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Mo-atrdcUagei „Fuldaer Geschichtsblätter"

r«irt-en: vtr ei» fpattigeprtitzeiieoder deren Hama js pfg. Heilamendiepetitzeile pfg-, bei wieder- yolungen wird entfpr.

Babati gewährt.

HotationsdruSund Verlag der Fuldaer Ak. tiendnlckerei in Fulda Fernsprecher Nr.S.

M 42.

Erstes Blatt.

Fulda, Dienstag den 21. Februar 1911.

38. Jahrgang.

Preußischer Landtag.

• Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 20. Februar 1911.

DaS Haus begann die Beratung des "

Eisenbabnrtats. ,

Abg. Graf v. b. Groeben (Tonf.) wünschte den Geist der Sparsamkeit allgemein in der Eisendahnver­waltung herrschen zu sehen und riet aus uoltoroirt» schastlichen Gründen von einer Taris Herabsetzung ab.

Abg. Wallenborn (Ztr.): Der vorliegende Etat ist erfreulich. Gegen alles Erwarten ist noch ein lieber» schuß von 32 Millionen zur Speisung des erweiterten Ausgleichsfonds übrig geblieben, trotz der erhöhten Besoldungen, trotz 3623 neuer Stellen, trotz lieber» nähme der Pensionen und HinterbliebenenverflcherUng und trotz der 801 Millionen für Zinsen und Tilgung der Eisenbahnschulden. Der Minister hat mit Recht in der Kommission darauf hingewiesen, daß die Aus­gaben für d as Personal 900 Millionen, das sind 60 Prozent der Gesamtausgaben, betragen. Die An» gestellten dürfen aber nicht zu dem Glauben kommen, in den Parlamenten auch für übermäßige Ansprüche weitgehende Unterstützung zu finden. Wenn der Mi­nister bei der Festsetzung der Löhne den Bedürfnissen vorgreist, wird vielen Klagen die Spitze abgebrochen. Wir wollen nicht, daß bei einer Revision der Fahrt arten st euer die 4. Klasse einbezogen werde. Für einen billigen Ausgleich der ersten bis dritten Klaffe haben wir uns schon früher ausgesprochen. Hin­sichtlich der Behandlung des Gütertarifs ist Vorsicht am Platze. Das hindert uns aber nicht, dort, wo es Notwendig ist, den Tarif zu ermäßigen. Ferner möchte ich darauf Hinweisen, daß ost eine Verbesserung ber Anschlüsse für die Interessenten wertvoller ist, a!S eine Herabsetzung des Tarifs. Was die Umwand­lung des Dampsbetnebes in elektrischen Betrieb betrifft, so haben wir, nachdem ungezählte Millionen, beispielsweise zwilchen Düsseldorf und Dortmund, auf­gewandt worden sind, ein Jnterefie daran, diese Auf­wendung nicht der Konkurrenz zu überlassen. Die Vermehrung der Wagen begrüßen wir im Interesse der Beseitigung des Wagenmangels. Zum Schluffe )&lt der Reoner eine Revision des Enteignungsgesetzes ür notwendig und fragt an, wie sich die neuesten Ver- uche mit dem Braam'schen Signalapparat bewährt hätten.

Abg. Dr. Friedberg (natl.) empfiehlt anstatt der immer noch nötigen Defizitanleihen eigene Eifen­bahnanleihen zur Balanzierung des Gesamthaushaltungs- tolaneS. Der Schaffung neuer Steuern müsse unbedingt die Beschränkung des Extraordinariums vorgezogen werden.

i Finanzminister Dr. Lentze lehnt die Vorschläge des Vorredners ab, da bei der Bedarfsdeckung au8 dem Extraordinarium Zinsen und Amortisationsbeträge ge­spart würden und demnach da? jetzige Verfahren dem Anleiheoerfahren vorzuziehen sei.

! Eisenbahnminister v. Breitenbach erklärt die ge­ringeren Eisenbahnausbaukosten in diesem Jahre mit ben ungewöhnlich hohen Aufwendungen in den letzt- vergangenen Geschäftsjahren. Die Versuche mit den Signalapparaten sind noch nicht abgeschloffen. Bezüg­lich der Enteignung wird eine Novelle in absehbarer Zeit kommen. An eine Aenderung der Tarife ist vor per Hand nicht zu denken.

Abg. Graf Moltke (freitonf.) kann die Bedenken bell Abg. Dr. Friedberg über daS Extraordinarium Nicht teilen.

Abg. Dr. Pachnicke (Bolksp.) hält eine Ermäßigung ,ber Tarife für dringend geboten. Die Abfertigungs­gebühren müffen einheitlich gestaltet werden. Die ,5MenftjeU deS LokomoiivpersonalS muß vermindert werden.

Abg. v. Hennings (tonf.) warnt davor, aus dem Eifenbahnetat noch höhere Mittel zur Bestreitung der ‘allgemeinen Staatsausgaben zu verwenden.

Abg. Schmedding (Ztr.) bittet den Minister, sein Augenmerk den Wohlfahrtsbestrebungen nach wie vor jmzuwenden. Meine Freunde können ebenfalls den Friedbergfchen Plänen nicht zustimmen. Das öffent­liche Wohl fordert eine weitere Einschränkung der Zahl bet Unfälle. Es ist erfreulich, daß dieselben bis jetzt schon immer mehr zurückgegangen ist, es muß aber noch mehr geschehen. Die Entgleisungen haben ab», Vie Zusammenstöße zugenommen. Wichtiger als alle Erfindungen ist eine Verschärfung des Verantworilich- keitsgefühls der Beamten, daher muß man auch dafür sorgen, daß die Ruhe» und Sonntags-Pausen für die Beamten nicht bloß auf dem Papier stehen.

Abg. Mocco (natl.) fordert, daß der AuSgleich- fonds in solcher Höhe erhalten werde, daß er im­stande ist, die Schwankungen des Etats auszugleichen. Wünscht, eine Ermäßigung der Tarife für Massen­güter und Verstärkung des Fuhrparks.

Minister v. Breitenbach: Eine Herabsetzung beS Gütertarifs ist nicht angängig, da sie nur in Frage kommt, wenn die wirtschaftliche Lage sie erforderlich macht. Augenblicklich ist letzteres nicht der Fall, stuf die Frage, der Elektrisierung der Eisenbahnen werde ich später zurückkommen. Wo die Eifenbahn- perroaltung in ihrem eigenen Interesse private Lokal­bahnen nüht konzessionieren kann, wird sie selbstv.r- ständlich ihrerseits bemüht sein, den Verkehrsinteressen möglichst genugzutun. >

Dienstag: Fortsetzung.

äJ Chinas Antwort.

China hat gestern auf bas russische Ultimatum geantwortet. Die Antwort verrät überraschend viel Selbstdewußtsein. China kriecht trotz seiner militärischen Ohnmacht nicht zu Kreuze, sondern lehnt höflich, aber bestimmt, mehrere von den russi­schen Zumutungen ab und erklärt schließlich, es wolle den Vertrag von 1881 wohl revidieren, aber nicht erweitern.

Nachdem Rußland angekündigt hat, es werde die Ablehnung auch nur einer Forderung als Un­freundlichkeit betrachten und demgemäß handeln, müßte es eigentlich sofort den Krieg erklären und seine Truppen in das begehrte Gebiet einrücken lassen. Man denkt aber, daß erst noch auf das unförmliche Ultimatum von neulich ein ganz förm­liches Ultimatum folgen werde, so daß noch etwas Raum für die Diplomatie bleibt.

Wie die stramme Haltung der chinesischen Re- dierung zu erklären sei, ist augenblicklich noch eine Rät'clsrcge. Auf die Hilfe irgend einer Groß- macht kann China doch unmöglich rechnen. Die europäischen Mächte wollen sich nicht einmischen, jgrt die weiften von ihnen könnten es auch nicht,

wenn sie wollten. Nordamerika hat sich bei dem Versuch, die Mandschurei für China zu retten, bereits eine Niederlage geholt, die ihm die Rolle eines mongolischen Schutzengels verleidet haben wird. Japan könnte helfen, aber es hat, wie schon gestern bemerkt wurde, mit seinem früheren Wider­sacher Rußland einen Vertrag geschloffen, in dessen Geheimparagraphen aller Wahrscheinlichkeit nach auch die freie Hand für Rußland in der Mongolei steht. China selbst hat keine Armee, die den russischen Truppen standhalten könnte. Vielleicht ist die chine­sische Aniwortnote dem Schrecken der Verzweiflung entsprungen, indem die Staatsmänner in Peking sich sagten, daß die Verruffung der Mongolei doch nicht sich verhindern lasse und deshalb ein Ende mit Schrecken dem Schrecken ohne Ende vorzuziehen sei. Vielleicht auch rechnen die Chinesen damit, daß die riesige Ausdehnung der Länder und eine Art passiver Widerstand den Russen große Schwierig« teilen bereiten und jedenfalls den Eroberungsprozeß verlangsamen würde, sodaß immer noch auf einen Zwischenfall gehofft werden könne.

Rußland wird in der „Durchdringung* der Mongolei weiter gehen, sei es auf dem sog. friedlichen Wege der Vorschiebung von Kaufleuten und Konsulaten ec., sei es auf dem offenen Wege der Gewalt. Unsere deutschen Interessen sind durch diesen mittelasiatischen Vorstoß Rußlands nicht gefährdet. Denn wenn wir auch wegen unseres Handels die Integrität China's wünschen müssen, so geht uns doch das mongolische Binnen­land viel weniger an, als die Kernprovinzen des chinesischen Riesenreiches.

Da dec russische Vorstoß gegen China so schnell hinter der Potsdamer Begegnung erfolgt ist, so hat man vielfach diese Dinge in einen ursächlichen Zusammenhang gebracht. Dadurch könnte in China der Glaube erweckt werden, daß Deutschland die Schuld trage an dem Hebel, das über China herein- gebrochen ist. Gegen einen solchen Verdacht wehrt sich unsere Diplomatie in gewissen Blättern, die zwar Informationen aus dem Auswärtigen Amt beziehen, ohne die offiziöse Uniform zu tragen. Da wird entschieden bestritten, daß Deutschland etwa Rußland ermutigt hätte zu dem asiatischen Abenteuer, oder daß eS auch nur vorher gewußt habe von diesem russischen Plane. Das wird gewiß zutreffen. Deutschland hat keinerlei Verantwortung für die asiatische Politik seines östlichen Nachbar- reiches.

Wenn man von einem .Zusammenhang* zwischen Potsdam und Kuldscha reden will, so kann es höchstens in dem Sinne geschehen, daß beide Aktionen der russischen Regierung auf die Erkenntnis zurück- zusühren sind, für Rußland sei unter den gegen­wärtigen Verhältnissen in Europa nichts zu machen und deshalb sei seine ganze Kraft auf Asien zu richten., .Potsdam" bedeutete den (vor­läufigen) Verzicht des Nachfolgers des Herrn Iswolsky auf die Beteiligung an den antideutschen und antiösterreichischen Treibereien. Diese Annähe­rung an Deutschland und seinem Verbündeten in Wien entlastete die russische Politik in Europa. Als nun der zehnjährige Kündigungstermin des Kuldscha- Vertrages eintrat, bot sich für die russische Politik die Gelegenheit, in Asien gegenüber einem schwachen Gegner zu zeigen, daß Rußland trotz alledem noch einen langen Arm und einen hungrigen Magen habe.

Das ist unangenehm für China; aber die Chinesen müffen wohl oder übel Selbsthilfelernen.

Deutsches Keich.

t Berlin, 20. Febr. 1911. In einer Kabinetts- order an den Chef der Marinestation der Ostsee hat der Kaiser in Anerkennung der Verdienste bei der Rettung der Besatzung und Bergung des „U. 3* eine Reihe von Auszeichnungen verliehen. — Aus Kalkutta wird berichtet: Der Kronprinz hat in Sunderbund fünf Tiger geschossen, die den Vieh­züchtern viel Schaden verursacht hatten. Der Kron­prinz ist von seinem Aufenthalt in Ostbengalen sehr befriedigt und nimmt großes Interesse an den Kultiviernngsplänen und lokalen Problemen. — Der ,Reichsanzeigeri veröffentlicht das Wertzuwachs­steuergesetz.

+ Die Kaiserreise nach Rom. Der römische Korrespondent des ,B. meldet jetzt seinem Blatte kategorisch: .Von einer beabsichtigten Reise des Kaisers nach Rom ist auch in den leitenden Kreisen in Rom nichts bekannt." — Schön. Herr Dr. Barth vom „Verl. Tagrbl." möge also jetzt erklären, wie er dazu gekommen ist, seine Meldungen über den angeblich geplanten Besuch Kaiser Wilhelms in Rom zu erfinden. Denn daß sie schlankweg er­funden waren, wird er selber jetzt wohl nicht mehr leugnen. Jntereffant wäre es auch zu erfahren, wie lange es dauern wird, bis Herr Dr. Barth das jetzige Dementi wieder dementiert und dem Kaiser einen neuen Befehl erteilt, schleunigst sich in Rom zu stellen.

)(Die deutschen Landesverficherungsanstalten, die Träger der Invalidenversicherung, haben in Berlin eine Sitzung abgehalten, um zu dem von der ReichslagSkommission sür die ReichSver- sicherungSordnung gefaßten Beschluß, wonach die Ausgaben der LandesversicherungSanstalten für die vorbeugenden Heilverfahren auf 7 Proz. der Beitrags-Einnahmen beschränkt werden sollen. Daraus befürchten die Landesversicherungsanstal. ten eine völlige Aufhebung der Selbstverwaltung und deS maßgebenden Einfluffes der dem Aus­schuß angehörenden Arbeitgeber und Arbeit« nehmer, und folgen, daß die Verwirklichung dieses Beschlusses die Durchführung der Invaliden­versicherung in der bedenklichsten Weise gefährden müsse. In diesem Sinne wurde eine Resolution angenommen.

)( „Parteispitzel". In der Beratung deS Etats deS Ministeriums deS Innern wies der

Minister v. Dallwitz mit außerordentlicher Schärfe die Angriffe der Sozialdemokratie auf die geheimen Fonds sowie auf die Polizeispitzel zurück mit der Aeußerung, auch die Sozialdemo, kratie habe Spitzel. Er griff auf Bebels Nach- ruf für Singer zurück, woraus er die Tatsache seststellte, „daß der sozialdemokratischen Partei ein Beamter des Polizeipräsidiums aus der Abteilung, „Politische Polizei" für Geld Spitzel­dienste geleistet hat" und sagte, Bebel habe sich also nicht gescheut, staatlich angestellte Beamte zu bestechen und sie zur Untreue und Nichtachtung ihres Diensteides zu verleiten. Diesen Vorwurf will Bebel nicht auf sich sitzen lassen. Er wendet sich in einem „offenen Bries" gegen den Minister und erklärt, nicht er, oder der verstarb. Abg. Singer habe sich an den betreffenden Beamten gewandt, sondern dieser habe sich zu den Spitzel- diensten erboten, unter der Voraussetzung, daß sie ihm honoriert würden. Bebel erklärt, die Annahme diesesAnerbietens sei in derAeraBismarck- Puttkamer ein Gebot der polit. Klugheit gewesen. Natürlich, wenn die Polizei Spitzel bezahlt, so ist das „Niedertracht" und „Korruption"; wenn die Partei es tut, so handelt sie aus „politischer Klugheit". Ob der Beamte sich der Partei an­geboten hat oder geworben worden ist, scheint uns Nebensache zu sein. Uns gefällt die Benutzung von Spitzeln weder auf der einen noch auf der andern Seite. Wer aber selbst Spitzel besoldet, hat kein Recht, sich über den Gegner, der das Gleiche tut, zu entrüsten, am wenigsten wenn er sich eines pflicht» und eidvergessenen Beamten bedient.

„Der Hansabund ist im wesentlichen aus liberalen Bedürfnissen entstanden". Also verkündet es das ,Berl. Tagebl/ und dieses tarn es ja wissen.

❖ Weimar, 20. Febr. 1911. In der heuti­gen Sitzung des Weimarischen Landtages erfolgte die Antwort der Regierung auf eine Interpellation betr. die Bekämpfung der Schund­literatur. Der Regierungsvertreter erklärte, daß die Bekämpfung der Schundliteratur nach wie vor ernste Sorge der Regierung sei. Ern Ministerialdekret kündigt die Vertagung des Landtages an, die en. am 3. März erfolgen soll. Sodann genehmigte der Landtag gegen die Stimmen der äußersten Linken die Besoldungs- aufbessernng der evangelischen und katholischen Geistlichen im Großherzogtum.

Ausland.

** Die passive Resistenz der Staatsbeamten in Triest. Die ,Nene Freie Presto meldet, daß sich außer den Gerichtsbeamten das Personal der Statthalterei, die Lotsen und das Personal der Südbahn der passiven Resistenz angeschlossen haben. Die Lage im Staatsbahnhof, sowie in den Magazinen ist sehr schwierig. Zwei Staats­beamte wurden vom Dienst suspendiert. Es verlautet, daß nach der Rückkehr des Statt. Halters Prinzen Hohenlohe aus Wien mit Massen­suspendierungen vom Dienst zu rechnen ist. Zahlreiche Triester Beamte sollen nach Istrien versetzt werden. Die wachsende Erregung unter der Triester Geschäftswelt gegen die resistierenden Beamten hat zu dem Plane geführt, für den Fall der Fortdauer der Bewegung eine Art wirt­schaftlichen Boykotts gegen die Beamten- samilien in der Weise durchzuführen, daß ihnen Waren nur noch gegen Barzahlung ausgefolgt werden, während es bisher üblich war, daß zahlreiche Beamtenfamilien während des Monats Waren auf Kredit bezogen und erst am Ersten jeden Monats bezahlten.

Generalversammlung des Bundes der Landwirte.

Q Berlin, 20. Februar 1911.

Die diesjährige (18.) Generalversammlung des Bundes der Landwirte hat ihr alteS Heim im ZirkuS Busch verlassen und in der größeren Halle des Sport­palastes in der Potsdamerstraße Wohnung genommen. 10000 Personen saßt zwar der imposante Langbau, aber einen Gewinn bedeutet die Uedersiedelung nicht. Die Akustik ist nicht hervorragend und daS Massenbild wirkte in der amphitheatralisch aufsteigenden ZirkuS- halle weitaus imposanter, als in der unübersichtlichen Arena des Sportpalastes mit den langgestreckten Tri­bünenvorbauten.

Frhr. v. Wangenheim eröffnete die Versamm­lung mit einer kurzen Ansprache. Er bezeichnete daS abgelaufene Wirtschaftsjahr als im ganzen günstig, bedauerte aber den Notstand der Winzer und ben Niedergang der Roggenpreise. An der Fleischteuerung sei nicht der Mangel an Fleisch und Vieh schuld gewesen. Wenn die noch immer fort­dauernde Hetze gegen die ReichSsinauzreform besonders sich gegen den Bund der Landwirte richte, so kenne man die Gründe: Landwirtschaft und Mittelstand sind der sicherste Schutzwall gegen die Demokratie. Große Aufgaben find für die Landwirtschaft angekündigt. Die innere Kolonisation soll ht Angriff genommen, die Oed« länder sollen der Kultur erschlossen werden. So werden Millionen in unserem Vaterland« von Korn und Fleisch sich nähren können, da» dem heimischen Boden abgewonnen wurde. Nicht gerechtfertigt sind dieAngriffe de« Liberalismus auf den schwarz- blauen Block. Nicht die Demokratie habe die aesetz- lichen Schutz, und Förderungsmaßnahmen für Hand­werker und Industrie gebracht, sondern die Parieien deS gelästerten „schwarz-blauen Blocks". Dem Stbera. liSmuS rät Redner daher, bet den Wahlen den Bogen nicht zu straff zu spannen. Maa habe die Wähler doch nur bis zu einer gewissen Grenze in der Hand. Df, konkeisiov-0» Scrh-mw to nefitilite» ««

das Häßlichste. Frhr. v. Wangenheim erinnerte sodann an daS Erscheinen deS Kaisers im Landwirtschaslsrat,' der diesmal als Landwirt zu Landwirten gesprochen und sich alS echter Hoheuzoller erwiesen habe, indem er als Mann der Praxis sich durch seine Meliorations­arbeiten betätige. Redner schloß mit einem Hoch auf den Kaiser, an den unter begeisterter Zustimmung dii Absendung eines HuldigungStelegrammi beschlossen wurde.

Noch im Laufe der Sitzung traf folgendes Dank­telegramm des Kaisers ein: »Ich tanke bestens für die freundliche Begrüßung und werde mich freuen, wenn meine bei den Verhandlungen deS Deutschen LandwirtschaftsrateS gegebenen Anregungen sich für die deutsche Landwirtschaft von Nutzen erweitern*

Der Verlesung dieses Telegramms folgte lang an­haltender stürmischer Jubel. Die Versammlung stimmte spontan das .Heil dir im Siegerkranz* an. Nach einer kurzen Begrüßung der Versammlung durch ReichSritter v. Hohenthun im Ngmen aller Agrarier Oesterreichs, nahm der 2. Vorsitzende, Dr. Rösicke, das Wort. Er sprach die Sympathie des Bundes der Landwirte mit den Winzern ans und betonte, daß die in der vor­jährigen Versammlung geäußerte Hoffnung auf eine günstige Wirkung der Reichsfinanzreform sich vollauf erfüllt habe. Die Industrie sei tüchtig beschäftigt, die Arbeitslosigkeit sei herabgesunken, und der beste Thermo­meter für wirtschaftliche Verhältnisse, der Eisenbahn­verkehr, weise die günstigsten Zahlen auf. Dr. Rösicke bedauerte, daß man nicht auch das mobile Kapital, herangezogen habe, um auch hier den Wertzuwachs zu besteuern. Jetzt habe sich der Hansabund als Schutz­engel vor das mobile Kapital gestellt, und e? kam all Schlußstein der Reform die Wertzuwachssteuer. „Wir haben den Kampf," so fuhr der Redner fort, „gegen die linten Parteten zu führen, und zu ihnen ge­hören auch die Na tionalliberalen, denn ste stehen nicht mehr fest auf dem Boden unserer politischen Grundlagen. Sie haben sich mit dem Freisinn ver­bündet. Geschadet hat es nichts. Im Gegenteil. Wer uns auseinandersprengen will, der beißt auf Granit. Der Deutsche Bauernbund hat uns manches Vorteil­hafte gebracht. Der untersränkische Bauernverein sollte in den Bauernbund hineingelockt werden, da ging er zum Bund der Landwirte. Möge er noch mehr solcher Erfolge haben. Wir werden schwer zu kämpfen haben, aber wir lassen den Streit nicht in unsere Reihen hin­eintragen, fonbern wir wollen dem Feind entgegengehen und siegen.

Zu dem gedruckt vorliegenden Geschäftsbericht gab bet Bundesdirektor Dr. Hahn einige Erläuterun­gen. Er wurde mit brausendem Beifall begrüßt, und fein Temperament teilte sich alsbald bet Versammlung mit, die feine Ausführungen durch Beifallskundgebun­gen und Zwischenrufe lebhaft unterstützte. Er erklärte, die Aufregung der liberalen Blätter, daß bet Geschäfts­bericht bie Zahlen des Mitgliederbestandes verschweige, könne er beheben durch die Mitteilung, daß der Bund um rund 11000 Mitglieder im Vorjahre zugenommen habe; bet Schabernack fei mit Absicht gespielt worden. Auch Dr. Hahn gab im wesentlichen eine seht lebhafte Schilderung der politischen Lage nut Rücksicht auf bie Reichstagswahlen. Seit 18 Jahren haben wir unsere Kraft baran gesetzt, die bewährte Bismarcksche Wirt­schaftspolitik wieder zu Ehren zu bringen, bie unter Caprivi verlassen worden war. Ebenso wie Bismarck haben wir bie Hilfe bes Zentrums nicht abgelehnt. Auch bie Nationalliberalen bekämpfen wir nicht grund­sätzlich. Aber die Nationalliberalen haben ihr alteS Programm aufgegeben, solange das bleibt, können wir nicht mit ihnen zusammengehen, mit Ausnahme der Heyl'schen Richtung. Sie wollen Hansabund und Bauernbund als die Krücken benutzen, mit denen sie durch bie schwierigen nächsten Wahlen hinburchkommen. Der Hansabund betreibt seine Agitation mit solcher Verlogenheit und Verhetzung, baß es, würde er Erfolg haben, der Landwirtschaft schlecht gehen würde, aber der Industrie noch schlimmer. Alsdann wandte sich die Schilderung dem Bauernbund zu, dessen Führer Wachhorst de Wente und Dr. Böhme bös mitgenom­men wurden. Besonders der Letztere, aus bet Ver­sammlung als Judas apostrophiert, erfuhr seiiens des Redners eine arge Bloßstellung. Ein hartes Wort: ich finde keinen Ausdruck, um meine Geringschätzung über die von Dr. Böhme geübte Art der Kampfesweise zu bezeichnen Die Nationalliberalen, so führte der Redner weiter auS, verbinden aber damit noch eine Rückversicherung mit der Sozialdemokratie. Der Bruderkuß in Baden wird ein Kuß der Vergiftung fein. Paasche hat in Krefeld ein taktisches Bündnis mit der Sozialdemokratie empfohlen, das sollte sich die Industrie inerten. Wie die Dinge jetzt liegen und wenn sie sich entsprechend weiterentwickeln, wird es ftaglich, ob wir eine nationale Einheit haben werden.

Hieraus sprach Herr Bezirksschornsteinfegermeister Konrad (Breslau) über „Städtischen und ländlichen Mittelstand". Redner führte unter dem Beifall der Versammlung au8, daß der Bund keineswegs nur bie Interessen deS platten Landes, sondern ebenso die des städtischen Mittelstandes vertrete, und daß daher auch beide Teile bet den kommenden Reichstagswahlen ihre gugehörigkeit zu einander betätigen und Schulter an chulter vorgehen müßten. Einstimmig wurde darauf eine Resolution angenommen, in der es heißt-

Der Bund der Landwirte bedauert bie Schwierigkeit des jetzigen politischen Ledens. Er bedauert insbeson­dere die Versuche, in die Reihen der Landwirtschaft Zwiespalt zu tragen. Es wird bann Bezug genommen auf die Botschaft Kaiser Wilhelms I. vom 17. Novdr. 1881, bie daS Zusammenfafsen bet realen Kräfte des christlichen Volkslebens als wichtigste Aufgabe hinstellt, und es werden die Worte wiederholt, die Kaiser Wilhelm n. zu Marienburg sprach: Der Landwirt Klage in die Hand des Kaufmanns ein «sw. Eben'o e bie BiSmarcksche Wirtschaftspolitik in den 90er Jahren zum Schaden der Gesamtheit vom Grasen Caprivi gebrochen wurde, so drohten unserer Wirt­schaftspolitik in der nächsten Zeit schwere Gefadren. Diese abzuwenden, fei in erster Linie bie Ausgabe der Bundes.

In der darauf beginnenden Diskusfton kamen Delegierte au8 allen Teilen Deutschlands zu Wort, dte sich vornehmlich über die politischen Zeitsorderungen auslteßen und dem Hansabunde und dem Bauernbund Urfehde ansagten. Den stärksten Beisall sand wie immer natürlich Herr v. Oldenburg, der streitbare Junker. Er meinte, eS gebe zwei Gruppen in der national« liberalen Partei. Mit der einen könne man halb« wegs bet ben Wahlen zusammengehen, bie anbere aber habe ben foztaldemokra tisch en Bazillus im Leibe. (Heiterkeit.) Sehnliche Töne mit zum Teil humoristischer Färbung schlug Dr. Derlei, bet Schrift- leitet der Deutschen Tageszeitung, an, der meinte, der Haß gegen ben Bund der Landwirte erscheine fast al? Koller, Der nicht mehr politisches, sondern nur noch pathologisches Interesse wecke; wenn der Bund seine grüne Fahne vorantrage, bann wirke es wie ein rotes Tuch. Bedeutsam waten die Ausführungen des Ritier« *"tabefibct3 . n .93ah«t£*tnt».fl6 «(Sdiin nr t-en •