Samstag de« 25. Februar 1911
38. Jahrgang.
fuldaer K Leitung*
4. Blatt.
vmck und Verlag 6er Zuldaer AetientruSertt in 5«lda
* „Gemeinschaftliche Geschäftsbetriebe" im Handwerk.
In letzter Zeit ist seitens Staats- und Gemeindebetriebe wiederholt die Bereitwilligkeit ausgesprochen worden, das Handwerk bei der Vergebung ö f- fentlicher Leistungen und Arbeiten mehr, als es bisher der Fall war, zu berücksichtigen.
Wenn diese Berücksichtigung des Handwerks mit größeren Aufträgen noch verhältnismäßig geringe Fortschritte gemacht hat, so liegt die Schuld daran nicht bloß an dem mangelhaften guten Willen der Behörden, sondern nicht zum wenigsten auch an der mangelhaften Organisation des Handwerks, das noch nicht in ausreichendem Maße über Ver- rinigungen verfügt, die allen Anforderungen zur Ausführung großer Aufträge genügen, die an Leistungsfähigkeit und Preisbildung dem Großbetrieb gewachsen sind. Es muß deshalb bei der Organisation eingesetzt, d. h. ihr eine Form gegeben werden, die die Uebernahme großer Aufträge und Lieferungen auch wirklich ermöglicht. Hierfür kommen nun ohne weiteres die Innungen nicht in Betracht; geeigneter ist eher eine eingetragene Genossenschaft. Aber auch dir letztere ist nicht unbedingte Notwendigkeit, vielmehr bietet auch eine Innung eine gute Möglichkett zu einer Art genossenschaftlicher Ausfühmng von Arbeiten, wenn ste, wie es das Gesetz vorsieht, zu denr Zweck einen sogenannten „gemeinschaftlichen G e- schäftsbetrieb" einrichtet. Ueber diese Einrichtung scheint tatsächlich bei den Handwerkem noch wenig Klarheit zu bestehen, und in nur wenig Fällen haben bisher die Innungen von der ihnen hier durch das Gesetz nahegelegten Möglichkeit Gebrauch gemacht. Es dürfte deshalb ratsam fein, an der Hand einer vorzüglichen Darlegung in der Februarnummer (2) des „Korrespondenzblattes der Handwerkskammer Düsseldorf" die Frage der gemeinschaftlichen Geschäftsbetriebe näher zu beleuchten.
Nach § 81 b Ziffer 5 der GO. steht den Innungen die Befugnis zu, zur Förderung des Gewerbebetriebs der Mitglieder einen gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb einzurichten. Nach seiner Rechtsnatur ist dieser Geschäftsbetrieb eine Einrichtung der Innung, für die zwar eine besondere Satzung erforderlich ist, doch kann nur die Innung als Trägerin gelten. Namentlich obliegt der Innung die Vertretung der Geschäftsbetriebe in vermögensrechtlicher Beziehung. So kann nur die Innung und deren Vermögen für etwa aus dem Geschäftsbetrieb entstehende Schulden haften, jedoch nicht zugleich, wie beispielsweise bei einer eingetragenen Genossenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht, auch das Vermögen der Mitglieder. Das ergibt sich aus § 86, wonach die Innungen unter ihrem Namen Verbindlichkeiten eingehen können, wofür jedoch nur ihr Vermögen den Gläubigern haftet. Die Errichtung des gemeinsamen Geschäftsbetriebs ist lediglich den freien Innungen gestattet, die darüber in der Innungsversammlung beschließen (§ 93) und die dafür erforderlichen Be- stimmungeir in einem Nebenstatut zusammenfassen, das nach Maßgabe des § 85 der Genehmigung der höheren Verwaltungsbehörde bedarf. Ueber die Einnahmen und Ausgaben des gemeinschaftlichen Geschäftsbetriebs ist nach § 35 Absatz 2 getrennte Rechnungsführung ■“ d gesonderte Vermögensverwaltung vorgeschrieben.
Die Zwangsinnungen dürfen nach § lOOn einen gemeinsamen Geschäftsbetrieb nicht errichten, dagegen sind sie befugt, Veranstaltmiger. zur Förderung der gemeinsamen gewerblichen und wirtschaftlichen Jn- .ereffen ihrer Mitglieder, wie die Errichtung von Vorschußkassen, gemeinsamen Ein- und BerkaufSqeschäf- ,en und dergleichen anguregen und durch Aufwendungen aus dem angesammelten Vermögen zu u n f.e r st ü tz e n. Beiträge dürfen zu dem Zwecke nicht erhoben werden. Die Unterstützung darf also nur aus dem mgesammelten Vernrögen gewährt werden. Die Mitglieder einer Zwangsinnung können sich hiernach auf freier Grundlage zu einem gemeinschaftlichen Geschäftsbetriebe vereinigen, der natürlich nicht der gesetzlichen Form bedarf. Wird eine freie Innung geschlossen und an deren Stelle eine Zwangsinnung errichtet, so kann diese den gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb mit Genehmigung der höheren Verwaltungsbehörde beibehalten, wenn feine Erhaltung im öffentlichen Interesse wünschenswert ist. Jedoch ist auch die Umwandlung des gemeinschaftlichen Geschäftsbetriebs in eine Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaft möglich, was das Gesetz sogar befördert; denn wen»
-- die Umwandlung binnen sechs Monaten geschieht, so geht der für den Geschäftsbetrieb ausgesonderte Test deS Jnnungsvermögens mit Rechten und Pflichten auf die Genossenschaft über.
Die Errichtung eines gemeinschaftlichen Geschäftsbetriebs durch eine Innung dürfte besondere Schwierigkeiten nicht machen. Ist, was nicht einmal in allen Fällen notwendig sein dürste, eine Werkstatt erforderlich, so ließe sich vielleicht mit einem Jnnungsmitglied ein Abkommen treffen, das seine Werkstatt, die natürlich tadellos eingerichtet sein muß, für die Zwecke des Geschäftsbetriebes zur Verfügung ftdB, gegen eine angemessene Entschädigung. Der Besitzer der Werkstatt könnte zugleich als Werlleiter des Geschästsbettiebs tätig sein. Ist keine gemeinschaftliche Werkstatt notwendig und könnm die Arbeiten von den am Geschäftsbetrieb beteiligten Mitgliedem in ihren eigenen Werkstätten ausgeführt werden, dann läßt sich der Be- trieb noch viel einfacher abwickeln. Selbstverständlich muß auch in diesem Fall eine Person bestimmt werden, die als Geschäftsleiter dient, weil es ohne zenttale Leitung, der vor allem die Verhandlungen mtt den Behörden, die kaufmännische Geschäftsführung und der Verkehr mit den Mitgliedern obliegen muß, nicht geht. Im übrigen wird sich der Geschäftsbetrieb ähnlich abwickckl wie bei einer Genossenschaft. Der Unterschied liegt wohl nur in der äußeren Form und vor allem in der vermögensrechtlichen Wirkung. Wo eine Genoffenschast aus irgendwelchm Gründen nicht in Betracht kommt für die Uebernahme großer Aufträge und Lieferungen, namentlich wenn diese nur vorüber- g eh end kommen, bann wird ein gemeinschaftlicher Geschäftsbetrieb der Innung ganz gute Dienste leisten könnm.
Deshalb sollm die Jimrmgm von der chnen durch das Gesetz gegebenen Befugnis recht ausgiebigen Gebrauch madjen, weil ste hierdurch den Behörden die Berücksichtigung mit Aufträgen viel eher ermöglichen. Denn es ist kaum zu erwarten, daß die Behörden mit den Innungen als solchen in Geschäftsverbindung tre- ten werden, well die Innungen als solche wirklich nicht gut derartige Geschäfte treiben können. Wenn Behörden dmnock, wie es ja vorkommt, die Innungen schlechthin mit Aufträgen bedenken, so ist das ein besonderes Wohlwollen; besser ist es jedenfalls für alle Teile, nach vorstehenden Vorschlägen zu handeln. Dmn eine befriedigende Lösung der jetzt viel erörterten Fragen der Beteiligung des Handwerks an Staats- und Gemeindelieferungen ist nicht zuletzt zu erwarten von den Handwerkern selbst, die vor allem ihre Organisationen hieraus einrichtm müssen, sei es nun durch Genossenschaften, sei es in der wohl einfacherm Form eines gemeinschaftlichen Geschäftsbettiebs in der Innung.
Deutsches Reich.
* Ein Neinfall. Ueber die tragi-kounsche Geschichte des nationalliberalen Sparfamkeits- antrages in der Budgeikommission (vergl. Nr. 43 und 44) schreibt ein parlamentarischer Mitarbeiter der „Köln. Vztg.': Ein herzliches, stillvergnügtes Kichern gebt durch den Reichstag. Man hat in den polnisch erregten Zeiten wieder einmal Stoff zum Lachen erhalten und man lacht wirklich auf allen Schlummersefseln des ReichstagSscyers und hinter allen FraUionsiürcn, ich glaube, verstohlen und heimlich sogar auch hinter der nationalliberalen Fraktionszimmertüre, obwohl das Vergnügen auf Kosten der Nationalliberalen geht. Sie haben in der Budgetkommifsion einen Reinfall erlitten, wie ihn der Reichstag nicht alle Jahre erlebt. Es fängt an wie ein Märchen und ist doch Wirtlichkeit. Also: Es war einmal eine nationalliberale Partei, die wollte bei Heeresansgaben.sparen. Und es war wieder tine nationalliberale Partei, die polterte laut über den schwachen Kriegsminister, der aus Furcht vor dem sagenhaften Ungeheuer, genannt Schwarzblauer Block, nicht einige Dutzend Millionen mehr für Heereszwecke ausgeben wollte. Und es gab abermals eine nationalliberale Partei, die stellte einen großzügigen SparsamknLscwlrag: es sollten zwei Armeeinspektoren und mehrere ®ou»erneute und Kommandanten abgejchasft und 400000 Mark gespart werden. Aber die national« liberale Partei hatte ein gutes Herz und stellte den Antrag so, daß er nicht ernst genommen werden konnte. Der Krieasmiuifier nahm den Antrag blutig- ernst und erklärte u. a.:
Dieser Antrag berührt Lebensinteressen der Armee. Er ist formell und etatSrechtlich undurchführbar. Gerade die zwei Generale, auf die der Antrag praktisch nur abzielen kann, denn die übrigen vier Stellen find ehren- amtlich von Prinzen besetzt, besitzen das allgemeine Bertrauen der ganzen Armee im höchsten Grade und sie kommen als Heerführer in Betracht. Die game Armee würde darum die Streichung dieser zwei Stel. len, wie es der nationalliberale Antrag will, schon aus diesem persönlichen Grund als einen Schlag inS Gesicht betrachten. Bei den Gouverneuren und Kommandanten sind schon in den letzten Jahren verschiedene Herabminderungen vorgenommen. Im Jahre 1909 erst ist Frage in der Budgetkommisfion genau untersucht und damals SinNimmigkeit darüber erzielt worden, daß die bisher bestehenden Stellen bleiben sollen. Der natto- nalliberale Antrag verletzt auch in diesem Punkte schwerwiegende nationale Jntereflen. Es ist mir deshalb um so auffallender, daß gerade die Nationallibe- ralen einen solchen Antrag stellen, die mir vorgeworfen haben, daß die neuen Militärvorlagen nicht weit qenuq gehen. Sie selbst berechnen die Ersparnfffe ihres Antrages auf höchstens 400000 Mk., während die Forderungen der Mehrausgaben, die Sie gestellt haben, viele Millionen kosten wurden.
Die Gesichter der Nattonalliberalen wurden bet der Rede des Kriegsministers immer länger. Abg. Gröber wies noch auf die Tatsache hin, daß die Gouoerneurstelle in Ulm auf einem Staatsvertrag zw scheu Württemberg und Preußen beruhe, also gar nicht einseitig vom Reichstag aufgehoben werden könne. Die Klage des Abg. Goercke, daß die nationalliberale Partei, die treueste Stütze der Armee, doch die Kritik des Kriegsministers nicht verdient hätte, konnte die erheiternde Wirkung der ganzen Aktion nur steigern. Abg. Gröber hatte unter dem Eindruck der seltsamen Art der Begrün- düng den Antrag ein Wahlmanöver genannt. Herr Goercke rat darob gekränkt und zog den großen SparsamkeiLsantrag zurück. Er soll nicht weiter in Behandlung genommen und besprochen werden können. „Deckt den Mandel der Liebe darüber/ las man in den Blicken der Nationalliberalen. Doch Abg. Gröber nimmt den Antrag formell wieder auf, um eine Erwiderung und eine weitere sachliche Erörterung zu ermöglichen, betont über gleich, daß das Zentrum geschlossen gegen ihn stimmen werde. Äs dann das Zentrum nach ausreichender Debatte den An rag wieder zurückgezogen hatte, nimmt die Sozialdemokratie den Antrag auf, und Abg. L 'debour mischt Spott und Hohn zu seiner Begründung. Die Sozialdemokratie habe schon früher einen solchen Antrag eingebracht. Der neue nationalliberale Antrag sei also nur ein Beweis dafür, daß die sozialdemokratischen Anschauungen bahnbrechend seien und auch bei den Rattonalliberalen sich nach und nach durchsetzten. Sie sollten aber künftig nicht gar zu bald kalte Füße kriegen, wenn sie wieder einen solchen scyialdemokratischenAntrag einbringen würden, sondern ihn auch nachhaltig und etwas energischer vertreten. Heute aber wüßten sie doch wenigstens Gründe dafür angeben, weshalb sie ihren doch sicher wohl überlegten und klugen Antrag wieder zurückgezogen hätten. „Sie haben gestern mit so hohem Patriotismus Ihren Antrag vertreten, daß Sie nun doch auch der Kommission erklären müssen, warum Sie aus einem Paulus nun wieder plötzlich ein Saulus geworden sind." Doch di» Rationalliberalen hatten der Reinfälle jetzt genug. Sie schiviegen beredt, und als es zu der Abstimmung kam, da stimmten sie herzhaft und ohne Zucken der Wimper gegen ihren eigenen Antrag.
O Die Sozialdemokraten werden ungeduldig, sie wollen wissen, wie sie mit den Liberalen daran sind. Früher wiesen sie jegliches Bündniswerben spöttisch zurück; heute bedürfen ste deS Liberalismus, um bei den nächsten Reichstagswahlen gut abzuschneiden. Und der Liberalismus erlebt die ungeahnte Genugtuung, von der Sozialdeuwkratie umworben zu sein. Selbst Mehring, der konsequenteste Prin- zipienwachter der sozialdemokratischen Partei, redet den Liberalen eindringlich zu, es mit entern taktischen Wahlbündnisse, zu den», die Sozialdemokratie bereit sei, zu versuchen. Gerade jetzt, wo noch die Masse der Spießbürger über die Junkerwirtschaft empört sei, wäre der günstigste Augenblick, bet Masse klarzumachen, daß ihr blinder Sozialistenhaß gerade der sicherste Anker des junkerlichen Piratenschiffes sei. Gehe dieser günstige Augenblick ungenützt vorüber, bann würde der Liberalismus unter die Räder kommen. Und wie nachsichtig will die Sozialdemokratie mit dm Liberalm sein; sie will ihnm gern nebenbei gestatten, mtt ihr in
„unversöhnlichen' Kampf zu tretet. Mehring schreibt n bet „Neuen Zett' (Nr. 21) u. a.:
„Iss es ihnen «den Liberalen) ein unabweisbares Herzensbedürfnis, die alten Tiraden über bie_ „sozialdemokratischen Utopien* usiv. nochmals vom Stapel zu lassen, so mögen sie es nach ihrer Herzenslust tun; wenn ihnen diese Schlagworte wohl tun, uns tun sie nicht weh. Aber sie foUien endlich einmal fein, was zu fein sie sich ja mit besonderer Borliebe rühmen, nämlich praktische Realpolitiker; sie sollten offen bekennen, daß sie ohne die Hilfe der Arbeiter das Junkertum nicht bezwingen können, und sie sollten deshalb dief e Hilfe, die sie hintenherum doch gerne annehmen, nicht öffentlich mtt allem sittlichen Pathos verleugnen."
So starke Hofstnnigen bat, wie die „Kreuzztg/ mit Recht bemerkt, die Sozialdemokratie dem Libera- liSmus noch niemals gemacht. Sogar seine mörderischen geistigen Wassm soll er schwingen dürfen, wenn et sich nur der roten Partei in die Arme wirft! Es muß für die Sozialdemokratie sich doch um mißeror- dentlich Großes handeln, daß sie den Liberolen soviel Gunst entgegenbrmgt. Die Fortschrittler werden sich nicht lange bitten lassen und ben günstigen Augenblick ausnützen. Wer die Liberalen?
Ausland.
** Minister Pichon gegen die Abrüstung. In der fortgesetzten Debatte über das Marinedudget in der französischen Kammer nahm der Minister des Aeußern Pichon Anlaß, sich gegen mehrere Anträge von Deputierten der äußersten Linken aus- zusprechen, die sofortige Verhandlungen mit England und Deutschland wegen Einschränkung zur See verlangten. Pichon machte geltend, daß auf der Haager Konferenz dreimal jener Gegenstand zur Sprache kam und dreimal erfolglos. Aus allerneuester Zeit seien die Erklärungen des Präsidenten der Bereit igten Staaten von Amerika sowie die in' Deutschland geführte zu erwähnen. Minister Picho«! schloß mit dm Worten: „Der Augenblick wär«' schlecht gewählt, Frankreichs Wehrmacht zu Lande und zur See zu schwächen, während andere Mächte ihre Armee und Marine verstärken. Ein solches Vorgehen wäre unvorsichtig. Ein starkes Frankreich bedeutet eine feste Friedensbürgschaft.' Nachdem Pichon die Vertrauensfrage gestellt hatte, wurden mit 163 Stimmen Mehrheit die Anträge der Opposition verworfen, dagegen mtt nahezu 400 Stimmen Majorität die von Minister Pichon gutgeheißene! Anregung des Deputiertm Umont angenommen, daß die ftanzöstfche Regierung im Einvernehmen mit anderen Mächten die Frage der gleichzeitigen Abrüstung so rasch wie möglich im Haag zur Sprache bringe.
** Die Republikaner und die religiösen Orden. Auf dem Parteitag der spanischen Republikaner in Madrid kam eS zu einer bemerkens- werten Abstimmung über die Frage der religiösen Orden. Der republikanische Deputierte Dorado beantragte, daß in das zukünftige republikanische Programm die Unterdrückung der religiösen Orden wie in Portugal aufgenommm werde. Gegen dm Antrag wandte sich der Senator Sol y Ortega, indem er erklärte, die republikanische Partei müsse es unbedingt vermeiden, die katholischen Gefühle der Spanier zu verletzen und den Bürgerkrieg zu entfachen. Der Antrag wurde mit 110 gegen 66 Stimmen ab gelehnt; die republikanische Partei Spaniens wird also nicht die Unterdrückung der religiösen Otden fordern. Aus diesem Verhalten ergibt sich, daß die Orden durchaus nicht das „liebet am spanischen Körper" sind, von dem nichtspanische Liberale fabeln, sonst wären die republikanischen Liberalen die ersten, um mit der Forderung auf Abschaffung „Popularität" zu gewinnen. Weiter aber — und das ist sogar das Wichtigste — ergibt sich aus den Worten des Senators Sol y Ortega, daß das spanische Volk tatsächlich gläubig und der Kirche ergeben ist und eine Vertreibung der Orden mit einem Bürgerkrieg beantworten würde. Die Regierung CanalejaS macht daher nur solange antikirchliche Politik, als daS Volk sie nicht gewahr wird. Ein Abbruch der Beziehungen
M «miße Lilie m ArSche.
22] Roman von Erich Friesen.
Als sie wieder die Angm mifschlägt, liegt sie auf einem Rasenplatz.
Und neben ihr kniet — Winfried.
Und seine Kleider sind ebenso naß, wie die ihren. Was ift geschehe»? ...
Bald fällt ihr alles em.
Und während er ihre kalten Hände reibt, damit Ws warme Blut wieder den fast erstarrten Körper erwärme, erzählt er, wie er im Garten spazieren gegangen und plötzlich Hilferufe gehött habe. Wie er sofort den Rufen nachgeeilt fei und gerade in dem Moment angekommen wäre, als eine dahinschwebende Gestalt direkt ins Wasser lief. Er habe in dem Moment nicht gewußt, wer es war, sei aber sofort nach- gesprungen.
Richt fragt er daS erschöpfte Mädchen, waS sie ins Wasser getrieben. Er sah vorhin eine dunkle Gestalt feige hinweghuschen, und er ahnt den Zusammenhang.
Armes, armes Kind! . . .
Nur wenige Wotte fallen zwischen ihnen auf dem Nachhausewege.
Lilia zittert vor Frost — trotz der warmm Sonne, die ihre nassen Kleider bereits zu ttocknen beginnt.
Nicht gesteht ste sich, daß Winfrieds Zurückhal- tung, sein schweigender Ernst, sie enttäuscht. Richt einmal dm Arm hat er ihr gereicht um sie zu stützen. Was sie erwartete — sie weiß es nicht. Sicher aber ein paar herzliche Wotte.
Wie schwer dem Manne diese Zurückhaltung wird, weiß nur er allein.
Aber er hat seiner schwerkranken Mutter sein Wort gegeben und Winfried Althof ist nicht der Mann, sein Wort zu brechen. Er zwingt sein rebellisches Herz mit saft übermenschlicher Energie zur Ruhe.
So scheiden diese beiden jungen Menschen voneinander — ohne das erlösende Wort, das beiden auf den Lippen brennt. Scheiden sie mit einem tiefen Weh
Herzen, Opfer der Konvienienz.
O, wieviel Leid, wieviel Tränen und kummervollen Nächte wärm beiden erspart geblieben — hätte eines von ihnm ben Mut gesunden zu dem kleinen bedeutsamen Wort»
„Ich Hebe Dich!"
Ein gewitterschwüler Oktobertag.
Traubmschwer die Weinberge. Knisterndes rotes Laub auf dm Parkwegen. Halbverwelkte Rosm und Georginen an moosbewachsenen Mauern. . . .
Ueberrelf die ganze Natur.
H erbftftimmung.
In ihrem Korbsofa, umblüht von Spätnelkm und Riesmsonnmblumm, liegt Gräfin Isolde.
In langen Falte» hängt das lose bunfle Kaschmirgewand um die beängstigend abgezehrtm Glieder. Die Hände achm im Schoß über einer angefangenen Stickerei.
Der Ausdruck ihres Gesichtes ist verändert. Keine Kämpfe mehr. Kein Sich-Aufbäumm.
Geduld. Ergebung. Resignation.
Langsam, ganz langsam zehrt lhr Körper sich auf. Und mtt ihm Geist, Seele.
Seit ihr Sohn fort ist, hat sie auch dar letzte bißchen Spannkraft verloren. Nichts fesselt sie mehr an das Leben. Nichts.
Ihre übergroßen, bunkelumschattetm Augen blicken hin über die reffe Herbstlandschast und bann auf dm Stuhl neben dem Rorbfofa, auf dem sonst er saß — Winfried.
Jetzt ist er leer. Der Sich» ist fort, wett fort Und sie ift Schuld daran.
Sie fährt sich mtt der abgezehrtm Hand über die Stirn. Wie kam nut alles? . . . Da» Denken wich ihrem müdm Kopf jetzt oft fo schwffl
Ach ja:
Sie hatte eine heftige Auseinandersetzung mtt dem Sohn wegen der Keinen Stallmeisterstochter. Er sagte ihr, daß er da» Mädchm liebe ... ste öerbot ihm lebe Annäherung. Er wollte (einen Kopf durchsetzen , , » ste bekam ein« Ohnmachtsanfall, der ihr Lebm in höchste Gefahr brachte. Al» ste sich wieder ehnaS erholt hatte, verreiste der Sohn auf ein paar Wochen. Und al» M, ff ihr feinen Entschlich
mit: er wolle nicht durch Ungehorsam gegen dm Willen der Mutter ihr Lebm aufs Spiel setzen; aber sie könne auch nicht tierlangen, daß er unter dies« Umständen in Riva bleibe, wo die Geliebte seines Herzens wohne. Er habe sich deshalb um eine Anstellung bei der deutschen Botschaft in Konstantinopel beworbm, die ihm in sicherer Aussicht stände. Aufs nme gab es schwere Kämpfe. Doch diesmal blieb der Sohn fest.
„E» gibt nur ein Mittel, mich hier zu hattm, Blutter. Du kennst es! Soll ich bleibm oder gehm?'
„Geh!' stießm ihre Lippen zornig heraus.
Und et ging.
Und die verblendete Frau, die in unbeugsamem Hochmut dm Sohn von sich stieß, weil er ein Mädchen von einfacher Herkunft liebt, blieb allein zurück.
Allein mit ihrem kranken Herzen!
„Wes muß fterben in der Statut; nichts dauert ewig!" murmelt sie finster brütenb vor sich hin. „Auch meine Leidm nicht.'
Und plötzlich fährt eS iht durch» Hirn, sie möchte da» Geschöpf einmal sehen, um deffentwillm der Sohn die Mutter verließ.
Sie ruft nach der Zofe, die sich rasch anHetben muß. Dann läßt sie anspannen.
am w "m «•*»
Eine Viertelstunde später hält vor dem Häuschen der BalettiS eine elegante Equipage.
Eilfertig kommt da» klein« Dienstmädchen herauS- ^ohnt hier Alla Saletti?' fragt eine matte Stimme hochmütig au» dem Innern de» Wagens heraus.
Jawohl, Eccelenza. Bitt« einjntreten!'
Das bleiche Fraumachcht dort in ben fttbe^grau« seidenen Polstern zieht bte Augenbrauen hoch. Eigentlich hatte ste vor, „diese klein« Stalkmeistettochter' gu sich herauskommm zu lassen.
Doch bte Neugier, auch bte Umgebung Jene» Geschöpfs^ kennen zu lernen, trägt ben 6teg bamm. So nickt ble Dame kurz mtt dem Kopf, läßt sich von dem Diener beim Aussteigm Helsen und tritt ein.
Sin junge» Mädchm kommt ihr entgegen ** Mst, bleich — und fragt nqch ihrem Begehr.
Gräfin Isolde richtet ihre müdm Augm auf da» jugendliche Wesen.
Sie hatte erwartet, ein auffallende», schönes, dreifiblickendes, kokettes Geschöpf zu scheu. Fast ist sie ent- täuscht beim Anblick dieser garten Elfengestalt, diese» feinen Gesichtchens, beffen veilchenblaue Augm so traurig zu ihr aufblicken. .
Und doch kann auch ste sich nicht dem Einfluß entziehen, dm LlliaS unaufdringliche Anmut auf jedermann auSübt, der in ihre Nähe kommt.
Mit mchr Höflichkeit, als sie beabsichtigt, aber immer noch in einem Ton, der LlliaS feines Empfin» ben verletzt, sagt sie, baß sie eine Kopie der Zeichnung des alten Rappen, welche die Mgnorina kürzlich für dm ©rafen Winfried angeferttgt bestellen wolle. Die erste fei durch einen unglücklichen Zufall beschädigt Wochen.
Bitte fühlt, wie die Röte ihr in die Wangm steigt bei der Erwichmmg Graf Winfrieds. Sie hält die Süigen gesenkt und die Lippm fest zusammengepreßt, damit die stolze Dame nicht die Bewegung in ihr« Mienen lese.
„Ich glaube nicht, daß ich Ihnm dimm kcmn,^ Frau Gräfin,' erwidert ste mtt leiser Stimme.
„Warum nicht?' _ „ . , . ■
„Ich reife morgen mtt meiner Mutter auf einige
Wochen nach Capri.' .__
.So — ? Dann später ... in einem Momtt. , . in einem Vierteljahr - vMlel,' wttst Gräfin Isolde gleichgiMg hin. Die Bestellung war ja ohnehin nur ein Deckmantel für ihren sonst ganz unmott-, ptertei Besuch. „Melden Sie sich bei mir nach Ztzrer Rückkehr! Sie könnm mir dann auch eine ZeichMNg1 von meinem kleinen Seidenspitz machen, wenn Sie wollen. Ich zahle gut. Adim!"
Lin leichtes Kopfnicken vonseitm der älteren Dame, eine höfliche Verbeugung des jungen MädchmS — mtt müdm Schritten verläßt Gräfin Isolde wieder da» glycinienumrarckte Häuschen. ' >
Auf dem kurzm Weg von der Haustür bi» zu dem ihrer harrrenden Wagm begegnet ihr ein; hohe Frauen-; gestalt in einfacher dunller Kleidung.
(Fortsetzung folgt.) '