freude aus gekostet hat, hört das Miserere Hingen und fühlt das Aschenkreuz auf seiner Stime, auch wenn er am Mittwoch nicht in die Kirche kommt.
Zu Weihnachten geht es kindlich zu, aber zur Fastnacht kindisch und manchmal noch schlimmer.
Moses schlug an Fels«, und eS entsprangen ihm Quellen des lebendigen Masters, das die Dürstenden neu beichte. Unter dem Zeichen eines solchen Jung- brumrm» steht die Weihnachtsfeier. Das FastnachtS- tretben aber erinnert an Noe, der sich im Traubensast übernahm und infolge des entstanden« Angriffes einem seiner Söhne fluchen mußte. Es steht im Zei- ch« deS Alkohols, des körperlichen und seelischen Rauschzustandes. Wohl dem, der durch das Aergemis glücklich hindurch zu gehen vermag, wie die besonnenen Söhne Japhet und Sem.
DaS ist die Kunst, zwischen dem Unfinn und dem Unfug die rechte Grenze einzuhalten. Auch als „Narr* vernünftig zu bleiben und als „Geck* das Herz auf dem rechten Fleck zu bewahren, dar ist nicht unmöglich, aber schwierig. Wer es kann, der mag es wohl tonnen, wer es nicht tonn, der sollte sich nicht in den Strudel stürzen.
Respice finem, sagt der Lateiner, und das berühmte Sprichwort kann man in deutschen Versen etwa so wiedergeben:
Wenn dir im Kopf ein Plan sich regt, So rühr' nicht eher die Hände, Als bi» du dreimal überlegt:
Was hat da» Ding für ein Ende?
An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Das gilt auch von den Vergnügungen und allen sog. Ge- nüflen. Handle so, wie du am Tage nachher wünschen wich gehandelt zu haben.
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Der Mummenschanz zu Fastnacht hatte früher mehr Sinn und Zweck, al» heutzutage. Die Welt war damals strenger geordnet und mehr gebunden. Zwischen dm verschiedmm Stäuben und Klaffen warm starre Schrank« gezogen, nicht bloß im gesellig« Verkehr, sondern auch in der Tracht und der ganzen äußerm
Lebmsfühmng. Jeder mußte in seinem Geleise bleiben, und der Respekt der nieberen vor den höheren, der jünger« vor den älteren Schichten forderte die Beachtung strenger Formen. Bei dieser ftrengen Zucht machte sich -er Drang geltend, einmal im Jahre mal über die straff gespannten Schnüre zu hauen und die Zwangsjacke zeitweilig zu lüften. Schon die alten Römer hatten eine Art Karneval, bei denen die SHaven die Her- rm und die Enterbten die großen Männer spielten. Auch im gebundenen Mittelalter hatten Vertauschung der Tracht« und die Umkehrung der Ordnung noch einen erfrischenden Sinn und ausgleichenden Reiz. Aber was hat denn jetzt noch die Maskenfreiheit zu bedeuten? Da brauchen wir wahrlich nicht bis zu Fastnacht zu warten, wenn wir einen grünen Jung« in der Tracht und dem Gebaren eines großen Herrn einherstolzier« oder das Dienstmädchen mit einem Riesenhut auf aufgepolsterten Locken die gnädige Frau übertrumpf« sehen wollen. So etwas passiert ringsum an all« Sonn- und Ausgehtag«. Manchmal herrscht sogar an b« gewöhnlich« Werktagen die „verkehrte Welt*. Der Mummenschanz und da» sonsttge Fastnachtstreiben hat in unserer Zeit der Freiheit, Gleichheit und langweiligen Gleichmäßigkett fein künstlerisches Salz und sein« sozialen Pfeffer eingebüßt. Das ist meines Erachtens ein Hauptgrund für die bellagenswette Verrohung 'der Sache. Der Witzmangel soll ersetzt werden durch Nebergriffe in das Groteske, Häßliche, Widersinnige, und das Defizit an Freude soll gedeckt werden durch Alkohol und ge» 'chlechtliche Frechheiten. — Rühmliche Ausnahmen bilden leider nur Ausnahmen.
Dieses Jahr hab« gewisse Vereine wieder den Versuch gemacht, karnevalistische Auszüge und andere edlere Teile des westländischen Fastnachtstreiben» nach Berlin zu verpflanzen. Die Masse de» hiesigen Volkes hat dem ohne Verständnis zugeseh« und sich nur zu dm landesüblich« schnoddrig« Witz« beweg« las- s«, die im, schroffem Gegensatz zum Karnevalshumor steh«. Nach meiner Ansicht sollte man alle Verpflanzung»» ersuche aufgeben. Der Mißerfolg liegt nicht bloß an dem Charakter der betreffend« Bevölkemng,
Unpolitische Zeitkäufe.
(N.) Berlin, 23. Februar 1911.
(Nachdruck verboten.)
Weihnacht — Fastnacht. Welch' ein Unterschied!
Dort die heilige Nacht, hier die u n h e i 11 g e.
Zu Weihnachten spürt auch der sogmannte Freigeist einen Hauch von ob«, eine weihevolle Erhebung des Gemüts, eine religiöse Stimmung. Zur Fastnacht aber konunt der Hauch von unten, die Seele wird von den gröberen Trieben gedrückt und geknickt, es lös« sich die Beziehung« zum Himmel, die Menschen stürzen sich in rein weltliches, irdisches, allzu irdisches Gewimmel.
Zu Weihnacht« Engel, zu Fastnacht Bengel.
Die Weihnachtsfreude suchen wir im Hause, in ber traulichen Familienstube und gmießen sie in behaglicher Ruhe. Die Fastnachtsfreude sucht man draußen, auf der Gaffe oder in vollen Festsälen, unter eine Masse von Leuten, die uns weiter nicht verwandt sind, als durch dm gleichen Heißhunger nach krampfhafter Lustigkeit. Dort heißt es: Friede den Menschen, die eines guten Willms find! Hier aber ist die Parole: Trubel und Tollheit auf Erden, damit wir uns eine Zeitlang auf Gegenseitigkeit betäuben!
Zu Weihnachten wird gemütlich gelächelt, zur Fastnacht wird wiehernd gelacht. Zu Weihnachten sucht man i ein Behagen darin, daß man anderen eine Freude mamt. Zur Fastnacht will man sich selbst in Freuden ^rRöen, mag es noch so viel Schweiß und Geld ko- [ten- FH der Siebe, hier der Tummelplatz
der selbstsuchtlgen Triebe. Dort ein erquickender Gv- nuß, hier eine aufreibende Jagd nach einem verschwin- denden Phantom der Lust. Dort wird der Durst nach Herzensseligkeit gelöscht, hier verschmachtet man im Rausch vor lauter neuen Begierden.
Wenn man nach der häuslichen Weihnachtsfeier erwacht, so klingt einem das Gloria von Bethlehem im Herz«, und man wandert frohgemut zur jubelvollen Krippenandacht. Wer aber die f»genannte Fastnacht»»
M 46.
5-mrtag den 25. Mruar Ml-
38. 3abraong.
«fuldaer
2. Blatt.
vruck mm» Verlag der Fuldaer Acttendrnckerei in Fnida
Zeitung "
wochen-ttundjchau.
[:] Fulda, 24. Februar 1911.
Stm Donnerstag noch wußte ein liberales Blatt die gut verbürgte" Meldung zu bringen, daß Kaiser Wilhelm dm von der liberal« Presse geforderten Besuch inRom doch abfiatten werde, und es war bereits der Tag seiner Ankunft in Rom genannt, der 18. April. Die braven Preßschreiber haben pch ia redliche Muhe gegeben, aber zum Schluffe hat es ihn« doch nichts genutzt. Im Gegenteil, vielleicht ist gerade ihre Preßaktion mit die Ursache gewesen, daß der Kaiser auf einen möglicherweise geplanten Besuch in Rom jetzt endgiltig verzichtet hat Die kronprinzli- chen Herrschaften werden auf ihrer Rückreise von der Weltexpedition der italienischen Hauptstadt einen Besuch abfiatten, und die Gelegenheit benutzen, Bem König und der Königin von Italien die Glückwünsche des Deutschen Kaiserpaares zur italimischen Nationalfeier darzubringen. Jetzt endlich werden wohl die Klaffchmäuler in der liberalen Presse ihr Geschäft btangeben, allzu sichere Hoffnung hab« wir auf Grund langer Erfahrungen allerdings nicht. Es war zweifellos ein guter Gedanke, die durch die Preßerörterung, in Deutschland sowohl wie in Italien, hervorgerufenen Schwierigkeiten dadurch zu lösen, daß der deutsche Kronprinz als Vertreter des Kaisers in Rom erscheinen wird. Es wird die Kundgebung natürlich dadurch an äußerer Bedeutung etwas einbüßen, aber wenn man aus Rom hört, wie schlecht dort die Vorbereitung auf die Jubelfeier eingeleitet ist, und daß wahrscheinlich das Ende der Jubelfeier ein großer Skandal sein wird, so können wir wenigstens es nur als günstige Fügung betrachten, daß unser Kaiser nicht als glänzendes Paradestück den fehlend« Glanz binbringen wird. Die Kurie wird nach allem, was bekannt geworden ist, dem Besuch des deutschm Kronprinzm- paares in Rom eine gegen dm heiligen Stuhl gerichtete feindselige Tendenz nicht beimessen. Das gleiche gilt von den deutschen Katholiken. Etwas andere» wäre es natürlich, wenn die liberale Preßaktion dm beabsichtigten Erfolg gehabt hätte, dm deutschen Kaiser gewissermaßen moralisch zu zwingen, als Gratulant in Rom zu erscheinen, unter Verhältnissen, welche die feindselige Tendenz des Besuches gegmüber dem heiligen Stuhl offenkundig gemacht hätten. Nur nebenbei soll erwähnt werden, daß der andere Zweck, d« die liberale Preßaktion verfolgte, nicht viel rühmlicher war: es sollte Kaiser Wilhelm als Mitwirkender bei der Verherrlichung der Revolution erscheinen. Der Entschluß de» Kaisers, den Kronprinz« mit seiner Vertretung zu beauftragen, kann von uns deshalb mit großer Freude begrüßt werden, weil dadurch die gekennzeichneten liberalen Pläne nicht gerade rühmlich zu schänden gemacht worden find.
Ein Privatbeamtentag hat am Sonntag in Berlin Stellung zu der Vorlage über die Privat beaintenverstcherung genommen. Von freisinniger und sozialdemokratischer Seite waren Sprengkolonnen gebildet worden, die die Beratung« durch Kundgebungen für ben Ausbau der Invalidenversicherung «tge- gen dem Verlangen nach einer eigenen selbständigen Privalbeamtenversichemng störten. Die Regierung, die ihre Verschleppung der Sache immer wieder mit dem Hinweis auf den Zwiespalt im eigenen Lager begründet hat, hat daraus neue Nahrung geschöpft. Bereits jetzt wird mit offiziösem Anstrich verkündet, die Vorlage werde vorläufig im Bundesrate nicht zur Beratung gestellt werden, „da die Absicht vorliegt, zunächst die öffentliche Kritik weiter sprechen zu lass«, ehe der Bundesrat seine Entschließungen faßt. Da die Jnter- essenjen zu einem Teile auf dem Standpunkte stehen, daß der Entwurf wohl brauchbare Grundlagen enthält, in feinen Einzelheit« aber noch recht reformbedürftig fei, so ist es nicht ausgeschlossen, daß nach Rücksprache mtt den Jntereffentmgrupp« und den Fraktionen des Reichstages der Entwurf erst einer weiteren Bearbeitung unterzogen wird, ehe er dem Reichstage zugeht." Auf deutsch: Die Sache wird wiederum mindestens ein Jahr, wahffcheinlich aber mehrere, verschleppt werd«. Die Schuld daran tragen dann die Störenfriede, dir eigentlich bei ber ganz« Sache nichts zu such« haben.
Die Gmeralversammlung des Bundes der Landwirte, die Heuer zum erft« Mule im Berliner Sportpalast ftattfanb, erhielt ihren besonderen Charakter durch die scharfe Kampfansage, welche seitens des Bundes an die Nationalilberalm und deren
Schutztruppm, Hansabund und Bauembund, erging. Selbstverständlich find die Führer deS Bundes sich der Schwierigkett und ber Gefahren des bevorstehend« Kampfe» bewußt. Aber baß in dem vergangen« Jahr trotz aller Bemühungen seiner Gegner der Bund der Landwirte seine Mitgliederzahl noch um 11000 vermehr« konnte, ist gewiß nicht ein Zeichen von Schwäche und ein Moment, das zur Mutlosigkeit An- r-rß geben müßte. Die nationalliberale und linksliberale Presse tut sehr siegesgewiß, aber das müßte sie fein, selbst wenn sie im Ernste noch weniger daran glaubte, wie sie jetzt glaubt. Wir glauben, daß der Wahlausgang ihnen manche bittere Enttäuschungen •»ringen wird.
Trübe Meldungen find aus unser« Kolonien eingelaufen. In Kameruns Hauptstadt Buea hat ein junger deutscher Beamter im Tropenkoller zwei ältere Beamte erschoss« und zwei andere verletzt. Dazu kam« sehr traurige Mitteilungen über neue Kämpfe auf der Insel Ponape, der östlichsten der Philippinen, bei den« deutsche Soldaten sowie auch zahlreiche der Eingeboren« ihr Leb« lass« mußt«. Alle, die dort gefallen ssnd, find deutsche Untertan«, von allen ermattete da» Reich mit Recht Leistungen im eigen« Interesse und im Interesse der Kolonien, besonders auch von d« Eingebormen, die doch den wichtigsten Wett ber Kolonie darstellen. Es wird von allerhöchster Bedeutung sein, daß sich dott jemand findet, der den Eingeboren« eine bessere Auffassung von den Deutsch« beibringt, als sie sie bisher gehabt haben. Auch Frank- --etch und England sind von bösen Kolonialabenteuem •>«troffen Word«. Eine englische Forschungsexpedi- 4,nn auf Neuguinea, nächst Madagaskar der größten Insel der Welt, ist seit November verschwunden und wird al» ermorbet angesehen. Und die Franzosen ha- r'tn in Westafrika hatte Kämpfe mit einer Sekte von Eingeborenen gehabt, bet denen viele französische Soldat« und mehrere hundett Eingeborene getötet wor- d« sind.
In England ist das Parlament alsbald nach feinem Zusammentritt vor die Aufgabe gestellt worden, der« Lösung die jetzige Tagung zu einer der bedeutsamst« in der Geschichte Großbritanniens machen wird. Bereits sind die elften Entscheidungen über Homerule und Vetobil gefallen. Das Unterhaus hat am 26. gebruat mit 326 gegen 213 Stimmen die Politik des Ministerium» Asquith in der irischen Exekutive, die diesem Parlament verantwortlich ist, um irische Angelegenheit« zu erledig«, jedoch stets unter der Bedingung, daß die unantastbare Oberhoheit des Reichsparlaments auftecht erhalten wird. Die faktische Einführung des Homerule ist natürlich an die Zustimmung des Oberhauses gebunden. Das gegen- wärttge Oberhaus wird sie nicht geben, aber bereits ist die Aktion einzeleitet, welche das Oberhaus reformieren will. Die Vetobill ist im Unterhause bereits an« genommen worden.
Wo» man aus P ortugal hött, ist immer mehr danach angetan, das üble Urteil über die Revolutionsregierung noch zu vefftärk«, und sogar in der liberalen Preffe scheinen die ursprünglichen Sympathien für die Herren Braga und Machado bedenklich erschüttert zu werden. Die Regiemng, die in nimmermüdem Eifer «in Dekret übet das andere in das Land hinaussendet — chre Zahl beläuft sich bereits auf weit über 600 — zeigt noch immer keine Lust, das versprochene konstitutionelle Regime durchzuführen. Ein offiziöses Blatt gab die augenscheinlich aus dem Ministettum inspi- rierte Erklärung ab, daß alles verfrüht sei, was über Wahl« und Wahlgesetz geschrieben und gesproch« Word« sei, und so nimmt man jetzt an, daß die Wahlen günstigstenfalls erft nach einem halben Jahre erfolgen werd«. Die NegienmgSmänner haben allerdings guten Grund zu dieser Verzögerung, denn sie wissen recht genau, daß die Mehrheit des Landes nicht auf ihrer Seite steht. Die Aengstlichkeit zeigt sich auch darin, daß die Regierung alle ihr unbequemen Männer kurzerhand sich durch Landesverweisung vom Halse schafft, so in dies« Tagen zwei frühere Minister und einen Journalisten. Zu den Kulturetnrngmschasten des rnodemm Rechtsstaates gehött aber die barbarische Ausweisung eigener Landesgenossen zweifellos nicht.
Rußland und China waren auf kurze Zett aneinandergeraten. Rußland drohte mit der Einrückung russischer Tmppm in die Mongolei, weil China angeblich die Betträge mit Rußland verletzt hätte. Der Strett war gänzlich vom Zaune gebrochen und scllte wohl nur zur Einschüchterung Chinas dimen.
Diese» aber hat sich dadurch nicht au» der Fassung brin» pen lass« und mit freundlichster Miene erklärt, eS werde alle» tun, was die Russen woll«. Damit hab« sich die Russen zufriedm gegeb«. China aber wird durch „passive Resistenz* nach dem Vorbilde der fud- österreichischen Eisenbahnbeamt« schon dafür sorg«, daß Rußland wieder einmal eine Boxpattie gegen Gummiwände gemacht hat
In Mittelamerrka und Mexiko gärt e» an all« Punkten. Man wußte schon länger, daß die revolutionären Erhebungen gegm Porsitto Dia, und Kelaya die Präsidenten von Mexiko und Nicaragua, von Washington aus betrieb« und unterstützt wurden. Jetzt ist auch der Grund dafür bekannt geworden. Diaz und Zelaya hatten mtt I ap an ein geheimes Schutz- nnd Trutzbündnis für den Fall eines AngnfiS der Vereinigt« Staat« abgeschlossen. Dieses Bündnis wurde verrat«, als die japanischen Geheimagenten bei der ganz unter dem Einfluß der Nordamenkaner stehend« Regierung von Costattra anllopst«. Ne Pläne der Japaner gingen dahin, für den als unvermeidlich ernannten Fall eines Krieges mit dm Vereinigten Staaten, der die Entscheidung über die Frage ber Vocherrfchast auf dem Süllen Ozean bringen wird, sich eine feste Position in Mittelamerika zu verschaffen und insbesondere die Möglichkeit zu erhalten, dm seiner Fettigstellung entgegengehenden Panama-Kanal in ihre Gewalt zu bringen. Daß unter diesen Umständen He Amerikaner das größte Interesse daran haben, in d« zentralamerikanischen Republiken sichere Freunde zu besitzen, ist selbstverständlich. In Nicaragua ist ihr Unternehmen geglückt, in Mexiko bis jetzt noch nicht.
Deutsches Keich.
** Schreckliche Dinge tragen sich im Deutschen Reiche zu, Dinge, die jedem waschechten Liberal« öie Röte der Entrüstung ins Gesicht treiben müssen. Die ,Franks. Ztg/ schreibt in Nr 51:
„Eine Verlagshandlung teilt uns mit, daß es im Seminar in Braunsberg (Ottpreußen) den Stu- diermdm verboten ist, irgendeine Zeitschrift zu halten. Ebenso wird aus Oschatz in Sachsen berichtet, daß dort der Seminardirektor das Hakten von 3eit» sch rijten und insbelonbere den ,Kosmos' verboten habe. Elne solche Bevormundung künftiger Volkserzieher geht denn doch über jedes Maß hinaus."
Das Seminar in Oschatz ist sicher ganz protestantisch. Und nun berichtet die »Franks. Ztg.', daß dort der Direktor das Halten von Zeitschriften verboten, also genau dasselbe getan habe, was ber hl. Stuhl für die Priesterseminare angeordnet hat. Und solche entsetzliche Dinge ereignen sich unter den wachsamen Augen der liberalen Presse! Wie hat die liberale Presse über die „Bevormundung* der katholischen Geistlichen durch „Rom* gewettert — und wie zahm kritisiert sie die „Bevormundung* in Oschatz!
)(Zur ländlichen Arbeiterfrage hat eine Kommission des preußischen Landesökonomiekollegiums Stellung genommen und beschlossen, folgende Arbeiten in Angriff zu nehmen: Weiterverfolgung der in der Denkschrift des Landesökonomiekollegiums niederge- legt« Gesichtspunkte, Förderung des Ausbaues der Arbeitsnachweise für Jnwnder durch die Landwirt- schaslskammer, Förderung der Unterbringung deutschrussischer Rückwanderer durch die Landwirtschasts- kemmern, Prüfung der Frage der Beschästigung der ausländischen Arbeiter in Landwirtschaft und Industrie, Sammlung und Sichtung des vorhandenen wissenschaftlichen Materials über die Landarbeiterfrage. — Leider gestalten sich die Verhältnisse immer mannigfaltiger, sodaß es sehr schwer ist, wohl auch ans dem vorgeschlagenen Wege den Mißständen beiznkommen.
* Heber den Urlaub zur Erfüllung militärischer Pflichten hat der Reichskanlzer laut ,Bosi. Ztg.' an den Deutschen Handelstag ein Schreiben gerichtet, in dem darauf hingewiesen wird, daß einzelne kaufmännische und industrielle Firmen dienst- und übungspflichtigen Personen des Beurlaubtenstandes die Erfüllung ihrer staatsbürgerlichen militärischen Pflichten durch An- drohung der Entlassung oder durch Stellung der Bedingung, binnen Jahresfrist nicht zu üben, oder sich nicht zum Referveoffizier wählen zu lassen, erschweren. Der Reichskanzler verkennt nicht, daß bei den heutigen scharfen Wettbewerbs-
Verhältnissen der zeitweilige Ausfall einer Arbeitskraft für den Arbeitgeber mtt empfindlichen Nachteilen verbunden fein kann. Er erkennt andererseits an, daß von einer großen Reihe von Fttmen den Angestellten der zur Erfüllung militärischer Pflichten erforderliche Urlaub, vielfach unter Fort- gewährung deS Gehalts, bereitwillig erteilt wird: haß es bei vielen anderen Firmen aber auch ander- ist. Der Kanzler bittet nun den Handels- tag, auf eine möglichst gleichmäßige Behandlung zu Gunsten der Uebungspflichligen hinzuwtrken. Der HandelStag hat es den em^elnen Handels- kammern anheimgestellt, in welcher Weise sie aus die Bezirkseingesessenen im Sinne der vom Reichskanzler gemachten Ausführungen einwirken wollen.
# Karlsruhe. 24. gebt. 1911. In Baden haben sich, seit der Grobblock besteht, von Tag zu Tag die Versuche vermehrt, dem positiven Christentum, dem Kirchenleben Eintrag zu tun, und so ganz sachte hat man die Verhältnisse derart gestattet, daß em Kulturkampf neuer Art heraufbefchworm wird. Eines der deutlichsten Wttterzrichen dafür war der § 114 de» vom letzten Landtag verab- schiedet« Schulgesetzes, der den kirchlichen Kor- porationen die Errichtung von Lehr- und Erziehungsanstalten unmöglich machen soll. Die Zustimmung der Sozialdemokratie zu diesem Ausnahmegesetz hat gezeigt, daß die KnlturkSmpfer neuer Art auch auf die Sozialdemokratie rechnen dürfen. Der Großblock ist in Baden als Regierungspartei angenommen worden. Es ist daher verständlich, daß die Regierung auch d« kutturkämpserischen Bestrebungen des Groß- blocks Rechnung trägt. Dahin ist zu nehm«, daß sie, wie bekannt, geistlich« Leyramtspraklikanien durch den Oberschulrat hat eröffnen lassen, katholische Geistliche, die von jetzt an die Prüfung «IS Lehrer an ben höheren Lehranstalten ablegen, würden, falls sie den Antimobemisteneid leisten, nur noch für ben Religionsunterricht verwendet werd« dürfen. Da der Antimobernisteneid nicht» anderes ist als ein katholisches Glaubensbekenntnis, so bedeutet dieser Sckritt der badischen Regierung auch eine Rechtsbeschränkung, die sich auf das religiöse Bekenntnis stützt, also eineBersaffungsverletzung, denn vor dem Gesetz sollen alle Badener ohne Rücksicht auf ihr Glaubensbekenntnis gleich sein. DaS Vorgehen der badischen Regierung ist ungesetzlich. Die badische Regierung eröffnet mit diesem ungesetzlichen Akte einen neuen Kulturkampf; sie erklärt der katholischen Kirche ben Krieg. Die badisch« Regierung würde nicht so Vorgehen, wenn sie nicht wüßte, daß sie im Großblock zu jeder kultur- kämpferischen Tat freudige Zustimmnng findet. Somit ist der neue Kulturkampf eine Frucht bei Großblocks. Im Zeichen diefes neu« Kulturkampfes wirb in Baben bie Reichstagswahl aus« gefoch en. Die Zentrumswähler stnb mm aufgeklärt: sie wissen, um was es in biefem Kampfe sich Handels und man wird sie gerüstet finden.
<? München, 23. gebt. 191L Der frühere Kaplan von Lauingen, Konstantin Wieland, bildete eine Zeitlang eine stehende Rubrik in der bayerischen liberalen Presse, denn er hatte ben „Mcmuesmut* besessen, bie „römische Zumutung*, den Anti» mobernisteneib zu leisten, abznlehnen und feine Weisheit, bie er in einer armseligen Broschüre „Eine deutsche Abrechnung in Rom", ber Welt zur großen Erheiterung vorlegte, auch in Versamm» lungen zum besten zu geben. Gedankenlosigkeit, und zwar falte Gedankenlosigkeit, ist bas Zeichen, unter bem das Geschreibsel und Gerede des Herrn Wieland steht. Wenn der Man» nur theologische Kenntnisse hätte oder doch wenigstens ein Vein wenig Gefühl für geschichtlich« Entwickelung! Nichts, gar nichts, als ein wüstes Poltern und Schimpfen! DaS genügt freilich, mn bei bet liberalen Presse in bev Ruf eine» Helden zu komm n. Jnbessen, der Glorienschein, bet Herrn Wieland umstrahlte, ist bereits im Erblasse». Der ftühere, nunmehr attkatholisch gewordene Hofgeistliche Dt. Held wein in München, hat sich dem Münchener Mitarbeiter ber ,Tägl. Rund schärft gegenüber in dieser Sache geäußert, und zwar in einer Weise, die für Wieland nicht sehr schmeichelhaft ist. liebet dieses Interview berichteten die liberalen »Augsburger Neuesten Nachrft Nr. 45 u. a.:
„Gerade ber Fall des Kaplans Ronftantm Wieland 1 ist fast durchweg nicht richtig bistuttext worben. Bor
sondern man muß die ganz« sozial« Verhältnisse und Stimmungen der Neuzeit in Betracht ziehen, na- menllich auch die Ueberflutung der Großstädte mit einer wurzellosen, der Bodenständigkeit und der lokal» pattiotischm Zucht entbehrend« Bevölkemng. Wei alle» in allchnr nimmt, muß zu der Folgerung kommen, daß die Kamevalspflanze nicht mehr verbrettungsfähig ist, sondem höchstens an ihr« alt« Stammsitzen noch bis auf weitere» vegetier« tarnt.
Ob diese Entwicklung der Dinge zu beklagen ode» zu begrüßen ist, kann ja dahingestellt bleiben. Wir fin!> ja nicht für ben Lauf der Welt verantwottlich, fonberv nur für unsere eigene Beteiligung an dem jeweiliger Weltgetriebe. Und da muß jeder schm, was er zu tu» und zu lassen hat. Der alte Onkel kann nur bett Ratschlag wiederholen, vom Anfang das Ende im Auge zu behalten. Es hab« schon viele Leute bitterlich bereut, daß sie zu tief in dm Strudel des sog. Vergnügms geraten fei«. Aber ich habe noch nicht gehött, daß einer am Aschermittwoch in Verzweiflung geraten sei, weil er zu wenig Geld und Schweiß verbraucht habe.
Man kann freudenvoll sein, ohne freuden- toll zu werd«!
- Das Dienstbuch der Ehefta». Au? Thüringen wird folgende» Geschichtchen erzählt: In Apolda hatte sich ein Ehepaar scheiben lassen. Bet ber Auseinandersetzung von „Mem und Dem war da? Dienstbuch vergess« worden, da» dte Frau wegen der wertvollen Zeugnisse nachträglich emsordern ließ. Sie war nicht wenig erstaunt, al8 sie sah, daß eht neues Zeugnis hinzugekommen war, das — der frühere Ehemann ausgestellt hatte. „In- haberin angenommen als grau', so heißt es in der ersten Spalte. Al» Grund de- Dienstaustrittes war angegeb«: „Unwillkürlich auSgerifsen. Erste Zeit zufriedm, dann langsam und faul, und mit den Kindern ungezogen, mißhandelt.' — Run wird die Frage aufgeworfen, ob der Ehemann, der allzu sehr nach dem bekannten Bibelwort „Er soll dein Herr sein . . .' gehandelt, sich nicht strafbar gemacht hat.