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Erstes Blatt

Fulda, Mittwoch den 15. März 1911

38. Jahrgang

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fiotationsbrudunb Verlag der Fuldaer Al» tieudtuckerei in Fulde Femsptecher Ut.S.

Dentfcher Reichstag

Sitzung vom 14. März 1911.

Monatrbellager „8uldaer GeschlchkbMer"

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M 61.

Lrfcheftit täglich mit ssuritahme der Som« mrd Feiertage, viertel« jährlicher vezilgrpteir »hne Sringerlsh« und SefteLgeld'.n Feldas». wieau$«Dättsl-5»ü«.

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+ Ter nächste Reichstag.

Im iieuesteu Hefte der Preußischen Jahrbücher spricht sich Pros. Delbrück über die Konstellation d-.-r Parteien im nächsten Reichstage aus und ent» wirft darüber folgendes Bild:

.Das eigentliche Ziel einer konservativen Baisse» spekulation: dernichr arbeits fähige Reichstag, wird unter keinen Umständen erreicht werden. Dafür bürgt uns die politische Klugheit des Zentrums und der durch die Blockepisode innerlich umgcwandelte Geist der Freisinnigen Volkspartei. Beide Parteien werden sich hüten, soweit es an ihnen liegt, es zum äußersten kommen zu lassen. Das Bild des nächsten Reichstages kann also auch gerade umgekehrt aufgefaßt werden, als es der politische Pessimismus sich vorsteUt, nämlich einer regierungsfähigen Majorität, so groß, rote rott sie kaum je gehabt haben: in der unbeoingten Opposition allein die Sozial­demokratie mit, sagen wir 100, sagen wir 120, sagen mir sogar 140 Stimmen — auf der Siegle, rungsj eite alle anderen, das Zentrum mit seinen 100 Stimmen, an das sich, je nach dem Gegen­stand, die größeren und kleineren Gruppen der Anti­semiten, Konservativen, Freikonservativen, National- liberalen, Freisinnigen und Polen anichließen, um die unentbehrliche Majorität in den entscheidenden Fragen zu schaffen."

Abg. Flosch (Fortschr. Vp.): Auch wir sind erfreut über die staatllche Förderung der Jugendpflege. Wir erwarten, daß alle pottlischen und religiösen Momente von dem Gebiete ferngehalten werden.

Kultusminister v. Trott zu Solz: Ich bin dankbar für die Anertennung, die dre Absicht der Regierung gefunden hat, sich der Jugendpflege in erhöhtem Mabe zuzuwenden. Es soll sich keineswegs um ein bureau- kratisches Werk handeln, sondern um eine freie Be­tätigung. Wir wollen die Heranwachsende Jugend vor Gefahren bewahren und zu tüchtigen Menschen machen. Wir unterstützen alle Vereine, die von vaterländischem Geiste erfüllt sind, auf dem Boden der bestehenden Gesellschaftsordnung stehen und treu zu König und Reich halten. (Beifall rechts.) Wir machen keinen Unterschied zwischen konfessionellen und anderen Ver­einen und schließen jede politische Färbung der Vereine aus. Wir brauchen bet dem Werk die Hilfe der brei­testen Schichten.

Abg. Stroebel (Soz.): Die Furcht vor der Sozial­demokratie veranlaßt die herrschenden Klaffen zu dem in Rede stehenden Vorgehen. Man will bte Jugend zur Unterwerfung unter den Staat durch den Geldsack des Ausbeutertums erziehen. Die vaterländische Ge­sinnung ist gerade bei den Sozialdemokraten zu finden. (Lachen rechts.) Im Laufe seiner Rede wird Stroebel von dem Präsidenten v. Kröcher zur Sache gerufen. — Abg. Stroebel (fortsahrend,: Wir wissen ja, >vie das präsidiale Regiment geführt wird. — Der Präsident ruft den Redner zur Ordnung.

Abg. Stroebel (fortfadrend): Der Kultusminister setzte sich bei der Nichterteilung des Erlaubnisscheines zum Privatunterricht an soztaldemokralische Turnvereine in Widerspruch mit dem Gesetz.

Der Präsident ruft den Redner zum zweiten Male zur Ordnung.

Abg. Stroebel (fortfahrend): Es handelt sich dabei um fortgesetzte bewußte Gesetzesverletzung.

Der Präsident ruft den Abg. Stroebel zum dritten Mal zur Ordnung.

Darauf wtrd die Besprechung geschloffen und die zur Förderung der Jugendpflege geforderte Summe von einer Million bewilligt.

Mittwoch: Weiterberalung.

evangelische Kinder evangelische Konfefsionsschulen er- richtet. Ma» könnte also auch den Katholiken in Bütow etwa- weitherziger entgegenkommen. Auch in Lauen- bnrg wurde die Errichtung einer katholischen Kon- fesfionsschule verweigert. Bei der Schule in Mewe und Särchen-Annahütte müßte bester für die katholischen Minoritäten gesorgt werden. Den ausge- worfenen Betrag für die Teilnahme der Lehrer an amtlichen Kreiskonferenzen bitte ich, voll zur Auszahlung gelangen zu lasten und eine weitere Erhöhung dieses Betrages in Aussicht zu nehmen.

Abg. Brust (Ztr.) führt Klage darüber, daß im Wahlkreise Recklinghausen gleichen Gemeinden für Schulleiter mit gleicher Borblldung und mit gleicher Leistung ungleiche Amtszulagen festgesetzt seien. Die katholischen Lehrer ständen durchweg ungünstiger als die evangelischen. Auch die Mietsentschädiguna sei vielfach für die katholischen Lehrer niedriger. Es sei zu wünschen, daß die Regierung hier sofort eingreife.

Geheimrat Klotzsch erwidert, die Regierung in Münster sei damit beschäftigt, die erwähnten Mißstände zu beseitigen. Es dürfe die Koedukation nicht lediglich deshalb eingeführt werden, um sechs und mehrauf- steigeude Klaffen zu erhalten. Es fei angeordnet war- de 7 daß an Schulsystemen mit sechs und mehrauf- steigenden Klaffen nur noch Rektoren als Schulleiter angestellt werden sollen. Dem Abg. Göbel erwidere er, daß für die Mietsentschädtgungen 6 Millionen Mark zuge wandt worden seien, die doch sicherlich eine ge­waltige Besserstellung bedeuten.

Abg. Dr. Schmitt-Düsseldorf (Ztr.): Mit der Neu- ordnung des Mittelschulwesens sind wir einver­standen, wir hätten aber gewünscht, daß man dem Religionsunterricht etwas mehr Aufmerksamkeit zuge- roandt hätte. Der Koedukation, die wir nicht wünschen, leisten die Bestimmungen über die Mittelschule Vor­schub.

Abg. Witzmann (natl.) wünscht, daß die Lehrer be­züglich der Reisekosten und anderer gesetzlicher Ent­schädigungen mit den mittleren Beamten anderer Stier- Wallungen gleichgestellt würden.

Abg. Turm (Vp.) fordert im Interesse des Mittel- fchulroesens die Abschaffung der nebenamtlichen Kreis- fchulinspektion.

Abg. v. Trampczynski (Pole) tritt für die Aus­dehnung des Botksichulunterhaltungsgesetzes auf die Provinzen Posen und Westpreußen ein.

Abg. Hoff (fortschr. Vp.): Es fehlt die gesetzliche Grundlage für die Besoldung der Mittelschullehrer. Der Antrag bett. Konfessionalisierung der Hilfsschulen lehnen wir ab.

Die Ausgaben für die Lehrerbesoldung werden be­willigt. Der Antrag der Bndgetkommifsion, wonach bei Vermehrung der Hilfsschulen für schwach ver. anlagte Kinder der Volksschulen der konfessionelle Cha­rakter dieser Schulen gewahrt werden soll, wird an­genommen.

Abg. Maurer intlb.) beantragt eine neue Berech­nung der OstmarkenMage für erste und alleinstehende Lehrer und Schulleiter.

Die Abgg. Ernst (Vp.) und Viereck (frk.) befür­worten den Antrag.

Abg. Dr. Maurer (ntl.) wünscht Aufbesserung der Rektoren rm Höchstgehalt.

Abg. Heine kntlb.) tritt für Aufbesserung der Ruhe­gehälter der Altpensionäre ein.

Abg. Goebel (Ztr.) tritt diesem Wunsche für feine Partei bet.

Der Antrag Maurer wird an die Budgetkommission verwiesen.

Abg. Sthezyuski (Pole) wünscht, daß man pol­nischen taubstummen Kindern auch polnischen Unter­richt erteile.

Weiter ist als angenehme Einzelheit zu buchen die Zustimmung) des Ministers des Auswärtigen-' Grey, zu den Ausführungen und Vorschlägen de- deutschen Reichskanzlers in der erwähnten hoch­politischen Rede. Noch angenehmer klingt die Ver- sicherung der beiden englischen Minister, die gegen­wärtige Höhe der Ausgaben für die Flotte solle die „Hochwassermarke" darstellen, und man werde fünftig wieder die Rüstungen vermindern können, wenn Deutschland über sein bestehendes Flotten- Programm nicht hinausgehe. Grey führte aus,

die Bürde der Rüstungen fei eine größer« Gefahr, als der Krieg selbst. Sie bedeute eine Ver­mutung in FriedenSzetten. Da der Ausdruck „Be- chränkung der Rüstungen" sicherlich im Auslande An- toß erregen und mißdeutet werden würde, habe er stets von einer „wechselseitigen Beschränkung der Aus­gaben" gesprochen. Natürlich könne ein eventuelles Abkommen mit Deutschland keine Aenderuug des Flottengesetzes zur Folge haben. Ein Abkommen könne aber vielleicht zu einer Verlangsamung der Ausgaben führen oder dazu, daß das gegenwäriige Programm Deutschlands keine Steigerung erfahre, voraussichtlich läßt sich nur auf dem Wege des D ch i e d s g e r i ch t s w e s e n s auf diese Ausgaben ein« wirken, aber die öffentliche Meinung muß darin noch einen großen Schritt vorwärts tun. Zweimal im letzten ^ahre habe Präsident Tast Maßnahmen zur Förderung des Schiedsgerichtswesens angeregt, die von größerer Be- d eutung seien als ncgend etwas, was ein praktischer Staats- mann in seiner Stellung zu unternehmen gewagt habe. Der Gedanke Tafts sollte nicht ohne Echo "bleiben. Die Regierung würde einen Voranschlag dieser Art mit Freude begrüßen.

Warten wir aber ab, ob die Engländer schließ­lich neue .Schlußfolgerungen" oder sonstige Vor­wände finden, um wieder die „Notwendigteil" von weiteren Schiffsbauten zu erweisen.

Die Lage sieht sich augenblicklich friedlich an; doch die „internationale Abrüstung" steht lisch immer im allerweilesten Felde.

Ein Regiert!,tgskommiffar erwidert, daß man taub­stummen Kindern nicht die Erlernung von zwei Sprachen zumulen könne.

Ab en dsihung.

Abg. v. S<6entfenborff (natL): Die Schule muß vmetngezogen werden in den Kreis der Jugendpflege. Wenn auf diesem Wege eine sittlich, geistig und körper- sich durchgebildete Jugend erwächst, so werden wir weniger empfinden, was heute vielfach fehlt, die Freude am Vaterlande. Beifall.)

Deutsches Reich.

* Berlin, 14. März 1911. Der Kaiser mal am Aiontag und Dienstag beim Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und hörte dann Vorträge von Aiilitärfachleuken. — Der Gouverneur von Samoa, Dr. Sols, soll von feinem Posten zurückkehren wollen und durch den Legal.önsral Knüpping ersetzt werden. — Ta- Kronprinzenpaar war am Sonnicm nach Äelimwlts und abends in Kairo »u

^Die deutsche Flotte im englischem Parlamente.

n 0to!e Flottendebatte fand im englischen Anschluß an den gestern mit«

SnnaYV des Arbeiter,ührers

Macdonald statt, der das enorme Anwachsen der Ausgaben für Heer und Flotte beklagt und deren Verminderung fordert. Der Antrag fand nur 56 'stimmen. Unter Zustimmung der Regierung ge­langte vielmehr folgende .diplomatisch" abgefaßte Resolution zur Annahme:

m.H-ws. bedauert das Fortbestehen der Not- t b 8 f Aufrechterhaltung großer Rüstungen

und wurde bte Herbeiführung einer internationalen roinfommenbetien.- Beschränkung der Rüstungen

Das entspricht der Praxis der gegenwärtigen liberalen Regierung Englands. Es wird g e r ü st e t mit angespannten Kräften, und dabei wird von der mternationalcn Abrüstung geredet. Tie Erklärung für dieses Verhalten ist sehr einfach: Das liberale Ministerium muß auf der einen ©eite im Flotten- bau die Wünsche der Imperialisten und Konser­vativen erfüllen, wenn es nicht von der chauvinisti- schen, deutschfeindlichen Agitation fortgesegt werden will, und es muß auf der andern Seite die Zu« knnftsmelodie der allgemeinen Abrüstung erklingen lassen, um dw Radikalen und Sozialisten im ciqenen Lager zu beschwichtigen.

So ging es in England und so wird es weiter» gehen. Ohne uns Illusionen zu machen, wollen ronc auH, den erfreulichen Einzelheiten der neuesten Parlamentsverhandlung unser Aufmer^a^- feit nicht versagen.

Dahin gehört zunächst die Tatsache, daß der erste Lord der Admiralität Mac Ken na jetzt end­lich seine falschen Angaben vom Jahre 1909 über das Anwachsen der deutschen Flotte richtig gestellt hat. Unter einem großen Aufgebot von allerhand Ausreden und Spitzfindigkeiten! Mac Kenna hatte damals mit vollster Bestimmtheit be« hauptet, daß Deutschland den Bau seinerTreadnoughts über sein Flottengesetz hinaus beschleuniae. Er halte genau angegeben, daß Ende 1910 neun deutsche Riesenschiffe vollendet fein würden; tatsächlich waren «<.nu5 .vnf" ttnb_ fo ging e8 weiter in starken llcbertreibungen, die mit der größten amtlichen Autorität vorgetragen und auch nach der Aufklärung von deutscher Seite nicht zurückgenommen wurden, zetzt gesteht Herr Mac Kenna ein, daß seine Behaup.urigen nicht auf irgend einer soliden In« formation beruht haben, sondern daß er sie als Schlußfolgerungen eigenmächtig abgeleitet habe au§ dem einfachen Umstande, daß Deutschland sür die neuen Schiffe, die bekanntlich immer kostspieliger werden, höhere Jahresraten, als ftüher üblich, in das Budget eingestellt hatte. Er mußte weiter zu« gestehen daß er zu der Zeit, als über die sofortige oicubewilligling von 4 englischen Dreadnoughts ver« handelt wurde, berests eines anderen belehrt war, aber die Wahrheit nicht rechtzeitig ausge« sprachen hat, angeblich der Verhütung von neuer Beunruhigung halber.

Man sieht, es war hohe Zeit, daß die deutsch, Regierung (gemäß der Rede unseres Reichskanzlers) der englischen Regierung den Austausch von Informationen über den beiderseitigen Flotten« bau vorschlug. Hoffentlich wird fortan auf der englischen Ministerbank nicht mehr so verwegen und hartnäckig mit tendenziösen .Schlußfolgerungen" gearbeitet!

Diese Auffassung hat zum mindesten den Vorzug der Neuheit. Im übrigen aber vermögen wir uns mit ihr nicht zu befreunden. Der Freisinn soll wirklich die Selbstüberwindung besitzen, das Freund- schastsverhältnis mit dem linken Genossen aufzu- lösen? Wird er überhaupt die Kraft dazu haben? Und darf man mit Sicherheit auch nur darauf rechnen, daß die Nationalliberalen sich zu ihrer alten vor 1906 befolgten Politik zurückfinden werden? Weshalb sollen sie, die heute aus freien Stücken die Sozialdemokratie unterstützen, sich be« kehren, nach dem sie sich vor dem tiefen Fall nur durch deren Wahlhilfe gerettet haben und in den Reichstag einziehen, nach dem Muster von Jmmen- stadt die Seele der Roten verschrieben? Da kann doch wahrscheinlich mit ziemlich gleicher Sicherheit auch darauf ger.chnet werden, daß die Sozialdemo, traten nach dem badischen Beispiele und unter Führung des badischen Großblockoirigenten Kolb ich zur„pofitiven Politik" zusammen m i t R a t i o n a l- liberalen und Freisinnigen bekehren werden!

Doch das sind alles Vermutungen. Warten wir ab, was kommen wird. Das Einzige und Wichtigste, was für uns zu tun ist, ist, mit allen Kräften da- hin zu streben, daß im nächsten Reichstage keine Großblockmehrheit gebildet werden kann. Können wir das erreichen, so können wir dem nächsten Reichstag ohne jede Furcht und Beklemmung entgegen­sehen. Das gleiche gilt natürlich auch für die Rechts- Parteien, und deshalb haben wir uns etwas gewundert, daß Prof. Delbrück sich die liberaleAgitations- lüge von der „konservativen Baissespekulation auf den nicht arbeitsfühigen Reichstag" zu eigen gemacht hat. Die Konservativen haben gar keine Veranlaffung zu einer solchen Spekulation. Dazu Veranlassung haben könnten nur die Nationallibe­ralen, und wir dürfen daran erinnern, daß wir, lange bevor das Wort von der .konseroativen Baissespekulation" erfunden war, in national- liberalen Blättern Wünsche und Andeutungen gelesen haben, die keinen anderen Sinn haben konnten als den der Spekulation auf einen arbeitsunfähigen Reichstag, baldige Neu- wählen unter zugkräftiger Parole und großartigem Sieg der nationalliberalen Partei durch die Unter­stützung des amtlichen Wahlapparats usw. Die „nationalliberale Baissespekulation" würde wenigstens verständlich fein, so gut verständlich, daß gar keinen Zweifel an ihrer wirklichen Existenz haben.

Das bedeutet für uns die Mahnung, daß wir nach dem nächsten Wahlkampfe nicht die Waffen ruhen lassen dürfen; wir müssen in der Rüstung auf dem Platze bleiben dis zu dem folgenden Wahlkampfe — denn dieser wird erst die endgültige Entscheidung bringen.

. Abg. v. Strombeck (Ztr.) will den Hausierhandel Nicht eingeschränkt wissen. Es handele sich um ehr­liche Leute, die man jetzt auf einmal aushungern wolle.

Abg. Kölle (Wtrtjch. Bgg.): Gegen Automo- p:le auf dem Lande sind Maßregeln nötig. Den Wanderarbeitern in den Asylen, roo sie an ordentliche Arbeit wieder gewöhnt werden sollen, sollte man mehr Fürsorge znroeiiden. DieM ar garine Vergiftung en b weifen, daß die jetzige Gesetzgebung nicht ausreicht.

Kfiiltwoch: Fortsetzung.

In der Weiterberalung des Etats des ReichSamtS FS Innern beschwert sich

Abg. Hansen (Däne über schikanöse Handhabung .des Bereinsgejetzes gegen die dänische Bevölkerung.

_ Abg. Hauser (Ztr.) begründet die Resolution deS M'rurns betr. den kaufmännischen Mittel­tan d. Es muß olles ttujgeboten werden, um den Mittelstand lebensfähig und kräftig zu erhalten. Das ( krichsaml darf sich nicht zu lange bei Erwägungen illsh alten, sondern muß baldigst praktische Vorschläge Nachen. Bei eleltrffchen Installationen, besonders bet ledert and zen traten, sollte man nicht große firmen, fonlern kleine Beiriebe berücksichtigen. Diese rhaltcn dadurch ein Monopol auf die Jnnenemrich- ungen. Hier muß freier Wettbewerb herrscheit. Es st unrichtig, wenn von seilen der Sozialdemokratie es o dargestellt wird, als ob der Reichstag und speziell ptr für den Mittelstand nichts .leisteten. Gerade die -vzialdemokralie ist es, die den Mittelstand vernach» ässigt. Dringend notwendig ist em Gesetz, welches die . oeslimmungeu über die Wand er Inger und Wander« utUionen erheblich verschärft. Auch fordern wir die Inlerdrückung des heimischen Warenhaudelö >mch scharfe Durchjührung der bestehenden Gesetze. Beiter wünschen wir, daß die Einzelstaaten das Detail- Weisen und Hausieren nach Lage ihrer Verhältnisse weiter einschränten. In Süddeutichland haben die ein- peim schen Kaufleute und Hausierer durch die aus- wärligen Hausierer sehr zu leiden. Der kaufmännische Wlltelstand hat ohnehin schon genug zu leiden durch bte Warenhäuier und die Beamlenkonsumverein. Die Selbsthilfe des Mutelstandes reicht allein nicht aus. (Beifall im Zentrum.)

Abg. Gras Kanitz (kons.) begrüßt die Erklärung per Nasionalliberalen, daß sie für die landwirtschaft- jichen Schutzzölle ei tut et en würden und bedauert, daß die Volksparte! eine andere Hallung einnehme. Der fluiegung aus Schaffung eines deutschen Petroleum- lertriebsMonopols stimme ich zu, bin aber der Meinung, daß man eine solche Idee nicht offen vor Pen Augen des Auslandes propagieren soll. Eine lchwere Schädigung für unfern wiitschafilichen Wohl­stand bedeutet die unreelle Geschäftepraxis einzelner Banken. Es müffen die Depositengelder des sparen- den Publikums mehr geschützt werden. Zu dem Zweck müßten Zwischenbilanzen veröffentlicht werden. Es ist erfreulich, daß die Berliner Großbanken sich dazu bereit erklärt haben. Die Haupffache ist, daß das sparende Publikum vorsichtiger wird und seine Ersparnisse auf Sparkassen bringt.

, Abg. Hoch (Soz.) beschwert sich über die Auf- psung sozialdemokratischer Jugendorganisationen, .bin sich über die Retchsversicherungsordnung ver- ireiien, wird aber vom Präsidenten daran gehindert. Zum Schluß meint er, es sei Regierung und Reichstag mit der Privatbeamtenversicherung nicht ernst.

StaaisfekrelärDelbriick: Was bisher sürdiewirtschaft- tche und kulturelle Hebung der Arbeiter geschehen ist, fft nicht von den Sozialdemokraten geschaffen, sondern von den anderen Parteien und der Regierung. (Sehr öchüg! rechts und in der Mitte. Widerspruch und flnruhe bei den Sozialdemokraten.) Die Sozialoemo- «atie hat mir vorgeworfen, daß ich beim Zentral- derband deutscher Industrieller zu Gast gewesen sei. sich führe meine Amtsgeschäfte fo, wie ich es für richtig /alte und kann mich den Repräsentationspflichten gegenüber einem Verbände, der von so großer rotrt» fchasllicher und kultureller Bedeutung ist, nicht entziehen. ,£>ie großen Bankzusammenbrüche beruhen auf Unred­lichkeiten der Banileiler. Hiergegen kann die Gejetz- Wbung nichts tnn. Wir sind mit der Frage beschäftigt, iie das Publikum gegen Verluste zu schützen ist.

Abg. Wieland (Volkep.) behandelt dre Frage der Verteilung der Kosten der Lehrlingsausbildung auf Kndnstrie und Handwerk.

Abg. Frhr. v. Gamp (Rp.) bittet den Minister, )em Schutze der Ardeuswilligen näher zu treten. Die Lrivatbeamtenversicherung muh noch Aenderungen er­fahren, wenn sie unsere Zustimmung finden soll.

Abg. Jttttck (ntlb) tritt für die Tarifverträge ein.

, Staatssekretär Delbrück legt nochmals die Schwierig- fett der Schaffung einer Zentralstelle sür diese Ver­träge dar.

«C^8; Heckenrolh (kons.) gibt feiner Genugtuung Ausdruck über die zur Fürsorge für die schulentlassene männliche Jugend ausgeworfenen Mittel.

Abg. Tr. Kauffmmin 'Ztr.) bittet, aus den Mitteln der vorhandenen Fonds den katholischen Borro- mäusverein zu unterstützen, dessen Be ireben es fei, eine gute Lektüre in das Volk zu bringen.

Abg Kesternich (Ztr.): Die wichtigste Ausgabe der Jugendpflege ist es, die Jugend für die innerlichen Kämpfe zu stärken, die sie nach der Schulent­lassung durchzumachen haben, und fie damit Gott und dem Vaterlande zu echalten. Diese Arbeit muß fid) aufbauen auf dem Boden der Pflege der Religion. Wuc begrüßen es daher, daß den bestehenden kon­fessionellen Jugendvereinen durch die staatliche Fürsorge keine Konkurrenz geschaffen werden soll. Abg. Ströbel meinte, durch die eingeforderlen Mittel ollen die christlichen Jugendvereine vor dem Bankerott gerettet werden. Wenn Sie (zum Abg. Ströbel) auf den Posten des Konkursverwalters ge- rechnet haben, dann haben Sie sich sehr gründlich »er«

(.® e’’Lrit**Ü8! Zentr.) Es ist nicht gelungen, ohne Gott eine Moral zu schaffen. Wie ist es in Italien nach der Okkupation des Kirchenstaates? In Italien und Frankreich gehört die Überaus große Mehr­zahl der Bolksschullehrer der sozialdemokratischen Partei

Es gehört die ganze kulturhistorische Ignoranz des Abg. Ströbel dazu, zu behaupien, daß die kathol. Geistlichkeit und die katholische Volksschule für den Tiefstand der Volksbildung in solchen Ländern ver- antworttich zu machen sind, die Überhaupt keine kathol Schule mehr haben. Wir wollen die proletarische Jugend freimachen von den Fesseln und der Knecht­schaft einer Partei, die nur ein Phantom der Freiheit kennt. (Lebh. Bei,all im Zentr.) Wir haben verschiedene Vereine, welche sich der Jugendpflege widmen, so die Gesellenvereine, die katholischen Jugendvereine die Bauernburschenvereine. Durch Errichtung guter Bibliolheken ist für das FortbildungsbedürfniS der Jugend gesorgt. Ich nenne weiter die Tätigkeit des katholischen Lehrerverbandes, unserer Rekrutenfürsorge die mit großen Opfern an Zeit und Geld der Jugend dienen. Ich bitte den Minister dringend, alle diese Vereine bet der Ausschüttung des Millionensegens nach Gebühr zu berücksichtigen. Die Gemeinde­vertretungen müssen sich mehr als bisher für die Jugendpflege interessieren. Eine Hauptaufgabe fällt der Volksschule zu, daher muß bte Lehrervorbtldung in den Seminaren sich schon auf sie einnchlen. Wir begrüßen mit Genugtuung, wenn der Kullusmmifter es sich zur Aufgabe gestellt hat, die fchulenllaffene Jugend vor der Entfremdung von Gott und Vaterland iu schützen. (Lebh. Beifall.)

uldaer W Zeitung

I parMk m Fulda, Wochenbettage: t Toimtagszeürmg"

Prerchischer Landtag, Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 14. Mürz 1911.

Bei der Weiterberalung des Kultusetats führt Abg. Goebel (Zlr.) ans, daß eine Beruhigung in ?en Mehrerkreiien, wie man sie vom Lehrerbefoldungs- iiefrtj erwartet hatte, nicht eingetreten sei, weil die Aus- ührungen des Gesetzes den Erwaitungen nicht ent« haben. Die Mietsentschädigungen stehen nicht N demselben Verhältnis zum Wohnungsgeldzuschuß der mittleren Beamten, wie man das erwarten dürfte Eoroeit Oberschlesien in Betracht kommt, ist mein früherer Wunsch auf Beseitigung von Härten zum Teil trsullt worden. Am jchlechresteu sind bei dem neuen Tarts Hannover und Westpreußen fortgekommen.

2^ Heß (Zu.): In Westpreußen gibt es Schute», die überwiegend von katholischen Kmdern be« Ju^t werben, an denen ober dennoch mehr evangelische .""rken. Wir wünschen etwas 'peE t,Va*L brr der Anstellung von o t 'st vorgekommeu, daß ein evangelischer

ße&rer kalholffchen Schulern das Thema stellte: „Wo- gegen wandten stch die Reformators?" Ein anderer kvangelffcher Lehrer erktSrie seinen kakholtschen Schülern, daß zukünftige sanden vergeben werden können DaS E t!m ^iigeschtcklichteu, die nicht Vorkommen sollte. ,Der Redner dringt dann Beschwerden darüber vor ff 8 in der Stadt Bütow die Errichtnng einer kalho-' Pichen Schrie durch langwierige Berhandiungen fett fünf Jahren hintaugehalten wurde. An der eoange« ,fischen Schule zu Bülow wurde ein katholischer Lehrer ffur Erteilung des Religionsunterrichts anaeReQt. Es (entstand nun die Frage, ob die Schule eine Konfesfions- ffchule oder eine Simultanschule ist. Diese Frage wurde Fisher nicht entschieden. Die Frage, ttvelchen Eharatter .Aae Schule hat, ist von der Schulausfichtsbehörde zu ,entscheiden. In vielen Gemeinden, die überwiegend ff>on Katholiken bewohnt find, find für ganz wenige