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LatationsdruLund Verlag der Fuldaer LI- tlendruckerei in §»ILa Fernsprecher Nr. 9.

53. Erstes Blatt.

Fulda, Montag den 6. März 1911.

beim

seine

Preußischer LauStag

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 4. März 191L

größeren Fang gleich 71/« Millionen Mark auf einmal. Die Deutsche Bank hat die Kalizeche Amelie bei Mülheim (Thüringen) gekauft, und zwar für 29 Millionen Mark, nachdem fle im vergangenen Jahre zu 4 Millionen Mark gekauft worden ist. — Wie mancher möchte das Ver. gnügen, derartig hohe Steuern bezahlen zu kön­nen, mit den Herren teilen!

X Der Privatbeamten-Berficherung wurden in e.nem norddeutschen Blatte allerlei unangenehme Aussichten eröffnet. Die Regierung lege wegen der Une nigkeit unter den Privatbeamten keinen Wert auf die baldige Verabschiedung der Sache. — Die Uneinigkeit ist lediglich auf die Quer­treibereien der Linksliberalen zurückzusühren, die die Sache zunächst bekämpft hatten und dann glaubten, durch Quertreibereien unter den Privat­beamten das verlorene Ansehen wiedererlangeu zu können. Die Regierung hat aber oft aner­kannt, daß sie diese Quertreibereien in ihrer Be- deutung kennt und zu würdigen weiß; daraus darf man wohl den Schluß ziehen, daß sie nicht gesonnen ist, diesen frei finnigen Quertreibereien einen Einfluß auf das Schicksal der Privatbeam- len emzmäumen.

)( Handrlstag und Hansabund. Dir Rede des preußischen Handelsministers Dr. S y d o w, die ein Einschreiten gegen solche Handelskammern, die au8 ihren zumteil von Gegnern des Hansabundes stammen­den Geldern diese politische Hetzorganisaiton unter­stützen, ablehnte, hat den Herren neuen Mut gemacht: Das Präsidium des deutschen Handelstages und daS Direktorium des Hansabundes haben ein Mkommen über die Abgrenzung dec Arbeitsgebiete des Handels­tages und des Hansabundes sowie über die gemeinsame Dearbeitung großer wirtschaftlicher und wirtschaftspo­litischer Fragen abgeschlossen. — Hoffentlich nehmen Leute, die in Handelskammern sitzen, gegen dieses Vor­gehen entschieden Stellung. Das klingt ja, als ob diese private Kampforganisation sich gesetzlichen Organisa­tionen einfach gleichstellen dürfte.

* Bon der Bildung eines auf Entschuldung des Offizierskorps gerichteten Zweckvereins wußte dieser Tage eine Berliner Korrespondenz zu be­richten, deren Mitteilungkn auch wir übernommen hatten. In zuständiger Stelle wird dem „Tag" mitgeteilt, diese Nachricht sei völlig aus der Lust gegriffen.

* Zu Zugführern sollen dem Vernehmen der „Franks. Ztg." nach im Bereiche der preußisch-hessischen Staatsbahnen nur noch Militäranwärter be­fördert werden. Die geprüften Zivilanwärter dagegen sollen Zugführer zweiter Klasse oder Oberschaffner werden und minder wichtige Züge fahren.

Die sozialdemattalffchr Stichwahlhilse in Zmmen- jhbt ist dem nalionattiberalen Kandidaten bekannt­lich nunmehr sormctt zugesichert worden. Der uaiioualliberale Kandidat hatte vorher die schriftliche Zusicherung gegeben,

„das; er gegen jede Verschlechterung des Reichs- tagswahlrechis, gegen jeden Angriff auf die Koalitions- sreiheik, gegen jedes Ausnahmegesetz und gegen die Giuschräuknng der Selbstverwaliuug bei der Sozial­gesetzgebung sich mannhaft zur Wehr setzen wird."

Herr Tr. Thoma, der also demrächst in die nationatliberale Frattion eintreten wird, hat gar kei-, Bedenken getragen, die von der Sozialdemokraiie geforderte Erklärung abzugeben. Auch die national» liberale Presse hat soweit wir sehen fein Bedenken dagegen gellend gemacht. Solche Bedenken kommen der naliönaüiberalen Presse nämlich immer nur daun, lurnu Kandidaten anderer Parteien sich so etwas zu Schulden kommen lassen. WaS die Sozialdemokraten unter „Einschränkung der Selbst­verwaltung bei der Sozialgesetzgebung' verstehen, ist nichts anders als die Beseitigung des partei­politischen sozialdemokratischen Mißbrauchs bei der Besetzung der Aemter in der Krankenkassen« verwaltung. In dieser Beziehung hat die Kommission des Reichstags bekanntlich vor einigen Tagen einen Kompromißantrag angenommen, der auch von den nationaUiberaten Mitgliedern der Kommission unterstützt und zur Annahme gebracht worden ist. Und nun hat der nationalliberale Abg. Thoma sich schriftlich verpflichtet, gegen seine eigenen Parteigenossen in dieser Beziehung sich „mannhaft zur Wehr zu setzen"! Wie er das wohl machen wird?

— Meiningen, 3. März 1911. Im Land­tag wurde heute das Gesetz betr. die Aenderung der Besold ungs- und Ruhegehaltsverhältniffe für Volksschullehrer und Lehrerinnen ein- stimmig angenommen. Nach den neuen Bestim- mungen erhalten die Lehrer als Grundgehalt 1250 Mk., die Alterszulagen betragen insgesamt 1750 Mk., und zwar in einer Stufe zu 150 Mark und in 8 Stufen zu je 200 Mark; die Lehrerinnen erhalten 1000 Mark Grundgehalt und Alterszulagen in 9 Stufen zu je 130 Mk. Das Gesetz tritt mit dem 1. Januar 1911 in Kraft.

♦ Stuttgart, 4. März 1911. Der König von Württemberg ist von seinem Erholungsaufenthalt auf Kap Saint Martin heute nachmittag hier wieder eingetroffen.

cf München, 5. März 1911. Der Prtnzregent lichen Grafenstand erhoben. Femer verlieh der Re- von Bayern hat anläßlich seine» bevorstehenden 90. GchurtttagSfeste» den Staatsminister von P o d e - wtl» und den Kriegsminister von H o r n in den erb- aent dem langjährigen Akademiedirektor v. Kaul­bach das Prädckat Erzellen- und dem Stiftsprobst v. Türk da« Großkreuz des St. Mchael-Verdienst- orden». Weiter hat der Prinzregent mit einem Kapi­tal von 100 000 Mack eine Stiftung für Pensionen an tüchtige, bedürftige Künstler errichtet. Um die Hoch- Herzigkeit diese» Entschlusses zu ermessen, darf man nicht übersehen, daß der Prinzregent wegen seiner ge-

Je? Die Leicheuverbrennungsvorlage.

„Jetzt kann man außerhalb des Schaltens der Kirche leben und st er beul' So jubelten die „Aufgeklärten' vor einem Menschenalter während des K: lturkampfes. Inzwischen haben sie noch eine titele Forderung ausgepellt: sie wollen auch außer­halb des Schattens der Kirche bestattet werden. Und dazu will ihnen c as preußische Staatsministerium Belhmann - Bcseler - Schorlemer - S ydow - Trott ver- helsrn durch die Leichenverbrennungsvor- iage, die dieser Tage dem Abgeordnetenhause zugegangen ist.

Kann man sich denn nicht jetzt schon ohne jede kirch iche Beteiligung und ohne alle religiösen Zere­monien begraben lassen? Freilich; aber man wird bann eben begraben wie alle gewöhnlichen Ehri'ienmenschen. Ans einem Friedhof, der den ominösen Namen .Kirchhoj' trägt, — inmitten von xreujen und sonstigen religiösen Abzeichen, — in Gemäßheit der alten christlichen Sitte, das kann dem Ehrgeiz eines verstorbenen Freigeistes nicht S'gen. Er muß etwas Apartes haben, bamit seine e noch die Erhabenheit übet die „rückständige Menge' eindrucksvoll bekunde. Wenn die Ver- brennuug mehr Geld kostet, so schadet da» nicht; im Gegenteil, das macht die Sache noch „feinet"; man zeigt sich nicht bloß aufgeklärt, sondern auch zahlungsfähig.

Habe» wir denn nicht im außerpreußischen Deutschland schon genug Leichenbratöfen? Im Zeitalter des Verkehrs macht ja bet Bahntransport leine Schsvienkkeit. Will man durchaus weniger

Die zweite Beratung des Bauetats wird Kapitel „Miuistergehalt' fortgesetzt.

Abg. Frhr. v. Maltzahn (kons.) betont, daß . freunde die Schiffahrt-abgaben zur Berbefferung der Wasserstraßen verwendet wissen wollen.

Abg. Dr. Faßbender (Ztr.) bringt Beschwerden über Mißstände bei 'Vergebung staatlicher Arbeiten an Privatunternehmer vor.

Ministerialdirektor v. Toemunng erwidert, daß Neubauten in der Regel an Privatunternehmer ver- jeben werden; doch seien für gewisse Berhältmsse Aus­nahmen geboten.

Abg. Röchling (natl.) wünscht Unterstützung beS »uftschifsahrtswejens. . _ ,

Abg. v. Woyna (sreikonf.) befürwortet eme Kanal- Verbindung Hannover-Hamburg. _ ,

Minister v. Breitenbach erwidert, daß über dte staatliche Unterstützung des Lustschiffahrtswesen Er- zvägunge» schwebten.

Abg. Hirsch (Soz.) beschwert sich darüber, daß es bei der Bauverwaltung schwatze Listen gäbe.

Minister v. Breitenbach bestreitet die Gxistenz solcher Liften. Selbstverständlich dulde die Bauverwaltung Leine Sozialdemokraten in ihrem Betriebe.

Abg. Stroffer (kons.) wendet sich gegen die Auto­mobilwettfahrten auf öffentlichen Straßen.

Abg. Dr. Bell (Ztr.) wünscht, daß man bei der Bebauung des Tempelhoser Feldes auch für die unteren Bolksllassen Wohnungen mit genügend Lust und Licht schaffe.

Abg. Dr. Schröder (natl.) schließt sich dem Abg.

Stroffer an. „ t , ,, v . ..

Minister v. Breitenbach weist darauf hin, daß die Zahl der Automo bilUnfälle sich vermindert habe unb hält die Wettfahrten im Interesse der Industrie für notwendig.

Abg. Freiherr Wolff-Metternich (Zentrum) will zugeben, daß es in den Städten mit den Autos Vesser geworden sei, aber auf dem Lande beständen die alten Mißstände noch fort. Vielfach komme es, fo am Rhein, vor, daß die Autos in die Prozessionen hinein- sühren. Eine Beschwerde bei dem Staatsanwalt sei vergeblich gewesen, da demselben keine gesetzlichen Mittel zur Seite ständen. Auch eine Reklamation beim Minister habe keinen Erfolg gehabt. Gegen solche Taktlosigkeiten von seilen der Autofahrer müsse es doch einen Schutz geben.

Abg. v. Bü!o« (tut.; bedauert, daß auch in der Nähr von Berlin die geschlossene Bauweise gestattet tst.

Ein Regierungstommiffar antwortete dem Frhr. Wolff-Mttlermch, daß am 1. April v. I. eine Bundes­ratsverordnung in Kraft getreten fei, wonach den Be­hörden ein Mittel in die Hand gegeben sei gegen solche Taktlosigkeiten, wie sie gegenüber den Prozessionen vor- gekommen seien.

In der Spezialdebatte bittet

Abg. Klocke (Ztr.), die außeretatsmäßigen Be­amten der Bauverwaltung einigermaßen sicher- zustrllen, bezw. sie bei mangelnder Brlchafligung in andere Bcrwaltungen überzusühren. Bezüglich der Reisekosten müßten die Hilssbeamlen mit den ent­sprechenden Beamten der anderen Verwaltungen gleich­gestellt werden.

Unterpaatssekrelär v. Coels erwidert, daß die Hilss- beamten nicht elatsmäßig angestellt werden könnten. Bei Entlassungen gehe man vorsichtig vor und juche die Betreffenden besonders in der Eisenbahnverwaltung unterzubringen. Betreffend Auchedung des Pauschal- systcms bei Reisekosten schwebten Erwägungen.

A g. Tourneau (Ztr.) tritt für die Schiffbar- machüng der Werra ein. Schon in früheren Jahre,, hat der Minister gejagt, daß er dieser Frage ein großes Jniereff« entgegenbringe, die Frage aber wesentlich von der Stellungnahme der Provinz Sachsen abhängig gemacht. Ich habe daraujhin dem Ober« Präsidenten von Sachjea einen Bericht emgesandt, in dem die Verteile der Werra-Regulierung bargelegt find. Leider ist die Angelegiiiheit seit Jahrzehnten sehr stiefmütterlich behandelt worden und auch die große Kanalvorlage enthielt davon nichts. Der Mmi-Ier möge doch auch berücksichtigen, daß durch die Kanali- iierung der Werra ein neues Bindeglied zwischen Bayern und Preußen geschaffen wird.

Avg. Dr. Wrndtlanbt (mlb.) stimmt dem Vorredner bei. T re Interessenten Haden schon 10000 Mark für Vorarbeiten aufgebracht. Es ist aber einZufchuß von SO 000 Mark ei forderlich, den die Regierung bewilligen sollte. Der Kanal würde die Puls- und Schlagader der ganzen Gegend werden.

Em Regierungskommissar entgegnet, daß die Vorarbeiten bereits abgeschloffen feien.

Im roeiitteii wird ein Antrag angenommen, gestellt vom Abg. Brütt (tonf.), welcher die Regie­rung erfucht, Verjnche anstellen zu lassen zur Prüfung veich.r Bedachnngsarten.

Montag: Bauetat und ginanzverwaltung.

Deutsches Reich.

5 Berlin, 5. März 1911. Der deutsche Kron­prinz ist an Bord der .Arabia" in Suez ein« getroffen.

•* Der Kaiser in Wilhelmshaven. Wie alljährlich, reiste der Kaiser auch Heuer Sonntag vormittag zur Vereidigung der Marinerekruten nach Wilhelmshaven. In Oldenburg hatte der Kaiser am Vormittag einen Aufenthalt von etwa zwei Stunden. Er wurde vom Großherzog und dem Erbgroßherzog empfangen und begab sich mit ihnen nach dem Palais zum Früh­stück. Sodann setzte er die Reise nach Wilhelms­haven fort, wo er mit dem Prinzen Heinrich im Au- tomobll durch die beflaggten Straßen zum Exerzier­haus der Matrosendivision fuhr. Dort fand um 11% Uhr die Vereidigung der 1200 Matrosen statt. Son« sistorialrat Schorn unb der katholische Marmepsarrer Erdmann hielten Ansprachen. Anschließend hieran hielt der Kaiser eine kurze Rede, in der er auf die Heilig- halttmg des Eide» hinwieS. Rach der Feier nalM der Kaiser militärische Meldungen entgegen und fuhr mit dem Prinzen Heinrich nach dem Kasino, wo Frühstück stattfand. Damrch fuhr der Kaiser im Automobil na- dem Hafen, wo er sich an Bord drS Linienschiffes „Deutschland' begab. Er wird einen Abstecher nach Helgoland zur Besichtigung der Marlneb«- feftigungen machen. Darauf erfolgt die Abreise nach Korfu.

)( Zum Etat der ReichsamteS deS Innern, des Etats für Sozialpolitik, hat da» Zentrum auch in diesem Jahre einige Resolutionen eingebracht. So verlangt ei eine Zentralstelle zur Förderung der Tarifverträge zwischen Arbeitgebern und Arbeitern, ferner die Einführung bet ärztlichen An­meldung der gewerblichen Bleierkrankung, end­lich Bundesratsverordnungen zum Schutze der Arbeiter in Zelluloid-Fabriken, besonders gegen Brandgefahr.

X Ein angenehmer Fang. Die Wert zu« wachisteuer dringt dem FiSkuS als ersten

bemittelte Personen cm der neuen Mode teilnehmen affen, so können ja die wohlhabenden Logenbrüder und sonstigen Pioniere der .Aufklärung' außer dem Munde auch den Beutel austun. Von einem Notstand« oder auch nur einem .tiefgefühlten Be­dürfnisse' weiterer Volkskreise kann gar keine Rede sein. Ei ist ein anlichristlicher Sport einer Minderheit, di« nicht an Bescheidenheit leidet. Warum die preußische Staatsregierung zu Ehren dieser Gesellschaft noch mitten in der Tagung die gesetzgebenden Körperschaften mit einem Entwurf für Leichenverbrennung belasten muß, ist aus sach­lichen Gründen wirklich nicht zu erklären.

Frhr. v. Zedlitz-Neukirch hat uns denn auch in der,Postt nntgeteilt, daß hier die parteipoli­tische Taktik maßgebend sei. Dir Regierung will ihre Unabhängigkeit vom .schwarz blauen Block" bekunden, dem Liberalismus ein Entgegen­kommen bezeugen. Wenn das richtig ist, so ergibt sich als einfache Konsequenz, daß Zentrum und Konservative gegen den Entwurf stim­men und die Regierung ihn mit Hilfe der libe­ralen Parteien und der Sozialdemokratie in beiden Häusern des Landtags durchbringen muß.

Es handelt sich frcllich um etwas mehr, als um die sozialpolitischen ober wirtschaftlichen oder staatsrechtlichen Interessen der konservativen oder der Zentrumspartei. Der Vorstoß richtet sich gegen eine alte christliche Sitte, die dem gläubigen Volke beider Bekenntnisse heilig ist. Wenn es zum Klappen kommt, so wird auf der einen Seite der christliche Block, auf der anderen Seile der freigeistige Block stehen. Und die Staals- regierung bei dem letzteren!

Die Regierung will sich natürlich als die un­parteiische Hüterin der Toleranz und Gewissensfrei­heit hinstellen. Aber die Begründung ihrer Vorlage ist eine tendenziöse Partei)chrift Mit all den schweren Bedenken gegen die weitere Ausdehnung der Leichenverbrennung — den religiösen Bedenken, den elhisch-ästhetischen Bedenken, den wirtschaftlich- sozialen Bedenken, und sogar mit den polizeilich- kriminalistischen Bedenken,— findet man sich ab mit einer Leichtherzigkeit, die nur nad>_ dem Wunsch nach liberalem Wohlgefallen zu erklären ist. Es wird eine wahre Revolution im christlich- deutschen Bestatlungswesen angebahnt mit einem wunderbar leichten Herzen.

.Sammlungspolitit' heißt sonst die Parole der gegenwärtige» Regierung. Hier wird eine ver­hängnisvolle Scheibungspolitik betrieben auf einem Gebiete, wo bisher vie Gleichheit und Brüder­lichleit noch die Regel biloete. Alle Leichen wurden bisher gleichmäßig dem Schooße der Erde über- roiejen; die Friedhöfe waren Parks des Friedens. Einzeln« gelegentliche Rcibereien wegen des be­sonderen Charakters einzelner Friedhöfe ober die Abstufung des Pomps bei Leichcnbegängniss.n be­einträchtigten nicht den versöhnlichen, beruhigenden Eindruck der wesentlichen Gleichmäßigkeit der Erd­bestattung unb ber Tolenruhe für die Angehörigen aller Stäube, Bekenntniffe und Parteien. Diese aus- gleichende Eintracht soll nun gesprengt werden. Fortan sollen zwei Klassen von sterblichen Ueber- reften nicht bloß nebeneinander, sondern auch gegen einander ftehru. Am Gedenktag der Toten geht ber eine Teil der Hinterbliebenen in die kalte Ansammlung von Aschenurnen, der andere Teil wandert zwischen den grünbewachsenen Gräbern unter Kreuzen unb Bäumen, die neues Leben ver­künden. Und nach allen bisherigen Anzeichen werden die Verehrer der gewalttätigen Leichenzerstorung sich erhaben fühlen unb gebärden gegenüber der .rück­ständigen' Klasse, die ihre Hand nicht gegen die teure Leiche zu erheben wagt, sondern der Erde wiebergibt, was irdisch war, zur Verfügung des Schöpfers.

Wer so tiefgreifende Umwälzungen mit leichter Hand einleitet, muß wohl noch von einem alten Versprechen aus der leichtsinnigen Block­zeit beeinflußt sein.

38. Jahrgang.

feunben Lebensanschcmungen von dem in München haufenweise vertretenen Abschaum der Kunst immer wieder mit Kot beworfen worden ist.

* München, 4. März 1911. Zum Tode des bayerischen ZentrumssührersDr. v. Datier gingen bei seinen Angehörigen unter ber Fülle von Bei- leibsbezeugungen auch solche des Prinzen Ludwig, des Ministerpräsidenten v. PodewilS und sämtlicher bayerischer Minister, des päpstlichen Nuntius sowie der Zentrumsfraktion des preußischen Landtage» und ber liberalen Landtagsfraktion der bayerischen Abgeordnetenkammer ein. Die Nachrufe ber baye­rischen Presse sind ausnahmslos, ohne Unterschied der Parteirichtungen, in dem allerwärmsten Ton« gehalten.

Das End« des AufftandeS auf Ponape.

Mft schweren Opfern ist nun die Straf-Expedition ber deutschen Streitkräfte auf Ponape zu Ende ge­führt worden: Der älteste Offizier der auf Ponape versammelten deutschen Streitkräfte, Fregattenkapitän Vollerthun, meldet aus Guan:

Die Operationen gegen die Aufrührer auf Ponape wurden am 22. Februar beendet. Der ganze Stamm der Dschokatschleute ist gefangen. 15 Mörber, der di, an dem Blutbad« vom 18. Oktober beteiligt waren, wurden standrechtlich erfchossen. Die übrigen Aufständischen, zusammen 426 Mann, wurden nach Uap verbannt unb werben dorthin von der .Titania' überführt. Fast alle im Besitze der Eingeborenen be­findlichen G wehre sind ab geliefert Die schnelle gründ­liche Erledigung machte nachhaltigen Eindruck. Die Eingeborenen, bei denen starke Frieden»« Neigung vorherrscht, empfinden die verhängten Strafen als gerecht. Alle Verwundeten befinden sich auf der .Emden' zur Ueberführung nach Tsingtau. Ihr Befinden tst gut Sie befinden sich in Genesung unb werden völlig wiederhergestellt, mit Ausnahme des Matrosen Meyer, dessen linkes Bein amputiert werbe» mußten.

Ausland.

♦♦ Der englische Staatssekretär für Zndustrie Earl of Crewe ist plötzlich schwer erkrankt; seine Ver­tretung im Oberhause übernimmt Lord Morley

♦* Tas Bandenunwesen in Albanien gewinnt an Ausdehnung. Die Behörden sind gezwungen, schär­fere Maßregeln zu ergreifen. Zwischen Deberqir und Retsch wurde eint kleine türkische Militärab« teilung durch Amanten in einen Hinterhalt gelockt unb dort mit Schnellfeuer überschüttet Drei Sol­daten sind gefallen, zwei verwundet, die übrigen in die Flucht gejagt. Bei Jenikoej im Bezirke Langaza überfiel eine Amautenband« ein türkisches Gehöft, ermordete den Besitzer und bi« Dienstleute und ent­führte 150 Stück Vieh.

*♦ Zum Svjthrigen Jubiläum ber russischen Bauernbefreiung hat Zar Nikolaus an den Minister» Präsidenten Stolypin ein Schreiben gerichtet, in dem er darauf hinweist, daß er sich da» Ziel gesetzt habe, das Werk seine» Großvaters auszubauen und aus dem russischen Bauer nicht nur einen freien, son­dern auch einen wirtschaftlich starken Grundbesitzer zu machen, waS durch Erleichte- rung des Austritts aus der Bauemgemeinde und durch die Hebung der landwirtfchafllichen Kultur er­reicht werden solle. Die Füntzigjahrfeier wurde am Samstag durch einen Festgottesdienst eingeleitet, dem der Kaiser, dir Kaiserin und der Hof beiwohnten. Massenhaft waren die Kränze, darunter viele silbeme, die in der Sühnekirche an der Stelle niedergelegt wur­den, wo Alexander II. ermordet worden ist, deSglei- chm an der Begräbnisstätte deS ZarbefteierS auf der Peter Pauls-Festung.

* Russisch chinesisch« Zusammenstoß in b« Mand­schurei. Auf der Bahnstation Jrektei überfiele« chinesische Soldaten eme Anzahl Chinesen, welche für eine russische HolzkonzeffionSgesellschast ar- beiteten. Die Soldaten verjagten die Arbeft« und beschädigten die Schienen ein« Zweigbahn. Der .Rowoje Wremja' wird au» Eharbin telegraphiert, daß der Ueberfatt mit geheimen Instruktionen au» Peking zusammenhänge. Von ber Zentralregierung sei die Vorschrift ergangen, den Russen in nichts nach­zugeben. Das Blatt betrachtet den Angriff als eine grobe Herausforderung feiten« China» und berichtet, es feien zuverlässige Anhaltspunkte da­für vorhanden, daß China die Äertteibung ber Aus­land« ans der Mandschurei eifrig vorbereitet. — Ein in Petersburg eingettoffcneS Telegramm aus Wladi­wostok meldet, daß sich in China ein neuer Boxerausstanb vorbereite. Die europä­ischen Zeitungen in Ostasien fordern die Regierungen auf, rechtzeitig für den Schutz ihrer Landeskind« zu sorgen und Truppen nach den bedrohten Gebieten zu entfenben. Im äußersten Südwesten Chinas herrscht eine stacke Erregung über die britische Okkupation an d« Grenze von Birma, die im April stattfinden soll. Die Chinesen behaupten, daß dieses Gebiet seit Gene­rationen China gehört habe.

r Der persische Regent Rasr ul Mulk hat sich nach längerem Sträuben am Samstag dazu ver­stauben, in öffentlich« Parlamentsfitzung den Eid aus die Verfassung zu leisten. Ter Akt voll­zog sich schlicht, ohne jede Feier.

totales.

Fulda, den 6 März 1911.

(») Hauptmann v. Harnier, Adjutant der 49. Jnf.-Brig. (1. Großherzogi. Hess.), der aus dem letzten Manöver noch in Fulda wohlbekannt ist, ist als Komp.-Chef in das Kurheff. Jägerbataillon Nr. 11 nach Marburg verseht worden.

* Zensur kinematographischer Aufführungen. Das Amtsblatt der Rdnigl. Regierung zu Kassel Nr. 9 veröffentlicht eine Polizeiverordnung, wo­nach in Zukunft zur öffentlichen kinematogra­phischen Vorführung nur solche Bilder ge­langen dürfen, deren Darbietung von der Orts­polizeibehörde vorher genehmigt worden ist. Auf