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Fulda, Freitasi den 24. Februar 1911.
M 45.
Erstes Blatt
38. Iahrqanq.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 23. Februar 1911.
D«r Haus beginnt die zweite Beratung bei Gesetz- ^ntwrrrseS betreffend die Erhöhung der
Friedeuspräsenz stärke des HeereS.
Die Kommission beantragt unveränderte Annahme; ferner schlägt die Kommiffion die Annahme von Reso- tutiouen, wonach die Verteilung des Ersatzbevarfes für öandheer und Marine in gleichmäßiger Weise nach der Fahl der tauglichen Militärpflichtigen sür alle Kontin» Bente herbeigesührl und Gejuche um Befreiung von Militärpflichtigen vom aktiven Dienst aus Billigkeits- iründen möglichst wohlwollend behandelt und zu dreiem zweck des Reichßmilitärgesetz vom 6. Mai 1880 ent» prechend abgeänderl werden soll. Eine dritte Reso- ution fordert die Reform des gesamten Militärstraf- techteS, des Beschwerderechtes und des ehrengericht« ltchen Verfahrens, sowie der Stellung der nicht dem aktiven Milttärstande angehörenden Personen in diesem Verfahren.
Abg. Speck (Zentr.): Die Frage, ob diese Vorlage im Jntereffe der Schlagfertigkeit unserer Armee not» wendtg ist, ist in der Budgeltommiffion, ich alaube mich nicht zu läuschen, wenn ich sage, einstimmig bejaht worden. Selbst von der äußersten Linken ist dieses anerkannt worden, wie denn überhaupt die Sozialdemokratie in der Kommiffion ein ganz anderes Gesicht gezeigt hat, als wir es sonst von ihr gewöhnt sind. Ich weiß nicht, ob mit dieser Wandlung der Anschauungen der Anschluß an die bürgerlich« Linke ringelet!et wird. (Heiterkeit und Hört, hört! rechts und im Zenit.) Auf technische Einzelheiten wird bei denbetr.Posilionen derElats zurückzukommen fein; hier nur ein kurze? Wort zur Frage der Neubildung von Maschinengewehr - Kompagnire n. Das Maschinengewehr ist zurzeit die furchtbarste Waffe, w.e bie Infanterie überhaupt besitzt. Haben die anderen Nationen ihr Heer mit dieser Waffe ausgerüstet, so wird niemand unter uns die Verantwortung auf sich nehmen, sie den Söhnen unseres Volkes sür den Ernstfall vorzuenthalten. Es sind Bedenken laut geworden, ob die Vorlage auch genüge zur Aufrechterhaltung der Schlagfertigkeit des Heeres. Diese Bedenken sind aber geschwunden, nachdem der Kriegsminister in der Kom- milsion erklärt hat, daß er die volle Verantwortung dafür übernehme, daß die Vorlage allen Ansprüchen für die nächsten Jahre entspreche. Ich stehe nicht an, der Heeresverwaltung meine Anerkennung dafür auszusprechen, daß sie sich aus Rücksichten auf die Finanzlage des Reiches auf das notwendigste beschränkt hat. Die Mehrbelastung der Vorlage beträgt rund 11 Tausend Mann. Im weiteren empfiehlt Redner die Resolutionen und regt an, der Adrüftungsfrage näher zu treten. In der Budgetkommission sind uns allerdings vertrauliche Buslünfte über den Stand der diesbezüglichen Be- Bungen zum Ausland gegeben worden, die leider wenig Hoffnung Massen, daß es in absehbarer Zeit zu praktischen Erfolgen auf diesem Gebiete kommen wird. SVeine politischen Freunde haben schon bei der ersten Lesung ihre Zustimmung zu dieser Vorlage abhängig gemacht von der Lösung der Deckungsfrage. Immerhin wird man sagen können, daß bei normaler Entwicklung der Dinge auch die sür die Militärverwaltung nötigen Mittel vorhanden sein werden. Treten außergewöhnliche Zustände ein, so muffen eben außergewöhnliche Maßregeln ergriffen werden.
Abg. Stuchlen (Soz.): Es ist nicht richtig, wenn der Herr Vorredner meint, wir hätten uns geändert. Wenn wir von Rußland angegriffen werden sollten, so werden wir selbstverständlich nicht mit den Händen in den Taschen zusehen, wenn alles in Scher- ;#en geschlagen wird. Aber das ändert nichts an unserer tarundsätztichen Stellung zum Militarismus. Die Vorlage ist die größte, die jemals dem deutschen Volke auf erlegt worden ist. Die Folge dieser Vorlage wird fein, daß auch das Ausland weiter rüstet und so werken die Rüstungen zu einer Schraube ohne E. de. Wir lehnen die Vorlage ab.
Abg. »affermann (natL): Wir werden die Resolu- tion annehmen. Wollen wir uns den Frieden erhalten, f» dürfen wir nicht hinter den Armeen anderer Staaten zurückbteiben. Ein etwaiger Mehrbedarf muß durch eine Reichserbschaftssteuer gedeckt werden.
Abg. Dr. Wirmer <Bp.): Wenn wir die gesamten Aufwendungen aus dieser Vorlage in Form eines Quinquennats im voraus bewilligen, so ist es ziemlich gleichgiltig, wie viel auf jedes einzelne Jahr kommt.
Ich habe erhebliche Zweffel, ob auf diese Weise der Grundsatz »keine neuen Ausgaben ohne Deckung- auf die Dauer wird durchgeführt werden können. Trotzdem haben wir keine Veranlassung, heute schon daS Gespenst neuer Steuern an bie Wand zu malen. Die HeereS- Verwaltung muß eben sparsam fein, und außerdem ist eine Verminderung der Kavallerie notwendig. Wir werden der Vorlage zuftimmen.
Abg. v. Putlitz (kons.): Was die Vorlage fordert, ist äußerst bescheiden. Unsere HeereSauSgaben find wohl recht hoch, aber sie haben der Nation den Frieden erhalten und dadurch ihre wirtschaftliche Blüte geschaffen.
Abg. filetiert (Reforrnp.)- Die Vorlage ist ein Ereignis, das auch im Auslande Eindruck macht Das richtige Maß ist eingehalten. Die Eoztaldemokraten beschimpfen und befchmutzen berussmäßig unser Heer. (Die Sozialdemokraten rufen: Schwindel! Unwahrheit! — Bon recht« wird „Pfui!* gerufen. — Der Präsident rügt die Zwischenrufe.)
Kriegsminister ». Heeringen: Ein schlagfertiges Heer ist für die Machtstellung Deutschlands eine unbedingte Notwendigkeit. Die Ausgaben für die deutsche Wehrmacht sind eine Art Versicherungsprämie gegen einen kostspieligen Krieg. Aus der Aufnahme, die die Vorlage gesunden hat, geht hervor, daß alle nationalen Parteien von der Ueberzeugung durchdrungen sind, daß ein schlagfertiges deutsches Heer für Deutschlands Machtstellung eine unbedingte Notwendigkeit ist. Von einer Verminderung der Kavallerie kann keine Rede fein, da das Luftschiff sehr oft versagt und wir bann bem Feinde nicht sagen können, wir spielen nicht mit. (Heiterkeit). Wir dürfen daher mit dem Ausbau unseres HeereS nicht warten, bis uns das freuet auf den Nägeln brennt. Ein Heer ist nur dann ein brauchbares Werkzeug, wenn im Frieden rechtzeitig die erforderlichen Opfer dafür gebracht werden. Was nun die Kosten anlangt, so betragen die Ausgaben bei uns 15,6’ * von den Gesamtausgaben des Reiches, in Frankreich dagegen 34’e. Ich glaube, das ist bei der ungünstigen Sage Deutschlands mit zwei Fronten ein sehr günstiges Ergebnis. Die Ausgaben sind ja immerhin hoch, aber ich bitte Sie zu berücksichtigen, baß ein unglücklicher Krieg weit höhere Opfer erfordern würbe.
Abg. Korfanth (Pole) erklärt, seine Partei sei nicht gewillt, der MUitärverwaltung so große Machtmittel in bie Hanb zu geben, bie auch gegen die Polen angewendet würden. Die Polen würden daher gegen die Vorlage stimmen.
Abg. Liebermann v. Sonnenberg (wirtsch. Bgg.) erklärt die Zustimmung feiner Partei zu der Vorlage
Abg. Dr. Heim (Ztr.): Das Zentrum hat von jeher auf bem Standpunkte gestanden: „Keine Ausgaben ohne Deckung". In der Begründung der Vorlage habe ich aber nichts über die Deckungsftage gefunden. In der Kommission ist ja eine Art Auskunft gegeben worden, aber klar war das nicht. Ich spreche mich für meine Person gegen die Vorlage aus, weil meiner Ansicht nach die Deckungsfrage nicht gelöst ist.
Abg. Roste (Soz.) polemisiert gegen den Abg. Siebert.
Reichsschatzsekretär Wermuth: Ich meinerseiis möchte erklären, daß die Finanzverwaltung die An- sord erungen der neuen Vorlage sozusagen in das Finanzprogramm der nächsten Finanzperiode mit aufzunehmen hat uvd fest enischtoffen ist, dieses Programm ohne neue Steuern durchzusühren. (Lebh. Bravo.)
Nach weiterer unerheblicher Debatte wird die Abstimmung über den § 1 auf den Beginn der morgigen Sitzung vertagt, im übrigen gelangt die Vorlage und die Kommissions-Resolution zur An- nähme.
Hieraus wird der Etat für bie sich aus der Vermehrung der Friedenspräsenzstiirke ergebenden Abänderungen in der Organisation des Heeres nebst einer von der Kommission beantragten Resolution betr. Vorlegung einer Denkschrist über das gesamte Zulagewesen und LöhnnngSzuschüfle ohne Debatte angenommen.
Freitag: Heereselat.
Preußischer Landtag.
AbgeorduetenbauS.
Sitzung vom 2). Februar 1911.
Die zweite Beratung des Eisenbahnetais wird bei den allgemeinen Ausgaben fortgesetzt.
Abg. Türcke (kons.) begrüßt die gestrigen Ausführungen deS Ministers, aus denen das Bestreben hervor- gehe, bie Zufriedenheit unter seinen Arbeitern zu erhallen und zu festigen.
Abg. Eckert (ft.) bittet ben Minister, die Löhne der Eisenbahner fo auszugestalten, daß deren Frauen, eingedenk des Kaiserwortes in Königsberg, sich dem Haushalte und der Kmdererziehung widmen können und nicht nötig Haden, zum Lebensunterhalt mitbeizutragen.
Abg. Funk rBp.) bittet um Regelung der Penstons- verhältnifle der Angestellten der ehemaligen hessischen Ludwigsdahn.
Abg. GieSberts (Zentr.) führt Beschwerde darüber, daß der nationale Eifenbahnarbeiterverband gegen die christlichen Gewerkschatten Hetze und verliest eine Resolution desselben, in welcher bedauert wird, daß die Abgeordneten Gronowski und Giesberts durch ihre Parteinadme für die christlichen Gewerkschaften den gegnerischen Bestrebungen Waffer auf d e Mühle lieferten; diese Abgeordneten müßten doch wissen, daß die Worte, christliche Gewerkschaften, einen unangenehmen Klang in der Arbeiterschaft hätten. Ferner verweist Redner auf das Flugblatt deS Verbandes, in welchem es heißt, daß die christlichen Arbeiter im Parlament die Interessen der Eisenbahner zu wenig verträten. Schwächen mag unsere christliche Gewerkschaftsbewegung ja haben, aber jeder, der sie oer folgt hat, wird gesunden haben, daß sie bezüglich ihrer Taktik und der Entschiedenheit ihrer Vertretung das geleistet hat, was man von ihr verlangen kann. Friedlich find wir durchaus, aber wir verlangen auch, daß von der anderen Seite unsere parlamentarische Arbeit geschätzt wird. (Zustimmung im Zenlr.h Das müssen wir auch von sozialdemokratischen Seite fordern. Im weiteren polemisiert Redner gegen den Abg. Leinert. Auf sozialdemokratischer Seite ist es beanstandet worden, daß der Abg. Beyer seinen Dank darüber ausgesprochen hat, daß eine Reihe seiner Wünsche vom vorigen Jahre vom Minister berückstchtigt worden sind. Ja, wenn uns etwas gegeben wird, bann lönnen wir doch nicht sagen: Das kann uns gestohlen sein. ,Heiterkeit.). Zur Frage des allgrmeinen Streiks oder der passiven Resistan; der staatlichen Arbeiter kann ich nur betonen, daß diese Dmge nicht aus heimischem Boden gewachsen sind, sondern nur von Anarchosozialisten vertreten werden. Die christlichen Arbeiter haben sich von vornherein auf den Standpunkt gestellt, daß der Streik für die Arbeiter in staatlichen Betrieben zur Erzielung höherer Löhne und bergt nicht in Betrach t kommen kann. Wer Henle ben Eisenbahnarbeitern einredet, daß er mit Hilfe des Streiks oder der passiven Resistanz seine Lage verbessern könne, der betrügt die Arbeiter. (Lebh. Sehr richtig!) Au den Minister habe ich die Bitte zu richten, auf bie der Eisenbahnoei waltung nahestehenden Trans- portuntemebmungen hin.ulmrken, daß die Arbeiter dieser Unternehmungen anständige Löhne und Arbeitsbedingungen bekommen. Ein weiterer Wunsch meiner Freunde geht auf eine andere Berechnung bet Nachl- bienuzeit.
Minister v. Breitenbach: Die Eisenbahn wird auf die Transportgesellschaften dahin wirken, daß sie ausreichende Löhne zahlen. Die Mitglieder der Arbeiterausschüsse können nicht entlassen werden, wenn sie eine Beschwerde vorgebracht Haden. Die Beiträge zur Pen- sions- uno Relrktenversorgnng find gegenüber ben Angestellten bet früheren hessischen Ludwigsdahn erheblich herabgesetzt worden.
Abg. Wagner lsreilons.) verlangt im Interesse bet Betriebssicher heil Vermehrung des Lokomotioper sonals.
Ein Schlußankrag wird angenommen, ebenso der von allen bürgerlichen Parteien unterstützte Antrag Dr. Friedberg (natl.) auf Gleichstellung der (5ifen» bahnafsistenten in Preußen und im Reich unter Festhaltung an den Bestimmungen der Besoldungs- ordnung. In der Spezialdebatte wünscht
Abg. Jmbnsch lZenit.', daß bet Unfällen das Krankengeld vom ersten Tage an gezahlt werde.
Abg. Tinslage (Zenit.) führt Klage über das unruhige Fahren der Schnellzüge. Der Mangel beruhe daraus, daß die Strecken nicht genügend nachgeiehen werden könnten, weil die Rollenarbeiler vielfach zu anderen Arbeiten verwendet würden.
Abg. Kirsch (Zentr.) wünscht, daß die Verwaltung den neuerfunbenen Apparat zur Vermeidung von Ansteckung durch die Polstetkiffen in ben Eisenbahnwagen prüfen möge.
Eisendahnminister v. Breitenbach erwidert, daß für einen besseren aiang der Schnellzüge Fürsorge getroffen fei und noch werde.
Abg. v. Pappenheim (konf.) tritt bett Verdächtigungen entgegen, als ob Hessen bei der preußisch- hessischen Gemeinschaft übervorteilt worden sei.
Minister v. Breitenbach: Im hessischen Landtag ist eine scharfe Kritik geübt worben. Doch haben die Minister ausreichende Erklärungen abgegeben. Die erhobenen Borwürfe find unberechtigt, wie die Verträge beweisen. Redner geht anssührlich daraus ein. Die Vorteile, die Hessen hat, find so evident, daß kein Wort darüber zu verlieren ist. Herren, wie Herr v. Heyl, haben sich daher auch sehr zufrieden über" den Vertrag mit Preußen ausgesprochen. Von dem, was wir von dem Vertrag für uns erwartet haben, sind noch nicht 10 Prozent eingetroffen. (Hört! hört!)
Abg. b. Sieben führt aus, daß durch den Automobilverkehr und die Rauchplage im Rheingau arge Belästigungen und Schädigungen der Baumblüte hervorgerufen werden. Nach einem Zeitungsgedicht will sogar die Loreley ihr Singen einfteUen. (Hört, hört! — Heiterkeit.) Man sollte aus eine Umwandlung des Rheingaues in einen Nationalpark hinsteuern. Bor tausend Jahren waren der Boden und die Flüsse rein; heute haben wir schmutzige Flüsse, schmutzigen Boden und verpestete Lust. Wo ist da eigentlich der Kultur- forlschttlt? lGr. Heiterkeit.)
Das Ordinarium ist damit erledigt. Beim Extra- orbinatium werben lokale Wünsche vorgebracht U. a. wünscht
Abg. Schröder-Kassel (natl.) bessere Zugänge zu der Haltestelle WalterShausen im Bezirk Kassel.
Abg. Rhiel (Ztr.) äußerte verschiedene Wünsche bezüglich des für Fulda beabsichtigten neuen Bahnhofes.
Damit ist der Etat erledigt.
Freitag: Etat der Staatsschuldenverwaltung, der Seehandlung und der Steuerverwaltung.
Herrenhaus.
Sitzung vom 23. Februar 1911.
Der Gesetzentwurf: Abänderung der Land« gemeinbeorbnung Hannover wird in einmaliger Schlußberatung debattelos angenommen.
lieber diePetilion der Handelskammer Saarbrücken um ausreichende Versorgung bet Saarhüttenindustrie mit Kokskohlen aus dem staatlichen Saarkohlenbergbau und Herabsetzung der Kokskohlenpreise, der Kokspreise und Fabrikationskohlenpreise des staatlichen Saarkohlenbergbaues, geht das HanS dem Anträge der Kommifston gemäß zur Tagesordnung über.
Eine Petition deS Verbandes der Hutdetaillisten Deutschlands zu Charlottenburg um Unterdrückung der auf Erzielung von Sonderrabatt gerichteten Bestrebun- aen der Beamten- und Lehrervereine wird gemäß Kommissionsantrag der Regierung als Material überwiesen.
Nächste Sitzung: voraussichtlich Ende des nächste« Monats.
z Der Kronprinz statt -es Kaisers.
Die Frage, ob der deutsche Kaiser zu den „Jubiläumsfestlichketten" nach Rom reifen werde, wird jetzt beantwortet durch folgende offiziöse Bitt« leilung der ,Nordd. Allg. $tg.':
„Der Kron prinz wird sich nach feiner Rückkehr ans Indien einige Zeit in Aegypten aufhalten, um einen zu schroffen Klimawechsel zu vermeiden. An den Aufenthalt in Aegypten wird sich dann voraussichtlich ein Besuch des Kronprinzenpaares bei dem Kaiser und oer Kaiserin auf der Insel Korfu anschließen. Im Lause des April werden bet Kronprinz und die Kron- Prinzessin einen offiziellen Besuch in Rom abstatten, um dem König und der Königin von Italien die Glückwünsche des deutschen Kaiserpaares zur italienischen Nationalfeier darzubringen."
Es ist nicht ausdrücklich gesagt, aber aus der stellvertretenden Beglückwünschung zu folgern, daß der Stal» s e r selbst in diesem Iahte nicht nach Rom kommen wird. Das ist eine empfindliche Enttäuschung für die Herten vom „Berliner Tageblatt und deren Genossen an beiden Seiten der Alpen, die es unternommen hatten, durch ihre Preßagitation die Romfahrt des Kaisers zu erzwingen. Vielleicht werden sie nun
Die miße Lilie lum Surimi«.
21] Roman von Erich Friesen,
Widerstrebend reicht sie ihm die Hank zum Abschied, die et leidenschaftlich an seine Lippen preßt.
TÄnn geht er.
Und seltsam — eine Vision taucht plötzlich vor seinem geistigen Auge auf: ein schwarzfunkelndes Augenstaat, das ih» vorwurfsvoll, voll ttefstet Hingebung anblickt--
Lord Douglas fährt sich über die Stirn.
„Bah! Fort damit! Laß die Toten ruhen!" f Eine flotte Operettenmelodie pfeifend, fchrettet er mit gemachter Nonchalance weiter.
Er hat nicht bemerkt, wie unten an der £ erraffen» mauer, halb verdeckt von dem wuchernden Glycinien- getank, ein Lauschet stand; wie dieser Lauscher sich bet Lord Douglas' Rahen scheu zutückzog und au3 seinem Hinterhalt, die Augen-sprühend vor Haß, die geballte Faust hinter ihm schwang.
Beppo Satt» ift’8, J»er schon seit Wochen das Haus Net Balettis umschleicht, um zu erlauschen, was den stolzen Lord tagtäglich dorthin führt.
Jetzt weiß er eS.
Wild kocht e« in dem Burschen auf. Seine Zähne Kirschen vor Wut. Unwillkürlich greift seine Faust uach der Rocktasche, in welcher der Dolch steck.
Roch schwankt er. . . .
( Soll er dem Mann nach, bet dort so hochmütig, s, unnahbar dahinschrettet?
Ober warten, um zu sehen, ob sich chm Gelegen» hett bietet, Lilin zu sprechen — das Mädchen, das et Sinne völlig gefangen nimmt, daß er nichts an» \ mcht zu denken vermag? . . .
lind wieder legt er sich auf die Lauer. . . .
Vielleicht kommt sie, und et kann zu ihr reden, chie's ihm ums Herz ist. Und wenn sie ihn abwesst i— stolz, wie eS ihre Art--ha, dann gibffs ein
(Unglück! Ja, per bacco! . . .
i Hinten am Ende der Terrasse steht inzwischen Lilia Md blickt Lord Douglas nach.
Doch nicht bei ihm weilen ihre Gedanken, sondern bei jenem andern, den sie nie mehr wieder sehen soll. Und chr ist, als greife eine kalte Faust nach ihrem Herzen.
Sie wird unruhig, nervös. Und diese Unruhe nimmt derart zu, daß es sie hinaustreibt, ins Freie. Wohin? Sie weiß es selbst noch nicht.
Unbewußt, nur einem inneren Drange folgend, eilt sie hinab zum See. Von dort aus kann sie die Villa Eden sehen . . . viefleicht auch von weitem chn, wie «■r auf der Terrasse sitzt oder im Gatten ptomeniett oder--
Jäh wird sie in ihren Träumereien gestört. Sie härt den Kies hinter sich knirschen und hastige Ttttte sich nähern.
Und jetzt redet sie jemand an. Sie wendet den W.
Mit ein baar Schritten ist Beppo Sarto neben ihr.
Heftig erklärt et, daß sie ihn anhören müsse — unbedingt. Seit Wochen lauere er auf die Minute, da *' sie sprechen kann.
Furchtlos, toenn auch verwundert blickt sie in das erregte braune Gesicht. Sie, die noch vor kurzem ztt- terte, wenn ihr auf einsamem Wege jemand begegnete, die in Todesangst vor dem wütenden Stter floh — sie ist heute unheimlich ruhig in der Nähe dieses wüsten Butschen. Was kann er ihr zu sagen haben, das sie auch nur im geringsten angeht? . . .
Und er nutzt seinen Vorteil aus.
Hastig, sich überstürzend, mit kurzen Motten, erzählt et, daß er eine Heine Erbschaft gemacht, die i$n in den Stanö setze, einen eigenen Haushalt zu grün» den. Und die Frau, die dafür nötig ist, solle sie, Lüta Baletti, fein.
Boll wachsenden Staunens hött Silia zu. Wäre sie in anderer Stimmung, sie hätte ihm dirät ins Gesicht gelacht.
Doch heute ist ste zu traurig. Ihre Gedanken wandern bereits voraus — dort um jene Wegbiegung, hinter der der blaue See schtmmett und die weiße Terrasse der Villa Eden.
„Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, an mit; zu denken." erwidert sie. ihrer Stimme Festiakeü. litz,
bend. „Wer Sie konnten sich doch selber sagen, daß daraus nichts werden kann."
Der Butsche lacht — ein unangenehmes, heiseres Lachen.
„Warum nicht, möcht' ich wissen? . . . Sind Sie denn was Besseres als ich? . . . Glauben Sie nur nicht, daß die feinen Herren, wie der Lord Douglas, es ehrlich meinen! Sie flunkern den Mädels was vor, um ste zu ködern und lassen sie nachher sitzen. Ich kenne das!"
Lilia antwortete nicht. Ter Branntweindunst, der dm Butschen umgibt, erweckt ihren Abscheu.
Am liebsten niöchte sie umwenden und wieder nach Hause eilen. Aber sähe das nicht aus wie Furcht?
Furcht vor diesem Menschen? Nein.
Den Kopf hintenübergeworfen, schreitet sie weiter. Wmn er das Nutzlose seiner Bemühungen etnfleht, wird et schon von selber gehen.
So denkt sie wmigstmS.
Doch der Bursche denkt anders. Er hött nicht auf, in sie hineinzureden. Ohne daß sie es merkt, drängt er sie dabei in einen schmalen Pfad, der zwei ©arten von einander, trennt. Rechts und links Gitter.
Als sie die Gefahr, in der sie schwebt, gewahr wird ist es zu spät. Nicht mehr vorwärts kann sie und nickt rückwärts. Vor ihr der blinkende See. Hinter üjr die unheimliche Gestalt Beppos, der ste mit diabolischem Lachen angrinst.
Em rascher Blick au» den blauen Mädchenaugen fliegt links und recht».
ES ist der ©arten der Villa Eden, der sich zu ihrer linlen Hand bis hinunter ans Wasser erstreckt.
Soll ste schrrim? Um Hssfe rufen? .. . Niemand wird sie hören.
Mso heißt e», allein fertig werden mit der brutalen Gewalt.
Sie versucht, dem Burschm sein Unrecht vorzuhal- ten. Et könne sie doch nicht zwingen, ihn zu heiraten, wenn sie ihn nicht liebe. . . .
Et lacht.
Sie besucht, ihn zu überleben, daß er seines Weges gehen und sie in Ruhe.laffm solle; sie würde zu
(Sortierung folgt)
niemandem über sein ungehöriges Benehmen sprechen. . . .
Et lacht.
Sie fragt ihn, ungeduldig werdend, toarum er ste noch weiter beläftige. da er ja doch sehe, daß er nichts bei ihr etreichm könne. ...
Et lacht.
Und dieses Lachm hat etwas so Unheimliches, daß es dem Mädchen Eiseskälte über den Rücken lagt.
Immer weiter drängt er sie ans Wasser heran.
Immer aufgeregter funkeln feine Augen.
Und jetzt greift er in die Tasche.
Ein Dolch blinkt in der Luft.
Barmherzigkeit!
Blitzschnell zieht noch einmal alles, was ihr junges Sehen bewegte, durch Alias Kopf:
Ihre Liebe zu Winfried . . . Lord Douglas' Werben um ihre Hand ... das trübe Geschick bet Mutter — —
Sie sinkt in die Knie. Ein heißes Gebet steigt zum Himmei empor.
Dann läuft sie, laute Hilferufe ausstoßend, geradeaus.
Doch er ist schneller als sie.
In wenigen Sekunden hat er sie eingeholt.
Ein wildes Ringen misteht.
Und die Todesangst gibt dem schwachen Mädchen
Riesenktäste. m
Sie reißt sich los und stößt den Burschen von sich, daß er taumelt. „ t . . r,_ .
Doch sofort ist er wieder auf dm Beinen und stutzt ihr nach.
Sie sieht den Dolch aufblitzen, Höri daS diabolische Lachm, fühlt feinen heißen Atem — —
Fast besinnungslos vor Augst rennt sie blindlings vorwärts — dem Wasser zu--
Ein Klatsch — ein schwacher Schrei---
In ihren Ohren saust und braust es. Ihr Herz schlägt in unruhigen Schlägen. Noch kurze Zeit arbeiten ihre Arme wie Maschinen ohne Seelenkraft —
Dann schwinden ihr die Sinne.