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■W 46.

Samstag de« 25. Februar 19U.

38. Jahrgang.

« fuiaaer W Zeitung *

3. Blatt.

Druck und Verlag der Zaldaer Lettendruckerel in Suita

□ Wilhelm Grimm.

Zu seinem 125. Geburtstage.

Wer von uns erinnert sich nicht aus seiner Jugend­zeit der schönen Märchen, die mcm mtt leuchtenden Augen las oder sich erzählen ließ, der Märchen vom Rotkäppchen, von Schneewittchen und den sieben Zwei- gen Dornröschen, Hänsel und Gretel, vom Damnlttrg und wie sie sonst alle heißen mögen, die Perlen der deutschen Märchenwelt? Wir alle haben uns wohl an ihrer schlichten Schönhett erfreut und dadurch angeregt in die Mävchemvett hineingeträumt, ohne groß darüber nachzudenken, wer uns diese Schätze der deutschen Literatur, denn das sind die Märchm zweifellos, be- schert hat. ,, ,,

Vor 125 Jahren, am 24. Febmar 1786, erblickte der Mann, Wilhelm Grimm, dessen Hauptver­dienst es ist, daß die deutschen Sagen und Kindermar- chen gesammelt wurden und der Nachwelt erhalten blieben, das Licht der Welt. Wenn Wilhelm Grimm keine andern Verdienste, als diese Sammlung der deut- schm Märchen, aufzuweisen hätte, so verdimt schon allein dämm sein Name der Nachwelt erhalten zu Hel- Ben. Der Märchensammlungen gibt's ja viele, man denke nur an „Tausend und eine Nacht", aber keius der fremde» Märchm ist so gleich mtt dem ganzen Hauche, der ganzen Poesie der Jugendunschuld über­gossen, wie gerade die deutschen Märchm. Der Name Grimm ist deshalb auch für immer eng verwebt mit der deutschen Volksliteratur und hat sich eine 8«IÖ= tümlichkett erworben, wie seltm einer vorher und nach­her.

Wenn man dm Namen Grimm liest oder hört, so denkt man unwillkürlich an Gebrüder Grimm. Das Schaffm der beidm Brüder war so eng miteinander verbunden, daß der Volksmund sie gkeichsam als ein Ganzes benennt. Die Dornamm der beiden volks­tümlichsten Germanisten sind wohl dm meisten unbe- kannt. Infolge ihrer gemeinsamm, sich gleichsam er­gänzenden Arbeit kann man auch kein Lchmsbild des einen der beiden Brüder geBen, ohne das des andem mit hineinzuverweben.

Wilhelm Karl Grimm war der jüngere der beidm Brüder Der Unterschied betrug ungefähr ein Jahr (Jakob (Stimm, geb. 4. Januar 1785). Von Kindheit warm beide fast unzettrennliche Gefährten und Jakob als der allere übernahm die Führerrolle bei den kind­lichen Spielen und erscheint auch im später» Leben bei der Forscherarbett als der Führende. Es würde je­doch Wilhelm Grimm entschieden Unrecht zugefügt, wenn man ihm die Stelle eines Hilfsarbeiters oder Schülers zuteilen wollte. Man kann vielmehr Wil­helm Grimm hinsichtlich der Forscherarbeit mehr als Ergänzung ansehen zu seinem Bruder Jakob.

Noch nicht ganz ze^r Jahre alt. verlor Wilhelm Grimm dm Vater, der zuerst in Hanau Siadischrei- 6et war und bann zu Steinau an der Straße das Amt als Gerichtsamimann bekleidete. Da das Ver­mögen nur gering war, so wären der Witwe bei der Erziehung ihrer Kinder, fünf Söhne und eine Tochter, große Schwierigkeiten erwachsen, wenn nicht ihre Schwester, die Kammerfrau bei der Landgräfin von Hessen, Philippine Zimmer, ihr mtt Rat und Tat zur Seite gestanden hätte. Sie nahm in hochherziger Weise die Kosten auf sich, die der Besuch des Lyzeums in Kassel durch die beiden Brüder verursachte. Wäh­rend Jakob ohne Unterbrechung das Lyzeum absolvie­ren und dann die Universität beziehen konnte, wurde Wilhelm von einer schweren Krankheit ans Kranken­lager gefesselt. Nachdem er sich notdürftig erholt hatte, folgte er seinem Bruder zur Universität und hörte vor allem „Wachler's freimütige Vorlesungen über Ge­schichte und Literaturgeschichte." Derr größten Ein­fluß auf das Studium der beiden Brüder übte aber wohl der Rechtsgelehrte Savigny aus. Mit großer Verehrung hing besonders Wilhelm Grimm an Sa- vignv, wie aus seinen Schriften hervorgeht.

Im Frühjahr 1807 legte Wilhelm Grimm das juri­stische Examen ab, konnte aber trotz aller Bemühungen keine Anstellung erlangen. Wohl aus diesem Grunde hauptsächlich befaßte er sich mit schriftstellerischen Ar­th eiten. So erschienen von ihm 1807 im „Neuen lite­rarischen Anzeiger" München: „Einige Bemerkungen zu dem altdeutschen Roman Wilhelm von Oranje", „lieber die Originalität des Nibelungen-Lieds und deS Heldenbuchs", „Beitrag zu einem Verzeichnis der Dichter des Mittelalters", „lieber einige unbekannte Ausgaben von Salomon und Mackolf". In den fol- genden Jahren erscheinen dann eine ganze Reihe von Aufsätzen in verschiedenen Zeitschriften. Die meisten dieser in Zeitschriften verstreuten Arbeiten sind nach­her unter dem Titel „Kleinere Schriften" zusannnen- gefaftt worden.

Der Plan, die deutschen Volksmärchen zu sam­meln, reifte wahrscheinlich schon direft zu Beginn der schriftstellerischen Tätigkeit der Gebrüder Grimm. Nach einer Tätigkeit von eiwg einem halben Jahrzehnt hat- ten sie schon eine stattliche Anzahl von Volksmärchen zusammengebracht. Doch konnten sie sich noch immer nicht entschließen, sie zu veröffentlichen. Erst auf leb­haftes Drängen Achim vmr Arnims, der bei irgend einer Gelegenheit die Aufzeichnungen zu Gesicht be­kommen hatte, entschlossen sie sich 1812, einen Band erscheinen zu lassen. 1815 folgte bann der zweite Band und 1822 der dritte Band. Obwohl beide Brü­der die „Kinder- und Hausmärchen" gemeinsam Her­ausgaben ,so fällt doch das Hauptverbimst barmt Wil­helm Grimm zu. Freilich, warm schon Märchen- fammlungen erschienen, bevor die Brüder Grimm die ihrigen Herausgaben. Sie reichten aber alle nicht an die Grimmsche Ausgabe heran, weil sie nicht so den rechten Volkston zu treffen wußten. Die Brüder Grimm gaben die Märchen so wieder, wie sie sie vom Volke gehört hatten und enthielten sich aller willkürlichen Ausschmückungen usw. Auch gelang es ihnen, die Märchen dem dmffchm Volke lieb und wett zu machen. Dann beruht der Unterschied gegenüber andern Mär- chensammlungen darin, daß die Gebrüder Grimm nur Märchm in ihre Sammlungen austiahmen, also eine reine Scheidung von Sagen und Märchm durchführ- ten. Welchen Eindruck die Grimmschm Märchm mach­ten, geht daraus hervor, daß sie in verschiedene Spra- chm übersetzt würben. Auch die Meister der Tonkunst haben sie für ihre Schöpfungen benutzt (Liszts Alchm- hrödcl, Humperdinks Hänsel und Gretel). Kein ge­

ringes Zeichm für die Wertschätzung ist auch, daß bet- schiebene Märchm Eingang tn Schulbücher gefunden haben.

Auch der Sagensammlung hat sich Wilhelm Grimm mit Eifer gewidmet und chr Wesm genau studiert. Zeugnis davon legt sein große» Werk „Die deutsche Heldensage" ab, daS 1829 erschien. Wilhelm Grimm ist auch der erste, der zur Nibelungenforschung einen festen Grund gelegt hat.

1825, am 15. Mai, vermählte er sich mit Henriette Dorothea Wild. Dieser Ehe mffprossm vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter, wovon jedoch der erste Sohn in seinem Geburtsjahre bereits starb. Auch nach der Hochzett Wilhelm» führten beide Brüder noch dm gemeinsamm Haushalt weiter fort. Welch herzliche» Verhältnis überhaupt zwischm dm beidm herrschte, illustriert am heften, daß Wilhelm 1816 seinem Bruder die zweite Bibliochekarstelle in Kassel versorgte, ob­wohl et selbst die nächste Anwartschaft darauf hatte. 1830 wurde Wilhelm Grimm Unterbibliochekar in @ötttngen und 1831 zum außerordentlich m Professor ernannt Hier blieb er bis 1838 und siedelte bann wieder nach Staffel über. Im Dezember 1837 war er Wegen des Protests gegen die von Emst August beab« sichttgte neue Verfassung für Hannover mit seinem Bruder und noch fünf andem Profrssorm seines Am­tes mffetzt worben. Seinen ©ruber traf mit ben Pro­fessoren Dahlmann und GeroinuS die Ausweisung. 1841 berief König Friedrich Wilhelm IV. beide Brü­der nach Berlin und setzte ihnen ein Gehalt von 3000 Talern aus. Friedrich Wilhelm verlangte in hoch­herziger Weise dafür nichts weiter, als daß sie nach Berlin übersiedeln und an dem großen deutschen Wör­terbuch arbeitet sollten. Sie konnten sich also nun ganz ihrer Forkchemtbett widmm.

Wilhelm Grimm starb am 16. Dezember 1859, 74 Jahre alt Sein ©ruber hielt ihm in bet Akade­mie die GedLhtniSrede, In bet er in rührenden Worten die Verdienste de» Bruders feierte.

± Alte Bildstöcke aus der Rhön.

Die im vergangenen Jahre erschienenen Feder­zeichnungen der Freiin Antonia von ®ertrab „Bildstöcke im Fuldaer Land aus alter Zeit" haben sympathische Aufnahme und mancherorts begeisterte Anerkennung gefunden. In unserer Besprechung in der ,Fuld. Ztgch Jahrg. 1910, Nr. 95, gaben wir dem Wunsche Ausdruck, die Urheberin möge eS doch nicht bei dieser einen Bilderreihe bewenden lassen. Diese Hoffnung sehen wir nunmehr erfüllt: Fräulein von Bertrab hat eine zweite Sammlung folgen lassen, welche man auch in weiten Kreisen mit freudigem Interesse begrüßen kann. Denn gerade in unseren Tagen, wo Volkskunst und Heimatschutz so sehr beliebte Schlagwörter sind, und wo die wieder erwachte Freude am Altehr­würdigen allen Erzeugnissen des Kunstfleißes ver­gangener Zeiten liebevolle Beachtung schenkt, gerade da muß es mit großer Genugtuung erfüllen, wenn eine sinnige Künstlerin ihr Talent in den Dienst dieser Bestrebungen stellt und sich gleichsam al8 Pfadfinderin erweist, um ein der Denkmalpflege gewiß nicht unwertes Erbgut verständnisvoll an's Licht zu ziehen. Gleich einem Botaniker, der die Tristen und Schluchten und Waldestiefen emsig absucht, hat Fräulein von Bertrab das Rhöngebiet durchstreift, um, von den westlichen Vorbergen bis zu dem von der alten Salzburg beherrschten Tal der fränkischen Saale im Südosten, die Landschaft für ihre Zwecke künstlerisch auszubeuten.

Zwölf alte interessante Bttdstöcke sind es wiederum, die ihr Zeichensttft festgehalten hat; davon gehören fünf unserer Vorderrhön an, nämlich: Bronzell, Dir- loS-Karolinenhof, Giebelrain, Poppen­hausen, Molsbacher Höhe bei Hünfeld, und sieben den fränkischen Orten: Unter-Weißen­brunn, Hasselbach am Kreuzberg, Franken­hain, Herschfeld an der fränkischen Saale, Brend-Lorenzen, Steinplatten und Neu­stadt.

Nicht uninteressant ist ein Vergleich der fünf Bildstöcke Buchoniens mit denen des ehemals Würz- burgischen Gebietes. Die diesseitigen wirken wohl­tuend durch ruhige Einfachheit. Scheint doch bei ihnen für den nur nach oben abgerundeten ober in Giebelform zulaufenden Aufsatz die schlichte, gerade Linienführung typisch, wäl rend bei den Bildstöcken der fränkischen Gauen ziervolles Schnörkelwerk, Ranken und bergt, als Umrahmung des Heiligen­bildes vorherrschend ist. Würzburg, die tlassische Stadt deS Barock- und Rokokostiles, scheint ihre künstlerischen Einflüsse auch auf diese Bildstockplastik geltend gemacht zu haben; die Verfertiger zeigen gern ihre größere technische Geschicklichkeit.

Indessen kommt für eine poetisch stimmungsvolle Wirtung dieser volkstümlichen Denkmäler, die ja meisten- von einer rührenden Naivität der Dar­stellung find, die Kunstform eigentlich wenig in Betracht, vielmehr kommt eS darauf an, wie sie sich dem Gelände einfügen. Und gerade dafür, für das Jneinanderweben von Kunst und Natur offenbaren btefe Aufnahmen eine hervorragend feinfühlige Auf- Saffung. Bei der neuen Bilderfolge ist auch daS iandschastliche viel stärker betont. Denkstein, Boden- plastik und PflanzenwuchS sind zu reizvollen Slim- nmngSbildchen zusammen gedichtet. Denn daß die schaffende Phantasie der Malerin mitgeholfen und den StimmungSgehalt finnig zu vertiefen wußte, läßt, in die Augen springend, das mit N e u st a d t an der Fränkischen Saale bezeichnete Blättchen erkennen. Wir sehen hinter einem Plankenzaun einen seltsam gestalteten, schwerfälligen Bildstock, der au8 einer stämmigen Säule und einem, wie es scheint, nach vier Seiten verglasten, tabänafelartigem Schreine besteht. Die dem Beschauer zugekehrte Seite zeigt den Kreuzestod des Herrn, b/i dem nach aller, poe- fievoller Darstellungsweise Sonne und Mond meinen. Neben dem Bildstock ragt die Staube einer Sonnen­blume auf, deren geneigte Blüten allesamt der Sonne der Liebe nnd Gerechtigkeit zuge- wandt find. Fürwahr, daS Bildchen mutet an wie eine Illustration deS Dichterwortes:

„Hell anS des Gärtleiris niedrer Planke Strahlt von dem Kreuz bet Heiland erzen. So leuchtet tn dem Menschenherzen

Ein ernster, gläubiger Gedanke." (Redwitz.)

Dieses Denkmal mtt der Jahrzahl 1629 hat noch den Stürmen des dreißigjährigen Krieges Stand gehalten. Auch der schlichte Bildstock vom Giebel­rain — die Malerin hat ihm einen schönen Laub­hintergrund und der ganzen Szenerie durch den

Fernblick auf den ruinengekrönten Ebersberg eine ttizvolle Tiefe gegeben — zeigt die Jahrzahl 1636. Aus der gleichen Zett ist em steinernes Kreuz aus Sandsteinplatten. Seine originelle Gestattung mit dem die Kreuzesarme mnsEeßenden Kranze sehen wir auch a!8 Motiv für daS Ornament des gefchmack- vollen Kartenumschlages benützt. Die übrigen Bildstöcke find zumeist auS dem achtzehnten Jahr­hundert. Mittelalterliche finden sich überhaupt nicht darunter; diese wird wohl der Bauernkrieg hinweg, gefegt haben. Besondere Beachtung verdient noch eine Skulptur von 1769 in Herschfeld an der fränkischen Saale. Es ist dies kein eigentlicher Bildstock sondern ein Vesperbild von archttektoni- schem Aufbau in Rokokoformen. Unmittelbar auf einem wuchtigem Postament erhebt sich der schwere, m Flachrelief ornamentirte und mit einer Heiligen- flaue (St. Antonius?) gekrönte Aufsatz, auf dem wtt •bie Schmerzensmutter mit dem Leichnam ihres göttlichen Sohnes sehen, flankirt von zwei Bischofs- gestalten. Noch manches ließe sich ja von den Be- fonderheiten und Schönheiten dieser alten plastischen Gebilde sagen; — indessen gewährt bie bloße Be- schreibung doch keine genügende Vorstellung; bte läßt sich eben nur durch die Anschauung erlangen.

Möchten deshalb alle, die mtt uns diese ehr- würdigen Wahrzeichen eines edlen religiösen Volks- empfindens zu ehren und zu schätzen wissen, an den echten .Künstler karten" derFreiinvon Bertrab sich erfreuen. Denn in der Tat, sie vermitteln uns ein herzerquickendes Stück Poesie. Und wenn bie heimatliebenden Rhönklubisten unb bie Rhöntouristen diese gemütvollen Berggrüße in großer Zahl in die Weite flattern lassen, so verkünden sie auch bannt ben Preis der Rhön. ,

Einer Äänftlerin aber, bereu Verdienst es ist, für diese ideale, charakteristische Staffage unseres Berglandes die Blicke anderer erst zu schärfen unb eindrucksvoll Stimmung dafür zu machen, werden alle Rdöner von Herzen dankbar sein.

Hat doch die Freiin von Bertrab, indem sie die intim ften landschaftlichen Schönheiten entschleierte, zugleich in das Gemüts- und Phantasieleben eines kernigen Gebttgsvolkes gar freundlich hineinge- leuchtet. Denn wahr ist und bleibt das Wort eines kunstverständigen Mannes: .Wie es in der Literatur jedes Volkes von Jntereffe ist, neben den unsterb­lichen Werken der großen Dichter auch den schlichten, gemütvollen Weisen der Volkslieder nachzuspüren, so tritt uns ein bedeutsames Stück mensch­lichen Denkens und EmpsindenS ebensowohl in den volkstümlichen Denkmälern der sogenannten .Bauernkunst" wie in den hoch­ragenden Domen der Gothi! entgegen."

Jos. Gr.

[:] Fastnachtszug in Fulda 1826.

Wahrend heute in Fulda zur tollen Faschings­zeit höchstens noch maskierte Rundfahrten irgend einer Gesellschaft stattfinden, verliehen ehedem nicht selten größere Maskenzüge dem Bilde der Stadt Leben und Glanz,

Unser Hessenvölkchen denkt eben gegenüber dem leichtlebigen unb genußfrohen Rheinländer viel zu nüchtern, und das heutige kostspielige Leben läßt es für manchen gar oft nicht zu, dem närrischen Ge­bieter, dem Prinzen Karneval, zu huldigen. Früher aber konnte die echte Faschingsfreude umso leichter gedeihen, da sich meistens auch die bessere Gesell- schaftsklaffe dem fröhlichen Treiben der luftigen Zett anschloß, Prinz Karneval über Mitglieder aller Stände fein beglückendes Szepter schwang. So hatte die Idee zum „breitbeiligen Fastnachts-Auf- zug" vom 7. Februar 1826 kein Geringerer, als der knrhesfische Kirchenrat unb Gymaasialprofeffor Bciedrich Erdmann Petri, der erste evangelische farrer in Fulda unb Verfasser des bekannten Fremdwörterbuches, entworfen. (Petri wurde am 30. März 1805 zum Professor in Fulda ernannt. Vorher war er Minister und Vizedirektor am Schul- lehrerseminar zu Dresvett Emesen; er starb 1860.) Und dessen braucht sich der hochgebildete Mann, der zahlreiche Werke verfaßt hat, fürwahr nicht zu schämen, sagt doch auch Göthe: „Löblich isft-kin tolles Stieben, wenn es Ernst ist und mit Sinn".

Petri selbst beschreibt auch den Fastnachtszuz in einem gedruckten Festgedicht, das dem Artikel­schreiber vorliegt. Den Zug- eröffnete „Signore Fascbingo“ in einem vierspännigen Wagen. Ihm folgte dann nach Schillers dramatischer Trilogie Wallenstein mit Gefolge. Sämtliche Personen dieser ersten Abteilung, einschließlich des gelehrten Astro­logen Baptista Seni und der feschen Marketenderin, waren beritten. Das Personal der zweiten und dritten Abteilung zu Wagen unb Pferd, war der Oper „Der Freischütz" von Kind und dem Lust­spiele „Das Deklamatorium m Krähwinkel" ent­nommen. Die Nachschrift des poetischen Berichtes Petris lautet:

„Aus drei Jahrhunderten sähet ihr nun hinziehen bunte Gestalten.

So wechselt der Menschen Treiben und Thun, bie gleich ben Kleidern veralten.

Doch wird auch das Alte wieder jung in Silbern holder Erinnerung.

Solch Schauspiel gewährte festliche Lust den Frauen, Mädchen und Kindern; eS hebet auch noch die männliche Brust, beseufzt nur von grämlichen Sündern. Dem Zuge folgt zwar ein Volkes-Strom; doch treibt man's nicht so toll, wie zu Rom.

Es trachten ja Diener der Polizei zu wehren ben kecken Jungen; — und — morgen ist jeglicher Scherz vorbei — Jacob i's Lieb wird gesungen.

Herr Henkel hat's in Musik gesetzt, die Ohren labet und Herzen ergötzt.

So folgen auf kreisendem Erden-Rund die Bilder der Lust unb Trauer.

Ihre Mischung ist wahrlich oftmals bunt. Doch allem ermangelt — Dauer.

Nur glaubend, hoffend, liebend erglüht zu ewigem Licht ein frommes Semüth." Das angezogene Jacobische Lied ist der bekannte Aschermittwochsgesang „Weg von Lust, Gesang und Reigen usw.", welchen auch Mädchenchöre bei der feierlichen Bestattung des geschätzten Dichters (gest. als badischer Hofrat und Professor der Hochschule zu Freiburg L B. am 4. Jan. 1814) fangen. Der Komponist desselben ist unser Fuldaer Musik« Kantor Michael Henkel (aeft. 18511 welcher auch

das von dem Studieudttektor, Konfistorialrat August Gottlieb Meißner zur Feier des Geburlslages des Prinzen Wilhelm von Naffau-Oranien am 24. August 1806 verfaßte Festlied „Wachse hoch, Dramen!" in Musik setzte, das belannthd) dann mit bet Henkel'- scheu Melodie zur holländischen Volkshymne wurde. (Siehe Beilage zu Sir. 21 der Wochenschrift Bu chonia v. 24. Noo. 1880.) t

Die Sparsamkeit im Haushalte r>er Industrie.

Von A. v. Schellberg.

ES ist von höchstem Jntereffe für ben denkenden Menschen, einen Blick in den gewaltigen Haushalt der mächtigen Industrie zu tun unb sie bei ihrem Schalten und Walten ein wenig zu beobachten. Wie gerne wandeln wir durch die Räume einer großen Fabrik und betrachten das Entstehen der Gegenstände. Stau- nenb sehen wir zu, wie die Dinge gefertigt werden, die wir bislang gedankenlos benutzt haben. Welche Mühe sie bereiten, wie geschickt sie behandelt werden, wie einfach manches, Wa8 wir uni schwierig, unb wie kompliziert vieles, wo» wir unS leicht borgeftettt haben!

Man verläßt solche Räume nie, ohne getimt zu haben, nie ohne gewissen Respekt vor dem menschlichen Geiste und der Gewandtheit der Arbeiter.

Wie in einem kleinen, familiären Haushalt aber die Sparsamkeit ein wichtiger Faktor ist, so spricht sie nicht minder ein bedeutendes Wort in den: Riesen- haushalt der Industrie. Diese befaßt sich nicht allein mit bet Verarbeitung wertvoller Produkte, sie weiß auch aus dem, was wir mit Verachtung als nutzlos ober ekelhaft strafen, noch Lohnendes zu formen unb vollbringt damit die wunderbarsten Verwandlungen. Sie verklärt gleichsam Niedriges, Gemeines unb führt es in verebelter Gestalt dem Dienste der Allgemeinhett wieder zu.

P a p i e r s ch n i h e l, die wir achtlos mit Füßen treten, bilden das geschätzte Material der Papiermache fcibriken, wie es solche tn Frankfurt a. M., Dresden, Nürnberg unb vielen anberen Städten gibt. Aus dem Papierteig, zu dem sie zerstampft werden, fertigt man Dosen, Schatullen, Masken, Puppenköpfr und Kunst­werke mancher, ja sogar bebeutenber Art, wie eS die prachtvollen Leuchter im Erfurter Dom sind.

Sägemehl, das uns nicht» weniger al» nütz­lich deucht, wird zur Ausfüllung von Puppenleibem genommen. Die Hobelfpähne besitzen ihren Wert, indem sie zur Schnelleffigfabrttation dienen. Die Trestern, bte Reste der ausgewitterten Trau­ben, sind notwendig zur Erzeugung des BleiweißeS; auf der Verbrennung der Trestern Wie der abgeschnit- tenen Weinreben beruht die Bereitung deS Frankfur- ter Schwarz.

Alte Schuhe beenden ihre Laufbahn keines­wegs in der Kehrtchttonne. Die haushälterische In­dustrie Weiß sie noch famoS zu gebrauchen. Die Schuhe Werden aufgetrennt, bann mehrere Wochen in -Wasser zum Weichen «ekg.-, mittels Maschinen bann zu Teig gequetfefjt, aus welchem man künstliches Leber be­reitet. Gepreßt unb gemustert wird es zum lieber« ziehen von Koffern, Reisetaschen unb manchen anderen Gegenständen genommen. Die Hauptbeschäftigung der Sträflinge im Gefängnis zu Montpellier in Frankreich besteht in der Verwandlung alten Schuhwecks tn neues.

Die größte Anzahl alter Schuhe liefert Spanien. Hier werden sie gleichfalls aufgetrennt, von den Nä­geln befrett unb einige Tage in Wasser gelegt, um da» Leber geschmeidiger zu machen. Dann werden Stie- selschäste unb Sohlen für Kinderschuhe daraus ge­schnitten. Mit einem Magneten sondert man die eiser­nen Schuhnägel aus.

Die Knochen, bte von unserem Tische faßen, sind noch keineswegs am Schluffe ihre» Daseins ange­langt. Die besseren verwendet der Knopffabrikant unb dreht Knöpfe daraus, wie au8 der Steinnuß. Die minderen dienen zur Bereitung des Knochen- mehls, ohne das in ben Zuckerfabriken der Zuckersaft nicht geflärt und folglich kein Raffinadezucker in den Handel gebracht werben könnte. ®ebtannte8 Knochen­mehl ist zur Fabrizierung von Stiefelwichse unum- yängnch- notwendig

Die Tiere frÄ uns überhaupt bi» zum letzten Här­chen von größtem RuM- Aus den Sehnen und Flechsen wird der Leim stesottm. Ebenso liefert alle«, was der Gerber von den H u i e n al» unnütz abschabt, Leim; desgleichen tun alle R »° sfüße, mancherlei Abfälle der Lohgerberet und der L t ? m i st, der aus Handschuhfabriken stammt. Wie ftüruf es ohne Seijji um unsere Möbelsabrtkation und unse­ren Buchdruck?

Ohne die Gedärme des Schafes wäre es uns unmöglich, den weichen Klängen einer Geige zu lau­schen. Und wie viel nützliche und angenehme und schöne Gegenstände liefern un» die mannigfachen Tierhäute! An» den Hörnern der Rinder werden Kämme und Dosen und Knöpfe geschnitten. Dem Kuhmist werden Substanzen attzogen, die in der Färberei zur Herstellung de» prächtigen Türkisch­rot nötig sind. Der Kamelmtst liefert un» den Salmiak, ben wir im Haushalt, tn der Apotheke und zur Ansfühnmg vieler Gewerbe brauchen.

In» Zahllose ließen sich bie Beispiele sortspinnen. Nichts, was uns noch so geringwertig und bedeutungs­los beucht, kommt um. Der rastlose, vorwärtsstcebenbe Menschengeist sucht, gedrängt durch des Lebens trei­benden Wellenschlag, au8 den nichtigsten Dingen Kapi­tal zu schlagen. Er weiß den Staub zu Gold zu machen, wenn auch nicht im nackten Sinne des Wor­tes, sondern durch Fleiß, Mühe unb Ausdauer.

Allerlei.

— Die Millionen des Jockeis. Im Vorjahre starb in Brighton einer der erfolgreichste Jockei» Englands. Tommy Loatee, im Alter von 42 Jahren. Sem Testament ergab, daß er ein Vermögen von 1500000 Mark hinterlassen habe. Er vermachte dem Newmarket Hospttal und der Liverpool Royal Jnfirmary je 10 000 Mark in dankbarer Aner­kennung der Hilfe, die ihm jene Spitäler bei Stürzen vom Pferde erwiesen hatten. In den letzten Jahr­zehnten ist nur ein Jockei gestorben, dessen Ver­mögen größer war; es war dies John Hammond, der ca. 41/« Millionen Mark hinterließ. Der be­rühmte Fred Archer besaß bei seinem Tode bloß 133324 Mark.