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Samstag den 4. Marz Miss Jaaraaaa.
Leitung «
• fuldaer
2. Blatt.
Druck und Verlag der gulbatr Actieudnicke.n in Sulfta
Wochen-Rundschau.
[:] ftulöa, 3. Mär, 1911.
Das äußere Bild der Politik verändert sich wenig. Der Kamps bleibt das Zeichen und zwar der erbitterte erregte Kampf der Linken, des Vollblocks der Linken gegen alles, was an Autorität und bestehender Ord- nung festhält und für dos Wohlergehen des großen Ganzen eintritt. Die Erbitterung der Lotten daruder, daß sie immer mehr ins Hintertreffen gerat, hat sich seit den Reichstagswahlen in Lyck Oletzko und Labrau- Wehlan mit der Hoffnung vereinigt, daß man mit Hilfe der Millionen des Hansabundes schließlich doch wohl ein Stück vorwärts zu kommen vermöchte. Diese Hoffnungsseligkeit beherrscht die Leute so sehr, daß sie den Blick für die unrüttelbaren Tatsachen des Lebens ganz und gar verloren haben. In 2 in bau- Immen st adt, dem oberschwäbischen Wahlkreise, glaubte man bei der Reichstagsersatzwahl auch einen schweren Schlag gegen das Zentmm führen zu können. Die Geldmittel des Hansabundes wurden flüssig gemacht und dann schickte man eine Unmenge wortsiche- cer und wenn nötig, prügelgewaltiger Agitatoren in den Wahlkreis, der nunmehr eine Hetze über sich ergehen laffen mußte, wie er ihn mich nach dem Zeugnisse eines großen norddeutschen liberalen Blattes noch Aie gesehen hat. Das Ergebnis war für das Zentrum erheblich besser als es vorher angenommen worden war. Der neue Kandidat des Zentrums bekam fast ebenso viele Stimmen wie sein Vorgänger, eine in seinen Kreisen überaus beliebte Persönlichkeit; und er bekam ganze 800 Stimmen mehr, als das Zentrum bei der vorletzten regulären Wahl erreicht hatte. Der nationalliberale Kandidat, von dem man eine Eroberung des Wahlkreises erwartete, erlitt ebenso wie der Zentrumskandidat eine kleine Einbuße gegenüber der letzten Wahl und erzielte nicht einmal soviel Stimmen, wie der nationalliberale Kandidat schon vor 40 Jahren gehabt hatte. Wenn die Liberalen unter solchen Umständen mit Hilfe der sozialdemokratischen Stimmen das Mandat erobern werden, dann dürfen sie sich darüber nicht viel freuen. Die Sozialdemokratie hat dank der liberalen Hetze ihre Stimmenzahl bereits verdoppelt und rüstet sich bereits dazu, das liberale Erbe anzutreten. Die Reichstagsersatzwahlen in Allen- st e i n - R ö s s e l bat dem Zentrumskandidaten Orlowski das von dem verstorbenen Abg. Erzpriester Hirschberg innegehabte Mandat übergeben. Wenn die Zahl der Zentrumssttmmen einen Rückgang gegenüber der Wahl von 1907 aufzuweisen hatte, so liegt die Erklärung darin, daß ein Teil der polnischen Wähler- säMsi, der bis jetzt noch zum Zentrum gestanden hatte, dank einer außerordentlich gehässigen Hetze von Seiten der polnischen Partei dem polnischen Kandidaten seine Stimme zugewandt hat. Damit bahnt sich für das Ermland die gleiche Entwicklung an, wie sie die „national-polnischen" Agitatoren in Oberschlesien, das ebe> o wie das Ermland niemals zu dem polnischen Siaa wesen gehört hat. veranlaßt und durchaeftchrt haben? Wenn die Polen jetzt auch das Zentrum als ihren Feind behandeln tt'ollen, so nützen sie damit ihrer Sache sicherlich nicht das Geringfte. Das Zentrum wird natürlich auch seine Haltung gegenüber den Polen dementsprechend einrichten müssen.
In der Budgetkommiffion des Abgeordnetenhauses hat eine sehr interessante Debatte stattgefunden über den M o d e r n i st e n e i d. Den Anlaß dazu gaben natürlich die Nationalliberalen, die sich bekanntlich stets mit Vorliebe in katholische Angelegenheiten einmischen, die sie nichts angehen. Die Antwort des Ministers, dec u. a. feststellte, daß die Frage, ob die katholischen Theologieprofessoren durch den Eid in ihrer freien wissenschaftlichen Forschung beeinträchtigt würden, von einem hervorragenden evangelischen Kir- chenrechtslehrer und einem hervorragenden, der kritischen Richtung angehörenden Professor dec evangelischen Theologie verneint worden sei, befriedigte die neugierigen Fragesteller nicht und sie versprachen, im Plenum des Abgeordnetenhauses vor aller Welt ihre Beschwerden und Gewissensnöte zum Vortrag zu bringen. Es wird also demnächst eine verbesserte und vermehrte Auflage des Religionsstreites stattfinden. Man darf darauf gespannt sein, welche praktischen
Vorschläge bei dieser Gelegenheit gemacht werden, um die „unhellvollen" Wirkungen des Modernisteneides auszugleichen.
Der Reichstag hat mit einer außerordentlich großen Mehrheit der Militärvorlage seine Zustimmung erteilt. Die bürgerlichen Parteien traten einmütig für die Vorlage ein, nur vom Zentmm glaubten einige wenige Abgeordnete ihre Zustimnmng nicht geben zu können, aber nicht aus Bedenken gegen die Vorlage selber, sondern wegen der Befürchtung, daß die Deckungsfrage nicht genügend gelost sei. Die weitaus überwiegende Mehrheit der Zentrums fraktion dagegen hat auf Grund der Darlegungen ihrer besten Etats- und Finanzkenner die ausreichende Losung der Deckungsftage anerkannt und demgemäß für die Vorlage gestimmt. Es verdient bemerkt zu werden, daß die neue Militörvorlage seit 25 Jahren die erste ist, welche vom Reichstage unverändert angenommen wurde.
Der H a n s a b u n d hat die Vorstände seiner Zweigorganisationen zu einer großen Tagung in Berlin versammelt. Wenn die Wahl des Zeitpunktes der Erwägung entspmngen sein sollte, ein Gegengewicht gegen die Tagungen der landwirtschaftlichen Organisation, speziell des Bundes der Landwirte, zu bilden, so ist die Rechnung verunglückt, denn weder nach ihrer äußeren Erscheinung noch nach ihrer inneren Bedeutung konnte die Hansabundtagung den Vergleich aushalten. Viel schöne Wotte gab's zwar und noch mehr schöne Versprechungen an alle Berufsstände, mit besonderer Wärme auch für die Landivirtschaft, aber noch immer fehlen die Taten, welche den Beweis erbringen, und was an Taten bereits vorliegt, liefert höchstens den Gegenbeweis. Um so mehr mußte es große Verwunderung erregen, daß der preußische Handelsminister Shdow, im Abgoerdnetenhause befragt, cs ablehnte, den ihm unterstellten Handelskam- mem den Beitritt zum Hansabunde zu untersagen, ja noch besondere Lobsprüche für den Hansabund sand. Es muß auf das energischste Verwahrung dagegen eingelegt werden, daß öffentlich rechtliche Körperschaften Organisationen mit ausgesprochenem Pattei- und wahlpolitischem Charakter ihre Unterstützung zukommen lassen.
In Frankreich ist ziemlich uncrwattet eine Ministerkrisis ausgebrochen. Das vor vier Wochen reformierte Kabinett Bttand sah sich auf Grund einer Abstimmung in der Kongregationsfrage, in der es nur die geringe Mehrheit von 16 Stimmen erhielt, veranlaßt, feine Demission zu geben. Es ist eine Ironie bet Weltgeschichte, daß Briand, dec Vater des Trennungsgesetzes, der den französischen Kulturkampf in leitender Stellung durchgeführt hat„ wegen angeblich zu großer Rücksichtnahme auf die katholischen Or- densgenossenschaften gestürzt wurde. Daß Briand seine frühere Stellung gegenüber dec katholischen Kirche tatsächlich nicht im geringsten preisgegeben hat, bedarf keiner besonderen Hervorhebung; nur war er so klug einzufehen, daß die rabiate Fortführung des Kulturkampfs nicht im Sinne der Mehrheit des französischen Volkes lag, das die Erfüllung anderer drinalicherer Forderungen verlangt, insbesondere eine tatkräftige Sozialpolitik, und er hatte den Mut, dem Wunsche des Volles Rechnung tragen zu wollen. Damit aber war den Radikalen, der größten Patteigruppe der Regierungsmehrheit, nicht gedient, und sie bereiteten dem Reformeifer des Ministerpräsidenten ein Hindernis nach dem andern. Dazu kamen noch persönliche Eifettüchteleien und Reidereien der radikalen Führer, die von Anfang an dem früheren Sozialisten feindlich gegenüberftanben. Jetzt haben sie ihr Ziel erreicht. Das neue Kabinett, zu dessen Leitung der Senator M o n i s auserfehen wurde, ist vollständig aus Mitgliedern der rabifalen Partei zusammengesetzt.
Der serbische Kriegsminister Gajkowitsch hat im Verlaufe einer der Bestechnugsdebatten, wie sie in der Skuptschina üblich und am Platze sind, die leichtfettige Aeußecung getan, der deutsche Gesandte in Belgrad, Herr v. Reichenau, habe sich bei der Vertretung der Interessen der deutschen Kanonenfabrik Ehrhardt von Familienrücksichten leiten lassen. Der deutsche Gesandte verlangte Genugtuung und Widerruf, und die Folge war, daß der Kriegsminister seine
Entlassung geben mußte. Außerdem hat der serbische auswärtige Minister der deutschen Regierung fein Bedauern über das Verhalten des Kriegsministers aussprechen lassen.
Di: vortugiesischeu Bischöfe haben einen Hirtenbrief an den niederen Klerus und die Gläubigen gerichtet, worin ihnen ihre Haltung gegenüber der neuen Regierung vorgeschrieben ist. Es heißt bann, daß bic neue Ordnung rückhaltslos anerkannt werben müsse, zum Wohl des Vaterlandes, soweit es mit gutem Gewissen geschehen könne. Die Pflicht, die Behörden und die Regierung anzuerkennen, schließe aber nicht die Pflicht ein, alle Gesetze gut zu heißen. Mehrere Maßnahmen der provisorischen Regierung ließen nicht allein einen Mangel an Religion, sondern eine dem Katholizismus direkt feindselige Stimmung erkennen. Die Bischöfe führen dann verschiedene Kul- turkampfSmaßnahmen an: die Vertreibung der Jesuiten, die Aufhebung aller übrigen religiösen Orden, die Abschaffung des Eides und zahlreiche kirchliche Feiertage. das Verbot, in den Staatsschulen christlichen Re- ligionsunterttcht zu erteilen, die Aushebung der theologischen Fakultät an der Universität zu Coimbra, die Ehescheidung und die in Aussicht gestellte vollständige Trennung von Kirche und Staat. Die Bischöfe stellen im Anschluß daran fest, baß diese Erlasse dem Willen des fajl ganz zum koth. Glauben sich bekennenden Volles unmöglich entsprechen können. Der portuoie- sischen Regiening ist diese Kundgebung der Bisch "e natürlich recht unangenehm, sie hat die Verlesung des Hirtenbriefes in den Kirchen verhören. Damit wird sie natürlich die Wirkung des bischöflichen Mahnwottes nicht beseitigen.
6 Der Modernisteueid
Der Antimodernisteneid läßt noch immer den Liberalen keine Ruhe. Der Papst hat ihn von den liberalen Führern nicht verlangt, die Bischöfe haben ihn auch nicht von den liberalen Zeitungsredaktionen gefordert und doch gebärden sich diese so, als sei nun das Ende aller Sfiltur da und die Geistesfreiheit und Wissenschaft dahin. Die liberalen Bannerträger verstehen entweder den ganzen Eid nicht — die meisten haben ihn nicht gelesen — oder sie wollen absichtlich Hetzen.
Welchen wahren Anlaß könnte denn die ganze Entrüstung sonst hoben? Es wirb behauptet, dec Papst greife in das staatliche Hoheitsrecht ein Aber wieso denn? Bei der Beurteilung des Moder- nisteneides darf man niemals vergessen, daß derselbe absolut nichts zur Pflicht macht, was nicht auch schon vorher für den Katholiken Pflicht gewesen wäre. Wie kann denn nun eigentlich die Bekräftigung der alten Pflicht einen Eingriff in das Hoheitsrecht des Staates enthalten? Im übrigen aber, weshalb warten denn die liberalen Zionswächter nicht ab, ob Wittlich der Staat in die Lage kommen wird, eine Beeinträchtigung ober Gefährdung seiner Rechte zurück- zuweisen. Vorerst scheint uns zu dieser Klage kein Anlaß vorhanden zu sein, und wir haben das Zutrauen, daß die Verhandlungen zwischen der Staats- regierung und den deutschen Bischöfen zu einem beide Teile durchaus befriedigenden Ergebnis kommen werden.
In einem Teil der Blätter wird das Bedauern darüber ausgedrückt, daß der Modernisteneid geeignet sei, den konfessionellen Frieden in Deutschland zu stören. Wir muffen gestehen, daß diese Beschwerde uns noch unbegreiflicher vorkommt, als die erstgenannte, und wir bitten wiederum um höfliche Beantwortung unserer Frage, wie beim bie Störung des konfessionellen Friedens hier konstruiert werden soll. Wenn der Papst von den Geistlichen ein eidliches Glaubensbekenntnis verlangt, so tut das weder der protestantischen Kirche noch irgend einem Protestanten weh. In dem Eid ist kein Wort enthalten, das eine Unfreundlichkeit gegenüber den Protestanten wäre. Nein, wenn der konfessionelle Friede geftert worden ist und gestört wird, bann ausschließlich von der, die durch erlogene Berichte und unwahre Darstellungen der protestantischen Bevölkerung die Katholiken als
Staatsfeinde, als Untertanen eines fremden Souveräns, als Finsterlinge und Feiglinge verächtlich macht.
Schließlich wird der Mobernisteneid als eine Beeinträchtigung dec Gewissensfreiheit hingestellt. Besonders ist es bet Professoreneid, der bie Gemüter erregt. Die Sorge der antikatholischen Presse unb Parlamentarier um bas Wohl und Wehe der ka- ttolischen Kirche ist getabezu rührend. Verdächtig ist es nur, daß es gerade liberale unb sozialdemokratische Vertreter sind, bie sich der in „ihrer Gewissensfreiheit" von Roms ans „bedrohten" armen Katholiken annehmen. Um diese „Besorgnis" unserer Gegner zu würdigen, ist es doch nötig, den Modernist en eid noch einmal genauer zu betrachten.
Bekanntlich ist der Mobernisteneid Ende vorigen Jahres vom hl. Vater angeorbnet worden. Alle katholischen Priester, die ein kirchliches Amt haben, müssen diesen Eid ablegen, b. h. allen modernen Irrtümern unserer Zeit, welche mit dem katholischen Glauben nicht vereinbar sind, entsagen, dagegen unerschütterlich sich zu jenen Wahrheiten bekennen, welche bas unfehlbare Lehramt festgestellt hat. Der Eib ist gerichtet gegen die sogenannten modernistischen Bewegungen, bic sich auch in ber Kirche geltend machten. Modernisten nennt man solche Geistliche (gewöhnlich leiden sie nicht an übertriebene: Demut und kirchlicher Gesinnung), welche die katholische Kirche modernisieren, d. h. neu (modern) machen wollen, auch in ihren Lehren unb geoffenbarten Wahrheiten. Sie wollen auch dott Aenberungen treffen, wo bie Kirche keine treffen kann, nämlich auf dem Gebiete bet Glaubens- unb Sittenlehre. Die Kirche hat auf diesem Gebiete nur den von Christus ihr übergebenen Wahrheitsschatz zu hüten und zu veckünden. In einer Reihe von Kirchenversammlungen wurden die von Christus übermittelten Lehren genau festgestellt unb nicmanb, auch der Papst nicht, kann sie umstoßen. Rim kommen aber bie Moberniften unb fa- gen: Wir wollen katholisch bleiben, wir wollen nicht aus der Kirche austteten, aber allen festgestellten Glaubenssätzen zum Trotz muß doch manches anders aufgefaßt werden, weil die moderne Forschungsweise angeblich — ganz andere Ergebnisse herausgebracht hat. Die Modernisten wollen, obwohl sie nicht katholisch denken und glauben, doch in der katholischen Kirche bleiben und ihre Irrtümer darin verbreiten. Denen hat nun der Papst einen Strich durch die Rechnung gemacht und von den Geistlichen einen Eid verlangt, um zu sehen, wer noch katholisch und iöer es nicht mehr ist. Dazu hat er als oberster Lehrer unb Hitte nicht nur ein Recht, sondern eine hl. Pflicht, wenn auch liberale Zeitungen unb sonstige Leute, bie nichts davon verstehen, bagegen wettern.
Die Hauptpunkte bes Eibes sind die folgenden:
1. Gott ist erkennbar und kann dargetan Iverden durch das natürliche Licht der Vernunft aus den sichtbaren Wetten ber Schöpfung.
2. Als äußere, durchaus sicher beglaubigende Zeichen bes göttlichen Ursprungs ber christlichen Religion sowie ber göttlichen Offenbarung sind anzuerkennen vor allem bie Wunder und Weissagungen der hl. Schuft.
3. Die Kirche, Hüterin und Lehrerin des geoffen- barten Wottes, ist auf die direkteste Weise von dem wahren und historischen Christus während seines Erdenlebens gestiftet, ferner ist dieselbe auf Petrus, das Oberhaupt der apostolischen Hierarchie, und auf feine Nachfolger bis ans Ende ber Zeiten gebaut. Kirche und Primat sind also kein Entwicklungsprodukt, das lediglich erst aus den Verhältnissen erwachsen wäre.
4. Die katholischenDogmen (Glaubenslehren) sind unveränderlich invezug auf Sinn und Auslegung; sie sind heute die gleichen wie zu Zeiten ber Apostel. Die bet Kirche antiertraute Offenbarung kann nicht ersetzt werden durch rationalsstisch-philosophische Ideen.
5. Der Glaube ist kein blinder religiöser Sinn, bet aus ben dunklen Tiefen des „Unbewußtseins" auf- fteigt, moralisch informiert unter dem Drucke des Herzens und dem Drange des Willens, fonbeni eine wahrhafte Zustimmung bet Erkenntnis zu bet durch Un- tertoeifung erworbenen Wahrheit, zur göttlichen Ossen- barung.
Unpolitische SeMause.
(N.) Berlin, 2. März 1911.
< Nachdruck verboten.)
Da lese ich soeben ein „süßes" Geschichtchen. In Frankreich toerben nämlich zur Zeit toieber einige Mi- nistc. posten »erteilt, weil bie Freimaurer in bet Kammer plötzlich bas alte Ministerium gestürzt haben. Auf ber Suche nach einem Justizminister kam man zu einem Senator mit Namen Jeanney. Dieser Mann, der noch nicht alhulange verheiratet ist, ftanb gerabe an ber Wiege seines neugebotenen Sprösslings. Er sah ben Abgesandten, der ihm die Ministerwürde anbot, einen Augenblick an und antwortete bann: „Sie sehen mich hier inmitten meines Familienglücks. Soll ich das um einen Ministerposten aufgeben? Wenn das Vaterland in Gefahr wäre, dann könnten Sie auf mich rechnen; aber unter diesen Umständen bleibe ich lieber bei ben Meinigen."
Ist bas nicht ein rührendes Vaterherz? Hm! Ich möchte vermuten, daß bieset „gefühlvolle" Senator zu ben ganz schlauen gehört, bie erst beit Stuhl, auf ben sie sich setzen sollen, auf seine Festigkeit untersuchen. Er ahnt gewiß des Sängers Fluch für das neue Ministerium unb denkt in der Hinterstube seines Gehirns: Was habe ich davon, wenn ich ein paar Wochen den Minister spiele und bann wieder an die fttsche Lust fliege? Er ist zu höslich und zu fing, um ba8 dem Abgesandten ins Gestcht zu sagen. Darum verschanzt er sich hinter sein „Familienglück" und tut fo, al§ ob er den ganzen Tag an der Wiege seines Söhnchens Posten stehen muffe.
_bermute ich. Ab-r möglich ist es auch, daß ein schwarmertschet Gatte und Vater auf den Gedanken kommt: Ich werde lieber im Schlafrock gemütlich zu Hause fitzen bleiben, statt im Ministerfrack zu schwitzen und mich herumzuäcgecn! Denken wir uns nun, daß dieser Schwärmer für häusliche Bchaglichkeit eine resolute Frau hat, was würde die sagen zu der Ab- .lchnung des glänzen dm Rufes?
„O, mein liebes Männchen, deine Zöttlichkett rühtt ims sehr. Zlöer solltest du nicht am Ende etwas steif fmb kurzsichtig werden wenn du ben ganzen lieben Tag an ber Wiege des kleinen Schreihalses ober neben Mir auf dem Kanapee herumsitzest? Da willst uns Peine Liebe bezeigen! Offen gestanden, wäre es mir tteber. bie Frau eines Ministers zu fein, als bie Frau
eines untätigen Topfguckers unb Winbelgehilsert. Dec Tag hat 24 Stunden. Ein halbes Dutzend davon ober eine halbe Mandel von Stunden kannst du ruhig deiner Berufstätigkeit widmen. Ich werde unterdessen den Kleinen schon allein versorgen. Vorläufig ist das Würmchen mehr auf bie mütterliche Pflege als auf bie väterliche Bewunderung angewiesen. Wenn der Junge mal großer wird, so kannst du ihn in deine Schmiede nehmen, und dann wird auch dein Beispiel immer noch stärker auf ihn wirken, als alle süßen Wotte. Möge dein Sohn künftig sagen: „Hut ab vor meinem Vater! das ist ein tüchtiger Mann, ein fleißiger und strebsamer Mann; der paßt in die Welt unb hat es zu etwas gebracht. Dem braven Vater muß ich ähnlich werben."
So könnte bie Gardinenpredigt wohl gelautet haben. Dir und mir, lieber Leser, bietet man keine Ministerposten an. Aber da wir Familienväter find oder werden wollen, so schadet es uns nicht, wenn wir uns klar machen, worin die rechte Treue und Zärtlichkeit gegenüber ben Angehörigen besteht. Nicht in sentimentalem Gerede unb Gekose, nicht in saumseliger Stubenhockerei ober Topfguckerei, sondern in ber zielbewussten Arbeit für das Wohl ber Familie.
„Aufgeklärte* Leute wollen heutzutage die Männer unb Frauen nicht bloß gleichberechtigt, sondern auch nach Möglichkeit gleichattig machen. Das ist gegen bie Natur und gegen die Vernunft. Am besten steht es um ben Haushalt, in dem ber Vater ein Mann im vollsten Sinne des Wortes und die Mutter eine wahre, rechte und echte Frau mit allen Schwächen unb allen Tugenden des weiblichen Geschlechts ist. Dann vetteflen fich die verschiedenen häuslichen Verwaltungszweige sehr einfach und sehr zweckmäßig. Die Frau besorgt das Ministerium des Innern, ber Mann hat die auswärtigen Angelegenheiten unter sich. Tie Finanzgeschäfte verteilen sie so, daß ber Mann für die Einnahmen sorgt unb bie Frau bie Ausgaben regelt, wobei sie im Gegensatz zu ben meisten Staatsverwaltungen ein Abscheu vor Schulben unb eine Vorliebe für Ueberschüsse entwickeln soll, was man sonst .Thesaurierungspolitik" nennt. Das Ministerium für häuslichen Kultus und Unterricht fällt mei- stens bet Frau zu, wahrend das strenge Justizwesen in die stärkere Hand des Mannes gehött; dabei soll aber bie gemütvolle Freude ber gebührende Einfluß auf das Begnabigungswesen gewahrt bleiben. Han
del, Gewerbe und öffentliche Arbeiten sind Männer- ressocis; die fehr wichtige Medizinalabteilung, die Sorge für bie Gesundheit, die über Küche, Wohnzimmer. Schlafzimmer, Waschräume, Badestube, Keller, Kleidecschränke, Hausapotheke sich erstreckt, ist der Frau überwiesen. Was der KriegSressott angeht, so ist dringend zu wünschen, daß es ganz unbesetzt bleibt; ist eine Verteidigung gegen feindliche Angriffe nötig, so fällt sie in den Beruf des Mannes, und bie Frau sollte sich sorgfältig hüten, mit der spitzen Zunge kriegerische Verwickelungen herbeizusühren oder entstehende Spannungen zu verschärfen.
Schiller schildert die Arbeitsteilung in ber Glocke kurz unb schon, — an der Stelle, wo es heißt: Drinnen waltet bie züchtige Hausfrau . . . der Mann muss hinaus ins feindliche Leben.
Das ist ber grundlegende Unterschied: der Mann muß hinaus, die Fran soll aber drinnen bleiben!
Die modernen Heldinnen der Frauenbewegung behaupten, die Tätigkeit als Hausfrau und Hausmutter sei nicht genügend für einen vollen Lebensbcrus. Das führt zu argem Unsinn. Eine Lehrerin, die sich mit einem Trüppchen fremder Kinder gegen Bezahlung stundenweise abgeguält, soll einen hohen und befriedigenden Lebensbcruf haben; aber der Mutter, die den ganzen Tag mit ber Sorge für das leibliche und geistige Gedeihen ihrer eigenen Sprösslinge beschäftigt sind nebenbei auch noch ihren Mann zu betreuen unb ihr Gesinde zu leiten hat, will man Vorreden, dass sie sich auch auf andere, „höhere" Dinge zu werfen hätte, nm ihr Leben ordentlich auszufüllen und chre Kräfte befriedigend zu entfalten. Gott fei Dank, es gibt auch im 20. Jahrhundert noch vernünftige Leute, bie ihrer eigenen Mutter in Verehrung gebenden unb bie heutigen braven Hausmütter bewunberu, weil sie ben schönsten unb segensreichsten Beruf für bas Wohl ber Menschheit erfüllen.
Beim Mann liegt die Sache anbers, weil bie Wclt- orbnur.g ihm Aufgaben zugewiesen hat, welche das innerhäusliche Walten und Wirken stützen unb ergänzen müssen. Der Mann soll ein liebevoller Gatte und ein sorgsamer Vater sein, aber er soll auch noch mehr sein, nämlich bet tüchtige Berufs meusch, ber treu ben Posten ausfüllt, auf ben er im Erwettsleden und im öffentlichen Leben gestellt ist. Et muß zweihändig sein, wenn man so sagen darf. Die eine Hand muß er hegend unb pflegenb übet den Häup
tern seiner Frau und seiner Kinder halten, die andere Hand aber muß rastlos tätig sein an dem Werkzeug seines Berufes. Beides in harmonischem Gleichgewicht zu vereinigen, das ist bie Kunst.
Die Frau, welche in die Ehe tritt, nimmt von ihrem bisherigen Beruf Abschieb, da sie für einen neuen Wirkungskreis verpflichtet wirb. Der Mann aber, ber heiratet, muß nun erst recht danach streben, vorwärts zu kommen in seiner Berufstätigkeit. Fortan wird ein Teil seiner Zeit und seiner Kraft von der Familie in Anspruch genommen; aber das braucht, wie bie Erfahrung zeigt, ihn nicht zu behinbetn, sondern vielmehr wird bei braven und gesunden Leuten durch die neuen Pflichten die Tatkraft so angespomt, daß sic mehr leisten, als in ihrer Junggesellenzeit. Was ber Mann au Zeit und Kraft feiner Familie widmet, das ist nicht verloren, sondern trägt Wucherzinsen. Dagegen herrscht bei den Junggesellen viel Verschwendung von Zeit und Kraft, nämlich in dem oben Zeitvertreib während ber Mußestunden unb in ben gefährlichen Vergnügungen.
Vom Traualtar soll der Mann neuen Schwung, erhöhte Tatkraft, kühneres Streben mitbringen. Und wenn die Wiege sich füllt, so soll er immer frischer und flotter in seiner Berufstätigkeit werden. Er soll tv a ch s e n mit seinen höheren Zwecken und weiteren Pflichten.
Wer an der Wiege seines Kindes in Gefühlen schwelgt und günstige Gelegenheiten zum Vocwärts- kommen ausschlagt, ber verbient nicht das Glück, bas ihm beschert worden ist. Der Vater muß bie Tugen- gen eines rechten Mannes in tierboppeltem ober verdreifachtem Maße entwickeln Unb wenn er dadurch ;o unb f»viele Stunden am Tage von ber gemütlichen Wohnstube oder dem behaglichen Herb serngehalten wird, bas schabet nicht. Um so größer ist beiberseits di: Freude um Feierabend und am Sonntag. Gewiß, ber Vater soll so ost und so lange als möglich im Kreise der Seinigen verweilen; aber zu dem Zwecke braucht er nicht seine Arbeitsstunden zu beschneiden, sondern soll lieber seine sämtlichen Mußefttmden dem trauten Familienleben widmen. Das Familienleben ioird nicht gefährdet durch die außerhäusliche Berufs- tätigkeit des Vaters, trohl aber durch die ausserhäus- lichen „Vergnügungen" des Vaters, z. B. bie Wirtshaushockerei.