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Letatleurdrnckund verlag -er Fuldaer Xb üeodrmkerei in Luld« Fernsprecher Nr.».
M 56.
Erstes Blatt.
Fulda, Donnerstag den 9. März 1911.
38. Jahrgang.
Ler MMnWM MMlMlenhMse.
Sitzung deS Abgeordnetenhauses vom 8. März 1911.
Das Haus setzt die zweite Beratung über den KultuSetat fort.
Abg. Ströbel (Soz.ft Das Zentrum weiß, warum es hier so friedlich sein kann. Der Vatikan hat vor der preußischen Diplomatie keine Furcht, denn er weiß, daß die Regierung tut, was die Konservativen wollen. Und diese find eben mit dem Zentrum verbündet. Bismarck würde mit dem Kürassierstiesel aufgestoben haben, aber dazu hat der Major v. Bethmann keine Waden. Das ganze Resultat ist, daß die Geistlichen, die den Eid leisten, nicht mehr in Deutsch und Geschichte unterrichten dürfen. Wollte man dem liebel der Einschränkung der Wissenschaft zuleibe gehen, so wüßte man für Trennung von Staat und Kirche, von Kirche und Schule eintreten, und dies müßten auch die Nationalliberale« tun, wenn sie wirklich liberal wären. Für die Jugendfürsorge hat Man eine Million in den Etat eingestellt, weil die Kirchliche Fürsorge Bankerott gemacht Hal. Die Kinder ftoetben häufig, besonders in Schlesien, der Schule zu agrarischen Zwecken entzogen. Bei diesen Urlaubsgesuchen seitens der Junker sind die Geistlichen mit den Agrariern im Bunde, und wenn die Kinder bei her Arbeit erschlaffen, so regt man ihre Kräfte mit Schncws wieder an. Die Haltung der Konservativen 'gegenüber dem Modernisteneid erklärt sich aus ihrer ^Erkenntnis, was sie dem Zentrum auf dem Gebiete der -Volksverdummung verdanken. Wir verlangen reinliche /Scheidung zwischen Wiffenschaft und Glaube, zwischen Staat und Kirche. Die ganze Theologie ist überhaupt keine Wissenschaft, und wenn Sie aus der liberalen protestantischen Theologie, die wenigstens /noch den Schein der freien Forschung wahrt, die Kon- sequeuzen ziehen, dann bleibt vom Christentum Nichts mehr übrig. Dir Bekämpfung des Moder- chifieneides ist nichts als Heuchelet; man will für die oberen Zehntausend die freie Forschung, aber das /Volk soll in der geistigen Knechtschaft belassen werden. Preußen kann sich bis jetzt nicht als Kulturstaat be- »eichnen, weil man das Volk von der Bildung ausschließt. Man schimpft auf die Schundliteratur; /was aber die ultramontane Presse auf literarischem Gebiete liefert, ist der reinste Schund, so z. V. ein Räuberroman, der vor kurzem in der.Germania' stand. Wir werden den schwarz-blauen Block mit allen Mitteln bekämpfen, und an den Liberalismus richte ich den .Appell, mit uns einen Kulturblock zu bilden zur 'geistigen Hebung des Boltes. (Beifall bei den Sozialdemokraten.)
w A. Porsch (3tr.):
Meine politischen Freunde und die von ihnen vertretenen Wähkermaffen wünschen dringend \ keinen neuen Kulturkampf sünd zwar im Jntereffe des Staates, des kirchlichen Lebens, des Vaterlandes, und darum sind wir dem Ministerpräsidenten außerordentlich dankbar, daß er 'gestern erklärte: Niemand unter uns hat Sehnsucht Dach einem Kulturkampf. Seine Ausführungen sind .von den verschiedenen Parteien des Hause? mehr oder Weniger ausdrücklich bestätigt worden. Nur der Vor- i* ebner hat eine Ausnahme gemacht. Ich begreife daS, enn bei einem neuen Kulturkampf würde nur der Leizen der Sozialdemokratie blühen. (Sehr ichtig! im Zentrum.) Der friedlichen Stimmung der gestrigen Ausführungen will ich dadurch Rechnung »ragen, daß ich mich bemühe, möglichst sachlich zu sein »nd eine Polemik nach Möglichkeit zu ver- D, ei den. Mir kommt es darauf an, die neu er
gangenen ” päpstlichen Dekrete
Bttnb die durch sie geschaffene Situation sachlich darzu- ’legen. Da müssen allerdings verschiedene der gestrigen Ausführungen unserem lebhaftesten Widerspruch bt« itzegnrn. Wenn der Abg. Karvorff gestern meinte, auf dem kirchenpolitifchen Gebiete wäre endgiitig Friede, pnd nur ans dem Gebiet des OrdenswesenS würde »ine Aenderung der Gesetzgebung verlangt, so könnte }io8 leicht zu Mißverständnissen Anlaß geben, wenn ch daS unwidersprochen ließe. Wir teilen die Auf- .fassung des Herrn v. Kardorff nicht. Wir erblicken das Ziel unserer Wünsche in der Wiederherstellung Derjenigen Zustände, die vor Ausbruch des Kulturkampfes in unserem Vaterlande, nicht zu seinem Schaden, bestanden haben. (Beifall im Zentrum.) Herr ch. Kardorff hat auch gemeint, daß die Zahl der 'Ordensniederlassungen sich außerordentlich vermehrt habe. Diese Vermehrung kann umsoweniger leine Gefahr für das Vaterland sein, als den Löwenanteil an der Tätigkeit der Orden die Kranken- 'v siege hat. Die Bedürfnisse unseres ganzen Lebens, bie Vermehrung der Bevölkerung und die Erweiterung her charitativen Tätigkeit haben dazu mitgewirkt. (Sehr wichtig I im Zentrum.) Man trifft heute Vorsorge für ,Unglücksfälle und Gebrechen, für Hilfsbedürftige, für bie" man in früherer Zeit gar keine Hilfe gehabt hat. Man muß bankbar fein, daß durch sie »iel- achem Unglück im Vaterlande abgeholsen wird.
S )orr v. Campe hat gemeint, es beständen päpst- iche Anordnungen für uns hinsichtlich des Verkehrs mit Andersgläubigen, bie uns veranlaßten, uns von ihnen zurückzutzalten. Ich glaub« Nicht» baß die Herren hier im Hause je gefunden haben, daß sich bie katholischen Mitglieder irgendwie von den Nichtkalhoüscken zurückgezogen hätten. Es besteht keine (solche Schwierigkeit hn Verkehr zwischen uns. Ich habe noch niemals gefunden, daß mir ein katholischer Wähler, wenn man ihn aufforderte, für einen evangelischen Kandidaten zu stimmen, sagte: Das tue ich Nicht. Wohl aber habe ich mehr als einmal von Herren der verschiedensten Parteirichtungen der Linken die Antwort bekommen: Wir würden diese Wahl- chbmachnng mit Ihnen gerne treffen, aber wir muffen Ihnen offen jagen, unsere evangelischen Wähler werden nicht oder nur zu einem kleinen Teil dazu zu bewegen sein, einen katholisch en Mann zu wählen. (Sehr richtig! im Zentr.) Im .Hannoverschen Courier' hat vor einigen Jahre» einmal ein Bericht über eine juugliberale Versammlung gestände,!, m welcher sich ein Jungliberaler darüber veschwert bat, daß nationalliberale Mitglieder des Adgeorbnktenhauses zu freundschaftlich mit Mit- gliedern deS Zentrums verkehrten. (Heiterkeit.) Das errege bei denNationalliberaken im Linde lebhaftes Befremden. Neber solche Dinge wollen wir also lieber hier nicht sprechen. Die päpstlichen Kund- oebnngen zielen in teuer Weise auf die Schulverhältnisse in unserem Baterlande hin, wie Herr v. Campe meinte, weil unser verewigter Führer Windt- 'horst einmal gesagt hat, wenn der Kulturkampf auf nrchlichein Gebiete beigelegt sei, stehe uns noch ein ^schwererer Cxmpf auf dem Schulgebiete bevor. Im Adrige»! ist dieser Schulkampf, wenn man von einem
solchen sprechen will, kein kacholtscheS Spezifikum, sondern in diesem Kampf steht da» gläubige katholische B o lk zusa mme n mit dem gläubigen evangelischen Volk. (S. r. i.Z. Unruhe b. d. Nach) Dem Vorwurf de« Abg. Ströbel, die Regierung und die anderen Parteien ließen sich von Rücksichten auf daß Zentrum leiten, stelle ich die Ansicht seines politischen Freundes, des Sozialdemokraten Kolb im „Volksjreund" in Baben, gegenüber, der sagt der Sinn der neuen väpftlichen Erlasse sei bet, daß die katholische Kirche katholisch bleiben wolle. DaS sei ihr gutes Recht; emS nur sei möglich, man sei entweder ganz katholisch oder gar nicht. Die Liberalen wünschten aber einen Kompromiß-Katholizismus, für die Bedürf- niffe von Bildung und Besitz gemodelt. Bezüglich der preußischen
Gesandtschaft beim Vatikan
habe ich zu erklären, daß meine Freunde die Aufrechterhaltung dieser Gesandtschaft wünschen auS verschiedenen Rücksichten, auf die ich im Augenblick nicht näher einpehe. Wenn «S so dargeftellt worden ist, als ob bie Rebe, bie der preußische Gesandte beim Vati, kau Herr v. Mühlberg bei der Kaisergeburtstags, feier in Rom gehalten hat, späterhin abgeschwächt worden sei, so habe ich dazu zu bemerken, daß ein Vertreter der „Köln. Bolksztg." bei dem Festmahle die Rede steuographlert hat und baß dieses Stenogramm dann in der „Köln. VollSztg." veröffentlicht worden ist. Wie es gekommen ist, daß die Rede des Herrn von Mühlberg vorher in einer anderen Fassung ver- öffentlicht wurde, entzieht stch meiner Kenntnis. Der Ministerpräsident hat anerkannt, daß die Dinge, um die es sich in den päpstlichen Entscheidungen handelt, an sich
innerkirchliche Angelegenheiten sind, aber der Staat könne an ihnen nicht gleichgiltig vorbeigehen, insoweit diese Verfügungen eine Rückwirkung auf das staatliche Gebiet haben. Die Auffassung kann ich für unrichtig nicht erklären. Nur können stch Differenzpunkte darüber ergeben, inwieweit das staatliche Gebiet vo» solchen kirchlichen Verfügungen berührt wirb. Ich will nicht verhehlen, bah es bei meinen Glaubensgenossen einen eigentümlichen Einbruch macht, wenn man stch um solche innerkirchliche katholische Ding« in unserem öffentlichen Leben, namentlich in bet nichtkalholischen Presse mit so großer Leb- hasligkett kümmert, währenb wir in bet katholischen Presse an ben Erscheinungen auf evangelischen uub anberen religiösen Gebieten lautlos vorübergeheu. (Lebh. Zustimmung im Ztr, Unruhe bei ben National- liberalen.) Der Minister hat auf eine
tiefe Bewegung i» Deutschland infolge jener Verfügungen hingewiesen. Ein großer Teil dieser Bewegung ist durch die tendenziösen Besprechungen in der nichtkatholischen Presse hervorgerufen worden, die di« in der schwerfälligen lateinischen Sprache veröffentUchten Dekrete in möglichst greller Nebersetzung wiedergegeben bat. Der Ministerpräsident hat stch darüber beschwert, daß die Kurie vor Erlaß der Verfügungen sich mit Preußen nicht in« Benehmen gesetzt habe. Aber diese Verfügun- gen sind
nicht ergangen für Preußen, sie find ergangen für da? ganze Gebiet bet katholischen Kirche, für die ganze Welt. Bei solcherr allgemeinen Verfügungen berbietet e« an sich die Möglichkeit, mit allen beteiligten Staaten in Verbindung zu treten Soweit mir bekannt ist, hat dte Kurie mit leinem einzigen Staate verhandelt. Die Schwierig!«- ten in der kirchlichen Gesetzgebung liegen eben darin, daß sie für ein so weites Gebiet ergeht, und man muß nach Erlaß der Anordnungen in ben einzelnen Ländern eben zu sehen, wie auszukommen ist. Wir haben aller- dingS ben Wunsch, daß diese Dekrete in unserem Baterlande so durchgeführt werben, daß Konflikts, fälle vermieden werden. So bin ich überzeugt, daß sich unser Episkopat mit der Regierung über die gemeinschaftliche Kommunion der Schulkin» der, die mit der Schulordnung in Verbindung steht, verständigen wird. Bezüglich deS Dekrets über dte Amotion der Geistlichen habe ich zu sagen, daß diese» Amotionsverfahren bei der schon lange not. wendigen Neukodifikation deS kanonischen Rechts neu geregelt und vorweg publiziert und in Wirkung gesetzt worden ist, um zu sehen, wie eS sich bewähre. Tue Amotion hat aber mit der Amovibilität nicht das ge. ringfte zu tun. Es gab schon bisher Gründe für die Absetzbarkeit der Pfarrer, aber sie waren nicht genau definiert, und ließen zum Teil einen weiten Spiel- raum; daher war hier eine Aenderung der Bestim- mungen notwendig. Vom Stande des preußischen Rechts kann man In den neuen Bestimmungen nichts Unerhörte« finden. Heißt e« doch auch in ben Bestimmungen deS Allgemeinen Landrecht», daß, wenn ein Pfarrer ohne bösen Vorsatz durch unvorsichtiges Be- tragen da» Vertrauen seiner Gemeinde verloren habe, die geistlichen Oberen seine Versetzung an einen an. deren Ort detanlaffen müßten. Und ebenso verhält eS sich mit der Versetzung von Staatsbeamten im In- terefle be« Dienstes. Darin liegt doch kein Grund zur Aufregung. Ich komme nun zum
Modernismus und Antimodernisteneid.
Nach unserem Glauben ist der Papst verantwortlich für die Reinheit und Einheit deS Glaubens. Im vollen Gefühl dieser Verantwortung hat der Papst die ModerniSmuS-Enzhklika erlaffen und die Ablegung be« Eides verlangt. DaS ist eine Entscheidung deS Ober. Haupte» der Kirche, der der Katholik sich zu fügen hat. Die Notwendigkeit der Bekämpfung deS Modernismus ist schon im Jahre 1899 von Leo XIIL erkannt wurden. Herr von Lampe hat gestern gesagt, Leo VIII. habe schon tm Jahre 1886 eine Modernisten, enzyklika in Bearbeitung gehabt, sei aber durch einen deutschen Bischof von ihr abgehalten worben. Ich weiß nicht, woher Herr von Campe diese Kenntnis hat. Wir wußten nicht» davon und an einer der zuständigen Stellen, dte da» wiffen kann, habe ich mich telegraphisch erkundigt und habe die Auskunft bdommen, daß auch dort nichts bekannt ist. Ich muß also die Mitteilung des Herrn von Lampe in Abrede stellen. Uns im ein. «Inen auf einen Streit über die Enzyklika und ben Eid einzulaffen, muß ich für meine Freunde adlchnen. (Sehr richtig! tm Zentr.) Wa» notwendig war, um Mißverständnissen vorzubeugen, hat Herr Dittrich schon gestern gesagt. Bezüglich bet Bindung gegen den Mo- berniSmu» durch einen Eid ist die Berufung aus di« Verfassung unzulässig. Herr v. Campe hat sich bc wähl, in diese katholischen Dinge einzudringen, aber seine Studien haben ihn doch noch nicht zum vollen Verständnis der Sache geführt. Ich für meine Per. son würde mir niemals anmaßen, durch ein Studium bet evangelischen Dinge Interna deS evangelischen Glauben» besser verstehen zu können, al» ein evangelisches Mitglied. (Leich. Zustimmung im Zentrum und
rechts.) Herr b. Campe bat gefragt ob durch die Leistung deS Eides eine neue Bindung eintrete. Durch den Inhalt tzeS Eide« wird nicht» Neue» einge- führt DaS haben die katholischen Theologieprofessoren erklärt und diese Herren verstehen von katholischen Dingen doch mindestens ebenso viel tote nichtkatholische Herren. (Lebh. Zustimung i. Zentr.) Also eine neue Bindung tritt durch die Leistung bei Eide» nicht ein. Der neue Eid war aber notwendig, weil alte Wahrheiten mit neuen Mitteln angefochten wurden. (Sehr richtig I im Zentr.) Wie denken Sie über Hochschul- lehrer, die überhaupt keinerlei Bindung mehr anerkennen, die einlh Eid bei Gott dem Allmächtigen nicht zu schwören vermögen, weil sie an ihn nicht mehr glauben? (Sehr richtigI im Zentr.) Wenn Sie in das Volk diese Frage hiueinwerfen, dann provozieren Sie die Gegenfrage: Kann das Volk e» sich gefallen lassen, daß an seinen Hochschulen Lehrer dozieren, die überhaupt an keinen Gott mehr glauben, die verlangen, baj$ man vor ihrer souveränen Vernunft auf die Knie fallt? (Beifall im Zentrum.) Die Gläubiger- in der evangelischen Kirche stehen auf demselben Standpunkt tote der Papst beim Modernisteneid. (Widerspruch links.) Konsessio. nelle Unterschied e werden durch den Eid nicht verschärft, denn der gläubige Teil des evangelischen Volkes steht genau auf demselben Standpunkt wie der Papst bei der Bekämpfung de» Modernismus. (Widerspruch b. d. Natllb.) Nur die Art deS Vorgehens ist auf evangelischer Seite anders als auf katholischer. Redner führt zum Beweis hierfür Preß- ftimmen aus dem evangelischen Lager und Aussprüche evangelischer Geistlicher an. Auf einer Pastoralkonfe« renz in Düsseldorf ist ausgeführt worden, daß man in der evangelischen Kirche vor einem ähnlichen Dilemma stehe wie in der katholischen, und die „Evangelische Kirchenzeitung" schrieb: „Wir können dem Papst in vielen Punkten zustimmen. Er wendet sich gegen eine mehr ober minder unchristliche moderne Weltanschauung, die unter dem Namen Modernismus zusammenge. faßt wird. Pflicht und Verdienst des Papstes ist eS, gegen die unchristliche moderne Weltanschauung vorzugehen." (Hört, hört! im Ztr.) Darnach meine ich, daß daS päpstliche Vorgehen gegen ben Modernismus doch eine Verstimmung in gläubigen evangelischen Kreisen nicht erregen kann. Nun kommt die eidliche Bindung. Dieft ist aber nichts neues. Sie findet sich, das können eie bei Mausbach nachlesen, in der katholischen Kirche schon seit langem. Die Staaten-haben nicht Anstoß genommen und auch das evangelische Empfinden kann sich daran nicht stoßen, denn gerade in den evangelisch-theologischen Fakultäten in rein evangelischen Ländern haben sie eine ganz scharfe Bindung. Ich verweise auf Erlangen, Greifswald, Leipzig und Rostock. Ganz kurioS ist die Bindung in L e i p z i g. Zu dem Ausschuß des deutschen Hochschullehretiages, welcher katholische Lehrer, Wie ich kurz sagen will, „exkommunizierte", wenn sie den Antimovernisteneid leisten wurden, gehörten einige Professoren der Universität Leipzig. Von einem Vorgehen dieses AuSschuffeS gegen einen Leipziger Professor habe ich dir (cht nicht» gehört. Auch nicht davon, bafs einer der Leipziger Herren mit den Kollegen von der evangelisch-theologischrn Fakultät ben wissenschaftlichen Verkehr abgebrochen hätte, tote sie cs mit den katholischen Theologen machen wollen. Sie werden nach den Bettimmungen, die für Lehmig gelten ,da» eventuell in gleicher Weift dort tun müssen. Im Kö- nix reich Sachsen müssen auch die VolkSschullehrer einen Eid bezüglich ihrer Nechtglänbigkett leisten. (Hört, hört! im Ztr.) Nun zur praktischen Seite deS EideS. Was die kat^ilischen Universität-professo. ren anbelangt so hat der Erzbischof von Köln im November in Rom dem Papst die Abjrchten und Wünsche der preußischen Episkopats vorgriragen. Rach seiner Rückkehr hat unter dem Vorsitz deS Fürstbischof» von BreSlau eine Bischofskonferenz stattgefunden, und der preußische Epistopat hat eS ftir angebracht gehalten, feine Auffassung in einer Vorstellung dem Papste zu unterbreiten. Ter Erzbischof von Köln, der bie Verhandlungen in Rom geführt hatte, wurde beauftragt, diese Vorstellung an ben Papst zu richten. Dar- auf ist bw Antwort be« Papste« vom 31. Dezember ergangen, welche man in ihrer Vollständigkeit nur bann übersehen konnte, wenn man bie Vorstellung kennen würde — ich kenne sie nicht — auf welche hin eben diese Antwort erging. Die Antwort deS Papste« ist von vornherein in einer verschärften Ueber- setzung bekannt geworben, und man hat angenommen, daß bie Veröffentlichung diese« Schreiben» die Antwort auf eine Netze deS Kultusministers sei. Inzwischen ist festgestellt worden, baß dte Veröffentlichung in gar keiner Beziehung zu tzer Rede tzeS KultuSmini- sterS gestanden hat und nicht stehen konnte, weil der päpstlicke Brief bereits im Druck war, al« der Kultusminister jene Rebe am 14. Januar hielt. Ich gebe zu, der Inhalt de» päpstlichen Schreiben« war nicht klar, namentlich hinsichtlich der Frage, ob dte UnibersitStSprofcssoven von dem Eid ausgenommen seien ober ob trotz der Ausnahme ein moralischer Zwang zur Eidesleistung auSgeübt werde. Die Sache ist völlig geklärt ward en und zwar dadurch, daß zunächst die Fakultät Munster und im Anschluß daran die Fakultäten Bonn und BreSlau anerkannten, daß in dem Eide keine Einschränkung der Forschungsfreiheit liege, und der Kardinal- Staatssekretär diese Meinung bestätigte. Die Professo. ren als solche sind also von der Leistung des SitzcS be- freit, und e» bestellt für sie auch fein moralischer Zwang, ihn zu leisten. ES handelt stch hierbei nicht um eine Konzession, sondern lediglich um eine selbst- verständliche Folge der richttgen Feststellung deS In. Halts. Run ist gestern von einem Artikel d eS Osservatore Romano die Rede gewesen. Ich muh zugeben, daß ich ihn nicht vollständig verstanden habe, nach mehrmaligem Lesen kann ich ihn nur so interpretieren, daß bie Erklärung deS Staatssekretärs lediglich die selbstverständliche Folge auf das päpstliche Schreiben vom 31. Dezember sei, und daß nicht entgegen dem päpstlichen Schreiben eine neue Konzession gemacht worden sei. Meine Freunde wünschen Erhaltung der katholischen Fakultäten.
Wir wünschen daß sie in Zusammenhang bleiben mit dem Lehrkörper der Universität, und daß die Stu- dierenden der katholischen Theologie in Fühlung mit ben andern Kommilitonen bleiben. Wir wünschen die Erhaltung der katholischen Fakultäten auch in der Erwägung, daß die Universität als Universitas litterarum in erster Linie auch bie Wissen schuf i von Gott lehren muß. denn die Wissenschaft von Gott ist bet Schlußstein, der den Bau der menschlichen ErkentniS krönt. Die freie Forschung ist nicht um ihrer selbst willen da, sondern um zur Wahrheit zu gelangen. Die Ankündigung des Ministerpräsidenten, daß den Geistlichen, die augenblicklich
Unterricht in Deutsch und Geschichte erteilen, zwar eine Entfernung von den EPmnasien gidjt angesonnen werde, daß aber die Regierung sich
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i n Zukunft gezwungen sehen werde, darauf Verzicht zu leisten, Geistliche, welche den Eid geleistet ha. ben, den Unterricht in den beiden Fächern zu übertret. Sen, hat un« auf da» lebhafteste befremdet. (Lebh.
(uftimmung im Ztr.) Meine Glaubensgenossen würden e« auf das lebhafteste bedauern, wenn die Ausführungen des Ministerpräsidenten zur Wahrheit gemacht toürben (lebh. Zustimmung im Ztr.), denn tote können nicht anerkennen, daß die Folge bet Ablegung deS Modetnisteneide» die fein könne, daß der Unterricht in Zukunft anders erteilt werde als bisher. (Lebh. Zustimmung im Ztr.) Ich möchte warnen, da eine Aenderung eintreten zu lassen. Wenn man ben katholischen Geistlichen, der den SRobernifteneib. geleistet hat, nicht mehr für fähig hält, in Deutsch un) Geschichte zu unterrichten, bann werden Sie einer außerordentlichen Zankapfel in unser Volk hinein- werfen. (Lebh. Zustimmung im Ztr.) Dann können Sie sich überzeugt halten, daß baS katholische Volk darin eine
imparitätische Behandlung sehen würde, die e8 sich unter keinen Umständen gefallen lassen wird, und durch diese Maßnahme würde di« Störung des konfessionellen Frieden« e i n 11 e t e n. (Lebhafte Zustimmung im Ztr.) Watz soll daS deutsche Volk denken, daß katholische Geistlich« in diesen Unterricht nicht hineingelassen werden, aber jüdische Lehrer! (Lebh. Zustimmung_im Ztr.)' Wir haben auch Atheisten als Lehrer, («sehr rich«' tigl im Ztr.) ES ist ein vollständig unmöglicher Zustand, daß man einen katholischen Geistlichen, weil ett zuviel glaubt nach der anderen Meinung' (Heiierk, im Ztr.), nicht in diesen Unterricht hineinläßt, wohl! aber andere, die an nichts glauben, die aus der, Kirche ausgetreten sind. (Sehr richtig! im Ztr.) Ich warne vor den Konsequenzen, die da» haben kann, und mache darauf aufmerksam, daß in neuerer Zeit Dienstanweisungen an Direktoren und Oberlehrer ergangen sind, in tzenen es heißt: Die höheren Schulen haben die Aufgabe .ihre Zöglinge wissenschaftlich auszubildcu und auf der Grundlage von Gottesfurcht und Vaterlandsliebe zu charakterfesten Männern zu machen. (Höri, hört! im Ztr.) Da ist die Frage sehr berechtigt, wie diese Erziehung in Gottesfurcht sich bei Leuten vollziehen soll, die auS der christlichen Kirche ausgetreten sind. Ich möchte also die Regierung Warnen, nach der Richtung hin den Bogen zu Überspannen. (Lebhafte Zustimmung im Zentr.) Zum Schluß möchte ich der Hoffnung AuSduck geben, daß die päpstlichen Verfügungen zu Konflikten nicht führen werden, das man bemüht sein toitb,
Konflikt« zu vermeiden.
Der Ministerpräsident hat uuS mitgeteilt, bie Kurie hoffe, daß keine Konflikte enistäntzen und er hat hin- zugefügt, er werde sich freuen, wenn das gutreffe. Na- menS meiner Freunde erkläre ich, daß wir diese Hoffnung und diesen Wunsch teilen und was an uns liegt, gerne ten werden, um Sie Möglichkeit solcher Konflikte zu vermeiden. Herr b. Campe hat auf die Schrift eines anonymen Lehrers in einem anonymen Ort hingewie- sev, der gesagt haben soll, daß über dem deutschen Va- terkande die hl. Kirche stehe. Ich möchte darauf hin- weisen, daß das, wenn eS überh mpt gesagt worden ist, eine berechtigte katholische Auffassung nicht ist. Ich verweise auf ein schönes Wort Leo» XIII. in einem seiner Rundschreiben: „Die übernatürliche Liebe zur Kirche und die natürliche Siebe zum Vaterlande stießen auS em und derselben Quelle. Sie sind Zwillings- schwestern und haben beide Gott zum Vater, zum Urheber. Sie umschließen zwei Pflichtenkreise, von denen keiner den anderen aufhebt, aber auch feiner mit dem anderen vermengt werden darf. Der erste zielt auf bie Blüte de» Staates, der andere auf daS Gesamtwohl der Kirche und beide auf bie Vervollkommnung deS Menschen. Au» dieser Abgrenzung der Rechte und Pflichten geht klar hervor, daß die Lenkung der Staaten selbständig ist in der Verwaltung ihrer Angelegenhelten, und da» nicht nur mit Zustimmung der Kirche, sondern mit ihrer öffentlichen Unterstützung. Denn indem sie vor allem dte Hebung der Frömmigkeit, d. h. der Gerechtigkeit gegen Gott berlanat, forert sie damit zugleich zur Gerechtigkeit gegen bie Fürsten auf." Damit schlreße ich meine Ausführungen. (Lebhafter, wiederholter Beifall im Zentrum.)
Kultusminister Trott zu Solz: Rur in einem Punkte nötigen mich bie, wie ich anerkenne, in friedlichem Ton« gehaltenen Ausführungen de» Herrn Vorredner» zu> einer Erwiderung. Der Ministerpräsident hat nicht' die Ansicht vertreten, daß ein katholischer Geistlicher deshalb, weil er den Antimodernisteneid geschworen hahj nicht fähig sei, an unseren höheren «nstasten Unterricht: im Deutschen Wie in Geschichte zu geben. Die Sorg«! um die Erhaltung be« konfessionellen Friedens veranlaßt uns aber, uns eine größere Zur uckhal. tu na bei der Anstellung von katholischen Geistlichen im Staatsdienst aufzuerlegen, solange, bis wir die Zuversicht haben, daß die Kirech ebenso wie der Staat daS zwischen ihnen liegende Grenzgebiet mit derjeni- gen Vorsicht und Zurückhaltung betritt bie zur Erhaltung deS Friedens und zur Vermeidung vo» Konflikten nötig ist. (Lebh. Beifall.) Die Er- fahrungen der letzten Zeit haben un« deutlich vor Augen geführt, tote nahe eine solche Konfliktsmöglichkeit liegt, wenn ein katholischer Geistlicher zugleich im Staatsdienste steht, wenn er also abhängig ist auf der einen Seite vom Staate, auf der anderen Seite von bet Kirche, und wenn nun von einer dieser beiden Stelle», eine neue Forderung gestellt wird, ohne daß eine vorherige Verständigung stattgefunden bat. Dann kommt sehr leicht eine Meinungsverschiedenheit, und schließlich stehl der Konflikt vor der Türe au« einem verhältnismäßig geringen Anlaß. Wir werden in der Anstellung von katholischen Geistlichen im Staatsdienst solange Zurückhaltung üben, bi! wir die Zuversicht haben, daß auch vonseiten der Kirch« daS Grenzgebiet mit Vorsicht und Zurückhaltung betre. ten wird. (Beifall links.)
Abg. Dr. Friedberg (natL): Herr v. Heydebrand hat dem UnterrtchtSminister sein volles Vertrauen s»S. gesprochen. Daraus kommt es aber nicht ati, sondern daraus, rote man S betätigt. (Sehr richtig! links.) Di« Anssührungen de« Abg. v. Heydebrand liefen eigentlich mit denen des Ministerpräsidenten parallel. Au meiner Freude muß ich aber erklären, daß der Ministerpräüdent andere Konsequenzen gezogen hat als Herr v. Heyde- brand, der uns schließlich nur geraten hat, die Händ» in den Schoß zu legen und abzuwarten. Der Ministrr- prästdent hat mit voller Energie anerkannt, daß bte Kurte in rücksichtsloser Weise gegen den preußischen Staat vorgegangen ist. Dr. Porsch scheint vo» den Dingen der italienischen Kirche nicht die geringste Ahnung iu haben. Die preußische Regierung wurde