M 59.
atenlag den 13. mär) (Hl.
58. Jahrgang.
* fuldaer W Zeitung «
2. Blatt
vrvck unb Verlag der Sulbaer »cttendruckeret in Zulba.
Aus dem Nachbargebiete.
• Hanau, 10. März 1911. Ein Einbrecher ftatig gestern nachmittag im katholischen Pfarrhaus unbemerkt in ein Zimmer, erbrach eine Kiste, welche Bücher enthielt und entnahm ihr einen Leit vsl letzteren. Als sich der Dieb, ein Dachdecker Seifert aus Ersurt, verfolgt sah, warf er das Paket r?eg und entfloh dem Westbahnhof zu, wo er ver- toa’tet wurde. , _ OT)„,,
* Hofgeismar, 10. März 1911. Iw Attrhlen- graben ertrank gestern der s-ebeiyahrige Sohn des Tischlermeisters Erdmann. Der Knabe hatte sich mit anderen Kindern damit unterhalten, Stöcke |n bas Wasser zu werfen und lvieder herauszufischen, wobei er vom Ufer abgeglitten und ins Wasser gestürzt ist.
* Kassel, 10. März 1911. Um die Betriebs« icherheit unseres Bahnhofes, der Kopfstalion st, zu erhöhen, werden Untertunnelungen )er Außenbahnhöse angelegt, durch welche die Schnell- und Eilzüge eingeführt werden sollen. Die Neuanlage soll in 3 Jahren fertiggestellt sein.
* Kassel, 10. März 1911. Am Donnerstag früh fanden Spaziergänger am „Asch" die Leiche eines feingrkleideten Mannes von etwa 40 Jahren. Eine Kugel hatte das Herz getroffen und den sofortigen Tod herbeigesührt. Aus bei ihm vor- gefundenen Papieren wurde festgestellt, daß der Mann aus Düsseldorf stammt.
sfi Kassel, 11. März 1911. Die Unterrichtskurse in der Bjenen zücht, welche für die Mitglieder des Hessischen- und Oberhessischen Bienen- züchkervereins vom Redakteur der Zeitschrift ,Die Biene', Lehrer Hensel-Hirzenhain alljährlich abgehallen werden, 'erneuen sich solch' reger Te.lnahnie und großer Beliebtheit, daß beschlossen worden ist, förderhin tut Jahre zwei Unterrichtskurse abzuhallen. So findet der erste diesjährige Lehrgang irr der Psingst- tvoche vom ti. bis 10. Juni statt. Dieser ist hauptjäch- lich für Anfänger; doch können auch erfahrene Imker daran tetlnehmen. Der zweite Kursus wird in der letzten Woche des Juni vom 28. Juni bis 1. Juli abgehallen. Mitglieder des Bienenzüchtervereins für den Regierungsbezirk Kassel wollen sich baldigst bei Lehrer Kimpel üi Kassel und die Mitglieder des Oberhessischen Vereins entweder bei Lehrer Bich in Leihgestern oder bei dem Kursleiter melden.
* Ham». Münden, 10. März 1911. Gestern vormittag stürzte der Maler Götze in Gimte aus der Bodenluke und zog sich schwere innere Verletzungen pt.
* ElferKhanfeu, 12. März 1911. Domänen- pächter Feger verkaufte in der letzten Woche einen Ochsen, welcher im Schiachthause zu Melsungen geschlachtet wurde und das bnsehnliche Gewicht von 23 Zentnern lebend hatte. Gezüchtet wurde das Tier von dem Bürgermeister Crede zu Ostheim.
* Mühlhausen i. Thür., 10. März 1911. Zu stürmischen Auftritten kam es hier vor und nach der Beerdigung der 16jährigen Adele Thon vor dem Hause ihrer Stiefmutter, Der Witwe Thon. Eine erregte Menge beschuldigte die Frau, daß sie hre Stieftochter, die lungenkrank war, buchstäblich ;abe verhungern lassen. Die Ansammlungen, die ich bis zum späten Abend mehrfach wiederholten, würben schließlich von einem Polizeiaufgebot zerstreu: und das Haus abgeschlossen. Nachdem im vergangenen Jahre der Vater des Mädchens unter eigenartigen Umständen Selbstmord beging, soll das Süinb schweren Drangsalierungen ausgesetzt gewesen sein. Untersuchung des Falles- ist im Gange.
* Mainz, 10. März 1911. Ein Feldwebel riß sich an der vorstehenden Hutnadel einer vorbei» gehenden Dame eine tiefe Wunde unter dem linken Arrge in dir ange. Die Damr suchte schleunigst das Weite.
* ÄiMllderr, 10. März 1911. In der heutigen Stadtverordneten-Sitzung bewilligte das
Kollegium 88000 Mark zum Ankauf von Gebäuden an der Rennbahn zwecks Vergrößerung der Bahn. Der Flugveranstaltung durch die oberrheinische Tiefebene konnte die Versammlung keine Sympathie entgegenbringen. Eine finanzielle Unterstützung des Unternehmens durch die Stadt dürste infolgedessen kaum zu erwarten fein.
♦ Diez, 10. März 1911. Gestern abend wurde in den Basaltwerken in Pütschbach dem 15 Jahre alten Steinkipper Reu sch, der sich im Förderkorbe befand und beim Aufziehen über die Brüstung lehnte, der Kopf glatt vom Rumpfe getrennt. — Die Verletzungen dis einen Arbeiters, der gestern beim Bau der Eisenbahnuntersührung verschüttet worden war, sind glücklicherweise ungefährlich. In dem tödlich verunglückten Stury betrauern Frau und neun Kinder, von denen fünf unter 13 Jahre alt find, den Ernährer. Seinem 15jährigen Jungen wurde erst kürzlich im Limburger Krankenhause ein Arm amputiert.
♦ Heiligenstadt, 9. März 1911. Der Bau eines Fürsorgeheinis auf dem Eichsfelde für k a- tholische Fürsorgezöglinge ist von der Provinzialvertvaltung mit einem Kostenaufwand von J00 000 Mark geplant. Bei der Stadt Heiligenstadt ist ungefragt, ob sie gewillt fei, den Grund und Boden für die Erttchtnng des Anstaltsgebäudes unentgeltlich hcrzugeben.
Amt Geisa und Umgebung.
* Vach«, 11. März 1911 . Die SchulsParka s s e zahlte heute an die Kinder .welche zu Ostern die Volksschule verlassen, die Summe von 1624,20 Mark zurück.
* Dermbach, 12. März 1911. Das schwer beladene Lastautomobil der Eisenacher Mienbrauerei brach hier auf der Straße neben dem „Deutschen Haus" in den mit Sandsteinplatten bedeckten Wassergraben ein. Erst nachdem der ganze Inhalt vom Wagen entfernt und das Auto mittels Winde gehoben war, konnte dieses wieder flott gemacht werden.
Aus Gbecheffen u- den Hess. Aemtern
△ Marburg, 12. März 1911. Neuerdings ist man dem Plane, anstelle der Pferdebahn elektrische Straßenbahn hier einzurichten, wieder näher getreten. Eine am Freitag abgehaltene, öffentliche Versammlung des Vurgervereins richtete eine Eingabe an die städtischen Körperschaften, die Vorbereitungen für eine elektrische Straßenbahn in die Wege zu leiten.
(*) Marburg, 12. März 1911. Das diesjährige MusterungSgefchüft für den Kreis Marburg findet im Restaurant Schloßgarten hier statt, und zwar Samstag, den 18. März, morgens 9% Uhr, für die Gemeinden Allna, Altenvers, Amönau, Argenstein, Bauerbach, Bellnhausen, Beltershausen, Bernsdorf, Betziesdorf, Bortshausen, Bracht, Brungershausen, Bürgeln, Caldern, Cappel, Cölbe, Cyriaxweimar, Ta- gobertshausen, Dcmml, Dilschhausen, Dreihausen, Ebsdorf, Ellnhausen, Erbenhausen; Montag, den 20. März, morgens 8y> Uhr, für die Gemeinden Fron- Hausen, Ginseldorf, Gisselberg. Goßfelden, Göttingen, Hachborn, Haddamshausen, Hassenhausen, HermerS- hcmsen, Holzhausen, Ilschhausen, Kehna, Kernbach, Kirchvers, Leidenhofen, Marbach, Michelbach, Moischt, Münchhairsen, Nanz- und Willershausen; Tienslag, den 21. März, morgens sy2 Uhr Musterung der Mann- schastm des Jahrgangs 1891 aus der Stadt Marburg, sowie sämtlicher Gestellungspflichtiger aus den Orten: Heskem, Lohra, Mellnau; Mittwoch, den 22. März, morgens 8V> Uhr, Musterung der Mannschaften der Jahrgänge 1889 und 1890 aus der Stadt Marburg, sowie sämtlicher Gestellungspflichtiger aus ben Orten: Nesselbrunn, Niederasphe, Niederwalgern, Niederwei
mar, Niederwetter, Nordeck und Oberndorf; Donnerstag, den 23 März, morgens 8% Uhr, für die Gemeinden Obcrrosvhe, Oberwalgern, Oberweimar, Ockershausen, Nonhausen, Roßberg, Roth, Sarnau, Schönstadt, Schröck, Schwarzenborn, Seelbach, Sichertshausen, Stedebach, Sterzhausen, Todenhausm; Freitag, den' 24. März, morgens 8y2 Uhr, für die Gemeinden Treisbach, Unterrosphe, Warzenbach, Wehrda, Wehrshausen, Weiershausen, Weipoltshausen, Wei- tershausen^ Wenkbach, Wermertshausen, Wetter, Winnen, Wittelsberg, Wolfshaustn, Wollmar, und aus den Gusbezirken des Kreises.
* Marburg, 12. Marz 1911. Der diesjährige Frühjahrspferde markt findet am nächsten Donnerstag statt. — Am nächsten Samstag wird hier ein Jahrmarkt abgehalten.
* Homberg, 10. März 1911 . Der F e u e r w eb r- tag findet hier am 1., 2. und 3. Juli statt. — Im Lause dieses Jahres soll, wie verlautet, auch eine Gartenbauausstellung dahier stattfinden.
* Densberg (bei JeSberg), 9. März 1911 . Unsere Gegend wurde dieser Tage von schweren Gewittern heimgejucht. Am Donnerstag nachmittag traf ein Blitzstrahl ein Haus und zertrümmerte in der Wohnstube den dort befindlichen Kachelofen, fuhr durch den Fußboden in oen darunter liegenden Kuhstall der Krippe entlang, die Kuh lähmend, bis zum Schweinestall, wo er ein Schwein tötete. Auch sonst richtete das Gewitter großen Schaden an.
* Ziegenhain, 11. März 1911. Dem Holzhauermeister Heinrich Böth I in Sachsenhausen ist das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen worden.
* Fritzlar, 10. März 1911. Die Eisenbahndirektion hat in den neuen Sommerfahrplan wieder zwei neue Zugpaare für die Eisenbahnstrecke W a- bern-Bad W i l d u n g e n eingelegt. Die neuen Zuge werden ungefähr um 7 und 12 Uhr von Bad Wildlingen in der Richtung nach Wabern abfahren.
vermischtes.
* Opfer der Genußsucht. Der Lehrling eines Klempnermesters in R h e y d t im Rheinland sollte bet Der Sparkasse für einen Meister 300 Mk. einzahlen. Er unterließ das nicht nur, sondern hob von dem Gelbe des Meisters auch noch 1000 Mark ab und suchte auf dem Rade seines Lehrherrn das Weite.
* Die eigene Mutter erschossen. In Essen wurde Freitag abend die Frau des Theaterdirektors Hart- mann in ihrer Wohnung von ihrem Sohne, einem Studenten, der mit einer Brvwntngpiftole unvorsichtig hantierte, durch einen Schuß in der linken Brustseite getötet.
* Ter berühmteste Wemkenner her Welt, der französische Weinbauer Auguste Gaucher, feierte in vollster Rüstigkeit seinen 86. Geburtstag Gaucher hat nicht weniger als 450 000 Tonnen Wein geprobt und begutachtet.
* An der Jmrgsraubiihn sind bis zur letzten Station 73450 Meter über dem Meeresspiegel) noch 900 Meier herzustellen. Bis zum Spätherbst wird die Bahn sertigaestellt.
* Eine Verbrecherjagd, die in ihren Einzelheiten an die Verfolgung des englischen Gattenmörders Crippen und feiner Geliebten, Miß Le Röve, durch den Detektiv-Inspektor Dew erinnert, spielt sich zurzeit auf dem Atlantischen Ozean ab. In Mhslowitz in Oberfchlesien wurde am 21. Dezember v. I. der B a n- k i e r A niol ermordet. Um die fünfte Abendstunde betraten zwei Männer die Kafienräume der Polnischen Bank, um sich Geld wechseln zu kaffen. Während Aniol mit ihnen sprach, gab plötzlich einer der Männer einen Revolverschuß auf den Bankier ab. Aniol sank sofort tot zu Boden. Die Verbrecher raubten in größter Eile das auf ben Tischen liegende deutsche, österreichische und russische Geld im Gesamt
beträge von etwa 10 000 Mark und flüchteten mit ihrem Genoffen, der „Schiniere" stand, über die österreichische Grenze. • Ein Beuthener Kommissar sand schließlich die Spur der beiden Mörder, des Kellners Badura und des Schlossers Bednarz, die zunächst über die Grenze geflüchtet waren. Vor etwa vierzehn Tagen kehrten sie jedoch plötzlich wieder nach Myslowitz zurück. Badura begab sich zu seiner früheren Wirtin, um seinen dort zuruckgelassenen Koffer zu holen. Der Mann der Wittin benachrichtigte sofort die Kriminalpolizei, um Badura verhaften zu lassen. Der Verbrecher witterte jeboef) bie ihm brohenbe Gefahr und entfernte sich, ohne seinen Soffer mitzunehmen. Als ihm unten auf ber Straße ein Polizeibcamter begegnete, gab er auf biefen einen Revolverschuß ab. Ter Beamte wurde am Fuß getroffen unb mußte Badura entwischen lassen, too entkam er mit seinem Freunde Bebnarz, der sich in der Nähe ausgehalten hatte, zum zweiten Male. Ein Berliner Kriminalbeamter, dem inzwischen die Photographien der Verbrecher vorgelegt wurden, erkannte in Badura einen ber Berliner Kriminalpolizei wohlbekannten Berliner Taschendieb wieder und nahm die Verfolgung de» Flüchtigen auf. Ihre Spuren führten nach Hannover Hamburg unb Bremen . Da sich Bebnarz ftüher schon längere Zeit in Amerika aufgehalten hatte, lag der Verdacht nahe, daß sich beide auf einem Ozeandampfer einschiffen würden. Der Kellner Badura befindet sich denn auch, wie bie Kriminalpolizei seststellen konnte, augenblicklich auf der Fahrt von Hamburg nach Newhork. Es wird angenommen, daß sich auch ber zweite Verbrecher Bednarz in feiner Begleitung befindet. Das Berliner Polizeipräfidium hat inzwischen auf Antrag bet Staatsanwaltschaft Beuchen einer Kriminalbeamten auf einem Schnelldampfer nach 9tet» vork entsandt, um Badura und vielleicht auch Bednarz bei bet Landung zu verhaften. Der Schnelldampfer, aus dem ber Kriminalbeamte reist, wirb etwa einen Tag früher in Newhork ankommen, als der Dampfer, auf dem die beiben Verbrecher die Fahrt zurücklegen. Außerdem ist auch die Newyorker Polizei telegraphisch von ber Ankunft ber Mörber verständigt worden, sodaß ihr Entweichen bei der Landung ausgeschlossen erscheint, auch wenn sie in der durch täglichen Fnnkspruch bedienten Schiffszeitung lesen, daß inan ihnen auf bet Sput ist.
Handel und Industrie.
* Berlin, 11. März 1911. An der Börse g« stattete sich trotz der auch heute andauernden Zurückhaltung der Spekulation die Tendenz recht fest. Kanada-Aktien waren stark begehrt. Von Montanwerten waren Phönix bevorzugt, jedoch auch dit übrigen Werte stellten sich etwas höher als gestern. Schuckert-Aktien gewannen ungefähr 3 Prozent, angeblich aus umfangreiche Dekouverts. Tägl. Geld 3 Prozent. Privatdiskont 3>/i Prozent.
Märkte.
* Marbur g, 11. März 1911. Butter per iß fix 110 Pfg., Hühnereier 2 St. 11 — 12 Pfg., Hand käse p. St. 12 Pfg. Käschen p. St. 5 Pfg. Koch käse p. Psd. 44 Pfg. Käsematte p. St. 5 Pfg. Endivien p. Psd. 00 Pfg. Porree p. St. 5 Pfg. Sellerie p. St. 10—30 Pfg. Radieschen p. Par. 00 Pfg. Wirsing p. Kops 10—30 Pfg. Weißkraut p. Kopf 20—40 Pfg. Rotkraut p. Kops 30—60 Pfg. Blumenkohl St. 25—70 Pfg. Zwiebeln p. Pta. 15 Pfg. Knoblauch p. Pak. 5 Plg. Rettig p. St. 00—00 Pfg. Meerettig per Pak. 10 — 30 Pfg. Möhren p. Pak. 10—15 Pfg. Hähne p. St. 1.50 bis 2.50 Mk. Hühner St. 1.50—2.00 Mk. Tauben p. St. 40—50 Pfg, Gänse p. Psd. 00-00 Pfg. Enten p. St. 0.00 - 0.00 Mk. Birnen p. Pfd. 00 bis 00 Pfg. Aepfel p. Pfd. 00 —00 Pfg. Spinat p. Psd. 30—00 Pfg. Kartoffeln per Pfd. 5 Pfg. Kartoffeln 100 Pfd. 3.50—4.00 Mk. Rüden, rote, p. Stck. 10 Pfg.
ZK misst Site mm testet.
»6j Roman von Erich Friesen.
(Schluß.)
Ais l'tfia bald darauf ihre Hand sanft aus den sie imklammerndm Fingern lösen will, bittet Gräfin Isolde sie mit Tränen in ben Augen, noch zu bleiben.
lind SHto bleibt — trotz des Widerspruches ihrer Kutter.
Den fiteren Tag über bleibt sie unb pflegt den Kranken. l!nb auch die Nacht. Und mich den solgen- ier Tao.
Stundenlang sitzt sie, ohne sich zu rühren, auf dem Bcktrand, Winfrieds Hand in der ihren. Die Arme locrbcn ihr steif — sie achtet es nicht. Die Brust schmerzt ste — nicht kümmert sie sich darum. Die Augen wollen ihr fallen — mit Gewalt hält sie sie offen.
Sie wekß, es gift fern Leben . . . Und sie halt aus.
Zumeist schläft ber Kranke, fest und ruhig — den erquickenden Schlaf der Genesung. Und wenn er wacht, so folgen seine beredten Blicke jeder ihrer Bewegungen. Wie zwei vertraute Freunde verkehren die beiden miteinander. Kein Wort von Liebe sprechen seine Lippen. Und doch fühlt Gräfin Isolde, daß er Likin als feine Braut betrachtet, als zu ihm gehörig, unb leises Bangen durchzittert das sorgende Mnüer- hvrz.
Er weist je noch nichts von all dem, was inzwischen prtfficrt ist'
Inzwischen jagt in der lieblichen Kucstadt Riva eine „Senfcttion' die andere.
Roch feßben auf ben Promenaden, an den Table d lwtes, in Neu Kneipen jener geheimnisvolle Mord im Park von Schloß Tusculum und der nächtliche Einbruch in der Billa Eden, dem ebenfalls beinahe ein Menschenleben zum Opfer fiel, das Tagesgespräch — und schon werden die braven Leute schon wieder in Aufregung »ersetzt.
Bei einer nächtlichen wüsten Knsiperei in dem »ahkii Torbole briiftefe sich ein junger Mensch damit, daß er es »zwei feinen Herren, die ihm sein Liebchen weggeschncchpt" hätten, „tüchtig gegeben" habe.
Zuerst lachte man ihn aus. Dann, als man merkte, daß doch ekvas Wahres an den Prahlereien fein müsse, rahm sich die Polizei des Burschen an, die bald fest- ’telfte, daß er Beppo ©art» heiße und mit jenem Men
schen identisch sei, der vor einigen Monaten in Riva an ber jungen Baleiti, jetzigen Lady Douglas, einen Mordversuch gemacht habe.
Alles andere ergibt sich von selbst.
Beppo wird verhaftet, verhört und in die Enge getrieben. Als man die Schlinge immer fester um seinen Kopf zusammenzieht, gesteht er, baß er es war, ber im Verein mit einem früheren Diener ben Einbruch in der Villa Eden geplant und dabei in der Rotwehr auf ben Grafen Winfried geschossen habe.
Und als man ihm daraufhin auf ben Kopf zusagt, er sei auch der Mörder des Lord Douglas — da sinkt ber Bursche in die Knie und bekennt alles — alles. Man möge mit ihm machen, was man wolle; ihm sei nichts mehr am Leben gelegen. Seine blinde Selben- schäft zu der schönen „weißen Lilie am Gardasee' habe ilm zum Verbrecher gemacht. Er fei abgetan für diese Welt.
Sofort nach diesem umfassenden Geständnis wird Manuel Alvarez, der bereits trotz [einer Unschulds- beteuerungen seit Monaten in Untersuchungshaft geschmachtet hat, auf freien Fuß gesetzt.
Roch an bemfelben Tage reift der Portugiese nach seiner Heimat Lissabon ab und nimmt seine Schwester mit sich, die immer mehr in einen phantastischen Traum- zuitcmd verfällt, der ihr Unglück mit rosigen Schleiern umhüllt.
Arme Mereedes' Möge ein gütiges Geschick nie diese rosenroten Schleier heben! Mögest Du träumend glücklich fein, bis Du einst abberufen wirst in eine bessere Welt!
20.
Monate sind vergangen.
In feierlichen Klängen hallen die Osterglocken hin über den blauen Spiegel des Gardasees.
In frischem Grün prangt die ganze Natur. Uebev- all Knospen und Sprießen und Blühen und Duften.
Auf Heer kleinen glyciniemnnrankten Terrasse sitzt Lilia, den Kopf in die Hand gestützt.
Sie ist nicht mehr so bleich wie vor einigen Monaten. Ein durchgeistigter, gereifter Ausdruck verleiht dem lieblichen Anttih einen ganz neuen Reiz.
Mehr und mehr beginnt die Erinnerung an all das Trübe, das über ihr junges Leben hereingebrochen, zu verblassen. In ihren Ohren erfiingen Stimmen, die sie längst verhallt glaubte.
Sie hebt den Kopf und lauscht staunend dem Klang der Osterglocken, die geheimnisvoll vecheißend die klare Lust durchzittern.--
Da hält drunten vor dem Gartentor ein Wagen.
Lilia erschrickt. Sie hat die Gräfin Isolde er
kannt und bangt vor einer Begegnung zwischen ihr und der Mutter.
Rasch eilt sie hinab, hilft der gebrechlichen Gestalt aus dem Wagen und geleitet sie ins Haus.
„Ich möchte Ihre Mutter sprechen, liebes Kindl"
Nur widerstrebend folgt Frau Jngeborg dem Ruf. Auf der Schwelle bedeutet fle dec Tochter, sie mit dem Besuch allein zu lassen.
Klopfenden Herzens entfernt sich Lilia.
Eine Weilo stehen die beiden Frauen einander wortlos gegenüber: hochaufgerichtet, stolz, mit finster gerunzelten Brauen die eine, — in sich zusammen gesunken, nervös erregt, in bebender Erwartung die andere.
Beider Blicke bohren sich meinander, als wollten fle bis in die tiefften Tiefen der Seele bringen.
Totenstille.
In beschleunigten Schlagen klopft hörbar Gräfin Isoldes armes krankes Herz--
Immer finsterer wird Frau Jngeborgs Gesicht. Wie eine Rachegöttin steht die majestätische Gestalt vor der gebrechlichen ihrer Todfeindin.
Da streckt Gräfin Isolde zagend mit einem wehen Lächeln ihre abgezehrte Hand aus. Und ihre bleichen Lippen formen das hingehauchte Wort:
„Ver—zeihung!"
Frau Jngeborg fährt zusammen.
Wie ein Blitz zuckt wieder vor ihrem geistigen Auge bie Erinnerung auf an all bas Leib, bas biefe Frau über sie gebracht, bie Erinnerung an bie qualvoll durchweinten Rächte, an das ganze Elend ihrer Ehe.
Finster wendet sie sich zur Seite, ohne von der bittend ausgestreckten Hand Nottz zu nehmen.
Und noch einmal haucht es — flehender, eindringlicher:
„Verzeihung! ! . . . Um unserer Kinder willen!"
Da schmilzt die Eiskruste, die feit zwanzig Jahren Frau Jngeborgs Herz wie ein undurchdringlicher Panzer umhüllte.
Sie ergreift die bleiche, bebende Hand und hält sie fest mit kräftigem Druck.
„Um — unserer Kinder willen!"
O glorreiche Feierstunde, wenn sich feindliche Herzen versöhnen!
Abgesioßen der Haß, wie ein böses Fieber; besänf- tigt "ber lodernde Zorn; demütig geworden ber sich blähenbe Stolz.
Ist es nicht, als jubilierten Engel in filberglitzern- den Flügeln unb sonnigstrahlenben Gewändern oben in den reinen Gefilden des Himmels?
Ein Jahr später.
Wieder hält der südliche Frühling Einzug am Gardasee . . .
Mit ihren, strahlendsten Sonnenlächeln lacht dic gutgelaunte Sonne vom tiefblauen Himmel hernieder und vergoldet mit ihrem Glanz den Blumenhügel, unter dem die Gräfin Isolde Althof feit Monaten den Tcdesschlaf schläft.
Und wieder ist die kleine Kirche in Riva vollbesetzt.
Und wieder lange Hälse. Und Tuscheln unb Flüstern.
Unb wieder naht unter Glockengeläute ein Hoch • zeitszug.
Doch nicht, wie damals, todesbleich und schwär- kend, wie niedergedrückt durch tiefes Leid, schreitet dt Braut daher. Heute färbt zartes Rot die lieblicher, Stangen ,nnd bie großen Veilchenangen leuchten.
Ais das Brautpaar sich dem Altar nähert, faß'" der Bräutigam die Hand der Braut mit festem Druck
Einige Sekunden begegnen ihre Augen einander: nicht voll Unruhe, Erwarümg oder Verlangen — nein, in einem großen, klaren, offenen Blick, ans dem etwas Höheres, Erhabmeres spricht, als der Rausch der Lei deiischaft: Vertrauen, Hoffnung.
Und wieder ertönt die Stimme des Priesters — wieder braust Orgelklang hernieder — wieder werde* bie Ringe gewechselt--.
Am Arni ihres Gatteri verläßt Gräfin Lilia Ali hoff bie Kirche.
Weißgekleibeie Kinber streuen draußen auf de« Treppe Blumen. Eine große Menschenmenge hat sich aiigesammeli ,um die „weiße Lilie vom Gardasee" zum letztenmal vor ihrer Abresse nach Deutschland zu sehen.
Frau Jngeborgs edle Züge strahlen vor Mutter- stolz.
Und das joviale Gesicht Onkel Wolfs strahlt. Uni die Blicke sämtlicher Gäste strahlen.
Dock' alles überstrahlen die blauen Augen der jungen Gattin, die mit glückverklärtem Aufleuchten zu Winfried emporblicken.
Zwei Menschenkinder, die ihr Innerstes mitein ander teilen wollen, haben sich geftmden zum ewigen Bunde.
Alle Wolken, die bisher das Leben der „weißen Lilie vom Gardasee" verdunkelten — sie sind ge schwunden vor der strahlendeil Sonne wahren Her- zensglucks.