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Mitwoch »en 22. Ledruar I9U.
58 Jahrgang.
* fuldaer W Zeitung«
2. Blatt.
Vrick und »«lag der z«,darr Actlendrsckerei
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Lilia ist zurückgefahren, als habe sie einen Schlag m8 Gesicht erhalten. Auf ihrem Antlitz wechselt in rascher Folge dunkle Rote mit tiefer Blässe.
.Wen — wen wird Lady Diana heiraten?" stammelt sie fassungslos.
„Den jungen Grafen Winfried Althof aus der Villa Eden. Ich bedauere den Armen; er kennt sicher ben wahren Charakter seiner Braut noch nicht. Aber freilich — wenn man verliebt ist —*
Und achselzuckend setzt sich Frau Jngeborg an ihren Nähtisch zur gewohnten Arbeit.
Still, fast unhörbar, gleitet Lilia in ihr Zimmer. Ihr ist, als sei plötzlich etwas in ihr gestorben.
Winfried Lady Dianas Verlobter!
Mit einem weltverlorenen Blick starrt Lilia vor sich hin
Jetzt weiß sie, weshalb er neulich zum Abschied nur ihre Hand küßte, anstatt ihre Lippen, die sich ihm so gern und willig geboten hätten. Weiß sie, weshalb er niemals ihre Gesellschaft sucht, während sie die ganzen Tage daher verträumte in stummer Erwartung und Sehnsucht nach ihm.....
Wie konnte sie sich nur derart täuschen! Wie konnte sie glauben, in seinen Augen etwas von der innigen Liebe zu lesen, die sie selbst empfindet! Er, der Verlobte einer andern! . . .
Sie beginnt sich selbst zu verachten, daß sie ihr Herz weggeworfen — an einen Mann, der gar nicht an sie benft, der vielleicht das kleine dr-mme Mädchen auSlachen würde, wenn er davon erführe.
Ihr Stolz erwacht.
Richt eine Sekunde länger will sie diese unwürdige Liebe in ihrem Herzen dulden! HerauSreißen will fle sie mit all ihren Fasern! Auf einmal mit einem Ruck!
Jäh verwandelt sich ihre lässige Haltung. Ihr schmerzerfüllte» Gesichtchen nimmt einen energischen Ausdruck an. Ihre großen blauen Augen blicken fest und zielbcwußt.
Frau Jngeborg ist freudig überrascht als ihr die Tochter noch am selbe» Abend erklärt, ste habe sich die Sach« überlegt, sie wolle Lord Douglas' Werbung
♦ Fritzlar, 20. Febr. 1911. Gestern hielt der Obstbauveretn des Kreises Fritzlar im Stadtpark seine Generalversammlung ab. Der Vorsitzende, Landrat Nöldechen, leitete die Sitzung. Die Vorstandswahl ergab Wiederwahl des seitherigen Vorstandes. Winterschuldirektor R e h b o ck hielt hierauf einen von der Versammlung mit großem Interesse aufgenommenen lehrreichen Vortrag über den Anbau von Buschobst und seine Rentabilität für den Landwirt und Gartenbesitzer. Eine sehr lebhafte Debatte schloß sich an. Es wird aus der Versammlung die Erhöhung des Beitrags auf 1,50 Mk. angeregt, worüber in nächster Versammlung beschlossen werden soll. Die Gründung von Zweigvereinen im Kreis soll zur Hebung des Interesses für die Bestrebung des Vereins ins Auge gefaßt, und die nächste Generalversammlung in Gudensberg abgehalten werden.
Amt Geisa unö Umgebung.
♦ Vacha, 21. Febr. 1911. Der Umzug unserer städtischen Verwaltung in da» neue Rathaus ist jetzt vollzogen wordm. Die Geschäfte der einzelnen Zweige der Stadtverwaltung wickeln sich von heute ab in den neuen Räumen ab.
(:) Wiesenseld bet (Sei]o, 20. Febr. 1911. Die Zahlstelle Wiesenfeld vom Zentralverband christlicher Bauhandwerker Deutschlands konnte diesen Winter auf ihr 3jähriges Bestehen zurück- blicken. Es wurden mehrere Versanimlungen abgehalten, welche alle gut besucht waren. Die hiesige Gegend mit der stark aufstrebenden Industrie hat ein großes Interesse daran, daß die christlichen Gewerkschaften und katholischen Arbeiterverein: sich kräftig weiterentwickeln. Möge sie darum tatkräftige Förderung finden.
* Die Wölbung des vierten Stockes brach in einem neugebauten Hause in Warschau ein. Mehrere Arbeiter wurden unter den Trümmem begraben. Bisher wurden vier Schwerverletzte von der Feuerwehr geborgen.
♦ Eine Forschungsexpedition, bestehend aus 3 Eng» ländern und 26 Eingeborenen, soll auf N e u-G u i- nea niedergemetzelt worden feilt. Sie hat Port Moresby am 18. November vorigen Jahres verlassen, um das Innere von Neuguinea zu erforschen. Seit dem 7. Dezember sind keine Nachrichten von ihnen eingelaufen. Infolgedessen hegt man die ernstesten Befürchtungen über ihr Schicksal. Eine ausgesandtr Hilfsabteilung wird gleichfalls vermißt — Die wilden Ureinwohner Neuguineas, die fast durchaus Menschenfresser sind, haben sich der Erforschung des Landes bisher noch immer zu widersetzen gewußt. Die englische Expedition teilt das Schicksal einer Reihe anderer, damnter auch deutscher Forschungsreisenden, die in den Urwäldern Neuguineas den Tod erlitten.
lokale dem Referendar und Reseroeleutnant Hagen infolge von Differenzen über eine Dame eine Ohrfeige gegeben. Die Folge war ein Pistolenduell, da» unblutig verlief. Hagen war vom Kriegsgerichte zu 3 Monaten Festung verurteilt worden. Die Strafkammer verurteilte heute Bertram mit Rücksicht darauf, daß die Herausforderung von der andern Seite erfolgt war, gleichfalls zu der geringsten zulässigen Strafe von 3 Monaten Festung.
* Wiesbaden, 18. Febr. 1911. An den Vorstand des K r i e g e r v e r e i n s in unserem Re gierungs- bezirk war von einer der bürgerlichen Parteien das Ansuchen gerichtet worden, ihr ein Verzeichnis der Zweigvereine des Vereins zukcmmen zu lassen zwecks späterer Zusendung von Flugblättern zur ReichstagSwahl. Der Vorsitzende des Kriegerverbandes hat dieses Anfinnen ab gelehnt, weil nach den Satzungen des Vereins unter keinen Umständen Parteipolitik getrieben werden dürfe.
* Schmalkalden, 18. Febr. 1911. AIS letzte In- stanz hat das Oberverwaltungs-Kulturgericht in Berlin in Sachen der Zusammenlegung unserer Stadt- Gemarkung entschieden, daß die Provokation aus Zusammenlegung der Stadtgemarkung Schmalkalden rechtswirksam erfolgt ist. Den Beginn der Arbeiten wird die Generalkommission in Kassel bestimmen.
Kuner Setreibe-tvochenderlcht der Preisberichtsstelle des deutschen Landwirtschaft- rats vom 14. bis 20. Februar 1911.
Während in Amerika die Aussicht auf zollfreie Einfuhr kanadischen Weizens eine weitere Verstauung bewirkte, blieb für die Gestaltung der Marktlage in Europa die Zurückhaltung der russischen und argentinischen Ablader ausschlaggebend, sodaß die Wertlage im allgemeinen keine wesentliche Veränderung erfahren hat. Mehr als für Weizen und Roggen fiel für Futtergetreide der Umstand ins Gewicht, daß infolge star- ken Frostes in Rußland die Zufuhr aus dem Jnnem behindert wurde und aus dem gleichen Grunde auch ter Schiffsverkehr in den russischen Häsen mit ernsten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte; da außerdem die Vorräte von Gerste in den russischen Häfen stark zusammengeschrumpft sind, andererseits ober «roße Lieferungsverpflichtungen bestehen, so gingen die Preise für diesen Artikel während der letzten Wochen sprungweise in die Höhe. Namentlich an der Weser wurde» für schwimmende Ruffengerste sehr hohe Preise bezahlt. Mit dem Eintritt milderer Witterung ist indes zum Schluß eine Abschwächung erfolgt, sodaß Februar- Abladung, die noch Freitag bis 118 Mark cif Hamburg erzielte, heute mit 113,50 Mk. angeboten wurde. Immerhin wurde für schwimmende Gerste gegenüber Februar-Abladung noch ein Aufgeld von 2y2 Mk. gefordert. Im Anschluß an die Festigkeit des Gerstenmarktes machte sich auch im Maishandel etwa», mehr Lebhaftigkeit bemerkbar, doch wurden die PreUx dadurch kaum sonderlich beeinflußt. Dagegen erfuhr^ Hafer allgemein eine höhere Bewertung, namentlich Schlesien steigerte infolge lebhaften Abzüge» beinah» täglich seine Forderungen und auch an der Ostküste zeigte sich zu Exportzweckeu beffere Verwendung. Hier trat infolge Einfrierens schlesischer Kahnladungen mehr Kauflust für Bahnware hervor, während für Lieferung erhöhte russische Forderungen Nachftage veranlaßte». Von Brotgetreide hatte nur Roggen bei knappem In- landsangebot und gesteigerten Preisen Rußlands feste Tendenz, zumal der Export anbauemb Ware ablenkt. Trotzdem war ber Schluß abgeschwächt, und heut« stellten sich die Preise im Liefemngsgeschäst iy4 Mk. niedriger als vor 8 Tagen. Für Weizen regte Frost, wette: zeitweise die Kauflust an, doch hielt sich da» Geschäft allgemein in engen Grenzen, zumal die vom Export gebotenen Preise keine Rechnung gaben. Im Lieferungsgeschäft ist gegenüber der Vorwoche keine nennenswerte Wertveränderung zu verzeichnen.
nicht zumckweisen; er möge kommen, so ost e8 ihm beliebt.
Als aber am andern Tage ein Diener au» dem Schloß einen kostbaren Strauß weißer Rosen „für die Signorina" bei Frau Jngeborg abgibt mtt einem Brief, in welchem der Schloßherr anftagt, ob fein Besuch für den Abend angenehm wäre — da droht noch einmal Lilins Selbstbeherrschung zu versagen.
Doch rasch faßt sie sich wieder.
.Ich lasse bitten", lautet ihre ruhige Antwort. Aber sie kann nicht hindem, daß alle» Blut ihr dabei zum Herzen strömt.
Ihr ist, als habe sie ihr Schicksal besiegelt.
10.
Einförmig schleichen die Tage dahin . . . und auch die Wochen.
Lady Diana hat längere Zeit ihr Zimmer nicht verlassen; sie leidet an einem schweren Migräne-Anfall, den sie sich aus Aerger über ihre brutale Heftigkeit bei ihrem letzten Besuch in der Villa Eden zugezogen.
Und ihre Stimmung wird nicht besser, als sie hört, daß Graf Winfried sich die ganze Zeit über nicht in Schloß Tusculum hat sehen lassen, daß dagegen ihr Bruder fast täglicher Gast der Balletti» ist.
Die Augen und Ohren des Dienstpersonals sind stets offen für alle», was die Herrschaft angeht — und zumal der alte Gärtner ist unwirsch über die Menge seiner schönsten Prachtexemplare an Rosen und Kamelien und Heliothropen und Reseden, die tagtäglich hinüber in das Haus des Stallmeisters wandern Sa schwirren bald die verschiedensten Gerüchte durch Schloß Tusculum, die auch Lady Diana zu Ohren kommen.
Lord Douglas ist zu sehr in seine eigene Angelegenheit vertieft und zu beglückt über den plötzlichen Umschwung in Lilias Gesinnung ihm gegenüber, um darüber nachzudenken, weshalb Graf Winfried ersichtlich Schloß Tusculum meidet.
Endlich fällt cs ihm aber doch auf.
(Fortsetzung folgt.)
vermischtes.
♦ Der Konvertit Dr. theol. Knud Krogh-Tonuing ist am Sonntag nachmittag nach einem . Schlag, der ihn auf dem Wege zum Hochantte getroffen hatte, in Christiania gestorben. Durch seine wirkungsvollen Schriften auf apologetischem und dogmatischem Gebiete war der Heimgegangene weiten Kreisen in Deutschland bekannt. Geboren 1842 zu Stathelle (Norwegen), war er von 1873 dis 1900 in der lutherischen Seelsorge tätig, eit 1886 alS lutherischer Pfarrer in Christiania. Hier dozierte er feit 1882 auch Pädagogik an der Universität und war seit 1883 Mitglied der Gesellschaft der Wissenschaften. Im Jahre 1900 war er zu Aarhus katholisch geworden.
* Absturz beim Schilauf. Ter Mjährige Student Erich von Fischer aus Bern unternahm mit Kameraden und einem Führer im Berner Oberland eine Schitour von Wengen auf die Spitze des Männlichen. Bei der Spitze überschritt Fischer über- hängenden Schnee und stürzte 300 Meter tief ab. Die Leiche wurde geborgen.
* Wegen eines voigetäuschten Utbersalles ist in Ob er stein an der Rahe ein Juwelenhändler verhaftet, der dort vor einem Monat überfallen und seiner Juwelen im Betrage von 20 000 Mk. beraubt worden fein wollte.
* Zwei Porzeüanfabriken abgebrannt. Durch ein gewaltiges Schadenfeuer ist in dec Nacht zum Montag die Porzellansabrik von Hering in Koppelsdorf bei Koburg eingeäschert worden. Gegen 3 00 Ar- beiter find brotlos. In derselben Nacht brannte in dem bei Koburg gelegenen Hüttengrund ein Teil der Rauschertschen Porzellanfabrik nieder, ferner wurde in Hüttensteinach ein Einbruch in der Bürgermeisterei verübt und eine größere Summe gestohlen. Man vermutet, das; sowohl die Brände, als auch der Einbruch auf eine Verbrecherbande zurückzufiihren sind.
* Passiva von l1/» Millionen. Die Holzgroßhandlung Leschnitzcr in Jarnowitz (Schlesien) such! ein Moratorium nach. Die Passiven werden mit rund eineinhalb Millionen Mark beziffert. Da die Ueberschuldung relativ gering ist, besteht die Hoffnung, daß die Angelegenheit durch Liquidation ge- regeil wird.
* Ter fahnenflüchtige Kommandeur. Der feit drei Wochen verschwundene Kommandeur der Maschinengewehrabteilung in Dresden, Hauptmann Mohr, hat sich, laie jetzt bekannt wird, gegen seine Soldaten sittliche Verfehlungen zu Schulden kommen taffen. Er ist, wie die Ermittelungen ergeben haben, über die Schweiz nach Italien gereift, wo er sich gegenwärtig m einem Sanatorium aufhalten soll.
* Der Münchener Juwelenschwindler Becker aus Pforzheim, der im September vorigen Jahres in Gemeinschaft mit den, in Newyork oor einigen Monaten bereits verhafteten ftüheren mexikanischen Gesandt- schastsattachö Elordny dem Hofjuwelier Koch aus Frankfurt a. M. Juwelen im Werte von 140 000 Mk. entlockt hatte, hat sich in Paris, wie er es vorhatte, der Polizei g e st e l l t und fft dort in Hast genommen worden.
* In ber Nogustorikirche in Bukarest brach in der Dienstagsnacht Feuer aus, das durch eine in ber Kirche zurückgelassene brennende Kerze entstanden war. Sämtliche Kirchengeräte wurden vernichtet, da der Brand erst lange nach seinem Ausbruch bemertt wurde.
Aus Gberheffen u- -en Hess. Aerntern.
△ Marburg, 21. Febr. 1911. Im Turnergarten fand geftern abend eine zahlreich besuchte deutsch- soziale Wählerverfammlung statt. Reichstagskandidat Schneidermeister Rupp aus Riederwal- pem sprach über das Programm der wittschastlichen Vereinigung, und ReichstagSabg. Lattmann aus Kassel über die Finanzreform. Eine Diskussion fand nicht statt.
A Frankenberg, 21. Febr. 1911. In der vergangenen Nacht brannte das neue Wohn- Haus deS Einwohners Krieger teilweise nieder.
* Höringhausen (Rr. Frankenberg), 2 l. Febr. 1911. Das Frese'jche Gut hier, ging durch Kauf in den Besitz des Landwirts Emmeluth über. Der Kaufpreis bei 85 Morgen großen Gutes mit totem und lebendem Inventar soll 60000 Mark betragen
* Borken, 21. Febr. 1911. In schmählicher Weise hintergangen wurde dieser Tage von seinem eigenen Verwalter, dem er da» größte Vertrauen entgegengebracht, der Pächter des Rittergutes Seehof. Der Verwalter war von feinem Herrn mit einem größeren Betrage nach Dillich geschickt worden, um Brand- steuem zu bezahle»; gleichzeitig hatte er auch ein Sparkassenbuch der Spar- und Darlehnskasse Dillich übergeben bekommen, um die Zinsen zuschreiben zu lassen. In seinem Leichtsinn jedoch zog es der Verwalter vor, die Brandsteuern selbst einzunehmen und auf das ihm behändigte Sparkassenbuch ließ er sich noch 70 Mark geben und verschwand dann auf Nimmerwiedersehen.
* Nausis (5kr Ziegenhain), 21. Febr. 1911. Zum Nachfolger des aus dem Amte geschiedene« hochbetagten Bürgermeisters Kurz wurde der bisherige Beigeordnete Gutsbesitzer Schwalm von der Gemeindevertretung gewählt und bestätigt.
Aus dem Nachbaraebiete.
... Marbach, 21. Febr. 1911. Am letzten Sonnig fand im Schulhaussaale eine von 72 Mannern iinb Jünglingen von hier besuchte Versammlung statt. Sie wurde vom Herrn Pfarrer Weber mit kiner herzlichen Begrüßungsrede eröffnet, in der er recht eindrucksvoll hinwies auf die in unserer Zeit von allen ©eiten drohenden sozialen, sittlichen und rett» -löse» Gefahren und besonders gegenüber der immer stärker werdenden sozialistischen Bewegung den Zusammenschluß aller katholischen Manner und Jünglinge empfahl. Hefter Bedeutung, Notwendigkeit und Nutzen der kathol. Arbeitervereine referierte dann in nahezu zweistündiger Rede der Sekretär deS Zentralverbandes chrisü. Textilarbeiter Deutschlands, Herr Mülle r-Bamberg. Die große Aufgabe unserer Zett sei, bessere soziale Verhältnisse für die Arbeiter zu schaffen. An dieser Aufgabe zu arbeiten, fordere die Sorge um das materielle Wohl, der Schutz von Religion und Sittlichkeit, der Schutz eines gedeihlichen Familienlebens. Die Hauptaufgabe fällt den Arbei- tem selbst zu. Sie dürfen nicht nur auf die Hilfe anderer sich verlassen, sie müssen selbst mit Hand an« legen. Mr kath. Arbeitervereine böten den Arbeitem religiöse Belehrung, Schutz gegen die sittlichen Gefahren, Förderung der fachlichen und sozialen Bildung, Unterstützungseinrichtungen, Pflege des Stan- desbewußtseins, veredelnde Erholung und Geselligkeit. Weit über eine halbe Million kath. Arbeiter wären bereits in annähernd 3000 kath. Arbeitervereinen organisiert. Ein herrlicher Gedanke und ein erhebendes Kefuhl wäre es, mit 100 000 Glaubensbrüdern au8 Men deutschen Gauen eng verbunden zu sein. Recht Warm und mit Begeisterung trat dann der Referent für die Gründung eines kathol. Arbeiten Verein? in Marbach ein. Rauschender Beifall wurde dem Redner für seine überzeugenden Darlegungen gezollt. Es wurde beschlossen, in einer recht bald wieder anzuberaumenden Versammlung in eine Besprechung über die Normalsatzungen der kathol. Arbeitervereine einzutreten.
* Leimbach, 20. Febr. 1911. Am Sonntag feierte Herr Hoppe mit feiner Gemahlin das seltene Fest der g o l d e n e n H o ch z e i t.
* Hilders, 20. Febr. 1911. Die seit 1899 in den Räumen des alten Rathauses Hierselbst untergebrachte Uhrenfabrik, welche eine Filiale der Firma Gebrüder Thiel in Ruhla ist, hat chre Existenz nicht nur behauptet, sondern sich auch erweitert und unserer Einwohnerschaft eine neue industrielle Erwerbsquelle eröffnet, ohne dem hier feit Jahren von Trapp betriebenen Uhrengeschäft Konkurrenz zu bieten. Währmd im Anfang die Durchschnittszahl der beschäftigten Arbeiter zwischen 9 und 11 schwankt», ist dieselbe unter der tatkräftigen Leitung des jetzigen Werkführers Fischer seit Herbst des vergangenen Jahres auf 21 an« gewachsen, sodaß jetzt wöchentlich 1200 bis 1500 Stück Taschenuhren hergestellt und an das Hauptwerk in Ruhla abgeliefert werden. Außer in HilderS befinden sich noch Filialen ber obengenannten Finna innerhalb unseres Rhöngebirges in Dalherda, Frankenheim a. d. Rhön, Poppenhausen, Ostheim und Kaltennordheim.
* Hersfeld, 21. Febr. 1911. Gerichtsaffessor Schafft in Kassel (Sohn des hiesigen früheren Superintendenten) wurde in die Liste der Rechtsanwälte bei dem Landgerichte in Kastel ringe- tragen und als Rechtsanwalt bei dem hiesigen Amtsgerichte zuaelassen.
* Frankfmt, 21. Febr. 1911. Der zur Beobachtung seines Geisteszustandes in der Städtischen Jrren- anstalt befindliche Kellner Waldfchmidt, der in einem Schuhwarengeschäft auf der Bergerstraße die Verkäuferin Meyer ermordete, wird morgen in das Untersuchungsgefängnis zurückgebracht werden. Die ärztliche Beobachtung hat ergeben, daß Waldfchmidt Epileptiker und infolgedessen als Geisteskranker zu behandeln ist. Er kann für die Tat nicht verantwortlich gemacht werden. Das Landgericht wird die Eröffnung des Hauptverfahrens wahrscheinlich ablehren, sodaß keine Verhandlung vor dem Schwurgericht jtattfinbet. Waldfchmidt wird dann dauernd in einer Irrenanstalt Interniert werden.
* Wiesbaden, 20. Febr. 1911. Wegen Zweikampfe- hatte sich heule der 32 Jahre alte Rentner Bertram von hier zu verantworten. Der Angeklagte hatte in einem hiesigen Nacht
Weltmarktpreise: Weizen: Berlin
(— 0.00), Budapest April 200.55 (4- 4.30), Pari» Febr. 219.IOC— 0.55) Liverpool März 158.25 (— 0.45) Chicago Mai 140.90 (- 2.60). Roggen: Berlin Mai 159.00 (- 0.75). Hafer: Berlin Mai 157.00 (+ 0.25) Mk. per 1000 Kilogramm.
@8 Hellten sich die Presse für inlänvssches Betreibe am letzten Markttage in Mark pro 1000 fit logt, je nach Qualität, wobei da» Mehr (+) bezw. Weniger (—) gegenüber der Borwoche in Klammern 0 beigefügt ist wie folgt:
Weizen Roggen
Danzig 204 I ) 148l/,( -f- Vi) Berlin 199 ( + 1 ' "......
Lilia antwortet auch hierauf nicht. Aber die dunkle Röte, die ihr langsam in die Wangen steigt, verrät der Mutter, daß sie recht hat.
Noch einmal bringt ste in sie — biesmal heftiger, erregter.
Vergebens.
Was all Me Jahre stummen Leides, tieffter Erniedrigung nicht vermocht — die Erkenntnis, daß sie baS Vertrauen ihres Kindes verloren, bringt es zuwege:
Frau Jngeborg verläßt ihre Selbstbeherrschung. Sie fintt auf einen Stuhl, legt beide Arme auf ben Tisch, läßt ben Kopf batauf fallen und bricht in krampfhaftes Schluchzen aus.
Im Rn ist Lilia bei ihr.
Die ganze zärtliche Liebe, bie fle stets für bie Mutter empfand unb die nur in den letzten Tagen durch Fran Jngeborgs Härte zurückgedämmt worden war — sie bringt auf» neue an bie Oberfläche.
Sie schlingt bie Arme um ben Hals ber Weinenden, ste küßt bie kalten, ausgearbeiteten Hände, fle klagt sich der Lieblosigkeit an unb bittet bie Mutter in beweglichen Worten um Verzeihung.
Und Frau Jngeborg, in dem beseligenden Gefühl, bie Liebe ihres Kindes nicht verloren zu haben, lächelt unter Tränen unb preßt bie zierliche Gestalt an ihre Brust — fest, fest, banrtt niemanb ihr bas Glück entreiße--
Al» betbe ruhiger geworben, verspricht bie Mutter, Lilia niemals »lebet zu brSngen; ste brauche auch Lorb Dougla» noch nicht al» ihren Verlobten anzusehen, sonbern vorläufig nur al» Freunb.
„Sieh, Kinb —fügt fle mit schwachem Lächeln hinzu, inbem sie sich bie letzten feuchten Spuren aus dem Gesicht wischt — „da» ganze liegt ja überhaupt noch in weiter Ferne. Lord Douglas sagte au»« drücklich, erst nach der Hochzeit feiner Schwester mit Graf Winfried könne er selbst an» Heiraten benten.
Wäre Frau Jngeborg in biefem Augenblick nicht so beschäftigt mtt sich selbst — sie würde erschrecken über die Mrkuna ihrer Worte,
Sie weiße Lilie oom Gardasee.
’9j Roman von Erich Friesen.
Zudem greift ihr Ehrgeiz jetzt nach höheren Zielen. Scho» sieht sie im Geist ihre Tochter als Lady Douglas an dec Sette des Gatten in der gräflichen Equipage ober in bem eleganten weißen Automobil ben See entlang fahren unb jebermann den beiden nachblicken und sie um ihr Glück beneiden.
Freilich — fürs erste fehlt noch alles zur Verwirklichung dieses ZukunftstraumeS.
j Lllia bleibt bei ihrer Weigerung, Lord Douglas als Bewerber um ihre Hand anzusrhen. Da Hilst kein Zureden, kein Sitten.
Fran Jngeborg zermartert sich ihr Hirn, was ber Grund zu diesem Eigensinn sein könne und kommt auf bie naheliegenbe Vermutung, daß Lllias Herz nicht mehr frei fei.
Und merkwürdig — in der Liebesangelegenheit »ter Tochter ist die sonst so kluge, weitblickende Frau kurzsichtig. Nicht eine Sekunde kommt ihr der Gedanke, der blonde Gras Winfried könne Lilia» Her- -enserwählter fein. Dagegen fällt ihr Verdacht auf Seb)» Sarto, den ste wiederholt ihr Hau» umschleichen sieht und dessen unheimlich funkelnde Blicke ihr Besorgnis einflößen.
Ms sie aber einmal eine diesbezügliche Bemerkung Macht — da lacht Lilia so hell auf, daß Frau Inge« "0^3 m dieser Hinsicht beruhigt ist. —
Mehrere Tage sind vergangen.
Lord Arthur ist zweimal in dem kleinen glyzinien- Mrmckten Hause gewesen. Das erste Mal kam Lilia Zar nicht zum Vorschein und ließ sich mit „Kopfweh" entschuldigen; das andere Mal empfing ste ihn zwar, (wer so kühl und zurückhattenb, daß jedermann ihr Benehmen als eine Abweisung ansehen mußte.
AlS Lord Douglas gegangen, überschüttet Frau Jngeborg die Tochter aufs neue mit Vorwürfen. Und. da diese wie gewöhnlich schweigt, sagt sie ihr auf den Kopf zu, daß ste ihr Herz an einen andern gehängt, Md sie, die Mutter, verlange, den Namen dieses .an- ,hern' zu erfahren.
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