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Erstes Blatt

fiotationsbrudanb Verlag der Lulbatr ük» tteubrvckeret in Zulda Zernfprecher Nr. 9.

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rood)enbet(aet: „ JUuftricrte Sonntagrzeitung"

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Der MMrnisleoÄ L Mgesri>iitlt«h«ise.

Sitzung Les Abgeordnetenhauses vom 7. März 1911.

Die zweite Beratung des Etats wird beim Slultub« »tat sortgeletzt. Beim Kapitel Mimftergehalt findet eine allgemeine Besprechung des gesamten Kuttuselats statt. Es wird beschlossen, solche Fragen, die sich bet ben einzelnen Kapiteln erörtern taffen, beim Ittel Mimstergehrlt nur zu »reifen

von der Heydcbrandt und der Sefa (kons.) fnrad) dem Kultusminister die Anerkennung seiner Partei für seine Wirksamkeit aus. Er hielt es ange- sichls der Behauptungen, als ob Preußen in Kultur, sraaen rückständig sei, für notwendig, daß einmal eine Ausstellung über den Kostenaufwand für Bildungs- zwecke und namentlich für die Bollsschulen QUigeftetlt wird. Die Frage des Modernist enetdes soll nach einem Wunsche der Mehrheit des Abgeordnelenhaufts, den er für berechtigt hält, hier besprochen werden. Die Frage des Moderutfteneides sei an und für sich eine Angelegenheit der katholischen Konfession. Nachdem der Katholizismus die Unfehlbarkeit des Papstes anerkannt hat, lei diese Forderung des Papstes eine Fortsetzung des begonnenen Weges, aber es lasse sich nicht leugnen, daß die Wirkung des Mod ernift e ne id es tief in das Wesen des Staates eindrtnge. Der Minister hat die Stellung eingenommen, daß der Staat zunächst ab warten werde, ob sich aus dem Modernisteneid Schäden ergeben, dann wird er dagegen auftreten. Hierin dürfe der Minister auf die Unter» stützung seiner Fraktion rechnen. Nun feien auch Forderungen erhoben worden, die darüber hinaus gehen, namentlich will man die Lehrtätigkeit der Geistlichen, die den Modernistenerd geleistet haben, auf den Religionsunterricht beschränken. Diese Forderung gehe zu weit, sie erfordere eine Erforschung der Gesinnung, (tlnrire und Widerspruch.) Eines oder das andere. Wollen Sie diese Forderung aufstellen, dann muffen Sie diese konsequent durchfuhren, meine Herren! (Unruhe.) Deshalb ist es richtig, vorerst eine abwartende Stel­lung einzunehmen. Solange feine Zwischenfalle vor­handen sind, behalten wir ruhig Blut. Wenn -s gilt, geschädigte Perfonen zu schützen, werden wir es an der erforderlichen Energie nicht fehlen lassen. Meine Freunde sindGegnerdesKulturkampses. Sie verurteilen em Eingreisen des Staates auf das religiöse Gebiet. Sie wollen mit den katholischen Mitbürgern in Frieden leben, aber wenn dieses Ziel erreicht werden soll, dann muß auch auf der anderen Seite Zurüefhattung, namentlich bei der höchsten Instanz, geübt werden. Wir sehen mit, Bedauern in der Enzyklika eine schwere Beein- r ächtigun g des f on f e fft oneilen Friedens. Pir bedauern auch, daß die Bischöfe in eine Zwitter- stellung getrieben werden. «Wiederholter Beifall.) Wir bedauern, daß die Kundgebung des Borsahres nicht den gewünschten Eindruck gemacht hat. (Sehr richtig! bet den Nationalliberalen.) Wir haben eine Ge­sandtschaft beim Vatikan, deren Wirksain- teit in Frage gestellt ist, wemi die Borgänge jich wiederholen. (Beifall.)

MiMerBslöest b. VeihmM-WMg:

Ich will an den Ausführungen anknüpsen, die der dorrebner am Schluß über die Dekrete der Kurie gemacht hat, die jetzt im Mittelpunkt der Erörterung stehen. Niemand wird es leugnen, daß durch diele Dekrete eine tiesgeh ende Bewegung in Deutsch­land entstanden ist. Sie hat emgesetzt bei den Be­stimmungen desAntimoderntfteneideS. Erachtet es die katholische Kirche in ihren kirchlichen und reli­giösen Interessen für notwendig, ihre Diener unter bie.en Eid zu stellen, so ist das lediglich ihre eigene Angelegenheit. Weder der Staat noch die evangelische Kirche haben ihr da hineinzureden. Diese grundsätzliche Auffassung besagt aber nicht, daß der Staat über die Folgen hinaus hinwegsehen könnte und müßte, welche sich daraus für das friedliche Nebeneinanderleben der Konjesfionen ergeben. Dieses friedliche Neben ein anderleben ist in jedem Kulturlande eine unmittelbares Slaatsinteresse. In der katholischen Geistlichkeit hat sich kaum Widerstand da­gegen gezeigt. Dennoch muß man fragen, ob es nötig ivar, und zweckmäßig war, die Dekrete auch für Deutschland zu ertasten. (Sehr richtig!) Aus kathol'.scher Seite muß man damit rechnen, daß die Bindung, welche im Antimodernisteneid liegt, dem evangelischen Empfinden besonders fremd ist. (Sehr richtig!) Allerdings hat diese Bindung, wie von katholischer "Seile betont wird, auch schon vor der Ein ührinig des Eides bestanden, und ich meinerseits will es völlig dahingestellt sein lasten, ob dieser Eid irgend etwas Neues enthält. Die Tatsache aber, daß die ihm zugrunde liegenden konfessionellen Unterschiede gewissermaßen auf eine Formel, und zwar eine sakro- sante Eidesformel, gebracht sind, war nur zn geeignet, konfessionelle und Glauben sgegensätze neu zu beleben. (Sehr wahr! links.) Ihre prak- iische Wirkung übt die Bewegung, die dadurch ent­standen ist, aus auf die Stellung der katholischen Fakultäten bei den Universitäten und auf den welt­lichen Unterricht, den vereidigteGeistliche au unseren höheren Schulen erteilen. Ganz zutreffend mußte der Kultusminister in der Kommission von der Bindung sprechen, die nach bemUrteil mancherKreisekie katholischen Fakultäten durch den Antimodernisteneid erfahren haben, und auch die Wirkung, die sich für den Unterricht an den Gymnasien daraus ergibt, wird nicht unabhängig sein von den Auffassungen, mit denen die evangelische Bevölkerung dem Antimodernisteneid gegenübersteht In allen diesen Beziehungen ist die hierüber ent­standene Erregung von unmittelbarer Bedeu­tung für staatliche Einrichtungen und In­teressen. Ich betone ties mit aller Bestimmtheit, um gleichzeitig mit demselben Nachdruck auszusprechen, daß abgesehen von diesen praktischen Zusammenhängen konsefsioneUe Verstimmungen niemals zur Grund­lage polnischer Ennchließmigen gewicht werden dürfen. Wenn jemand katholischer Geistlicher werden will, so ist das seine Sache, niemand zwingt ihn dazi!. Wird er es aber, so begibt er sich eines Teiles seiner Frei­heit, und kein Artikel der Verfassungsurkunde unter­sagt es, derartige Freiheitsbeschränkungen anszube- bingen oder zu übernehmen, sie seien denn im Gesetz selbst verboten. Das ist aber bei den Bestimmungen de» Antimodernisteneides nicht der Fall. Der Staat Würde also kein gesetzliches Mittel haben, gegen den E i d borzugehen. Lediglich des- wegen Verwahrung einzulegen, weil der Eid protestan­tischen Ueberzeuguiigen zuwiderläuft, wäre eine kon- ieff icnelle Gefühlspolitik, die niemals ufgabe des Staates sein könnte. Ho gewiß ich einem größeren Teile der evangelischen Bevölkerung au8 dem Herzen sprechen würde, wenn ich derartigen konfeffio- nellen Empfindungen Ausdruck geben würde, ebenso

unzweifelhaft würde di« Ueberzeugang der Katholiken auf da» tiefste verletzt werden, wenn ich Gegenstände vor da» Forum der Volksvertretung zöge, für die uns die Kompetenz fehlt. Ich beschränke mich nur auf die Wirkungen, welche diese Dekrete auf die Beziehungen de» Staate» zur Kirche hervorgerufen haben. Neben den Bestimmun- gen über den «ntimodernisteneid kommen noch die B«. stimmungen über die Kommunion der Kinder und über die Versetzung der Geistlichen in Betracht. Den Streit darüber, ob alle tncfe Dekrete rein innerlich« Angelegenheiten betreff m. halte ich für überflüssig, dagegen ist zu untersuchen, ob bei rhren Ausführungen die kirchlichen Grenzgebiete berührt oder überschritten werden. Bei der Kommu- nion der Kinder ergibt sich diese Berührung der staat- lichen und kirchlichen Gebiete ohne weitere» au« der Schulordnung. Soll die Schulordnung nicht ge- stört werden, so haben die kirchlichen Organe und staatlichen Schulbehörden sich gegenseitig zu der stündigen. Die Bestimmungen über die Ab- setzung der Geistlichen sollen eine zweckmäßige Verwal- tung de» geistlichen Amtes herbeiführen. Sie berühren aber zugleich die schon oben erwähnten Grenzen. Da» werden di« Fälle sein, in denen bei AuSftihrung der Dekrete K o n s l i k t e entstehen können. Die Kurie hat e 8 nicht für zweckmäßig gehalten, sich bot dem Erlaß dieser Dekrete mit uns auszusprechen. (Hört, hört!) Fordern können wir das nicht, aber es hätte geschehen sollen. @9 Hütt« von vornherein Erregungen und Verstimmungen die Spitze abgebro­chen. Gleichwohl konnte der Kultusminister bet der ersten Lesung de« Etat» der Ansicht Ausdruck geben, daß die Freilassung der Universitätsprof efforen und der Gymnasiallehrer von dem Antimodernisteneid ein Anzeichen für den Wunsch der Kurie zu sein scheine, die Schwierigkeiten zu vermeiden, die sich gerade bei diesen Personen ergeben. Der un- mittelbar darauf veröffentlichte Brief des Pap­stes an den Kardinal Fifcher mußte den Eindruck erwecken, daß man bei der Kurie eine an­dere Auffassung halte. (Sehr richtig!) Man hat sogar gemeint, dieser Brief sei eine direkte Ant­wort auf die Rede de? Kultusministers gewesen. Man hat darin eine gewollte Brüskierung der Regierung erblicken wollen. Das ist nicht richtig. Der am 81. Dezember geschriebene Brief konnte keine Antwort auf die Aeutzerungen fein, die am 14. Januar gefallen sind. Auch die Veröffentlich­ung des Briefe» ist nach den Erklärungen, die ich von der Kurie erhalten habe, mit diesen Aeußerungen des Kultusministers nicht in Berbindung zu bringen. Das ändert aber nichts dar an, daß dieser Brief geeignet war, d i e bestehende Er­regung zu steigern, und daß er einen Teil der Annahmen, bon denen der Kultusminister auSgegangen war, als irrig erwiesen hat. (Sehr richtig!) Mit Recht hat man gefragt, welche

Stellung die Regierung

gegenüber dieser Haltung der Kurie eingenommen habe. Ich habe durch unseren Gesandten beim Vatikan den Kardinalstaatssekretär auf die Erregung aufmerk­sam gemacht, die bei uns durch den Antimadernisteneid hervorgerufen worden ist. Ich habe ihm die einzelnen Punkte bezeichnen lassen, wo Konflikte mit dem Staate eintreten könnten. Ich hab« auch der Kurie keinen Zweifel barüber gelassen, daß ihr die Verantwor­tung für Ko nflikte, die entstehen fällten, zu­fällt (Beifall), und daß, nachdem sie die Dekrete ohne Fühlungnahme mit dem Staat crlaffen hat, ihr auch allein die Aufgabe obliegt, nach Mitteln und Wegen zu suchen, wie die Folgen der Er­regung nach Möglichkeit abgeschwächt werden könnten, und wie bei der weiteren Ausführung der Dekrete Kollisionen mit dem Staate zu vermeiden sind. (Beifall.) Die Kurie hat mir darauf geantwortet, daß sie weit davon entfernt sei, Konflikte mit dem prentzischen Staate zu suchen, solche aber auch nicht voraussehe. Die Kurie hat gleichzeitig diejenigen Personen bezeichnet, die zum Aniimoder- nisieneid nicht herangezogen werden sollew Ich fürchte, daß die gewissermaßen optimistische Auffassung der Kurie zu weit geht. (Lebhaftes Sehr richtig! rechts und links.) Sollte sich die Auffassung der Kurie als richtig Herausstellen, so würde ich der erste fein, der sich darüber freuen würde. Hinsichtlich des bekann­ten Briefes des Kardinal st aatssekretärsan den Kardinal Kopp sind Meinungsverschiedenhei­ten darüber entstanden, ob der Brief eine Folge unse­rer

Borstellung bei der Kurie

gewesen sei. Der Osservatore Romano und der Sor­tiere d'Jtalia, denen beiden man Beziehungen zum Vatikan nachsagt, haben in Abrede gestellt, daß der Bries durch unser Vorgehen Herborgerufen worden sei. (Lebhaftes Hört, hort! links.) Demgegenüber stelle ich fest, daß mir von unserem Ges andten er­klärt worden ist, daß der Kardinalstaatssekretär den Brief veröffentlicht hat infolge der Vorstellungen, welche die preußische Re- gierung bei der Kurie gemacht hat. (Hört, hört! links.) Ein solch zwiespältig es Ver- fahren kann aber nicht dazu beitragen, un­sere Beziehungen zum Vatikan zu für­der w Glaubhaft scheint mir die Auffassung zu sein, daß der Brief an den Kardinal Kopp die W i r l u n- ge n abschwächen sollte, die durch den Brief an ten Kardinal Fischer hervorgerufen waren, von dem man annahm, daß er einen Druck auf die UuiversitätS- profefforen ausüben follte. Es ist nun gefordert wor­den, der Staat müsse die Maßnahmen der Kurie mit schärferen Maßnahmen beantworten, mit der Aufhebung der Fakultäten .der Aufhebung de» toeltli- chen Unterrichts der katholischen Geistlichen, mit Auf. Hebung der Gesandtschaft beim Vatikan.

Niemand will bei uns den Kulturkampf.

Hochangefehene Bischöfe betrachten es als ihre Le­bensaufgabe, auf dem so schlüpfrigen Boden de» kirch. lichen und staatlichen Grenzgebiete» einen mobil» vi­vendi zu finden. Dieser Stimmung des Volkes hat die Regierung bei ihrer Stellungnahme Rechnung getra­gen. Wir wünschen aber nicht, daß uns

von außen Steine in den Garten gewor. fen werden.

Ich kann nicht finden, baß all« Maßnahineu der Kurie diejenme Rücksicht auf die Verhält­nisse in Preußen und Deutschland ge­

nommen hätten, die unentbehrlich ist, um den Zu. stand, unter dem wir leben, zu erhalten. (Beifall.) Der Papst hat uns wiederholt versichert, daß ihm die Anfvechterhaliung des friedlichen Verhältnisses zwischen Staat und Kirche am Herzen liegt. Ich habe nicht die mindeste Ursache, an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln; aber der gute Wille des Papste» wird von anderer Seite durchkreuzt, auf deren Wir. kcn der Widerspruch der Kurie zurückzuführen ist, und mit diesem Widerspruch müssen wir rechnen. Wenn nun aber gefordert wird, die katholisch, theolo­gischen Fak ultäienaufzuheb en, so wüßte ich nicht, welche» Interesse der Staat daran haben sollte, eine Institution aufzuheben, von der nicht die geringste Gefahr für die Interessen de» Staat» zu befürchten ist, und ich sehe daher keine Veranlassung, durch diese Aufhebung die Interessen der katholischen Bevölkerung zu schädigen. (Lebh. Beifall.) Ander» verhält es sich mit dem

Unterricht an den höheren Schulen.

Ich habe Verständnis für die Auffassung mancher Kreise, daß e» bedenklich sei, den Unterricht tn Deutsch und in derGefchichte Personen zu über, tragen, die in ihrer Lehrtätigkeit durch den Eid jeden- fall» enger gebunden sind al» die anderen Lehrer, die diesen Eid nicht geleistet haben. Unzweifelhaft ist gerade diese Frage eine neue und beklagenswerte ReibungSfläche zwischen Staat und Kirche. Der Staat wird sich und völlig einig mit ihm der Kultus- minister in Zukunft gezwungen sehen, darauf Verzicht z« leisten, Geistlichen, die den Eid geleistet haben, den Unterricht im Deutsche« und in der Geschichte neu z« übertragen. (Söört! hört! und Bewegung.) Ich drücke mich mit Absicht vorsichtig aus. Niemand wird etwas daran finden, den Unterricht in Griechisch, Latein oder in der Mathematik von ihnen erteilen zu lassen. In ähnlicher Weise wird auch bei Uebertragung an b e r e r Staatsämter in Zukunft eine gewisse Zurückhal­tung zu beobachten sein. Ich greife damit in keiner Weise in die theologische Bedeutung des Modernisten- eids irgendwie ein. Aber es liegt ein staatliches In­teresse vor, nachdem einmal Gegensätze entstanden sind, die dem friedlichen Nebeneinanderleben ber bei- den Konfessionen unzuträglich sind, diesen Gegensätzen unsererseits keine neue Nahrung zuzuführen. (Hört! ritt! und lebhafter Beifall.) Diejenigen, die die A uf- ebung unserer Gesandtschaft bei der Kurie fordern, mögen bedenken, daß Fürst Bismarck, der sie seinerzeit aufgehoben hatte, selbst es war, der sie wiederherstellte. Sollte aber die Kurie sich auf die Dauer, wie sie es in der letzten Zeit getan hat, zwecks Information über preußische und deutsche Verhältnisse nicht unserer Gesandtschaft in zweckmäßiger Weise be- dienen, dann furchte ich, daß die Gegner der Ge­sandtschaft eine nicht z u unterschätzen de Stärkung erfahren muffen. (Hört, hört! links) Gegenwärtig liegt noch kein Grund vor, gegen die Wünsche unserer katholischen debölkerung die Gesandt­schaft aufzuheben. Sei Der freundlichen Gesinnung des Papstes habe ich die feste Hoffnung, daß der gegenwär­tige Zustand nur ein vorübergehender ist. Die Vorstel­lung, daß dir Regierung vor einer ernsten AuLein- ander setzung mit Rom mit Rücksicht auf die po­litische Stellung de? Zentrums zurückweiche, ist irrig. Alle Parteien werden dem Vaterlande keinen grö­ßeren Dienst erweisen können,als wenn sie es ermögli­chen, daß aus dieser Debatte klar hcrvorgcht, daß es uns allen um die Aufrechterhaltungdes Friedenszutun ist, und daß wir alle den Wunsch hegen, der pernßische Staat möge diesen Frieden wah­ren, solange es ohne Verletzung seiner wesentlichen In­teressen geschehen kann. (Lebh. Bravo!)

3t. 3illri» (31t.):

Besonders wohltuend und erfreulich ist es, daß der Minister seine besondere Aufmerksamkeit den Kultur- aufgaben zuwendet und daß cs ihm gelungen ist, eine Million sür die schulentlassene Jugend zu erlangen. Was der Adg. v. Heydebrand und der Ministerpräsident über das Verhalten der Kurie gesagt haben, in­sonderheit darüber, ob das diplomatische Vorgehen richtig gewesen ist oder nicht, hierüber mich zu äußern, verbietet mir meine Stellung gegenüber dem Oberhaupte meiner Kirche. In der Kommission ist vom Minister und heute vom Reichskanzler anerkannt wor­den, daß es nicht in der Absicht der Kurie ge- legen hat, einen politischen Konflikt hervor­zurufen und der Regierung Schwierigkeiten zu beulten. Was einzelne Zeitungen in Italien hierüber unkontrollier­bar geschrieben haben, das sollte uns hier nichts an» gehen. (Sehr wahr! im Ztr.) Gegenüber dem Anii­moder n i st e n e i d hat der Ministerpräsident eventuelle Maßnähmen in Aussicht gestellt, die doch Repressiv- und Präventivmaßregeln fehr ähnlich sind. Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, die Beforgniffe bezüglich des Eides zu zerstreuen. Der Modernis­mus in seinem Wesen und seinen Konsequenzen ncgiert die Grundlagen des katholischen Glaubenssystems, ja, Grundlagen des Christentums. Diese an die Kant'sche Philosophie sich anlehnende Bewegung ist von Frank­reich nach Italien und Deutschland gekommen. Gegen sie erließ der Papst die Enzyklika Pascendi. Als die Agitation für den Modernismus sich aber noch steigerte, hat ver Papst den sogen. Antimodernisteneid ge­fordert, der die Hauptsätze der Enzyklika Paseendi zu- sammensaßt und noch einige Maßnahmen zum Schutze der katholischen Kirche speziell in Italien voischreibt. Uns sind ja diese Maßnahmen zuerst auch etwas fremdartig vorgekommen. Aber die Gefahr nötigte zu scharfen Maßnahmen, die den Ernst der Situation kennzeichnen. Im Norden von Deutschland existieren solch modernistische Bestrebungen nicht, wohl aber bestand eine Gefahr sür den Süden, auch für den Süden Deulfchlands. Der Antimodernisteneid fordert die Berfiichtung auf gemisst dogmatische Lehren, die der Modernismus angegtiffen hat und zweitens die Zustimmung zu gewissen diszipli­nären Maßnahmen. In seinem ersten Teil enthält er absolut nicht s Neues; das möchte ich mit aller Schärfe hervorheben. Den dogmatischen Lehren schuldet der Schivörende unbedingt innere Zustimmung, den disziplinären Maßnahmen leistet er G ehor- fam in Wort und Tat, weil sie von der kompelenten kirchlichen Auiorität ausgehen, ohne damit ihre Vollkommenheit, Unabänderlichkeit, ja auch nur ihre Zweckmäßigkeit anzuerkenne». Bei der Doppelstellung mancher Geistlicher, die au* zugleich Staatsbeamte sind, ist allerdings d: • Möglichkeit gewisser Konflikt» gegeben; des­halb hat aber der hl. Vater die Geistlichen, die ledig­lich Staatsbeamte sind, von der Verpflichtung des Eides entbunden, und das beweist, daß die Kurie einen Kcnflilt mit der Regierung nicht Hervorrufen wollte. (Zustimmung i. Ztr.) Auch bezüglich der später anzu- stellenden Professoren bestehen kein» Schwirrig- leiten, da ja der Eid nichts enthält, wa? nicht bis­her schon alle Katholiken gelehrt und fest, gehalten haben. Auch haben die Professoren in

Abrede gestellt, daß bet Eid sie in ihrer freien Forschung beeinträchtige. Es find Männer von anerkannter wissen- schasUicher Tüchttgteit, die dies öffenlUch feflgeneUl Haden. In der Kommission hat der Minister erliärt, daß sogar ein evangelischer Proseffor der Rrchiung Harnack den Eid nur so beurteilt hat. Vielleicht inter­pretiert der Minister seine Worte, dab die Forderung des ModernisteneideS das Ansehen der katholisch« theologischen Fatultäien krrabietzen müsse. Die preußischen Universitäten sind aufaebaut auf dem Grunvfatz aus dem Ausgang deS 18. Jahrhunderts, wo ausdrücklich von der katholischen Wiffenschast ge- sprachen wurde a!8 Ausgabe der Universitäten. Jeder wlssenlchastliche Satz hat seine Borausietzungen. Eine absolute Bo rau Ssetz ungS lost gleit gibt es bei der Wissenschaft nicht, auch der forschend» Theologe, ob Katholil oder Protestant, ist an gewiss, Voraussetzungen gebunden, nämlich an die feststehen­den und lehramtlich definierten Offenbarung-wadrheuen, sosern er noch auf dem Boden des pofitiven ChriNentum- steht. In der Kommission hab« ich fchon eine Reihe von Verpflichtungen baigetegt, welch« dir evangelischen Pro­fessoren an unseren preußischen Universitäten bei An­tritt ihres Amte- beschwören müssen. Das sind ähn­lich« Bmvungen, wie st« sür die katholischen Theologen besteht. Nun kann man einwenden, daß die Verpflich­tung auf die Bekerminisschriiten in der evangelische» Kirch« einen andern Emn hat, als in der katholischen. Aber es besteht doch aus jrden Fall die Bindung durch ben offenbar vorliegenden Inhalt der Heiligen Schrist. Man hat nun gesagt, es werde durch den Eid nicht nur auf bestimmte Lehren, sondern auf bestimmte Methoden verpflichtet und die Anwendung der historisch kritischen Methode auf die Heilige Schrift und aus die Werke der Väter einfach ausgeschlossen. So liegt die Sache denn doch nicht. Die Anwendung der kritisch- historischen Methode bei der wissenschaftlichen Behand­lung der Heiligen Schrift und der patristischen Literatur wird den Forschern nicht verwehrt, aber es wird ihnen verwehrt, triefe Methode einzig und allein und ohne alle jegliche Rückficht auf den dogmati­schen Inhalt dieser Schristen zu verwerten. Und ebenso verhält es stch mit der patristischen Sittera» tut: «er von ihr eine gerechte und tiefersassend, Würdigung geben will, bei darf nicht den Auffassungen und Bestrebungen der Bäter verständnislos gegenüber» stehen, sondern muß st« zur Grundlage, zur Vorau-, setzung seiner Forschung machen. Wir wissen ja alle, wie schwer es bei der wissenschaftlichen Forschung ist, sich in den Geist einer Zeit und «ineS SchriststellerS hineinzudenkcn. Das haben die katholischen Forscher Döllinger, Janssen und Deniste erwiesen; st« alle be­handel» dieselbe Zett, aber «S ist ihnen bei weitem nicht in gleichem Maße gelungen, stch in die Ideen» gänge jener Zeit hineinzuleden. Um auch ein Beispiel von der anderen Seite zu nehmen, so gehört doch Harnack zu denjenigen Theologen, welche sich besonder- bemüht haben, dem Katholizismus gerecht zu werden. Er hat eS darin auch ziemlich weit gebracht. Und doch stößt man bei der Lektüre feiner Schriften oft auf Aus­führungen und Urteile über katholische Dinge, bei denen man fegen muß: So liegt es doch nicht, fo glauben wir garnicht. so denken und empfinden wir Katholiken ja gar nicht! Wer die Biographie eines TonkünftlerS schreiben will, darf nicht ohne Verständnis für Mustl sein, und ähnlich ist «3 auf allen Gebieten. (Sehr richtig! im Zentrum.) Wenn dem aber fo ist, ist e8 dann so bodenlos unvernünftig und unwissenschaftlich, zu verlangen, man solle die hl. Schrift nicht ohne jeg­liche Rücksichtnahme daraus behandeln, daß sie das Wort Gottes enthält, man solle auch die patristische Literatur nicht ohne jegliche Berücksichtigung der Tatsache» wissenschaftlich behandeln, daß die Väter die Träger und Zeugen der katholischen Ueberltefetung sind? Nein, die wiffenschaftliche Forschungsmethode wird mit keinem Worte verboten. Nur das Prinzip wird verworsen, daß die theologischen Forscher ihre Gesetze allein, ohne jegliche Rücksicht auf die theologischen Talsachen und Autoritäten befolgen sollen. Gegen­über den Aassührnngen des Ministeipräsidemen muß ich doch feststellen, daß der Antimodernisten« eid nichts zu tun hat mit der profanen Ge­schichte oder der deutschen Literatur; diese Wissenschaften kann der Geistliche, der den Eid geleistet hat, in der ihnen eigenen Methode behandeln. Was insbesondere die Ge­schichte anbetrifft, so will ich hier an ein Wort Leo XIIL in der Enzyklika über die Geschichtswissen­schaft aus dem Jahre 1883 erinnern. Hier erklärte der Papst es als die oberste Pflicht der Geschichtsforschung, daß fie nie falsches lehren soll, sich nicht scheuen darf, das Wahre zu sagen. Und vor Leo XIIL dekretiert« das Vatikanische Konzil: „Die Kirche erhebt keineswegs Einspruch dagegen, daß die weltlichen Wiffenfcha(ten jede auf ihrem Gebiete ihre eigenen Grundsätze und ihre eigene Methode befolgen; sie er­kennt vielmehr diese berechtigte Frecheit an.“ Auch die Bischöfe waren bei den Verhandlungen über diesen Passus einig, daß die Wissenschaft ihre eigene Regel und ihre eigene Methode hat, nach welcher sie in ihrem Bereiche unbehindert und frei forscht. Sie ist, geben Sie acht, meine Herren, nicht verpflichtet, von außen, also auch nicht von der Offenbarung und berÄirdje etwas aufzunehmen, wozu sie nicht durch Befol­gung ihrer eigenen Regeln gelangt wäre« (Hört, hört! im Zentrum) noch gehalten, nach fremder Vorschrift ihre Forfchungen vorzunehmen. -So hat Leo XIIL geschrieben, und so hat das Vatikanische Konzil gesprochen. Glauben Sie, meine Herren, daß Pius X, derselbe Pms X., der überall in den ©pmen seines Vorgängers zu wandeln pflegt, sich in diesem Punlte so weit von ihm entfernt hat? Rein, das ist nicht der Fall. Es ist also gar nicht zu befurchten, daß ein katholischer Geistlicher, wenn er Unteiridjt in der Geschickte oder gar in der deutschen Literatur er­teilt, alle Gesche der diesen Fächern eigenen äLetyobe verleugnen werde. Wenn et das täte, dann wurde er sich in ellfttantem Widerspruch stellen zu den Anordnungen Leos XIIL und des VaUtanpchen Konzils. (Sehr richtig! 'm Zentium.» Nun aber möchte ich auch auf die Kehrfe.te hinwcifen. Bor einigen Jahren habe ich hier eine Blutenlese aus ben auf unseren höheren Schulen eingefnhrten Ge- jchichtsbüchern gegeb.n und daraus hmgewiesen, was da die Katholiken und was die katho­lischen Schüler sich alles sagen lassen müssen. (Sehr richtig! im Zentrum) Meine Herren, von uns haben Sie nichts zu fürchten, wir pflegen in all diesen konfessionellen Fragen mit der größten Zartheit die Andersdenkenden zu behandeln, aber ich heb« es nochmals hervor, was in all diesen Büchern fteh^ und auch noch in neueren Büchern, — vielleicht wird daS ja auch bei der weiteren Verhandlung zur Sprack« komme» müssen — daS ist es, das ist es, w a 8