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Zreitag den 24. Februar 19H-

58 Zadraang.

o fuläaer s Zeitung

2. Blatt.

Druck und Verlag der jioldaer Actieudruckerei in Sulla

Aus dem Nachbargedieie.

* Gießen, 24. Febr. 1! 11. Der Schneidermeister Heß hatte sich Sonntag abend schlafen gelegt, ohne sein Gebiß aus dem Munde zu nehu en. Während des Schlafes verschluckte er dasselbe und cs konnte leider trotz schnellster Hilfe und Operation nicht entfernt werden. Am Montag abend t|t er gestorben.

* Dort«, 21. Febr. 19l l. Dem Landwirt Happe, oer nachts das Haus hatte offen stehen lasten, wurde von zwei erst kürzlich geschlachteten Schweinen bcr ganze Wurst Vorrat gestohlen. Die Diebe konnten noch nicht ermittelt werden.

~ * Frankfurt, 22. Febr. 1911. Eine bemerkenswerte Aufhebung eines DifziPlinarurteilS verfügte der ReichSgerichtshoffür Rechtsanwälte in Leipzig. Der Homburger Rechts anwalt S ch e h d a war von der Anwaltskammer in Frankfurt a. M. we­gen angeblicher Pflichtverletzungen zum Ausschluß aus dem Stand der Rechtsanwälte oerurteilt worden, also zur schwersten Strafe, die die Kammer über eines ihrer Mitglieder verhängen kann. Der Reichsehrenge­richtshof erkannte wegen einiger amtlicher Nachlässig- keiten lediglich auf einen Verweis und bürdete der Anwaltskammer zwei Drittel, dem Anwalt ein Drittel der Kosten auf. Es ist dies innerhalb weniger Wochen die zweite Aufhebung eines anscheinend zu strengen Spruches der hiesigen Anwaltskammer. — Hier kam es am Montag aus Anlaß einer von dem der Sozial- dcmokratischeu Partei nahestehenden Zentralverband der Handlungsgehilfen und -Gehilfinnen veranstalteten Wahlversammlung für die Kaufmanusgerichts- wahl zu erregten Szenen, als einem Mitglied des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes mit der Begründung das Wort verweigert wurde, er hocke erst „im Augenblick den Saal betreten", könne also nicht zu den Dingen sprechen, die bis dahin ver­handelt worden wären.

* Witzenhausen, 2L Febr. 1911. Ein in der Judenstraße wohnender Bahnarbeiter hatte gestern nacht sein Mobiliar nnt Petroleum begossen und an- gezündet. Zufällig wurde das Feuer durch einen Hausbewohner entdeckt und gelöscht. Roch in der Nacht wurde der Bahnarbeiter »egen Brandstif­tung verhaftet.

* Wolfhagen, 21. Febr. 1911. Der Ausschuß für Errichtung eines Kriegerdenkmals in unserer Stadt versammelte sich gestern abend im Gasthaus „Zum Bahnhof" zwecks Besprechung über die Aus- führung dieses Projektes. Aus musikalisch-theatrali­schen Veranstaltungen hiesiger Vereine, sowie aus namhaften Beträgen, welche ehemalige Wolfhager ge­stiftet haben, ist bereits eine Summe von rund 2400 Mack vorhanden. Es ist jedoch eine Summe von min­destens 4000 Mark erforderlich. Man hofft, daß die Stadt den noch fehlend« Betrag bewilligen wird. Ka­mst endlich auch Wolfhagen sein Kriegerdenkmal er­hält.

* Kassel, 23. Febr. 1911. aRch Mitteilungen der Firma Schmidt u. Kecrlsind durch das Groß feuer in der Mittwochnacht die Maschinenschreinerei und das Lagerhaus zerstört worden. Der Schaden beträgt etwa 50000 Mack. Die Schreinerei wird bis zum Wiederaufbau der abgebrannten Gebäude in eine ge­rade leerstehende Fabrik verlegt, sodaß der Betrieb nennenswecke Störungen nicht erleidck.

* Wernshausen, 22. Febr. 1911. Wie kürzlich be­richtet wurde, beabsichtigt das Elektrizitätswerk ,'.Elek- tra"-Dresden, zwischen Salzungen und Wernshausen eine Ueberlundzentrale zu errichten und die Ocke in näßerer und weiterer Umgebung mit elektri- schem Licht zu versorgen. Auch gegen 30 meiningische Ortschaften, zun-eist im Werratal gelegen, haben sich angeschloffen. Der Landrat in Meiningen hat jedoch den abgeschlossenen Verträgen die Genehmigung versagt, um erst mit der Gesellschaft selbst zu ver­handeln.

* Erfurt, 22. Febr. 1911. Wegen Unter» schIagung amtlicher Gelder wurde der hiesige Polizeikommissar Toenniges heute verhaftet.

* Hadamar (Westerwald), 22. Febr 1911. Einem alten Volksbrauch«, der besonders bei den Sir» messen in den Dörfern deS Westerrva!des seit Ur- großväter-Zeiten geübt wird, scheint durch ein in der vergangenen Woche vom hiesigen Schöffengericht ergangenes Urteil ein unrühmliches Ende gemacht worden zu sein. Vor dem Gericht hatten sich die

sämtlichen Kirmesburschen aus dem Oertchen El, wegen Lotterievergehens zu verantworten, weil sie bei der letzten Kirchweihe ohne behördliche Genehmigung Lose verk iuft und die Ausspielung des Kirmeshammels vorgenommen hatten. Die Geckchtsverhandlung ergab folgendes Bild: Wie seit Jahren üblich, gingen einige Zeit vor der Kirch» weihe drei Burschen zum Bürgermeister, um „den Freitanz zur Kirmes" zu holen, den der Bürger­meister gestattete; dabei wurde jedoch von keiner Seite etwas von dem uralten Brauche des Kirmes­hammels erwähnt. Bor etwa Jahren war nun durch den Landrat der Ortsbehörde bekannt gegeben worden, daß für die Folge ohne Erlaubnis d s Regierungspräsidenten eine Ausspielung nicht statt- finden dürfe. Da die Burschen mit der Genehmi­gung des Tanzes auch die zur Ausspielung des Hammels zu haben glaubten, verkauften sie am Kirchweihmontag ihre Lose. Auf Anzeige kam die Sache vor das Schöffengericht, das jeden der Burschen zu 3 Mark Geldstrafe oder einen Tag Gefängnis verurteilte.

* Mainz, 23. Febr. 1911. Als gestern früh gegen 2 Uhr der 19sähckge Karl Ferkaluk vom Wirtshaus in die elterliche Wohnung kam und sein Nachtessen in der Küche nicht vorfand, schlug er alles kurz und klein. MS seine Mutter und sein älterer Bruder Wilhelm herbeieilten, stach er mit dem Messer blind­lings auf diese los, sodaß Beide schwerverletzt ins Hospital gebracht werden mußten. Der Täter wurde verhaftet.

* Aschaffenburg, 22. Febr. 1911. Der kleine F i n- ger von einer Ratte weggefressen wurde einem Kinde in einer Wohnung nächst dem J>.istiz- gebäude. Die Polizei nahm hierauf eine Wohnun.gs- bestchtigung vor.

Amt Geisa und Umgebung-

* Geisa, 20. Febr. 1911. Am Samstag kam am hiesigen Bahnhose ein La st automobil nebst Anhängewagen an, um alsbald durch eigene Kraft nach Oechsen befördert zu werden. Das Fahrzeug soll zum Transport von Materialien für den Schachtbau Heiligenmühle ab Bahnhof Geisa verwendet werden. Die Gewerkschaft .Heiligenmühle" entfaltet im Gegensatz zu anderen gleichartigen Unternehmungen eine sehr eifrige Tätigkeit. Heute waren bereits eine Anzahl Herren in Oechsen/ um die letz'en Vorkehrungen zum Beginn des Baues der Gewerkschaftsbahn Oechsen-Weuigen- taft zu treffen. Unter anderem wurden vo, dem Unternehmer Pferdestallungen für kommenden Sommer und Herbst gemietet. Nächste Woche soll bereits mit dem Bahnbau begonnen werden.

* Vacha, 23. Febr. 1911. Diejenigen Eisen­bahnbeamten des Direktionsbezirks Erfurt, die im Etatsjabr 1910 nicht in Preußen, sondern z. B. im Großherzogtum Sachsen stationiert und wohn­haft waren, sollen jetzt durch die Stationskassen als Ausgleich für ihre Mehraufwendungen an Staats­steuern und infolge Verlustes der Kommunalsteuer­vorrechte besondere staatliche Zuwendungen erhalten.

* Ostheim v. d. Rhön, 22. Febr. 1911. Ter Ge­meinderat hatte seinerzeit beschlossen, die Aufsichts­behörde wolle untersuchen, wem die Schuld an d u Unterschlagungen des früheren Stadtkämmerers Winzer beizumessen sei. Inder Angelegenheit hat der Bezirksausschuß em umfangreiches Schriftstück verfaßt, das in der jüngsten Gemeinderatssitzung zur Verlesung gelangte. Danach ist der Bezirksausschuß zu dem Resultat gekommen, daß unseren Bürger­meister Streng keinerlei Verschulden an der Schädi­gung nnserer Gemeinde trifft.

* Dorndorf, 23. Febr. 1911. In einer in der Hermann'jchen Wirtschaft abgehattenen Versammlung von Landwirten wurde beschlossen, den Preis tüt ein Liter Milch von 16 auf 20 P^g zu erhöhen.

Aus Oberheffen u» den Hess. Aemlern.

ZS Marburg, 23. Febr. 1911. Der ord nt- liche Prosestor in 6er philofop ischen Fakultät der Universität Kiel, Geh. Reg.-Rat Dr. Krüm­mel. tst zum 1. April nach hier versetzt worden.

— Der Gesamtvorstand der Landesversicherungs- Anstalt Heffen-Naffau hat beschloffen, die Ren­tenstelle zu Marburg mit dem 31. März d.J. aufzuheben. Vom 1. April 1911 ab sind des- halb alle auf die Kranken», sowie auf die Allers- und Jnvaliden-Ve^r^erung bezüglichen Anträge, ferner etwaige Anträge auf Uebernahme der Krcmken- Fürsorge dem Landrat zu Mai bürg einzureichen.

E Kirchhain, 23. Febr. 1911. Die Errichtung eines Kinderheims in unserer Stadt, die man jetzt in nächster Zeit hier erwartete, scheint an der Platzfrage erneut ein starkes Hemmnis gefunden zu haben. Die beiden bisher dazu in Aussicht ge­nommenen Plätze auf dem alten Friedhof und hinter dem Boht'scheu Garten scheinen zu dem Zweck voll­ständig ungeeignet.

* Franken berg, 21. Febr. 1911. Gestern nack t brach im Dachstuhl des Kriegerschen Hauses an der Bollendorfer Straße Feuer ans. Dem energischen Eingreifen der Feuerwehr ist es zu verdanken, daß trotz des heftigen Sturmes eine Weitcrvcrbreitung des Feuers verhindert wurde. Der Dachstuhl brannie nieder. — Das Edertalbundes-Säugerfest findet in diesem Jahre am 16 Juli in Dainrode statt. — Am Montag wurde eine aus den Herren Bürger« meister von Griesheim, Major a D. Arolsen, Bürgermeister Dertz-Frankenberg und Bürgermeister Reesc-Hameln bestehende Abordnung von Fürst Friedrich zu Arolsen in Audienz empfangen, um über die Angelegenheit betreffs Einlage eines Eil­zuges auf der Strecke Warburg —Marburg Bericht zu erstatten.

(*) Viermiindkn (Kr. Frankenbergl, 23. Febr. 1911. Dem Oberholzhaucr Ober lies ist das Allge­meine Ebreiweichen verliehen worden.

5 Hochberg, 23. Febr. 1911. Wie verlautet, soll ein Teil der hiesigen Taubstummenan­stalt verlegt werden, weil anscheinend die städtische Vermattung nicht in der Lage ist, das zu dem geplanten Erweiterungsbau der Anstalt notwendige Baugelände herzugeben. Zur Uebernahme der An­stalt, die, nebenbei bemerlt, einen Jahresetat von über 100000 'Mark hat, sind in einigen Städten Oberhessens, wie in Marburg und Kirchhain, Be­strebungen im Gauge, die unsere Stadtverwaltung doch zu einer Aeußerung veranlassen dürsten.

* Adorf, 21. Febr. 1911. Ter Müller Fr. Sange» von der Kappensteiner Mühle wurde gestern morgen zwischen hier und der Mühle tot im Wasser liegt nb anfgesundeii. Wie aus der Lage sestgestellt wurde, ist der Mann am Sonntag abend auf dem Heim­wege von Adorf im Unwetter vom Wege ab­geirrt und ertrunken.

vermischtes.

* Paul Gerhardt, dem berühmten Liederbichter- wurde in feiner Vaterstadt Gräfenhainichen (Prov. Sachsen) ein Denkmal errichtet, dessen Enthüllung am 12. März erfolgt.

* In einer römischen Grabstätte sand man bei Kanalisationsarbetten in Bonn sehr wertvolle Ge­genstände, Töpse, Tongesäße, Glasvasen und ver­rostete Waffen aus Essen. Ter wertvollste Fund besteht aus einer zierlich geschwungenen weißen Glas­vase mit langem Hals, roritem Bauch und ver­schlungenen Henkeln an jeder Seite. Tie Gegen­stände wurden dem Provnizialniuseum überwiesen.

* Vom Sturm ivuroe in Dolgelin (Schlesien) ein löjähriges Dienstmädchen unter die Flügel einer Windmühle getrieben rind erschlagen.

* Die Tragödie eines Haushahnes bildcke den ®e- genstand einer Verhandlung vor dem Münsterber- ger Schöffengericht. Besagter Hahn gehörte dem Besitzer Weineck und liebte es, dem Rachbargrundstück des Stellenbesitzers Witzle öfters Besuche abzustatten, die diesem schließlich lästig wurden. Um den Hahn zu vertreiben, hieb er eines Tages mit der Peitsche nach ihm, worauf der Hahn erschreckt in den Mühlengraben flatterte. Wohl holte ihn sein Besitzer bald wieder heraus, aber er streckte sich einigemale und war tot. Weineri erstattete gegen Witzle gerichtliche Anzeige. Der Vorsitzende hielt diesem in der Verhandlung vor, er hätte den Hahn nicht in den Mühlengraben jagen dür­fen, denn er hätte voraussehen können, daß er eririn- ken würde. Auf diesen Einwurf war der Bcklagte ge­sattelt. Er erzählte eine Geschichte von einer Henne,

die habe schwimmen können, umsoniehr habe er an­nehmen müssen, daß auch ein Hahn schwimmen könne. Die Frage, ob der Hahn wirklich schwimmen konnte und viellckcht nur einem Herzschlag erlegen oder gar in selbstmörderischer Absicht freiwillig den Tod gesucht habe, wurde durch die Beweisausnahme, die sich teil­weise sehr heiter gestattete, nicht völlig gelöst. Der Amtsanwalt beantragte eine Geldstrafe von 6 Mark, worauf der Angeklagte entrüstet meinte, daß man dafür zwei Hähne von der Socke des ertrunkenen kaufen könne. Das Gericht verurteilte den Beklagten zu 4 Mack Geldstrafe.

* 10000 Postkarten und Platten mit unsittlichen Nachbildungen sind von der Zenttalstelle zur Bekämp­fung des Schmutzes in Wort und Bttd im Norden Ber­lins entdeckt und beschlagnahmt worden.

* Ein 94jähriger Bräutigam. In London wurde am 14. d. Mts. ein Brautpaar getraut, von denen der Bräutigam 94, die Braut dagegen nur 80 Jahre zählt. Der Bräutigam, der jetzt zum batten Male in den Hafen der Ehe einlief, ist eine bekannte Persönlichkeit Londons und wird als der letzte Ueberlebende der früheren sog. „Postbons" bezeichnet, in welcher Eigen­schaft er häufig überseeische Reisen zu unternehmen hatte. Die Kirche, in der die Trauung vollzogen wurde, war gedrängt voll, mährend Tmisende von Neugierigen auf der Straße warteten, um das selt­same Paar zu sehen.

* Deutsche Aerzte für China. Heute abend verlaßt eine Kommission von drei deutschen Aeczten Berlin, um sich mit der Transsibirischen Bahn nach T s i n g- tau zu begeben. Die Herren folgen einer Einla­dung des Vizekömgs von Schantung. Ihre Tätigkeit wird sich hauptsächlich auf batteriologische Untersuch­ungen erstrecken. Diese Forschungen sollen vor allen Dingen zu Vorschlägen von geeigneten Abwehrmaß» nahmen gegen die Pest führen. Die gesamten Kosten trägt die chinesische Regierung. Tie Herren erhalten persönlich eine Vergütung von 2500 Mark monatlich.

Literarisches.

Soziale Kultur. 31. Jahrg. 1911. Vierteljährlich Mk. 1.50. Erscheint monatlich in gr. 8° Heften je 64 Seiten stark im Vocksoereins-Verlag, G. m. b. H., M.-Gladdach.

Aus dem Inhalt des Februarheftes: Obstbau, Industrie und Fabrikanlagen. — Die Güterzer­trümmerung in Bayern. — Zur Psychologie des Kapitalismus. — Ursachen der Verwahrlosung und Straffälligkeit Jugendlicher. — Die Gewinnbeteili­gung englischer Arbeiter 1909/10. — Reinlichkeit und ansteckende Krankheiten. — Bayerische Staats­erziehungsanstalten. — Verheiratete Frauen als Arbeiterinnen in gewerblichen Betrieben. — Frauen­arbeit in Rußland. — Beruf der Säuglmgspfle« gerinnen. — Deutsches Polizeiwesen. — Soziale Tätigkeit der Stadtgemeinden. — Literaturkrittken.

Ueber die Herzensreinheit der weiblichen Jugend redet in schlichter, aber sehr verständiger Werft Heft 3 der vom „Verein kath. deutscher Lehrerinnen herausgegebenen Sammlung „ZnS Leben" (Butzon u. Bercker, Kevelaer 10 Pfg.). Das Büchlein gibt zunächst eine warmherzige Ermahnung einer Lehrerin an ihre Schulentlassenen, spinnt diesen Vorfall in einem Beispiele weiter, das den Erfolg der Diah­nung zeigt, bringt dann ein Gegenbeispiel und variiert das Thema in so dezenter Weise, wie man das in einem zur weitesten Verbreitung in Mädchen» kreisen bestimmten Schriftchen nur erwarten kann.

Reklamen- und St ureigen teil.

Hohenlohe

Erbswurst

vorzüglichste Erbssuppe, 2 bis 3 Teller 10 Pfg.

*** <|uo vadis?

(Fortsetzung.)

Auch der Musikkritiker des „Fückhec Zenlr.-Anz." vom 4. Mat 1910 findet das Katakombenbild als eine musikalische Leistung von einzigackiger Vollendung:

„@ht Gegensatz rote ihn die musikalische Literatur aller Zeiten und aller Länder nicht wieder bietet, ist die 3. Szene, mit der uns der Komponist in Stätten des Friedens stellt. Mit unbeschretbltcher Zartheit wirkt nach der wilden Er­regung der beiden ersten Szenen dieser Friede», diese geheimnisvoll religiöje Weihe, diese himmlische Ruhe, die über der gottesdienstlichen Handlung in den Rata» komben liegt. Man erlebt förmlich, was sich dem Hörer bietet, und man nimmt innigen Anteil; die sieghafte Kraft deS Kreuzes auf bet Via Appia, die Begeisterung und Glaubrnsfreudigkeit der jungen Christengemeinde n dem Lobpreis auf Petrus, den Felfenmami, all dies läßt uns der Komponist in natürlicher Treue erschauen." »So ergibt sich eine ®efamtroixtung, wie sie feiten in einem Konzert erlebt wird."

Man möchte diese Urteile für übertrieben halten, fienn nicht die verschiedenartig st orten- terten und gesinnten Musikkritiker in ihnen so ein­heitlich zufannnenstimmten. Schreibt doch auch her Re- tzensrnt des „Fürther Tagebl." vom 7. Mai 1910 im Anschluß an die zwei Fürther Aufführungen: . "N" alles bezwingenden musikattschen Kraft

c<<rtxll?on^ dnen Stoff bearbeitet und ihm eine ?usikmlsche Hohe verliehen, wie sie zu der feeli» fdjeB Grov e der Handlring nicht packender und erschütternder denkbar ist."

3) Doch brechen wir mit den Zeitung »-Musik­kritikern ab; nicht als ob wir ihr kritisches und sach­kundiges Urteil minder ein schätzten als dasjenige ande­rer Kcktfler, sondern lediglich um zu einer neuen Ka­tegorie von Musikkritikern überzugehen, zu den Kri­tikern an Fachzeitschriften bzw. zu den Kom- ponisten-Krttikern. In ersterer Hinsicht nen­nen wir den Privatdozenten an der Münchener Uni­versität Dr. ®ugen Schmitz, der in der „Münchener Woche" für Theater, Musik und Kunst vom 9. April

1910 NowowiejskiS Oratorium „Quo vadis" einer eingehenden Analyse und Kritik unterzieht, aus der wir die folgenden Sätze äüsheben:

„Nowowiejski tat seiner Partitur bett Titel »Drama­tische Szenen» beigegeben; trotzdem weist die ganze Art der technischen Gestattung in Text und Musik das Werk dem Konzertsaal und nicht der Bühne zu. Und doch ist es zweifellos gerade der die mächtige:: Kontraste deS Sujets kraftvoll unterftreidjenbe dramati sche Charatter, der der Novität in erster Livie die äußere Wirkung verbürgt; nicht minder günstig in gleicher Richtung wirkt aber der volkstümliche Stil des Werkes, der sich nicht nur in der cmspruchUosen Schlichtheit der Er­findung, sondern auch in der ganzen technischen Aus­führung ausprägt. Insbesondere erscheint die Jnstru- mentaüoti, wenngleich sie in reicher En fattuttg den ganzen komplizierten Apparat des modernen Orchesters heranzieht, in der Art seiner technischen Handhabung doch durchweg von einer gewissen nach Wahrung mög­lichst klarer Konturen strebenden Mäßigung diktiert.

Der Anfang führt sofort in medias res. Mit bild­haft plastischer Wirkung läßt gleich der erste Chor das grausige Schauspiel deS von einer roilh verzweifelten Bollsmaffe durchlebten brennenden Roms erleben, wobei gewaltigsten Eindruck der pompöse Milteisatz sü- Männei stimmen auilöft:

„Wir soh'n den Kaiser auf der Höh' Der Zinnen steb'n im Prachtgewand, Der Lorbeer glänzt auf seiner Stirn, Die Leier rubt in seiner Hand, Und fdner Lieder go'.dner Klang Mischt fich in Romas Totensang."

Tie ganze groleSke Schauerlichkeit diese- von einer der krassesten Launen der Weltgeschichte gedichleleii BildeS, bett stolz über den Trümmern der brennenden Statt thronenden Imperator zeigend, hem tuS Weh und der Jammer von Tauscuden nur Anlaß zum frevlen Spiet bietet, kommt in NowowiejskiS Tönen mit wirklich packender SinnfLlligkeit zum Ausdruck. Die irodte Szene wirb von einem in sinfonisch breiter L.meufüheuug gehaltenen Marsch der Pr-uonaner rin- aeleitet, dessen Themen später mehrmals alS bedeut­same Leitmotive verwendet werden. Das folgende, die Be^chnkdloima wider bfe Christen aussprechende Solo des Overst.n ter Prätorianer ist auf- wtrluugruoilste von kurzen, dramatisch schlagkräftigen Chors ätzchen durchbrochen, die fich zuletzt zu dem, den Höhepunkt

der leideisschasllich bewegten Bolte szcnen bildenden Rachechor: „Christianas ad leones“ steigern.

Zn diesen zügellosen Eruptionen wilder Leiden» schuft steht nun die roethevoUe Ruhe der dritten Szene, die in die Versammlung der versolgtcn Christengemeinde in den Katakomben führt, in deutbar schärfstem musi- kolischem Gegensatz. LUurgische Gesänge voll weihe­voller Beckläiung, teils a tapslla, teils mit Orgel» begkttung, durchziehen den Raum. Unheimlich klingen in‘eie strebsame Stille scharf mattierte motivische Er­innerungen aus dem Prätoriunermarsch herein, an die näher und näher kommende Veifolgungsgesahr ge- iiiahucnd. Mit rührend ausdrucksvoller Bitte drängt die Christin Lygia und der Chckstenchor in Petrus, sich dem drohenden Verderben zu entziehen.

In der Schlußszene mit der Vision auf der Via Appia lagern die Figurationen der Slreicher anfänglich wie gespensterhasle Wolkenschatten über dem Ganzen. Stärker und stärlcr schwillt allmählich das Tongewoge an, mehr und mehr lichtet sich das harmonische Dunkel, biS ein gewaltiges majeuätycheS Fortissimo des ganzen Orchesters die Erscheinung des Herrn ankündigt. Zu rasch abgedämpftem, harmonisch klangreichem Piano erklingen die legendären Worte des „Quo vadis“, mit ergreifender Charakteristik ist Christi Antwort „Vado Romain, ut iteram crucifigar“ deklamiert. -In den Schlußgesang Petck, der dem Willen des Apostels zur Rücklehr nach Rom und zum Märtyrertod begeisterten Ausdruck gibt, klingen neben den liturgischen Motiven der Katakombenlzene abermals Themen des Prätorumer- marsches herein, die sich zuletzt za einem mächtiger, Triumpbgesang steigern, den nahen Sieg des Chiisten- tumS über Rom und seine stolzen Cäsaren verkündend. Ein klanglich pompöser Schlußchor laßt das Werk wirkungsvoll anstliiigen. NowowiejskiS Name wird durch das „Quo vadis“Oratotium bald weit verbreitet werden.»

Auch zwei Komponisten -Kritiker haben zu NowowiejskiS Oratorium Stellung genommen: der zu den ersten Koutrapunkttkern zählende Komponist Griesbach er und der Trierer Domkapellmeister und Komponist Stockhausen. Ersterer schreibt:

„Eine tiefe Ergriffenheit durchzieht dieses Werk, das schon in ferner Au luge eine Sonderstellung in der ganzen muiilalijchen Literatur einnimmt, indem es zwischen Oratorium und Oper die Mttte hält, von der ersten bi» zur letzten Seite. Jenes geheimnisvolle packende

„Etwas", das man nicht in Lehrbüchern findet, dal nur gottbegnadeten Künstlern eigen ist, das als Aus­fluß einer ergriffenen Seele auch unmittelbar den Weg zum genießenden Hörer findet, weht uns aus jeder Zeile entgegen, und jener romantische Zug, der den Klassikern noch weniger eigen ist. der erst mit den er­greifenden Liedern eines Schumann ins Leben tritt und in den Musikdramen Wagners seinen Höhepunkt erreicht, jene packende innere Kraft, die weniger in einer glänzenden Kontrapunktik als in der schillernden Farben» vracht moderner Harmonik zu suchen ist, drückt dem Opus den Stempel der „Moderne" auf und stellt ei himmelhoch über gewisse Oratorien der Neuzeit, fo daß seit Tin eis „Franziskus" sicher nichts geschaffen wurde, was Nowoiviejskis „Quo vadis» nur einigermaßen an die Seite gestellt werden könnte."

Donckapellmeister Stockhausen in Trier schreibt als Einleitung zu seiner vorzüglichen Analyse und Kritik des Oratoriums folgendes nieder:

„N. bedient sich aller Ausdruckmittel des modernen Chorfatzes und namentlich der modernen Instrumen­tierung: er ist also ein durchaus moderner Komponist. Auch in „Qno vadis?" finden wir alle Mittel atfge­boten, mix denen die „Modernen" arbeiten, insbesondere eine glänzende farbenprächtige, stellenweise geradezu raffinierte Orchesiersprache. Aber bei aller Modermtät geht er nicht, wie so viele andere» dem Melodifchen aus dem Wege. „Quo vadis?" ist voll von musikalischen Schönheiten und es roirb von allen Aufführungen gelten, was der Amsterdamer „Mnztekbode" nach der Uraufführung im letzten Winter schrieb: »Diese Musil ipricht zu jedermann unmittelbar und bannt ihn unter öen Zauber des Schönen.«"

Schließen wir, um zu den Musikkritikern in öffent­lichen Blättern zurückzukehren, mit den Worten der „Frankfurter Zeitung":

„Die musikalische Behandlung des Stoffes ist von höchster dramatischer Wirkung. Innere Wahrhaftigleit ces Ausdrucks, ein hervorragender, und bei aller Schwierigkeit doch sangbarer Chorfatz und ein glänzen­der Reichtum der Orcheftersprache, dte sich der modern- sten Ausdrucksmittel bedient, sind Vorzüge, die „Quo vadis?" einen Platz in der vordersten Reihe großer moderner Chorwerke anwessen und einen Siegeszug durch die deutschen Konzertfäle verbürgen."

(Schluß folgt.)