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38. JahrMNss
Fulda, Montag den 20. Februar 1911
Erstes Blatt
.40 41.
beruna nach der Mongolei wurde deshalb von China begünstigt. Der ftanzöfische Reisende De Lacoste be» geanete einmal einem in« Innere wandernden Trupp von 500 chinesischen Kolonisten. Ende vorigen Iah- reS faßte die chinesische Regiemng erneut den Entschluß, wonach die Mongolei möglichst schnell mit großen Mengen von Bauernfamllien besonders aus Schantung und Hunan nach einem großzügigen Plane besetzt werden sollte. Gleichzeitig sollte versucht toerben, die einheimische Mongolenbevölkerung kulturell zu heben und dem einwandemden chinesischen Element zu nahem. Hand in Hand damit sollte ein umfangreicher Eisenbahnbau gehen; man sprach von nicht weniger als 9000 Kilometer neuer Bahnen.
Die politischen Jntereffen Rußlands vertragen sich nun mit diesen chinesischen Bestrebungm nicht; beim es kann Rußland nicht erwünscht sein, wenn China, das ohnehin setzt viel Kraftbewußtsein zeigt, die Mon- golet fester an sich zu ketten vermag. China sammelt sich und baut seine Wehrmacht aus. ES hat darin bereits beträchtliche Erfolge erzielt. Man kann die Lei- stungen Chinas auf militärischem Gebiete politisch ver- gleichm etwa mit den Fortschritten Nordamerikas in Bezug auf bett Panamakanal. Wie werben 4dj bie Dinge im fernen Osten gestalten, welche Umwälzungen werben vor sich gehen, wenn bcr Panmuakanal fertig gestellt sein wirb? tlnb wie wird daS politische Bild aussehen, wenn China erst eine achtunggebietende Militärmacht sein wirb? So lange wartet aber Rußlanb nicht, es kommt bett Chin esen zuvor und streckt schon jetzt die Hand auS nach der augmblicklich so gut wie wehrlosen Mongolei. Die Verhandlungm des chinesischen Reichsausschuffes haben deutlich bewiesen, wie stark die nationalistische Strömung in China bereits geworden ist. Die Integrität des Reiches steht an allererster Stelle unter bett Forderungen Jungchinas. Eine neue Zeit ist in China angebrochen, neue Vaterlandsideen habm dort Wurzel gefaßt. Rußlanb kann diese Zeichen nicht unbeachtet lassen: es beeilt sich, China noch nach dem alten System zu behandeln, so lange das noch möglich ist.
Nicht China, sondem Rußland verfügt wirt- schastlich und handelspolitisch über die M o n g o l e i; gesteht China das den Russen nicht zu, so nehmen sie auch militärisch von einem Teile chinesischen Staatsgebietes Besitz. Das ist der Sinn der mffischen Drohnote an China. Es muß sich zeigm, ob Rußland und China die Gestaltung der Dinge in der Mongolei für wichtig genug halten, nm ihretwegen unter Umständen die Sprache der Diplomatie zu verlaffen.
X Rußland und die Mongolei.
Der künstUche plötzliche Zorn, in den sich Rußland gegen China hineingeredet hat wegen angeblicher V.er- letzung des Vertrags von Kuldscha durch Chino erscheint recht bedensiich.
Mit dem Vertrag von Kuldscha hat es folgendes auf sich: Anläßlich eines Mongolenaufstandes hatte Rußland im Jahre 1871 unter dem Vorwande, den Chinesen Hllfe leisten zu wollen, die Stadt Kuldscha samt der ganzen gleichnamigen Provinz besetzt. Die Chinesen ließen sich das im Vertrauen auf Rußlands Zusage, daß ihnen Kuldscha nach Unterdrückung des Aufftandes zurückgegeben werden würde, nicht ungern gefallen. Als sie aber später ihren Schein vorwiesen, zeigte Rußland ein ganz anderes Gesicht Das Kuld- schagebiet war plötzlich ein Teil des angrenzendm russischen Go'wemements Turkestan geworden. Zehn volle Jahre dauerte es, bis nach mancherlei Zwischenfällen eine Vereinbarung darüber zwischen den beiden Reichen zustande kam. Das ganze Kuldschagebiet lieferte Rußland allerdings nicht wieder aus, wohl aber
Minister erklärte, daß er zwar zur Einschränkung dcr Emission solcher Papiere bereit sei, eine Prüfung der Sicherheit dieser Papiere aber ablehnen müsse, mu zugelassene Papiere nicht in den Ruf staatlich garantierter Sicherheit zu bringen. Der Anregung, den Gewerbeinspektoren Arbeiter und Aerzte als Assistenten beizugebeu, stellte sich die Regierung unfreundlich gegenüber, dagegen sprach sie sich lobend über die Tätigkeit der Assistentinnen der Gewerbeinspektoren und für deren Vermehrung aus. Die Einbringung eines ^ortbildungsschulge- seyes wurde für die nächste Zeit angekündigt. Als neue Unterrichtsgegenstände kommen Bürgerkunde, Gesang und Turnen in Betracht. Das ungewöhnlich gute Geschäft der Porzellanmanusaklur hat zu einem Ueberschuß cou 106 000 Mark geführt.
4- Abg. v. Htydebrand und der Lasa, der Führer der konftrvativcn Partei in Preußen, vollendet heute fein 60. Lebensjahr. Auf dem Gut Klein-Tschun- kawe bei Gontkowitz im Breslauer Bezirk geboren, hat v. Heydebrand nach Absolvierung des Gym- nanums von Oels in Heidelberg, Berlin und Bres- lau die Rechte studiert. Er wurde Gerichtsafsessor, dann Regierungsafseffor in Osnabrück und Oppeln. 1883 wurde er zum Londrat von Kofel ernannt. B,er Jahre später siedelte er in gleicher Stellung nach Riililsch-Trachenberg über. 1895 schied Heydebrand aus dem Staatsdienst aus. Inzwischen war er 1888 zum Mitgliede des preußischen Landtages gewählt worden. Seine bedeutenden Gaben ließen ihn bald zu führender Stellung in seiner Partei emporsteigen und zu einem der Männer werden, die unserer inneren Polstik feit Jahren das Gepräge geben. Den .ungekrönten König von Preußen" hat man ihn genannt — die Benennung kam allerdings nicht von befteundeter Seite. Seit 1903 gehört o. Heydebrand auch dem Reichstage als Mitglied an.
*♦ Der Segen des Kinderprivilegs. Infolge wesentlicher Erweiterung des sogen. Kinderprivi» legs, d. h. der Befreiung oder Ermäßigung von Steuern wegen einer größeren Zahl von Kindern oder anderer von dem Steuerpflichtigen zu unterhaltenden Familien-Mitgliedern hat sich die Zahl der frei Gewordenen von 5,37 v. H. im Jahre 1909 auf 8,59 v. H. im Jahre 1910 erhöht. Die Zahl der steuerfrei gewordenen Zensiten stieg im Jahre 1910 [auf nahezu 600,000, die Zahl der auf eine niedrigere Stufe ermäßigten auf
Deutsches Reich.
* Berlin, 19. Febr. 1911. Der Reichskanz. let veranstaltete am Freitag abend im Reichskanzlerpalais eine Ballsestlichkeit, zu der über 200 Personen erschienen waren, darunter auch der Kaiser. — Der Kaiser besuchte heute vormittag das Ministerium der öffentlichen Arbeiten.
mußte China den Vertrag auf sich nehmen, der den Russen eine ausg^eichnete politische und kommerzielle Operationsbafls in Turkestan und der ganzen Mongolei schuf. Dieser Vertrag nun ist es, der den Russen jetzt nach 20 Jahren die Handhabe zu neuen Ansprüchen an China bietet.
Rach der augmblicklichm Lage im fernen Osten ist die Mongolei mttsamt Chinesisch-Turkestan, sofern sich China nicht etwa selbst helfen kann, auf Gnade und Ungnade den Russen ausgeliefert, Japan, das sich (gleichwie Rußland selbst) in einer schweren Menge von Verträgen für die Integrität des chinesischen Reiches verbürgt hat, wäre wohl der Nächste dazu, die Russen von der Mongolei abzuwehren. Aber Japan hat seinen Lohn dafür, daß es den unbetelligten Zuschauer spielt, bereits eingeheimst. Der vorjährige russisch-japanische Vertrag hat Japans Stellung in der Süd-Mandschurei gekräftigt, sowie in weiterer Folge aus dem Kaiserreich Korea die japanische Provinz Tschosen gemacht. Als Gegengeschenk für diese Vorteile hat Japan die Verpflichtung übernommen, sich vorläufig nicht darum zu kümmem, was hinten wett in der Mongolei vorgeht. Und die anderen Mächte? Für die liegt das bißchen Mongolei erst recht in wettem Felde.
Allerdings bemühen sich die Petersburger Meldungen, den Verdacht abzuweisen, daß Rußland auf irgendeine Landerobemng ausgehe. Keineswegs will es Rußland auf eine Gebietserweiterung absehen! Solche Versicherungen sind aber das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind. Noch 1904 erklärte die russische Regierung in einer amtlichen Meldung über die Besetzung der Mandschurei durch russische Truppen, sobald die Ordnung in der Mandschurei wie- derherg^lellt sei, werde Rußland sofort seine Truppen zurückziehen. Die Ordnung ist längst hergestellt, aber die russischen Truppen sichen immer noch in der Mandschurei.
Lange Zett hatte Rußlands wirtschaftliche und po- lttische Stellung in der Mongolei nichts Bedrohliches Sr China; denn Rußland kümmerte sich wenig um eseS chinesische Nebenland. Sein Einfluß war dort noch vor zwei Jahren gering. Heute denkt Rußland anders über die Mongolei. Rach dem russisch-japanischen Kriege faßte China eine Kolonisierung seiner Rebenländer schärfer ins Auge, eine Besetzung dieser weiten, menschenleeren Lcmdgebiete mit Bauern auS den übervölkerten Provinzen. Der Endzweck war, die Gebiete gegen die allzeit regen Gelüste des russischen Nachbars nach Möglichkeit zu sichern. Die Auswan-
** Ein Besuch des Kaiserpaares in England findet nun doch statt. Wie die ,Rordd. Allgem. Ztgck erfährt, bestätigt sich die Nachricht, daß der König von England den Kaiser und die Kaiserin ein geladen hat, an der Feier der Ent- hüllung des Denkmals für die Königin Viktoria teilzunehmen und daß diese Einladung dankbar angenommen worden ist.
a. Die Budgetkommisfion des preußischen Abgeord- nttenhauses kam bei bcr Beratung des Etats für
' Zulassung ausländischer Wertpapiere zu sprechen. Ter
mehr als die dreifache Zahl. Der Gesamtaus- fall an Steuern infolge dieser Besteiung und Ermäßigung stellt sich auf rund 20 A illionen Mark. Erwägt man, so bemerken dazu die ,B. P. 91/, daß die Befreiungen und Erleichterungen von Staatsfteuern in der Regel auch eine entsprechende Wirkung auf die Höhe der Kcmmunalbefteuerung ausüben, so wird man sich der Ueberzeugung nicht verschließen können, daß in den n eitgehen- den Steuererleichterungen, die in Preußen den minder wohlhabenden, mit Kindern gesegneten Familien zuteil werden, auch ein Ausgleich gegenüber den durch die Reichs-Finanzreform erhöhten Kosten des Lebensunterhaltes geboten ist
** Zum Fall Jatho hat der evangelische Oder» kirchenrat das Presbyterium der evangelischen Gemeinde Köln zu einer eingehenden Aeußerung über die persönliche und Amtsführung des Pfarrers Jatho aufgefordert.
)( Der Hansabnnd und seine U«—getreue». Der Vorstand des Vereins der Fortschrittlichen Volks- Partei zu A Isfeld veröffentlicht folgende Erklärung: „Jnsolange die Stellung des Hansabundes zu den in unserem Wahlkreise in Betracht kommenden Kandidaten nicht feststeht, fordern wir unsere Partei- • genossen auf, keinerlei Beiträge für den Hansabnnd zu zeichnen/ — Armer Hansabund!
— Die neue Schietzvorschrist für bie Feldartillerie soll Ende März den Truppen zugehen. Sie wird das Schießverfahren weiter vereinfachen und dem Brennzünder-Einschießen wettgehende Geltung verschaffen. Dies Verfahren verkürzt die Dauer des Einschießens und beschleunigt den Eintritt deS Wirkungsschießens. Es wird von den Franzosen schon seit langen Jahren fast ausschließlich angewendet. Ferner wird die neue Vorschrift sich ern- gehend mit dem Beschießen von Schildbatterien durch Brisanzmunition beschäftigen.
Sozialdemokratischer Boykott. Im „Mühlhauser Anzeiger" hat das Gewerkschaftskartell Mühlhausen zur Stadtverordnetenwahl einen Aufruf veröffentlicht, in dem es wörtlich heißt:
„Die gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft unterstützt nut allem Nachdruck die Kandidaten der Soziatdemoiratie, well diese für alle unsere Forderungen die meiste Garantie bieten. Wir werden deshalb den ganzen großen Einfluß, der unS zu Gebote steht, inS Gewicht werfen, um ihren Sieg herbeizuführen. Insbesondere wird sorgfältig beobachtet, wie sich die Herren Geschäftsleute bei dieser Wahl verhalten. Die Konsequenzen daraus ergeben sich für uns später von selbst."
Diese Boykottandrohung ist deutlich genug.
♦ Günstige Zeichen aus Südwestafrika, liebet das angebliche Auftauchen eines Trupps von Simon- Copper-Leuten am Oranje find bis jetzt beim deutschen Generalkonsulat in Kapstadt keine weiteren Nachrichten eingetroffen. Man kann also wohl annehmen, daß Simon Copper, wenn er tatsächlich wieder auf Raub ausgezogen sein sollte, jedenfalls leinen erheblichen Zuzug gefunden hat. Allerdings wird amttich aus Deussch-Südwestasrika gemeldet, daß eine Band« bei Amos Vieh gestohlen hat und sodann sechs Köpfe stark in der Richtung auf Sperlingspuetz und GaobiS abgezogen fein soll. Einzelheiten konnten bisher weder durch die Schutztruppe, noch durch die Polizei festgestellt werden Aus englischem Gebiet liegen keine weiteren Nachrichten vor. Scharfe Beobachtung der Süd- und Ostgrenze des Schutzgebiets ist demnach eingeleitet worden, obwohl es sich bei diesem Vorfall offenbar nur um einen einfachen Viehdiebstahl handelt. — Somit dürsten die Befürchtungen, di.e an die erste Nachricht von dem Wiederauftreten der Simon- Copper-Leute geknüpft würben, doch Wohl gegenstandslos sein. ®a es den südwestafrikanischen Banden, wenn sie einen größeren Feldzug beabsichtigen, zunächst immer um die Erbeutung von Waffen zu tun ist, so würde man sicherlich schon von Ueberfällen einzeln liegender Farmen gehört habm, wenn Gefahr im Verzüge wäre.
*♦ Eine Kolonial-Tragödie. Eine Trauerkunde aus Kamerun wird von dem stellvertretenden Gouverneur durch ein soeben beim Reichskolonial» amt eingetroffnes Telegramm übermUtelt:
In Buea, dem Sitze des Gouvernements, hat der in der ersten Dimstperiode stehende Sekretär Kerner in einem Anfall von G ei steskrankheit den «ezirks- leiter Biernatzki und den Sekreiär Gnieß erschossen, die Sekretäre Nagel und Knäbele leicht ver- letzt und dann sich selbst erschossen. Der Verlust von Biernatzki und Gnieß trifft die Kolonialv.nwaltung um so schwerer, als es sich um Beamte handelt, die int langjährigen Dienste des Schutzgebietes Kamerun sich ganz besonders bewährt hatten.
Es drängt sich der Gedanke an Tropenkoller auf. Der unglückliche Täter war erst kurze Zeit in den Tropen, während seine Opfer zu den alklimatisietten deutschm Elementen gehörten. Hier ist vielleicht ein Fingerzeig gegeben, mit noch größerer Vorsicht unt Sorgfalt bei der Auswahl der Kolonial-Aspiranten zu verfahren und das größte Gewicht aus gute Konstitution und Charakter zu legen.
’* Die Kämpfe aus Pouape.
Die Bluttat der Eingeborenen aus der Karolinen- in sei Ponape an dem Bezirksamtmann Böder und feinen Begleitern ist nunmehr gesühnt. Aus Pouc pe wird amtlich gemeldet:
®ie Landungskorps der „Emden", „Cormoian und Nürnberg" stürmten am 26 Januar die verschanzte Stellung der Aufständischen. Leut- uant zur See Erharü und Obermatrose Kneidek sind gesallen. Die Obermatrosen Gimperts, Karl Meyer und der Matrose Agathen wurden schwer verwundet. Ter Feind wurde zerstreut. Bis zum 14. Februar ergaben sich zahlreiche Aufständische, darunter die sechs Rädelsführer. Die Beendigung der Operation sieht bevor.
Wie erinnerlich, wurde sofort nach Bckamckwerden der Bluttat eine Slrafixpedilwn tntjanbt. Es wurde geweidet, daß die Landungskorps der deutschen Schiffe am 13, Januar ein schwer zugängliches Hochplateau stürmen mußten, auf dem die Aufständischen sich verschanzt hatten. Der Sturm wurde
licheu Trockenprozeß unterworfen werben. Besondere Abwehrmaßnahmen sind also zur Zett nicht nötig und sind nicht beabsichtigt. Wir können krankheitsverdächtige Fälle mit Sicherheit feststellen, wir können wirklich Erkrankte sorgfältig {folteren, wir haben vor allem wirlsame Quarantänemaßregeln gegen die Einschleppung durch Schiffe. Wenn also in der Bevölkerung die Be- sürchtung besteht, es könne, wie in der Mitte des 17. Jahrhunderts, der „schwarze Tod" wieder bei uns einziehen, so ist eine solche Befürchtung unbegründet. (Lebh. Beifall).
Abg. Dr. v. RiegolewSkl (Pole) beschwert sich über Zurücksetzung polnischer Aerzte bei der Anstellung an Krankenhäusern, bei Zulassung zu Krankenkassen usw.
In der Spezialdebatte klagt
Abg. Frhr. v. Eynatten (Zentr.) über die Verunreinigung von Flüssen durch industrielle Anlagen unter speziellem Hinweis auf Aachen. Es sei einfach eine Unverschämtheit und ein Skandal, wenn ein Fabrikbesitzer sich herausnähme, einen Fluß auf Meilen weit durch Abwässer zu verderben, zu verpesten, und zu verunreinigen, (Lebh. Bravo). Solange ich meinen Wahlkreis vertrete, werde ich einen solchen Terrorismus nicht dulden. Was Recht ist, muß auch Recht bleiben! (Bravo).
Damit ist der Etat erledigt.
Montag: Etat der Eisendahnverwaltung.
Abg. Liebknecht (Soz.) fordert Selbstbeschäfttgung der Redakteure in den Gefängnissen und wünscht, daß der Staat die ganze Gesangenenfürsorge selbst in die Hand nehme unter Ausschaltung aller speziell kirchltchen Bestrebungen. ,
Abg. Stosser lkons.): Es ist richtig, daß bet Ausführung der Prügelst rase hier und da Mißgriffe vor- kommen wögen; zu entbehren aber ist sie nicht. Wie 'oll z. B. ein zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilter Gefangener disziplinarisch bestraft werden, wenn er sich im Gefängnis Rohheitsdelikte zuschulden kommen läßt?
Geheimrat Kröhne: Es ist in hohem Grade erfreulich, daß neuerdings die Vertreter der erwerbenden Stände sich bereit erklärt haben, an der Regelung der Frage der Gefängnisarbeit mitzuwirken. Sie gewinnen dadurch einen Einblick in diese Verhältnisse, und auf der anderen Seite wird den Gefangenen nach ihrer Entlassung auf diese Weise auch die Rückkehr in geordnete Bahnen erleichtert. Die Frage der bedingten Begnadigung wird hoffentlich im neuen Strafgesetzbuch eine zweckentsprechende Lösung finden; besonders anzuerkennen ist, daß der Vorentwurf einer zwei- jährigen Bewährungsfrist und auch eine gewisse Fur- forgebehaiidlung vorgesehen ist. Die Gehalts- tegulierung der Geistlichen an den Strafanstalten steht unmittelbar vor ihrem Abschluß und zwar in einem Sinne, daß die berechtigten Forderungen der Geistlichen, deren segensreiche Tätigkeit ich bei dieser Gelegenheit ausdrücklich anerkennen möchte, ihre Erfüllung finden werden. (Lebh. Braoo rechts und un Zemrum.) Das gleiche gilt sur die Gehaltsregulierung der Lehrerinnen. Der Wunsch, daß die Arbeitskräfte her Gefangenen möglichst den am Orte bet Anstalt ansässigen Gewerbetreibenden zur Verfügung gestellt werden möchten, wird nach Möglichkeit berücksichtigt werden. „
Abg. Dr. (Mattfeiter (Ztr.) regt eine Vermehrung des Fonds von 34000 Mark zur Förderung der Fürsorge für die ans der Strashast Entlassenen an und spricht sich gegenüber dem Abg. Liebknecht dahin ans, daß gerade die kirchlichen Vereine und die religiösen Gemeinschaften für die Fürsorge der aus Prnft Entlassenen am besten geeignet sind.
Beim Kapitel „WohltätigkeiiSzwecke" fordert
Abg. Runge (Bp.) höhere Unterstützung für dir Veteranen. „
Mnister des Innern v. Dallwitz macht daraus aufmerlfam, daß der Reich-tag erst in allerneuester Zeit weitere Mittel zur Unterstützung der Veteranen flüssig gemacht habe. „ , , , , ,
Abg. Wallenborn (Ztr.): Meine Partei hat im Reickstag der Wertzuwachsfieuer zugestimmt, weil aus dem Ertrage 5 Millionen den Veteranen zugewendet weiden. Es ist überhaupt nicht am Platze, hier so viele Worte um die Beieranensürsorge zu machen. Beiser ist es, den Leuten zu helfen, statt große Reden zu halten.
Im weiteren Verlaus der Debatte bemerkt
Abg. Schmedding (Ztr.), das Gesetz über die Landerardeitsstätten werde solange nichts ruchten, bis strenger gegen diejenigen Wanderer oor- gegangen wird, die sich in den Wanderarbeitsstätten den vorgeichricbenen Bedingungen nicht fügen..
Beim Kapitel „Statistisches Land«samt" führt
Abg. Losinski (Pole) Beschwerde darüber, daß die letzte Volkszählung auf Veranlassung des Ost- Markenvereins zu einer hakalistifchen Aktion gegen daS Polentum benutzt worden fei.
Minister des Innern v. Dallwitz weist diese Be- /chwerde als unbegründet zurück. Seitens der polnischen Presse sei der Versuch gemacht wordeu, die Volks- zählung in einseitig naiionalpolitischem Interesse zu beeinflussen und dem sei durch entsprechende Maßnahmen E"^^«im^Kapiiel „Medizinal» erfahren" erklärt sich
Abg. 6 Arnim-Züsdom (kons.) mit dem Uebergang der Medizinalabteilung auf das Ministerium des Innern einverstanden. Um die Streitigkeiten zwischen Aerzten und Krankenkassen oder anderen Be. Hörden aus der Welt zu schaffen, empfiehlt Redner, in der Reichsversicherungsordnung die Schaffung eines Schiedsgerichtes vorzuseheu.
Abg. Dr. Friedberg (natl.) bringt einen Wunsch der Aerzte zum Ausdruck dahingehend, daß an die Spitze der Medizinalverwalimig ein aus der Praxis herrorgegangener Mediziner stehen soll.
Abg. Wallenborn (Ztr.): Die Frage der Stellung der Aerzte za den Krankenkassen scheidet hier aus, das ist Sache des Reichstages. Wir find der Ansicht, daß den hohen Forderungen, die staatlicherseits an die Aerzte gestellt werden, auch gewisse Berechtigungen gegenüberstehen müssen. Auch ist nicht zu verkennen, daß sich der Aerztestand, namentlich in der Landpraxis, besonders in Gebirgs- und armen Gegenden, um die leidende Menschheit hohe Verdienste erworben hat. Wir wollen auch den Znsammenschkuß der Aerzte Sr Hebung ihrer wirkt chastlichen Lage die Berechtigung cht absprechen. Dies hindert uns aber"nicht, Sus- Wüchse dieses Zusammenschlusses zu verurteilen. Dazu •ebbrt vor allem die Sperre, nicht bloß über die Krankenhäuser, sondern über die Ortschaften und bis- herige ärztliche Bezirke. Zu diesen Mißgriffen rechnen wir auch die Einrichtungen von ärztlichen Rendaiikureu, bie das Einziehen der Rechnungen besorgen, sowie über bie Gewä-rung von Fristen oder Teilzahlungen
zu unterscheiden haben. Durch derartige Maßnahmen wird daS Vertrauen der Bevölkerung, namentlich der minderbemittelten, zu den Aerzten nicht gehoben. Zum Schluß richtet Redner an die Regierung die Anfrage, welche Borbeugungsmaßregeln sie zu ergreifen gedenke, wenn die Pestgefahr näher rücken sollte.
Geh. Rat Kirchner: SS liegt gar keine Veranlassung vor, sich über die Pest in der Mandschurei besonders auszuregen. Das Reichsgesundhettsamt hat dieFrage, ob schon jetzt besond eie Abwehrmaßnahme« zu ergreifen sind, mit nein beantwortet, da die bestehenden Abwehrmaßregeln völlig gnügten. SS ist die Befürchtung geäußert worden, daß durch die au8 China importierten Menschenhaare mid Tierfell» die Pest eingeschleppt werden Ißnnte. Menschenhaare werden allerdings ans China in kolossalen Mengen vertrieben; es werden allein bet uns jährlich 8000 Doppelzentner chinesisches Menschenhaar einge- ührt. (Hört, hört!) DaS ist nun ganz gewiß ein höchst unsauberes und schmutziges Material; aber es wird vor dem Export einem so gründlichen Reinigungsprozeß unterzogen — eS wird ausgekocht und chemisch gereinigt —, daß etwa ihm anhaftende Krankheitserreger sicher abgetötet werden. Aehnlich verhält es ich mit den Tierfellen, die außerdem erst einem gründ-
ben größeren Teil, wofür China jeboch als „Schaben- ............ ... ...
ersah" neun Millionen Rubel nieberlegen mußte. Handel und Gewerbe auf die Außerdem — unb das war der wichtigste Punkt — I......
Preußischer Landtag»
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 18. Februar 1911.
Zunächst hat das Haus darüber zu entscheiden, ob der Ordnungsruf, den der Präsident v. Krücher in der Sitzung vom 15.Febrmir dem Abg. Leinert erteilte, weil dieser den Reichsverband gegen die Sozialdemokratie einen „Reichslügenverband" nannte, gerechtfertigt war. Das Haus verwirft gegen Freisinn, Polen unb Sozialdemokratie den Einspruch gegen diesen Ordnungsruf, erkennt letzteren vielmehr als gerechtfertigt an.
Sodann wird die zweite Beratung deS
Etats deS Ministeriums deS Innern
.nd zwar die Debatte zum Kapitel „Strafanstalisoer» Wallung" fortgesetzt.
Abg. Richarde (fonf.) klagt über die Konkurrenz, die aus der Gefängnisarbeit für das Handwerk erwächst. L .
Abg. Rosenow (Vp.) ist der Ansicht, daß der Straf- soll-ug einer Reform bedarf, daß das erziehliche Moment mchr in den Vordergrund gerückt werde.
Abg. Eberhard (fonf.) wendet sich ebenfalls gegen bie AesLnpnisarbett. .
Abg. Marx (Ztr.) fpricht für eine Aufbesserung der Gehaltsverhälinisse der Gefängnisgeistlichen und Lehrer. Für die Behandlung der Gefangenen fordern auch wir Gerechtigkeit. Aber Gerechtiglteit ist nicht Nachgiebig, teil und Schwächlichkeit.