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2. Blatt.
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hat in diesen Tagen seine leitenden Körperschaften in Berlin versammelt, um, wie es in dem Vorbericht der „Mitteilungen des Hansabundes" heißt, „die allgemeine Lage zu prüfen und in gemeinsamer Aussprache über die fernere Förderung der gemeinsamen Interessen von Gewerbe, Handel und Industrie zu beraten." Mit selbsigefälligem Stolze wird hinzugefügt: „Es wird, des sind wir überzeugt, der allgemeine Eindruck sein, doß die Grünoung des Hansabundes eine rettende Tat war, und daß die Folgen des großen Ereignisses vom 12. Juni 1909 sich in der Aufrüttelung der Geister immer mehr zeigen."
Wenn wir bis jetzt diesen „allgemeinen" Eindruck noch nicht erhalten baden, so liegt es vielleicht daran, daß wir von dem wichtigsten Teile der Beratungen nichts erfahren haben, nur die Sitzung des Gesamtaus- schnsses war öffentlich, und diese war nichts weiter als eine Pa radeversammlung mit vielen schönen Worten. Gewiß, es sind sehr viele schöne Worte gemacht worden. Die besten Berspcechungen sind der Industrie, dem Detaillistenstcmd, dem Handwerk, den Angestellten gemacht worden und ganz besonders auch wurde der innigsten Liebe zur Landwirtschaft Ausdruck verliehen. Die Herren Rießer, Roetger, Knobloch, Waldschmidt überboten sich in Beteuerungen, daß eine blühende Industrie und eine blühende Landwirtschaft zusammen- gehörten, und in Versicherungen, daß der Hansabund der Landwirtschaft den Zollschutz nicht mißgönne, sie niemals bekämpfen wolle usw. usw. Aber in der politischen Welt ist man gegen schöne Worte ziemlich unempfindlich, da wird nur nach den Taten gerichtet. Und von Taten ist in der letzten Hansaüundversamm- lung wieder recht wenig erzählt worden. Nicht als ob keine geschehen wären, aber sie waren wohl nicht sonderlich beweiskräftig. Die Taten des Hansabundes erkennt man, wenn man ihn in der Agitation draußen im Lande betrachtet. Wie es hier gemacht wird, davon hat der Abg. Dr. Hahn in der Generalversammlung des Bundes der Landwirte ein recht charakteristisches Beispiel mitgeteilt, das weiteren Kreisen bekannt zu werden verdient.
In Horneburg in Hannover hat kürzlich der Hanwbund eine Berjammlung adgehalten, in welcher der Leiter des Bundes auschhrte:' in der Caprivizei!, da habt ihr Arbeiter jeder 10 Tage arbeiten müßen, um die Mehrkosten der Ernährung, die durch die Caprivizölle verursacht wurden, zu verdienen, in der Brikowzeit wurde der Zoll erhöht auf 5 Mark für den Roggen, 6,5 für den Weizen, und diese Zollsätze gelten letzt, und jetzt müßt ihr 20 Tage für die Giahgrundbesitzer arbeiten, um diese Steuer, diese Kornsteuer, zu befahlen an die Großgrundbesitzer. Aber wenn erst der Bund der Landwirte mit seinen Bollsorderungen durchdringen wird, dann müßt ihr einen vollen Monat für die Großgrundbesitzer arbeiten.
So die Hansabündlerische Beredsamkeit, die doch nur das eine Ziel haben kann, den landwirtschaftlichen Schutzzoll zu erschütteni. Dr. Hahn bemerkte mit Recht, er könne es keinem Sozialdemokraten verdenken, wenn er nach diesem hansabündlerischrn Redner auftrete und ihm vorrechne, daß dann der Arbeiter auch den Eisenzoll durch einen Wochenlohn bezahle usw. Wenn wir so in den Volksversammlungen die Zollpolitik beleuchten laflen, auf der einen Seite vom Hansabund, auf der anderen Seite von der Sozialdemokratie, dann muß der Freihandel in Deutschland wieder steigen, dann muß das auf die Wahlen einen ausschlaggebenden Einfluß ausüben, und dailn wird allerdings der Arbeiter billiger eintaufen können als jetzt, aber Hiinderttausende, ja Millionen von Arbeitern werden keine Arbeitsgelegenheit mit gutem Lohn mehr haben, lind auch das ist gewiß, hienn der Hansabund mit diesem Treiben Erfolg hat, dann geht es fteilich der Landwirtschaft ans Messer, aber es wird ihr vielleicht noch nicht jo schlimm gehen wie dec Industrie.
So sieht die praktische Tätigkeit des Hansabundes tni3.
Ans dem Nachbargebiete.
Q Aus der Rhin, 26. Febr. 1911. In unseren Rhöndörfern find zur Zett Wanderphotographen aus Leipzig tätig, die als Spezialität die Aufnahme von Wohnstätten, Bergrößerungen von Photographien rc. betreiben. Ihre Erzeugnisse, die unter Nachnahme an die Hausbesitzer usw. adgesetzt werden, rufen fast in jedem Fall die größte Ent
täuschung «nd da» Mißfallen hervor. Die Bilder find zu teuer und nicht gut ausgefallen. Auch hier gilt das Wort „Bleibe im Lande und kaufe am Orte". In Fulda gibt es eine ganze Anzahl tüch. tiger Photographen, die gerne und bereitwillig bei soliden Preisen jeden Auftrag zur vollsten Zufriedenheit ausführeu.
* Bad Orb, 26. Febr. 1911. Dem Ober- meister Georg P f e if f e r ist das allgemeine Ehren- zeichen verliehen worden.
* Sovtra, 25. Febr. 1911. Bei einem Ochsen der Landbank hier, welcher plötzlich verendete, stellte der Kreistierarzt, Herr Dr. Günter aus Rotenburg, Milzbrand fest.
* Aus dem Kreise Offenbach, 25. Febr. 1911. Die Fälle, in denen sozialdemokratische Gemeinde- ralsmehrheiten eine ungesetzliche Ko mmunal- polit ik treiben, mehren sich in Hessen, dem Lande der sozialistischen Gemeinderäte. In Olberts- hausen wird die katholische Kirchensteuer wie anderwärts von der Gemeinde erhoben. Der Gemeinderat verlangte nun aus den diesjährigen Antrag des Kirchenvorstandes das Recht der Kontrolle und Aufschluß über die Verwendung der Steuer. Da der Gemeinderat dazu nicht befugt ist, lehnte der Kirchenvorstand dieses Ansuchen ab. Der Kreisausschuß hat nun die Ge meinte gezwungen, den Betrag einzustellen und stellte ausdrücklich fest, daß der Gemeinde keinerlei Recht der Kontrolle zusteht.
♦ Rotenburg a. F., 25. Febr. 1911. Ein B e- trugsfall, der einen gutsituierten Mann um sein gesamtes Vermögen brachte, beschäftigte am Mttwoch das Schöffengericht. Im Mittelpunkt der Verhandlung stund das Rittergut Niedergude, dessen ist wechselnde Eigentümer oder Pächter mit Verlusten und Schulden den Gutsbof verließen. Nur einige kamen durch das Gut zu Geld. Der letzteren einer ist, wie aus der Anklage heroorgeht, der Handelsmann Heinrich K ü h n e w eg zu Kussel, der das Gut kurze Zeit in Pacht hatte und es dann an einen Herrn Beth- nmnn weiter verpachtete. Der Abschluß des Pachtvertrages soll unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zustande getoinmen fein. Der Angeklagte Hütte seinem Reslektanten die Versicherung gegeben, daß das Gut einen Ernteertrag von 10 bis 15 Ztr. Körner pro Morgen habe. Der Vertrag kam zustande, und dabei ließ sich K nock, das Inventar mit 20000 Mk. besonders bezahlen, wobei er dem Käufer resp. Pächter verschwieg, daß das gesamte tote und lebende Inventur nicht sein persönliches Eigentum sei. Es gehörte zum Gute, und war den Hypothekengläubigern mitverpsän- det. Ms B. das Gut nun in Bewirtschaftung nahm, stellte sich bald heraus, duß er gründlich hineingefallen sei. Er fand, und mehrere Vorbesitzer bestätigten das, daß der Ertrag der Felder kaum die HÄfte der versprochenen Menge betrage. Das Gut kam zum Zwangsverkauf, und das gesamte Inventar wurde mit- verkauft. B. stellte hierauf Klage wegen Schadloshaltung gegen K., und da Landgericht und Oberland- gericht bestätigten, daß eine arglistige Täuschung vorliege, so erlangte er auch ein obsiegendes Urteil. K. erklärte darauf, daß er vermögenslos sei und lesstete den Offenbarungseid. Daraufhin hatte B. auch noch die erheblichen Kosten des Klageverfahrens zu zahlen. Um wenigstens eine Genugtuung für den zugefügten Schaden zu haben, erhob B. Anzeige gegen K. wegen Betruges, worüber das Gericht heute verhandelte. Der Staatsanwalt beantragte eine Gefängnisstrafe von 6 Monaten, während der Verteidiger auf Freisprechung plaidierte. Mit Rücksicht auf die bisherige Straflosigkeit des Angeklagten erkannte das Gericht auf eine Gefängnisstrafe von 3 Monaten.
* Eisenach, 24. Februar 1911. Der Verein zur Hebung und Förderung des Fremdenverkehrs in Eisenach hat beschlossen, sich an der in Berlin statlfintenden inlernationalen Reife- und Ver- kehrsausflellung zu beteiligen und ein gut- gelungenes Modell von der Wartburg in ter Hauptsache zur Ausstellung zu bringen. Die Stadt Eisenach wird zu den ziemlich bedeutenden Ausstellungskosten einen ansehnlichen städtischen Zuschuß gewähren.
* .Herzes - Bogtei, 26. Febr. 1911. Der Bergmann Richard Schweißer von hier, zirka 50 Jahre alt, wurde am 23. Januar als
aus der Grube „Vordere Mommel" gebracht. Ihm war, während er vor Ort arbeitete, durch niedergehendes Gestein der Kopf zerfchmet- tert worden; der Tod trat augenblicklich ein.
Amt Geisa und Umgebung.
♦ Bacha, 25. Febr. 1911. Der diesjährig* Bezirkslag des Thüringer Fleis.cherver' band es wird dahier in den Tagen von 14. bis 16. Mai abgedalten.
* Ditlas, 24. Febr. 1911. Die am 10. März staltfindende ordentliche Gewerkenversamm- hing der Gewerkschaft „Großherzog von Sachsen" wird sich u. a. auch mit der Beschlußsassw g über die Nieverbringung zweier Schächte im Südseide ter Gerechtsame und Bewilligung der für die Inangriffnahme d r bezüglichen Arbeiten erforderlichen Mittel zu befaffen haben.
* Helinershausen, 26. Febr. 1911. Das elcknor S piegel'fche Ehepaar feierte heute in körperlicher und geistiger Rüstigkeit das Fest der goldenen Hochzeit.
* Oechsen, 26. Febr. 1910. In der Gewerkschaft Heiligenmühle sind jetzt 100 Mann beschäftigt. Zwei Lastautomobile, die je bis 200 Zentner tragen können, befördern Materialien vom Bahnhof Geisa nach ter Heiligenmühle. Die sechs Wohnhäuser werden bald im Rohbau dastehen. Der Bahnbau ist bereits bei Wenigentaft begonnen roorüen; in Kürze werden 30 Kroaten hier beschäftigt werden.
vermischter.
*♦ Ein 2. deutscher Wohnungskongreh wird in den Tagen vom 11. bis 14. Juni, also nach Pfingsten, in Leipzig abgehalten werden Man wird sich vor allem mit der stävttschen Boden frage und der Finanzierung unserer Bautätigkeit im allgemeinen be« fasten.
*♦ Ein Denkmal für Gefallene Deutsch-Südweft- astika>Krieger ist aus dem Hyf der Kaserne des Telegraphenbataillons in Berlin in Anwesenheit des Chefs der Verkehrstruppen enthüllt worden.
** Der Verband deutscher Handelsgärlner, der dieser Tage in Berlin seine Hauptversammlung adhielt, jprach sich sür die Errichtung von Gartenbaukammern unter Angliederung an die Landwirtschaftskammern, aber gegen die Angliederung an Handwerkskammern ans.
— Unnötige Furcht. A.: „Ich bin jetzt in ein sehr feines Haus gezogen, va ist sogar ein Personen- auszug drin! Ich werde ihn aber nicht benützen." — B.: „Ja, ja, die Dinger sind zu gefährlich. Sie fürchten sich gewiß auch?" — A.: „Fürchten? Nee — aber ich wohne Parterre!"
— Annonce. Der Pedell Schwämme! hat in seiner im Unwersilätsgebäude befindlichen Amtswohnung ein kleines Zimmer übrig, das er zu vermieten bejchließt. Er betritt den nicht mehr unge- wöhnlichen Weg der Annonce und läßt ins ,Tage- b alt' einrücken: „An Studierenden ist ein möbliertes Zimmer zu vermieten; Kost und Universität im Öftuk/
— Ungeeignet. Weinhändler (zu dem ftelle- suchenden Retz enden,: „Sechzig Jahre sind Sie alt? , . . Hm! ... Da kann ich Sie nicht brauchen — ein tüchtiger Weinreisender wird keine sechzig Jahre alt."
Am Gberheffen u- den Hess. Aemtern.
A Marburg, 26. Febr. 1911. Seit einigen Tagen führen die Lahn und ihre Nebenflüsse Hochwasser. Im Süden unserer Stadt, bei den Dörfern Argenstein und Roth, sind die Niederungen völlig überflutet. Das gesamte Ohmtal von Bürgeln bis Kirchhain, Schweinsberg und Homberg bildet wieder einen großen See. Manche Gehöfte sind völlig vom Verkehr abgeschnitten. — Wie in der letzten Stadtverordnetrnsitz- ung mitgeteilt wurde, haben die Sammlungen für ein Denkmal für den berühmten Marburger Chirurgen Professor Wilhelm R o s e r, der am 16. Dezember 1888 starb, die Summe von 6500 Mk. erreicht. Das Denkmal, das seinen Standott an dec Ecke Ketzerbach-Roser- sttaße erhält, soll noch in diesem Jahre eingeweiht werden, die Stadtverordneten bewilligten die für die Herstellung des Platzes nötigen Mittel. — Ferner wurde einem Anttag die Zustimmung erteilt, zur Heranziehung von Industrie nach Marburg den ersten Un= ternehmem Vergünstigungen beim Bezug von Gas- und Elettrizität zu gewähren.
* Marburg, 26. Febr. 1910. In den Abendstunten des 23. Januar zog abermals em Gewitter über unsere Gegend hinweg, das von starken Regengüssen begleitet war.
* Kirchhain, 25. Februar 1910. Infolge Achsenbruchs stürzte gestern morgen vor dem AmSneburger Tor der Petroleumwagen eines hiesigen Landwirtes um. Ein Drittel der aus 16CÖ Liter bestehenden Ladung lief auf die Straße. — Rach dem Rechnungsabschluß der Krankenkasse für den Kreis Kirchhain sind im Jahre 1910 475 männliche und 109 weibliche Mitglieder erkrankt. Die Zahl der Unlerstühungslage für männliche Mitglieder betrug 11 593 und die der weiblichen Mitglieder 2975.
* Ziegenhain, 25. Februar 1911. Infolge der durch die Regengüsse eingehetenen Schneeschmelze in den Bergen ist das Wasser der Schwalm hochangeschwollen und an verschiedenen Stellen aus den Ufern getreten.
= Fritzlar, 20. Febr. 1911. Die Post beab- sichtigt, am Marktplätze, in der Werk!-, Georgi- und Hadamarstraße unterirdische Fernsprech- Kabel anzulegen. Der Plan liegt vom 25. Februar ab vier Wochen lang im Postamte zur Einsichtnahme auf.
Literarisches.
„Kolonial-Handels-Adrctzbnch 1911“ (15. Jahrgang).
Preis 2,80 M. Verlag des Kolomal-Wirtschaft- lichen Komitees, Berlin NW. 7, Unter den Linden 43.
Der erste Abschnitt gibt wieder einen Mberblick Über die Behörden in Deutschland und den Schuhge- bieten, die Schutztruppen, deutschen Konsulate im Aus- lande, kolonialen Institute und Vereine, koloniale Zeitungen und Zeitschriften und Miffionsgesellschaften. Im zweiten Teil sind die neuesten Daten über Handel und Verkehr in und mit unseren Schutzgebieten nlcder- gelegt. Reu ausgenommen wurden die Tarife und Fahrpläne der inzwischen neu in Betrieb genommenen Eisenbahnen. Besonders wertvoll macht dieses Kapitel die Aufführung sämtlicher Plantagen-, Farm-, Handels- und Minen-Gesellschasien mit Angabe des Sitzes, Kapitals usw. Der dritte Teil enthalt wieder allgemeine Angaben, wie Anleitungen für Auswanderer! und Bewerber, über frachtfreie Paketbeforderung für die Marine, Tabellen der Münzen, Matze und Ge- Wichte, über Düngung tropischer Nutzpflanzen chw. Ein Bczugsquellenverzeichnis in alphabetischer üolge gibt über Exportartikel nach den Kolonien Anfjchlutz. Karten der Kolonien mit wirtschaftlichen Erläuterungen erleichtern die Uebersicht.
Handel und Jndnftrie.
* Berlin, 25. Febr. 1911. An der Börse erfolgte auf allen Umsatzgebieten weitere Deckung und Rückkäufe, sodaß die schon gestem zum Durchbruch gekommene Erholung weitere Fortschritte machte. Im Vordergrund^ des Interesses standen Canada. Am Mon- tanmartt sanden starke Meinungskäufe statt, besonders in Laurahütte. Banken lagen unter Führung von Diskontanteilen durchweg fest. Tägliches Geld 2% Prozent llitimogelb 3U Prozent. Privatdiskont 3 Prozent.
Reklamen- „nd Anzeigenteil.
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Altbewährte Nahrun/i k fürKmderundKra»1
Die weiße Lilie tum tatofee.
23 Roman von Erich Friesen.
Und seltsam — als das schwere Seidenschleppgewand das schlichte Wollkleid eine Sekunte lang streift — da messen die beiden Frauen einander mit den Blicken. Die grauen tiefliegenden Augen Frau Jngeborgs erscheinen fast schwarz vor Erregung und auch in Gräfin Isoldes matten, dunkelnmrändertcn blitzt cs unheimlich auf.
Sie haben einander erkannt, die beiden Todfeindinnen. Noch niemals standen sie einander gegenüber, rrb doch erkennen sic einander: die Gräfin die „Nebenbuhlerin in dem Herzen ihres Gatten" an der Aehn- lichkeit mit einer kleinen Photographie, die sie in einem Geheimfach des Schreibtisches des Verstorbenen fand — Frau Jngeborg die „kokette Schlange, die ihr den Bräutigam stahl", aus der Beschreibung ihres Sohnes, des Grafen Winftied.
Einige Sekunden ruhen die haßerfüllten Blicke beider ineinander. —
Dann senkt die Gräfin die Lider vor dem stolz- verächtlichen Blick der andem. Hochmütig wirft sie ben Kopf in den Racken und schreitet ohne Gruß vorbei.
Gleich daraus rollt der Wagen mit ihr davon.
Frau Jngeborg aber eilt ins Haus, direkt auf ihre zu, mit einer Heftigkeit, wie Lilia sie noch «l- bei der Mutter gesehen.
„Was wollte dir Frau bei uns? Ist sie gekommen, mn Unftieden zu säen? Hat sie Dir böse Worte gesagt? Hat sie von mir gesprochen?" ftikgt es tn einem Atemzuge von ihren erblaßten Lippen.
„Nein, Mutter, nichts davon", tröstet Lilta. „Sie sprach gar nicht von Dir. Kennst Du denn die Gräfin Althos?"
Ein Ausdruck tödlichen Haffes entstellt stir einige Augenblicke Jngeborgs edle Züge.
„Ob ich sie kenne!" stößt sie verächüich heraus. .Sie ist es, die mein Leben vergiftet hat! Nir mietet varf sie mein Haus betretens Rief
Lilia erschrickt bis ins tieffte Innere. Ein neuer Abgnmd tut sich vor ihr auf.
In noch weitere Ferne gerückt erscheint ihr der Stillgeliebte.
Und ihre Seele weint und schluchzt.
Gräfin Isolde aber fitzt am selben Abend vor dem Schreibttsch ihre? verstochenen Gatten und wühlt mit bebenden Händen in den hinterlassenen Papieren, bis fe eine kleine Photographie aus dem Wust herauszieht.
Den schmerzenden Kops in die linke Hand gestützt, hält sie mit der Rechten das Bild dicht vors Gesicht und studiert mit brennenden Augen Zug für Zug des schönen edlen Frauenanilitzes.
„Sie ist e»! Sie, der fein Herz bis zum Tode gehörte!" stöhnt sie. „Unb ihre Tochter liebt mein Sohn!'
Bitter lacht sie auf. Dann zerreißt sie das Blld In kleine Stücke und wirst sie in den Papieckorb.
„Gut, daß er fort ist! Mag er fort bleiben! Lieber will ich einsam sterben .als daß mein Sohn dieses Mädchm heiratet!"
Nicht läßt sie wie sonst die verhängten Ampeln anzünden, damit das rosa Licht zacke Röte auf ihr erschreckend schmales Gesicht haucht.
Im Finstern bockt fie, die müden Glieder in die Polster gedruckt, auf ben seidenen Sessel und orübelt - grübelt--
Arme, verblendete Frau!
ir.
Einige Tage später. —
ES ist gegen Mitternacht.
Wie eine ungeheure, im Meere träumende Sphinx liegt (Kapri da — die wundersame, berückende Sirenen- mit ihrem Eonnenlächeln hineinblendet in
Jetzt tot taghell strahlende- Mondgeflimmer. Eine jener märchenhaft träumeckschen, von milden Lüften durchhauchten Zaubernüchte, die flch beruhigend tn aufgeregte Herzen schmiegen und bedrückte Seelen Wte- bg Mt iMuer Lrbensfteudtalckt «Men.
Und dazu das Blitzen der Sterne im Gefunkel feuriger Diamanten. —
Da öffnet sich leise die Tur einer kleinen, zwischen silberglänzenden Olivenbäumen und dichtem Kaktus- gefttüpp fast versteckten Villa.
Eine zErliche, halbverommmte Gestalt schlüpft heraus und eilt hcsstig die Bia Tragara entlang.
Sie hat ein schwarzes Spitzentuch über den Kopf geworfen, das fast das ganze Gesicht verdeckt. Rur die großen tiefschwarzen Augen brennen durch das leichte Gewebe
Es ist die „geheimnisvolle Fremde", die vor einigen Wochen in Begleitung eines Herrn drunten an der Grande Marina mit einem Boot landete und nach kurzem Suchen die kleine versteckte Billa mietete.
Niemand kennt ihren Namen. Niemand weiß, wer sie ist oder woher sie kam.
Doch sieht man fie häufig, allein oder auch in Begleitung des Herrn, an besonders schönen Punkten der Insel malen, ohne daß jemals ein Mensch sich getraute, sie anzusprechen.
Die übergroßen Augen, deren dunkle Blicke wie vorwucksvolle Fragen an das Schicksal erscheinen, halten jedermann in einem bestimmten Bannkreis von ihr fern.
Niemand kennt die einsamen nächtlichen Spaziergänge der geheimnisvollen Fremden. Niemand weih, >oie unbezwingliches Verlangen nach tiefster Einsamkeit, ein glühendes Sehnen nach dem „Horizont be8 Unendlichen", dieses sittsame Madcheuherz erfüflt
Was hat ihr der Umgang mit Menschen bisher gebracht? Schmerz, Herzensooe, Verlassenheit.
Also — allein fetal Allein im Allerheiligsten der Natur! —
Auch heute steigt fie im klaren Mondenglanz von der Terrasse der Punta Tragara ben steilen Felsenpfad hinab.
Me Majestät des Weltalls umschwebt die Einsam- Dahinwandelnde und webt sich in ihre Gedanken, in ihre Träumereien und kühlt ihre brennenden Schläfen.
Ringsum kolossales, aufdüsterndes Gestein. Stell in» W«r abfsllmte Frlrbänge.Drüben be? starr in
die Lust stechende „Polhphem". Daneben der gewaltige „Monacone" Vor ihr die drei nebeneinander in riesiger Größe aus den erregten Wogen aufragenden „Faraglioni". , ’.
’ Zu 6eiben Seiten des Wegs, zwischen Felsen hervorlugend, dichsstchendeS, hochaufgeschossenes My» tengebüsch, durchtändelt vom frischen Nachtwind. — Die einsame Wanderin erschauert.
Ach, auch sie glaubte einst, sich das jungfräuliche Haupt mit dem Myrtenkranz schmücken zu dürfen.
Vorbei! Vorbei! — Die Schatten eines hacken Schicksals fielen auf ihr Leben, wie jetzt große Wol- kenschatten herab auf die Insel fallen und für kurze Zeit das Helle Mondlicht verdüstern.
Und weite: und weiter eilt fie — einen schmalen, an starrer Felswand sich enÜangschläugelnden Fußpfad dahin.
Hier läßt die dunkle Gestalt sich nieder.
Mtt großen, starren Augen blickt sie hinein in da- schäumende Gewoge, in dieses kochende, gurgelnde, vom Wind überheulte Gestüte, das weißleuchtenb die Stetawände heraufschwemmt, in Diamanten zerstäubt und gischend weiter wogt und schäumt.
Ties seufzt die Einsame auf. .
Welch eine unheimliche Zusammengehörigkeit zwi- scheu ihrem erregten Herzen und dem Meer dort unten! Ihr ist, als ob die gierig heraufleckenden Wellen sie mit ihrem Rauschesang einladen:
„Komm herab, du müdes Herz! Wir wiegen'dich in wundersame Ruh!" ,
Armes armes Herz, wie konntest du dem schützen- den Bmderarm entfliehen! Wie konntest du dich so ganz einem kalten, egoistischen, heuchlerischen Fremden anveckrouen! —
Unb tote konntest du bann, als du schon den Unweck dieses Menschen erkannt, aufs neue an ihn glauben? Me konntest du in Tagen heißer Sehnsucht dkch nur von dem Gedanken beherrschen lassen:
„Wann wird er den Schwur einlösen, den er der Todkranken gab? Wann wist) er kommen und dich zu seiner Gattin machen?"
Berg ebenes Hosten. (Fo rts, folgt.)