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2. Blatt
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Wsches-Nurl^chau»
[:] ^ul6e, 10. Mär, 1911.
Gemischt ist der Eindruck, den die kirchenpolitische Debatte im Abgeerdneteahause auf uns gemacht hat. In dem, was der Minsterpräsident sagte, mischte pch richtiges und friedliches mit Ausführungen, die allzu protestantisch und bedrohlich klangen. Die Rrmbucke aus die jüngste Vergangenheit waren stellenweise sehr kritisch gehalten, aber beruhigend fiang wieder hinein die Anerkennung der Friedensliebe des hl. Vaters und die Versicherung der eigenen Abneigung gegen einen Kulturkampf. Beim Hinblirk aus ine weitere Entwicklung wollte der Reichskanzler den „CptimiS- 5g", den er angeblich in Rom gefunden, nicht gelten en, und wies auf unangenehme Möglichkeiten hin; aber demgegenüber stellte er die bestimmte Erklärung, daß an dem Bestand der katholisch-theologischen Fakultäten und der Gesandtschaft beim hl. Stuhle z. Z. nicht gerüttelt werden soll. Alles das ileß noch hoffen, daß die obwaltenden Schwierigkeiten ohne Trünuner und Opfer überwunden werden künuteu. In einem Punkt ist aber leider der Ministerpräsident von seiner eigenen Parole des ruhigen Abwartens aügewichen. 5;n Bezug auf den Unterricht an den Gymnasien und sonstigen höheren Schulen kündigt er nicht bloß b«-- oingungSweife Zukunftsmöglichkeiten an, sondem eine bestimmte Maßnahme der Regierung, die als schwere Beeinträchtigung der künftigen Oberlehrer geistlichen Standes zu bezeichnen tft Diese sollen künftig, wenn sie den Antiwadernistencid geleistet haben, keine Anstellung mehr finden, auf Grund deren sie zum Unterricht im Deutschen und in der Geschichte herangezogcn werden könnten, das ist ein bedauerliches Zugeständnis r.n die liberalen Kulturkcrmpfforbenmyen und sachlich in keiner Weise zu rechtfertigen. Die Begründung, haß damit die Erhaltung des konfessionellen Friedens gefördert werde, ist uns unfaßlich. Wenn von konfessionellem Frieden gesprochen wird, dann konrml auch die katholische Bevölkerung in Ltetracht, und daß diese in der angekündigten Maßregel eine überaus schwere Beleidigung finden muß, ist doch zweifellos. Die preußische Regierung scheint uns hier sich auf einem sehr gefährlichen Weg-e zu befinden, rmd wir wollen hoffen, daß sie ihren Standpunkt noch einer Revision unterziehen wird. Von liberaler Seite war ein großer Vorstoß im Sinne des Kulturkampfs erwartet worden. Ganz dazu ist es erfreulicherweise nicht gekommen. Die meisten Redner bemühten sich, maßvoll und objektiv zu erscheinen Am zweiten Tage allerdings wurde es anders, Me Herren Dr. Friedberg und Dr. Pachnicke hoben da aus, ihrem Herzen keine Mördergrube wehr gemacht. Wir können nur wünschen, daß die ausgc- zcichncte» sachlichen Dariegungen der beiden Zen- t rumst ebner, Tr. Dittrich und Dr. Porfch, über die Bedeutung der in Frage stehenden Llnordnuirgen, des Antinwdernisteneides, der Amotion der Pfarrer uud der KMdcrkaulwu'iion insbesondere, auch in evangelischen Kreisen gelesen und üeherzqst werden möchten; wir fiirit gewiß, daß daun mancher zugeben wird, daß seine Erregung unbegründet war. Am ersten Tage hatten die Redner fast ohne Ausnahme au die Spitze ihrer Ausführungen dir Versicherung gestellt, daß sie keinen Kulturkampf wollten. So sehr wir sie begrüßen, so dürfen Inh- doch darüber nicht vergessen, daß in der ganzen Stimmung ein Liniertra der Kuktmc- kainpMrft ziemlich deutlich zu vernehmen war, und daß, mag auch der gute Wille bei einzelnen führenden Persönlichkeiten nicht zu bestreiten sein, der Wille der wlassen vielleicht stärker werden wird. Wir haben also alle VeranlassunU, mit ernster Sorge auf die weitere Eulv'cktag zu achten.
Ju L tntza a.-J mme ast a d t haben die Li>te- ralen dem Zentrum das Mandat entrissen, aber haben sich dieses Sieges nicht zu freuen. Richt der eigenen Kraft, nur dem geschlossenen Eintreten der Sozaldemokraten Hut der kiberale Kandidat Dr. Thoma diesen Wahisteg W verdanken. Zirka 900 Stimmen sind bei der Stichwahl mehr abgegeben totalen als bei der Havptwahl, uuS diese 900 Stimme» sind vollzählig dem Zentrum zugute gekommen, wahrend zu den liberalen Stimmen der Hauptwahl nur die soziaL- demÄrMscheu Stimmen hmzugekomnien sind, Die Sozialdemokratie hat ihre Hilfe natürlich nicht aus Nächstenliebe gewährt. Die sozialdrmokratisibe Presse deutet ossim an, daß Erfolge des Liberalismus ge«en- über wsiter. rechtsstehendem Parteien in ihren Augen
nur ein UebrrgangSstadium darstellen, das ihren eigenen Siegeszug vorbereiten Hilst.
Das D-bnt der französischen Ministeriums Monis ist kein besonders glücllicheS. In der Kammer hat er eine Mehrheit erhallen, aber daran war ja auch vorerst nicht zu zweifeln; denn die Ausarbeitung von schönen Regterungsprogrammrn ist erheblich leichter als die spätere praktische Arbeit. Wie es mit dieser wird, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlich soll da» Hauptgewicht auf die kirchenfeindliche Bestätigung gelegt werden. Demgegenüber ist eS not- wendig, darauf hinzuweisen, daß im französischen Volke die Neigung zum Kulturkampf erheblich ab- nimmt. Von feiten der Arbeiterführer wird offen erklärt, daß mau sich durch den Kampf gegen den „Kle- rlkalismuS" nicht weiter wolle täuschen lassen," daß eS jetzt Zeit sei, die dringlich notwendige und längst versprochene Sozialreform zur Durchführung zu bringen, eine Aufgabe, die sicherlich wesentlich schwerer ist als der Kulturkampf. Bemerkenswert ist auch, daß d« maßgebende Presse dem neuen Kabinett sich wenig günstig zeigt Der „Figaro* spricht von einem Karne- valSmmisteriunr, und sogar die radikale „Santeme* erklärt, daß ihr Mißtrauen bestehen bleibe. Rur die Sozialisten fink» mit dem neuen Kabinett zufrieden.
Aus Marokko kommen schlimme Nachrichten. Mulay Hafid, der anfänglich so enthusiastisch begrüßte Defteier des Landes, hat seinem Volke eine schlimme Enttäuschung bereitet. Der ungeheure Steuerdruck, der infolge dec Pfändung fast aller Staatseinnahmen auf das Volk gelegt werden mußte, sodann auch fein Unvermögen, sich den Einflüssen der Mächte, insbesondere Frankreichs, zu entziehen, haben eine große nationale Bewegung hervorgerufen, die ganz ähnlich der ist, wie vor dem Fall Abdul Asis. Unter dem Zwang der Dinge hat Mulah Hafid sich gegenüber Frankreich in dieselbe Abhängigkeitsstellung begeben müssen, tote sein Vorgänger, und es scheint, daß er bald auch das gleiche Schicksal haben wird. Ter lachende Erbe wird über kurz oder lang Frankreich sein, das sich damtt an das Ziel feiner Wünsche gestellt sieht.
Ju dem Streit zwischen den Vereinigten Staaten von Nordamerika und dem zweiten großen nordamerikamschen Freistaat, Mexiko, treibt die Entwicklung der Dinge der Entscheidung zu. Präsident Diez soll im Sterben liegen, seine Regierung ist erschüttert, und die von Nordamerika unterstützte Revolution Hut in der jüngsten Zeit große Erfolge er- runigen. Die Amerikaner haben den Befehl gegeben, durch Mobilisierung von 20 000 amerikanischen Truppen an der Grenze von Mexiko und zur Entsendung eines Geschlvaders nach dem amerikanischen Golf. Die Washingtoner Stegierung behauptet natürlich, daß di« Maßnahme lediglich zur Ktemhigrmg dienen solle. In Wahrheit wird es sich darum handel», daß die Amerikaner der Revolutton zu Hilft kommen wollen und zu dem Zwecke einen Einfall in Nordamerika planen.
* Die heilige Schrift im Lichte der neuesten Ent-ecknrtgen.
Soeben laust durch die Tagespresse die Nachricht von überraschenden Erfolgen der Ausarabungen auf dem Boden des alten Samar la.
Dieses alte Santaria — heute nach seiner Venen- umig unter rÄwischer Herrschaft Sebastije geheißen — ivar gegründet von dem König Omri (889—887 v. Ehr.), dem Tater des Königs Ahab von Israel. Jetzt hat nrair cmf seinem Boden mehrere Palastbauten auf- gedeckt, die mW ansetzt für die Zeit der Könige Omri, Llhab (887 bis 855/4) und Jerobeam II. (781 bis 740). In beut aufgedeckten Schichten fand man nach der Nitteilusg des Eittdtckers Lyon neben einer Aka- baftertiaf' die den Namen des ägyptischen Königs Ofsrkon II. (874 bis 853) trägt, auch zahlreiche (75) beschriebene Temscherberi (Ostraka). Das Altertum benützte die Scherben eines zerbrochenen Tongefäßes noch als Schreibmaterial des armen Mannes aus dem Volke.
Gerade diese Tonschechen geben wegen der Schcifk- zeichen, die nett Tinte und Rohrfeder aufgetragen find, dem KM.de seine gewaltige Bedeutung für die Be- reicheruwz treftrer Kenntnisse von den Kckturzufländen des »Ito Israel. Einmal bestätigen sie das Vocha» beufein. einer einheimischen Schrift, und zwar nicht bloß für die unmittelbare Zeit, in der sie beschrieben w«rden, sondern auch für frühere Zeiten. Denn wie
»»■wwni—i i i III» ihm l,
der genannte Leipziger Gelehrte betont, ist die Verwendung des TonscherbenS als Schreibmaterial nicht das erste, sondern dem geht die Verwendung des Pa- pyruS und der Tierhaut voraus. Zeigt die Schrift, wie der Entdecker fit beschreibt, einen stark kursiven Zug, viel stärker, als ihn die uns sonst bekannten Inschriften zeigen, so würde auch das auf eine lange vorausgehende Kenntnis der Schrift Hinweisen. „Weder die Schrift noch das Material: Tinte und Feder, sind dann um 900 erst aufgekommen, sondern sie setzen längere Hebung in Papyrus und damit ein größeres Schrifttum, das vor 900 liegt, jedenfalls für Kanaan, höchstwahrscheinlich aber auch für Israel voraus". Hat man aber im gemeinen Volke in Farbe und Schreibrohr sich geschäftliche Notizen über Wein- und Ocllieferungen — denn davon erzählen die neu- entbecCten Tonscherben — auf den nächstliegenden Scherben, den man gerade zur Hand hatte, gemacht, dann ist es einfach selbstverständlich, daß man im Heiligen Laude lange vorher in althebräischer Schrift auch größere Urkunden und Bücher geschrieben hat.
Und nun halle man neben diese Tatsache die andere Tatsache, daß cs bis vor gar nicht langer Zeit Bibel- tritiler gegeben hat, welche mit ängstlicher Sorgfalt bemüht waren, jedes schriftliche Dokument dem alten Israel abzusprecben, die Kunst des Schreiben? soll dort gar nicht bekannt gewesen sein! Und das nur, um mit solchen Machtsprnchen ihre Theorien von einer möglichst späten Abfassung der Bücher des Alten Testaments retten zu können. Mit all bissen Machtsprüchen ist es jetzt endgültig vorbei und fnr eine gewisse Beurteilung des Men Testamentes, die nicht radikal genug sein konnte, hat die Zeit der Umwertung aller Werte begonnen.
Betrifft diese Entdeckung das Alte Testament, so eine wrdere nicht minder bedeutsame das Reue Testament, besonders die Beurteilung des Johan neS- Evangeliums. Dieses wurde von einer gewissen Kritik dem Apostel al»ge sprachen, nicht zuletzt aus dem Grunde, weil es mit Begriffen arbeite wir Wahrheit, Glaube, Liebe, Hoffnung, Erkenntnis u. ä„ die wohl begreiflich seien bei einem Manne, der die griechische Weisheit und die Gedanken der Gelehrten von Alexandria in Aegypten kenne, nicht aber bei einem Juden, der auf dem Boden Palästinas gelebt habe.
Diese stolze Bau hat sich als Kartenhaus erwiesen, ! bas kläglich zusammengebrochm, seitdem vor zwei Jah- ; reu der Engländer Harris ein jüdisch - christliches . Viaimbuch in syrischer Ueberfetzung neu entdeckt hat. । Es enthält eine Sammlung von 42 Liedern (Oben) als „Oden Salomons" betitelt. Sie fallen nach den Angaben der Forscher, die sich bis letzt mit den Oden befaßt haben, in die Zeit von zirka 50 v. Ehr. bis zirka 67 n. Ehr. (Harnack). Der Dichter hat in Palästina, wahrscheinlich sogar in Jerusalem gelebt. Wir befinden uns also in der Zett des jungen Christentums. Ein Christ hat diese Oden, die ihm wegen der darin ausgesprochenen mystischen Frömmigkeit gefielen christlich überarbeitet; das verraten die unstreitig in den Liedern enthaltenen christlichen Elemente.
Und jetzt zum Inhalt, her gerade dieser Entdeckung ihre unvergleichliche ^lebeutung gibt! Diese Lieder- toimnhuig enthält bereits alle jene Ausdrücke und Begriffe, wegen deren inan vor dem Johannes-Evangelium zweifel^b stand, wül mau die Herkunft dieser Begriffe nid-i fwnei'ri konnte und sie auf außerjüdi- schem Boden suchen vt müssen ctabte! Deshalb ist diese Entdeckung für das Verständnis und die richtige Erklärung des Jo' annes Evangeliums so epochemachend. Diese Bedeutung des Fundes spricht Harnack 'n den Worten aus:
.Für Johannes hat sowohl der ursprüngliche jü- visckse Bersaffer als noch der christliche Jnlerpolaior (Ueberarbeiter) die größte Bedeukuug. Das in geschichtlich die wichtigste Frucht, welche uns diese Oden bringen, daß sie in doppelter Weise das vierte Evangelium, d. b. seine Religion und seine Theologie beleuchten. Was sie hier lehren ist ebenso neu wie aufklärend zugleich und wird die Kirchenhistoriker noch lange befchästigen. Man hat hier den Steinbruch ver sich, aus dem die johnnneiichen Quadern gehauen fino" iS. 11t). Und an einer anderen Stelle: „Wie er (der neue Funbi in neuer Weise die Originalität und Eiiizig- ntiiflTe:t der Herlüodrgkmg Jem sichert, so ist er sür die 'höhere Kritik des Johannes-Evangeliums epoche- macher.d, weit diese jüdische Oden (nicht erst die christliche Bearbeitung) bereits alle wesentlichen Stücke der ohanneischen Theologie samt ihrer religiösen Klangfarbe enthalten" (S. 5).
Die mche Me «w GMee.
. Seht ihr nicht den roten
folgt mir wie eine Schlange. .. . Eine große, züngelnde, rote Blutschtage — hahaha!"
Und mit erhobenen Armen stürzt sie sluchtähnlich davon.
Noch eine Zeitlang hört man ihr gellendes, seeken- lofes Lachen — —
Dann wieder alles still.
Verlasse« liegt der Tote auf der Bahre — am ersten Tage nach seiner Hochzeit.
85] Rot»cm va» Erich Friesen.
Wit leisem Aufschlnchzen kniet sie neben dem Leichnam nieder. Ti« stilles Gebet steigt zsm Himmel empor für die Seele des Ermordeten. . . .
Da bringt leiser erregter Wortwechsel an ihr Ohr.
Untyttlig hebt 2Uta berr Kopf. Wer tft gekommen, die Ruhs des Toten zu flär-en? . . .
Sie steht, wie der Treuer einer dunklen Frauen- gestali den Eintritt wehren will, wie diese bittet, fleht, in ihn dringt —
Sil iß erhebt sich von den Knien und geht der Frau entgegen.
Ei'Wig« Augenblicke stehen die beiden einander gegenüber — bleich, wortlos.
Dann sagt Lllia sanft:
„Sonimui Sie, Mercedes!"
Hand in Hand treten sie vor ben Toten.
Und beim Anblick der stillen Gestalt dort auf der «.'ahrc sinkt Mercedes mtt lautem Aufschrei an ihr nieder. Unverwandt blickt sie in das starre Gesicht. Mit bebender Hand streicht sie über die blasse, kalte Stirn.....
Schweigend steht Lflia daneben. Die tragische Größe dieses Augenblicks, der furchtbare Schmerz des Unglücklichen Mädchens ergreifen sie bis ins tiefste Innere.
Da wendet Mercedes den Kopf zu ihr hin. Der Ausdruck des dunklen Gesichts ist ein verzweifelter.
„Sie sind rein und schuldlos", sagt sie leise, fast flüsternd. „Ich bin eine Schuldige. Aber ich — habe 'V srktetzt. Wie — nicht. Ich stehe Sie an: gehen Sie' Lassen Sie mich allein mit — meinem T» ten!"
Tief erschüttert verläßt Lilia das Zimmer. —
Als sie nach einer Viertelstunde wieder eintritt, /Itzt Mercedes noch immer über den Toten gebeugt, regungslos, unverwandt in sein Gesicht starrend.
Bei dem Geräusch schnellt sie empor.
Vollkommener Irrsinn flackert In ihren Augen.
»Blut! Blut!" schreit sie gellend auf. „Sein Blut
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Vorüber das Weihnachtsfest. Für alle an der Dvuakns-Tragödie Beteiligte wehmutumscheierte, tief- traurige Tage.
Lori» Douglas ruht aus von den Wirrnissen des irdischen Lebens, deren Gefahren er bei seinem schwachen Charakter und seiner unglücklichen Nahirarüage bi besonderem Maße ausgesetzt war.
Sanfte Frauenhände schmücken sein Grab iagiäg- lich mtt frischen Blumen. Keinen Augenblick vergißt Lllia, daß sie dm Namen des Toten trägt, wenn sie auch niemals im eigentlichen Sinne seine Frau war.
Tcr dringende Verdacht an dem Mord Lord Douglas' fiel auf die Geschwister Alvarez.
Am felgenben Tage bereits wurden beide verhaftet. ; Doch entließ man Mercedes bald wieder aus der Haft, da S<^»erständige getfiige Umnachtung feststellten.
In einem flehten Hause, unweit des Friedhofes, hat die Bedauernswerte sich ein Zimmerchen gemietet, wo sie sich tagsüber, zumeist in dumpfes Brüten versunken, aufhält. Nur sobald es zu dunkeln beginnt, sieht man die schmächtige Gestalt, in ein schwarzes Tuch gehüllt, zum Friedhof huschen, wo sie sich an dem Grabe des Heißgeliebten nieberfauerl und so tage dort verweilt, bis der Totengräber fie entfernt, weil er daS Tor für die Nacht schließm muß.
Da das arme Wesen ungefährlich ist, läßt man e? gewähren und zuckt nur mitleidig die Achseln
Mit größter Besttmmtheit beteuert Manuel »lebet und wieder seine Unschuld. Voll heißer Empörung verwahrt er sich dagegen, daß man ihn eine- gemeinen Verbrechens für fähig hält. Offen sei er Lord Dou
glas entgegengctreten, um von ihm Rechenschaft zu fordern; niemals aber würde er ihn aus dem Hinterhalt Sberfallm oder gar getötet haben.
Niemand glaubt ihm. Wer anders könnte Jnter- effe daran gehabt haben, Lord Douglas aus der Welt zu schaffen, als er, der seine Schwester rächen wollte?
Und Lilia, die junge Herrin von Schloß Tusculum? . . .
Sic weigert sich aufS entschikdenite, Lord Douglas' Erbschaft anzutreten und nach dem Schloß zu übersiedeln. Niemals fühlte sie sich in Wahrheit mit dem Mann verbunden, dessen Namen sie trägt, und ein Schauder ergreift sie bei dem Gedanke», daß sie aus seinem Tode Vorteil ziehen soll. Mag Lady Diana, die angesichts des grausamen Schicksals des Bruders ihren Groll vergesseti hat und zn den BegrabniSfeier- llchkeiten nach Schloß Tusculum zurückkehrte, dort wohnen bis an ihres Lebens Ende! Lilia wünscht es ihr von Herzen.
Baron von Berkow hat sich mit vollster geschwisterlicher Liebe seiner wiedergeftmdenen Schwester und berm Tochter angenommen, sodaß für beide gesorgt ist. Boll tiefer Wehmut, in die sich eine leise Regung des Gewissens mischt, vernahm Frau Jngeborg von dem längst erfolgten Tode ihrer Eltern. Allein stehen die beiden Geschwister nun auf der Welt. Was ist natürlicher, als daß sie fortan ihren Lebensweg miteinander Vereinen? . . .
Sofort nach jener furchtbaren Katastrophe, welche Me kaum Vermählte zur Witwe machte, wollte Wolf von Berkow mit ihr und der Mutter dm Ort verlas- fen, der solche Fülle trauriger Erinnerungen für beide birgt.
Doch Lllia weigerte sich auf das Entschiedenste.
Als fie hörte, daß der StAgeliebte, dm sie tot wähnte, noch lebt, ja, daß der Arzt die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, ihn am Leben zu erhalten — da ging ein Frohlocken durch ihre Seele, wie sie eS bisher noch nie empfundm.
Nicht, daß sie mehr daran bentt, je die Seine zu »etben. Da» Leid der letzten Monate hat bai , kindlich harmlose Geschöpf zum emften schwermütigen 1
So hat also auch da eine rückläufige Bewegung ein« zufetzen, von der Harnack einmal in einem andern Zusammenhang gesprochen hat. Eine Warnung für die krttischm Draufgängerk
Venlscher Keich.
♦ Eine verunglückte Hetze. Im Hochsommer be8 vorigen Jahres, so erinnert bei Berliner Mitarbeiter der „Köln. Vztg.", entstand in Berlin plötzlich eine ganz unerhötte antikatholische Agitation, und zwar anläßlich eines Falles, der sich ganz und gar nicht dazu eignete. Der Rettor der 40. Gememde- schule, Bock, wurde verhaftet, weil er sich an seinen Schülerinnen vergangen haben sollte, und einige Zett später folgte ihm der erste Lehrer der Schnile, Knöfel, ins Gefängnis. Die 40. Gemeindefchule ist katholisch, und das Wort „katholisch" genügte für die liberalen Blätter, um sofort eine antikatholffche Hetzerei größten Stiles in Szene zu setzen. DaS „Berl. Tagcbl." bezweifelte, daß es zu solchen Singen gekommen fein wurde, tvenn die Anstalt nicht nur von katholischen, sondern auch von protestantischen und jüdischen Mäd- chm besucht wäre. Der tiefere Sinn dieser Bemerkung ist mir heute noch unklar. Die in gleichem Verlage erscheinende „Voltszeitung" brachte ein Bild des Rektors — als Ziegenbock — und schrieb geradezu, in protestanttschen Schulm könne so etwas nicht vorkommen, nur in katholischen. In anderen Blättern wurde gesagt, daß derartiges geschrhm sei, liege zum großen Teil mit an der — Beichte; es wurde nämlich der geradezu unsinnige Verdacht ausgesprochen, in d« Beichte sei den Mädchen wahrscheinlich gesagt, sie sollten Bocks Taten nicht zur Anzeige bringen, um nicht die katholische Schule und den katholischen Rektor zu kompromittieren Wochenlang bauerten diese Hetzereien an; in der heißesten Kultiiriampsszeit ging es nicht schlimmer zu. In der ausländischm Freimaure» presse verwandelte sich der verheiratete Volksschullchrer Vock in einen Kanonikus und Domherrn, der ein „großes klerikales Institut" in Berlin dirigiere. Inzwischen wurde feftgefteHt, daß Vock ein eifriger Parteigänger der freisinnigen Partei war. Er war sogar zum freisinnigen Wahl mann gewählt; nach seh r.cr Verhaftung mußte eine Neuwahl stattfinden. Die Geburtstagsfeier Albert Trägers hatte er durch den Gesang seiner Schülerinnen verherrlichen lassen. Sein Leibülatt war die schon oben erwähnte Berliner Volkszeitung, die speziell auf „katholische Pfaffen" dressiert ist. Wenn sie einmal einen besonders gehässigen katholischen Artikel brachte, ließ der freudig erregte Rektor, denselben, rot angestrichen, unter seinen Lehrerpersonen zirkulieren. SosahinWirklichkeitderMann aus, aus dem die kulturkämpferische Presse einen Vertreter des „Ultramontanismus" machte. Inzwischen hat nun die Hcmptverhandlimg stattgefunden. Bock wurde zu einer Gefängnissttafe von einem Jahr drei Monaten verurteilt, Knöfel freigesprochen. In der llrteil8begrünbung heißt es, Bock fei eine Persönlichkeit, der solche Handlungen wohl zuzutrauen wären, denn er sei stark exotisch veranlagt, habe mancherlei unzüchtige Reden gefiihrt und auch sonst unzüchtig« Handlungen begangen Er sei degeneriert, erblich belastet und in höchstem Maße minderwertig. Nach diesem Ausgange ist die ganze antikatholische Hetze jetzt natürlich eingestellt; unter allen Wipfeln ist Ruh'. Aus dem Prozesse bezw. au» dem Erkenntrüs laßt sich schlechterdings nicht ein einziges Moment heraus schlagen, das gegen di« katholische Kirche und die Katholiken als solche inS Treffen geführt werden kann. Wenn es anderersett» schon auffällig ist, daß ein „im höchsten Maße minderwertiger" Mensch zum Rektor einer Mädchenschule gemacht werden konnte, so muß es noch viel mehr sroppr» '.•en, daß dessen Treiben so lange verborgen bleiben konnte. Das gerichtliche Erkenntnis gibt ja genügenden Aufschluß über Bocks Verhältnisse, und es kommt hinzu, daß in der Gemeinde allgemein darüber gesprochen wurde. Wo blieben da die A u f f i ch t s b e h ö r» den? Im vorigen Jahre haben wir die Liberalen gewarnt, die Angelegenheit nicht breit zu treten. Davon wollten sie aber nichts wissen. Jetzt möchten st« umgekehrt die Erörterung gern totschweigen, da sie ehr» ehen, daß nicht auf die katholifche Kirche, fonbem auf das liberale Berliner städtische Schulgouvernement unbequeme Schlagschatten fallen könnten. So ist in diesem Falle der vergiftete Pfeil aus die Schützen zucückgeflogm!
Weibe gereift, gewissermaßen alles Irdische von ihr abgcstteift, und ihren Geist vertieft und verklart.
Nur wissen will sie, daß äßinftieb außer aller Gefahr ist. Ihn noch einmal sehen wN sie. Und dann meinetwegen fort — fori für immer!
Da trifft eines Tages ein Brief aus der Billa Eden an Lllia ein, in dem Gräfin Isolde die „junge Lady Douglas" in warmen Worten bittet, aus kurze Zeit an da» Krankenlager des Grafen Winfried zu kommen; er verlangt sehnsüchtig, sie zu sehen, und der Arzte fürchte, daS Fieber würde sich verschlimmern.
Die nächste Stunde schon findet Lilia auf dem Wege nach der Villa Eden.
„Er verlangt nach Dir!" jauchzt ihre Seele. Und eine wundersame Ruhe, ein weihorolles Glücksgefühl kommt über sie. *
Zwar zögert ihr Fuß noch einen Augenblick auf der Schwelle des Krankenzimmers, und die kleine Hand greift nach dem Herzen.
Doch rasch bezwingt sie sich und tritt ein.
Er hat sich sehr verändert, der ehemals so kräftige Jüngling, der dort nun schon seit Wochen auf dem Schmerzenslager liegt. Schmal ist er geworden und bleich - ach, so bleich!
Leise tritt Lllia näher.
Seine Augen find geschlossen. Die fieberglühenden Lippen flüstern abgebrochene Worte:
„Lilia--wo bist Du?--Kommst Du nicht
--Lllia! - Lilia--“
Tiefbewegt beugt das junge Weib sich über ihn und legt ihre kühle Hand auf seine heiße Stirn.
Wie von einem Magnet angezogen, öffnet er die Augen. Groß und voll blickt er die Geliebte an, ohne ein Zeichen der Ueberraschrmg. Nr» ein glückseliges Leuchten geht wie Sonnenschein über feine abgezehrten Züge.
„Ich wußte ja, baß Du — kommen würdest," hauchte er. „Bleib bei mir!"
Und seine hcißm Finger umspannen ihre Hand.
Noch ein tiefes, befreites Aufatmen — dann schli» feen sich wieder die müden Augenlider. Der Puls geht ruhiger. Die Fiederröte beginnt zu schwinden.
(Schluß folgt.)