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üotatlonrdruckund Verlag der Fuldaer Ak- ttendrutterei in Fuld' Fernsprecher Ur. 9.

40. Erstes Blatt.

Fulda, Samstag den 18. Februar 1911.

38. Jahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 17. Februar 1911.

Zweite Lesung beö Etats für Kmutschou.

Abg. Racken (Ztr.): Die Kolonie deckt zum ersten­mal Hre Ausgaben zum größten Teil selbst. Die DinAe sind reif für die Selbstverwaltung. Es ist dankbar zu begrüßen, daß die kaufmännische Buch- führuntz für Kiauischou eingeführt worden ist. Die Marineverwaltung hat damit ein Versprechen eingelöft, daS sie auf die in der Bndgelkommiiston gegebenen Anregungen hier gegeben hatte. Diese Anregungen haben sich bei den Werften ia Wilhelmshaven, Kiel und Danzig durchaus bewährt. Wenn der Abg. Se- vermg gestern gesagt hat, wir hätten uns auf unserer JnssrmationSreise bei Prüfung der Buchführung hinler's Licht führen lassen, so irrt er. Es stnd uns auf das bereitwilligste alle Bücher vorgelegt worden. Wir haben ganz gründlich die Nase in die Bücher gesteckt. Es wäre nur zu wünschen, daß andere Reichsämter ein gleiches tun. (Sehr richtig!) Ich möchte den Herrn Staatssekretär bitten, uns zu sagen, wie e8 mit d er Pestgefahr steht; insbefondere, ob und welche Vorsichtsmaßregeln getroffen worden find. Ich möchte bei der Gelegenheit darauf Hinweise», daß es durchaus notivendig ist, die Warenausfuhr aus Oft- asten nach Europa einer scharfen Kontrolle zu unter» (werfen.

Abg. Eickhoff (VolkSp.): Auch wir erkennen dir günstige Entwickelung Kiautschous an. Der Forde­rung des Vorredners auf Gewährung des Selbst- verwaltungsrechtes an die Bürgerschaft von Tsingtau schließen wir uns an.

Staatssekretär v. Tirpitz: Ich kann den beiden Herren Vorrednern nur dankbar sein für die freund­liche Anerkennung der Fortschritte von Kiauischou. Für die Errichtung von kolonialen Lehrstühlen sowohl in Berlin wie an anderen Univelsitäten werde ich nach wie vor mit allem Nachdruck eintreten. Dem Wunsch von Zeit zu Zeit Nachricht über den Stand der Pest zu geben, werde ich Folge geben. Ich hoffe, daß es gelingen wird, die Pest auch in Zukunft von dem Schutzgebiet fernzubalten; es sind alle Maßnahmen getroffen, um eS vor der Seuche zu schützen. Bor allem haben wir die Stadt Tstngtau und den Land­besitz hermetifch von den verseuchten Bezirken abgesperrt.

Abg. Frhr. v. Richthofen (kons.) bemerkt, es sei erfreulich, daß die Verwaltung es so umsichtig ver­standen habe, die Pestgefahr von Kiautfchau sernzu- halten.

Abg. Roske (Soz.): Mau will aus Kiauischou »ine MusterwarenauSstellung machen, um die Chinesen Sm Bezug deutscher Produkte anzurrgen. Dieses Land aber ein ganz unsicherer Besitz. China rechnet sicher darauf, daß es dieses Gebiet wieder einmal einverleiben kann. Wir lehnen den Etat ab.

Abg. Dr. Goercke (mxtl.): Diese Stellungnahme der Sozialdemokraten wundert uns nicht. Alle vor­urteilsfreien Besucher Tsingtaus erkennen einstimmig an, daß die Verhältnisse dort weit beffer stnd, als all­gemein angenommen wurde. Es muß anerkannt wer­den, daß ganz Hervorragendes geleistet ist. Teuer ist die Sache allerdings gewesen, aber es darf auch nicht »erkannt werden, daß die Schwierigkeiten in Ostafien sehr groß stnd. Was die Rechtsprechung in Tstngtau inbelriffl, so habe ich mich überzeugt, daß die Chinesen ist» großes Vertrauen zu unserer Rechtsprechung haben.

Abg. Ledcbour (So,.)- Das Reich hat an Kiauischou aar kein Interesse. Von dem Hafen von Tstngtau haben nur die Chinesen einen Vorteil.. Selbst Fürst Bülow mit fernen triumphierenden Grübchen würde )eute nicht mehr zu behaupten wagen, daß die Er­werbung Kiautschous eine Errungenschaft war. Die deutsche Einfuhr geht ständig zurück. (Abg. Dr. G ö r cke schüttelt mit dem Kopf.) Sie wiffen das nicht. Sie großer Chinese? (Heiterkeit.) Die Chinesen haben einen so harmlosen Re-chstagsabgeordneten wie Herrn Göreke tüchtig eingeseist. Wir sollten versuchen, Stau» tschou so bald als möglich loszuwerden.

Abg. Erzberger (Ztr.): Es ist schade, daß der Staatssekretär nicht auch Herrn Ledebour zu einer Be- Schtigungsreise eingeladen' hat. (Abg. Ledebour: ch wäre gor nicht mitgegangen.) Das wäre doppelt bedauerlich, denn von Ihrer Beredsamkeit hätte ich mir eine besondere Wirkung auf die Chinesen versprochen. (Heilerkeit.) Seinerzeit hat auch der Sozialdemokrat Eduard Bernstein es als einen geschickten Schachzug des Fürsten Bülow bezeichnet, daß wir Kiautschou be­setzt hätten. iAbg. Bebel: Aber wir nicht!) Gewiß, Sie nicht! (Abg. Bebel: Sie habe« auch weiße Sperlinge in Ihrer Partei. (Heiterkeit.)) Es ist ein mehr als eigenartiges Verlangen, daß wir heute Kiau­tschou aufgebe» sollen, nachdem wir soviel Geld hinein­steckt haben. (Beifall.)

Staatssekretär v. Tirpitz: Die Einführung der Selbstverwaltung muß getragen sein von dem Wunsch der Bevölkerung. Die Bevölkerung wechselt aber häufig und ist deshalb zur Selbstverwaltung nicht geeignet. Die Ausgabe des Schutzgebietes würde die vollständige Ausgabe deutscher Inleressen in Ostafien und China bedeuten. Der Vorteil einer Kolonie kann auch in­direkt |ein.

Abg. Arendt (Rp): Man müßte jeden nationalen Gefühls entbehren, wenn man von der Aufgabe der Rolernte sprüht. Unser Welthandel würde darunter leiden. _

Abg. Ledcbour (Sag.): Gewiß ist von den Deutschen Tüchirges geleistet worden, trotzdem muffen wir die -eulfche Flagge dort niederholen, sonst werden wir mit Gemalt vertrieben.

«bg. Dove (Vp.): Der beste Förderer des deutschen Handels rst der Kaufmann. Schulen könne« seine TätiZleit unterstützen.

Darauf wird die Generaldebatte geschloffen. Dre Ausgaben iverden ohne Debatte bereinigt, ebenfo bte Einnahmen. Damit ist die zwette Lesung des Etats für ßtiautscho« erledigt.

Dienstag: Justizetat, Hreresvorlage.

Preußischer Landtag.

«bgeorduetenhans.

Sitzung vom 17. Februar 1911

Auf bet Tagesordnung steht zunächst ein Antrag Brandenstein betr.

BervollstSnbigung der Geschäftsordnung, wonach die Vorschriften über KommisfionSbildung, die Rednerliste ufre. durch neue ersetzt werden.

Abg. v. Brandenstein (kons.) begründet dm Antrag und beantragt Ueberweisung an die Geschäftsordnung»- kommiffion. t.

«bg. M-ihie» (natl): Wenn dis Absicht besteht, über den Rahmen des Antrages hinauSzugehen,, so würden wir die Kommission dazu nicht fmc legitimiert halten.

Abg. Hirsch (Soz.): Der Antrag will die Sozial­demokratie mundtot machen, aber wir lassen uns nicht mundtot machen.

Abg. Fischbeck (Bp.): Der Antrag will einen Teil der Mitglieder von den Kommissionen ausschließm und die Rednerliste so beschneiden, daß die Minderheit nicht zu ihrem Recht kommt.

Abg. Frhr. v. Zedlitz (fit): Wir haben den An­trag anders ausgefaßt, als der Vorredner. Nicht darum handelt es sich, sondern darum, pflichtgemäß bis zum 1. April den Etat fertig zu bringen! (Sehr richtig! rechts.) Jedmfalls können wir uns nicht gefallen lasten, daß ein schnöder Mißbrauch mit den Gebräuchen des Hauses getrieben wird I (Beif. rechts.)

Abg. Dr. Porsch (Zentt.): Die Tatsache ist von keiner Seite beflritten, daß die tatsächliche Hebung mit den Bestimmungen des Hauses nicht im Einklang steht. Daher ist eine Revision der Bestimmungen durchaus angebracht. Sachlich Rinnen wir natürlich erst Stel­lung nehmen, wenn die Kommission mit konkreten Vor­schlägen an uns herangetreten fein wird.

Abg. v. Sntz-JaworSki (Pole,': Auch wir können den v. Brcmdensteinschen Bemühungen zurzeit nicht bei­treten, roetl wir abwarten müssen, was sich bei der Kommissionsberatung Herausstellen wird.

Der Antrag v. Brandenstein wird gegen Freisinn und Sozialdemokraten an die Kommission verwiesen.

Es folgte die zweite Beratung des

Etats des Ministeriums des Inneren beim Titel »Geheime Ausgaben im Jntereffe der Polizei".

Minister des Inneren v. Dallwitz: Der Abg. Bebel hat vor einigen Tagen in „Erinnerungen an Paul Singer" im „Vorwärts" mitgeteilt, daß der Partei em Beamter des Berliner Polizeipräsidiums aus der Ab- teüung „Politische Polizei" für Geld Spitzeldienste ge­leistet habe. (Lebh. Hört, Hörti Abg. Hoffmann: Haust Du meinen Juden, Haue ich Deinen Juden!) Herr August Bebel hat sich also nicht gescheut, staatliche Beamte zu bestechen und sie zur Untreue und zur Verletzung ihres Diensteides zu verleiten. Auch Herr Leinert, der sich brüstete, Kenntnis von vertraulichen Berichten hannoverscher Landräte zu haben, kann diese feine Kenntnis nur durch ähnliche trübe Machenschaften erlangt haben. (Zuruf 9lbg. Leinert (Soz.): Gemein­heit! Lebh. Unruhe. Präsident v. Kröcher ruft Abg. Leinert zur Ordnung. Abg. Leinert: Wie kann er denn auch so etwas sagen!) So lange wir damit rechnen müssen, daß nicht nur von einzelnen Personen, sondern von organisierten Personenmehrheiten im In- und Auslande anarchistische Verbrechen und Unter­nehmungen angestrebt werden, solange solche Be­strebungen von gewistenlosen oder fanatisch exaltierten Personen Unterstützung erhalten, solange ist es ein Gebot der Selbsterhaltung sür den Staat, den Gefahren vorzubeugen, welche sich hieraus ergeben können und ohne ausreichende Kontrolle ganz sicherlich ergeben würden. ^Lebhafte Zustimmung.) Ich bitte, den Antrag des Abg. Hoffmann aus der gestrigen Abendsitzang auf Streichung dieses Titels abzulehnen.

Abg. StyczynSki (Pole) klagt über die Tätigkeit der polttischen Polizei in den polnischen Landesteilen.

Darauf wird ein Echlußantrag angenommen.

Zur Geschäftsordnung erhält das Wort

Abg. Hoffmann (Soz.): Dieser Schlußantrag ist wieder ein Beweis dafür, rote hier durch die Reaktion die Sozialdemokratie mundtot gemacht wird.

Abg. v. Arnim (kons.): In den ersten 25 Plenar­sitzungen haben von 1882 Spalten des stenographischen Berichtes die fünf Sozialdemokraten allein 274 belegt. lHört, hört!) Wenn die anderen Parteien des Hauses ebenso geredet hätten, so hätte das Haus zur Durch­beratung der dis jetzt erledigten Geschäfte 331 Plenar­sitzungen benötigt.

Abg. Hoffmann (Soz.): Wenn wir mehr reden, als die anderen Parteien, so liegt das daran, weil wir mehr auf dem Heizen haben und man uns bis vor etlichen Jahren aus diesem Hause fernzuhalten ge­wußt hat.

Abg. Hirsch (Soz.): Wir reden eben da, wo wir etwas zu sagen haben. Uebrigens können wir Nach­weisen, daß wir zu vielen Etats das Wort überhaupt nicht ergriffen haben.

Zu einer persönlichen Bemerkung erhält das Wort

Abg. Leinert (So,.): Der Minister stellt mich also auf ein gleiches Niveau mit den Polizeispitzeln und Beamtenkreaturen, die von der Geheimpolizei besoldet werden. Ich betrachte es als eine Beleidigung, wenn der Minister mich mit Subjekten, die der Polizei zur Verfügung stehen, auf eine Stufe stellt.

Präsident v. Kröcher: Ich kann in den Aus­führungen des Ministers keine Beleidigung deS Abg. Leinert erblicken.

Abg. Leinert (So,.): Aber ichl (Heiterkeit.)

Abg. Hoffmann (Soz.): Auch gegen mich hat der Minister eine Reihe von Beschuldigungen erhoben und nur in einem Falle hat er nachweisen können, daß wir uns gegen Bezahlung von Beamten haben bedienen lassen. Narren wären wir gewesen, wenn wir es nicht getan hätten.

Präsident v. Kröcher: Ihre Ausführungen gehen über den Rahmen einer persönlichen Bemerkung hinaus.

Abg. Hoffmann (So^): Zur Beleuchtung der Lock­spitzelei lege ich hier aus den Tisch des Hauses einen gefälschten Paß, den die Berliner polüische Polizei einem Spitzel ausgestellt hat.

Präsident v. Kröcher r Da Sie eS nicht verstehen, sich im Rahmen einer persönlichen Bemerkung zu halten, sehe ich mich gezwungen. Ihnen daS Wort zu ent­ziehen.

Abg. Hoffmann (Soz.): der da? Rednerpull in­zwischen wieder verlassen hat, erwidert: Ich habe ja da» Wort gar nicht mehr!

Hierauf wird der Antrag Borgmann (Soz.), der die Abschaffung der politischen Polizei verlangt, ab- gelehnt.

Beim Titel „Zuschüsse zur Jugendfürsorge" bemerkt

Abg. Rarborff (sreikons.), daß Zustände, wie fie in Mieltschin vorgekommen seien, in Zukunft unmög- gemacht werden müßten. Die Prügelstrafe dürfe nur ausnahmsweise angewandt werden. Vielleicht sei eine Aenderung de» Fürsorgegesetzes am Platze.

Minister de» Inner» ». Dallwitz: Sine Aenderung der gesetzlichen Bestimmungen über da» Fürsorgewesen erscheint wünschenswert unb notwendig. Die Regie­rung hat nach dieser Richtung hin Bericht eingefordert und wird aufgnmb dieser Berichte eingehend prüfen, ob sich eine Aenderung al» zweckmäßig erweist.

Äbg. Hirsch (So,.) verlangt ein bessere» Wohnung»- gesetz und ergeht -ch dann in längeren Ausführungen gegen bte Prügelstrafe.

Abg. Schmedding (Rente.) tritt der Auffassung ent- K, al» ob dte Bekämpfung de» AlkoholiSmuS ich Verdienst der Sozialdemokratie fei. Vielmehr feien in der bürgerlichen Gesellschaft große und ein- flußreiche Bereinigungen zur Bekämpfung de» AlkoholtS- nmS titttfl, so amkattzo lisch« Veite da» KreuzbündniS

und der Verein abstinenter Katholiken. Die Mißstände, die der Prozeß von Mieltschin enthüllt bat, können auch wir natürlich nur entschieden bedauern. Aber man sollte solche Dinge nicht verallgemeinern. Daß die Prügelstrafe in möglichst geringem Maße in schlimmsten Fällen zur Anwendung kommen darf, ist auch unser Standpunkt. Di« Erfolge der Jugend­erziehung sind im großen Ganzen üb« Erwarten günstig. Die größte Schwierigkeit, womit die An­stalten zu kämpfen haben, besteht in der Gewinnung erzieherischer Kräfte. Nicht alle sind für diesen Er­zieherberuf geeignet. Auch mit hohen Löhnen ist nicht viel zu erreichen. Auf katholischer Seit« könnte man bei der schulpflichtigen Jugend eine große Zahl solcher sehr tauglicher und billiger Erzieher zur Verfügung haben, wenn nicht die unglückseligen M a i g e s e tz e mit ihren ordenseinschränkenden Bestim­mungen eine bangende Schranke zögen. Hier könnte der Minister sich ein großes Verdienst erwerben, wenn er sür Beseitigung dieser Schranke Sorge trüge. (Lebh. Zustimmung im Zentr.) Mit Freude habe ich in dieser Hinsicht aus der Hauptstatistik entnommen, daß die Regierung gegen die Ausbildung von Erzieherinnen durch die katholischen Orden nichts einzuwenden hat. Ist das der Fall, so ist es nicht zu verstehen, wie die­selben Ordensmitglieder nicht selbst die Zöglinge aus- bilben dürfen, denn es macht doch wohl keinen Unter­schied, ob die Ordens Personen auf den Umgang der Erzieher ober unmittelbar auf die Zöglinge bessernd einwirken. (Lebh. Beifall im Zentr.)

Abg. Dr. Schepp (Bp.ti Was wir bei der ganzen Fürsorgegesetzgebung bedauern, ist die im Gesetze vor­gesehene konfessionelle Trennung der Fürsorge.

Abg. Dr. Faßbender (Ztr.): Die Religion können wir in der Erziehung recht entbehren. Der vorbeugende Charakter der Fürsorgeerziehung wird nicht genügend wahrgenommen.

Nach weiterer Debatte geht das Haus zum Kapitel „Strafanstalten" über.

Abg. Bochemr ikons.) fordert strengere Durchfüh­rung der Gesängnisstraivorschriften.

Abg. Tourneau (Ztr.) tritt für gerechte Hand­habung des Strafvollzuges ein.

Geh. Rat Kröhne bemerkt, daß die Beamten an« gehalten sind, den Gefangenen in jeder Beziehung gerechte Behandlung zuteil werden zu lasten, und den Gefangenen auch das Beschwerderecht nicht verkümmert werde.

Samstag: Beschwerde des Abg. Leinert (Soz.) gegen einen früheren Ordnungsruf. Fortsetzung der Etatsberalung.

X’ Konservative u.NatioriaAiberale.

Auf Tod und Leben — so heißt es in der Presse — gehe jetzt der Kampf der genannten Par­teien. Es stehl in der Tat augenblicklich f» aus.

Mußte es so kommen? So fragen die Friedlichen und Vorsichtigen, auch solche in hohen Aemtern und Würden. „Droben" hatte man immer noch danach ge­strebt, die nationalliberale Partei oder wenigstens de­ren rechten Flügel wieder in Fühlung mit den Kon­servativen zu bringen und namentlich in gewisse» Wahlsolidarität in dm bürgerlichen Kreisen zu et* halten. Dort ist man natürlich nicht erfreut über das Strafgericht, das der konservative Führer v. H ey- debrand am Dienstag über die nationalliberalen Parteihäupter niedergehen ließ, und aud) nicht über die E r k l är u n g des Gesamtvorstandes der konserva- titien Partei, die „klar zum Gefecht" gegen den Liberalismus machen will. — Wir wollen uns in die „taktischen" Zweifel und Streitigkeiten nicht einmi­schen; aber wenn man die Schuld des Friedensbru­ches den Konservativen zuschieben will, so müssen wir Zeugnis geben für das Gegentell.

Em nationalliberales Blatt im Westen redet von einem hinterlistigen Plane des Abg. v. Heydebrand. Dieser konservative Führer soll darauf hinarbeitm, daß der „Block von Soff ermann bis Bebel" doch noch zustande komme, und daß der neue Reichstag eine ra­dikal-sozialdemokratische Mehrheit erhalte. Letztere werde nicht regierungsfähig sein; die Regierung würde also gezwungen sein, „sich ganz und gar dem schwarz- blaiien Block zu ergeben und sich zum Vollsttecker sei­nes Willens zu machm", und zwar auf dem ungesetz­lichen Wege ä la Oldenburg-Januschau! Eine solche Spekulation auf dm Staatsstreich dem Abg. v. Heyde­brand zuzuschreiben und dabet auch noch das Zentrum als Mithelfer figurieren zu lassm, ist doch ein tolle» Stück. Wir würden uns nicht wundern, wmn die Kon- servaiivm erwidettm: Umgekehtt wird ein Schuh daraus.

Es gibt tatsächlich eine Pattei, die d a r a u f h i n- ausgeht, mit Hilfe der Sozialdemokrat t en und ohne Scheu vor dem Zuwachs der Sozial­demokratie dm V ernich tungSkampf gegen eine andere bürgerliche Partei zu füh­ren, und die darauf spekuliert, daß die Zunahme de» Radikalismus und die übrige Verwirrung im nächst« Reichstag ihr die verlorme Machtstellung wieder ge­ben werde. Das ist die B a f s erm annf ch e P ar­tet die mit ganzer Kraft in die konservattvm Stamm- burgm im Offen eindringt und die soebm noch durch Herm Paasche zu Sobernheim dmüich hat erklä­ren lassm, ihre „Kampffront richte sich gegen die Rechte und daS Zentrum". Das ist die Bassermarm'sche Par­tei, die wegen der Abwehr der Sozialdemokratie nur schöne Phrasen drechselt, aber überall, wo e8 gegen bte Konservativen und da» Zmtrum geht, mit der Sozialdemokratie tatsächliche Füh­lung und vielfach erklärte Gemetnfchast unterhältt

* Di« „Deutsche Zeitung", die alldeutsch und kultur- kämpferisch ist, ab« gegenüber aller offenen und heim­lichen Grobblockpolitik ablehnmd bleibt, schreibt zur gegenwärtigen Lage:;

„Die konservativen waren offenbar in ihren Bor. standsberatungen zu bet Ueberzeugung gekommen, daß, bi« Nationalliberalen die Versöhnnngsveryand lungen hinter der Szene nur zum Scheine führten, unb baß sie jetzt in ben Anfängen ihrer Agi­tation, wie soebm int Fall Paasch« tat Kreise Kreuz­nach-Simmern, ihre wahr« Meinung offenbarten. Das war ber ®runb, weswegen der Abg. von Heydebrand offenen Kriegsausbruch erklärte."

Dasselbe Blatt rechnet nun weiterhin aus, daß bei der Durchführung der beiderseiligm Drohungm etwa 147 Sozialdemokraten ihren Einzug in ben neuen Reichstag halten können, und kommt zu dem Schluffe,

daß „wir nun mdlich deutlich und zweifellos vor die­sem 8t b grün b e stehm."

Freilich, ein 8lbgrund ist vorhandm; eS fragt stch nur, wer in den Abgrund fallen ober rutschen wirb. Das Reich würbe auch bei einer rosaroten Augen- blicksmehrheit bestehen bleibm, und die R e g i e r u n g brauchte auch nicht in die Versenkung zu geben, wenn sie nicht etwa bis dahjn einen bösen Fehltritt gemacht haben sollte. Wer wo würde Herr Bassermann und seine Gesellschaft bleibm? Dm Gefallen eines Staatsstreiches würde ihm schwerlich die Regierung hm, sondern sie würde bei einer neuen Berufung an da» Boll die Parole der staatserhaltenden Arbeitsgemeinschaft ausgedm zur Abwehr der sozialdemokratischm Verneinung und zur Erhal­tung der Wirtschastspolitck. Die Bassermaim'sche Par­tei müßte sich selbst verleugnen, wenn sie dm Anschluß an diese Reichsnotwendigkeit finden wollte.

Auf feinen Fall wird ber Liberalismus aus bem trüben Wahlwasser seine Vorherrschaft fischen können; denn das Zentrum wird für die positive Arbeit bann erst recht unentbehrlich sein.

Deutsches Reich.

ns Deutscher Landwirtschaftsrat.

Der Freitags-Sitzung des deutschen Landwirt- schaftsrates Wohnte auch der Kaiser bei, um dem Vortrage von Prof. Tacke- Bremm über die Be­deutung der deutschm Moore für die dmtsche Volks­wirtschaft beizuwohnm. Der Redner schilderte, daß für Deutschland 400 Quadratmeilen Landes, bewohn- und bebauungsfähigm Landes, durch Kultivierung der Moore gewonnen werden könnten, und zwar unter Aufwendung wittschaftlich gut zu rechtfertigender Ko­sten. Dem Vortrag folgten Lichtbildervorführungen, welche die bisherige Moorkultur imb ihre Erfolge veranschaulichten.

Hierauf ergriff der Kaiser das Wott und be­richtete über die von ihm befohlenen Moorkultur­arbeiten in Kabinen. Der Kaiser sprach an der Hand eines Manuskripts, stteufe ab« eine große Reihe von Bemerkungen ein. Mm merkte seinem Organ eine Erkältung nicht mehr an. Er sprach ge­läufig und seine gute Stimmung gab sich in zahlrei­chen humoristischen Aeußerungen zu erkennen. So erzählte er:

Es bat mir viele Ueberredungskunst gekostet, um ben Verwalter meiner Schatulle bahin zu bringen, daß mir die Mittel für diese Kulturarbeit bewilligt wurden. Die Versammlung begleitete diesen Humor mit zwang­loser Heiterkeit. Der Kaiser gab sich bei seinem Vor­trag als erfahrener praktischer Landwirt zu erkennen, der nicht nur die Hebung des Bodens, sondern auch der Viehzucht sich auf seinen Besitzungen angelegen sein läßt und sich dieserhalb mit Hagenbeck in Verbin­dung gesetzt hat, um Kreuzungsversuche zu machen. Besonders günstig fei die Kreuzung des Viehes mit einem Rind, das ben lateinischen Namen bos indicas major führt«. Diese K euzung sei sehr «folgreich ge­wesen. Scherzend fügte ber Kaiser hinzu, daß die Be­zeichnung „major" für dieses Vieh nicht bedeuten soll«, daß ihm nun auch ermöglicht sei, in die Gattung der Stabsoffiziere einzutreten. (Heiterkeit.) Was bet den Kreuzungsversuchen herausgekommen ist, kann ich Ihnen hierbei im Bilde zeigen, Der Landwirtschafts» minister überreichte dem Kaiser ein Bild, das dieser der Ansammlung zur näheren Besichtigung zur Ber« sügung stellte. Ich habe, fuhr ber Monarch fort, feine photographische Aufnahme mitbringen können, weil bte Biester nicht zum Stehen zu bringen warm. (Heiter­keit.) Infolgedessen hat mein Porzellanmaler von der Majolikafabrik in Kabinen stch die Mühe genommen und hat die Eltern mit dem Kinde porträtiert. (Heiter­keit.) Sie sehen nun, waS für ein kolossales Tier da herausgekommen ist. (Große Heiterkeit.) Sonst bi« ich ja gegen Kreuzungen etwas flepttsch. Ich er­innere mich ein« Episode aus mein« Leutnantszeit. Als in Potsdam vor einer Jahrmarktsbude ausge­rufen wurde, daß dort zu sehen sei die Kreuzung eines Sieber» und einer Ente. (Große Heiterkeit.) Ich ent­richtete meinen Obolus, um nachzusehen, was daraus entstehen würde. In d« Bude sand ich nur einen Mann, der in liesst« Trau« vor mir stand und sagtet „Serr Leutnant, es ist schrecklich, daS Kind ist tot, ab« die Eltern leben noch." (Stürmische Heiterkeit.) Ich verlangte nun die Eltern zu sehen. Darauf zeigte er mir auf dem Tische eine fette Ente, und als ich den Bieber sehen wollte, jeigfe er mir einen großen Bottich und sagte: Manchmal sind die Bieber draußen, bann kann man sie sehen, und manchmal find fie drin, dann kann man sie nicht sehm. (Erneute stürmische Heiter­keit.) Nun fuhr der Kaiser im Vortrag fort: Wir müssen uns in bet landwirtschaftlichen Produktion vom Aus­land unabhängig machm. Ich habe mit meinen Arbeiten einen großen moralischen Erfolg gehabt, bettn man ist in ber Nähe von Kabinen allgemein zur Melioration der Moore übergegangen. Der neue Boden bring« schon jetzt beträchtliche Ergebnisse und die in Ver­bindung damit in die Wege geleiteten Versuche zur Hebung d« Rindviehzucht versprechen gute Ergebnisse.

Der Präsident dankte dem Kaiser für seinen Vortrag und sein Interesse für die Landwirtschaft und brachte ein stürmisch aufgenommenes Hoch auf ihn auS. Hierauf gab der Kaiser Befehl, daß der frühere Landrat von Kadinm, Vortragender Rat v. Etzdorf einige Lichtbild« über die Arbeiten in Rahnen vorsühre. Nach dem Bildnvortrag sprachen die Korreferenten.

r Berlin, 17. Febr. 1911. Die preußischen Polizeipräsidenten hielten am Freitag in Berlin im Kaiserhof eine Konferenz ab. — Der Bundesrat will vie AnSsührungSbestimmungen zum Viehfeuchengefetze noch vorder Sommer- pause entgültig feststellen.

* Der Kaiserbesuch in London. Jnbezug auf die gestrige Meldung deS .Daily Telegraph', derzusolg« eS in der Abficht des deutschen Kaisers liege, im Mai zur Einweihung des Denkmals der Königin Viktoria nach London zu kommen, haben die Berliner Vertreter der meisten Londoner Blätter Nachforschungen angestellt, aber alle erfahren, daß eine solche Reise sehr unwahrscheinlich sei. Nichtsdestoweniger sei eS nicht ausgeschlossen, daß ein Privatbesuch in England beabstchtigt sei.

** Der Bau einer neuen Kaiserjacht, den verschiedene Blätter in Aussicht gestellt hatten, ist