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üotationrdrncknnd Verlag der Zaldaer Ak- tiendmSerei in Zulda Senffprrcher Rr. 9.

BBS............

47.

Erstes Blatt.

Fulda, Montag den 27. Februar 1911.

38. Jahrgang.

Deatscher Reichstag.

Sitzung vom 25. Februar 1911.

Das Haus setzt die zweite Beratung des MUitSr- etatS fort.

Abz. zu Puttritz warnt vor zu großer Spar« Cleit, durch die leicht die Wehrfähigkeit leiden könnte.

eiuer Bevorzugung des Adels im Heere, von der gestern hier gesprochen ist, kann keine Rede sein. Leb­haft zu bedauern ist, daß sich in Baden Angehörige der Armee für die Sozialdemokratie ins ^1 gelegt haben. (Hört, hört! rechts.) Das sind die

en deS badischen Troßdlocks.

Abg. Dr. Paasch« (nalL): Eine Bevorzugung des Adels findet wohl statt. Hierüber, wie über manches andere, klagen wir von Jahr zu Jahr- aber geändert wird nichts. Die Herren am Regiernngstisch hören unS zu, Rappen die Akten zusammen und gehen er­leichterten Herzens mit dem Bewußtsein davon: Gott sei Dank, nun haben wir wieder ein Jahr Ruhe! «Heiterkeit.) Auch wen» kein Erlaß besteht, der sich gegen jüdische Reserveoffiziere richtet, müßte eS mit dem Kuckuk zugehen, wenn es der Verwaltung nicht möglich sein sollte, dnrchzusetzen, daß auch Juden Rrservrvsfiziere werden. Gleichwohl können wir die Resolution Ablaß nicht annehmen, weil sie die politische Gesinnung ausschaltet und wir der Aufiafsung find, daß Leute mit sozialdemokratischer Gesinnung doch nicht Offiziere werden können. In den mUitärischen Betrieben fehlt noch der rechte Kaufmannsgeist.

Slbg. Brandys (Pole) bittet mit Rücksicht auf die Landflucht mit der Aushebung von Bauern­söhnen nicht zu scharf vorzngehen, den Soldaten Ernteurlaub zu gewähren rind katholische Solbaten m katholischen Gegenden garuisonteren zu lassen, damit sie ihren religiösen Pflichten nachzukommen Gelegenheit hätten. Im weiteren klagt er darüber, daß die pol­nischen Angehörigen der Armee im Avancement über- gaugeu würden. .

‘Sbg. Liebermann v Sonnenberg (Wirtsch. Vgg.) legt dar, daß manche Mißstände, über die man sich früher in der Armee hätte beschweren müffen, doch schon beseitigt worden seien. Im weiteren polemistert er gegen den Abg. Noske von der St^ialdemolratie.

Abg. Stifkn (Soz.): Mit aller Energie müsse der »adavergehorsam m der Armee bekämpft werden. Diese Aufgabe fällt hauptsächlich der Sozialdenwkratie zu, da dre anderen Parteien, namentlich auch das Zentrum, mfiitärsromm geworden sind. Vom Kricgsmiuister möchte ich Auskunft erbitten über die Verteilung des befannten, vielbesprochenen Flugblattes an badische Soldaten, in dem sie ausgefordert wurden, an Kaijers Geburtstag den Gehorsam zu verweigern. Ich weise die Behauptung, daß die Sozialdemokratie mit biefem Flvabtatte in Verbindung stehe, zurück.

Bryr. Biii>d«sratsbevoNmächtig1er Generalmasor , Gebsattel erklärt auf eine Bemerkung des BorreünerS: I» Metz soll ein Regimentskommandeur eine Zigarren- ■abut m der Kaserne enigerichlet haben. Die Sache verhält sich so, daß diese Ztgarrensabrik aus einem eipj’s« Tabakarbeiter bestand. (HeiterkM) Zur Be- rikhmtmg der Soziolsemokrateu erkläre ich, daß der vay-rische Kriegsminister nieht beabsichtigt, den Truppen Vic' Anfertigung von Ware» im eigenen Betriebe zu gestatten. _ E

Abg. Gotheiu (Volksp.): Den Ausspruch, daß unsere Heeresausgaben eine Friedensprämie feien, haben wir schon ost gehört. Trotzdem aber sind und bleiben die Heeresausgaben unproduktive Werte. Rechnet man dazu noch den Ausfall an ^roduklions- nieiten hinzu, der dadurch entsteht daß hunderttaufende von jruogen Leuten durch ihre Heerespflicht der nationalen Arbeit entzogen werden, dann ist diese Friedcnßprämte doch red)t hoch. Weiter tritt Redner für Abrüstung ein und fordert Gleichstellung der Juden im Heere. In Bayern und Württemberg können Juden Referveoffiziere werden, in Preußen nicht.

Kriegsminister v. Heringen: Die Angriffe ans die adeligen Regimenter find vollständig unbegründet, denn die adligen Offiziere kämpfen tut Felde mit derselben Bravour wie die Bürgerlichen. (Zurufe von links: Ja, waruui machen sie denn solche Unterschiede?) Jnbezug aus die Uniformierung wirtschasteu wir so billig wie nur möglich. Gewiß ist die Uniform etwas äußer­liches, aber sie ist doch für den inneren Seist der Armee nicht ganz bedeutungslos, und dann werden Eie von uns doch nicht verlangen wollen, daß wir »uiere Leute wie die Straßenkehrer hemmschicken sollen. I» der Jndensraae iS die Rechtslage vollkommen

als

ne

klar: Rach Recht und Gesetz darf niemand seiner Konfession wegen zurückgesetzt werden. Ich werde «den sachlich substantiierten Fall, der zu meiner Kennt­nis gelangt, ernstlich nachprüfen. Wenn ich wüßte, daß Zurücksetzungen erfolgen wegen Antisemitismus, o würde ich Redenmr eintreten laflen» aber ich be- trette, daß unsere Armee in antisemitischen Anschauungen

Preußischer Landtag»

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 25. Februar 1911.

Die Etatsberatung wird beim Etat her direkten Steuern fortgesetzt. „,

Abg. v. Bockelberg (kons.) erklärt sich mit den gestrigen Ausführungen des Fianzministers zu der dem- nächstigen Steuerreform einverstanden und wünscht, daß die Landräte in der Steuerveranlagungskommission

besangen ist.

Abg. Graf Carmer-Oste« (kons.) bittet in der Be­legung kleiner Garnisonen mit Soldaten fortzufahren, besonders in Stftbten im Osten der Monarchie.

Abg. Linz <Rp.) erklärt, seine politischen Freunde würden der freisinnigen Resolution zusttmmen.

Abg. Raab (wirtsch. Vgg.) polemisiert in längerer Rede gegen daS Judentum. Der Jude sei zum Vorgesetzten nicht geeignet. Die ganze Ausmachung deS Juden, sein ganzes Beußere, die Form seines Ge- sichtsvorsprungeS müßten bei den Soldaten Heiterkeit erwecken. Er bezweifle, ob der Jude im Ernstfälle seinen Mann stellen würde. Im Frieden, wenn keine Kugeln pfeifen, sei es ja eine eine ganz hübsche Sache, Reserveoffizier herumzustolzieren.

Montag: Fortsetzung.

nicht bestritten werden könne, daß sich die wirtschaftliche Lage des Proletariats, wenn auch langsam, gehoben habe- das beweise außer anderen Umständen auch die Einkömmensteuerstatistik. (Heiterkeit und Hört, hört! im Zentrum.) Nicht nur die christlichen Gewerkschaften haben das Bedürfnis, die Steigerung der Löhne nach- zuweisen, sondern auch die sozialdemokratischen Gewerk- schatten haben das Bedürfnis gehabt, die Wirksamkeit ihrer Tätigkeit für die Steigerung der Löhne durch Lohnstatistiken nachzuweisen. Ich will darauf verzichten, die Lohnstatistik von elf sozialdemokratischen Verbänden hier anzusühren. Der Sozialdemokrat Manrenbrecher hat nach dem Nürnberger Patteitag m einer Versammlung gesagt, die Zeit der Theoretiker fei vorbei, es müsse den Mauen gesagt werden, daß die Periode der Marx und Engel vorbei fei. Das Deutsche Reich Halle 1870 40 Millionen Einwohner, jetzt 65 Millionen. Ist es nicht eine ehrenwerte Tatsache, daß wir biete Bevölkerung im Lande erhallen konnten und im eigenen Lande ernähren konnten? (Sehr richtig! im Ztr.) Wir streben vorwärts dann, die Löhne und die Lebensbedingungen der niederen Klaffen zu »er« bessern und sie mehr und mehr an den Kulturaufgaben teilnehmen zu laffen. Wir sind alle auseinander ange­wiesen und werden uns durch keine sozialdemokratischen Reden davon abbringen lassen.

Abg. Klocke (Ztr.): Ich kann von dem Streit der Meinungen in ein ruhigeres Fahrwasser übergehen und auf die Behandlung der ländlichen Grund« stücke bei der Veranlagung zur Ergänzungs- steuer Hinweisen. Früher war der gemeine Wert zu­grunde gelegt, feit der Novelle von 1906 war der Kauswert und Pachtpreis maßgebend. Bei der Novelle von 1909 wurde ein Kompromiß geschlossen und der Ertrags wert nach dem Reinertrag, den ein Grund­stück nach feiner wirtschaftlichen Bestimmung nachhaltig gewährt, zugrunde gelegt. Die Regierung bedauerte diesen Beschluß, nahm ihn aber an und stellte fest, daß in Zukunft der Kaufwert und Pachtpreis nicht mehr zugrunde gelegt werden dürfe. Da fragt es sich aber, ob die Ausfrihrungsbesiimmnngen zu dem Gesetz wirk­lich dem Gesetz entsprechen. Dann wird nämlich ge­sagt, daß auch die Nachweisungen über Kauswert und Pachlpreis auf dem Laufenden zu halten seien, und daß der Ertragswerl im allgemeinen in dem Pachtpreis zum Ausdruck komme. Die AuSführungsbestimmungen enthalte« also eine Schematisierung, während das Ge­setz gerade die Individualisierung vorschreibt. Oft werden zu hohe Pachtpreise gezahlt, weil die Leute, die selbst wirtschaften, ihre Arbeitsleistung nicht richtig einrechnen, oder weil jemand bei seinem Privatvermö­gen es sich leisten kann, für jeden Preis ein Gut zu haben. Bei der Zugrundelegung des Pachtpreises werden auch die Leistungen nicht berücksichtigt, die der Verpächter übernommen hat, zum Beispiel für Repara­turen nsw. Der Pachtpreis bietet also keine Grundlage für die Berechnung des Ertragswertes. Dasselbe gilt für den Kaufwert. Früher stellte die Praxis den Kauf- wert dem gemeinen Werte gleich, der § 11 der Novelle von 1909 beseitigte den Kauswert, und 1910 kommt der Finanzminister und lagt, der Kaufwett soll maßgebend sein. Wir verlangen, daß die Aussührungsbestimmun- gen so revidiert werden, wie es der Absicht des Gesetzes und des Hauses entspricht. (Beifall.)

Generalsteuerdirektor Heinke erwidert, daß bei Mangel an Zeit man in den Aussührungsbestimmungen zu diesem Modus gezwungen worden sei. Der Pacht­preis gebe, wenn er nicht anormal fei, eine gute Grundlage zur Veranlagung. Sollten sich Härten Herausstellen, so würde man diese bei der Reform gern beheben.

Abg. Frhr. v. Maltzahn (kons.) ist ebenfalls der Meinung, daß der Ertragswett in Betracht kommen müsse.

Abg. Dr. Pachnicke (Vp.) wünscht, daß der Landrat aus der Veranlagungskowmisfion entfernt werde.

Abg. Herold (Ztr.) gibt zu, daß der Pachtpreis eine gute Grundlage zu den Veranlagungen gebe, daß aber der Fehler darin liege, daß man zu der Pacht- fumme noch eine Verzinsung des Betriebskapitals mit 4 Prozent hinzurechne. Auf diese Weife komme man auf einen zu hohen Wert. Auf jeden Fall muffe der Ertragswert, der als Grundlage bei der letzten Novelle festgesetzt worden fei, auch in Zukunft beibe­halten werden, daß das Gefamtsteuersoll nicht höher ist, als bisher, und daß, falls die Zuschläge in Wegfall kommen, der plutokratische Charakter dieses Gesetzes nicht verschärft wird. (Beifall i. Zentr.)

Abg. Stroebel (Soz.): Der Finanzminister scheint keine Ahnung davon zu haben, daß es so etwas gibt.

verbleiben.

Finanzminister Dr. Leuhe tritt dec Bemerkung des Abg. Ströbel entgegen, daß Preußen unsozial sei. Alle sosialpolitiscken Gesetze, die im Reiche zustande ge- kommen sind, sind mit Einwilligung ober auf An­regung von Preußen erfolgt, und Herr v. Berlepsch, dessen Namen mit der Sozialpolitik verknüpft ist, war ein preußischer Minister. Unser soziales Empfinden haben wir auch dadurch betätigt, daß wir das Schul­geld an den Bolksschnlen haben fallen lassen. Eine soziale Tat war auch die Arbeiterschutznovelle im Reichstag betr. Sonntagsruhe, Maximalarbeitstag für Arbeiterinnen und Schutz der weiblichen »l: beitet« «uch die Regelung der Einkommen- und Vermögens, steuer, wobei die unteren Einkommen und Vermögen freigelassen sind, hat einen sozialen Charakter. Di- Einkommen bis zu 900 Mark find steuerfrei, und wer 900 Mark hat, zahlt 6 Mark, während der sozial- demokratifche Arbeiter an die Parteikasse jährlich 20 Mark zu zahlen hat. Wenn die Sozialdeiiwkratie nicht mit der Grenze von 900 Mark zufrieden ist, sondern die Steuerfreiheit noch weiter ausdehnen will, so tut sie das nur, um für ihre Parteikasse mehr zu erhalten. ES ist eine Ungehörigkeit, ja es gehött Verblendung und Fanatismus dazu, solchen Tatsachen gegenüber von, unsozialen Staatzu sprechen. Die Sozialdemo­kraten besteuern ihre Mitglieder in ganz anderer Weise wie der Staat. Die Angriffe des Abg. Ströbel waren ungerechtfertigt und frivol. (Abg. Hoffmann ruft: Dem Minister ist alles erlaubt! — Der Präsident: Der Münster fpricht auf Grund des verfassungs­mäßigen Rechtes. Abg. Hoffmann: Das erlaubt einen solchen Ton ? —Unruhe rechts.) Ich will immer im parlamentarffchen Ton bleiben, und ich will daher das Wort „frwol" ändern und sagen, die Angriffe sind so unbegründet und unhaltbar wie nur möglich. Es ist der ernste Wille und das feste Bestreben der Slaatsregierung, alle Zensiten gleichmäßig mit ihren Einkommen heranzuziehen. Aus diesem Grunde steht t>ie Regierung auch auf dem Standpunkt, daß eine Selbfiemschätzung für die Ergänzungssteuer unbedingt eingesührt werden muß.

Abg. Giesberts (Ztr.): Der Minister sollte ver­suchen, uns eine Statistik vorzulegen, die auf der einen Seite feststellt, welche Steuern insgesamt in Staat, Kreis und Kommune erhoben werden, und auf der anderen Seite ermittelt, welche Aufwendungen in Staat, Kreis und Kommune gemacht weiden. Eine solche Statistik würde sehr lehrreich sein. Der Abg. Stroebel behauptet, der „Schwindel" von der Hebung der unteren Klassen werde durch die Einkommensteuer- ftatiftit widerlegt. Ich verweise ihn auf den „Vorwärts", welcher am 22. Dezember 1909 geschrieben hat, daß

wie inbtrefte Steuern, welche die Mafien schr schwer bedrücken. Zu diesen indirekten Steuern kommt der Tribut an die Junker und die Brotwucherer sowie die Fleischwucherer. (Lachen rechts.) Der Abg. Giesberts hat meine Ausführungen verdreht. Ich habe nicht von einer Berelendungstheorie gesprochen. Das Zen­trum hak alle Lasten auf die Mafien legen Helsen: Brotwucher, Fleischwucher, Fmanzreform. (Widerspruch im Zentr.) Haben Sie den Zolltarif nicht mitqemacht? (Zuruf im Zentr.: Das ist doch kein Wucher!)

Abg. Giesberts (Ztr.) persönlich: Das Wort „Ber- elendungstheorte' hat allerdings der Abg. Stroebel gestern nicht gebraucht. Die Tendenz seiner Rede ging aber dahin, daß es den Arbeitern in Deutschland herz­lich schlecht geht. Ueber Brotwucher usw. würde ich mich einmal sehr gern mit Herrn Stroebel unterhalten. Leider geht es hier heute nicht.

In der Spezialdebatte wünscht

Abg. Lieber (natl.) eine Erleichterung der Kataster­gebühren für dre kleineren Grundbesitzer.

Abg. Bartscher (Ztr.) führt Klage über Lehrlings- züchterei in Katasterämtern. Man solle die jungen Leute anstellen und ausreichend honorieren.

Finanzminister Dr. Lentze verhält sich der Anregung des Vorredners gegenüber ablehnend, da sie eine große Beamtenvermehrnng zur Folge haben würde.

Abg. Reinhardt (Ztr.) wünscht eine Vermehrung der Beamten der Katasterämter, da letztere zu belastet seien.

Abg Bartscher (Zentr.) tritt für Besserstellung der Kanzleihilssarbetter bei den Einkommcnsteuerveran- lagungskommifstonen ein.

Generalftenerbirektor Heinke erwidert, daß es sich hier nicht um Beamte, sondern um private Angestellte handele, der Staat sie also nicht aufbeffern könne.

Montag: Handelsetat.

TDieWahlmKemPten-Jmmenftadt.

Lindau, 25. gebe. 1911. Bei der Reichstags- ersatzwahlim Kreise Kempten-Jmmenstädt erhielten Amtsrichter Emminger (Zentrum) 11856, Rechtsanwalt Thoma (liberal) 10588, Go elzer (Sozialdemokrat) 3808 Stimmen. Es findet also Stichwahl zwischen dem Nationallibe' ralen und dem Zentrumskandidaten statt-

Das ist das Ergebnis, das von Anfang an zu erwarten stand. Wir im Jahre 1907 so wird auch jetzt erst der zweite Wahlgang die Entscheidung zwischen Zentrum und Liberalen bringen. Damals erhielten im ersten Wahlgang Schmid (Zentr.) 12019, die Liberalen 10633, die Sozialdemokraten 1999 Stimmen, in der Stichwahl wurde dann Schmid mit 13 836 gegen 10831 Stimmen gewählt. Die liberale Presse schwelgt in Entzücken. DaS ,Berl. Tageblatt' jubelt:

„Der äußerste Südwesten hat bei der Nachwahl im Äeichstagswahlkrrise Jmmenstadt im wesentlichen bestätigt, was die Nachwahlen im äußersten Nordosten, in Lyck-Oletzko und Labiau-Wehlau erwarten ließen. In der preußischen Provinz Ostpreußen waren es die konservativen Agrarier, mit denen die Wähler abrech­neten Im bayerischen Regierungsbezttk Schwaben wird jetzt daS Zentrum an die Reihe kommen."

Es ist einfach Unfug, den Wahlausgang in Jmmenstadt mit Lyck-Oletzko und Labiau-Wehlau in Vergleich zu stellen. Der Wahlkreis Jmmenstadt ist von jeher ein sehr schwieriger für das Zen­trum gewesen. Wenn jetzt unter besonders un­günstigen Verhältnissen — Reichsfinanzreform, be­sonders Biersteuer, die für Bayern erheblich mehr bedeutet als für uns in Preußen — daS Zentrum seine Position behauptet hat, so ist das keines­wegs eine unrühmliche Niederlage. Die Stimmen­zahl des Zentrums ist um etwa 150 gefallen, ein Ergebnis ins es, das uns nicht aufregt. Gerade im Allgäu spielt die Heimatpolitik eine große Rolle, und das Mehr von Stimmen, das 1907 Schmfib erhalten hat, kann ohne weiteres dem Umstande zugerechntt werden, daß Schmid Einheimischer war und im ganzen Allgäu in hohem Ansehen stand, deshalb auch manche Stimmen erhielt, die dem orts­fremden Kandidaten vorenthalten wurden. DaS

Ar miße Lilie mm Arische.

24] Roman von Erich Friese».

(Fortsetzung aus der Beisttge.)

Er tarn — nicht.

Die Einsame auf der Felsbank fröstelt.

Der Mond har sich goirz hinter eine dunkle Wolke verkrochen. Fast schwarz erscheint daS Meer.

Roch einen letzten sehnsüchtigen Blick wirst sie hin- utrter auf das schäumende, lockende Wasser--

Daun zieht sie zusammenschauernd den Schal fester über das feuchte Haar und stürzt, wie von Furien ge­jagt, davon.

Eine internationale Tadle d'hote! Welch nervm- kitzelndes Wort für manche OhrenI

Und nun gar eine internationale Tadle d'hote auf Capri!

Im Hotel Pagano hat fachen die Glocke zum „Pranzo" gerufen. Hungrig strömt es von Terrassen, Korridoren, Treppen nach dem eleganten Speifesaal, dessen Wände mit Gemälden namhafter Künstler ge­schmückt find.

Bald fitzt alles um die lange Tafel herum. Nur Kvei Stühle, ganz am Ende, find noch leer.

Si«f diese leeren Stühle konzentriett stch die allge- meire Aufmerksamkeit.

Zwei neue Gäste find vorhin mit dem Dampfer ein- getroffen, erflchtlich Mutter und Tochter. Und wer den VoMg hatte, bereits einen Blick auf die jüngere Dame zu werfen, der kann ihre Lieblichkeit und An- mut nicht genug Preisen.

Die Suppen-Ouvertüre des „Pranzo' ist bereits ^vorüber. Jedermann delektiett sich an dem Fisch- Motiv.

Da rückt ein Kellner dienstbeflissen die leeren Stühle am Ende der Tafel zurecht.

Die neuen Gäste find soeben eingetreten.

Kritische Blicke aus blauen, braunen, schwarzen -und grauen Augen musiem die beiden Damen. Man

scheint zufrieden zu sein und bereit, die Neulinge freundlich zu empfangen.

Die ältere Dame in dem einfachen dunklen Tuch­kostüm jedoch scheint nicht gewillt zu sein, rasch Freund­schaft zu schließen. Mit einer höflichen, aber kühlen Verbeugung nach links und rechts nimmt sie schweigend Platz, während das junge, weißgekleidete Mädchen, leise Röte auf de» Wangen, die Lider beharttich ge­senkt hält.

Roch nie ist Lllia Balelli in Gesellschaft Fremder gewesen. Die vielen neugierigen Blicke ringsum ver­wirren sie.

Ihre Nachbarin, Anita Casablanca, eine Malerin auS Rom, deren Schönheitssinn bei dem Anblick die­ses „wundecharen Teints', dieses „herrlichen Haa­res^, dieses „entzückenden Oehrchens', schwelgt, ver­sucht, mit ihr eine Unterhaltung anzuknüpsen. Und da sie eS mit der ihr eigenen Herzensgüte tut, schwin­det bald LiUaS Defangmheit, und fie spricht und lacht, als wäre fie zuhause.

Bald ist die junge Deutsch-Italienerin der Lieb­ling des ganzen internationalen Publikums auf Capri. Alt und Jung, Männlein und Weiblein — jedermann freut sich über ihre ungekünstelte Anmut, ihre frische Natürlichkeit — sei eS bei den gemeinsamen Boot­partien ober den abendlichen Tanzvergnügungen, bei den Spaziergängen nach Anacapri hinauf ober den Tarantellatänzen und Volkgesängen im „Kater Hid- digeigei'.

Anita Casablanca hat ihr Porträt gemalt und im Bazar deS „Rater Hiddigeigei' ausgestellt, und nie­mand verläßt den Bazar, ohne einen freundlichen Blick auf den liebreizenden Mädchenkopf zu werfen.

Meder beginnen zarte Rosen auf LiliaS Wangen zu erblühe«. Alles, was fie die letzte Zell hindurch quälte, scheint ihr in weite Feme gerückt. Rur Win­fried» Bild schwribt über dem Ganzen wie ein leuch­tender Etem — unerreichbar, aber in strahlendem Glanz.

Frau Jngeborg selbst hält sich von jeder Gesellig­keit zurück. Eie fiat die nicht ganz unrichtige Em­pfindung, daß all die Leute, die jetzt so freundlich zu ihr und Ihrer Tochter sind, sich schr schnell von ihnen

zurückziehen würden, wenn sie wüßten, daß sie gesell­schaftlich so tief unter ihnen stehen.

Heute ist ein selten schöner, ruhiger Herbsttag. Kein Herbsttag wie bei uns im kalten Norden, da feuchte Nebel frösteln und das gelbgefärbte Laub nur darauf zu warten scheint, daß ein heranbrausender Wind es ganz von bannen fegt. Nein, einer jener wun­dersamen südlichen Herbsttage, die sich linde und be­ruhigend ins Herz schmeicheln.

Anita Casablanca hat Lllia zu einer Bootfahrt nach dem „Bagni bi Tiberio' aufgesordert — jenem wundersamen, weltvergessenen Purckt an bet Nord- feite der Insel, wo Kaiser Tiberius einst für sich unb seinen Hosstaat herrliche Bauten in das Meer hinein aufführen ließ, von denen aus er direkt in die blauen Wogen stieg.

Voll Freuden sagt Lllia zu. Ihre schönhetts- und wissensdursttge Seele nimmt alles voll Dankbarkeit entgegen und besonders der hochgchildete Geist der jun­gen römischen Malerin zieht fie mächttg an.

Von dem alten Fischer Alessandro geführt, gleitet das kleine Boot ruhig dahin.

Ha, wie die Sonnenlichter über den glatten Wasser­spiegel dahinzittern und tief hinein den Meeresgrund erhellen!

Welch wundersame Zauberwelt da unten! . . .

Leuchtende, smaragdgrüne Grasflächen mit flam­menden Blumen. Ueppig bemoste Felsblöckr in magi­schem Grün. Strahlende Sandflächen, von denen far- benschillernde Steine gleich riesigen Juwelen herauf- Litzen. ®aneben tiefschwarze Abgründe — zu tief für die tanzenden Sonnenstrahlen.

Die beiden jungen Mädchen tonnen sich nicht satt schauen an dieser fast überirdischen Pracht. Stumm bleibt ihr Mund. Sie fchen, fie fühlen nur.

Und eine unendliche Sehnsucht überfällt Lllia plötz­lich. Eine Sehnsucht, die sie bereits bekämpft zu ha­ben glaubte und die nun mit aller Gewalt wieder her­vorbricht - die Sehnsucht nach Wwfried

Ach, wenn er jetzt mit ihr im Doot säße! Wenn sie den warmen Druck seiner Hand fühlte den treuen Blick feiner offenen Augen auf stch geruhtet sähe, seine liebe tiefe Stimme hörte — —

Sie bedeckt die Augen mit der Hand, damit Anita Casablanca ihre aufsteigenden Tränen nicht bemerke..

Plötzlich in der Nähe leise Ruderschläge von einem ihnen entgegenkommenden Boote.

Die Barke kommt näher und näher . . .

Ein Herr und eine Dame sitzen darin. Der Hen rudert selbst.

Jetzt wollen die Boote aneinander vorbeiglellen.

Da hött Lllia chre Gefährtin erstaunt ausmfen: „Mercedes! Sind Sie es Wittlich?'

Die junge Dame in dem andern Boot zuckt zusam­men. Einen Augenblick ist es, als wolle sie den Kopf zur Seite wenden und tun, als habe sie den Anruf nicht gehört.

Doch nein. Hastig flüstert fie chrem Begleiter etwa) zu. Und dieser lenkt mit ein paar kräftigen Ruder- schlagen fein Boot dicht an das andere heran.

Rasch springt Anita hinüber und umarmt die junge bleiche Fremde herzlich.

Erregtes Geflüster zwischen den beiden:

„Sie sehen leidend aus, Mercedes —

„Ach, Anita, ich war auch dem Tode nah! Wie durch ein Wunder wurde ich gerettet. Aber mein Herz ist tot

„Armes Kind! Ich habe so ost an Sie gedacht . warum Sie nicht mehr in die Vatikanische Gemälde­galerie zum Malen kamen —*

„Sprechen wir nicht davon! Es zerreißt mir daS Herz!"'

Die beiden Mädchen haben sich auf die äußerste Bank des Bootes gesetzt.

Wahrend dir Fremde verzweifelt vor sich hinstiert, beobachtet Anita sie milleidig.

„Wohnen Sir jetzt auf Capri, Mercedes?"

„Wo?'

In einer kleinen einsamen Villa, mit meinem Bn» der zusammen.'

(Fortsetzung folgt.)