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Monatrbeüage: „Zuldaer Seschichtsblatter"
Fulda, Dienstaa den 28. Februar 1911.
Erstes Blatt
38. Iahrsiang
M 48.
Veransto. Redaktenr: Lar? SchNtter
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Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 27. Februar 1911.
Der Gesetzentwurf betr. die weitere Zulassung von Hilfsmitgliedern am kaiserlichen Patentamt wird ohne erhebliche Debatte angenommen.
. Bei der Fortsetzung der zweiten Beratung des VilitSretatS bemerkt
Abg. Gröber iZtr.): Die Sozialdemokratie hat ge- Meint, wir hätten die Erhöhung der Zivllliste an» genommen, aber die Erhöhung der Maunschafts» löhne abgelehnt. Ein solcher Vorwurf sieht eigentüm» .sich aus bei der Partei, die überhaupt die Mittel jür das Budget verweigert. Es ist überhaupt falsch, wenn eS so dargestelll wird, als ob in den letzten Jahren für die Mannschaft rnchtS geschehen sei. Die neuen Bestimmungen betr. die Ehrengerichte enthalten wesentliche Berbesserungen. Freilich auch einzelne Verschlechterungen, so in der Beuimmung, daß die Mitglieder deS EhrenrateS nicht mehr von Standes- angehörigen, sondern vom kommandierenden General ernannt werden. Luch liegt die Gefahr vor, daß politisch« Momente in daS Verfahren hineingetragen werden können. Der Hauptfehler ist aber der, daß der Angeschuldigle keinen Anspruch hat, bei der Vernehmung von Zeugen zugegen zu sein. Die letzte Entscheidung liegt beim Chef des Miltlärkabinetts. Wir haben hier also in unserer modernen Zeit ein vollendetes Stück formaler Kabinettsjustiz. Das wird nur anders werben, wenn man sich entschließt, ein Verfahren einzusühren mit einem ordentlichen Jn- stanzenzug unter Einsetzung unabhängiger Richter. Gegenüber dem Kriegsminifter meine ich, daß in der Praxis doch Fälle von Zurücksetzung infolge der Konfession stattfinden. Der Abg. Raab hat dabei die
Judenfrage
berührt, um feinem antisemitischen Herzen Lust zu machen. Diese Art ist jedenfalls nicht geeignet, das ernste Problem zu lösen, an Stelle ruhiger Erwägung leidenschaftlicher Haß, diese Verallgemeinerung einzelner Vorkommnisse. Herr Raab hat ein Wort Bismarcks aus dem Jahre 1847 zitiert. Damals war Bismarck ein junget Mann, aber 1869 hat er dann das Reichsgesetz über die staatliche Parität der Glaubensbekennt- stisfe gegengejeichnet. Und wie ist es in anderen Ländern? Wir leben doch nicht auf einer isolierten Insel. In der österreichisch-ungarischen Armee sind die Israeliten zu allen Stellungen zugetanen und find bis in die höchsten vorgedrungen. In Italien, England, Frankreich haben rott die gleichen Erfahrungen. Sind denn bei uns in Deutschland die Israeliten aus ganz anderem Holz wie dort'? Ans den Freihelskriegen werden 16 jüdische Soldaten mit Namen angeführt, die das eiserne Kreuz erhalten haben. Wenn das nach 100 Jahren noch möglich war festzustellen, so ist das eine Zahl, die man wohl beachten kann. In einer Denkschrift des preußischen Ministers des Innern vom Jahre 1847 find alle diese Gesichtspunkte eingehend geprüft, und da wird auf Grund der Berichte der Armeekorps festgefteüt, daß die Juden deS preußischen Heeres sich von anderen Soldaten nicht erkennbar unterscheiden. Und ivie haben die Juden sich im deutsch-sranzöfischen Feldzug unmittelbar nach Erlaß des Paritäksgefetzes verhalten? Von 4492 jüdischen Soldaten, darunter 117 jüdischen Offizieren, haben das eiserne Srenj oder die entsprechende mililärifche Auszeichnung der anderen deutschen Bundesstaaten 373 jüdische Soldaten erhalten. (Hört, hört!) Die find alle in der Statistik mit vollem Namen aufgeführt. (Abg. Lieber- mann v. Sonnenberg: Es sind größtenteils Aerzte! — Lachen links.) Daß eine ganz ansehnliche Zahl jüdischer Soldaten das eiserne Kreuz bekommen hat, darauf kommt es mir allem au. Die Tatsache nun, daß durch Jahrzehnte kein einziger Jude — im Segeujatz zu Bayern — Offizier geworden ist, daß aber getaufte Inden kein Hindernis gefunden haben, ist mir deweisliästiger als die einzelnen Beispiele. Eine solche Behandlung entspricht nicht dem Parilätsgef etz und dem Paritätsempfin- d eu. Wir haben allen Anlaß, für die ehrliche Durch- sührung des Paritätsgesetzes von 1869 einzulrelen, denn auf demselben Gesetze beruhen auch wir. Auch heute fehlen nicht die Bestrebungen, die Katholiken zu Staatsbürgern zweiter Klaffe herabzudrücken, und es find nur allzu häufig dieselben unduldsamen Persön- 'ichleüen, die heute gegen die Juden uud morgen gegen die katholischen Ordeiismänner arbeiten. Wir roiffen i«, daß es auch Juden sind, namentlich in der Presse,
die sich damit nicht genug tun können, über katholische Angelegenheiten zu spotten. (Lebh. Hört, hört! b. d. Wirtsch. Vgg.) DaS kann uns aber nicht adhalten, unsere Pflicht zu tun. Wir werden für die staatliche Gleichberechtigung der Juden stets ein treten. Dieser Kampf wird uns stets auf dem Posten finden, «S ist der gute Kampf für Recht und Gerechtigkeit. (Lebh. Beifall im Ztr. und links.)
Abg. Dr. Osann (natl.) tritt ebenfalls den Aus- sührungen deS Abg. Raab vom Samstag entgegen. Allerdings muß für den Berus als Offizier persönliche Tüchtigkett verlangt werden.
Aba. Schöpflin (Soz.): Die Behandlung der Juden beim Militär ist ungesetzlich. Die Offiziere sind doch sonst nicht so: mancher sührt sogar sein Rebekkche heim (Heiterkett) und jüdisches Blut fließt in blauen Adern! Herr Raab hat den Reichstag mit einer Anti- semitenkneipe verwechselt. Der Redner bespricht dann Soldatenmißhandsfälle und meint: Wir Niedergerittenen von 1907 reiten. Die Wahl von Jmmenstadt hat eS wieder gezeigt. Dieser schwarze Punkt im Algäu wird verschwinden trotz Osanns Rede. Wenn der Kriegsrninifter sagt, daß der Soldat Gottesfurcht im Herzen haben muß, so kann ich ihm darauf nur erwidern, daß er sich dazu vielleicht das Exerzierreglement verschaffen könnte, das für die katholischen Exerzitien gilt. Ein Soldat, der auf dieses Rezept vorgebildet ist, dürfte dem Ideal des Herrn v. Heeringen entsprechen.
Abg. Kopsch (Volksp.) fordert größere S p arsa m- keit im Heere und meint, daß es sich erübrige, auf die Rede des Abg. Raab vom verfloffenenen Samstag näher einzugehen. Schließlich fordert Redner Erhöhung der Mannschaftslöhne.
Kriegsminister v. Heeringen.- Wir führen das Sparsamkeitsprinzip überall durch. So haben wir beispielsweise im Etat für 1911 rund 4 Millionen weniger gefordert als in demjenigen für 1900. Wenn ich einen Erlaß betreffend den Verkehr mit Parlamentariern erlassen habe, so ist derselbe durchaus gerecht- fertlgt, denn die Offiziere haben sich abseits zu halten von jedweder Politik. Ich brauche keine Mahnung, keinen Unterschied um des Gaubens willen in der Armee zu machen. Wieviel Lehrer sind in den letzten Jahren zu Offizieren befördert romben! Antisemitische Regungen sinv ja hie und da vorhanden, rote auch im Bolle, aber schroff antisemitische Offiziere und Unteroffiziere haben wir nicht. Wir können aber keine ungeeigneten Leute in das Offizierkorps hineinnehmen. An meine Pflicht, Soldaten Mißhandlung en ent« gegeuzutreteu, braucht mich niemand zu ermahnen, das tue ich schon von selbst. Uebri .ens sind die Mißhandlungen ganz erheblich zurückgegangen. Jnbezug aus Antimilitarismus leistet die Sozialdemokratie tatsächlich das Menschenmögliche und sie hat es bereits fertig gebt acht, die Solvaten mit Schweinen zu vergleichen, die zur Schlachtbank geführt werden. Infolge der sozialdemokratischen Hetzereien haben wir em schwierig zu behandelndes Menschenmaterial.
Bayr. Militärbkvolln'ächtiater General v. Gebsattel: Der Abg. Schoepslin hat sich in etwas spöttischer Weise über die religiösen Exerzitien geäußert, wie sie speziell in Bayern für die katholischen Rekruten veranstaltet werden. Ich stelle fest, daß an diesen Sorbe» reitnngsexerzitien sich junge Leute beteiligen, die der Armee noch nicht angehören. Die Militärbehörde hat diese Kurse in keiner Weise veranlaßt und steht ihnen auch vollkommen fern Ob die geistlichen Leiter dieser Exerzitien Jesuitenpatres waren, weiß ich nicht, denn die kommen in Deutschland nur ausnahmsweise vor (Heiterkeit). Ich weiß aber, daß beispielsweise ein Arzt belehrende Borträge gehalten hat.
Abg. Frhr. v. Oertzen (Rp ): Auch meiner Wahrnehmungen nach ist es falsch, den Inden ganz allgemein die Fähigkeiten zum Offizier abzusprechen.
Kriegsminister d. Heeriugen bittet dringend um Ablehnung der Resolution Ablaß.
Abg. Raab (wirtsch. Bgg.) sucht sich in längeren Ausführungen den Angriffen der Vorredner gegenüber zu rechtfertigen. Die Anschauungen, die er' verträte, würden auch in den Ojfizierskreiien ein lebhailes Echo finden. Um die militärilche Tüchtigkeit der Juden zu erroeifen, sollte man jüdische Regimenter formieren und in den Krieg führen. Erwünscht wäre eine amtliche Angabe darüber, wieviel jüdische Soldaten nach China und Westafrika gegangen sind.
Damit schließt die Debatte. Das Gehalt des Ministers wird bewilligt. Die Resolution Ablaß, betr. die Auswahl der Offiziere wird abgekehnt.
Dienstag: Fortsetzung.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 27. Februar 1911.
Das Haus berät den Handelsetat.
Abg Fetisch (kons.) wünscht Vermehrung der Bau- gewerksschulen.
Abg. Schenckenborff sntlb.) begrüßt die erfreuliche Entwlckelung des gewerblichen Erziehungsweseus. Leider ständen die weiblichen Fortbildungsftäiteu noch stark zurück. In den Foribitduugsschulen müßten auch praktisch« Arbeiten geleiftet werden.
Minister v. Shdow teilt mit, daß das neue Pflicht- sortbildungsgesetz dem Landtage bald zugehen werde. Die Regierung hat sich entschloffen, als Oberlehrer an den Baugewerksschulen nur akademische Lehrer anzustellen.
Abg. Lieber (ntlb.l fordert eine Ausgleichung der Ungleichheiten in der Besoldung der Set);et an diesen Schulen.
Bei den Ausgaben mahnt
Abg. v. Arnim-Züsedom (kons.) von zu ausgedehnter Zulassung ausländischer Papiere. Der Minister wöge durch die Börsenkommisiare hierauf ein aufmerksames Auge haben. Im weiteren mißbilligt Redner den Beitritt der Handelskammern zum Hansabund.
Minister v. Shdow hält es für notwendig, ein ge- roiffes Quantum ausländischer Papiere zuzulassen. Der inländische Geldmarkt dürfe aber darunter nicht leiden. Es sei daher geboten gewesen, den ausländischen Papieren ein Hakt entgegenzurufen. Hierzu habe die Begebung der Aktien der Cnieago-Mrlwautee-Bahn den ersten Anlaß gegeben. Auf eine Prüfung der ausländischen Papiere kann ich mich nicht einlassen, weil doch das Publikum ohne weiteres annehmen würde, die Papiere seien gut. Bezüglich der Handelskammern kann ich nicht eingreifen, da diese über die Zwecke zur Erfüllung ihrer wirtschaftlichen Ausgaben selbst zu entscheiden haben. Ich habe keine Befugnis, bestimmte Anweisungen zu erlnlen. Der Hansabund ist in der Absicht gegründet worden, Handel und Gewerbe die nötige Vertretung zu sichern; das ist meiner Ansicht nach ein wirtschaftliches Ziel. Wenn nun gesagt wird, der Hansabund fei auf das rein politische Gebiet übergegangen, so kann ich dem nicht beipflichten. lWiderspruch rechts.» Mir fehlt ein vollgiltiger Beweis dafür, daß sich der Hansabund mit politischen Fragen beschäftigt hat, die mit der Wirtschaftspolitik nichts jiu tun hätten. (Lebhafter Beifall bei den Na- tiouaUiberalen)
Abg. Grünenberg (Ztr.): Für die Beurteilung der Reichssinanzreform ist vom größten Interesse, wie sich die wirtschaftliche Lage leit Verabschiedung der Reform entwickelt hat. Diese Entwicklung ist eine sehr ersreu- liche. UeberaO, int Export und Güterverkehr, tu der Roheiseuproduliion und aus dem Geldmarkt sind die Berhältpfsse belfer geworden. Die Auswanderung hat abgenommen der Arbeiismarkl ist günstiger geworden. Es ist nur zu verwundern, daß Presse und öffenlltche Korporationen, wie Handelskammern, gegen dte Reichsfinanzreform agitieren. Sie verbreiten eine falsche Meinung, was nicht zum inneren Frieden führt. Wir verlangen, daß die Agitation gegen die Reichssinanzreform endlich aushört. Wtr er« suchen den Minister, die Handelskammern anz-nveisen, künftighin möglichst sachliche Berichte zu erstatten. Darin, daß der Hansabund nicht politisch fei, kann ick dem Minister nicht beipflichten. Wer würden es bebauen!, wenn der Stahlwerksverband und das Kohleukontor nicht erneuert würden. Es ist nicht richtig, daß diese Verbände au das Ausland billiger verkaufen, als an das Inland. Allerdings dürfen jene Verbände ton ihrer Macht keinen Mißbrauch machen. Mit Besorgnis sehen wir in dieser Beziehung der Tätigkeit deZ Kohlenverkaufskoulors zu, durch die die ganze private Nheinschiffahrt geschädigt wird, Bedauerlich ist daß die großen Banken das ganze Land mit Filialen überschwemmen, weil barunier die Sparkassen leiden. 91otroe. big ist die günstigere Stellung des deutschen Handels auf dem Weltmarkt. Erfreulich ist, daß das Handwerk eine Besserung erfahren hat. Es ist aber zu wünschen, daß die Regierung den zweiten Teil des Gesetzes zur Sicherung der Bauforderungen einsührt. Bei Vergebung öffentlicher Arbeiten " müssen diese ntcht an einen Unternehmer, sondern an einzelne Handwerker vergeben werden. Auch muß die Prenßenkafle den
Handwerkern mchr entgegen kommen. Vielleicht empsiehlt es sich, zur Unterstützung der Handwerker besonder« Bauberatungssteve» emzurichten. Unaushörliche Klagen ertönen gegenüber der Bäckereioerordnun g. Er- freultch tst es, daß der Minister in der Kommission eine milde Handhabung der Berordnung zugesagt hat. Sehr ungünstig für den Mittelstand sind die Wan d erlag e r. Man sollte sie wenigstens konzetsionspflichtig machen. Ferner ist eine Verschärfung der Warenhaussteuer nötig. Geschädigt wird der Kaufmann auch durch die Anzahkungsgefchäfte. Besonderer Wert muß darauf gelegt werden, daß die Kind er schütz- gesetze durchgeführt werden.
Abg. Schröder-Kassel snatl.) stimmt dem Minister bezüglich des Hansabundes bei.
Abg. Rnharbt (frkons.) äußert verschiedene Wünsche betr. die Forlbildungsfchulen.
Dienstag: Erweiterung deZ Stadtkreises BreSlau, Fortsetzung des Handel- und Gewerbeetats.
□ BrianÄs Rücktritt.
Die auf Montag vertagte Entscheidung in d e r M i n i st e r k r i s e ist gefallen. Das K a bi ne t 1 Briand ist gestern zurückgetreten.
Als der französische Ministerpräsident Briand vor 4 Monaten sein Kabinett durch Aufnahme neuer Mitglieder auf eine neue Grundlage stellte, hatte es zunächst — wenigstens äußerlich — den Anschein, als ob er seine Stellung gefestigt habe. Aber es mußte doch schon Bedenken erregen, daß seine Gegner immer wieder zu neuen Angriffen die Zuversicht hatten und daß der Ministerpräsident sich veranlaßt sah, immer häufiger die Vertrauensfrage zu stellen. Die schivache Majorität von nur 16 Stimmen, die er am Freitag erhielt, mußte dem Kabinett die Mahnung erteilen, daß es seine Politik nicht länger auf eine sichere Mehrheit werde stützen können. Briand hat jetzt die Konsequenzen gezogen und seine Demission gegeben.
Die Ursachen des Zusammenbruchs sind noch nicht ganz klar zu durchschauen. Dom Anfang seiner Mmisteclaufl'ahn an, die nicht einmal zwei volle Jahre gedauert hat, mußte Briand die Gegnerschaft zahlreicher Männer, die ihm polttisch nahe standen, erfahren. Als er am 24. Juli 1909 als Nachfolger Clemenceaus zum ersten Male mit der Kabinettsbildung beauftragt wurde, waren viele Radikale verschnupft, daß sie als die stärkste Partei übergangen und das Mitglied einer kleinen Fraktion, der unabhängigen Sozialisten berufen wurde. Bald kamen hinzu persönliche Eifersüchteleien und Neidereien, in denen sich besonders der alte Combes, Berteaux und Del- casss betätigten. Ob dazu nun auch sachliche Differenzen mit ver radikalen Partei gekonmien sind, läßt sich noch nicht bestimmt sagen. Wenn die Gegner dem Mmrsterpräsidenten vorwarfen, daß er zu wenig Reformeifer entwickelte, so konnte er mit Recht antworten, daß er den Willen wohl gehabt, aber die Kammer ihn nicht genügend unterstützt habe.
Eine Ironie des Schicksals ist es, daß Briand über eine Frage gestürzt ist, in der er mit gutem Rechte sein besonderes Verdienst erblicken konnte: der Vater des Trennungsgesetzes, der Mann, der den Kulturkampf In leitender Stellung durchgeführt hat, erhielt ein schlecht verhülltes Mißtrauensvotum, weil er in der Kongregationsfrage die Jn- tcreffen der Republik nicht mit der notwendigen Entschiedenheit vertreten haben sollte. Soll dieses Votum eine iwchmalige Verschärfung des Kulturkampfes entfetten* Wir glauben, daß die Mehrheit des französischen Volkes damit nicht einverstanden ist, wohl aber ist es möglich, daß die republikanische Kammer Mehrheit eine neue kirchenfeindliche Gesetzgebungskampagne notwendig hat, um an ihren übrigen (sorgen vorbeizukommen. Erwähnung verdient eine Mitteilung des .Echo de Paris", die, wenn fie sich als zutreffend erweisen sollte, ein recht interessantes Streiflicht auf die französische RegierungS- weisc werfen würde. Danach soll Briand das Opfer der Freimaurer geworden sein, indem seit einigen Tagen von freimaurerischer ©eite ein stacker
I.e wche Lilie vm Sariafce.
25] Roman von Erich Friesen.
Ein freundlicher Blick aus Anitas lebhaften Augen streift den schweigsamen Mann ant andern Ende des Bootes, der seinerseits wieder das junge zacke Geschöpf in dem andern Boot, das an der ganzen Unterhaltung unbeteiligt ist, voll Interesse betrachtet.
„Sie habet; also keine Angst mehr vor Ihrem Bruder, Mercedes, wie früher stets?* fragt Anita aufs neue, mit einem Seitenblick nach dem Ende des Bootes hin,
Gin wehmütiges Lächeln irrt um Mercedes' Lippen, das Anita in die Seele schneidet.
.Angst - seufzt sie aus. .Angst -? Er ist mein einziger Freund fett jener furchtbaren Zeit, die mich dem Tode nahe brachte? Der einzige Mensch, der mich noch an das Leben kettet!*
Sie macht eine kleine Pause. Die Erinnerungen scheinen sie zu überwältigen. Dann wendet sie sich rasch an ihren Bruder:
.Lieber Manuel, ich möchte Dich Signockna Casablanca vorstellen — einer Kollegin aus Rom!"
Der junge Portugiese verbeugt sich leicht und bemerkt mit einem fragenden Blick aus Lilia, die noch immer allein in dem andern Doot sitzt:
> «Die Damen sind auf dem Wege nach den .Bagni di Tibecko"? Dürfen wir uns anschließen?' ‘ «Gern'' erwidert Anita fröhlich. .Gestatten die .Herrschaften, daß ich Sie einander vorstelle: Signor "und Signockna Alvarez — Signockna Baletti."
Mercedes war zuerst zulammengezuckt bei dem Gedanken, eine Bekanntschaft machen zu sollen — sie, die seit Monaten die Einsamkeit sucht. Doch ein Blick "jn das zacke Gesicht des Mädchens dock in der andern Backe — und sie weiß: dies elfenhafte Geschöpf ist auch eine Unglückliche; durch sie wird dein Empfinden fticht beleidigt werden.
I Nichts auf bet Welt verbindet die Menschen so rasch und fest, als das Leid — und sei es auch ein tma wgesprochenes nur geahntes.
Als die vier jungen Menschenkinder gegen Abend zurückgondeln nach der Grande Marina", hat die .geheimnisvolle Fremde", über die ganz Capri seit Wochen sich den Kopf zerbckcht, mit der .weißen Lilie vom Gardasee" Freundschaft geschloffen.
Heimwücks geht die Sonne hinter den GebirgZ- kämmeit Ischias. In Flammen steht das Meer. So iveit der Blick sich in den Horizont bohrt — wogende Feuersglut. — Drüben der Vesuv mit feiner anmutig geschwungenen Wellenlinie erglänzt in herrlichster Farbenpracht. In weiter, weiter Ferne verdämmert der Küstenstrich Neapels.--
Unten an dem kleinen Molo erwartet Frau Jnge- borg ungeduldig ihre Tochter.
„Ein Tckegramin von Lord Douglas ist eingckrof- fen. Er kommt morgen."
Weggewischt jede Spur von Frohsinn in Lilias lieblichem Gesicht. Still f(breitet fie in bleicher Abenddämmerung an der Seite der Mutter, die durch duftende Orangen- und Zitronenhaine sich fünft empor- schlängelnde Straße nach dem Städtchen hinauf, während die andern drei in lckchter Karrozza an ihnen vocheigaloppieren.
„Wer ist das seltsam dunkle Mädchen mit dem Unflaten Blick?" fragt Frau Jngeborg ihre Tochter. .Ich möchte nicht, daß Du immer neue Bekanntschaften machst, Lilia. Wer weiß, ob Lord Douglas damit einverstanden fft!"
Ein müdes Dulderlächeln von den sckschen Mädchenlippen als Antwort.
Don» schweigen beide —
Tiefe Nacht.
Wahrend Mercedes Alvarez, die .gehckmnisvolle Fremde", ihren gewohnten entfernen Spaziergang hinunter nach den Faraglioni unternimmt, im dunklen Gesicht einen erloschenen Ausdruck, aus dem nur die großen schwarzen Augen unter den schweren Lidern unruhig hervorblitzen — steht „die wckße Lllie vom Gardasee" auf der mondlichtumfloffenen Terrasse des Hotel Pagano und blickt veckräumt in die weite Feme.
Und schwerer und schwerer wird ihr ums Herz.
Gespenstisch ragen die dunklen Zypressen zum mondhellen Himmel empor. Dmntm kocht und zer
schellt die Flut an grausigen Felsriffen. Weitklafternd schwebt ein schwarzer Nachtvogel daher, leife klagende Laute ausstoßend. —
Die ganze Natur wie im Bann einer geheimnisvollen, totbringenden Trauer. —
Noch lange, lange Jahre damach erinnert sich Lilia mit Schändern dieses Moments: der gespenstisch aufragenden Zypressen, der grausig gepeitschten Meerflut, des daherlchwebeuden klagenden Nachtvogels.
13.
Am nächsten Morgen.
In gewohnter Pracht steigt die gutgelaunte Sonne hinter den starr aus dem Meer auftrotzendm Fels- schrofeli empor. In schimmemder Unendlichkeit flutet das Meer; in rosigem Morgendunst verschwimmen die Konturen, eine weltfremde Herrlichkeit ahnen lassend.
Lilia hat in der Nacht wenig geschlafen. Schwer, wie die Ülljnung kommenden Unhells, liegt es ihr auf der Brust. Immer wieder muß fie an die schwarzen Augen der jungen Portugiesin denken, deren seltsam unruhiger Blick ihr in die Seele schneidet.
Frau Jngeborg wollte mit ihrer Tochter zur Grande Marina hmabachen, um Lord Lord Douglas beim Landen des Dampfers abzuholen.
Lilia war jedoch nicht dazu zu bewegen. Sie habe bereits mit Anita Casablanca für diese Zeit einen Spaziergang nach dem .Monte Tibiecko" verabredet.
So begnügt sich denn Frau Jngeborg damit, allckn hmabzugehen und den zukünftigen „Schwiegersohn" in Empfang zu nehmen.
In zufckedener Stimmung schreitck sie dahin.
Das Silber der Olivenhaine ringsum, das Gold der aus dunflem Laub hervorglühenden Drangen, das Blau der Jcksblütenranke, das Rot der Granatdickichte — dieser ganze wundersame Farbenrausch wirkt anregend auf ihr Gemüt. Fast freut sie sich, daß Lord Douglas fern Versprechen, sie in Capck nicht aufzusuchen, nicht gehalten. Sie hofft, diese« erneute Zeichen seiner Sehnsucht nach Lilia werde die Tochter rühren und ihren Gefühlen einen wärmeren Hauch veckeihen.
Voll Ungeduld steht sie unten am Molo und späht nach dem ersten Boot ans, das die Passagiere an Land bringt.
Und richtig — da gewahrt fie auch schon Lord Douglas' elegante Gestalt.
Er springt an« Land und reicht Frau Jngeborg die Hand. Doch bemerkt die Dame mit Beftemden, daß fein sonst so kaltes Gesicht heute einen fremden, feierlich-ernsten Ausdruck trägt
Rasch beordert er einen Wagen und nimmt neben Fran Jngeborg Platz.
„Ich bin leider der Ueberbringtr einer Trauerbotschaft, Signora. Soeben erhielt ich in Neapel ein Telegramm —"
Frau Jngeborg erblaßt. Fest preßt sie die Hände auf das wildklopfende Herz.
„Tot —?" ruft fie in angstvoller Erregung. „Tot? — Nein, nein, es kann ja nicht sein! Ich habe so »st gewünscht, von ihm befreit zu fein, daß ich mir wie seine Mörderin vockommen würde —"
Lord Douglas' Züge nehmen wieder die gewohnte kalte Zurückhaltung an.
. .Unmöglich, Signora! Sie wünschten, von Ihrem — Sohn befreit zu fein?*
„Bon — meinem — Sohn?" ringt es sich atemlos von ihren dlckchen Lippen. .Carlino —"
,31t mit dem Pferd gestürzt."
.Tot?"
Tot"
Frau Jngeborg birgt das Gesicht in den Händen Langsam sickern heiße Tränen zwischen den Fingern hervor.
Ihr Sohn — tot! Der kleine muntere Eackino, den fie nie so recht ihre mütteckiche Siebe fühlen ließ, der ihrem innersten Wesen, ihrem Herzen stcks so fremd war! Fremd — bis zu diesem Augenblick, an dem ihre ganze Mutteckiebe mit elementarer Gewalt hervorbricht. Jetzt, da es — zu spät ist!
„Ich habe Bernardo Baletii telegraphiert, daß ich Sie und Lilia sofort noch Hause bringen werde", sagt Lord Dougläs ernst. y
Dann schweigen beide.
(Fortsetzung folgt.-) . .