JVs 64-
Samstag den 18. März 1911.
38. Jahrgang.
* fuldaer W Leitung «
3. Blatt.
Druck und Verlag ter tuldsrr AcUevdrttcker, in Selbe.
’) Der Name begegnet auch in einer Steuerliste von 1701. S. Karteis, Rats- und Bürgerlisten. S. 227.
I wesenen Haus hinter der Pfarrkirche (jetzt der „Goldene Ring' genannt). Fürstabt Adalbert schenkte nämlich im Oktober des genannten Jahres der Stadt dieses Haus mit der Bedingung, daß es ausgebessert und eingerichtet werde Sollte doch darin nicht nur im unteren Stock der Stistsbau- meister seine Behausung erhalten, sondern cs sollte auch die „Maydtleins-Schuel" (Mädchenschule) darin untergebracht werden. ?)
Wohl an sieben Jahre mag nun Johannes Dicntzen- hofcr mit seiner Gattin Anna Maria Eleonora da gewohnt haben, im Schalten der alten gothischen Pfarrkirche, deren Turm, der nördliche der jetzigen Doppellürme, wir ja heute noch vor Augen haben Und in dieser Behausung sind se nem Geist jene großartigen Kunstgcdanken gereist, welchen Fulda einen Kirchenbau verdankt, der nach dem übereinstimmenden Urteil der Kunstgelehrten zu den edelsten Archilekturwerken seiner Zeit gehört.
Nachdem der Fürstabt nach langem Hin und Her — lagen doch anfangs des Jahres 1705 sechs verschiedene Kostenberechnungen vor — Dientzen- hofer's jetzt leiser nicht mehr vorhandenen Pläne genehmigt Halle, wurde endlich mit dem Bau der Stiftskirche begonnen. Am 23. April 1704 war der Grundstein mit großer Feierlichkeit gelegt worden und am 8. Januar 1707 konnte ausgestellt werden: „was vor Steine zum künftigen Sommer nothwen- dig sein wird: 2000 Schuh inwendig Haubt- gesimser, 50000 Stück Sandtgewölbstein zu Kuppelbögen.'
Am 3. April desselben Jahres verehrte sodann der dankbare Bauherr seinem „lieben getreuen Bau- meister' die in der Rittergafse unter dem Dienstagsmarkt gelegene „hir bevor umb Georg Lauttcr- den ans Stift gebrachte in denen unseres Convent ad s. Salvatorem alten Dokumenten also benambste lreye Behausung" nebst einem „Stück von unserem Kemathengarten.' Es war also ein altes «seliges
wie gerade [n jener Stadtgegend im Mittel- aller mehrere sich fanden, wahrscheinlich von
unmöglich die erforderliche Geschlossenhell und Ent- schlossenheit wiederherstellen.
Das Unheil geht fein Gang, und es ist nichts erfreuliches an der Geschichte zu enidecken, wenn man nicht den Beitrag zur Kennzeichnung der nationalliberalen Partei, die Enthüllung ihrer Zerfahrenheit, Vielseitigkeit und Unau«richtig, teil als erfreulich betrachten will.
läge, nach seinen Entwürfen in den Jahren 1707 —1713 errichtet wurde. Manches Detail, so die profilierten Fenstergewände, sehen wir auch in Uebereinstimmung damit.
Der Meister, der so fromm gesinnt war, daß er sich, wie die Fuld. Dombauakten berichten, „täglich sryr eine heilige Meß im hohen Stiest vor alle handlirende Leuth' ausbedungen hatte, vergaß auch nicht seinem Hause ein edles religiöses Schmuckstück zu geben: In einer überwölbten Ecknifche sehen wir noch heute das schöne steinerne Bildwerk seines Namenspatrons, des hl. Johannes Nepomuk, unter dessen Schutz er sein von einer zahlreichen Kinderschaar belebtes Heim gestellt hatte. So wohnte der Meister hier sozusagen im Mittelpunkt seiner reichen Schaffenswelt. Aus den rückwärts gelegenen Mansardenfenstern grüßten ihn über den Kemnaten- garten Türme und Kuppel seiner Kirchenschöpfung, jenes Meisterwerkes, durch welches, wie Weigmann treffend sagt, die deutschen Architekten ihre Gleichberechtigung mit ihren ausländischen Kollegen dargetan haben. *) Und stieg er wenige Schritte den steil ansteigenden Dienstagsmarkt hinan, so stand er auf der Stätte, wo sein Talent im Profanbau eine zweite bedeutende Aufgabe für seinen bauliebenden fürstlichen Herrn zu lösen hatte.
Aber so glücklichen Fortgang auch alle diese Werke nahmen, Frau Sorge war doch ein ständiger Gast unter dem Dach des neuerdauten Hauses. Denn der dem Idealen ganz zugewandte Künstler war ja allzu unpraktisch in geschäftlichen Dingen. Für die seltene Selbstlosigkeit dieses Mannes ist so reckt bezeichnend seine Erklärung: er begehre nicht reich und auch nicht arm in Fulda zu werden, auf 2—3 M. käme es ihm nicht an; ja, was ihm mehr als fünftausend Rthlr. an Gewinn zusalle, wolle ei- alles gern ehrlich zurückerstatten. —
Und so ist er denn auch nie im Leben auf einen grünen Zweig gekommen, iveder in Fulda, das er noch vor Bollendung feinet Schöpfungen verließ, "och in seiner Heimat, dem Stifte Bamberg, wohin
Weigmann. Eine Bamberger Baumeistersamilie um die Wende des 17. Jahrhunders. Straßburg 1902. Seite 113.
fördern durch die Hebung seiner tcchn. Fertigkeiten, über einen größeren Bezirk erstreckt, und die letztgenannten Jnstttute in der Hauptsache der theoretischen Ausbildung des Handweckers dienen, spiegelt sich das eigentliche Leben dieses Standes am ersten in den Innungen und Handweckervereinen wieder.
Vor einigen Tagen brachte die „Fuldaer Zeitung' eine intereffante Notiz über die „Nützlichkeit der Innungen", die dm Versuch der Berliner Möbel- handlcr, die bockigen Möbeljchreiner unter ihre Abhängigkeit zu bringen, entsprechend beurteilte und am Schluffe die femstehendeu Handwerker auffordecke, in die Handweckerorganisation einzutretm bezw. Innungen einzurichten. — Diese Einladung, so meine« wir, könnte insbesondere auch für das hiesige Handwerk gelten, Im Verhältnis zu den übrigen Teilen des Bezirks Kaffe! steht die Stadt Fulda wohl mit Handweckerkorporationen zurück, obwohl wir feit jeher so auch heute noch das Fuldaer Handweck auf der Höhe steht und durchaus nicht einer anderen Stadt unseres Bezirks (und Provinz) zurücksteht. Dies hat sich am glänzendsten bei der Fuldaer Gewerbeausstellung 1904 gezeigt, bei der von den 91 (unter 269) Ausstellern aus Fulda in der Abteilung Handtveckserzeugniffe 88 durch Preise ausgezeichnet worden sind. Auch auf bet Kasseler Ausstellung 1905 und der Wiesbadener Ausstellung 1908 haben die Fuldaer Handwerker-Aussteller aufs beste abgeschnittm. — Diesem günstigen Verhältnis jedoch keineswegs entsprechmd scheint uns die Vertretung des Fuldaer Handwecks in der Hand- weckskammer zu Kassel zu sein, für welche im Wahlbezirke für Innungen der Kreis Fulda mit den Kreisen Gersfeld und Schlüchtem zusammen einen Vertreter stellt (Hofbäckermeister Simmer), und im Wahlbezirke für die Gewerbe- usw. Vereine mit den Krei- fen Hanau, Gelnhausen, Schlüchtern, Gersfeld und Hünfeld zusammen einen Vertreter mit zu wählen hat (Schneidermeister C. Müller-Hanau). Im Interesse des Handwecks unserer Stadt liegt es, hierin Wandel zu schaffen. Diese Vertretung in der Kammer darf nicht unterschätzt werden. Wenn die übrigen Teile des Bezirks Kassel mehr Vertreter in die Kammer senden, so liegt dieses lediglich an der größeren Zahl der Innungen und an dem ausgebildeten und ausgedehnteren Ausbau ihrer Handweckskorporatio- neii.
Noch in den 80er Jahren des verflossenen Jahr- hudecks bestanden in Fulda — wenigstens dem Namen nach — 17 Innungen, damals noch Zünfte genannt, und zwar (nach einer Feststellung des Magi- irats vom Juli 1879) für: Bäcker, Büttner, Gerbet (Löher), Glaser, Färbet, Häfner, Leinweber, Maurer und Stcknhauer, Metzger, Nagelschmiede, Schlos- er, Schmiede und Kupferschmiede, Schneider, Schreiner, Schuhmacher, Sattler und Tapezierer, Seiler. Wie die anfangs der 80er Jahre v. Jahrhunderts teilens der Regierung zwecks Neubelebung der be-
jiegei't&T' Zunft« bezw. Errichtung neuer Innungen unternommenen Let^'He im allgemeinen versagten, so brachte auch in Fulda das ^ML.weck diesen Bestrebungen wenig Sympathie entgegen. Erp im Jahre 1886 .raten eine Alnzahl ^3acker und Schuhmacher zusammen zwecks Bildung einer Innung. Den ersteren versagte der Bezirksausschuß die Genehmigung ihres Statuts, und damit war für die Bäcker die Sache erledigt, und die 1887 wirklich gebildete Schuhmacherinnung, welcher 41 Meister beigetreten waren, löste sich 1892 wieder auf. Die 17 (bereits vorstehend aufgezählten) in Fulda nominell noch bestehenden Zünfte wurden 1890 durch Ministerial-Erlaß aufgehoben, da sie der Aufforderung, ihre Verfassung gemäß den Bestimmungen des Gesetzes bett. Aenderung der Gewerbeordnung vom 18. April 1881 abzuändern, nicht entsprochen hatten. Dann bildete sich 1894 eine (freie) Metzger-Innung. Anders wurde die Sache für das Handwerk feit Inkrafttreten des Gesetzes bett. Abänderung der Gewerbeordnung (26. Juli 1897) dem sogen. „Handweckergesetz'. War das Handwerk vorher vollständig auf sich allein angewiesen, so konnte und sollte ihm jetzt Hilfe werden. Bereits im folgenden Jahre nach Inkrafttreten dieses Gesetzes beantragte die M e tz g e r i n n u n g die Umwandlung ihrer freien Innung in eine Zwangsinnung, welchem Antrag mit dem 1. Mai 1899 unter dem Namen „Zwangsinnung der Fleischer zu Fulda" seitens deS Regierungspräsidenten zu Kassel entsprochen wurde.
Burgmannen bewohnt. Schlercih* *) nennt das Haus „das ehemalige von Lauterische". Wit können also annehmen, daß Georg Lautter(oen) ein Sproß jener edlen Familie von Lauter war, die auch Jahr! underte lang in Schlüchtern ansässig gewesen ist (wovon dort noch ein vor nicht allzulanger Zeit restauriertes schmuckes Schlößchen Zeugnis gibt). Das Stück Kemalhen-(Kemnaten-)Garten aber, welches gleichzeitig dem Meister mit dem Hause verliehen wurde, wat größer als der heute dazu gehörige Garten. Man kann dies auch noch an der Mauer in der Habsburger-lHaisbergs Masse wahrnehmen. An dem Ende der erhöhten Gartenmauer befindet sich ein (Stein mit einem nicht mehr erkennbaren Wappen nebst der Jahreszahl 1591 und der Inschrift SCHOT. Gerade in dieser Zeit aber lebte in Fulda der Kapitular Johannes Wolfgang von Schott zu Memelsd orf (-j- 2. Oki. 1598), der in der Kirche auf dem Neuenberg begraben liegt. (Ein Epitaphium stellt fein Bildnis in ganzer Figur dar.) Leider läßt sich das verwitterte Wappen an der Mauer nicht mehr identifizieren.
Mit dem Abbruch des alten Lauter'schen Hauses wurde nicht gezögert, und der Fürstabt schenkte dem Baumeister auch noch die vom Kirchenbau!') übrigen Steine. Wir erfahren ferner aus den Akten, daß in den Jahren 1701 bis 1704 39000 aus den einheimischen Sandsteinbrüchen — hauptsächlich aus dem Kemetental bei Hauswurz— stammende Quadern behauen worden waren. — Johannes Drentzenhofer konnte sich nun ein Wohnhaus nach seinem Geschmack erbauen: solid, statt, lich und behäbig, mit holen Fenstern und Türen, im Inneren mit mancherlei Schmuck allsgLstattet, den namentlich die Stukkateure an den Zimmerdecken gefällig schuien. Die Entstehung dieses Hauses fällt mit Dieyenhofer's Schloßbau zusammen, dessen zweiter Hof, der Kernbau der gesamten An
') Der Tom und die vorigen Hauptkirchen in Fulda. Schneider'- Buchonia, 2. Bd., 1. Heft, S. 161. Fulda 1827.
•) Mit Ende des Jahres 1708 stand der Rohbau des GoUespagses unter Dach.
losigkeit" habe zu schulden kommen lassen. Das falle um so mehr ans, als Dr. v. Ockerer sonst sehr geschickt sei. Auch die sozialdemokratische „Münchener Post' ist sehr unzufrieden mit Dr. v. Ockerer. Das sozialdemokratische Organ hat herausgefunden, daß die ,Betonung der Treue zum Gottesgnadentum' entweder „eine nicht gerade taktvolle Verbeugung vor dem zweiten preußischen Wilhelm" fei ober eine „Gedankenlosigkeit". Man sollte meinen, daß es der Sozialdemokratie, deren Vertreter sich gar nicht an dem Fest beteiligt haben, ganz gleichgiltig sein könne, was der Kammerpräsident zur Feier des Jubelfestes des Herrschers gesprochen hat. Die Sozialdemokratie verwirft das Königtum durch Gottes Gnaden und ohne Gottes ©naben in gleicher Weise. Will sie kritt- fteren, dann muß sie logischerweise beanstanden, daß der Kammerpräsident Überhaupt auf das Königtum eine Festrede halt.
Ausland.
** Im österreichischen Abgeordnetenhause wurde eine von Kramarez Beantragte Resolution angenommen, in der die Regierung aufgefordert wird, mit der ungarischen Regierung über die Ergreifung von entschiedenen Maßregeln gegen die von der preußischen Regierung angeordnete Massenauswei- sung von österreichischen und ungarischen Staatsangehörigen in Verhandlungen zu treten.
** Frankreichs rückschrittliche Entwickelung. Frankreich, das im Jahre 1851 an Einwohnerzahl die zweitgrößte Nalion Europas war, ist nach dem Ergebnis der letzten Vottszählung nun bereits aus die siebente Stelle zurückgesunken, es wird im Verlaufe des nächsten Jahrzehntes wahrscheinlich auch noch von Italien überholt werden und damit an achte Stelle rücken. Die Besorgniste, die diese Entwickelung in Paris erwecken muß, finden ihr Echo in einem Antrag des Deputierten 5 imiit, der in der Kammer vorschlägt, bei der Besetzung einer Reihe von Stratsstellen jenen Bewerbern den Vorzug zu geben, die sich Väter von wenigstens drei Kindern neunen können. Frankreich zählt heute insgesamt etwa 11315 000 Familien. Darunter befinden sich nicht weniger als 1804 710 Ehepaare, die überhaupt keine Kinder haben, und nahezu drei Millionen Hausaaltungen, genau 2 966171, die nur ein Kind besitzen. Man zählt nur verhältnismäßig wenig Familien, die über zwei Kinder bin« ausgeben; die Statistik eraab nur 566768 Familien mit fünf K ndern, 182998 mit sieben bis acht, 111437 mit 13, 249 mit 15 nnd 89 Familien mit 17 Kindern.
** In der holländischen Kammer wird seit einigen Tagen über einen Gesetzciftmurf beraten, woduich einige neue Bestimmungen gegen den Äellll Lf.flm.sias- mus, gegen die Schmutzliteratur und gegen die öffentliche Unsittlichkeit in das Strafgesetzbuch eingefügt werden sollen. Die holländische Regierung betrachtet es als ihre Pflicht, wie Minister Regout sagte, bei Bekämpfung dieser liebel die ch r ist l i ch e M o r a l z u r Richtschnur zu nehmen. Ein erfreuliches Zeichen ist es, daß, wie die Abstimmungen bewiesen, nicht bloß die Katholiken und die positiven Protestanten den Minister unterstützten, sondern daß auch mehrere Liberale gegen den Neumalthusianismus und die Schmutzliteratur energisch ihre Stimme erhoben. Die sechs fozialdemokratischen Abgeordneten stimmten gegejr eine Reche der bisher beratenen Maßregeln zum Schutze der sittlichen Volksgesundheit.
# Zur Geschichte der Fuldaer Innungen.
Unverkennbar bewegt sich seit dem Inkrafttreten des Gesetzes vom 26. Juli 1897, bett. Abänderung der Gewerbeordnung das Handwerk tm allgemeinen auf der aufsteigenden Linie. Drei Hauptfattoren tragen hierzu wesentlich bei: 1. die Handwerkskammer, 2. die Innungen und die Handwerker- und Gewerbevereine, 3. die Fach- und Fortbildungsschulen. Wäh- renb sich die Tätigkeit der ersteren, welche als ein ungemein wichtiges Glied in der Kette der Bestrebungen, die darauf gerichtet sind, den Handwerkerstand zu
Beiträge zur Geschichte Fulda's. (Gpmnafial-ProgiH Fulda.1846.
X Die Vielseitigkeit der nationalliberalen Partei.
Herr v. Heydebrand sagte neulich, diese Partei betreibe eine doppelte Buchführung. Angesichts der Meldungen aus Gießen und Umgegend könnte man auch sagen, es werde mit Radiergummi in den Büchern gearbeitet.
Erst hatte der Wahlausschuß in Gießen beschlossen pnd in die Welt hinaus verkünden lassen, den stationalliberalen Wählern werde die Stimmabgabe freigestellt, was auf Deutsch besagt: Wählt ruhig den Sozialdemokraten! Und nachher wurde berichtet, selbiger Beschluß sei umgestoßen worden und die Unterstützung des antiseinilischen Gegenkandioater. werde empfohlen. Darob Zorn in den Großblock, blättern und „Genugtuung" in einigen vertrauensseligen mittelparteilichen Zeitungen.
Der Chinese sagte, man müsse das Gesicht wahren, und der Berliner begleitet die theatralische Biederkeit mit der Randglosse: Man so dhun! ®ei erste Beschluß der Gießener Parteileitung hatte Anstoß erregt, — auch in solchen Kreisen, auf deren Gunst die Nationalliberalen nach den Wahlen rechnen. Dieser Beschluß betrieb die Unterstützung der Sozialdemokratie gar zu deutlich und grob. Daher wurde auf Remedur gedrängt, auch von der Berliner Zentralstelle aus. Und die Mehrheit in Gießen sagte sich: Warum nicht! Der erste Beschluß hat ja doch schon feire Wirkung auf die Wähler getan; wenn wir jetzt zur Abwechselung die Unterstützung des bürgerlichen Kandidaten empfehlen, so waschen wir unsere Hände in Unschuld, ohne der Sozialdemokratie den Pelz naß zu machen. Der Sozialdemokrat wird ja doch durchkommen, auch wenn die naiveren von unfern Parteigenossen die zweite Parole ernst nehmen sollten. Auf der Linken wird man also nicht nachhaltig böse sein wegen unfern „Schwenkung", aber auf der Rechten und in hohen Kreisen wird sie uns hoch angekreidet werden.
Um den Wert dieses Komödienspiels richtig zu bemessen, muß man beachten, daß gleichzeitig mit der angeblichen Belehrung der Gießener in Kassel sowohl als in Mainz von den Abgg. Paasche und Stresemann, also von den anerkannten Berliner Parteiaposteln, fulminante Reden gehalten wurden, die den unerbittlichen Kampf gegen den Bund der Landwirte und alle Rechtsparteien proklamierten, den Ausgleichsbestrebungen der „Wormser Ecke" schroff entgegentraten und die Sozialdemoiralie als weniger gefährlich erscheinen lassen wollten. Herr Paasche wiederholt seine alte Parole von der Front Nach rechts (gegen Konservative und Zentrum) und verkündigte in sehr bezeichnender Weise „den Kampf gegen die Sozialdemokratie in Paranthese". So nebenbei, in Klammern, des guten Scheines halber wird von der Abwehr der Umsturzpartei gesprochen. Den eingeklammerten Zusatz läßt man dort para» y ter eit, wo em Liberaler mit einem Sozialdemokraten in Stichwahl kommt und t ie Unterstützung der rechtsstehenden Wähler haben will. Wo aber die Nationalliberalen Unterstützung gegen die' Sozialdemokratie gewähren sollen, da läßt man die Parole wirken: Der Feind steht rechts, die Reaktion ist unter allen Umständen das größere liebel!
Hetzparole, die seit fast zwei Jahren mit allen agitatorischen Mitteln der liberalen Gefolgschaft eingebläut ist, wirkt leider auch dort, wo man Schande halber von der Unterstützung des rechtsstehenden Kandidaten redet. In Gießen-Nidda kann der bürgerliche Stichwahlkandidat nur bann siegen, wenn von 2500 nationalliberalen und den 5000 fortschrittlichen Stimmen die Mehrzahl ihm zusällt. Von den Fortschrittlern, die leider säst gänzlich schon sich dem Großblock verschrieben haben, wird günstigstenfalls sich ein Teil der Stimmabgabe enthalten, aber jedenfalls die Mehrheit gemäß der fortschrittlichen Wahlparole für den Roten eintreten. Tie Niederlage des letzteren wird sofort unmöglich, wenn auch nut ein kleiner Teil der Nationalliberalen zu Hause bleibt oder gar nach links fällt. Diese verhängnisvolle Abbröckelung ist aber zweifellos etngelcitet worden durch den ersten Beschluß des Gießener Wahlausschusses; der zweite Beschluß kann
Deutsches Reich.
)( Die parlamentarischen Osterferien sollen im Reichstage am 6. April beginnen, ebenso im Abgeordnetenhause. Der Reichstag gedenkt mit der gegenwärtigen 2. Lesung des Etats am 24. März fertig zu werden. Einige Tage später wird das Abgeordneten- haus, das eigentlich dann mit dem Etat fertig fein wollte, soweit sein. Die Verabschiedung des Etats wird danach in beiden Häusern erft int letzten Augenblick vor Toresschluß erfolgen, sodaß das preußische Herrenhaus in Windeseile durch den Etat hindurch- gchen muß. — Die Osterferien sollen übrigens in beiden Häusern bis zum 2. Mai bauern.
** Die Petitionskommission des Reichstages beantragte zu der Petition bett. Festlegung des Osterfestes folgende Resolution: Den Reichskanzler zu ersuchen durch geeignete Maßnahmen dahin zu wirken, daß entsprechend den Beschlüssen des Handwerker- und Ge- werbeiages und des deutschen Handelstages die großen zeitlichen Schwankungen des Osterfestes beseitigt und das Osterfest auf einen Bestimmten Sonntag fe ft gelegt wird.
Das Dientzeuhofer-Hans in Fnfda.
Bon Jos. Grau.
I.
Unter den alten Privatbauten Fuldas ist das m der Rntergasse gelegene Haus Nr. 4 ganz besonders der Beachtung wert. Kein anderes Patrizier- haus unserer ©labt ist ihm gleich: in seiner imposanten Sandsteinsassade vereinigt es mit vornehmer Einfachheit eine monumentale Würde, die bei günstigerer Sage unzweifelhaft weit wirksamer in die Erscheinung treten würde.
'■Hbcr es ist nicht die Bauweise au und für sich, die unser Interesse fesselt, dieses Gebäude hat auch eine höchst interessante Geschichte. An der Hand urkundlicher Belege können wir den Lesern der ,Fuld. Ztg.' einiges davon berichten.
Es ist allbekannt, daß dieses, jetzt im Besitze der verwitweten Frau Hauptmann Henket befindliche Haus nut Uederbleibfeln von den Dombaumaterialien durch den genialen Slistsbaumeister Johannes Dleuhenhoser aufgesührt worden ist. Und er, der größten Künstler einer, die Fulda je in seinen Mauern beherbergte, hat auch selber einige Jahre lang darin gelebt und geschafft.
k dem in den Fuldaer Dombauakten befindlichen Anstellungsdekret wurde der von »rrrihitJft9 Jla? Fulda berufene .kunsterfahrene" olf? bil?XCrmU? ö?rf)et in Rom gewesen war und
von d-r unser Don. ja SabÄlbS ÄÄrm!7Änn ^vorstehenden allhiesigen°VNn^Stffls Baw^zu
Malter Wetzen, sieben Malter Korn, ein und ein. halb Fuder Vier, neun Eimer Wein, acht Klafter Holz und freiem Quartier.
Seine Wohnung wurde ihm zugewiesen in dem dem weiland Lorenz Hartungs zuständig ge>
♦ Eme Erfindung zur Umgehung der Weckzuwachssteuer hat eine bekannte Berliner Ballgesellschaft in die Praxis eingeftihrt, indem sie Käufe und Verkäufe überhaupt nicht mehr bomimmt, sondern sich nur Vollmachten zur Verwertung des Grundstückes geben läßt oder erteilt. Der jeweilige Bevollmächtigte zahlt bei der Uebernahme der Vollmacht eine gewisse Summe als „Sicherheit" an und lädt dann ratenweise das, was bei der „Verwertung" herauskommt, an seinen Auftraggeber ab. Sollte diese Praxis Mode werden, so dürfte die Steuer auch nicht annähernd den Erfolg haben, den man von ihr erwartet. Aber dagegen hat der Bundesrat im Gesetze wohl selbst Mittel, um solche Vorgänge als steuerpflichtig zu erklären.
** Biberach, 17. März 1911. Wie schon berichtet wurde, fand am letzten Montag hier ein Parteitag der württembergifchen Zentrumspackei statt. Ihm ging -eine Volksversammlung voraus, zu der die Zen- trumSmänner so zahlreich erschienen, daß neben der Hauptversammlung noch eine zweite Verfammlung ’tatifinben mußte. Im ganzen waren etwa 5000 Zentrumswähler anwesend. In der Hauptversammlung sprach Reichstagsabg. E r z b e r g e r über Religion und Politik. Den Inhalt der Rede haben wir bereits kurz skizziert. Reichstagsabg. Leser sprach über die Mittelstandspolitik des Zentrums. In der Nebenversammlung wurde von den Abgg. R e m b o 1 d und Andre die gleichen Themata behandelt. Zum Schluß wurde eine Resolution angenommen, die die eitheckge Haltung der Zentrumsfraktionen des Reichstages nnd des württembergifchen Landtags Billigt und gelobt, auch in Zukunft treu und fest zum bewährten Programm des Zentrums zu halten und schließlich lebhaft protestiert gegen die zahlreichen Angriffe, welche in den Parlamenten und in den liberalen Versammlungen und Tagesblättern gegen die Kirche, gegen Papst, Bischöfe und Pckester erhoben werden. Die Delegieckenversammlung am Montag war von etwa 250 Delegierten besucht. Die Verhandlungen beschäftigten sich mit der weiteren Ausgestaltung der Parteiorganisation, insbesondere mit der Schaffung eines Parteisekretariats. Eingehend wurde die Situ- atiop bei den Reichstagswahlen in den einzelnen Wahlkreisen besprochen.
cf München, 17. März 1911. Vom Königtum bon Gottes Gnaden darf man in Bayern nicht mehr reden. Kammerpräsident Dr. v. Orterer hat es beim Festmahl der Abgeordneten in seinem Toast auf den Prinzregenten getan. Und nun wird er gerüffelt. Die linksliberale „Frankfurter Zeitung" sagt, es habe allgemeines Befremden erregt, daß Kammer- wäsident Dr. v. Ockerer bei einer Feier, die von allen Parteien veranstaltet wird, sich eine berartige „T a k t-