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30 61.

IMUvsch Öen ,r. Mir) )»)(. L8 Jahrgang.

* fuldaer W Leitung«

2. Blatt.

druck und Verlag her znlda«, »ettendrucktk«' ie Fulda.

vor der endgültigen Beschlußfassung im Plenum deS Landtag« bekannt wurde, daß da« Preußische Etsenbahnmtutsterium bezügl. Ausbaus der Strecke Meiningen—Schlitz einen ablehnenden B e sch e i d erteilt habe. Gleichwohl vertraten sowohl der Berichterstatter de« Ausschusses Abg. Matthes- Jena sowie die Abgg. Heim und Stemmler und vor allem Abg. Dr. Kiel-Geisa im Plenum der Landtags den Standpunkt, daß die Linie Meinin­gen-Kaltennordheim nach einem Punkte der Linie Fulda—Tann auch bann noch vongroßer Bedeutung sei, selbst wenn eine Durchführung nach Hünfeld—Schlitz zur Zett vom preußischen Eism- bahnministerium abgelehnt würde. Besonders führte Abg. Dr. Kiel aus, daß die Erbauung dieser Linie für die hier in Betracht konimenden Weimartschm Lan- desteile direkt eine Lebensfrage bedeute. Hier­zu komme noch, daß nicht ausgeschlossen sei, daß auch im Weidtale sich eine Kalitndustrte in absehbarer , Zeit entwickle, zumal bereits jetzt in der Nähe von Unterweid Bohrversuche angestellt werden. Der Aus­bau der von den Petenten erbetenen Bahnlinie sei so­mit gar nicht so sehr außer dem Bereiche der Möglich­keit, ja Wahrscheinlichkeit. Und wenn erst die Linie Meiningen—Kaltennordheim etwa nach Lahrbach oder Tann erbaut sei, würde wohl die hohe strategische Be- ! deutung einer Fortsetzung über Hünfeld nach Schlitz und Gießen auch den Preußischen Eisenbahmninister noch einmal veranlassen, seinen jetzigen ablehnenden Standpunkt zu verlassen.

Der Landtag überwies dann entsprechend die ge­nannte Petitton der Großh. Staatsregierung zur Be- ri'icksichtigung.

(*) Die Küsterfrage in neuer Beleuchtung.

Zu den schwebenden Verhandlungen über die Ablösung des Küsterdienstes vom Schul­dienste, wonach die Lehrer nur noch den Organisten­dienst versehen, bringt die ,Kathol. Schuizeitung^ in Fulda (Nr. 7 vom 1. März 1911) folgenden be­merkenswerten Artikel, den wir unverkürzt und ohne Beifügungen zum Abdruck btütcen.

Am 25. Februar d. I. fand in Fulda eine Lehrer» k ü ste r-V e rsam m l ung statt, zu der sich eine große Anzahl Kollegen aus den Kreisen Fulda, Hün­feld und Gersfeld eingefunden batten, um zu der schwebenden Küsterfrage Stellung zu nehmen.

In kurzen Strichen gab ein Kollege ein klares Bild über den jetzigen Stand der besagten Angelegenheit. Seine Ausführungen gipfelten in folgender Darstel­lung:

Durch Verfügung vorn 7. September 1910 verlangte die Kgl. Regierung die Abtrennung des sogen, „niede­ren Küsterdienstes". Beigefügt war das bekannte Mu- ster, das wir auch in der letzten Nummer unseres Ver­einsorgans fanden und das inzwischen für die katho­lischen Küstenlehrer bedeutungslos geworden ist. Un­sere Versammlung am 8. Okt. 1910 war mit einer solchen halben Maßnahme nrcht einverstanden, daS zeigt die bekannte damals angenommene Resolution, die in der Schulzeitung und in der Fuldaer Zeitung veröffentlicht war. Auch das Bischöfliche Genewl- vikariat nahm zu der Regierungs-Verfügung einen ablehnenden Standpunkt ein; wie verlautet, war ihm. die Art und Weise der Auseinandersetzung zwischen Sckulverband und Kirchengemeinde nicht genehm. Die Folge war, daß di« bezüglichen Akten durch die Land- ratsämter unerledigt an die Kgl. Negierung zurückge­geben wurden. Nunmehr folgte zwischen der Kgl. Re­gierung und dem Bischöfl. Generalvikariat eine münd­liche Verhandlung. Das Resultat dieser Verhandlung war die Regierungsverfügung vom 11. Januar d. I. an die Landratsämter. Ende Januar erhielten die Herren Geistlichen die Regierungs-Verfügung sowohl durch die Landratsämtec als auch durch das Bischöf­liche Ewncralvikariat zugestellt.

Die Begleitverfügung des Bischöflichen General- Vikariats hatte folgenden Wortlaut:

Bischöfl. General-Vikariat. Fulda, 26. Jan. 1911. Hierbei geht Ihnen das Ergebnis unserer Verhandlun­gen mit der Kgl. Regierung betreffs Ausscheidung des Küsterdienstes aus dem mit einer Lehrerstelle organisch verbundenen Kirchendienst, mit der Aufforderung zu, die Kirchenvorstände Ihrer Pfarrei (Kuratie) zur als­baldigen näheren Vereinbarung mit den Scyulverbän- den zu veranlassen Wir weisen zu Pos. 8 ausdrücklich darauf hin, daß auch die Nutznießung solcher Kirchen­grundstücke, die dem Kirchendiener (Lehrer) zweifellos als Küster überwiesen find, mit der Ausscheidung des Küsterdicnstes aus dem Kirchendienste der Lehrer auf

den neuen Träger deS Küsterdienstes übergeht. Die Vereinbarungen bedürfen unserer Genehmigung und find nur unter diesem Vorbehalt zu treffen. Bischöfl. General-Vikariat: Dr. Arenhold.

Die RegicrungS-Verfügung ist zu umfangreich, al» daß sie hier wiedergegeben werden kann und so sei nur auf daS wichtigste in derselben hingewiesen. Sie der- langt die Abtrennung deS gesamten Küsterdienst?», nicht bloS des sog. .niederen" und steht somit ganz auf dem Boden unserer Resolution vom 8. Oft v. I. Dem Lehrer soll nur noch der Organisten- und Kantordienst verbleiben. DaS Vorbeten, das wohl die meisten Küsten- lehrer an Filialen zu besorgen haben, fällt demnach auch weg; desgleichen ist die in der ersten Regierungs- Verfügung enthaltene lästige Auffichtspflicht des Leh- rerk über den Küster in tue neue Verfügung nicht auf- genommen. Sodann soll der Organistendienst und daS Kantorat auch die herkömmlichen werktäglichen Gottes- dienste umfassen. Gemeint sind hier wohl die gestif- teten Gottesdienste, die Teilnahme als Kantor an den Prozessionen und Beerdigungen usw. Was die bestell- ten Aemter betrifft, so soll nach Weisung der Bischöfl. Behörde eine Einrechnung in die Organistenentschädl- guug nicht erfolgen.

Einen breiten Raum nimmt in der Regierungsver­fügung die Art und Weise der Entschädigung seitens des Schulverbandes an die Kirchengemeinde ein. Hier­über beraten die Herren Geistlichen schon wochenlang. Dies ist ihnen durchaus nicht zu verübeln, auch nicht, daß fie sich bemühen, eine möglichst hohe Summe für die Besoldung des zukünftigen Küsters herauszuschla- gcn. Mißbilligung jedoch, aber nicht Erwiderung, ver­dient das „Eingesandt" in der Fuldaer Zeitung, das mit seinen geradezu gehässigen Seitenhieben, Unge­nauigkeiten usw. darauf hinausläuft, den Schulver­band gegen die neue Regulierung mobil zu machen und dieselbe womöglich aut Kostenpunkt scheitern zu lassen. Aller Wahrscheinlichkeit nach belehrt die Zu­kunft den Herrn Einsender eines Besseren und zeigt ihm, daß der Lehrerküster doch wohl die billigste Ar- beitskraft für die Kirche war.

Für unsere heutige Versammlung muß die Ent- schäbtgungsfrage mehr in den Hintergrund treten, sie sei jedoch kurz gestreift.

Bei der Auseinandersetzung zwischen dem Schulver- band und der Kirchengememde kommt ein zweifaches in Betracht nämlich 1) die vom Schulverband zu lei­stende Entschädigung für den abzutrennenden Küster­dienst und 2) die Bereitstellung der Mittel für den Organisten. Die Küsterentschädigung soll die Hälfte aller gegenwärtigen Einkünfte und Einnahmen aus der Dotation der vereinigten Schul- unb Kirchendiener­stelle (a) plus der Hälfte der tarifmäßigen Mietsent­schädigung (b) betragen (a Z- %b) und darf über 200 Mk. nicht hmauSgehen. Die so ermittelte Summe muß vom Schulverband bar aufgebracht werden. Mit­tel hierfür stehen nicht bereit, jedoch verspricht die Kgl. Staatsrcgierung in ihrer Verfügung bei Bedürftigkeit Ergänzungszuschüffe. Anders liegt die Sache bei der Bereitstellung der Mittel seitens des Schulverbandes für den Organisten. Hier stehen ihm Landdotation, Ablösungskapitalzinsen, die halbe Wohnung usw. zur Verfügung. In Abzug sollen freilich die reinen Küster­gebühren (c) Taufen, Trauungen und Läuten bei Be­erdigungen kommeit. In der aus a und %b—c gebil­deten Summe haben wir die Höchstgrenze, bis zu wel­cher das Organistengehalt erhöht werden kann. Es kann diese Höchstgrenze -unter den von der Kgl. Regie­rung formierten Sätzen (300, 250, 200, 150, 100 Mk.) liegen oder aber darüber. In ersterem Falle muß das Fehlende vom Schulvorstand freiwillig oder bei dessen Weigerung von der Kirchengemeinde aufgebracht wer­den, int letzteren Falle braucht entweder nichts Vota Schulverband zugeschossen zu werden, oder höchstens die meist nur geringe Differenz zwischen der jetzt vor­handenen Gesamtdotation und des an den Organisten künftighin zrt zahlenden Mehrbetrags.

Wichtiger jedoch als die Entschädigungsfrage er­scheint für uns Lehrerküster die Beantwortung folgen­der Fragen:

1) Welche Dienstobliegenheiten hätten wir dem­nächst als Organist und Kantor noch zu erfüllen?

2) Ist die Entschädigung dafür angemessen?

8) Wie dürfte sich künftighin das Organistengehalt zusammensehen?

4) Wie verhalten wir uns bei der Vorlage des Vertrages?

Es bleibt der Diskussion überlafseri, hier jedem Kol­legen die nötige Aufklärung zu geben.

Die Versammlung dankte dem Redner, und eine lebhafte Debatte setzte sofort ein. Zu Frage 1 wurde hervorgehoben, daß während der Dienstzeit einzelner Lehrerküster eine Reihe von Andachten neu eingeführt worden seien, somit könnten dieselben nicht unter den Begriff „herkömmlich" im Sinne der Regierungs-Ver­fügung fallen, und der Lehrer könne vertraglich nicht dazu gezwungen werden. Auch für die bestellten Stern*

ter sei eine angemessene Entlohnung ohne Anrechnung am Platze. Co einigte man sich auf den Satz: der Lehrer soll bei Avschlteßung des Vertrags darauf achten, daß diejenigen Organisten- und Kantordienste, für welche eine direkte Verpflichtung für ihn seither bestand, namentlich aufgeführt werden.

Frage 2 wurde entschieden verneint und gesagt: , Gegenüber der Entschädigung protestantischer Kol< legen ist diejenige der katholischen Organisten, bereit Dienst bekanntermaßen ein weit umfangreicherer tft nicht angemessen.

Frage 8 wurde dahin beantwortet, daß die Zusam­mensetzungen de» Organistengehalte» dieselbe bleib» wie das seitherige Küstergehalt. Die Landdotatiett könne dem Lehrer nicht genommen werden; dafüL bürge § 28, Abs. 2 und 4 des Lehrerbesoldungsgesetze» vom 26. Mai 1909. Was die häufig, namentlich bs, Besoldungöneuregulierungen beliebte anderweitig» höhere Festsetzung des Wertes des Dienstlandes an gehe, so schütze den Stelleninhaber hierin der Min.-Erl, vom 19. Mai 1888. Es sei wohl leicht für den Lehre», eine etivaige Einschätzung des Dienstlandes für den zweifachen Grundsteuer-Reinertrag hinaus wirksam zu bekämpfen.

Als Antwort auf Frage 4 ergab die Diskussion fol­gendes: Sei hierin vorsichtig! Prüfe alles wohl unb berate dich vor der Unterzeichnung noch einmal m-.t einem erfahrenen Kollegen! Vergiß auch nicht, daß ein Passus des Vertrages die erstrebten Ferien erwähnt!

Was die Diskussion an „Entrüstung" für diejenigen Kollegen, die „des lieben Geldes wegen" Sonderbe­strebungen nachgehen, zu Tage förderte, mögen sich die­selben, soweit sie in der Versammlung nicht anwesend warm, durch die daran teilgenommenen Nachbarkol­legen erzählen lassen.

Damit schloß die vermutlich recht aufklärend ge­wirkte Versammlung und es steht zu hoffen, daß öle so wichtige Neuerung zu einem alle Teile befriedigen­den Abschlüsse gelangt.

Aus dem Nachbargedrete.

* Vom Vogelsberg, 13. März 1911. Die Orte Meiches, Dirlammen und Frischborn haben ihre Teil­nahme an einem-Gruppenwafferwerk beschlossen, Storn- dorf steht noch mit seinem endgilttgen Beschlüsse aus. Badenrod baut gegenwärtig ein eigenes Werk. Den gemeinsamen Wasserbezug planen auch die Orte Nös­berts, Vaitshain und Weidmoos, ©ie, wollen sich an das Wasserwerk Grebenhain anschließen.

w Frankfurt a. M., 14. März 1911. Die be stehende K i r ch e n n o t in Frankfurt und seinen Vor orten sucht man weiter kräftig zu beseitigen. Im Vor­orte Eschersheim, der seit dem vorigen Jahre einge- meindet ist, wird nächsten Sonntag der Grundstein zu einer katholischen Kirche gelegt, ebenso in dem nahen hessischen Vorort Nienburg der Grundstein zu der ver­größerten neuen Kirche In Bornheim hat sich zur Errichtung einer zweiten Kirche ein Verein gegründet, während man in Sachsenhausen hofft, noch dieses Jahr die Vorarbeiten zu einer zweiten Kirche beginnen zu können. Bei der Feier am nächsten Sonntag in Eschersheim wird Herr Pfarrer Knips in Ecken­heim als Vertreter des hochwürd. Herrn Bischofs von Fulda die Weihe des Grundsteins vornehmen. Nach­mittags 2 Uhr ist Prozession von der Notkirche i ach dem Kirchenbanplatz. Dortselbst finden die kirchlichen Zeremonien statt. Der Vortrag einiger Männerchöre und eines Kinderchores wird die Feier verherrlichen. Herr Pfarrer Knips wird auch die Predigt halten. Nachmittags istä Uhr findet eine Festversammlung int Saale „Zur Eisenbahn" statt, in welcher Herr Pfarrer Frachlit die Begrüßungsansprache und Herr Rektor und Oberlehrer Dr. Nieolay aus Frankfurt die Fest­rede halten wird. Verschiedene Mannerchöre und Konzertstücke werden für die nötige Abwechselung sor­gen. Der Entwurf zur Kirche ist durch den Architekten Hermann Mahr in Fulda angefertigt weiden.

* Mainz, 13. März 1911. Der dritte hes­sische H a n d w e r k e r t a g, der von etwa 400 Vertretern besucht war und unter der Leitung der hessischen Handwerkskammer stand, befaßte sich heute mit dem Submissionswesen, den Meisterprüfungen, de» Privilegien der Gewerbeschulen für diese Prüfungen und mit der Jugendfürsorge. Der Regierung wurde für die Besserung des Submissionswesens Anerken­nung gezollt und von den meisten Rednern die Privi­legierung der Gewerbeschulen befürwortet und vielfach der Wunsch auf Dezentralisation der Meisterprüfungen ausgesprochen.

tiefer Bedingungen genehmigte dann gemäß Antrag es Finanzausschuffes der Landtag die Zahlung einer lumme bis zu 100000 Mk. ä fonds perdu zum lau der Bahn Oechsen-Wenigentaft.

Eine weitere Petition, die das Plenum des Land- {igS in seiner letzten Sitzung beschäftigte, betraf die inie Meiningen-Kaltennordhei in—Kal- ensundheim — Ober- und Unterweid — »ünfeld —Schlitz. Die Petttion der in Be­tracht kommenden Gemeinden bezog sich vor allem auf jrtne diesbezügl. Petition des Kreistages von Hünfeld kn den Preußischen Eisenbahnmiinster, welche die Er- pauung derselben Linie befürwortet. Die Petenten ersuchten den Landtag, beschließen zu wollen, daß die Großh. Ctaatsregierung aufgefocdert ioerde, eben­falls beim Preußischen Eisenbahnininisterium vorstellig |u werden und die Erbauung dieser Suite mit Rücksicht aus die Erschließung eines beträchtlichen Weimari- schen Staatsgebietes zu veranlassen. — Der Ausschuß für Verwaltungsgesetzgebung hatte in seinem schriftli­chen Bericht die Neberweisung der Petition an die Re­gierung zur Berückpchttgung bereits beantragt, als kurz

^rachtverkehr keine höheren Tarifsätze in Anwendung ämen, wie bei den Preußischen Staatsbahnen und >aß endlich neben der 3. noch eine 4. Wagenklasse ge- ührt werde. Unter Voraussetzung der Einräumung

Reue Rhön-Eifeubahneu vor dem Weimarifchen Landtag.

Wie wir schon kurz berichtet hatten, war an den Weimarifchen Landtag eine Petttion der Gemeinde PölkerShausen bei Vacha eingegangen, welche ver- langte, daß die zu erbauende Grubenbahn der Gewerkschaft Heiligenmühle bei Oechsen über V ol­le rshaujen nach Vacha statt nach Wenigentaft geführt werde.

T Der Erfolg dieser Petttion war nun ein in parla- snentattscher Hinsicht fast einzig dastehender. Die Pe- jitton wurde nicht nur vom Landtag in seinem Plenum abgelehnt, sondern der Landtag ging sogar noch sowett, paß er für die von der genannten Petitton bekämpf­ten Linie Oechsen—Otzbach—Meswarz—Dermbach— Piiülar—Wenigentaft einen einmaligen Zuschuß von 100000 M. bewilligte, unter der Bedingung, daß diese Bahn gleichzeittg dem öffentlichen Verkehr nutz­bar gemacht werde. Man gcht wohl nicht fehl, wenn pian annimmt, daß dieser Ausgang nicht zuletzt dem Einfluß des Abg. Dr. Kiel-Geisa zuzuschreiben ist, da derselbe seit mehr als ein Dezennium schon un- Sbie Führerrolle in der Eisenbahnpolitik des Wei-

)en Landtags innegehabt hat.

' A b g. D r. K i e l war auch in dieser Sache Re­ferent des Finanzausschusses, an welchen die Ange­legenheit vom Verwaltungsgesetzgebungsausschuß wei­tergegeben worden war, um über Stichhaltigkeit der Gründe zu entscheiden, die für die Bewilligung von 100 000 M. aus Mitteln der Staatskasse angeführt fimrden und um dann den endgültig formulierten An­trag vor das Plenum des Landtags zu bringen. Ge­mäß dem schriftlichen und mündlichen Referat des Abg. .Dr. Kiel befürwortete der Finanzausschuß die Bewilli- tzung von 100000 Mk. besonders im Hinblick auf fol­gende zwei Gründe: Erstens, so betonte Abg. Dr. Kiel, könnte die Grubenbahn Oechsen—Wenigentaft fiur dann von Bedeutung für die in Betracht kommende Hegend sein, wenn sie gleichzeitig dem öffentlichen Ver­ehr erschlossen werde, sodaß es vor allem möglich sei, sie reichen Naturschätze an Holz und Steinen in die- em Teil des Eisenacher Oberlandes zu verwerten und ,n den Handel zu bringen. An zweiter Stelle sei es ‘aber auch unbedingt nötig, die Fortsetzung der zu er- bauendm Bahn Oechsen—Wenigentaft nach Derni- hach und event. nach Wernshausen—Gotha von Vvrn- berein offen zu lassen. DaS fei nur möglich, wenn die fn Frage kommende Strecke sofort als öffentliche Bahn ausgebaut werde. Notwendig fei es aber auch aus diesem Grunde, daß der Staat sich ein Ankaufs recht vorbehält, um jederzeit den wetteren Aus- und Fort- vau der jetzigen Teilstrecke zu verfügen oder vermitteln j|u können.

Der Ausschuß hatte gleichzeitig vorgeschlagen, den Ankaufspreis bis zur Höhe des Selbstkostenpreises sestzulegen. Auf Ersuchen der Regierung nahm der Landtag Abstand von dieser Klausel, um nicht etwa die

Durchführung der weiteren Bedingungen zu gefährden. Diefe weiteren Bedingungen bezogen sich hauptsächlich «daß bet Erbauerfirma und Betriebsinhaberin flage zu machen fei, daß für Personen- und

ver Erbe von Eberstein.

2] Roman von Edmu nd Now a f.

i „O, liebes Mütterchen, alles, was Du willst", er­widerte Edwin, den die Worte seiner sterbenden Mut­ter gewaltig erschütterten.

„Edwin, gib mir noch von diesen Tropfen. — Hab Dank, mein Kind. Komm noch näher heran. So — Edwin höre auf mich,---o Gott, laß mich noch

die — >ve — nigen---Augenblicke — Edwin —

dort — im Schreibtisch — die Papiere — Gott — wo ist Pater Auto —--"

Edwin beugte sich über seine sterbende Mutter.

„Mutter, stirb nicht! Verlaß mich nicht, Mutter, Mutter!"

Der junge Mann »ergrub sein Antlitz in den Kiffen und weinte herzzerbrechend. Da öffnete sich die Tür. Der Hausarzt trat ein. Dr. Verdegas übersah sofort die Situation. Schnell nahm er die Medizin und flößte Frau Stein einige Tropfen ein. Noch einmal kehrten die Lebensgeister zurück. Die Sterbende blickte Mm sich und erkannte ihre Umgebung.

„Dr. VerdegaS", lispelte sie fast tonlos, „wo ist Pater Antonio?"

Ta hörte man das Getrappel eines sich nähernden Pferdes. Es war in der Tat der Geistliche, der in den Hof gesprengt kam. Mit Ehrfurcht kam ihm Dr. VerdegaS mit dem jungen Stein entgegen und geleitete tzk» greifen Priester in das Krankengemach, worauf sie sich zurückgezogen. Edwin mit dem Arzte und die gefaulte Dienerschaft begaben sich in das Zimmer, um von Mrs. Stein Abschied zu nehmen. Ergreifende .Szenen fpieiten sich ab. Alles schluchzte, als die Sterbende ihre welken Hände über die Anwesenden breitete. Tann wurde es still. Ein glückliches Lä­cheln verklärte chr Anflih.

Mit einem markerschütternden Aufschrei warf sich Edwin über die teure Entschlafene. Da trat der greise Geistliche an ihn heran und richtete ihn sanft auf.

„Sennor Edwin, fassen Sie sich. Gönnen Sie Ihrer lieben Mutter die wohlverdiente Ruhe. Sie

hat viel gelitten, Gott wird ihr ein gnädiger Richter sein. Seien Sie stark. Ein neues Leben, ein neues Wirken tritt nun an Sie heran. Nicht zurück — nein, vorwärts gilt es. Graf Edwin von EbersteinI Haben Sie vergessen, was Ihnen vor wenigen Augenblicken Ihre hier ruhende Mutter vor ihrem glückseligm Ende gcossenbart hat? Und was haben Sie ihr geant­wortet?"

„Alles, was Du willst", entgegnete leise der junge Mann.

„Also, mein lieber Edwin, fassen Sie stch, hören Sie nun endlich aus zu klagen. Jetzt gilt es zu han­deln."

Den Arzt hatten die Worte des Geistlichen ins größte Erstamien versetzt. Er schwieg jedoch. Edwin hatte sich endlich aufgerafft. Die Worte seines alten Freundes hatten wie ein Zaubermittel gewirkt. Er schritt auf diesen zu und drückte ihm bewegt die Hände.

„Mein Vater! Sie wissen um meine Abkunft? O, haben Sie tausend Dank für die Liebe und Freund­schaft, die Sie stets meinen in Gott mhenden Eltem und mir erwiesen haben. — Ja, Pater Antonio, Sie haben Recht. Das Vermächtnis meiner Mutter soll mir heilig sein. Ich werde Ihren letzten Wunsch er­füllen, und sollte ich bis ans Ende der Welt wandern."

Stein küßte die marmorbleiche Stirn feiner Mut­ter und verließ dann mit den beiden Herren daS Sterbeziminer. Bald entspann stch eine lebhafte Unter­haltung, die sich nm die Beerdigung der Verstorbenen drehte. Ihrem Wunsch gemäß sollte sie in dem park­ähnlichen .prächtigen Garten neben dem Grabe ihres Satten ihre letzte Ruhestätte finden.

Der Wagen war inzwischen vorgefahren, noch ein herzlicher Händedruck, und das Gefährt verließ die Farm. Graf Edwin — wir wollen den jungen Mann von nun an so nennen — kehtte in das Totengemach zurück. Hier ließ er sich neben seiner Mutter in einem Sessel nieder und überließ sich dem von neuem her­vorbrechenden Schmerz. Plötzlich fuhr der Schläfer empor. Er öffnete die Augen und erblickte vor sich die Gestalt des Dr. VerdegaS. Schnell sprang er auf und drückte die Hand des Freundes. Der Arzt war

bereits mit den Klosterschwestern zurückgekehrt, die nun ihres traurigen Amtes walten wollten. Nicht lange dauerte es, und Sennora Stein lag in einem präch­tigen Metallsarg ,in einem wahren Blumengarten ver­borgen, aufgebahrt da. Zahlreiche Kerzen verbreiteten ihr düsteres Licht in dem Trauergemach.

Der nächste Tag brach in goldenem Sonnenschein an. Vom Dache des Herrenhauses wehte die Trauer­fahne halbmast, den Nachbarn anzeigend, daß die Herrin bet Farm Stein nicht mehr unter den Lebenden weilte.

Inzwischen war es Nachmittag geworden. Aus der Umgegenb von Cuenca war ein zahlreiches Trauer­gefolge eingetroffen, um der Dahingeschiedenen das letzte GAeit zu geben. Um die dritte Stunde bewegte sich der imposante Leichenzug nach dem Mausoleum im Parke, wo Frau Stein ihre letzte Ruhestätte sand. Nach einem kleinen Imbiß brachen die fremden Gäste auf, und nur Pater Antonio und Dr. Verdegas blie­ben zurück. Edwin hatte die beiden Herren gebeten, die Nacht auf der Farm zuzubringen, was der Prie­ster um so lieber tat, als er mit dem jungen Besitzer eine ernste Unterredung vorhatte.

Wir wissen ja bereits, welches Verlangen die Ver­storbene an Edwin gestellt hatte. Besonders handelte es sich daruni, wir man am besten zum Ziele kommen sollte, zumal das große Besitztum in keinem Falle ver­nachlässigt werden durste. Auf Vorschlag des geist­lichen Freundes sollte Edwin so schnell wie möglich feine Vorbereitungen zur Reise treffen, während Dr. Lerdeoas feinen Wohnsitz von Cuenca nach der Fann verlegen und die Verwaltung des ungeheuren Besitz- htmS übernehmen sollte. Wer war zufriedener als Edwin, wußte er doch ben väterlichen Besitz in guten HSilben. Nachdem der Reiseplan auf diese Weise eingehend besprochen worden war, geleitete Edwin beide Herren nach ihren Schlaflammern. Er selbst begab sich in das Zimmer seiner verstorbenen Mutter. Hier entnahm er seinem Portemonnaie ein Schlüffel- chen, mit dem er den Schreibtisch öffnete. Daun drückte er auf einen verborgenen Knopf, worauf sich ein Geheimfach öffnete. Hier lagen verschiedene, zum Teil vergilbte Papiere. Einige von ihnen waren mit

einer seidenen Schnur gebunden. Behutsam öffnete Edwin den Knoten, legte die Papiere sorgfältig aus­einander unb vertiefte sich in bie Lektüre derselben. Da lag vor ihm das Tauszeuams seines Vaters, des Grafen Roderich von Eberftein, bann bas feiner Mut­ter, sowie die Traupapiere der Eltern. Ganz unten lag sein Taufzeugnis, bas um eine Photographie sei­nes Vaters geschlungen war. Beim Anblick derselben überkam den jungen Mann ein tiefes Weh.

„Armer Vater", kam es traurig von feinen Lippen „Nicht mehr sollte es dir vergönnt fein, deine Heimat wiederzusehen. Doch, was dir versagt war, will ich mit Gottes Hilfe zu Ende führen. Dein Sohn wird dem greifen Vater deine Grüße überbringen."

Schon wollte Edwin die Papiere in das Geheim­fach zurücklegen, als sein Blick auf einen Brief fiel. Schnell nahm er ihn auf und las: „An meinen Sohn Edwin, Grafen von Eberstein." Mit zitternden Hän­den öffnete der junge Mann das Schreiben.

„Mein geliebter Sohn! Wenn Du diese Zeilen liest, weile ich nicht mehr unter den Lebenden. Wer Tein Vater war, wird Dir Deine Mutter erzählen. Es mochten zwei Jahre nach meinem Verschwinden aus Berlin vergangen sein, als ich eine Zeitung in die Hand bekam, in der Graf Thankmar von Eber- ftein, Dein Großvater, nach mir forschte. Er forderte mich und Deine Mutter in dem Ausruf auf, nach Schloß Eberstein zurückzukehren. Doch ich war zu jtolz Ich wollte von meiner Heimat nichts mehr -vifsen. Als ich, vom Panther tödlich verletzt, nach Hause gebracht wurde, da überkam mich die Reue. Wie gern wollte ich in die Arme meines Vaters eilen. Doch zu spät. Was ich nicht misführen konnte, das sollst Du nun, mein Sohu, tun. Wenn Du zum Manne heiangewachsen sein wirst, so reise nach Deutschland und überbringe meinem Vater die Grüße leine« sterbenden Sohnes. Edwin, dies ist mein letz­ter Wunsch. Mit zitternder Hand schreibe ich diese Zeilen. Ter Tod naht. Ich stehe bald vor meinem Richter. Edwin, sei stets Deiner armen Mutter eine feste Stütze. Run leb wohl und werde glücklich.

Dein armer Vater Roderich." (Fortsetzung folgt.)