lasten, daß sie den Ausschlag für die Sozialdemokratte geben kann. Gießen konnte eine solche Probe aber nicht abgeben, da nicht alle Parteien an dem Kampf beteiligt waren; rttr so viel steht fest, daß die Nationalliberalen aus diesem Kreise endgiltig aus sch ei den. Diese Niederlage schmerzt sehr nach dem Hachen Sieg im bayerischen Allgäu, wo das Zentrum ein seit Jahren unsicheres Mandat verloren hat, dafür aber den festen Kern seiner Wähler um so geschlossener hielt.
Das Z e n t r u m hat in allen Nachwahlen seit 1907 gut abgeschnitten und namentlich das sehr gefährdete Mülheim-Wipperfürth tapfer gehalten; auch seine Wähler im Allgäu blieben ihm bis zum letzten Mann treu. Die gesamte politische Entwicklung sorgt dafiir, daß keine Steine am Zentrumsturm abbröckeln; ein Blick auf die vielen kirchenpolitischen Debatten in den Parlamenten beweist der Zentrumswählerschaft täglich aufs neue die Notwendigkeit der alten großen Partei. Die liberale Presse besorgt dann das »eitere und leistet dem Zentrun! gute Dienste. Das vierzigjährige Jubiläum der Zentrumsfraktion des deutschen Reichstags hat aufs neue bekundet, daß der Zentrumsturni auf solidem Fundament ruht, daß ihn keine rollende Mark und kein Flugblaitmeer erschüttern tarnt. Das Zentrum hat durch jahrelange intensive Agitation und Aufllärung vorgebeugt, so daß erschütternde Niederlagen so gut wie ausgeschlossen sind, so lange es einig bleibt, und die Einigkeit zu fördern, ist die wichtigste Aufgabe der Partei. So lange aber das Zentrum mit 100—110 Mandaten vorhanden ist, die Polen mit 20 Sitzen, solange ist es mtsgeschlosseu, daß der Wahlblock von Bassennann bis Bebel zu einer parlamentarischen Mehrheit auswächst. Bei Ersatzwahlen kann es leicht vorkomme», daß die Liberalen die Sozialdemokraten, letztere die Liberalm unterstützen; aber bei allgemeinen Neuwahlen ist doch die Situation eine wesentlich andere; da kommt der Trieb der politischen Selbsterhaltung mehr in den Vordergrund, als die Rache gegen den schwarz-blauen Block. Wenn es dann heißt: „Leistungen gegen Leistungen" und der kalte Rechenstift die Stichwahlabkom- men zum guten Teil mitenkfcheidet, wird das Bild sich ändern. Es sei denn, daß der Liberalismus seine Morgenröte nach dem Untergänge im „roten Meer" erwartet.
Ungeschickte Stichwahlen zu vermeiden, wird eine Hauptaufgabe jener Parteien sein, welche eine ruhige stete Weiterentwickelung der politischen Verhältnisse erstreben. Die Stimmen zu messen und zu zählen, hatte 1907 hohe Bedeutung für viele Parteien; 1911 ist die Situation anders. Es ist von Anfang an die endgiltige Zusammensetzung des Reichstages im Auge zu behalten
In der „Köln. Volkszeitung" rechnet ein genauer Kenner aus, wie es mit den Zentrumsmandaten stehen würde, wenn die Zenttumswähler so bei der Stange bleiben, ivie in Jmmenstadt Lindau, was ja durchaus anzunehmen ist. Er kommt zu folgendem Resultat:
„Bleibt dein Zentrum die Stunmenzahl von 1907 erhalten, dann fallen vorweg alle Wahlkreise schon hn ersten Wahlgange dem Zentrum zu, in denen es bei den letzten Wahlen 50 und mehr Prozent der Stim- tren aller Wahlberechtigten auf feine Kauoidalcn vereinigen konnte. Dieser Kreise gibt es unter den Zentrumssitzen ober nicht weniger als GC> Zwischen 50 und 60 Prozent weisen folgende Kreise auf: 1. Allen- stein, 2. Frankenstein, 3. Leobschütz, 4. Neustadt O-
S., 5. Recklinghausen, 6. Montabaur, 7. Fulda, 8. Siegkreis-Waldbröl, 9. M.-Gladbach, 10. Neuwied, 11. Koblenz, 12. Aachen, 13. Aichach, 14. Ingolstadt, 15. Wasserburg, 16. Traunstein, 17. Landshut, 18. Amberg, 19. Neuenburg v. Wald, 20. Neustadt a. Waldn., 21. Bamberg, 22. Eichstätt, 23. Aschaffenburg, 24. Lohr, 25. Neustadt a. S., 26 Donauwörth, 27. Dillingen, 28. Kaufbeuren, 29. Blaubeuren, 30. Rastatt, 31. Delmenhorst, 32. Schlettstadt und 33. Saargemünd. 60 bis 70 Prozent der Wahlberechtigten stimmten für das Zentrum in folgenden 16 Wahlkreisen: 1. Falkenberg, 2. Reisse, 3. Heiligenstadt, 4. Meppen, 5. Tecklenburg, 6. Münster, 7. Bonn, 8 Kempten, 9. Neuß, 10. Wittlich, 11. Trier, 12. Sigmaringen, 13. Kelheim, 14. Reumarkt, 15. Ravensburg und 16. Tauberbischofsheim. Zwischen 70 und 80 Prozent der Stimmen aller Wahlberechtigten erhielt das Zentnim in 14 Kreisen: 1. Braimsberg- Heilsberg, 2. Lüdinghausen, 3.Wa-l>urg-Hörter, 4. Arnsberg, 5. Lippstadt, 6. Bergheim EuSluchen, 7. Cleve, 8. Mayen, 9. Adenau, 10. Merzig-Saarlouis, 11. Malmedy, 12. Eupen-Aachen-Land, 13. Düren- Jülich und 14. Biberach. Endlich brachte bas Zen- trum über 80 Prozent der Stimmen aller Wahlberechtigten auf in folgenden Kreisen: 1. Paderborn (82,1), 2. Daun-Prüm-Bitburg (82,9) und 3. Henisberg- Erkelenz (87,5 Prozent).
Es sind also zwei Drittel aller jetzigen Zen trumskreise byn Zentrum unbedingt sicher, falls das Zentrum seine Stimmenzahi wie in Jmmen- stadt behauptet, selbst wenn alle Wähler bis aus den letzten Mann zur Urne gehen und alle Richtwahler von 1907 Gegner des Zentrums sein sollten.
Aber auch eine ganze Reihe von Wahlkreisen, in denen 1907 das Zentrum die starke Majorttät errang, in denen es aber nur infolge mangelnder Wahlbeteiligung die Zahl von 50 Prozent aller, die zur Wahl berechtigt find, nicht erreichte, wird bei einer ähnlichen Verschiebung wie in Jmmenstadt-Lindau dem Zentrum schon in der Hauptwahl zusallen, d. h. also, wenn das Zentrum und seine „bürgerlichen" Gegner ungefähr ihre alte Stimmenzahl behaupten, die Sozialdemokraten aber wie in Jmmenstadt Fortschritte machen. Es sind dies folgende Zentrumssitze, wobei die Zahlen in Klammem den Prozentsatz der abgegebenen Sttmmen, der auf das Zentrum entfiel, angeben: 1. Glatz-Habelschwerdt (70,9), 2. Landkreis Köln (52,4), 3. Weilheim (66,5), 4. Rosenheim (57,6), 5. Passau (72,5), 6. Deggendorf (63,5), 7. Regensburg (66,7), 8. Kronach (54,9), 9. Kihingeu (53,9), 10. Illertissen-Memmingen (62,7), 11. Aalen- Ellwangen (71,4), 12. Konstanz-Ueberlingen (56,1) und 13. WaldsHnt-Säckin gen (55,4).
Mit den oben angeführten 66 Kreisen würden dem Zentrum, wenn man sich die Wahlergebnisse von Jmmenstadt der Berechnung zugrunde legt, mithin nicht weniger als rund 80 Wahlkreise demnächst schon in der Hauptwahl zufallen. Tas Resultat dürste jedoch noch etwas günstiger werden, weil in manchen Kreisen die Rechte es bei den nächsten Wahlen sicher ablehnen wird, den Nationalliberalen ober gar den Freisinnigen, die Schulter an Schulter wie in Jmmenstadt mit den Sozialdemokraten gegen das Zentrum kämpfe», wieder wie bei den Blockwah- len Hilfe zu leisten. Und in bett Stichwahlkreifen des Zentrums haben, zum Leidwesen der äußersten Linken und der mit ihr gehenden Liberalen, nicht überall die Sozialdemokraten und Liberalen — wenigstens nicht allein — das entscheidende Wort, das ja stets gegen das Zentrum lauten dürste, zu sprechen. Daß trotz des besten Willens auch ein Großblock nicht alle Stichwahlstege des Zentrums verhindern kann, haben ja die letzten badischen Landtagswahleit zum Bedauern der Liberalen und Sozialdemokraten bewiesen, und auch die Ersatzwahl in Jmmenstadt-Lin- bau ließ ja infolge von 900 Zentrumsreserven den Vorsprung beS Großblocks von 2500 mts 1600 Stimmen zusammenschmelzen.
So zeigt eine nüchterne Betrachtung, daß diejenigen Recht behalten werden — und sie finden sich auch in großer Zahl im feindlichen Lager —, die eine wesentliche Schwächung des Zentrums bei den kommenden Wahlen für ans geschlossen halten. Die Wahl in Jmmenftadt-Llndau gibt keinerlei An- haltspimkte, etwas anderes erwarten zu müssen."
Deutsches Reich.
* Keine liberale Einigung im Rheinlande. Di, Verhandlungen zwischen der nationalltbera- len und der fortschrittlichen Volkspay tei zwecks gemeinsamen Vorgehens bei den nächste, Reichstagswahlen in der Rheinprovinz sind, wie bei richtet wird, gescheitert. Die nationalliberale Part« hat nunmehr der Volkspartei Vorschläge überreicht, di» die Ausstellung gemeinsamer Kandidaten fordern, so- Iveit es möglich ist, und die Erwartung aussprechen, daß der Kampf zwischen Nationalliberalen und der Volkspattei überall in Formen gefühtt wird, die ein Zusammengehen in der Stichwahl nicht erschweren.
() Zur Witwen- und Waisenversorgung erhebt die sozialdemokratische Presse gegen das Zentrum schwere Vorwürfe, weil die lex Trimborn nicht mehr als 50 Millionen Mark eingebracht hat. — Bei den Genossen geht es nach dem Rezept: ganz wies trefft! Einmal wettert man gegen hohe Zölle, und wenn die Getteidezölle bann nicht mehr für bestimmte Zwecke einbringen, sondern in ihrem Ergebnis dahinter zurück- bleiben, dann schimpft man darüber, anstatt erfreut darüber zu fein, daß die Getreidezölle keine stärkere Belastung der Massen gebracht haben. Aber wenn man dieser Freude Ausdruck geben wollte, müßte man ja anerkennen, daß man seinerzeit im Kampf um die Zölle so unsäglich gelogen hat.
Ausland.
* Das Abkommen über die Bagdadbah«. Das türkische Blatt „Tanin" veröffentlicht den Text des mit der Bagdaböahn-Gesellschaft abgeschlossenen Abkommens. Außer den bekannten Bestimmungen ist daran- erwähnenswert, daß die Zweiglinie Osmanie— Alexandrette ohne Kilometergarantie gebaut wird. Der Hasen soll binnen vier Jahren nach Genehmigung der Pläne gebaut werden. In seiner Besprechung bet politischen Bedeutung des Abkommens hebt der „Tanin" hervor, wie dankktar dieTürkeiDeutsch land für diese Beweise der Freundschaft und guten Absichten sein muffe, und betont, durch die Verzichtleistung auf ihre Rechte bezüglich der Strecke Bagdad-^ Persischer Golf helfe die deutsche Gesellschaft der Türkei über die Schwierigkeiten hinweg, die England ihr bereiten" könne. Das Blatt weist schließlich darauf hin, daß der Verzicht auf die Erträgnisse der vierprozentigen Zollerhöhung und der Patentsteuer einen großen bet Türkei erwiesenen Dienst darstelle und bemerft, die Deutschen opferten somit matettelle Jntereffen zugunsten der dauemden Freundschaft mit der Türkei.
** Das Drunter und Drüber in der portugiesischen Republik wird immer größer. An verschiedenen Punkten der Haupfftadt Lissabon wurden Straßenbahnwagen angegriffen, in der Arsenalstraße stürzte sich M< Menge auf das Automobil des Ministers des Innern. Patrouillen der republikanischen Garde durchzogen die Stadt und zwangen die Manifestanten, die Ave» nita da Libettate in der Vorstadt Meantara zu räumen. Als Steine geworfen wurden, zog die Garde blank und zerstreute die Menge. Die Shndikatsführer wurden als Anhänger des Streiks verhaftet. Auch di« Setzer einiger Druckereien nehmen am Ausstande teil. — Und das alles in einer Republik, die von den modernen Weltverbesserern als der Hort der Freiheit gepriesen wird.
** Stokqpill gestürzt. Die Gestaltung der polt» tischen Verhältnisse in Rußland hat es so gefügt, daß Peter Arkadjewitsch Stolypin, der russisch« Ministerpräsident, bet bei Antritt seines Regiments im Juli 1906 förmlich als Retter des Vaterlandes begrüßt wurde, plötzlich sang- und klanglos von der politischen Bühne verschwindet. Die Parteien der Rechten haben ihm im Reichsrat eine schwere Niederlage bereitet, aber auch seine Autorität in der Duma hatte arge Sprünge erlitten. Der UkaS über Stolypins Abschied ist unterzeichnet. Der bisherige Finanzminister Kokowzew wird Ministerpräfident. Tas Innere übernimmt entweder Stürmer oder der frühere Nnterstaatssekretär deS Ministeriums deS Innern Makarow. Reratow wird mit der Verwaltung des Ministeriums des Aeußern beauftragt, das neue Kabinett bedeutet eine scharfe Schwenkung nach rechts.
Der (Erbe von Lberftein.
8] Roman von Edmund Nowak.
„Also wäre ich am Ziele meiner Wünsche ange- langt. Robert von Behringen, auch Miguel Bacheno genannt, ist jetzt Gras Edwin von Eberstein geworden. Zwölf Jahre war ich alt, als ich dieses Schloß mit meinem »Erdigen Vater schimpflich verlassen mußte. Der Vater, weil er betrog und stahl, und ich mit ihm, schon damals sedier wett. Wir zogen nach Kronberg. Als uns aber auch dort der Boden zu heiß wurde, da verschwand ich. Und was sollte mich auch zmückhatten? Etwa die Liebe zu meinem Vater? Ebenso gern hätte ich ihn tot sehen mögen. Und die Mutter? Die habe ich nie gekannt. Ja, wenn sie gelebt hätte, vielleicht wäre es mit mir nicht so weit ge- kvuimen. Hei, ich sehe jetzt noch die Zirkusgesellschaft, die nach Kronberg kam. Ich war jeden Tag in der Vorstellung, und als der Zirkus fortzog, verschwand auch ich von der Bildfläche. Das Schicksal warf mich in der Welt herum, bis ich nach Ecuador kam, wo der Grund zu meinem Glück gelegt werden sollte. Ich rettete dem Stein das Leben und ahnte nicht, daß er ein Gras Eberstein und ich einmal seinen Platz eiimebmen werde. Armer Edwin, schade, daß deine Reise nur von so kurzer Dauer sein sollte. Du siegst da tief unten auf dem Meeresgründe, aber ich werde dich auf Schloß Edelstein würdig vertreten. Graf Tankmar von Eberstein der Großvater von Behringml Wirklich, eine bessere Karriere hätte ich fürwahr nicht machen können. Es dürste wohl kein Mensch mein Spiel stören. Mein Vater, der Herr Scbloßhaupttnann a. D., wird wohl längst verderben stnter der Erde liegen. Und wenn nicht, dann wehe £ir, wen» du störend meine Wege kreuzest. Und Marietta? Von der droht mir keine Gefahr. Ich bin plötzlich auS Quito verschwunden, ohne eine Spur zu iinterlaffen. Doch fort mit allem Vergangenen. Ich lebe in der Gegenwart und die Zukunst gehört mir. Und wie mir dieselbe rosig lacht! Ich mitt sie zwingen, daß sie sich mir nach Wunsch gestaltet. . . . Jetzt
heißt es vor allem sondieren. Meine Kusine Isolde — ich darf sie doch jetzt so nennen — ist ein herrliches Mädchen, ein entzückendes Wesen. Gleich beim ersten Blick sagte mir eine Stimme im Innern: Sie muß mein Weib werden, und wenn ich die ganze Welt bekämpfen sollte. Freilich dürste es nicht leicht sein, ihr Herz zu gewinnen. Doch, was ich mir einmal vornehme, das führe ich auch aus, und wenn ich dabei zu Grunde gehen sollte. Und ihre Mutter? Ich glaube, hier wird der Kampf ein leichter sein. Sie dürste nicht ungern sehen, wenn Isolde Fran Gräfin Eber- stein werden würde. Wer mir aber ganz und gar nicht gefällt, das ist dieser Schloßkaplan. Mit dem werde ich noch einen schweren Stand haben, umsomehr, als ich für Religion und alles, was drum und dran hängt, nicht zu haben bin. Geld und ein lustiges Leben, das sst mein Gott, meine Parole. Alles übrige ist Nebensache. Darum nmß es meine erste Aufgabe fein, diesen Pater so schnell als möglich vmi schloß Eberstein fortzubesorgep. Freilich nmß ich recht vorsichtig zu Werte geben. Vor allem muß ich dm Tugendbold spielen, bis ich die Zügel in die Hand bekomme. Dann aber wehe euch allen, auch dir, mein Püppchen Isolde, wenn du mir nicht willig bist! So, das wäre vorläufig meine Disposition. Jetzt wollen wir schlafen gehen und sehen, wie Graf Edwin hn Schlosse feiner dlhnen ruhen wird. Ha, ha, ha!"
In den Räumen der Gräfin Cacilia war man auch noch nicht zur Ruhe gegangen. Im Boudoir saßen Mutter und Tochter und tauschten chre Gedanken über den jungen Grafen aus. Der Gräfin gefiel Edwin ungemein. Sie hatte ihn jetzt schon in ihr Herz geschloffen, und sie sagte sich, daß er chr als Schwiegersohn sehr angenehm wäre. Nicht so Isolde. „Weißt bu, Mama, mir gefällt ment neuer Vetter ganz und gor nicht. Er hot ttwas an sich, was ihn abstoßend macht. Und dann dieser Blick! Wenn er mich so ftan ansieht, bekomme ich Angst vor ihm."
„Du bist ein imnnnes Gänschen, mein .Kind. Wie kannst du ^tzi schon eine solche Abneigung gegen ihn haben. Lerne ihn doch erst kennen, und ich bin überzeugt, daß du ihn recht gut wirst leiden tmd vielleicht
auch — lieben können. Ich würde ntich sehr freuen, wenn ihr einmal ein Paar würdet, ein Wunsch, den auch Großpapa hegen dürfte. Doch, geh jetzt zur Ruh und träume süß!"
Isolde zog sich in ihr Schlafzimmer zurück. In ihrem Köpfchen aber ging es in einem fort: den betraten, nein, nie, nie.--—
In den nächsten Tagen wurde der junge Graf von feinem Großvater überall auf Schloß Eberstein umhergeführt und mit den einzelnen Zweigen der Verwaltung bekarmt gemacht. Graf Edwin schien für alles ein lebhaftes Interesse zu zeigen. Später besichtigte er mit dem Generaldirektor Dr. Sern die ein- zeltien Tomimen und Vorhöfe, dann die Grubenanlagen, die zu Eberstein gehörten, sowie die mächtigen Hüttenwerke. Das Besitztum war ein gewaltiges, und Graf Eberstein zählte zu den reichsten Magnaten weit und breit.
Die Ankunft des jungen Grafen hatte begreiflicherweise in der ganzen Umgegend das größte Aufsehen hervorgerufen. Besonders die Gutsnachbarn erwarteten schon mit größter Neugierde den Antrittsbesuch des Erben von Eberstein. Eines Tages erklärte der Schloßherr seinem Enkel, es wäre nunmehr der Zert- puntt herangerückt, die üblichen Besuche zu machen. Er würde ibn gern auf seinen Fahrten begleiten, sein hlches Alter verbiete ihm aber jede Beschwerlichkeit. Mit Hilfe des Schloßgeistlichen mürbe dann die Besuchsliste ausgestellt. Als man auf den Nachfolger des Baron von Rottenburg zu sprechen kam, erklärte der alte Gras, der Besuch müßte auf jeden Fall unterbleiben.
„Sieh mol, Edwin", setzte er erläuternd hinzu, nachdem et kurz den Grund für die Amtsniederlegung des Barons Rott en bürg angegeben hatte, „Baron Rottenburg, der sich, trotzdem er einer strenggläubigen protestantischen Familie angehört, nicht zmn Schergen gegen unschuldige Orden hergeben wollte, aing. An feine Stelle sandte die Regierung den Äffeffor Dr. von Alst. Und dieser Herr wartete erst nicht die Frist ab, die de» armen Ordensschwestern
gelvährt worden war, sondern trieb sie so schnell tote möglich aus Kronberg heraus. Diesem Manne, der auf dem letzten Bezirkstage erklärt hat, er werde nicht eher ruhen, bis der letzte Mönch und die letzte Ordensschwester zum Tempä hinaus seien, kann und darf ein Graf Eberstein seinen Besuch nicht machen."
„Aber lieber Großpapa, du mußt die Sache nicht so tragisch nehmen. Ich kann es dem Assessor wirtlich nicht verübeln, wenn er so streng vorgeht. Er ist ja auch dazu gezwungen, und will er vorwärts kommen, so muß er seine Pflicht auch voll und ganz erfüllen. Und übrigens, meine ich, ist es ganz gut, wenn mit diesen Orden aufgeräumt wird. Bei uns in Südamerika ist man nicht so engherzig, da springt man mit diesen Leuten ganz anders um. Was tun sie denn? Sie häufen Vermögen über Vermögen zu einem toten Kapital an, das doch der ewig hungrige Staatssäckel sehr gut gebrauchen kann. Und sind das nicht alles Seute, die dem Herrn den Tag stehlen? Darum meine ich, fort mit ihnen. Man kann Dr. von Alst nur---—"
„Schweigen Sie, Herr Graf," tönte ihm bie Stimme des empörten Schloßkaplans entgegen. „Wie können Sie als Nachkomme üneS so edlen Geschlechtes, das seinen Glauben immer hochgehalten, es wagen, solche frevelhaften Worte zu sprechen?
Der Schloßherr war bis in sein Innerstes erregt. Was mußte er hören? All' das Furchtbare kam aus bem Munde seines Enkels, bem Kinde seines edlen Srchnes Roderich? Der Greis war feiner nicht mehr mächtig. Er trat auf feinen Enkel zu und mit der Rechten nach der Tür weisend, schrie er ihm entgegen: „Hinaus, Bube, fort aus meinen Augen!"
Graf Edwin erhob sich von feinem Sessel. Er warf dem Priester einen haßerfüllten Blick zu und toanbte sich zur Tür. Vor derselben wollte er noch einmal sprechen, aber ein Blick auf das Antlitz des furchtbar erregten Großvaters ließ ihn verstummen. Schweigend verließ er das Zimmer.
(Fortsetzung |olp* >