3? 65.
$rell«g Öen 17. lliärj 1911.
58 Joarnnng.
* fuldaer M Zeitung «
2. Blatt.
Druck und Verlag der Salbeer Retlendruckeret In 5«lda.
[] Ei,t vernichtenves Urteil.
Es mag manche Lejer geben, die überdrüssig sind, in der Zeilunasicktüre immer wieder dem Hansabund zu begegnen. Auch wir gestehen, daß wir uns lieber nut iruchibareren Dmgen beschäftigen, als mit der Polemik g-gen den Hansa- bunö Allein das stets lärmende und betäubende Agitätionsgeschrei bietet politischen Vereinigung troinat immer wieder, den Propagandeuren Vieler liberalen Spezmlkohorle auf die Finger zu sehen. Und da lönnen wir nicht stillschweigend vorüber- gehen an einer eingehenden Untersuchung des Charakters des Hamabundes und seiner Leistungen, die wir in der „Deutschen Volkswirtschaftlichen Korrespondenz"', dem bekannten Organ der Großindustrie, finden, die dem Wirken des Hansabundes ein geradezu vernichtendes Urteil spricht. Es handelt sich für die genannte Korrespondenz um die Frage, was der Hansabund denn eigentlich der Industrie genutzt- hat. Die Antwort lautet geradezu niederschmetternd. .
In dem Artikel wird auf die 1600 Versammlungen verwiesen, die innerhalb iyQ Jahre vom Hansabunde veranstaltet worden sind. Das sind ungefähr 3 Versammlungen tagtäglich. Es wird ferner au: die über 600 Ortsgruppen des Bundes hinge- ivieseu und auf den.riesigen Zentralwahlfond, der die nächsten Reichstagswahlen in das Zeichen des Hansa, bundes stellen soll. Das Resultat ist, wie es heißt, daß der Erfolg dieser beispiellosen Agitationsarbeit ausge blieben ist. Die Korrespondenz fragt, was der Bund außer dieser gewaltigen Agitation denn bisher geleistet habe, und zählt verschiedene Dinge auf, die indessen den enormen Aufwand an Kraft und Geldmitteln in keiner Weise rechtfertigen, die sich als eine Kleinarbeit darstellen, welche im übrigen andere wirtschaftliche Organisationen ebenso flut, fertig bringen können und tatsächlich leisten. Die Prüfung, was die Industrie, die sich vielfach mit Enthusiasmus dem Hansabund anschloß, von ihm zu erwarten hat, muß halt sehr kläglich ausfallen. Der Bund hat, so heißt es weiter, in einer wahren Flut von Eingaben an Behörden und Parlamente die Wünsche der von ihm vertretenen Erwerbsgruppen vorgetragen, ohne indes neue und originelle Gesichtspunkte zu bringen. Er Vermehrt lediglich die Eingabenplage, unter der die Regierung und die Parlamentarier ohnehin schon schwer leiden. Seine wirtschaftspolitische Tätigkeit Ivar, wenn nicht direkt überflüssig, so doch auin nötig oder besorgens verdienstlich. Ebenso lenig,ersprießlich erweist sich das Wirken des Bundes us sozialpolitischem Gebiete, bei dem der hansabund eine auffallende Zurückhaltung geübt hat.
Bleibt al|o nur die rein pol tische Wirtiam- k«t, onrch die der Hansabund sich auch keine Lor- becrlränze verdient hat. In seinen Kundgebungen bilden die neuen Steuern einen ewig wiederkehrenden Refrain. Die K rrespondenz meint wörtlich:
: Der in seinen Mitteln nicht wählerische Kampf zogen die R ei ch s f i n a n z r e f o r m und den schwarzblaue» Block ist es hauptsächlich, der dem Hansabnnde so gewaltige Scharen von Anhängern zuführt. Hierin liegt seine Gxöße, zugleich aber auch seine Schwäche. Denn wie der Hansabund, so blüht ,zur Zeit auch die Sozialdemokratie, hauptsächlich durch den seit Jahren in der Bevölkerung aufgespeicherten Unwillen über eine angeblich vorwiegend agrarisch gerichtete Gesetzgebung. Beide find somit wenigstens zurzeit natürliche Bundesgenos- s e n. Und so kann eS denn nicht wundernehmen, daß der Hansabund es entschieden ablehnt, die Führung in dem politischen Kampfe gegen die Sozialdemokratie zu übernehme». Der Hansabund erklärt, zwar, daß er selbstverständlich Gegner einer Partei sei, deren ausgesprochene Absicht die Vernichtung der heutigen Staats- und WUrtfchaftsordnung ist, aber er findet in den ersten 75 Nummern seiner 'Mitteilungen auch ni cht ein e in z ig es Mat Anlaß, gegen die Bestrebungen der S w z.i ach d.e mo k r a t i e Front zu machen.
' Vh>u habe, man jaOletzko-Lhck und L a b i a u- Wcülau den.Konservativen abgcnommen, aber sind dort wrtretsr .des erwerbstätigen Bürger- t u i: wühlt worden? Sind nicht andererseits in-
sohi . . gleichen Verhetzung, die dort den Liberalen Erlosch brachte/7 Wahlkreise, die bisher n.rtionalliberal und >remnig'vertreten waren, der Sozialdemokratie zu- gesaUcn? lind wie fleht es'in Kempten-Jmmen- stadr? Der Artikel gibt die von dem liberalen Kandidaten der Sozialdemokratie gegenüber eingegangexen Verpflichtungen. an gnb bemerkt hieran: ).Das heißt mit anderen Worten: kein Gesetz zum Schutze der Ar- bütswkUigen. Ableimung des von den bürgerlichen Parteien mik'Ausschluß des Fortschritts vereinbarten Ksniprvmmifies in der Reichsversicherungsordnung, der eine Beseitigung der sozialdemokratischen Herrschaft in
den Krankenkasten bezweckt. Auch der neue liberale Abg. Thoma ist, rote alle bisher vorn Hanlabund unterstützten Reichstagsabgeordneten, fern Vertreter des erwerb tätigen Bürgertums, sondern Rechtsanwall, aber trondem Vorstandsmitglied einer Orlsaruvve' des Hansabundes!" u vv
Der Artikel verweist des weiteren auf die völlig unentschiedene Haltung des Hansabundes in bet Handelspolitik und zieht aus alledem folgenden Schluß:
„Die Industrie wäre geradezu verblendet, wenn sie sich durch den Sirenenoeiang von den „gemeinsamen Interessen von Gewerbe, Handel und Industrie" bestricken ließe, sich ihre bewährten Freunde auf der rechten Seite des Reichstags zu Feinden machen und damit die weitere Entsremdung zwischen Industrie und Landwirtschaft fördern würde/'
So kommt die Untersuchung zu dem Schluß, daß der Hansabund weder den nationalen noch den industriellen Interessen nütze. Um die wünschenswerte Klärung herbeizuführen, solle die Industrie aus dem Hansatage eine unumwundene Antwort auf folgende Fragen verlangen:
1. Werden die vom Hansabund unterstützten Kandidaten für industrielle Schutzzölle eintieten und in solchen Fällen, in denen durch ote überhastete Beratung des Tarifs im Jahre 1H02 der felsige Zoll nicht genügt, eine entsprechende Erhöhung beantragen? 2. Werden sie sich gegen weitere iözialpolitifche Maßnahmen er- tlären, die die Auto ilät des deutschen Unternehmertums untergraben? 8. Werden sie trn Interesse der treten Arbeit gesetzliche Bestimmungen verlangen, um einen besseren Schutz der Arbeitswilligen zu erreichen?
Auf die „unumwundene Antwort" des Hansabundes sind wir gekannt. Wahrscheinlich aber werden wir lange darauf warten müssen.
Deutsches Reich.
♦* Die Hochburgen der Parteien werden in der sozialdemokratischen „Reuen Zeit" einer historischen Untersuchung unterworfen und dabei recht lchrreiche Rejultate zutage gefördert. Am besten schneidet da außer den Polen das Zentrum ab, das fast alle seine Sitze flänbig behauptet hat. Von den 58 Kreisen, die es 1871 einuahm, sind nicht weniger als 53 ununterbrochen dis zum heutigen Tage in feinem Besitze geblieben. Zu diesen 53 Wahlkreisen treten noch weitere 22, die fast ebenso lange, also seit der ersten Hälfte der 70er Jahre, dem Zentrum verblieben find. Bon den 57 Sitzen, die die K o n se r v a t i v e n bei den Wahlen von 1871 einnahmen, find nur Königsberg 7, Stettin 6 und Stettin 1 ununterbrochen konservativ vertreten gewesen. Die Reichspartei (Freikonservative) hat von ihren 37 Martdaten aus den 1871er Wahlen nicht eines dauernd behaupten können. „Am schlimmsten", so bemertt der Verfasser Fülle, „hat die Wählerschaft den 9ltttlonall{be= raten mitgespiekt. Von den 125 Kreisen, die sie 1871 eroberten, blieb ihnen außer Worins-Heppen- heim nur noch der Wahlkreis Kreuznach-Simniern, den zurzeit Herr Paasche vertritt, ständig treu.“ Von den zurzeit in ihrem Besitz befindlichen Wahlkreisen, die in ihrer großen Mehrheit in der Stichwahl mit frember Hilfe erobert wurden, sei kaum einer zu neunen, der nicht von einer gegnerischen Partei bedroht wäre. Bon einem sicheren Besitzstand könne die einstmals so mächtige Partei, die bei den Wahlen 1874: 155 Mandate musterten, schon seit langem nicht mehr reden. Die freisinnigen Parteien könnten neben Berkin 1 und Hagen-Schwelm noch etwa Danzig 3 als ältesten Besitzstarid für sich reklamieren. Der Sozialdemokratie habe das Bestehen des Sozialistengesetzes eine ununterbrochcue Vertretung alter sozialistischer Hochburgen durch die Partei zur Unmöglichkeit gemacht. Andererseits habe diese innerhalb der 40 Jahre seit Bestehen des Deutschen Reiches 102 Wahlkreise vertreten.
) ( Zweierlei Maß. Bei der Beratung des Kultus- etats im preußischen Abgeordnetenhaus haben die Freisinnigen weiß Gott wie höhnisch von „kon- -effionellem Turnunterricht" gesprochen, der von katholischer Seite veranstaltet werde. Infolge der bekannten unglaublichen Angüsse der tiberat-evangelisch- bündlerischen Tumerschaft auf den katholischen Glauben hat man nämlich auf katholischer Seite verschiedentlich eigenen Turnunterttcht eingerichtet. Am eif- rigsten bei der womöglich noch höhnisch glossierten Wiedergabe dieser liberalen Singriffe auf den Katholizis
mus war das „Berliner Tageblatt", das überhaupt heute die Kulturkampfsfahne mit Heller Begeisterung voranträgt. Das Blatt hat dabei ganz übersehen, daß es sei bst in seinem Vereinsregister ständig Notizen über „jüdische Turnvereine" usw. bringt. Wenn jüdische junge Leute das Recht haben, sich zur Sichemng vor persönlichen Anrempelungen von anderer Seite in eigenen Turnvereinen zusammenzutun, dann haben die Katholiken auch wohl ein Recht dazu. Die Freisinnigen sollten überhaupt nicht mit Steinen werfen; denn sie sitzen da in einem bedenklich schwachen Glashause. In Hagen-Schwelm wollen sie einen Eugen Richter-Turm errichten. Dazu haben sie von Architetten össenllich Entwürfe eingefordert, aber nur von solchen, die der Fortschrittlichen Volkspariei an= gehören. Mit Recht ultt die „Kreuzztg." über diese Sorte „Konsequenz": „Der Turm soll also aus „unentwegten" Steinen und „fortschrittlichem" Kalk usw bergestellt werden." Gut gesagt, aber aus die Freisinnigen macht es feinen Eindruck; die haben ja immer mti zweierlei Maß gemessen.
* Straßburg, 14. März 1911. Im Landesausschuß konnte Abg. Dr. Schott mitteilcn, daß in den letzten Jahren protestantische Geistliche nach abgelegter Staatsprüfung in Religion und noch zwei anderen Fächern (Hebräisch und Französisch) sofon als Oberlehrer an staatlichen Anstalten mit dem Hauptlehraustrage der Erteilung des Religionsunterrichtes unter Anrechnung von Jahren, die sie im Pfarramte zugebracht hatten, mit einem Gehalte von 4500 bis 4800 Mark angestellt wurden. Dagegen wurden zwei ehemalige katholische Gefftliche, die vorher sieben bis acht Jahre in der praktischen Seelsorge tätig gewesen waren, nach abgelegter Staatsprüfung als Probekandidaten angestellt und werden jetzt als wissenschaftliche Hülfslehrer mit einem Gehalt von 1800 Mark gegenüber den 4500 bis 4800 Mark der protestantischen Kollegen beschäftigt. Der Präsident des Oberschulrats Dr. Albrecht gab die Richtigkeit der vom Abg. Schott gemachten Angaben zu, aber natürlich ein Verstoß gegen die Parität liegt nicht vor. Sondern: in dm Jahren 1906, 1908 und 1909 sei je ein protestantischer Theologe aus dem Pfarramte entnommen und nach abgelegter Prüfung als Reli- gions- und Oberlehrer angestellt worden, weil es an jüngeren Kandidaten fehlte. Well sie aus dem Pfarramte entnommen worden feien, hätte man sie nicht als Probekandidaten und dann als Hülfslehrer anstelle» können, sondern sie gleich als Oberlehrer anstellen müssen, und zwar unter Anrechnung einer Anzahl ihrer im kirchlichen Dimste zugebrachten Jahre für die Berechnung der Dienstaltersftufe als Oberlehrer. Mit den etwa um dieselbe Zeit angestellten zwei katholischen Herren sei es so gewesen, daß sie an den Oberschulrat herangetreten sind mit dem Ersuchm um Anstellung als Probekandidaten. Dem Ersuchen sei willfahrt worden. Sie nach Ablegung des Probejahres als Oberlehrer anzustellen, sei nicht angängig gewesen, weil sie sonst Vordermänner überspmngen hätten! Mit Recht erwiderte darauf Abg. Schott: Die Darlegung des ganzen Falles durch dm Präsidenten des Oberschulrates habe gezeigt, daß er auch nicht das mindeste Gefühl davon habe, ein wie schreiendes Mißverhältnis in der Behandlungsweise der Angehörigen der katholischen und der evangelischen Konfessionen hier vorliege. Er verzichte auch darauf, dem Präsidenten das ihm abgehmde Gefühl beizubringen, weil er der Ueberzmgung lebe, daß gerade an Hand der Darstellung des Präsidenten, die noch insosem unrichtig fei, als wenigstens der eine der ka-
entwickeln und sogar einem Minister Gefühle der Bewunderung entlocken konnte. Sein Nachfolger loll es leichter bekommen, als es Herr von Dusch hatte, denn das Ressort von Kultus und Unterricht wird abgelrennt und von einem extra im Sinne des Großblocks erzogenen jüngeren Manne, dem Ministerialdirektor Böhm, besorgt werden, der das neue Schulgesetz mit seinen horrenden Ausnahmebestimmungen gegen die Katholiken schaffen half, der ein zartes Verständnis für die Wünsche des Großblocks gerade in Sachen der Schule und Kirche besitzt, und eine ungeahnte Fein« fühligtcit in den modernistischen Fragen (vergleiche Universität Freiburg) an den Tag legt. Der Name Böhm bedeutet heute schon ein förmliches Programm für den Großblock, für das sich der Linksliberalis- mus samt Sozialdemokratie völlig opfern will.
Ausland.
♦* Die allgemeine Sckmlpfticht in Belgien einführen will eilt neues Schulgesetz, das der Ministerpräsident Schollaeri in der Fraktionssitzung vorgelegt hat. Der Hauptgrund, weshalb viele Eltem ihre Kinder nicht zur Schule smden, liegt darin, daß die Kinder von frühester Jugend an zum Geldverdienen ungehalten werden, sei es durch gewerbliche Arbeit, sei e8 durch Handreichungen in fremden Haushaltungen. Das soll durch ein besonderes Verbot jeglicher mt> lohnten SinberarbeH bis zur Altersgrenze von 14 Jahrs» unter Strafe gestellt werden, so daß also diese Kategorie von Eltem nicht mehr das geringste Interesse an der Zurückhaltung ihrer Kinder aus der Schule haben. Der Familimvater, der seine Kinder nicht in die Schule schickt, soll vor dm Friedmsrichter gerufen werden, um dort ermahnt zu werden. Im ersten Wiederholungsfälle soll ein kräftiger Hinweis erfolge« und im zweiten Wiederholungsfälle öffenllicher Anschlag des Namms im Gerichtsgebäude. Weiterhin bestimmt der Entwurf die Einführung der Schulgut- scheine, durch die das Schulgeld abgeschafft wird. Sechs Zehntel der Kosten der Schulunterhaltung sollen vom Staat getragen werden, drei Zehntel von dm Gemeinden und ein Zehntel von den Provinzen. Um die Gleichwertigkeit der freien und der Ordensschulen zu sichern, soll dm elfteren, soweit sie das amtliche Lehrprogramm befolgen, in gleicher Weise wie dm Ordensschulen das volle Recht auf die gesetzliche Geldunterstützung des Staates zuerkannt werden. Dementsprechend sollen auch die Gehälter, wie überhaupt alle Gehälter der Lehrpersonm an Volksschulen entsprechend erhöht werden. Das Schulalter, das bisher mit dem vollmdetm zwölstm Jahre schloß, soll bis auf volle 14 Jahre ausgedehnt werden, und demgemäß wird das Lehrprogramm erweitert, so daß die zwei letzten Schuljahre einen Uebergangsunterricht von dem bisherigen Elemmtarprogramm zum gewerb- lichm Unterricht darstellen werden. Der Gesetzentwurf, der im Jahre 1914 in Kraft tritt, dürste die gesamte Rechte beider Sammern hinter sich haben und seine Annahme gegen die gesamte Linke im voraus gesichert sein.
** DaS Gesetz für die Wahl der portngiefischeu Abgeordneten wird im Amtsblatt veröffentlicht. Das Wahlrecht wird geheim, direkt und fakultativ fein. In dem Wahlkreise Lissabon und Oporto wird das Proportionalsystem, in den übrigen Wahltreiscn die Listenwahl zur Anwendung kommen. Jeder koloniale Wahlkreis wird einen Abgeordneten wählen.
tholischm Gefftliche» als Religionslehrer unbedingt notwendig war, weil die Stelle wegen Abgangs des vorigen Inhabers besetzt werden mußte, die Oes- sentlichkeit ihren Vers aus die „gleiche" Behandlung der Konfessionen schon selber machen werde!
# Karlsruhe, 15. März 1911. Je näher wir dem 1. April, dem großen Quartalswechsel, kommen, desto mehr bekommt man die Gewißheit, daß wir vor einer großen Ministerschiebung stehen. Ihr Inhalt ist hier längst bekannt, weil längst vorbereitet und gewünscht. Der Staatsminister v. Dnsch wird sein Amt niederlegen, aber nicht in Ungnaden, sondern unter dem Segen des gesamten Großblocks mit seinen zahlreichen Anhängern im Schoße der Regierung, weil während seiner Ministerpräsident- schäft der Großblock wachsen und gedeihen, die liberale Linke sich zur Herrschaft drängen, das „zarte Pflämlein Revisionismus" so üppig sich
volkswirtschaftliches und Soziales.
£ Aus dem Verband der katholische« Gesellen» vereine. Im Jahre 1910 wurden an wandernde Gesellenvereinsmitglieder 10000 Nachtquartiere mehr als im Vorjahre gewährt. Die Zahl der Nachtquartiere, die zur Rückvergütung bei der Zen« lralkasse angemeldet wurden, betrug 74 352. Diese Zahl stellt keineswegs die Gesamtziffer der im ver« gangenen Jahre seilens der Gesellenhäuser und Gesellenvereine an reisende Mitglieder gewährte Nachtquartiere dar. Viele Brudervereine haben auf Rückvergütung aus der Zintralkasse verzichtet. Außerdem find in der obigen Zahl von über 74000 Nachtquartieren satzungsgemäß nicht mit einbegriffen diejenigen, die gegen geringe Entschädigung den wandernden provisorischen Mitgliedern gewährt
" Erbe von Edelstein.
4] . Roman Don Ed mu nd No w ak.
„Armer Sennor! Sie haben eine traurige Jugend durchgemacht; verzage» Sie nicht, in dec Heimat wird sich Jhnm dir Zukunft schon besser gestalten."
„Snmoc Stein, hoffen wir' das beste. Doch, sagten Sie nicht vorhin, daß Sie nach Kronberg wollten?"
„Sir haben recht und auch nicht. Sennor Barbeno. Mein Ziel ist weniger Kronberg selbst, als vielmehr Schloß Eberstein, das nach der Beschreibung meiner Mutter wohl in der Rühe Kronbergs liegen muß."
Miguel Barbenos Augen leuchteten auf, als er den Namen Eberstein hörte. Doch sofort blickte er zu Bo- beii, ni« Edwin wieder an ihn wandte.
Edwin erzählte seinem neuen Freunde alles, was er ans dem Munde seiner Mutter und aus den hinterlassenen 'eiapierm seines Vaters über seine Herkunft, seine Kindheit, wußte
„Ja, wird Ihnen der alte Herr auch glauben, daß S" der «sohn der verschwundenen Grafen Roderich find?' fragte lauernden Blickes Miguel Barbeno.
„Ich denke wohl", versetzte treuherzig der junge ©raf, „umsomehr, als ich hier in meiner Brieftasche all die Dokumente mitführe, die mich zweifellos als seinen Enkel legitimieren müffen."
„Dann kann ich Ihnen nur gratulieren Herr Graf und wünsche nur, daß Sie. auch Ihr Ziel erreichen' Jetzt aber muß ich gehen. Es ist spät geworden Gute Rocht und. auf ein fröhliches Wiedersehen moraen'“
Edwin erwiderte freundlich den Gruß Miguels Wenn er, der kein Falsch kannte, das Selbstgespräch Miguel Barbcnos vernommen hätte, dann wäre er bis ins Innerste erschrocken gewesen.
Miguel Barbeno hatte seine Kabine ausgesucht und die Tür fest hinter sich verschlossen, als wenn er sich vor irgend einer Ueberraschung hatte sichern wollen. Er ließ sich in einen Schaukelsüihl nieder und brach In ein höhnisches Gelächter aus. „Nun schlägt für mich die Stunde der Rache, der Vergeltung", murmelte er. Graf Tankmar von Eberstetn, da du meinen Vater ins Elend hinausgestoßen, so sollst du es jetzt an dei
nem Enkel büßen. Nicht Roderichs Sohn wird dein Erbe an treten, nein, ich werde an seine Stelle rieten Und lebst.du noch, alter Mann, dann zittere und bebe, ich will deine, letzten Lebenstage zu Tagen fortwährender Qual machen. Und du, mein junger Herr, du wirst dahin gehen, von wo es keine Wiederkehr mehr gibt. Deutschlands Erde werde nur ich betreten. Saufe ich aber nicht Gefahr, in der Heimat erkannt zu werden? — Unsinn. Zwölf Jahre war ich alt ms ich meinem würdigen Vater entlief, und jetzt bin ich achtundzwanzig, ein Mensch von der Tropensonne verbrannt; ich bin überzeugt, nicht einmal mein lieber Vater dürste in mir seinen Sprößling wieder erkennen. Täte er es doch und machte mir Schwierigkeiten dann mein lieber Vater, gibt es noch Wege, lästige Elemente zu beseitigen. Vielleicht lebt er nicht mehr. Und wenn ja, dann — kommt Zeit, kommt Rat.
Auf dem Schiffe war es nach und nach still geworden. Die wenigen Passagiere waren längst zur Ruhe gegangen; bis auf die Wachmannschaften war jedes Leben auf dem Schiff wie erstorben. Am Steuer steht der Offizier und blickt in die sternenhelle Nacht. Seine Gedanken fliegen über das weite, weite Meer in ein fernes Land, wo feiner ein liebes Mädchen sehnsüchtig harrt. —
Nur allzu schnell verliefen in den wechselvollen Eindrücken die Stunden, die Tage der Fahrt. Die „Dalmatia" hatte bereits die Südspitze von Südamerika umsegelt. Es brach ein heißer, ein glühender Tropentag heran. Alles, was nur abkommen konnte, flüchtete unter Deck, um vor dieser Gluthitze einigermaßen Schutz zu finden. Anr Horizont zeigte sich ein kleines Wölkchen, dein wohl kein Mensch auf dem Schiffe sonderliche Aufmerksamkeit schentte. Nicht so aber der Kapitän. Besorgt blickte er gegen den Himmel. Gegen Abend wurde die unscheinbare Flocke zu Wolke. Es erhob sich ein Sturm, der schließlich zu einem furchtbaren Orkan auSariete. Das Meer wurde bis in seine inersten Tiefen aufgewühlt. ZnckendeBlicke sprangen aus dem finsteren Gewölk U™L ^deckten das empörte Meer mit Feuerflammen. „Slfle Mann an Deck", dröhnte des Kapitäns don- nemde «Stimme, Die Passagiere stürzten in furcht
barer Angst aus ihren Kabinen auf das Deck. Auf allen Gesichtem prägt sich Schreck und Verzweiflung aus. Die Segel sind von den todesmutigen Matrosen gerefft. Der Steuermann steht auf feinem Posten und hält mit eisemer Faust das Steuerrad fest. Da kracht und splittert es in den Masten und Raaen, eine furchtbare Verheerung wird auf dem Verdeck angerichtet.
Auch Edwin und Miguel Barbeno find aus ihren Kajüten nach oben gestürzt und harren mit dem Mute der Verzweiflung der kommenden Dinge. Da, ein gewaltiger Stoß, der das Schiff in seinen Grundfesten erschüttert; noch ein Stoß. Die „Dalmatia" ist auf ein Riff gerannt und fitzt fest. In Strömen ergießt sich das Wasser ins Innere des Schiffes. „An die Pumpen!" brüllt der Kapitän. Doch alle Arbeit fft vergeblich. Das Wasser steigt immer höher. Jeden Augenblick kann das Schiff in die Tiefe finken. Noch einmal ertönt die Stimme des Kapitäns: „Die Boote zur See!" Alles stürzt sich danach. Auch Edwin will in eines steigen. In diesem schrecklichen Augenblick vermißt er die Brieftasche mit den wichtigen Dokumen- ten. Schnell eilt er zurück nach seiner Kajüte. Sie liegt auf dem Tische. Schon greift er nach ihr. — Da — ein furchtbarer Schlag streckt ihn zu Boden und raubt ihm die Besinnung. Blitzschnell springt eine Gestalt über ihn hinweg, erfaßt die Brieftasche und verschwindet. Gerade will das letzte Boot vom Schiffe abstoßen, da schwingt sich Sennor Barbeno über Bord ins Boot herab.
„Sennor Barbeno", ruft erschreckt der Kapitän aus, „wo ist Graf Eberstein?"
„Da, im ersten Boot", erwidert ihm dieser.
„Dann fort, in Gottes Namen." — Das Seil wird gekappt und die Wogen reißen das Boot mit sich in die aufgeregte See. Und das Schiff? — Mn Wrack, ein Spielball der furchtbarm Wogen, kann es jeden Augenblick mit seinem Opfer in der Tiefe des LtzeanS verschwinden.
* •
Mn herrlicher Maimorgen brach an. Die Sonne sandte ihre purpurroten Strahlen in die herrliche, taufrische Natur. In den Aesten und Zweigen der knospenden Bäume und Sträucher lebte und webte es.
Die munteren Sänger sind erwacht und bereiten sich für das Frühkonzert vor. Auf dem saftgrünen Rasen des prächtigen Parkes, der das burgähnliche Schloß Eberstein umgab, sprangen zierliche Rehe umher, durch das niedrige Gehölz huschte der Goldfasan. Auch an dem altehrwürdigen Schlöffe schien der herrliche Mai- inorgen nicht spurlos vorübergehen zu wollen. Eines der hohen altdeutschen Bogenfenster im efften Stockwerk öffnete sich. Ein Mädchen von etwa siebzehn Lenzen lehnte sich zu dem Fenster heraus und sog in vollen Zügen die balsamische, würzige Parklust ein. Nicht lange zeigte sich das anmutige Bild am Fenster. Es verschwand, um nach wenigen Augenblicken im Parke zu erscheinen. Das Mädchm schritt den dicht beschatteten Gang entlang durch die prächtigen Anlagen nach den Treibhäusem, wo der alte Schloßgärtner Hildebrandt die Topfpflanzen ins Freie schaffte.
„Guten Morgen, Vater Hildebrandt", rief das junge Mädchen.
„Guten Morgen, gnädige Komteffe, was, schon so zeitig aus dem Bett? Nee, nee, während andere Dämchen bis in den Tag hinein schlafen, sind gnädiges Fräulein schon mit der Sonne auf. Ach, sehen Sie doch mal, Fräulein Jsoldchen — o verzeihen Sie mir, daß ich mir diese Anrede erlaubte, Komtesse werden mir doch nicht böse sein?"
„Nicht doch, Hildebrandtchen, lassen Sie's nut bei der Isolde, es klingt viel schöner und herzlicher altz das schreckliche „Gnädige Komteffe". Und dann — ich bin ja auch ein dummes Mädel. Also immer hübsch Jsoldchen, nicht wahr, mein liebes Hildebrandtchen?"
Und ehe es sich der alte Mann versah, hatte ihn Isolde an den beiden Armen erfaßt und drehte sich mit ihm so schnell im Kreise herum, daß dem alten Gärtner Hören und «Sehen verging.
„Gnädigste Komtesse! Fräulein Isolde! Fräulein Jsoldchen i" schrie der arme Mann durcheinander, „ ach, ach, halten Sie doch still, o je, halten Sie nur —"
„Was geht denn da vor?" ließ sich auf einmal eine tiefe Mannesstimme hören. „Aber Isolde! Da böri doch alles auf. Dieses Mädel tanzt mit dem ölten Manne herum und bringt ihn um den Atem. Mädel, nimm doch Vemunst an!* (Forts, folgt.)